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Meuterei auf der Bounty

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  • Meuterei auf der Bounty

    Ich habe mir gestern seit einigen Jahren wieder einmal die "Meuterei auf der Bounty"-Verfilmung von 1962 mit Marlon Brando als Fletcher Christian angeschaut. Eine sehr beeindruckende Verfilmung mit gutem Schauspiel und schönen Bildern. An viele Szenen kann man sich auch Jahre später noch erinnern, z.B. die Tanzeinlage von Kapitän Bligh oder als Fletcher Bligh ohrfeigt. Ein Klassiker wie er im Buche steht. Schade, dass so etwas heute nicht mehr produziert wird.

    Allerdings ist der Film auch ein Beispiel dafür, wie historische Ereignisse im Laufe der Zeit umgedeutet werden und sich diese Umdeutungen gegenüber der Realität verselbständigen. Unsere heutige, verzerrte Wahrnehmung der Ereignisse an Bord der Bounty geht ursprünglich auf die Verunglimpfung von Leutnant Bligh durch die Angehörigen der Meuterer zurück, die das Ziel verfolgten, die Ehre ihrer Familie reinzuwaschen. Auf sie geht die Darstellung von Bligh als Tyrann und Despot zurück. Während Bligh aus einfachen Verhältnissen stammte, unterhielten die Familien der Meuterer (die Christians und die Youngs) Kontakte in höhere Kreise und konnten so das negative Bild von Bligh entscheidend mitbestimmen.
    Da zur gleichen Zeit auch die Französische Revolution stattfand, wurden die Ereignisse an Bord der Bounty auch als Freiheitskampf interpretiert. Auch durch notwendige und weniger notwendige Vereinfachungen und Zuspitzungen in den Verfilmungen wurde das heutige Bild der Ereignisse an Bord fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

    Insgesamt haben damit Realität und Film damit nicht sehr viel miteinander zu tun:
    - Fletcher Christian war anders als in den Filmen nicht der Erste Offizier, sondern John Fryer. Christian war einer der Assistenten von Fryer.
    - Die Darstellung von Leutnant Bligh, dem Kommandanten der Bounty, ist völlig unrealistisch. Bligh war zu Beginn der Expedition gerade einmal 33 Jahre alt – und nicht über 50 Jahre, wie in den Verfilmungen suggeriert wird. Tatsächlich war Bligh war auch kein Despot oder sadistisches Schwein sondern ein sehr fürsorglicher Kapitän: Bligh war bekannt für eher milde Strafen, sorgte für eine ausgewogene Ernährung und er ersetzte das damals gängige Zwei-Schicht-System durch ein modernes Drei-Schicht-System. Die drei Besatzungsmitglieder, die auf Tahiti zu desertieren versuchten, wurden – anders als im Film – zur Strafe lediglich ausgepeitscht (anstatt sie vor das Kriegsgericht zu bringen).
    - Die Ursachen der Meuterei werden damit auch falsch dargestellt. Nicht der Sadismus von Bligh war Anlass für die Meuterei, sondern vermutlich ein komplexer Ursachenzusammenhang, der bis heute nicht eindeutig geklärt ist. Die Hinreise war vor allem geprägt durch Spannungen zwischen Bligh und Fryer. Auf dem Rückweg legte die Bounty einen Zwischenstopp auf den Tonga-Inseln ein, um Proviant aufzufrischen. Dabei wurden Ausrüstungsgegenstände des Schiffes von Einheimischen gestohlen, wofür Bligh Christian verantwortlich machte. Um das Diebesgut zurückzuerhalten, nahm Bligh Einheimische als Geiseln, gab sie jedoch wieder frei, weil er sich davon letztlich keinen Nutzen versprach. Dieses Hin und Her hat die Autorität von Bligh vermutlich stark geschwächt. Zur Meuterei kam es schließlich, als Bligh Christian beschuldigte, Kokosnüsse gestohlen zu haben und Christian dann im betrunkenen Zustand gemeinsam einigen Matrosen beschlossen hat, Bligh auszusetzen.
    - Die sechs männlichen Polynesier, mit denen die Bounty auf Pitcairn eintraf, wurden vermutlich unfreiwillig rekrutiert. Sie mussten sich drei Frauen teilen (während jeder der Europäer eine eigene Frau hatte) und wurden wie Sklaven behandelt. Der Konflikt eskalierte, als die Frau von einem der Meuterer starb und er sich eine der zu den männlichen Polynesiern gehörenden Frauen aneignete. In der folgenden Auseinandersetzung kamen fünf der Meuterer (darunter Christian) sowie alle männlichen Polynesier ums Leben. Fletcher Christian kam also nicht beim Versuch, den Sextanten von der brennenden Bounty zu retten, um, sondern wurde von den Polynesiern getötet

    In der Verfilmung von 1962 wurden aber auch einige Fakten korrekt dargestellt:
    - Bligh kommt im Film aus einfachen Verhältnissen und hat sich hochgearbeitet – anders als sein Gegenspieler Christian. Dies ist im Film der Anlass für mehrere Streitigkeiten zwischen den beiden.
    - Wie im Film versuchte Bligh auch in Wirklichkeit, Tahiti zunächst auf einer Route über Kap Hoorn zu erreichen, was auf Widerstand innerhalb der Crew gestoßen ist. Anders als im Film dargestellt, handelte Bligh hierbei jedoch auf Befehl der Admiralität.
    - Aufgrund der Ruhephase der Stecklinge musste die Bounty tatsächlich 5 Monate vor Tahiti verbringen. In dieser Zeit gingen einige Besatzungsmitglieder tatsächlich Beziehungen zu einheimischen Frauen ein, wie es im Film dargestellt wird.
    - Nach der Meuterei kehrte die Bounty nach Tahiti zurück, um die Crew mit den Frauen der Seeleute und einigen einheimischen Männern aufzufüllen.
    - Die Position der Insel Pitcairn war tatsächlich auf den Seekarten der Admiralität falsch eingezeichnet und bot so das perfekte Versteck für die Meuterer.
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  • #2
    Inwieweit nun Historie und Drehbuch tatsächlich nicht übereinstimmen, ist nicht so leicht zu ermitteln, da es nicht nur eine Vorlage in Buchform gibt. Zum anderen muss man auch die Laufzeit eines solchen Filmes berücksichtigen und so müssen dramaturgischen Kniffe benutzt werden.
    Eigentlich schaue ich jedesmal die Bounty-Verfilmungen im TV, egal ob mit Charles Laughton, Marlon Brando oder Mel Gibson, da es keine wirklich gute Umsetzung auf DVD gibt. Entweder nur in Mono oder gar nachkoloriert, gefällt mir alles nicht. Ansonsten sind es durch die Bank Spitzenfilme, stark besetzt und optisch gefällig...
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    • #3
      Zitat von burpie Beitrag anzeigen
      Inwieweit nun Historie und Drehbuch tatsächlich nicht übereinstimmen, ist nicht so leicht zu ermitteln, da es nicht nur eine Vorlage in Buchform gibt.
      Tatsächlich lässt das recht gut überprüfen, da die Ereignisse von damals recht gut überliefert sind. Es gibt Schiffslogbücher, die Aufzeichnungen des Gerichtsverfahrens, Berichte von Crewmitgliedern der Bounty und ihren Angehörigen aber auch wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema. Das letzte Besatzungsmitglied der Bounty ist immerhin erst 1834 gestorben – das ist in etwa der Jahrgang unserer Ur-Ur-Großeltern, also gar nicht sooo weit von der Gegenwart weg.

      Zitat von burpie Beitrag anzeigen
      Zum anderen muss man auch die Laufzeit eines solchen Filmes berücksichtigen und so müssen dramaturgischen Kniffe benutzt werden.
      Das stimmt, aber es ist durchaus legitim, darauf hinzuweisen, wenn historische Ereignisse verzerrt oder falsch wiedergegeben werden. Leutnant Bligh wird z.B. als sadistischer Despot darstellt, was er eben gar nicht war. Aber dieses Bild bestimmt eben nun einmal unsere Wahrnehmung von den Ereignissen an Bord der Bounty. Da im Film nicht darauf hingewiesen wird, dass es sich um eine sehr freie Interpretation der Ereignisse handelt, muss das eben in öffentlichen Foren wie diesem hier nachgeholt werden.

      Zitat von burpie Beitrag anzeigen
      Eigentlich schaue ich jedesmal die Bounty-Verfilmungen im TV, egal ob mit Charles Laughton, Marlon Brando oder Mel Gibson, da es keine wirklich gute Umsetzung auf DVD gibt.
      Ich habe mir letzte Woche diese Version der Brando-Verfilmung geholt und bin sehr zufrieden:
      Meuterei auf der Bounty (Premium Edition, 2 DVDs): Amazon.de: Marlon Brando, Trevor Howard, Richard Harris, Bronislau Kaper, Lewis Milestone: DVD & Blu-ray
      Da merkt man bildtechnisch eigentlich kaum Unterschiede zu einem aktuellen Film.
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