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Die "Tintenwelt-Trilogie" von Cornelia Funke

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  • Die "Tintenwelt-Trilogie" von Cornelia Funke

    ACHTUNG! ES KÖNNTEN SPOILER FOLGEN!!

    Nachdem Cornelia Funkes "Tintenwelt-Trilogie" nun abgeschlossen ist und demnächst eine Verfilmung des ersten Buches in die Kinos kommt, ist es vielleicht Zeit, ein Gesamtfazit für diese Fantasy-Trilogie zu ziehen.

    Vorausschicken möchte ich, dass ich völlig unbedarft an die Bücher herangegangen bin, ohne vorherige Kenntnis der Handlung.

    Es dauerte also bis zur Mitte des ersten Buches, bis ich eine Ahnung davon bekam, worum es eigentlich geht. Bis dahin fragte ich mich, ob das Ganze in Richtung Kriminalroman oder in Richtung Fantasy geht, denn außer subtilen Anspielungen (der gehörnte Marder) gibt es zunächst keinerlei Hinweis darauf, dass da irgendwelche fantastischen Elemente eine Rolle spielen.

    Ab der zweiten Hälfte kommt das Buch dann gut in Fahrt und die in sich abgeschlossene Handlung des ersten Teils wird recht zufriedenstellend zu Ende geführt, obwohl sich schon hier zeigt, dass das Happy End nicht hundertprozentig happy ist.

    Überhaupt durchzieht die drei Bücher eine tragische Note wie ein roter Faden. Zunächst vor allem durch die Tatsache, dass Meggies Mutter 10 Jahre verschwunden ist und durch all die Hintergründe und Umstände, die in diesem Zusammenhang nach und nach ans Licht kommen. Tragisch auch, dass Meggie bis zum Ende der Trilogie kein wirklich inniges Verhältnis zu ihrer Mutter aufbauen kann - eben weil sie ohne sie aufgewachsen ist. Die Bindung zu ihrem Vater ist und bleibt immer wesentlich stärker. Funke stellt teilweise sehr deutlich dar, dass Meggie das Schicksal ihrer Mutter im Grunde mehr oder weniger egal ist, wenn es darum geht, ihren Vater zu retten, und dass die wahre Mutterfigur Meggies Tante Elinor ist.

    An sich hätte es auch gereicht, es bei dem ersten Buch zu belassen aber ich denke, Cornelia Funke konnte einfach nicht der Versuchung widerstehen, den Faden weiterzuspinnen und im zweiten Teil die Protagonisten dann in die Tintenwelt zu schicken.

    Die Abenteuer, die sie dort erleben, sind recht düster, schmerzvoll und weitestgehend glanzlos - auch hier dominieren die Tragik und die Dramatik aber immerhin gibt das Ende Anlass zu der Hoffnung, dass der dritte Teil für alle doch noch zu einem wirklichen Happy End führt.

    Aber dem ist nicht so. Funke hat ihr Konzept auch im dritten Buch duchgehalten und es als das Düsterste und Tragischste von allen dreien angelegt.

    Die Hauptthemen im dritten Teil sind Entfremdung und Egoismus. Jede der Handlungspersonen agiert sehr egoistisch und denkt kaum an die Konsequenzen für die ihnen nahe stehenden Freunde und Familienmitglieder. Das geht soweit, dass man sich mitunter als Leser selbst von den Figuren entfremdet und sich schwer damit tut, mit den Charakteren Mitgefühl oder Sympathie zu empfinden. Man merkt geradezu schmerzhaft, dass da durch die Veränderungen in den Handlungspersonen etwas zerbricht im Zusammenhalt der Familie. Etwas, das wohl nie wieder ganz gekittet werden kann.

    Zwar finden am Ende wieder alle zusammen und leben auch in gewissem Maße in Harmonie miteinander aber die seelischen Wunden, die sie sich gegenseitig geschlagen haben, bleiben. So bleibt doch ein bitterer Nachgeschmack - denn alle haben sich verändert, sind nicht mehr die gleichen Menschen wie zuvor, und ein gewisses Maß an Entfremdung bleibt bestehen. Das wird am Meisten durch Resas Verwandlungen am Ende deutlich, die man ruhig als Metapher verstehen kann.

    Das Ende ist - offen. Cornelia Funke hat es erneut vermieden, alle Handlungsfäden zu Ende zu stricken und für alle Charaktere ein befriedigendes Ende zu finden. So bleibt abzuwarten, ob es nicht doch noch einen vierten Teil geben wird aber ich denke eher nicht.

    Insgesamt kann man der Trilogie wohl einen groß angelegten Eskapismus bescheinigen. Die Art und Weise, wie die Tintenwelt trotz all ihrer Schrecken romantisiert wird, lässt erahnen, dass da Funke selber gerne leben würde. Aber würde man wirklich als in unserer modernen Zivilisation aufgewachsener Mensch in einer mittelalterlichen Gesellschaft sein Leben fristen wollen - mit allem was dazugehört? Also der primitiven Gesellschaft, dem Gestank, der mangelnden Hygiene, des harten Alltags? Offenbar bewusst spart Funke all diese Faktoren aus, zu Gunsten eines letzten Endes (zu) stark idealisierten Bildes ihrer Tintenwelt.

    Man kann nur erahnen, wie schwer das Leben für die Protagonisten in solch einer mittelalterlichen Welt sein wird. Ich finde es jedenfalls unglaubwürdig, dass die Charaktere sich am Ende nicht wieder nach ihrer eigenen Welt zurücksehnen, in der sie ja nun weiß Gott kein schlechtes Leben hatten. Vielleicht fehlte hier Cornelia Funke der letzte Wille und die Entschlusskraft, von ihrem Eskapismus abzulassen und ich glaube, da ist die Romantik ein wenig zu sehr mit ihr durchgegangen.

    Aber wer weiß - vielleicht gibt es ja doch noch einen vierten Teil? Das wäre zu hoffen, denn diese Geschichte fesselt einen schon sehr und ist auch hervorragend geschrieben.

    Wer Fantasy mit einem gehörigen Schuss Tragik mag, für den ist die "Tintenwelt-Trilogie" ein Muss.

    Gruß,

    Frank
    "Wenn das deutsche Fernsehen ein Pferd wäre, hätte man es schon längst erschossen" (Oliver Kalkofe)
    "Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann ist es das Recht Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen"
    (George Orwell)
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