Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Der "Psycho"-Thread

Einklappen
X
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

  • Der "Psycho"-Thread

    Inspiriert vom "Schlüsselfilm"-Thema hier im Filmforum fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit mal für ein anderes Forum ein Referat zu Alfred Hitchcocks Meisterwerk "Psycho" verfasst habe.

    Da ich mir damals damit ziemlich viel Arbeit gemacht habe und das Ganze inzwischen vom Mantel des Vergessens bedeckt wurde, möchte ich das hier nochmal ausgraben und sozusagen als vertiefendes Sub-Thema zum Schlüsselfilm-Thread einbringen.

    Ich weiß nicht, ob sich jemand dafür interessiert aber angesichts der oftmals recht banalen Diskussionen hier im Forum habe ich einfach Lust, auch mal was tiefschürfenderes beizutragen und zur Diskussion zu stellen


    Achtung - hier folgen Spoiler. Wer den Film nicht kennt, sollte ihn sich vielleicht erst anschauen, bevor er weiterliest.


    Also gut... los geht's.


    Vorwort

    Oftmals wird die These aufgestellt, PSYCHO sei entweder ein Slasher-Film, ein Horror-Thriller oder eine True-Crime-Verfilmung auf der Grundlage des Lebens des Massenmörders Ed Gein.

    Nun, ich weiß nicht, inwiefern die Romanvorlage von Robert Bloch durch den Fall Ed Gein beeinflusst wurde. Es lässt sich aber mit Sicherheit sagen, dass dies bei der Verfilmung durch Hitchcock keinerlei Rolle gespielt hat. Ed Gein mag Bloch inspiriert haben aber nicht Alfred Hitchcock.

    Hitchcock war immer nur daran interessiert, wie eine bestimmte Geschichte am besten visuell darzustellen war. Nach eigener Aussage hat es ihn nach der Lektüre der Buchvorlage vor allem gereizt, die berühmte Duschszene, den Dreh- und Angelpunkt von PSYCHO, optisch umzusetzen.

    Offenbar hat Hitchcock das Buch relativ unverändert verfilmt, hat lediglich die Charaktere etwas sympathischer gestaltet.

    PSYCHO ist der Film, für den Hitchcock vor allen anderen berühmt ist. Er fasziniert die Leute nach 45 Jahren immer noch. Nicht, weil er so schockiert, sondern weil er tiefschürfende, existenzielle Themen, Bilder und Ideen anspricht, die einem vermutlich beim ersten oder zweiten Anschauen gar nicht auffallen.

    Hitchcock-Biograf Donald Spoto schreibt, es handele sich bei PSYCHO im Grunde genommen um eine "Meditation über die Macht der Vergangenheit über die Gegenwart". Klingt verschwurbelt, trifft es aber ziemlich gut.

    Bei PSYCHO wird der Zuschauer in so manipuliert, dass er mit Verbrechern sympathisiert und mit diesen mitfühlt. Hitchcock schafft es, beim Zuschauer Sympathie sowohl für eine gemeine Diebin, als auch für einen gestörten Massenmörder zu entwickeln.

    Es ist daher auch ein Film über die Wahrnehmung von Wahrheit, von welcher wir immer nur einen Ausschnitt sehen und darüber, wie uns diese Wahrnehmung laufend einen Streich spielt. Außerdem ist PSYCHO eine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum und eine Bloßstellung des US-Puritanismus und der übertriebenen Mutterliebe.

    PSYCHO wurde in schwarzweiß und mit einem Fernsehteam gedreht. Die Dreharbeiten dauerten sechs Wochen und die Kosten beliefen sich auf 800.000 Dollar. Eingespielt hat er weit über 40 Millionen Dollar.


    1. Die Handlung:

    Die Geschichte beginnt in Phoenix/Arizona. Marion Crane (Janet Leigh) und ihr Verlobter Sam Loomis (John Gavin) können nicht heiraten, weil Sam hohe finanzielle Verpflichtungen gegenüber seiner Ex-Frau hat und außerdem die Schulden seines Vaters langsam abstottern muss.

    Marion arbeitet als Sekretärin für einen Immobilienmakler. Bei diesem hat gerade ein reicher, prahlerischer Klient 40.000 Dollar in bar für ein Haus hingelegt. Es ist Freitag, Marion soll das Geld zur Bank bringen, weil ihr Chef es nicht übers Wochenende im Büro liegen haben möchte.

    Marion kann jedoch der Versuchung nicht widerstehen, stiehlt stattdessen das Geld und macht sich auf den Weg zu ihrem Verlobten Sam, der in einer kalifornischen Kleinstadt lebt. Mit dem Geld, so denkt sie, können beide ein neues Leben anzufangen. Noch bevor sie Phoenix verlassen hat, wird sie aber an einer Verkehrsampel von ihrem Chef gesehen, bei dem sie sich zuvor eigentlich krank gemeldet hatte.

    Auf ihrer Fahrt nach Westen wird Marion nach und nach klar, wie dumm und unüberlegt es war, das Geld zu stehlen. Außerdem verhält sie sich sehr dumm. Sie erregt den Verdacht eines Polizisten, indem sie am Straßenrand in ihrem Auto übernachtet hektisch bei einem Gebrauchtwagenhändler ihr Auto gegen eine anderes eintauscht.

    In Gedanken spielt sie ihre Situation in Form von imaginären Dialogen ihrer Verfolger und ihres Arbeitgebers durch und erkennt dabei ihre im Grunde aussichtslose Lage.

    Ein Unwetter zwingt sie anschließend, in einem einsam gelegenen Motel zu übernachten. Dieses Motel gehört einem gewissen Norman Bates (Anthony Perkins), einem jungen Mann, der ihr erzählt, er versorge seine kranke alte Mutter, die ihr Zimmer nicht mehr verlassen kann. Marion ist der einzige Gast. Seitdem es den neuen Interstate Highway gibt, kommen kaum noch Reisende an Bates' Motel vorbei.

    Das Motel ist ebenerdig angelegt und hat nur ein Erdgeschoss. Auf einem Hügel hinter dem Motel befindet sich das Wohnhaus von Bates, eine Villa im Stil des 19. Jahrhunderts.

    Norman fühlt sich zu Marion hingezogen und gibt ihr daraufhin das Zimmer Nr. 1, welches direkt neben dem kleinen Wohnraum liegt, den sich Norman im Motel eingerichtet hat.

    Durchs offene Fenster ihres Zimmers bekommt Marion mit, wie Normans Mutter ihren Sohn anschreit, weil er vorgeschlagen hat, Marion zum Essen mit ins Haus zu bringen. Offenbar ist die Mutter extrem eifersüchtig.

    Marion nimmt dann ihr Abendessen später zusammen mit Norman in dessen kleinem Wohnraum hinter dem Büro ein, das voller ausgestopfter Vögel ist.
    Dabei entwickelt sich ein intensiver, sehr bedeutungsvoller Dialog zwischen den beiden, durch den Marion den Entschluss fasst, gleich am nächsten Morgen zurück nach Phoenix zu fahren, um den Diebstahl zu gestehen in der Hoffnung, ihr Arbeitgeber werde Nachsicht zeigen.

    Vor dem Schlafengehen nimmt Marion eine Dusche. Norman beobachtet durch ein Loch in der Wand seines kleinen Wohnzimmers, wie sie sich auszieht. Dann geht er hinauf ins Wohnhaus und setzt sich in die Küche.

    Während Marion duscht, taucht plötzlich eine Gestalt im Bad auf - allem Anschein nach die alte Mutter - und ersticht sie auf äußerst brutale Weise mit unzähligen Messerstichen.

    Kurz darauf erscheint Norman am Tatort und tut alles, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Am Schluss versenkt er Marions Auto mitsamt all ihren Sachen in einem Sumpf hinter dem Motel. Darunter befindet sich auch das gestohlene Geld, von dem Norman nichts ahnt.

    Szenenwechesel:

    Marions Schwester Lila (Vera Miles) kommt in den Laden, in dem Marions Verlobter Sam Loomis arbeitet und erzählt ihm, dass Marion 40.000 Dollar gestohlen hat und vermutlich zu ihm unterwegs war.

    Sam weiß natürlich von nichts und fällt aus allen Wolken Das bekommt ein Privatdetektiv namens Arbogast (Martin Balsam) mit, der Lila gefolgt war in der Hoffnung, sie werde ihn zu Marion führen.

    Arbogast mischt sich ins Gespräch ein und teilt mit, dass er von Marions Arbeitgeber damit beauftragt worden sei, Marion zu überzeugen, das Geld zurückzugeben. Die Polizei sei noch nicht eingeschaltet worden.

    Arbogast fängt daraufhin an, eigene Nachforschungen anzustellen, klappert alle Motels ab und kommt so auch zu Bates' Motel, wo sich Norman in Widersprüchen verfängt und so Arbogasts Verdacht erregt. Arbogast setzt Lila telefonisch von seinem Verdacht in Kenntnis und macht sich dann auf zu Bates' Wohnhaus, um seine alte Mutter auszufragen.

    Als er die Treppe im Haus hinaufgeht, wird er von derselben Gestalt, die bereits Marion ermordet hat, angegriffen, stürzt die Treppe hinunter und wird unten ebenfalls brutal erstochen.

    Als Norman den erneuten Mord entdeckt hat, entsorgt er die Leiche wieder im Sumpf und verfrachtet seine wütend protestierende Mutter in den Keller.

    Lila und Sam machen sich derweil Sorgen, weil Arbogast sich nicht wieder meldet. Sie fahren zum Motel, sehen aber nur die Silhouette der alten Frau hinter dem Fenster, weil Norman noch damit beschäftigt ist, Arbogasts Leiche verschwinden zu lassen.

    Lila und Sam beschließen, den örtlichen Sheriff einzuschalten und ihm den ganzen Fall zu schildern. Dieser teilt ihnen mit, Norman Bates' Mutter sei bereits seit Jahren tot und vermutlich seien Marion und Arbogast zusammen mit dem Geld durchgebrannt.

    Unzufrieden mit dieser Auskunft machen sich Sam und Lila auf zu Bates' Motel. Während Sam Norman in ein Gespräch verwickelt, schleicht Lila zum Haus, um Normans Mutter auszufragen.

    Sie durchsucht alle Zimmer, findet aber keine Spur der Mutter, außer einer markanten Vertiefung im Bett, die der Form eines Menschen entspricht. Währenddessen erkennt Norman unten im Motel, dass Sam ihn nur hinhalten soll. Er schlägt ihn nieder und rennt zum Haus, um zu seiner Mutter zu kommen.

    Lila kann sich gerade noch auf der Kellertreppe verstecken, bevor Norman ins Haus stürmt. Sie beschließt, auch noch den Keller zu durchsuchen. Dort findet sie mit dem Rücken zur Tür schließlich Normans Mutter in einem Stuhl, doch als sie den Stuhl umdreht, entdeckt sie, dass es sich um eine mumifizierte Leiche handelt.

    In dem Moment wird sie von Norman angegriffen, der Frauenkleider trägt und einen irren Blick im Gesicht hat. Bevor er sie töten kann, wird Norman jedoch von Sam überwältigt, der gerade noch rechtzeitig eintrifft.

    Am Schluss kommt die Wahrheit ans Licht: Norman hat als Kind seine Mutter und ihren Geliebten aus Eifersucht umgebracht, konnte jedoch den Verlust der Mutter nicht verkraften, hat die Leiche ausgegraben und konserviert und dann nach und nach die Identität der Mutter als zweite Persönlichkeit angenommen.

    Durch die jüngsten Vorfälle hat nun die Mutter völlig von Norman Besitz ergriffen und die Person Norman Bates existiert nicht mehr.

    Das letzte Bild des Films zeigt, wie der versenkte Wagen von Marion aus dem Sumpf gezogen wird.


    2. Die Vorgeschichte

    Wenn man sich Hitchcocks filmisches Schaffen ansieht, so fällt einem auf, dass er vor PSYCHO nichts gemacht hat, was irgendwie dem Horror- oder Gruselfilmgenre zugerechnet werden kann. Er hatte Spionagethriller, Liebesgeschichten, Dramen, Komödien und Abenteuerfilme gemacht aber nichts wirklich Blutiges.

    Ende der 50er Jahre war Hitchcock auf dem Zenit seines filmischen Erfolgs und sein Name war wie Donnerhall. Die Vorgängerfilme von PSYCHO waren:

    - "Rear Window" (1954) - ein zeitloses Meisterwerk über Voyeurismus,
    - "To catch a Thief" (1955) - eine launige, glamouröse Gaunerkomödie,
    - "The Trouble with Harry" (1955) - schwarzer Humor vom Feinsten,
    - "The Man who knew too much" (1956) - ein Hitchcock-typischer Thriller,
    - "The wrong Man" (1956) - ein ernstes Justizdrama,
    - "Vertigo" (1958) - ein Mystery-Thriller zum Thema Besessenheit.
    - "North by Northwest"(1959) - der erste moderne Abenteuer- und Actionthriller und unter anderem Vorbild für die James-Bond-Filme.

    Was veranlasste Hitchcock, als nächstes den düsteren Roman "Psycho" von Robert Bloch zu verfilmen und das auf eine derart brutale Art, dass der Film gleichermaßen für Verstörung, Entsetzen, Bestürzung und wohliges Erschaudern sorgte? Denn PSYCHO schlug 1960 ein wie eine Bombe...

    Woher kam diese plötzliche Gewalttätigkeit bei Hitchcock?

    Hitchcock war ein kontaktscheuer Mensch, hatte im Grunde keine wirklichen, echten Freunde. Mit seiner Frau Alma pflegte er ein Verhältnis, dass man am besten mit "Partnerschaft auf Grund von Interessengleichheit" umschreiben kann.
    Leidenschaft gab es da wohl nicht (Hitchcock hatte ja mit Tochter Patricia auch nur ein einziges Kind), wohl aber eine gegenseitige Abhängigkeit voneinander, die sich aus dem jahrzehntelangen Zusammenleben ergab. Es ist ziemlich klar, dass seine Frau zuhause die Hosen anhatte.

    Und es war auch eindeutig, dass er sich nach der Leidenschaft und Liebe von Frauen sehnte, die er für unerreichbar hielt, wie z.B. Ingrid Bergman, Grace Kelly, Vera Miles oder Tippi Hedren (die er bei den Dreharbeiten zu "Marnie" sogar sexuell belästigte).

    Als Ersatz für entgangene Liebe und Leidenschaft pflegte er zu essen wie ein Scheunendrescher, was bei ihm Zeit seines Lebens für mehr oder weniger drastisches Übergewicht sorgte (bis über 150 kg) und auch zur Folge hatte, dass er sich für noch unattraktiver für die begehrten Frauen hielt.

    Außerdem hatte Alfred Hitchcock wohl Zeit seines Lebens unterdrückte, sexuelle Gewaltfantasien. Es gibt auffallend viele Fotos, wo er spielerisch Frauen würgt. Das Erwürgen spielt in einigen seiner Filme denn auch eine besondere Rolle, vor allem in "Strangers on a Train" und in "Frenzy".

    Mit "Psycho" begann Hitchcock, diese unterdrückten Gewaltphantasien mehr und mehr in seine Filme einzubringen, die Mordsequenzen wurden brutaler und ausführlicher. Aber was war dafür der Auslöser?


    An sich hatte Hitchcock nicht geplant, nach "North by Northwest" das Buch "Psycho" zu verfilmen. Er hatte vielmehr ein ganz anderes Projekt bereits fast bis zur Drehreife fertig ausgearbeitet.

    Dabei handelte es sich wieder um einen seiner typischen Thriller, in denen ein unschuldig Verdächtigter seine Unschuld beweisen muss. Der Arbeitstitel war "No Bail for the Judge". Die weibliche Hauptrolle sollte Audrey Hepburn spielen.

    Man hatte ihr bereits ein kurzes Treatment zukommen lassen und sie hatte fest zugesagt - damals genügte allein die Erwähnung von Hitchcocks Namen und jeder Schauspieler der Welt sagte sofort fest zu, ohne die Einzelheiten zu kennen.

    Audrey Hepburn hatte zeitgleich mit "North by Northwest" ihren Film "Geschichte einer Nonne" abgedreht und sich ein Image als Frau mit stiller Integrität und Kämpferherz erarbeitet.

    Als sie nun das Drehbuch zu "No Bail for the Judge" erhielt, war sie schockiert, denn es sah eine drastische Vergewaltigungsszene für ihren Charakter vor.

    Nur wenige Tage nach dem Erhalt des Drehbuches erbat sie einen Erholungsurlaub in der Schweiz und teilte dann von dort aus lapidar mit, dass sie schwanger und somit nicht mehr verfügbar sei.

    Hitchcock tobte - und begrub das Projekt, in das er bereits 200.000 Dollar gesteckt hatte. Hitchcock hatte die Lust daran verloren und ein Film, an dem Hitchcock die Lust verloren hatte, war zum Scheitern verurteilt.

    Es war bereits das zweite Mal, dass ihn eine Schauspielerin wegen einer Schwangerschaft "im Stich ließ". Das erste Mal war, als sich die Vorbereitungen zu "Vertigo" immer mehr in die Länge zogen und die für die Titelrolle vorgesehene Vera Miles schwanger wurde (wobei es sich aber im Gegensatz zur Hepburn nicht um eine Ausrede handelte).

    Hinzu kam nun noch, dass "Geschichte einer Nonne" von Fred Zinnemann so gut im Kino lief, dass die Premiere von "North by Northwest" verschoben wurde, was Hitchcock als Affront und Demütigung empfand.

    Durch den Vorsprung, den "Geschichte einer Nonne" hatte, ging anschließend "North by Northwest" bei allen Preisverleihungen leer aus. Überall, wo er hinkam, um Promotion für "North by Northwest" zu machen, lächelten ihn riesige Plakate mit Audrey Hepburn an. Es war wie das Spiel von Hase und Igel.

    Das alles steigerte seine Wut. Er brauchte ein Ventil.

    Noch vor der Premiere von "North by Northwest" inszenierte er das Fernsehspiel "Arthur", in dem der Körper einer Frau nach dem Erwürgen zermahlt und an die Hühner verfüttert wird.

    Diese brüske Inszenierung ist die erste Hitchcock-Produktion, in der unverblümt und aus Zorn entstandene Gewalt gegenüber einer Frau ausgeübt wird. Bis zu diesem Zeitpunkt war die weibliche Hauptperson in Hitchcocks Filmen immer mit einer Portion Sympathie behandelt worden - was besonders auf die gerade vorangegangenen Hitchcock-Filme zutraf.

    Aber nun entwickelte er einen Stil, der radikal alles hinter sich ließ, was in den 35 Jahren zuvor geschehen war.

    Die Verärgerung über die Hepburn (und zuvor Vera Miles) hatten zudem etwas tief aus seinem Charakter ans Tageslicht befördert: Eben jene verdrängten Gewaltphantasien, die sich von nun ab in seinen Filmen manifestieren sollten und dadurch die Art veränderten, wie er Filme machte.

    Da war ein gewisser Zorn zu spüren auf die Personen, die seine nicht zu realisierenden, sexuellen Sehnsüchte auslösten. Das war zuvor nur einmal kurzzeitig in "Strangers on a Train" von 1951 aufgeblitzt, artikulierte sich aber nun in einer zunehmend düsteren Färbung seiner kommenden Filme.

    Den "Psycho"-Autor Robert Bloch kannte Hitchcock bereits vom Fernsehen. Dieser hatte bereits einige Vorlagen für Episoden in Hitchcocks Fernseh-Serie "Alfred Hitchcock presents" geliefert. Jetzt wollte Hitchcock mit "Psycho" zum ersten Mal einen Horror-Thriller verfilmen.


    Fortsetzung folgt bei Interesse, ich warte erst mal ein Feedback ab...

    Gruß,

    Frank
    "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
    "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
    (George Orwell)

  • #2
    Dann will ich mal antworten, nä

    Auch ich bin ein riesen Hitchcock-Fan. Habe meinen ersten Hitchcock mit etwa 9 oder 10 Jahren gesehen.

    In "Psycho" hat Hitchcock zwar wieder einige interessante Ideen gepackt und sich einige geniale Einstellungen ausgedacht. Trotzdem ist es meiner Meinung nach einer der schwächeren Filme von ihm. Ob die Intention für den Film jetzt tatsächlich Aggressivität oder Gewaltbereitschaft von seiner Seite her war, weiss ich nicht. Dieser Aspekt war mir völlig neu, habe ihn in deinem Referat das erste Mal gelesen. Lässt aber einige Filme in einem ganz neuen Licht erscheinen

    Ich glaube bei "Psycho" (wie auch in den meisten anderen Filmen von Hitchcock) ist es ganz wichtig die versteckte Ironie (teilweise auch den Zynismus) zu entdecken, sonst wird man nur wenig oder gar nichts mit dem Film anfangen können. Ist schon ne Weile her, dass ich "Psycho" gesehen habe, aber ich habe da gerade die Szene im Kopf, als Norman das Auto (samt Inhalt) versenken will und es erst den Anschein hat, dass es nicht funktioniert und er schon innerlich voller Panik ist und dann klappts doch noch *blubb*blubb* Das war wirklich von vorne bis hinten genial inszeniert. Gehört mit zu meinen Lieblingsszenen in "Psycho".

    Da du auch "Frenzy" angesprochen hast, will ich dazu auch noch etwas schreiben. "Frenzy" ist wirklich ganz furchtbar und nicht etwa, weil er schlecht ist, sondern weil man wirklich kranke/perverse Sachen miterleben muss. Von der Inszenierung her wieder erste Sahne, die Thematik ist übelst heftig. Aber auch Frenzy spielt mit einem ganz eigenen, ja man könnte sagen makaberen Humor. Ich sag nur Kartoffelsack. Oder Apfel.

    Was sind denn deine Lieblingsfilme von Hitchcock?
    Zuletzt geändert von Mayaa; 10.08.2007, 16:49. Grund: Fööhler! ;)
    Can God create a puzzle so difficult,
    a riddle so complex...
    that even he can´t solve it?
    What if that´s us?

    Kommentar


    • #3
      Sehr langer Text, Frankie. Hat bestimmt mal viel Arbeit gemacht.

      Also "Psycho" finde ich auch mit am besten von Hitchcock. Die geniale Atmosphäre und ein brillianter Perkins.

      Kennt jemand das Remake mit Vince Vaughn?

      Fand ich gar nicht mal so schlecht.

      Naja, ich hatte auch schon mal einen "Psychofilm" Thread aufgemacht:http://www.scifi-forum.de/filme-tv-s...r-favorit.html.

      Allerdings mit "Psycho" als Genrebegriff. Viele der genannten Regisseure wurden ja auch von Hitchcock beeinflußt.

      Kommentar


      • #4
        Bevor ich mich auf eine allgemeine Diskussion zum Thema einlasse, würde ich gerne noch den Rest meines Referats hier posten

        PSYCHO besitzt durchaus die üblichen Elemente einer klassischen Gruselgeschichte: Das unheimliche Hexenhaus, die Nacht und das Unwetter, eine verrückte Verwandte, die ihr Zimmer nicht verlassen kann, eine Reihe bizarrer Morde, sowie einen verborgenen Schatz.

        Ferner fällt auf, dass In PSYCHO quasi alle Personen ein Geheimnis zu verbergen haben, so dass es schwer fällt, einen Sympathieträger zu finden:

        - Sam und Marion lieben sich heimlich
        - Marions Kollegin Caroline (übrigens gespielt von Hitchcocks Tochter Patricia) schluckte an ihrem Hochzeitstag heimlich Beruhigungspillen, um besser mit der Hochzeitsnacht klarzukommen
        - der reiche Kunde versteckt Bargeld vor dem Finanzamt (eben jene 40.000 Dollar), mit dem er das Haus bezahlen möchte - was ja auch ein Grund ist, warum die Polizei bei dem Diebstahl nicht eingeschaltet wird
        - und Marions Chef bunkert Alkohol in seinem Schreibtisch.
        - Marion selber lügt und stiehlt.

        Das schrecklichste Geheimnis verbirgt natürlich Norman Bates. Arbogast trifft den Nagel auf den Kopf, als er zu Norman sagt: "Ihr Haus ist das erste, das sich vor der Welt versteckt."

        Tatsächlich dauert es bis nach dem Duschmord, bis mit Marions Schwester eine wirklich sympathische Person erscheint.


        Ein Kernelement aller Hitchcock-Filme ist die Bildsprache.

        Um die spezielle Bildsprache von PSYCHO zu verstehen, muss man zunächst mit zwei der Hauptmetaphern vertraut sein, die Hitchcock in seinen Filmen immer wieder einbrachte.

        1. Der Spiegel.

        Man sollte sich die Spiegel, mit denen Hitchcock seine Sets gerne und bewusst ausstattete, immer mal näher anschauen. Der Spiegel ist ja relativ leicht als Metapher zu verstehen. Er gibt Anlass zu Selbstreflektion und steht auch für verschiedene Aspekte einer Persönlichkeit.

        Hitchcock hat in vielen seiner Filme Spiegel ins Spiel gebracht, wenn es um die Visualisierung unterschiedlicher Persönlichkeitsstrukturen oder um die Darstellung von zwei Seiten einer Medaille ging, also um das Jekyll-und-Hyde-Prinzip.

        Aber ein Spiegel eignet sich nicht nur zur Darstellung einer gespaltenen Persönlichkeit, ein Spiegel symbolisiert auch den Blick in das eigene Selbst.

        Hitchcock wurde hierbei auch von klassischer englischer Literatur von Tennyson, Matthew Arnold, George Eliots und Charles Dickens beeinflusst, mit deren Werken er aufgewachsen ist und mit denen er daher sehr vertraut war.

        PSYCHO ist voll von Spiegelmetaphern:

        - Im Büro überprüft Marion ihr Aussehen in einem Make-up-Spiegel (Bild 1).

        - Zu Hause steht sie nach dem Diebstahl nachdenklich vor dem Spiegel (Bild 3) - vorher sah man kurz durch die offene Badezimmertür den Duschvorhang (Bild 2). Genau in dem Moment also, wo sie den Entschluss fasst, das Geld zu behalten, sieht man den Ort, an dem sie sterben wird - Hitchcock-Symbolik vom Feinsten.

        - Als der Polizist ihr folgt, blickt sie immer wieder in den Rückspiegel (Bild 4, 5 und 6).

        - Bei dem Gebrauchtwagenhändler zählt sie auf der Toilette das Geld ab und der Zuschauer sieht dies auch im Spiegel (Bild 7).

        - In Bates' Motel sehen wir Marion im Spiegel, als sie eincheckt (Bild 8 ).

        - Später in ihrem Zimmer wieder ein Spiegel, als sie sich mit Norman unterhält. Diesmal wirkt ihr Körper im Spiegel unscharf und der Kopf ist abgeschnitten (Bild 9).

        Die Bedeutung all dieser Spiegel wird aber erst gegen Ende klar, in einem der Schockmomente des Films, als sich Marions Schwester Lila fürchterlich erschreckt, weil sie ihr doppeltes Spiegelbild im Schlafzimmer von Normans Mutter sieht (Bild 10 und 11).

        Für einen Augenblick erschreckt sie (und den Zuschauer) das Gefühl einer gespaltenen Persönlichkeit und gleich darauf fällt Lilas Blick auf die Kuhle im Bett, die Form einer liegenden Frau, und es entsteht eine Verbindung zum Anfang des Films, bei dem Marion auf einem Hotelzimmerbett liegt (Bild 12 und 13). Hitchcock mochte es, den Anfang eines Filmes am Ende nochmal zu reflektieren.

        In "Psycho" kommen auch oft Gegenüberstellungen von etwas Vertikalem und etwas Waagerechtem vor, wie z.B. das ebenerdige Motel und das hohe Wohnhaus dahinter oder die Anfangsszene, wo Marion auf dem Bett liegt, während sich Sam anzieht (Bild 12). Auch hier soll die Bildsprache einen Eindruck von Disharmonie, von Gespaltenheit und Zerrissenheit erzeugen.

        Außerdem gibt es viele stilisierte Bilder des Zerschneidens oder Zerstechens - angefangen beim Titelvorspann, über die Scheibenwischer im Auto, bis zu der Tatsache, dass Sam Loomis in einem Laden arbeitet, in dem Rechen herumstehen und Sensen von der Decke hängen.

        PSYCHO lebt im Grunde von schizoiden Empfindungen, was sich am drastischsten in der Art ausdrückt, wie Hitchcock den Zuschauer auf die Seite des Bösen zieht, indem er für Marion fühlt, wenn der misstrauische Polizist ihr folgt oder für Norman Bates, wenn der Wagen mit Marions Leiche nicht im Sumpf versinken will - als Zuschauer schubst man den Wagen gedanklich tiefer in den Sumpf.

        Bild 1:Bild 2:
        Bild 3:Bild 4:
        Bild 5:Bild 6:

        Bild 7:Bild 8:

        Bild 9:

        Bild 10:
        Bild 11:
        Bild 12:Bild 13:


        Um dem Einwand zu begegnen, ich würde mitunter zu viel in die Szenen und Einstellungen hineininterpretieren, kann man glücklicherweise auf Hitchcock selber verweisen, denn er war jemand, der genaue Aufzeichnungen und Notizen hinterlassen hat und anhand derer kann davon ausgehen, dass die genannten Beobachtungen den Tatsachen entsprechen.

        Hitchcock hat z.B. als einer der allerersten konsequent das gezeichnete Storyboard eingesetzt, um seine Ideen zu visualisieren.




        2. Vögel

        Nun kommen wir zur zweiten, markanten Hitchcock-Metapher: Vögel.

        Bei Hitchcock sind Vögel immer eine Metapher für das Chaos und das Unheil, das in zuvor scheinbar geordnete Verhältnisse einbricht und oft sind sie auch die Vorboten einer gerechten Bestrafung.

        Man muss sich nicht Hitchcocks Spätwerk "Die Vögel" ansehen, um zu diesem Schluss zu kommen. Schon viel früher dienten ihm Vögel als Metapher. In "Blackmail" (1929), seinem ersten Tonfilm, oder "Sabotage" (1936) zum Beispiel.

        Und sogar in einem so "harmlosen" Film wie "To catch a Thief" (Über den Dächern von Nizza) dienen Vögel als Metapher des Unheils und des Chaos: Als Cary Grant Hals über Kopf vor der Polizei aus seinem Haus flüchten muss, weil er als Einbrecher verdächtigt wird, benutzt er einen Bus und neben ihm sitzt ein Fahrgast mit einem Käfig voller Vögel.

        Hitchcock zitiert beim Einsatz von Vögeln zum einen das englische Hobby des "Birdwatching". Zum anderen folgt er der langen Tradition vom Mittelalter bis zur viktorianischen Kunst, in der Vögel als Symbol für Gefahr dienen.

        Auch PSYCHO ist voller Vogel-Metaphern, die übrigens in der Romanvorlage nicht vorkommen:

        Die Handlung beginnt in Phoenix/Arizona, der Stadt, die den Namen des mythologischen Vogels trägt, der aus seiner eigenen Asche aufsteigt.

        Der Nachname von Marion und Lila ist Crane (auf Deutsch: Kranich).

        Normans Hobby ist es, tote Vögel auszustopfen (sein kleines Refugium ist voll davon). Das hat einigen Hintersinn: Ausgestopfte Vögel können niemandem mehr wehtun. Nur Norman, ihr Schöpfer, kann Schmerz zufügen.

        Norman begehrt Marion offensichtlich sexuell. Im Übertragenen Sinne ist also Marion Crane (=Kranich), der nächste Vogel, den Norman "ausstopfen" muss, damit er keine Macht mehr über ihn hat. Im Englischen ist der Begriff "stuffing birds" eine zweideutige, derbe sexuelle Anspielung. Die deutsche Übersetzung schafft es natürlich nicht, diese Wortsymbolik zu transportieren.

        Norman, der selber laufend isst und knabbert wie ein Vogel, ist der nächtliche Jäger, der auf sein nächstes Opfer lauert, um es zu erlegen.

        Die Messerstöße in der berühmten Duschszene werden denn auch von schrillen Geigenklängen unterlegt, die an kreischende Vögel erinnern - der Raubvogel erlegt seine Beute.

        In Marions Motelzimmer hängen lauter Bilder von Vögeln. Als Norman den Mord "entdeckt", weicht er erschreckt zurück und reißt dabei versehentlich ein Vogelbild von der Wand - ein Symbol für die erlegte Beute.

        Interessant ist hierzu der vorangegangene Dialog zwischen Norman und Marion in seinem kleinen Wohnzimmer hinter dem Büro mit all den ausgestopften Vögeln, während sie ihre Sandwiches isst und er ihr zuschaut.

        Der Dialog ist es wert, dass man ihn mal niederschreibt, um seine Symbolik und seine Doppeldeutigkeiten zu verdeutlichen:

        Norman: You... you eat like a bird.
        Marion (auf die ausgestopften Vögel schauend): And you'd know of course.
        Norman: No, not really. Anyway, I hear the expression "eats like a bird" is really a fal... false... falsity. Because birds really eat a tremendous lot. But I really don't know anything about birds. My hobby is stuffing things. You know, taxidermy. And I guess I'd rather stuff birds because I hate the look of beasts when they're stuffed. You know, foxes and chimps. Some people even stuff dogs and cats, but, oh, I can't do that. I think only birds look well stuffed because... well, because they're kind of passive to begin with.
        Marion: It's a strange hobby. Curious.
        Norman: Uncommon, too.
        Marion: Oh, I imagine so.
        Norman: And it's... it's not as expensive as you'd think. It's cheap, really. You know, needles and thread, sawdust. The chemicals are the only thing that cost anything.
        Marion: A man should have a hobby.
        Norman: Well, it's... it's more than a hobby. (Norman beginnt einen der Vögel zu streicheln) A hobby's supposed to pass the time, not fill it.

        Angesichts von Marions bevorstehendem Schicksal läuft einem da mehr als nur ein Schauer über den Rücken...



        Nie zuvor war die Vogel-Metapher so klar und deutlich in Hitchcocks Filmen vertreten und bildete damit eine Vorschau auf den Folgefilm "Die Vögel".



        Norman Bates beobachtet seine Beute (man beachte die Bilder an der Wand von Marions Motelzimmer). In der berühmten Duschmord-Szene wirkt das Messer wie der Schnabel eines Raubvogels, der auf seine Beute einhackt.


        Das Bild fällt von der Wand, die Beute ist erlegt.


        Norman Bates, der nächtliche Beutejäger. Nichts zeigt das deutlicher, als diese von unten gefilmte Einstellung.


        In Kürze folgt der Rest

        Gruß,

        Frank
        Zuletzt geändert von Laserfrankie; 10.08.2007, 22:54.
        "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
        "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
        (George Orwell)

        Kommentar


        • #5
          Irgendwie hat sich durch die Bilder das Textfeld deines Beitrages gedehnt. So das ich mit meiner Auflösung Probleme bekomme.

          Ansonsten muß ich sagen das du schon ein wenig verrückt bist.

          Du hast den Film ja total auseinandergenommen und akribisch analysiert.

          EDIT: Eine Frage habe ich noch zum Ende. Da es lange her ist wo ich den Film gesehen habe. Das war doch jetzt im Original wo Bates seine Mutter mit der Kohleschaufel erschlägt, oder? Oder wars im Remake? Mist, weiß es nicht mehr so genau.

          Kommentar


          • #6
            Im ersten Teil meines Referates ist eine Zusammenfassung der Handlung

            Gruß,

            Frank

            P.S: Ist das mit dem Textfeld jetzt besser?
            "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
            "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
            (George Orwell)

            Kommentar


            • #7
              Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
              Im ersten Teil meines Referates ist eine Zusammenfassung der Handlung

              Gruß,

              Frank
              Jo...

              Am Schluss kommt die Wahrheit ans Licht: Norman hat als Kind seine Mutter und ihren Geliebten aus Eifersucht umgebracht, konnte jedoch den Verlust der Mutter nicht verkraften, hat die Leiche ausgegraben und konserviert und dann nach und nach die Identität der Mutter als zweite Persönlichkeit angenommen.

              Durch die jüngsten Vorfälle hat nun die Mutter völlig von Norman Besitz ergriffen und die Person Norman Bates existiert nicht mehr.
              Aber die Mutter hatte er früher mit der Schaufel erschlagen?

              Irgendetwas habe ich da noch in Erinnerung. Und die Duschszene mit der berühmten Musik. Sonst leider nicht mehr allzu viel.

              Aber deine Bilder frischen mein Gedächtnis auf.

              P.S: Ist das mit dem Textfeld jetzt besser?
              Jau. Danke.

              Kommentar


              • #8
                Zitat von Mayaa Beitrag anzeigen
                Was sind denn deine Lieblingsfilme von Hitchcock?
                Ich finde, seine besten Filme und somit auch meine Lieblingsfilme von ihm sind (in chronologischer Reihenfolge):

                1. The 39 Steps (Die 39 Stufen) - 1935
                2. The Lady vanishes (Eine Dame verschwindet) - 1938
                3. Rebecca - 1940
                4. Shadow of a Doubt (Im Schatten des Zweifels) - 1943
                5. Notorious (Berüchtigt) - 1946
                6. Strangers on a Train (Der Fremde im Zug) - 1951
                7. Rear Window (Das Fenster zum Hof) - 1954
                8. The Man who knew too much (Der Mann, der zuviel wusste) - 1956
                9. Vertigo - 1958
                10. North by Northwest (Der unsichtbare Dritte) - 1959
                11. Psycho (1960)
                12. The Birds (Die Vögel) - 1963
                13. Frenzy - 1972


                Gruß,

                Frank
                "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                (George Orwell)

                Kommentar


                • #9
                  Aller guten Dinge sind drei - hier ist Teil drei meiner kleinen Abhandlung.

                  PSYCHO und die Manipulation des Zuschauers

                  Als PSYCHO 1960 in die Kinos kam, gab es eine Anweisung an die Betreiber der Kinos, nach Vorstellungsbeginn niemanden mehr in den Film hinein zu lassen.

                  Das geschah aus gutem Grund, denn die Wirkung von PSYCHO beruht darauf, dass man den Film wirklich von vorne bis hinten bewusst erlebt. Wer sich PSYCHO nicht vollständig oder nur flüchtig anschaut, wird diese Wirkung nicht spüren und sich vermutlich fragen, was der ganze Trubel soll.

                  Insofern ist es verständlich, wenn viele Menschen der Videogeneration mit PSYCHO nicht viel anfangen können, zumal es mittlerweile Filme gibt, die (zumindest oberflächlich betrachtet) schockierender, blutiger und gruseliger sind.

                  PSYCHO dringt aber in die Tiefe des menschlichen Bewusstseins ein und um das zu erleben, sollte man ihn am besten auf einer Leinwand in einem abgedunkelten Raum anschauen – so, wie es von Hitchcock beabsichtigt war. Nur dann stellt sich die beabsichtigte Wirkung ein.

                  Ich kann daher nur jedem, der den Film noch nicht kennt oder ihn seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hat, empfehlen, sich an diese Vorgabe zu halten, sich die DVD zu besorgen und dann bei jemandem anzuschauen, der einen Videoprojektor hat – am besten im Originalton.



                  Ich möchte nun darauf eingehen, wie die Entwicklung und Darstellung der Charaktere in PSYCHO vonstatten geht. Ich hatte ja vorher bereits gesagt, dass Hitchcock in PSYCHO das Publikum manipuliert. Was genau ist damit gemeint?

                  Das lässt sich sehr schön beispielhaft am Charakter der Marion Crane und der ersten Filmhälfte schildern, nach der sie ja in der berühmten Duschmordszene ein unrühmliches Ende findet.

                  Hitchcock führt Marion auf eine Art und Weise ein, die sie nicht gerade zum Sympathieträger macht. Die Eröffnungsszene zeigt, wie sie lasziv in Unterwäsche auf einem Bett liegt (Assoziationen an eine Hure drängen sich auf) und in dem darauf folgenden Dialog mit ihrem Liebhaber Sam Loomis wird klar, dass die beiden sich heimlich in einem billigen Hotel treffen.

                  Nicht gerade das normale, gesellschaftliche Verhalten eines Liebespaares, sollte man meinen. Warum, fragt man sich unwillkürlich, verheimlichen sie ihre Beziehung? Was haben sie zu verbergen? Und vor wem?

                  Als Grund für die Verheimlichung wird Geldmangel angegeben. Das ist aber bei genauerer Betrachtung nur ein vorgeschobenes Scheinargument. Hitchcock spielt hier mit dem Kinoklischee, dass Geld keine Rolle spielt, wenn zwei sich lieben. Dieses Klischee kennt (und erwartet) jeder Zuschauer.

                  Dadurch, dass sich Marion und Sam genau gegensätzlich dazu verhalten, wie es das Klischee vorschreibt, wirken sie lasterhaft und der Zuschauer misstraut ihnen. Das ist genau das, was Hitchcock beabsichtigt.

                  Später, als Marion kokett an ihrem Schreibtisch sitzt, sich schminkt und dabei mit ihrer Kollegin ein Schwätzchen hält, wird der Eindruck verstärkt, dass es sich bei ihr um einen oberflächlichen, ich-bezogenen Menschen handelt, dem viel an materiellen Werten liegt.

                  Als dann der prahlerische und zutiefst unsympathische Kunde hereinkommt, der 40.000 Dollar in bar auf den Tisch legt, zeigt sich Marion demonstrativ desinteressiert.

                  Aber das Publikum weiß sofort, was wirklich in ihrem Kopf vorgeht, denn jeder normale Mensch würde anders reagieren. 40.000 Dollar waren 1960 ein kleines Vermögen.

                  Durch Marions ausdruckslose Reaktion wirkt sie berechnend und erneut wirkt sie unsympathisch auf den Zuschauer.

                  Dann wird sie damit beauftragt, das Geld zur Bank zu bringen. Es ist Freitagnachmittag und sie weiß: Der Diebstahl würde nicht vor Montag entdeckt werden. Genug Zeit, um zu verduften.

                  Außerdem: Es handelt sich um Schwarzgeld, das am Finanzamt vorbeigeschleust werden soll – die Polizei wird also wohl kaum eingeschaltet werden. Kalte Berechnung.

                  Sie gibt vor, sich unwohl zu fühlen und geht früher nach Hause. Dort packt sie ihren Koffer und fällt die endgültige Entscheidung, das Geld zu behalten. In den Augen des Publikums ist Marion zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, als eine gemeine Diebin.

                  Im Auto geht sie dann in Gedanken durch, was sich wohl am Montag im Büro ihres Chefs abspielen wird, wenn man feststellt, dass sie mit dem Geld verschwunden ist.

                  An einer roten Ampel überquert dann plötzlich ihr Chef vor ihr die Straße, bei dem sie sich eigentlich krank gemeldet hatte. Er erkennt sie, sieht, dass sie offenbar im Auto die Stadt verlässt und stutzt. Doch dann geht er weiter.

                  Diese Szene ist handlungsmäßig eigentlich nicht nötig. Auch wenn ihr Chef sie nicht aus der Stadt heraus fahren gesehen hätte, wäre am Montag sofort klar gewesen, dass sie die Diebin ist. Die Szene dient aber einem ganz bestimmten dramaturgischen und psychologischen Zweck.

                  Ab diesem Moment wird Verfolgungsdruck auf Marion erzeugt und der gedankliche Prozess wird in Gang gesetzt, dass das Ganze kein gutes Ende nehmen kann, wenn sie so weitermacht.

                  Jeder Verbrecher geht bei seiner Tat davon aus, nicht erwischt zu werden, sonst würde er das Verbrechen ja nicht begehen. Später kommt dann der Punkt, wo der Verbrecher merkt, dass er doch nicht so schlau war, wie er dachte.

                  Genau das passiert mit Marion in dem Augenblick, wo ihr Chef sie sieht. Sie fühlt sich nun ertappt – und sei es nur, weil sie sich eigentlich krank gemeldet hatte. Die Erkenntnis reift in ihr, dass sie aus der Sache nicht gut herauskommen wird. Sie weiß ja auch nicht, was ihr Chef nun machen wird. Sie ist verunsichert und beginnt sich verfolgt zu fühlen.

                  Noch ist ja aber nichts passiert. Noch kann sie das Geld zur Bank bringen. Aber anstatt die Notbremse zu ziehen und umzudrehen, fährt sie jedoch weiter. Die Gier hat (vorläufig) gesiegt. Sie hofft immer noch, mit ihrer Tat durchzukommen.

                  Doch in der Wahrnehmung des Zuschauers hat sich in dieser einen Szene etwas Entscheidendes geändert: Ab sofort fühlt er mit Marion, denn sie ist nun auf der Flucht. Dadurch verliert sie ihren Status als Unsympath. Vielmehr wird der Zuschauer ab diesem Moment zu einem Komplizen, denn statt nur zu denken, dass das niemals gutgehen kann, hofft er nun, dass sie nicht erwischt wird!

                  Der Grund für diesen Umschwung ist ein ebenso perfider, wie genialer psychologischer Kniff Hitchcocks:Zum einen weiß jeder, der schon einmal in seinem Leben blau gemacht hat, wie peinlich es wäre, an einem öffentlichen Ort auf seinen Chef zu treffen, während man ja eigentlich krank zuhause sein sollte.

                  Zum anderen hat jeder schon mal in Gedanken durchgespielt, was er denn tun würde, wenn er einen Koffer voller Geld „finden“ würde und was er anstellen müsste, um das Geld zu behalten aber nicht erwischt zu werden.

                  Das Publikum kann sich daher ab der Ampelszene mit Marion identifizieren – aber nur auf Grund der Anregung niederer Instinkte, die in jedem Menschen schlummern: Dem geheimen Wunsch, mit etwas Verbotenem durchzukommen.

                  Ab diesem Moment nimmt die Spannungskurve in PSYCHO kontinuierlich zu, bis sie in der Duschmordszene kulminiert.

                  Zuerst ist da der misstrauische Polizist, der sich Marion an die Fersen heftet und der sich sicherlich später an sie erinnern wird. Das macht ihre Situation noch aussichtsloser.

                  Der Polizist wird auch nur mit Sonnenbrille gezeigt, so dass er bedrohlich wirkt. Hitchcock hatte zeitlebens Angst vor Polizisten und stellte sie in seinen Filmen meistens als mehr oder weniger inkompetent dar. Nicht so in Psycho.

                  Der Polizist verfolgt Marion, weil er wittert, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie kann ihn schließlich bei dem Gebrauchtwagenhändler loswerden aber dann kommt sie in das Unwetter, das sie dazu zwingt, in Bates’ Motel Station zu machen.

                  Während des bereits oben erwähnten Gesprächs mit Norman Bates wandelt sich dann Marion endgültig zum Sympathieträger, da sie beschließt, am nächsten Morgen zurückzufahren und sich zu stellen. Denn einer reuigen Sünderin kann vergeben werden.

                  Hitchcock zeigt diesen Gedankengang in ihr, indem er sie anschließend ihrem Zimmer auf einem Notizblock 700 Dollar von 40.000 Dollar subtrahieren lässt – den Betrag, den sie für das neue Auto ausgegeben hat und den sie nun ersetzen muss.

                  Man muss das nicht schriftlich ausrechnen, 40.000 minus 700 - das geht auch im Kopf. Das Aufschreiben ist vielmehr nur ein Mittel Hitchcocks, dem Zuschauer rein visuell ohne Worte klarzumachen, dass Marion nun geläutert ist.

                  Somit wird auch die Sympathie, die das Publikum für diese Diebin empfunden hat, nachträglich gerechtfertigt und keiner muss mehr ein schlechtes Gewissen haben. "Aha, sie ist also doch eine Gute", denkt jeder - und erliegt erneut der Manipulation.

                  Im Kopf ist das Publikum zu diesem Zeitpunkt bereits auf Happy End eingestellt. Man muss sich mal in die Gedanken der Zuschauer von 1960 versetzen, die diesen Film zum ersten Mal gesehen haben.

                  Für sie war es bisher nichts weiter als eine Gaunergeschichte, die Story einer Diebin, die nicht wirklich eine Verbrecherin ist und merkt, dass sie einen Fehler begangen hat. Sie zeigt Reue und den Willen zur Wiedergutmachung. Es kann ihr nun vergeben werden und alles kann ein gutes Ende nehmen.

                  Aber stattdessen wird sie nun, nachdem Hitchcock das Publikum gerade auf ihre Seite gezogen und Marion zur geläuterten Sünderin erhoben hat, der man vergeben muss und die eine zweite Chance verdient, auf brutalste Art und Weise ermordet.

                  Darin verbirgt sich auch die Abrechnung mit dem scheinheiligen Ideal der christlichen Lehre von der Vergebung einer Sünde, die man ehrlich bereut (Hitchcock ist übrigens auf eine katholische Jungenschule gegangen und hat sehr unter der Autorität der Lehrer gelitten).

                  Der Mord kam über Marion (und den Zuschauer), wie ein Blitzschlag: Ohne Vorwarnung und scheinbar völlig unmotiviert.

                  Die Duschmordszene hat auch deshalb etwas zutiefst Verstörendes, weil sie Marion die Vergebung ihrer Mitmenschen verweigert: Niemand wird je erfahren, dass sie das Geld ja zurückgeben wollte. Sie wird für immer im Bewusstsein ihrer Mitmenschen als eine gemeine Diebin gebrandmarkt bleiben.

                  Und besonders tragisch ist, dass das gestohlene Geld dabei gar keine Rolle mehr spielt – es wird zusammen mit Marions Leiche im Sumpf versenkt. Norman Bates hat von den 40.000 Dollar nichts gewusst.

                  Auf die Spitze getrieben wird die Manipulation des Zuschauers dann, als Norman Bates das Zimmer putzt und aufräumt und den Wagen mit Marions Leiche im Sumpf versenken will: Als dieser auf halbem Wege stecken zu bleiben droht, wünscht sich der Zuschauer, dass der Wagen vollständig im Sumpf versinkt - man schiebt in Gedanken mit.

                  Erneut wird der Zuschauer von Hitchcock damit zum Komplizen gemacht, erneut findet eine Manipulation auf Grund niederer Instinkte statt - diesmal wird man jedoch zum Komplizen eines Mörders, dessen Tat man soeben noch aufs Tiefste verabscheute.

                  Eben waren wir noch geschockt über den brutalen, hinterhältigen Mord und gleich danach helfen wir gedanklich mit beim Beseitigen der Leiche.

                  Hitchcock legt noch einen drauf, als in der nächsten Szene am folgenden Tag Sam Loomis einen Brief an Marion schreibt, der sinngemäß sagt: „Mach dir keine Sorgen, wir kommen schon klar, komm zu mir, es geht auch ohne Geld.“

                  Da ist es nun wieder, das Klischee vom Liebespaar, das den materiellen Zwängen trotzt. Es wird just in dem Moment eingeführt, wo es dafür zu spät ist. Marions Tod wird durch diesen (nie abgeschickten) Brief noch sinnloser, als er es schon war.

                  Gleich darauf wird das Ganze auch noch mit schwärzestem Humor karikiert, als eine Kundin in Sams Laden nach einem schmerzlosen Mittel gegen Schneckenbefall fragt, denn "Tod soll ja schmerzlos sein".

                  Alles hätte gut ausgehen können. Nur hat man eben die Rechnung ohne das Unberechenbare gemacht, den psychisch gestörten Mörder, der sich nicht in gängige Moralschemata pressen lässt. Gegen Psychopathen wie Norman Bates haben weder Gesellschaft, noch Religion eine Antwort. Sie sind nicht vorgesehen. Sie sind Unheil, Chaos, unberechenbar.

                  Konsequenterweise wird Norman Bates von Hitchcock intensiv mit Vögeln assoziiert, die bei Hitchcock immer die Metapher für aufziehendes Unheil und Chaos sind.

                  Eine Person, die erst unsympathisch ist, zu einem Sympathieträger aufzubauen, nur um sie dann hinterrücks entgegen den moralischen Gepflogenheiten brutal abschlachten zu lassen, war 1960 ein Schock.

                  Die Heldin stirbt keinen tragischen, melodramatischen Tod, sondern endet nackt als in einen billigen Duschvorhang eingewickelte Leiche, die in einem Sumpf versenkt wird. Würdeloser kann man als Filmheldin kaum sterben.


                  Selbst heute wird es in Horrorfilmen im Allgemeinen vermieden, besondere Sympathien für Personen zu erzeugen, die später ermordet werden sollen. Zu groß ist die Gefahr, dass das Publikum an einem Film, in dem die Sympathieträger verschwinden, die Lust verliert und frustriert reagiert.

                  Aber Hitchcock ist auf Grund seiner Genialität damit durchgekommen und PSYCHO wurde zu einem der bedeutendsten Meisterwerke der Filmgeschichte.




                  So, das war's. Ist bei weitem keine vollständige und komplette Analyse - ich habe nur an der Oberfläche gekratzt - aber ich hoffe, es trägt zum Verständnis bei, warum der Film als einer der bedeutendsten der Kinogeschichte gilt.

                  Gruß,

                  Fank
                  Zuletzt geändert von Laserfrankie; 12.08.2007, 11:02.
                  "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                  "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                  (George Orwell)

                  Kommentar


                  • #10
                    Zitat von Mayaa Beitrag anzeigen
                    Dann will ich mal antworten, nä

                    Auch ich bin ein riesen Hitchcock-Fan. Habe meinen ersten Hitchcock mit etwa 9 oder 10 Jahren gesehen.
                    Das ging mir genauso. Durchs Fernsehen wurde ich Hitchcock-Fan, auch wenn ich die Filme als Kind nie sehen durfte. Ich habe sie mir heimlich angeschaut

                    In "Psycho" hat Hitchcock zwar wieder einige interessante Ideen gepackt und sich einige geniale Einstellungen ausgedacht. Trotzdem ist es meiner Meinung nach einer der schwächeren Filme von ihm.
                    Ich stimme zu, dass es in seinem Gesamtwerk eine Handvoll Filme gibt, die rein vom filmischen Aspekt her noch größere Meisterwerke sind und die auch unterhaltsamer anzuschauen sind.

                    PSYCHO repräsentiert aber eine Zäsur in seinem Werk und in der Filmgeschichte - es war der erste Film, in dem Gewalt so ausführlich und schockierend dargestellt wurde. Man muss sich nur mal vor Augen führen, wie aufwändig die Duschmordszene gedreht wurde, wieviele Kamerawinkel und Schnitte es dabei gibt. Deutlicher konnte Hitchcock es nicht zeigen, um der amerikanischen Zensur zu entgehen aber ich bin sicher, er hätte es gerne noch viel blutiger gehabt

                    Ob die Intention für den Film jetzt tatsächlich Aggressivität oder Gewaltbereitschaft von seiner Seite her war, weiss ich nicht. Dieser Aspekt war mir völlig neu, habe ihn in deinem Referat das erste Mal gelesen. Lässt aber einige Filme in einem ganz neuen Licht erscheinen
                    Es ist auffallend, dass der Umgang mit Frauen in seinen Filmen ab PSYCHO immer brutaler wurde - auch auf dem Set übigens. Tippi Hedren wurde ja von ihm beim Dreh von "Marnie" sexuell belästigt. Im Film selber wird sie dann von Sean Connery vergewaltigt - meines Erachtens eine sinnlose Szene, die einfach nur aus Wut von Hitchcock eingefügt wurde.

                    Bei den Dreharbeiten zu "Die Vögel" brachte Hitchcock Tippi Hedren an den Rand des physischen und psychischen Zusammenbruchs. Sein Team stand kurz davor, einzuschreiten und ihm Einhalt zu gebieten.

                    Trotzdem spricht sie eigenartigerweise rückblickend positiv von ihm. Ich denke, eine gewisse Besessenheit und Dämonie steht man einem großen Künstler einfach zu

                    Der Gipfel ist natürlich die Mordszene in "Frenzy". Man bedrängte Hitchcock, doch wenigstens die heraushängende Zunge am Ende der Würgeszene rauszulassen aber er ließ nicht mit sich reden.

                    Überhaupt ist auffallend, dass in "Frenzy" nicht eine einzige, wirklich sympathische Person vorkommt. Stattdessen quillt der Film über von Anspielungen und Metaphern auf das Essen, Hitchcocks lebenslange Leidenschaft und gleichzeitig sein größtes Problem.

                    Hitchcocks unterdrückte Aggressionen mögen sich spät in seinen Filmen manifestiert haben, sie waren aber schon früher da. Er traute sich nur nicht, sie so offensichtlich auszuleben.

                    Hitch, wie seine Freunde ihn nannten, war Zeit seines Lebens berüchtigt für seine derben, sadistischen Streiche, die er gerne seinen Freunden und Mitarbeitern spielte.

                    Bei den Dreharbeiten zu "Die 39 Stufen" spielen Handschellen eine große Rolle, da die beiden Hauptdarsteller einen Großteil des Films aneinander gefesselt verbringen.
                    Hitchcock war von den Handschellen fasziniert und wettete aus einer Laune heraus mit einem seiner Beleuchter, dieser würde keine Nacht alleine im Studio verbringen, angekettet an einen Scheinwerfer. Der Beleuchter ging auf die Wette ein und ließ sich mit Handschellen an den Scheinwerfer fesseln.
                    Hitchcock stellte ihm eine Thermoskanne mit Kaffee für die Nacht hin und ging nach Hause. Was der Beleuchter nicht wusste: Hitchcock hatte den Kaffee mit Abführmittel versetzt.

                    Jeder ehemalige Mitarbeiter von Hitchcock kann solche Anekdoten zum Besten geben. Einer Schauspielerin, die angeblich Schnupfen hatte und daher nicht drehen konnte, hat er mal eine LKW-Ladung Heringe vor die Haustür kippen lassen.

                    Ich glaube bei "Psycho" (wie auch in den meisten anderen Filmen von Hitchcock) ist es ganz wichtig die versteckte Ironie (teilweise auch den Zynismus) zu entdecken, sonst wird man nur wenig oder gar nichts mit dem Film anfangen können.
                    Da hast du recht, obwohl PSYCHO sicherlich der Humorloseste seiner Filme ist. Es gibt nur eine Szene, in der Hitchs schwarzer Humor durchkommt - das ist in der Szene, als die Frau im Laden nach einem schmerzlosen Mittel gegen Schneckenbefall fragt, da ja Tod schmerzlos sein soll.

                    Ist schon ne Weile her, dass ich "Psycho" gesehen habe, aber ich habe da gerade die Szene im Kopf, als Norman das Auto (samt Inhalt) versenken will und es erst den Anschein hat, dass es nicht funktioniert und er schon innerlich voller Panik ist und dann klappts doch noch *blubb*blubb* Das war wirklich von vorne bis hinten genial inszeniert. Gehört mit zu meinen Lieblingsszenen in "Psycho".
                    Ja, diese Szene wird praktisch jedes Mal rausgekramt, wenn über die psychologische Manipulationskraft des Mediums Film geredet wird.

                    Gruß,

                    Frank
                    "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                    "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                    (George Orwell)

                    Kommentar


                    • #11
                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Das ging mir genauso. Durchs Fernsehen wurde ich Hitchcock-Fan, auch wenn ich die Filme als Kind nie sehen durfte. Ich habe sie mir heimlich angeschaut
                      *g* Nee heimlich gucken musste ich nie, weil mein Dad auch ein absoluter Fan ist und von daher trägt er eigentlich die "Schuld"

                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Es ist auffallend, dass der Umgang mit Frauen in seinen Filmen ab PSYCHO immer brutaler wurde - auch auf dem Set übigens. Tippi Hedren wurde ja von ihm beim Dreh von "Marnie" sexuell belästigt. Im Film selber wird sie dann von Sean Connery vergewaltigt - meines Erachtens eine sinnlose Szene, die einfach nur aus Wut von Hitchcock eingefügt wurde.
                      Ich weiss noch, dass mich beim Ersten Mal "Marnie" schauen, sehr überrascht über diesen Teil war. Man sieht zwar nicht viel, aber man hat schon ein ordentlich unbehagliches Gefühl und die Szene ist tatsächlich sehr unnötig. Zumal ein Mann, der seine Frau liebt, sie nicht vergewaltigt, wäre mir zumindest neu...Und ein Trauma heilt man sicherlich anders Passte auch nicht wirklich zu dem Charaker, aber es war ein sehr krasser "Überraschungseffekt", weil total nicht erwartbar. "Marnie" gehört aber tatsächlich zu meinen Hitchfaves...Mach glaub´auch mal ne Liste

                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Trotzdem spricht sie eigenartigerweise rückblickend positiv von ihm. Ich denke, eine gewisse Besessenheit und Dämonie steht man einem großen Künstler einfach zu
                      Vielleicht hat sie´s verdrängt Naja also auch als Künstler, sei man noch so Genie, sollte man den Respekt vor den Mitmenschen nicht verlieren und das beinhaltet auch Grenzen einzuhalten.

                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Da hast du recht, obwohl PSYCHO sicherlich der Humorloseste seiner Filme ist. Es gibt nur eine Szene, in der Hitchs schwarzer Humor durchkommt - das ist in der Szene, als die Frau im Laden nach einem schmerzlosen Mittel gegen Schneckenbefall fragt, da ja Tod schmerzlos sein soll.
                      Findest du? Dann hab´ich wohl nen sehr eigenartigen Humor *g* Muss ich mir wohl ernsthaft Sorgen machen

                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Ja, diese Szene wird praktisch jedes Mal rausgekramt, wenn über die psychologische Manipulationskraft des Mediums Film geredet wird.
                      *kramkramkruschtl* Hmm, auch das kann ich nicht beurteilen, ist das erste Mal, dass ich mich über Hitchcock mit jemand anderem austausche als mit meinem Dad...Aber ich find´die Szene ist vorallem Eines, sehr sehr lustig...
                      Can God create a puzzle so difficult,
                      a riddle so complex...
                      that even he can´t solve it?
                      What if that´s us?

                      Kommentar


                      • #12
                        Zitat von Mayaa Beitrag anzeigen
                        Hmm, auch das kann ich nicht beurteilen, ist das erste Mal, dass ich mich über Hitchcock mit jemand anderem austausche als mit meinem Dad...Aber ich find´die Szene ist vorallem Eines, sehr sehr lustig...
                        Da haben wir wohl tatsächlich einen unterschiedlichen Sinn für Humor

                        Das Schlimme ist ja, dass Hitchcock mittlerweile so oft kopiert wurde, dass sich nur noch wenige entsinnen könne, auf wen das alles zurückgeht.

                        Beispielsweise die Einleitungsszene von "Zurück in die Zukunft" ist ganz eindeutig eine Hitchcock-Sequenz: Die Kamera schwenkt über ein Set und Requisiten und erzählt dabei Sachverhalte, die ansonsten viel, viel länger und komplizierter zu erklären wären.

                        Diese Form der bildhaften Erzählung ohne Worte hat Hitchcock schon in einem seiner allerersten Filme, "The Lodger", angewandt. Es ist auffallend, mit wie wenig Texttafeln dieser Stummfilm von 1927 auskommt.

                        Hitchcock ist auch der Erfinder der langen Kamerafahrten. Eine erste, spektakuläre Kamerafahrt findet sich in seinem 1937er Werk "Young and Innocent".

                        Gruß,

                        Frank
                        "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                        "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                        (George Orwell)

                        Kommentar

                        Lädt...
                        X