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Alfred Hitchcock - Umfrage und Diskussion

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    #31
    Mein Lieblingsfilm von ihm sind die Vögel.
    Vielleicht, weil ich oft ganze Riesenschwärme von Rabenkrähen beobachte, und an den Film denken muß,.....ob so etwas Hitchcock inspiriert hat?
    Am Firmament der Greifer gleitet, durch Feld und Wald sein Herrscher schreitet. Sein Herrscher? Nun so scheint es wohl.
    Die Freiheit ists, die beide lieben, doch nur der Vogel kann sie fliegen. So reist in seinem Geiste mit: Der Falkner.

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      #32
      Naja, Vögel als Symbole des Chaos und der Unordnung, die in ein geordnetes Leben einbrechen, ziehen sich durch Hitchcocks gesamtes filmisches Schaffen.

      Die Wurzeln liegen zum einen in der englischen Tradition des "Bird watching", was in Hitchcocks Jugend ein beliebter Freizeitsport war, der zur festen Erziehung der höheren Kreise gehörte. Dabei werden die einzelnen Vogelarten sorgfältig beobachtet und kategorisiert.

      Zum anderen sind Vögel ein traditionelles Symbol für Gefahr und Unheil, vom Mittelalter bis in die viktorianische Kunst (man denke an Edgar Allen Poe und sein berühmtes Gedicht "Der Rabe"). Es gibt ein Gemälde von Sir Edward Burn-Jones mit dem Titel "Love and the Pilgrim":



      Wie man unschwer erkennen kann, dreht da ein bedrohlicher Vogelschwarm im Hintergrund seine Runden, während ein Engel der Liebe einem müden Pilger seinen Schutz anbietet, um ihn gefahrlos aus dem Dornendickicht zu geleiten.

      Das Gemälde gilt als eine von Hitchcocks Hauptinspirationen für den Film "Die Vögel", welcher ja im Grunde genommen kein richtiger Film (er hat keine richtige Erzählstruktur mit Anfang, Mitte und Ende), sondern so etwas wie visualisierte Lyrik ist. Federico Fellini hat "Die Vögel" mal als ein apokalyptisches Gedicht bezeichnet.

      Mit Sicherheit ist er Hitchcocks unzugänglichster und mysteriösester Film, der sich einem nur schwer erschließt. Der ganze Film ist im Grunde eine Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen Beziehungen und der Oberflächlichkeiten, von der sich die meisten dabei leiten lassen. Weil er ausschließlich auf symbolischer Ebene arbeitet, ist er nur schwer zu klassifizieren und wirkt teilweise bizarr.

      Es gibt viele hilflose Interpretationsversuche, die aber meistens die Bildersprache und die Dialoge vollkommen ignorieren. Fest steht nur eines: Die Struktur des Films wurde von Hitchcock genau durchgeplant. Er hatte wie immer nichts dem Zufall überlassen und in seinem Büro große Zettel an die Wand geheftet, auf denen die Kurven der Handlung und der Wechsel zwischen Action und Dialog grafisch dargestellt waren.

      Die Angriffe der Vögel folgen dabei einem strengen Muster: Sie kommen immer nur dann, wenn einer der Protagonisten sich gefühlsmäßig gegenüber einer anderen Person geoutet hat und dabei oberflächliches oder egoistisches Verhalten an den Tag gelegt hat.

      Die rätselhaften Vogelattacken haben also nichts mit einer Laune der Natur zu tun (oder sonstige mysteriöse Ursachen), sondern sind ganz einfach Metaphern oder Repräsentationen für das Untergraben zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Angriffe der Vögel fungieren quasi als Strafe für moralische Schwäche, Eitelkeiten und emotionale Oberflächlichkeit und treffen daher folgerichtig vor allem die Kinder, weil diese am meisten unter den moralischen Verfehlungen ihrer Eltern leiden müssen.

      Dabei werden die Attacken nach und nach immer heftiger. Erst wenn am Ende alle so erschöpft und fertig sind, dass für Oberflächlichkeiten und unterentwickeltes Gefühlsleben kein Platz mehr ist, sondern nur noch Wahrhaftigkeit zählt, "erlauben" die Vögel den Protagonisten, das Haus zu verlassen und wegzufahren, sozusagen auf Bewährung. Aus diesem Grund hat der Film auch kein "The End" und keinen Abspann am Schluss, sondern blendet einfach aus und hört auf.

      Man sieht also, dass dieser Film nicht ganz ohne ist, will man in seine Tiefen vordringen. Für eine genaue Detailanalyse müsste man ein ganzes Buch schreiben
      Zuletzt geändert von Laserfrankie; 22.06.2008, 01:58.
      "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
      "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
      (George Orwell)

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        #33
        Meine zwei Lieblingsfilme:

        "Vertigo" (1958) und "Rebecca" (1940)

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          #34
          Psycho war meiner Meinung nach sein bester Film.
          Die neu Versionen gefielen mir allerdings weniger.
          Aber auch "Die Vögel" fand ich richtig gut.
          Nur meistens können die Neuverfilmungen nie an das Original ranreichen.
          Ich lese keine Betriebsanleitung, ich drücke Knöpfe bis es klappt!

          Hoffnung kostet nichts, also können wir sie uns ruhig leisten.

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            #35
            Zitat von Zodiak Beitrag anzeigen
            Psycho war meiner Meinung nach sein bester Film.
            Die neu Versionen gefielen mir allerdings weniger.
            Aber auch "Die Vögel" fand ich richtig gut.
            Nur meistens können die Neuverfilmungen nie an das Original ranreichen.
            Es ist schon kein Zufall, dass sich bisher keiner ernsthaft an einem Remake eines Hitchcock-Films versucht hat. Im Kopieren ja aber im Neuverfilmen nicht.

            Das hat nur der Meister selber geschafft mit seinem eigenen Remake von "The Man who knew too much".
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              #36
              Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
              Es ist schon kein Zufall, dass sich bisher keiner ernsthaft an einem Remake eines Hitchcock-Films versucht hat. Im Kopieren ja aber im Neuverfilmen nicht.
              Genau. Das gewisse Etwas konnte eben nur Hitchcock hinzufügen.

              Er hat aus meistens mittelmäßien B-Romanen sehr gute Filme produziert. Die Storys an sich waren meist nicht das Innovative, sondern wie und mit welchen Mitteln sie erzählt wurden.

              Wenn man jetzt die Handlungen von damals nimmt und neu verfilmt, dann kann da nicht wirklich was besseres rauskommen als es Hitchcock gemacht hat.

              Ich sehe auch keinen Sinn darin. Die Filme sind Klassiker und für jede Generation zugänglich und zeitlos kurzweilig inszeniert. Zudem sehe ich mir lieber James Stewart und Co. an als 'irgendjemanden' in einm Remake - auch wenn jetzt Martin Campbell ("Casino Royale") eine Neuverfilmung von "Die Vögel" mit Naomi Watts in der Hauptrolle plant. Das könnte durchaus ein finanzieller Erfolg werden. Aber wer braucht das?

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                #37
                Vielleicht noch für diejenigen, die sich fragen, was denn eigentlich so besonders an Alfred Hitchcock war und warum er so ein großes Filmgenie war, hier noch eine kleine Ergänzung zu meinem Eingangsbeitrag:

                Wenn man sich heute eine DVD kauft, so wird man bei den meisten in den Bonus Features auf die Rubrik "Deleted Scenes" stoßen, in der Szenen zu finden sind, die gedreht wurden, es aber nicht in den fertigen Film geschafft haben.

                Auch gibt es ja mittlerweile die Mode des "Director's Cut", in der Filmemacher später nochmal Hand an ihren Film legen, ihn neu schneiden und ggfs. mit zusätzlichen Szenen aufpeppen.

                Sodann muss man sich mal vergegenwärtigen, wie normalerweise Filme gemacht werden. Das geschieht auf folgende Weise:

                Im Drehbuch steht eine Szene, der Regisseur geht diese mit seiner Crew und seinen Schauspielern durch und dann wird diese Szene so oft wiederholt, bis sie dem Regisseur gefällt oder er mehrere gute Versionen zur Auswahl hat. Der eigentliche Film wird dann im Schneideraum zusammengepuzzelt aus der Vielzahl der Möglichkeiten und erst im Schneideraum entscheidet sich, wie der fertige Film aussehen wird.

                Alfred Hitchcock arbeitete anders.

                Er hatte das unglaubliche Talent, bereits vorab den fertigen Film in seinem Kopf zu visualisieren, komplett mit allen Kameraeinstellungen und fertig geschnitten. Die Dreharbeiten erfolgten dann nach diesem Muster in seinem Kopf, das einer Bauanleitung für den Film glich.

                Dabei drehte Hitchcock immer nur genau so viele Szenen und so viel Material, wie er für den in seinem Kopf bereits fertigen Film brauchte (was manche Produzenten, die gerne mehr Einfluss auf die Filme gehabt hätten, zum Wahnsinn trieb). Er sorgte dafür, dass mit dem gedrehten Filmmaterial nur eine einzige Version des Films im Schneideraum entstehen konnte: Die in seinem Kopf.

                Konkret bedeutet das, dass jeder Hitchcock-Film ein Director's Cut ist, weil jeder Hitchcock-Film genau so ist, wie der Regisseur ihn haben wollte. Und es gäbe auch bei ihm keine "deleted Scenes", weil er einfach keine Szenen gedreht hat, die nicht im fertigen Film landeten. Hitchcocks Filme waren bereits fertig, bevor sie im Schneideraum ankamen. Sie mussten nur noch anhand der Bauanleitung in seinem Kopf fertig zusammengesetzt werden.

                Diese Arbeitsweise führte dazu, dass die eigentlichen Dreharbeiten für Hitchcock mehr oder weniger eine lästige Pflichtübung waren - der eigentliche Schaffensprozess (in seinem Kopf) war bereits vollendet, bevor die erste Szene im Kasten war. Oftmals langweilte sich Hitchcock bei den Dreharbeiten und es gibt die Anekdote, dass er beim Drehen von "Dial M for Murder" hin und wieder in seinem Regiestuhl einnickte.

                Als er 1955 "Der Mann, der zuviel wusste" neu verfilmte, saß er während der Dreharbeiten in Marrakesh mitunter gedankenverloren in seinem Regiestuhl und als er gefragt wurde, woran er gerade dachte, so antwortete er: "An meinen nächsten Film".
                "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                (George Orwell)

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                  #38
                  @Laserfrankie:

                  sehr schöne Ausführung.

                  Heutzutage arbeitet wohl Clint Eastwood genauso. Es gibt die Geschichte, dass es bei "Million Dollar Baby" am ersten Drehtag um 10 Uhr ein kleines Zusammenkommen mit Sektempfang geben sollte und dann um 12 Uhr die erste Klappe fallen sollte. Um 11:50 fiel dann die erste Klappe. Und nach einem Take war die Kamera für die nächste Einstellung um 11:54 schon umgestellt und die nächste Einstellung im Kasten.

                  So ging es dann über die ganzen Dreharbeiten hinweg. Und Eastwood vollendete den Film weit unter Budget. $30 Mio hatte er zur Verfügung. Er brachte den Film mit $19 Millionen über die Ziellinie. Und das auch noch einige Tage vor geplantem Drehschluss.

                  Und Marc Forster scheint auch ähnlich zu arbeiten. Hier ein Auszug aus einem Interview mit 007-Produzent Michael G. Wilson:

                  Marc Forster isn't your typical Bond director – was it a deliberate decision to find someone who doesn't have any action pedigree at all to focus more on character?

                  Wilson: I think we wanted exactly that. We wanted a director who would work with the actors and attract great actors. Marc is also incredibly well prepared. He's the most prepared director I've ever worked with. Every scene in the picture has been planned – he's put all the camera positions in even. Everyone on the crew looks like geniuses – no one ever looks bad – because everybody knows what the next shot is, everyone's preparing for the next shot. No one ever gets caught out. It's the most calm, friendly set that you've ever been on. It's amazing.

                  Quelle: MI6 News :: Producer Michael G. Wilson reveals some more tidbits on `Quantum of Solace`

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                    #39
                    Es ist immer schön, wenn ein Regisseur schon eine genaue Vorstellung davon hat, wie der fertige Film aussehen soll und nicht erst im Schneideraum merkt, dass noch ein Nachdreh erforderlich ist. Dazu ist es zunächst mal erforderlich, dass der Regisseur bereits beim Drehbuchschreiben involviert ist und das Script nicht erst dann zu sehen bekommt, wenn es fertig ist.

                    Hitchcock hat bei all seinen Drehbüchern sehr aktiv und entscheidend mitgewirkt (wird aber nie als Drehbuchautor genannt). Da er außerdem ein begnadeter Zeichner war, fertigte er für jede Szene detaillierte Storyboards an, die dann stets verblüffend genau mit dem fertigen Filmmaterial übereinstimmten. Er hatte diesen Instinkt genau zu wissen, was auf der Leinwand funktionierte und was nicht und wie es im Kino aussehen würde. Hitchcock war daher auch bekannt dafür, dass er nie durch die Kamera schaute und sich nie die Tagesaufnahmen ansah.

                    Natürlich hatte er außerdem das Glück, mit Schauspielern zusammenarbeiten zu können, die sich nicht nach jeder Szene auf einem Monitor ansehen mussten, wie gut sie denn waren
                    "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                    "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                    (George Orwell)

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                      #40
                      Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                      Hitchcock hat bei all seinen Drehbüchern sehr aktiv und entscheidend mitgewirkt (wird aber nie als Drehbuchautor genannt).
                      Genau das trifft auch auf Marc Forster in Bezug auf den neuen Bondfilm zu. Es gab Berichte, dass er sich mit Paul Haggis zusammengesetzt hat und das Drehbuch gemeinsam mit ihm entwickelt hat. Einen Credit wird er dafür trotzdem nicht bekommen.

                      Was mich an Hitchcock noch fasziniert, ist, dass er selbst Jahre später in jedem Interview jede einzelne Einstellung seiner Filme im Kopf hatte und genau erklären konnte, warum er dies oder jenes so oder so gemacht hat.

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                        #41
                        Zeit für die Vorstellung der nächsten drei Filme:


                        The 39 Steps/Die 39 Stufen (1935)

                        Der Kanadier Richard Hannay (Robert Donat), der sich in London aufhält, besucht eine Varietè-Vorstellung, in der plötzlich ein Schuss fällt, wodurch Panik ausbricht. Während alle Menschen zum Ausgang streben, spricht eine geheimnisvolle Brunette mit ausländischem Akzent (Lucie Mannheim) Hannay an und bittet ihn, sie zu beschützen. Die Dame stellt sich als Annabella Smith vor – offensichtlich nicht ihr richtiger Name – und behauptet, den Schuss abgegeben zu haben, um so ihre Verfolger abzuschütteln.
                        Hannay, angetan von der hübschen Frau und neugierig geworden, nimmt sie mit zu sich nach Hause, wo sie ihm eine anscheinend hanebüchene Geschichte erzählt: Ein ausländischer Spionagering, genannt „Die 39 Stufen“, sei im Besitz streng geheimer militärischer Dokumente und im Begriff, diese außer Landes zu bringen, was um jeden Preis verhindert werden müsse. Die Spione wären hinter ihr her, weil sie den Aufenthaltsort des Kopfes des Spionageringes kenne und wisse, woran man ihn erkennt: Ihm fehlt ein Teil eines Fingers. Daher wolle man sie töten.
                        Hannay glaubt ihr kein Wort, wird aber stutzig, als er aus dem Fenster blickt und auf der gegenüberliegenden Straßenseite verdächtige Personen herumlungern sieht. Irgendwann in der Nacht wacht Hannay durch ein Geräusch auf. Kurz darauf stürzt Annabell in sein Zimmer, mit einem Messer im Rücken. Bevor sie in seinen Armen stirbt, bittet sie ihn noch, nach Schottland zu reisen und zu verhindern, dass die Spione mit den erbeuteten Dokumenten ins Ausland fliehen können.
                        Um den Killern zu entkommen, flieht Hannay als Milchmann getarnt aus dem Wohnhaus und macht sich auf die Zugreise nach Schottland. Unterwegs erfährt er, dass die Polizei ihn als den Mörder von Annabell Smith sucht – sein Foto ist in allen Zeitungen. Es beginnt ein Versteckspiel mit der Polizei und ein Wettlauf gegen die Zeit, um „Die 39 Stufen“ daran zu hindern, mit wichtigen Militärgeheimnissen außer Landes zu gelangen. Als er schließlich dem Chef des Spionageringes gegenübersteht, muss er erschreckt feststellen, dass dieser ein angesehener Professor und scheinbar ehrenwerter Bürger ist, dem die Polizei mehr glaubt als ihm. Hannay bleibt erneut nur die Flucht, wobei er diesmal mit Handschellen an die hübsche Pamela (Madeleine Carroll) gefesselt ist, die ihn zuvor an die Polizei verraten hatte, und alles andere als begeistert von ihrem männlichen „Begleiter“ ist, bis sie sich schließlich von seiner Geschichte überzeugen lässt und ihm hilft.

                        „The 39 Steps“ ist Hitchcocks erstes filmisches Meisterwerk. Die Mühelosigkeit, mit der er hier durchaus ernste Themen zu einer Mischung aus Drama, Spionagekrimi und Komödie verwoben hat, hat ein gesamtes Genre begründet: „The 39 Steps“ war die erste Actionkomödie.
                        Der Film ist von einer erstaunlichen Zeitlosigkeit, was auch daran liegt, dass nie erwähnt wird, für welches Land der geheimnisvolle Spionagering arbeitet und auch sonst jegliche zeitgeschichtliche oder politische Andeutungen unterbleiben. Diese Zeitlosigkeit ist übrigens ein Markenzeichen aller seiner Filme: Keiner wirkt heutzutage altmodisch oder unzeitgemäß.
                        Mit „The 39 Steps“ jedoch fand Alfred Hitchcock endlich (nach 17 Versuchen) seinen eigenen Stil und legte damit den Grundstein für seine Vision und seinen späteren Ruhm. Das Thema des zu Unrecht Verfolgten, der auf der Flucht ist und auf eigene Faust seine Unschuld beweisen muss, findet sich seitdem häufig in Hitchcocks komischen Thrillern wieder. Die Helden gehen auf eine Odyssee, bei der sie auch mehr über sich selbst lernen und neue Perspektiven entdecken.
                        Auffallend bei „The 39 Steps“ ist das starke Motiv des Theaters: Der Film beginnt und endet in einem Varieté-Theater in London, der Held muss ständig in neue Rollen schlüpfen (Milchmann, Automechaniker, Politiker, frisch vermählter Ehemann), um der Polizei und den Spionen zu entgehen und überhaupt gibt es eine Vielzahl von Personen, die nicht die sind, für die sich ausgeben. Das alles steht symbolisch für den Abgrund zwischen Schein und Wirklichkeit, für die Unberechenbarkeit von Beziehungen und die Notwendigkeit von Vertrauen. Vertrauen und Betrug sind zwei der Hauptthemen in Hitchcocks Schaffenswerk.
                        Dabei kommt der Humor nicht zu kurz. Höhepunkt in dieser Hinsicht ist sicherlich, wie Hannay auf der Flucht vor der Polizei in ein Gebäude gerät, in dem gerade eine Wahlveranstaltung stattfindet und er für den Gastredner aus London gehalten wird. Die kurze Rede, die er dabei aus dem Stegreif halten muss, ist so zeitlos komisch, dass man sie einfach mal hier so losgelöst zeigen muss:

                        YouTube Video

                        Nach „The 39 Steps“ ging es mit Hitchcocks Karriere unaufhaltsam bergauf und sein Name wurde rasch zum Markenzeichen.


                        Sabotage (1936)

                        Der Londoner Polizei-Detective Ted Spencer (John Loder) ermittelt undercover als Gemüsehändler getarnt, um ein terroristisches Komplott aufzudecken, bei der wichtige Einrichtungen Londons sabotiert und zerstört werden sollen. Sein Gemüseladen befindet sich neben dem Kino von Karl Verloc (Oscar Homolka), der dieses Kino wiederum als Tarnung für einen Spionagering nutzt. Spencer verdächtigt Verloc, kann ihm aber nichts beweisen. Verloc lebt zusammen mit seiner jungen Ehefrau (Sylvia Sydney) und ihrem kleinen Bruder Stevie (Desmond Tester). Beide wissen nichts von Verlocs Doppelleben. Spencer versucht, von Mrs. Verloc Informationen über ihren Ehemann zu erlangen und verliebt sich dabei in sie. Als der kleine Stevie bei einer Bombenexplosion getötet wird und Mrs. Verloc herausfindet, dass ihr Mann dafür verantwortlich ist, nimmt das Drama seinen Lauf.

                        Es gibt Kritiker, die meinen, „Sabotage“ sei der beste Film aus Hitchcocks englischer Schaffensperiode. Er erreichte nie die Popularität von „The Man who knew too much“ oder „The 39 Steps“, was daran liegen mag, dass es ein sehr ernster, moralischer Film mit tragischer Note ist. Die Romanvorlage stammt übrigens von Joseph Conrad.
                        Der Film ist eine Studie über die dunklen Seiten der menschlichen Natur, über die Ungerechtigkeit und die Leiden Unschuldiger, die zwangsläufig durch politischen Terrorismus entstehen. Das Thema hat auch in unserer heutigen Zeit nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
                        „Sabotage“ ist voller genialer Regieeinfälle und Metaphern. Es würde zu weit führen, hier alles aufzulisten. Unter anderem vermischt Hitchcock in einer brillianten Sequenz Fiktion und Wirklichkeit, in dem er eine Vorschau auf einen realen Mord durch einem stilisierten Mord in einem Zeichentrickfilm zeigt, der auf der Leinwand in Verlocs Kino für Gelächter beim Publikum sorgt.
                        Lachen und Gelächter ziehen sich durch den ganzen Film, dienen als Trotzreaktion und als Metapher dafür, dass sich die Menschen auch durch die größten Greuel nicht den Spaß am Leben verderben lassen (eine erstaunliche Voraussicht in Bezug auf die Bombenangriffe auf London im 2. Weltkrieg).
                        Und dann ist da natürlich die Tatsache, dass Hitchcock den kleinen Stevie bei einer Bombenexplosion sterben lässt, ohne – wie sonst im Film üblich – diesen in letzter Sekunde zu retten. Zuvor wird Spannung aufgebaut: Stevie soll das Paket mit der Zeitbombe abliefern, lässt sich aber auf dem Weg zum Empfänger ablenken und aufhalten, während die Zeitbombe in dem Paket unter seinem Arm weiter tickt. Stevie nimmt den Bus und die Kamera schwenkt immer wieder im Vorbeifahren auf öffentliche Uhren,während der Junge mit dem kleinen Hund einer älteren Dame spielt. Dann, als die Zeit abgelaufen ist, explodiert tatsächlich die Bombe und tötet dabei Stevie, sowie alle anderen Fahrgäste.
                        Das ist vermutlich der Punkt, warum viele Zuschauer den Film damals verstörend fanden, die Konsequenz gibt „Sabotage“ aber heute wieder eine erschreckende Aktualität.


                        The Lady vanishes/Eine Dame verschwindet (1938)

                        Der Film erzählt die Geschichte der verwöhnten Iris Henderson (Margaret Lockwood), die ihre Winterferien in den Bergen eines fiktiven Balkanstaates verbracht hat und nun zurück nach London will, um dort ihren Verlobten zu heiraten, um anschließend ein Leben im Luxus und im Rahmen der feinen Gesellschaft zu leben.
                        Wie es der Zufall will, sitzt der Zug, mit dem sie fahren will, auf Grund widriger Wetterumstände einen Tag in dem Ort fest, in dem sich Margaret aufhält. Das einzige Hotel ist mit den gestrandeten Fahrgästen überfüllt, die alle mehr oder weniger genervt auf die Weiterfahrt warten.
                        Im Hotel lernt Iris die liebenswürdige Miss Froy (Dame May Whitty) kennen, die sich als Gouvernante und Musiklehrerin ausgibt, sowie den respektlosen, jungen Musikwissenschaftler Gilbert (Michael Redgrave), der sie mit Folklore um ihren Schlaf bringt.
                        Am nächsten Morgen wird Iris auf dem Bahnhof von einem fallenden Blumentopf am Kopf getroffen, woraufhin sie ohnmächtig wird. Sie erwacht in ihrem Abteil und sieht sich Miss Froy gegenüber, die sich rührend um sie kümmert und anschließend mit ihr im Speisewagen Tee trinkt.
                        Zurück in ihrem Abteil macht Iris ein Nickerchen. Als sie erwacht, ist Miss Froy spurlos verschwunden und keiner der Fahrgäste will sie jemals gesehen haben. Keiner glaubt Iris’ Beteuerungsversuchen, dass die alte Dame existiert. Ein mitreisender Gehirnchirurg äußert den Verdacht, der Schlag auf ihren Kopf habe bei Iris Halluzinationen verursacht. Einzig und allein Gilbert erklärt sich bereit, ihr zu helfen.

                        Der internationale Erfolg dieses wunderbar komischen Thrillers erregte endgültig die Aufmerksamkeit der Hollywood-Produzenten und veranlasste schließlich David O. Selznick, Hitchcock nach Amerika zu holen.
                        Ironie des Schickals ist es hierbei, dass „The Lady vanishes“ ein Projekt war, bei dem Hitchcock relativ spät einstieg. Normalerweise pflegte er seine Filme penibel vorzubereiten und das Drehbuch mit zu verfassen aber hier stieß er erst dazu, als die Besetzung komplett und das Drehbuch bereits fertig war, denn eigentlich war ein anderer Regisseur vorgesehen.
                        Dennoch gelang es ihm, dem Film eindeutig seinen Stempel aufzudrücken, indem er der Geschichte Glanzlichter und ein Motiv aufdrückte.
                        So kreierte dieser Film beispielsweise den Prototypen des steifen und spleenigen englischen Gentleman und wie er im Ausland auftritt – ein Klischee, auf das viele zukünftige Filmemacher dankbar zurückgriffen.
                        Obwohl „The Lady vanishes“ nicht so straff strukturiert und tiefschürfend ist, wie man es sonst von Hitchcock kennt, so hat sich dieser fröhlich-charmante Film jedoch zu einem zeitlosen Klassiker entwickelt und stellt einen der populärsten Hitchcock-Filme überhaupt dar.
                        Zuletzt geändert von Laserfrankie; 11.07.2008, 16:57.
                        "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                        "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                        (George Orwell)

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                          #42
                          Ich habe gerade gesehen, es gibt derzeit eine neue "Hitchcock Edition" auf DVD mit 2 oder gar 3 Filmen des Meisters für 9,95 Euro!

                          Besonders empfehlenswert ist natürlich die Doppel-DVD von "Das Fenster zum Hof" und "Vertigo": Amazon.de: Hitchcock-Collection: Das Fenster zum Hof / Vertigo (2 DVDs): Alfred Hitchcock: DVD

                          Zwei der besten Filme aller Zeiten für 9,95 Euro, das ist doch mal ein Wort

                          Gruß,

                          Frank
                          "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                          "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                          (George Orwell)

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                            #43
                            Zitat von Laserfrankie Beitrag anzeigen
                            Ich habe gerade gesehen, es gibt derzeit eine neue "Hitchcock Edition" auf DVD mit 2 oder gar 3 Filmen des Meisters für 9,95 Euro!

                            Besonders empfehlenswert ist natürlich die Doppel-DVD von "Das Fenster zum Hof" und "Vertigo": Amazon.de: Hitchcock-Collection: Das Fenster zum Hof / Vertigo (2 DVDs): Alfred Hitchcock: DVD

                            Zwei der besten Filme aller Zeiten für 9,95 Euro, das ist doch mal ein Wort

                            Gruß,

                            Frank
                            Und genau die hab ich mir auch grad zugelegt.
                            Hatte die Filme bislang nur ausm TV.

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                              #44
                              Sehr empfehlenswert auch diese Kombi: Amazon.de: Hitchcock-Collection: Psycho / Im Schatten des Zweifels (2 DVDs): Alfred Hitchcock: DVD

                              Gruß,

                              Frank
                              "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                              "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                              (George Orwell)

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                                #45
                                Heute ist der Geburtstag von Alfred Hitchcock, der am 13. August 1899 geboren wurde.

                                Er wäre heute 109 Jahre alt geworden...
                                "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
                                "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
                                (George Orwell)

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