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Jack Reacher-Romane von Lee Child

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  • Jack Reacher-Romane von Lee Child

    Einer meiner Lieblingsfilme des Jahres 2013 war „Jack Reacher“, ein Krimi-Thriller rund um einen Ermittler mit sehr eigenem Charakter – dargestellt von Tom Cruise – der eher zufällig in eine Fall verwickelt wird, der für ihn nur am Beginn eindeutig erscheint. Die Geschichte des Films basiert auf Lee Childs 9. Jack-Reacher Roman „Sniper“ (Originaltitel „One Shot“), aber da mir der Film so gut gefallen hat, habe ich beschlossen, zumindest mal den ersten Roman der Reihe (die ab Herbst 2014 schon 19 Bücher umfassen wird) zu lesen – wenngleich Krimis nicht unbedingt mein favorisiertes Genre sind. Und auch „Größenwahn“ hat mich mitunter an diesen Umstand erinnert.

    Rezension: „Größenwahn” – Ein Jack-Reacher-Roman

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    Wer ist Jack Reacher? Nun, das erklärt der Roman schon sehr bald, denn Reacher wird in einer Kleinstadt in Georgia kurz nach seinem Eintreffen verhaftet und ihm wird ein Mord auf einem Lagerhauskomplex innerhalb der Gemeindegrenzen von Margrave vorgeworfen. Obwohl er nachweislich zum Zeitpunkt des Mordes noch gar nicht in der Stadt war, muss er der Polizei Rede und Antwort stehen, wobei der Leser Folgendes über den “Helden” dieser Geschichte erfährt:

    Bis vor 6 Monaten war der inzwischen 36jährige Jack Reacher Militärpolizist bei der U.S. Army, hat fast sein ganzes Leben auf Stützpunkten in aller Welt verbracht und genießt nun erstmals in seinem Leben Freiheit und reist mehr oder weniger ziellos durch die Vereinigten Staaten. Kein fester Wohnsitz, kein Gepäck, nur per Bus quer durchs Land unterwegs und immer spontan bei der Auswahl seiner Zwischenstopps. Den Zwischenstopp in Margrave hätte er sich jedoch gerne erspart, wenn er gewusst hätte, dass er ein Wochenende in U-Haft verbringen muss – zusammen mit einem anderen Tatverdächtigen aus der Gegend, der Reacher aber keineswegs wie ein Mörder vorkommt. Stattdessen – auch zwangsläufig, da sie sich eine Zelle teilen müssen – bekommt Reacher von seinem Co-Insassen einiges zu hören, was er gar nicht hören will. Nämlich dass der Mann – sein Name ist Paul Hubble, der bei einer Bank in Atlanta arbeitet – tatsächlich Dreck am Stecken hat, wenn auch nicht freiwillig. Ohne zu konkret zu werden – was Reacher auch recht ist, denn Reacher will im Grunde nur seine Ruhe – erzählt Hubble, dass er in einer großen Sache verwickelt ist, ein gewaltiger Coup, an dessen Beteiligung er jedoch gezwungen wird, denn seine Familie wird bedroht. Nach diesem Wochenende ist Reacher das alles schon egal und er will schon weiterziehen, doch ehe er die nächste Bushaltestelle ansteuern kann, kommt eine Tatsache ans Licht, mit der Reacher nicht gerechnet hätte. In dieser Kleinstadt namens Margrave, etwas auswärts von Atlanta gelegen, kreuzen sich nach vielen Jahren die Wege von Jack Reacher und seinem Bruder Joe. Denn Jack Reacher ist auf der Durchreise und Joe die Leiche, die bei den Lagerhäusern gefunden wurde. Dem nicht genug verschwindet Paul Hubble nach der Entlassung aus der U-Haft spurlos und der Polizeichef von Margrave und dessen Frau werden bestialisch hingerichtet in ihrem Haus aufgefunden. Ein Fall, der Reacher bis dato überhaupt nicht interessiert hat, wird nun zur Besessenheit des akribischen Ermittlers und ihm fallen spontan weitere Merkwürdigkeiten in dieser Kleinstadt auf, in der der Lagerhausbesitzer alles im festen Griff zu haben scheint und mit dem Geld nur so um sich wirft – wie eigentlich jeder in diesem verschlafenen Nest! Woher stammt dieser sonderbare Wohlstand, über dessen Ursprung niemand etwas verraten will? Und steht er in Zusammenhang mit dem großen Coup, von dem John Hubble gesprochen hat und der laut dessen Behauptung nur noch innerhalb einer Woche aufgedeckt werden kann? Fragen über Fragen und wann immer Reacher eine willige Auskunftsperson gefunden zu haben scheint, taucht diese kurz darauf als Leiche wieder auf.

    Fazit: Vorweg sei gesagt, dass Lee Child den Roman aus Jack Reachers Ich-Perspektive geschrieben hat. (Was nicht auf alle Reacher-Romane zutrifft.) Ich persönlich finde diese Perspektive nicht besonders aufregend, würde auch nie einen Roman aus dieser Sicht schreiben, für einen Krimi ist es aber wahrscheinlich gar nicht schlecht gewählt, da man als Leser auch nie mehr Informationen erhält als der Ermittler. Etwas problematisch – und gleichzeitig interessant – ist, dass der Schreibstil natürlich der beschreibenden Person angepasst ist. Und Jack Reacher ist ein sehr wortkarger Mann, der direkt oftmals nur durch Schweigen und Schulterzucken kommuniziert. Entsprechend angepasst kurz, direkt und schmucklos sind ein Großteil der Sätze in diesem Roman. Wie gesagt passt dies perfekt zum Charakter dieses Ermittlers, ist aber nicht so schön zu lesen. So richtig in einen Lesefluss kommt man nicht, eigentlich bietet Lee Child dem Leser dadurch zu oft die Möglichkeit, aus der Geschichte auszusteigen. Und davon habe ich auch öfters Gebrauch gemacht. Selten, dass ich mal mehr als eine Stunde durchgehend mit diesem Buch verbracht habe, denn so wirklich spannend wird die Geschichte auch erst ab ca. der Mitte. Davor beschränkt sich viel auf rein distanzierte Beobachtung und viele Details, die für sich gesehen zwar nicht relevant sind, in ihrer Anhäufung aber in der zweiten Hälfte wichtig werden.

    Die Ich-Perspektive bei einem nicht gerade auskunftsfreundlichen Charakter wie Jack Reacher hat noch einen weiteren Nachteil: Man erfährt nicht, was andere Leute über ihn denken. Reacher selbst ist das nämlich egal. Dabei ist Reacher selbst auch mit ein Grund, warum mir der Kinofilm so gut gefällt, Reacher ist nämlich schwierig auszumachen. Äußerlich gelassen, fast gleichgültig, präsentiert sich aber hochintelligent und zu Deduktion à la Sherlock Holmes fähig, wenn er erst einmal an einer Sache interessiert ist. Und er scheut auch nicht davor zurück, seine kämpferischen Fähigkeiten, die er beim Militär erlernt hat, einzusetzen. Während Reacher durchaus einen Hang zur Brutalität besitzt, kann er auch durchaus charmant sein. Es gibt einige Gegensätze bei diesem Charakter, die ihn im Film für mich interessant gemacht haben. Im ersten Roman gelingt das eher nicht. Man erfährt halt viele Fakten, bekommt aber nur wenige subjektive Eindrücke.

    Der Fall selbst ist mit Leichen gepflastert und Lee Child scheut auch nicht vor unschönen Details zurück. Die Auflösung – warum diese Leute sterben mussten und welches Geheimnis die Verbrecherorganisation in Margrave verheimlichen wollte – ist dann nicht die ganz große Offenbarung, weil sie nicht ganz originell erscheint. Zugegeben: Bis zur Offenbarung selbst bin ich auch nicht auf die Idee gekommen, aber als ich sie las, kam sie mir schon bekannt vor. Lee Child ist aber hier auch sehr ehrlich und lässt Reacher sogar anmerken, dass der Coup gar nicht originell ist. Ein Pluspunkt ist jedenfalls der Schluss, wenn auch Aktionen gesetzt werden und Reacher selbst in Bedrängnis kommt – und schließlich zum Kollateralschaden reichen Gegenschlag.

    Bewertung: Für mich ist der Roman etwas schwer zu bewerten, da ich wie gesagt ja nicht unbedingt ein Fan des Krimigenres generell bin. Wahrscheinlich werden sich Genrefans schon früher in die Handlung einfühlen können. Mir gelang dies erst ab der spannenderen zweiten Hälfte, während der Beginn doch etwas mühsam zu lesen war. Schade, vor allem im Vergleich zur Geschichte, die die Verfilmung von „Sniper“ bot, war ich von „Größenwahn“ nicht besonders beeindruckt. Daher gebe ich nur 3 von 6 Sterne. Aber die Reihe an sich habe ich deshalb noch nicht abgeschrieben. Ich werde als nächstes jedenfalls eine Reacher-Geschichte lesen, die nicht aus Reachers Ich-Perspektive erzählt wird. Vielleicht hilft das.

    Anmerkung: Wer Krimis/Thriller im Kinoformat mag, dem lege ich den Film „Jack Reacher“ wirklich ans Herz. Er war für mich eine der Kinoüberraschungen des Jahres 2013. Wenngleich Fans der Romane zwar nicht begeistert darüber waren, dass mit Tom Cruise ein Schauspieler die Titelrolle spielte, der den äußerlichen Beschreibungen Reachers in den Romanen überhaupt nicht entspricht, ist „Jack Reacher“ ein sehr spannender Film und Cruise spielt diesen zwiespältigen „Helden“ wirklich hervorragend und interessant. Als ich den Film erstmals sah, hatte ich natürlich noch keinen der Romane gelesen, also bin ich recht unbefangen an den Film herangegangen.

    Hier der Trailer zum Kinofilm (der wie gesagt nicht auf "Größenwahn" basiert, sondern auf dem 9. Roman "Sniper":

    Jack Reacher - Trailer 2 (Deutsch | German) | HD | Tom Cruise - YouTube

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  • #2
    Ich war von der DVD ebenfalls sehr positiv überrascht.
    Aus der überraschend umfangreichen Buchreihe hat mich aber nur ein Titel sehr angesprochen: "Ausgeliefert" - da geht es um hinterwändlerische, rechtradikale Terroristen innerhalb der USA.

    Wenn ich mich aber noch korrekt dunkel an das Werk erinnere, war Reachers Aufräumaktion in etwa mit der im Film gegen Ende vergleichbar. Ich vermute mal, das ist charakteristisch für die Romane.

    Die anderen werden sich wohl zu einem guten Teil auch qualitativ hochwertig verfilmen lassen. Bin gespannt, was da noch so kommt. Gerne auch mit Tom Cruise, obwohl seine privaten Angelegenheiten (Scientology) mir doch missfallen.

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    • #3
      Zitat von Remontoire Beitrag anzeigen
      Ich war von der DVD ebenfalls sehr positiv überrascht.
      Aus der überraschend umfangreichen Buchreihe hat mich aber nur ein Titel sehr angesprochen: "Ausgeliefert" - da geht es um hinterwändlerische, rechtradikale Terroristen innerhalb der USA.
      Danke für den Tipp! "Ausgeliefert" ist ja ohnehin der zweite Roman der Reihe, werden den bald mal in Angriff nehmen. (Auch wenn man die Reacher-Romane lt. meinen Recherchen so ziemlich in wahlloser Reihenfolge lesen kann.)

      Wenn ich mich aber noch korrekt dunkel an das Werk erinnere, war Reachers Aufräumaktion in etwa mit der im Film gegen Ende vergleichbar. Ich vermute mal, das ist charakteristisch für die Romane.
      Ja, ich nach Film und "Größenwahn" kann ich mir da schon vorstellen, dass ein großer Showdown zum Programm gehört. Aber soll mir recht sein, wenn er gut und spannend geschrieben ist. (Wirkt wahrscheinlich auch besser, wenn dieser Showdown dann aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, sondern die Gegner erst einmal rätseln, was Reacher vorhat.)

      Die anderen werden sich wohl zu einem guten Teil auch qualitativ hochwertig verfilmen lassen. Bin gespannt, was da noch so kommt. Gerne auch mit Tom Cruise, obwohl seine privaten Angelegenheiten (Scientology) mir doch missfallen.
      Mich interessieren seine privaten Angelegenheiten einfach nicht und daher stören sie mich auch nicht, wenn ich einen Film mit ihm sehe. Ich sehe Filme, in denen er mitspielt weder trotz noch wegen seiner Beteiligung, aber ich stelle schon fest, dass ich in meiner Filmsammlung doch verhältnismäßig viele Filme habe, in denen er mitspielt. Er scheint also generell mit der Auswahl seiner Filme meinen Geschmack zu treffen. Soweit ich die Gerüchte kenne, ist ein zweiter Jack Reacker-Film bereits geplant, der auf dem l18. Roman "Never go back" (noch nicht auf Deutsch erschienen) basieren soll.

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      • #4
        Ich habe selbst auch einige Tom Cruise-Filme hier stehen, aber letzten Endes ist der Kerl mir eben privat nicht so sympathisch wie er sein könnte. Im Gegensatz zu manchen Mädels in meinem Bekanntenkreis kann ich jedoch differenzieren und lehne ihn nicht gleich vollends ab. Er spielt schon gut.

        In jedem Fall viel Spaß beim zweiten Roman. Ich sollte ihn auch nochmals lesen und finde, gerade weil die Teile eher unabhängig voneinander sind, muss man in der Tat nicht alle auf der Pfanne haben bzw. chronologisch lesen. Die Impression habe ich auch gehabt, als ich nur den 2. Teil gelesen habe.

        Dass ein 2. Film kommt, habe ich auch schon im Web gelesen. Ich freue mich ebenfalls darauf und werde ihn mir dann wieder auf Scheibe holen.

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        • #5
          Rezension: „Ausgeliefert” – Ein Jack-Reacher-Roman

          Zur falschen Zeit am falschen Ort. Das ist Ex-Militärpolizist Jack Reacher kurz bevor er sein zweites großes Abenteuer als Zivilist erlebt. Dabei wollte er nur einer ihm zuvor unbekannten Frau beim Tragen ihrer Kleider behilflich sein, die auf einer Krücke gestützt eine Wäscherei verlässt. Ganz plötzlich findet sich Reacher von bewaffneten Männern umzingelt, die ihn und die Frau im wahrsten Sinne des Wortes einfach einkassieren und im Laderaum eines Lieferwagens eingesperrt von Chicago aus durch die halbe USA verfrachten. Sofort ist Reacher klar, dass er wirklich einfach Pech gehabt hatte, dieser Frau an diesem Tag zu begegnen. Denn nicht er sollte entführt werden, sondern die Frau – Holly Johnson – die nicht nur eine herausragende FBI-Ermittlerin ist, sondern auch andere Vorzüge für Geiselnehmer zu bieten hat. Welche das sind, will sie selbst Reacher – ihrem einzigen Verbündeten in dieser verzwickten Situation – nicht sofort preisgeben.

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          Das Ziel ihrer Odyssee könnte sich von Chicago nicht größer unterscheiden. Nicht in einer pulsierenden Großstadt kommen sie an, sondern in einem grünen, bewaldeten Tal in Montana. Beinahe gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten will dort eine Hundertschaft von irren Milizionären einen eigenen Staat gründen und den USA eine Lektion erteilen. Holly Johnson wird in einen mit Dynamit vollgepackten Raum gesperrt, während Reacher vom verrückten Anführer der Milizionäre als Botschafter eingespannt wird, der seine Botschaft in die Welt tragen soll. Unnötig zu erwähnen, dass Reacher keine große Lust darauf hat und lieber seine Flucht plant – aber nur mit Holly.

          Fazit: Der zweite Jack-Reacher-Roman von Lee Child ist schon mehr nach meinem Geschmack. Der erste Roman „Größenwahn“ (dessen deutscher Titel auf den zweiten Roman besser gepasst hätte) war eindeutig dem Krimi-Genre zuzuordnen. Viel Nachforschung, viele Reisen von einem Ort zum anderen um Befragungen vorzunehmen. „Ausgeliefert“ ist hingegen ein reiner Thriller nach dem Muster von „Stirb Langsam“. Mehr oder weniger auf sich allein gestellt muss Reacher mit schwer bewaffneten Terroristen auf einem relativ kleinen Areal zurechtkommen, dank seiner Ausbildung am Leben bleiben und die Pläne der irren Milizionäre verteilten bzw. diese überhaupt erst herausfinden. Das ist über weite Strecken des Romans sehr spannend. Trotzdem finde ich ihn angesichts der sehr geradlinigen Handlung mit über 500 Taschenbuchseiten aber eindeutig zu lang. Vielleicht etwas kompakter, so rund 100 Seiten kürzer, und der Roman hätte wohl die perfekte Länge gehabt und das Spannungsniveau durchgängig hochhalten können. Die ausufernden Gewalt und Action-Szenen beschreibt Lee Child ziemlich detailliert. Solche Sequenzen, die sich auf Handlung einer einzelnen Person – meistens Reacher – beschränken, empfand ich als recht langatmig, aber ich hatte durchaus den Eindruck, dass Child hier sehr bewusst dem entgegengesteuert hat und Reacher immer wieder Weggefährten, mit denen er einen Dialog führen konnte, an die Seite stellt. Im Dialog entfaltet sich auch ein Mindestmaß an Humor. Aber es hätte durchaus mehr sein dürfen. (Speziell im Vergleich zur bisher einzigen Verfilmung eines Jack-Reacher-Romans merkt man, dass es in den ersten beiden Romanen deutlich weniger erheiternde Dialoge gibt.)

          Was „Ausgeliefert“ ebenfalls über „Größenwahn“ stellt, ist der verwendete Erzählstil. Lee Child berichtet nicht mehr aus Reachers Ich-Perspektive. So erfährt man auch, was andere Charaktere über ihn denken. Kurioserweise gibt dennoch Reacher selbst das meiste über sich preis. Denn ein spannender Aspekt der Geschichte ist, dass Reacher vom Großteil der Protagonisten völlig falsch eingeschätzt wird. Dank eines völlig fehlinterpretierten Überwachungsvideos aus der Wäscherei halten FBI und Militär Reacher sogar für den Anführer des Trios, das Holly entführte. Reachers an sich ja positive Eigenschaft, mit jeder sich auftuenden Situation rational umzugehen und die Ruhe zu bewahren, wird ihm hier sogar zum beinahe tödlichen Verhängnis!

          Neben der Länge des Romans (ich habe fast einen Monat gebraucht, bis ich durch war) und dem sehr reduzierten Humorgehalts, gibt es noch einen dritten negativen Punkt in der Erzählung dieser an sich ja ganz spannenden Geschichte: US-Pathos! Es sind nur zwei kurze Stellen, die mir als Nicht-Amerikaner aber die Galle hochkommen lassen.

          Nämlich vor allem einmal, wenn Jack Reacher eine Aussage tätigt, die absolut nicht zum Charakterbild zu passen scheint und wirkt, als sei sie nur zur Besänftigung der amerikanischen Leserschaft gedacht. Fassen wir mal zusammen: Er ist ein ehemaliger Militärpolizist, der auf der ganzen Welt, einschließlich zivilisierter Gegenden wie England und Deutschland, gedient hat. Sein ganzes Leben lang hat er kaum Zeit in den USA verbracht und wenn dann auch hauptsächlich auf Militärbasen. Jetzt ist er im Ruhestand und reist durch die USA, um das Land überhaupt einmal kennenzulernen, dem er als Soldat gedient hat. Und dieser Mann, der die ganze Welt kennt aber die USA kaum und der innerhalb weniger Monate als ZIVILIST innerhalb der Staatsgrenzen der USA schon ganze ZWEIMAL in lebensbedrohende Situationen schlittert, erdreistet sich zur Aussage: „In Amerika ist es besser als überall sonst. Ich weiß das, weil ich überall gewesen bin.“

          In diesem Moment wandelt sich das Bild des Jack Reacher plötzlich vom erfahrenen, gelassenen und weltoffenen Mann hin zu einem indoktrinierten Soldaten, der vielleicht außerhalb der USA auch mal seine Militärbasis hätte verlassen sollen, damit er weiß, wovon er redet. Gerade in Kombination mit der zweiten Szene – wenn dem FBI-Chef von einem Mitarbeiter des Präsidenten im Weißen Haus Umfrageergebnisse zum Thema „Miliz“ mitgeteilt werden – kann ich nur den Kopf schütteln. Ich will gar nicht darüber philosophieren, ob es in der Realität so ist. Aber das fiktive Weltbild, das Lee Child hier zeichnet, wirkt verheerend. Ein Land, in dem zwischen 12 und 66 Millionen Menschen nicht für die Regierung sondern für bewaffnete Volksheere die Partei ergreifen würden, wo angeblich ganze Countys von Milizen kontrolliert würden und ein Verrückter es in Montana schafft, gleich die Führerschaft über mehrere Milizen an sich zu reißen die der US-Armee auf amerikanischem Boden nicht wenig Kriegsmaterial abnehmen kann, wird von Jack Reacher – der nach eigenen Worten überall war – als bester Ort auf der Welt angesehen. Wie übel muss diese Welt sein, von der Lee Child hier schreibt? Die reale kann es nicht sein und ich denke, dass ich nicht alleine mit der Ansicht dastehe, wenn ich sage, dass ich lieber hier in meinem schönen mitteleuropäischen Land bleibe, als in dieses fiktive (?) und ach so tolle Amerika umzuziehen. (Lee Child – gebürtiger Brite – ist übrigens in die USA ausgewandert.)

          Bewertung: Vielleicht ist es kleinlich von mir. Aber die zuletzt beschriebenen Passagen im Buch demontieren den Charakter Jack Reacher für mich nachhaltig. Im Film „Jack Reacher“ (basierend auf dem 9. Reacher-Roman) brillierte der Charakter noch als hochintelligenter Ermittler mit ausgeprägten kämpferischen Fähigkeiten, aber einem Sinn für Fairness und trockenem Humor. In „Ausgeliefert“ findet man davon nichts. Entweder hat Lee Child später noch ordentlich an dem Charakter und an den Situationen, in die er ihn bringt, gefeilt. Oder Drehbuchautor Christopher McQuarrie hat einen wesentlich besseren Charakter geschrieben als dessen Erfinder.

          Die Thematik von „Ausgeliefert“ ist ja grundlegend sehr interessant. Die Bösen sind herrlich psychopathisch. Der Schreibstil hält die Spannung über weite Strecken auf hohem Level, was für einen hohen Unterhaltungswert spricht. Normalerweise würde ich dem Roman ja 5 Sterne geben. Aber die erwähnten Passagen können wohl nur Amerikanern oder eingefleischte Fans des „American Way of Life“ gefallen. Weil hier Child offenbar zu sehr auf seine amerikanische Leserschaft abzielt und weil die ärgerlichste Passage auch noch völlig unnötig ist bzw. leicht relativierbar gewesen wäre, gibt es einen Stern Abzug. 4 Sterne gibt es für „Ausgeliefert“, das damit aber immer noch von mir deutlich besser bewertet wird als der erste Roman „Größenwahn“.

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          • #6
            Rezension: „Sein wahres Gesicht” – Ein Jack-Reacher-Roman

            Nachdem mir der Kinofilm “Jack Reacher” im Jahr 2013 sehr gefallen hat, war ich von der zugehörigen Romanreihe nach den ersten beiden Büchern “Größenwahn” und “Ausgeliefert” doch etwas enttäuscht. War im ersten Roman die Ermittlungsarbeit etwas langatmig und aus der Ich-Perspektive erzählt, war der zweite Roman zumindest spannender, aber mit einigen unschönen Aussagen versehen, die den Charakter Jack Reacher prompt deutlich unsympatischer darstellten. Grundsätzlich ähnelte der Charakter des “Helden” in den ersten beiden Romanen kaum jenem Mann, der im Kinofilm von Tom Cruise dargestellt wurde. Mit dem dritten Roman “Sein wahres Gesicht” macht Jack Reacher aber wirklich einen Schritt in die richtige Richtung.

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            Wie auch schon am Beginn der ersten beiden Romane streift der ehemalige Militärpolizist durch die Vereinigten Staaten. Auf Key West hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und genießt ein einfaches Leben – bis innerhalb kürzester Zeit nicht nur ein Privatdetektiv aus New York nach ihm sucht. Auch zwei unangenehme Schlägertypen versuchen ihn ausfindig zu machen. Noch ist Reacher nicht beunruhigt. Dies ändert sich erst, als er den Privatdetektiv tot auffindet und er die beiden Schlägertypen unter Verdacht hat. Weil Reacher diese Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen, verlässt er das sonnige Florida und hebt nach New York ab, wo er auf der Suche nach dem Auftraggeber des Detektiven auf eine gute Bekannte stößt – Jodie, die Tochter von Leon Garber, seines früheren Vorgesetzten bei der Militärpolizei, der gerade kürzlich verstarb. Reacher kommt schnell dahinter, dass der schwerkranke Leon den Detektiv damit beauftragt hatte, ihn ausfindig zu machen, damit Reacher eine spezielle Aufgabe zu Ende bringt. Um welch prekäre Angelegenheit es sich dabei handelt, offenbart sich Reacher und Jodie erst, als sie versuchen, Leons Schritte nachzuvollziehen und sich auf eine Reise quer durch die USA begeben.

            Zur gleichen Zeit steht ein gerissener und brutaler Kredithai in New York kurz davor, das Geschäft seines Lebens zu machen. Aber er muss sich mit der Abwicklung dieses Geschäfts beeilen, denn während er seinen großen Coup und seine anschließende Flucht plant, nähern sich Reacher und Jodie Schritt für Schritt der Wahrheit ...

            Fazit: Da für mich der Kinofilm mein “Erster Kontakt” mit der Figur Jack Reacher war, wird seine Darstellung darin immer für mich maßgebend sein. Ich mochte seinen trockenen Humor und seine Sprüche und wie abgebrüht er mit Situationen umgeht, in denen er unter Druck steht. Von diesen speziellen Eigenheiten war in den ersten beiden Romanen noch nicht viel zu sehen, aber da der Film ja erst auf dem 9. Reacher-Roman basierte, hoffte ich schon, dass Reachers Darstellung sich im Lauf der Zeit auch in den Romanen der Darstellung im Film annähern wird. Tja, mit “Sein wahres Gesicht” hat sich diese Hoffnung wirklich erfüllt. Reacher wirkt wieder bei weitem sympathischer, hält sich mit zwiespältigen Aussagen zurück oder bleibt zumindest recht diplomatisch. Auch der Kriminalfall und seine Ermittlungsarbeit sind dem, was man aus dem Kinofilm kennt, deutlich ähnlicher. Grundsätzlich passt die Stimmung einfach besser.

            Das Rätsel, dem Reacher nachgeht, ist dabei zumindest bis zur Hälfte des Romans durchaus fesselnd und spannend. Vor allem da Parallelhandlungen am Laufen sind, deren direkter Zusammenhang sich nur dem Leser offenbart. So ist die Auflösung allerdings ab einem gewissen Zeitpunkt ab der Mitte recht vorhersehbar. Dies ist wohl der einzige Schwachpunkt der Story, dass der Leser hier eine ganze Weile einen Informationsvorsprung gegenüber Reacher hat. Während der brillante Ermittler noch rätselt, sollte den meisten Lesern bis dahin doch ziemlich klar sein, wie die Auflösung aussieht. Ich denke, Lee Child hat es dem Leser hier schon bewusst möglich gemacht, selbst die Lösung zu finden. Dem Genre entsprechend ist es für den Leser eines Krimis natürlich ein besonderer Reiz, den “Täter” (bzw. hier konkret des Rätsels Lösung) schon vor dem Ende herauszufinden. Aber Child hat es meiner Meinung nach dem Leser in diesem Fall etwas zu leicht gemacht. Das ist aber so ziemlich das einzige Manko des Romans. Das Finale geht – ganz Reacher-typisch – mit ordentlich Action über die Bühne und auch dieses Finale erinnert wieder etwas mehr an den Kinofilm: Die Action ist bodenständig und nicht zu übertrieben. Reacher nimmt es hier nicht mit einer ganzen Armee auf oder sichert auf sich allein gestellt ein großes Areal. Nein, hier kommt es zum Showdown in Büroräumlichkeiten, wie sie jeder von uns wohl kennt. Ein kleines Gedankenspiel für die Leser: Wie würde ich in meinem Büro einen Hinterhalt planen.

            Bewertung: Etwas nach der Mitte ist man Reacher was den Fall betrifft voraus, aber in Summe ist “Sein wahres Gesicht” ein sehr unterhaltsamer Roman. Gut geschrieben, mit einem sympathischen Helden, einem geldgierigen und brutalen Bösewicht, einem bemitleidenswerten Opfer – und einer neuen festen Freundin für Jack Reacher! Und auch das ist ein Novum für einen Reacher-Roman: Während die Ausgangssituation am Beginn eines jeden Romans so ziemlich unverändert bleibt, legt “Sein wahres Gesicht” einen neuen Status Quo für Jack Reacher fest. Nicht nur hat er jetzt eine Freundin, sondern hat auch einen festen Wohnsitz. Mal sehen, wie sich diese neuen Lebensverhältnisse auf Reachers viertes Abenteuer in “Zeit der Rache” auswirken werden. “Sein wahres Gesicht” hat jedenfalls die Latte höher gelegt und bekommt als vorläufig von mir am besten bewerteter Reacher-Roman 5 von 6 Sterne.

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            • #7
              Rezension: „Zeit der Rache” – Ein Jack-Reacher-Roman

              Da mich der dritte Jack Reacher-Roman von Lee Child überzeugen konnte und dieser am Schluss durchaus interessante persönliche Entwicklungen für den Hauptcharakter vorbereitete, habe ich auch gleich den vierten Roman – “Zeit der Rache” – in Angriff genommen. Das war eine gute Entscheidung, denn dieser übertrifft seinen Vorgänger nochmal deutlich!

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              Eigentlich könnte Jack Reacher ja ein ruhiges Leben führen: Endlich ist er sesshaft geworden, hat ein Haus, eine Freundin und keinen Grund mehr, sich mit den Kriminellen dieser Welt anzulegen. Wenn da nicht sein stark ausgeprägtes Bedürfnis wäre, wenn nötig auf eigene Faust (= wörtlich zu verstehen) für Gerechtigkeit zu sorgen, wenn er Unrecht beobachtet. Und so schreitet er ein, als er sieht, wie der Besitzer seines neuen Lieblingsrestaurants von ein paar Schutzgelderpressern bedroht wird. Was Reacher nicht wissen konnte: Während er sich um diese Kleinigkeit kümmert, wird er vom FBI observiert. Ein von der besten Expertin der Bundespolizei angefertigtes Täterprofil passe nämlich angeblich perfekt auf den eigenbrötlerischen Ex-Militärpolizisten und so findet sich Reacher schnell in einem Verhörraum wieder. Ihm wird zu Last gelegt, zwei Frauen ermordet zu haben, die Reacher nicht nur gekannt, sondern denen er auch einst geholfen hatte. Beide Frauen hatten gemein, dass sie im Rahmen ihres Militärdienstes Opfer sexueller Übergriffe wurden, ihre Vorgesetzten angezeigt und inzwischen selbst aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind.

              Selbstverständlich ist Reacher – der das angefertigte Täterprofil von Anfang an für den größten Mist hält – nicht der Mörder der beiden Frauen. Daran glaubt das FBI allerdings erst, als eine dritte Frau tot aufgefunden wird, die ermordet wurde, während Reacher bereits unter Beobachtung stand. Auch das dritte Opfer hatte den selben beruflichen und persönlichen Hintergrund und wurde auf die exakt gleiche Weise vorgefunden: Zuhause in ihrer Badewanne liegend, die mit grüner Militärfarbe gefüllt war. Aber nicht darin ertränkt. Keine Spur von Gewalteinwendung, kein offensichtlicher Todesgrund, keine Spuren eines Kampfes oder überhaupt, dass sonst jemand während der Tat anwesend war. Ein großes Mysterium. Und um dieses aufzulösen wird Reacher vom FBI kurzerhand als Berater zwangsrekrutiert. Natürlich will er sich weigern, aber dank Reachers kleinem Rachefeldzug gegen die Schutzgelderpresse hat das FBI ihn in der Hand und so muss er in den sauren Apfel beißen und gegen seinen Willen kooperieren.

              Natürlich wäre er nicht Jack Reacher, wenn er sich nicht ständig mit den Autoritätspersonen im Ermittlerteam streiten und deren Methoden und Schlussfolgerungen in einer Tour in Frage stellen würde. Nicht nur das Täterprofil ist ihm zuwider, auch die Versteifung der FBI-Ermittler, dass der Täter in Militärkreisen zu suchen ist, überzeugt ihn keineswegs. Aber auch wenn er bewusst den Unbequemen spielt, will auch er verhindern, dass einer weiteren Frau Leid angetan wird.

              Fazit: Wem der Kinofilm “Jack Reacher” gefallen hat, der wird mit der Story von “Zeit der Rache” helle Freude haben. Die Struktur beider Geschichten weist starke Ähnlichkeiten auf, in beiden Fällen wird Reacher eher zufällig zum Ermittler einer übergeordneten Instanz, in beiden Fällen geht es darum herauszufinden, was ein bestimmter Personenkreis gemeinsam oder nicht gemeinsam hat und in beiden Fällen geht es darum zu beweisen, dass hier gezielt ein Unschuldiger (im Film persönlich, im Roman ein gewisser Typ von Mensch) belastet werden soll.

              Mein größter Kritikpunkt am dritten Reacher-Roman war die Vorhersehbarkeit der Auflösung ab ungefähr der Mitte der Geschichte. Von diesem Problem hat sich “Zeit der Rache” komplett gelöst. Als Leser habe ich mir wirklich die ganze Zeit die Frage gestellt, wer der Mörder war und noch wichtiger: Wie hat er es angestellt? Natürlich macht man sich bei einem Krimi immer Gedanken und spekuliert. Was die Identität des Mörders angeht, gab es ein paar Indizien, weshalb es mich nicht überrascht hat, dass ich schließlich richtig lag. Aber überraschen konnten mich sowohl das Motiv und erst recht die Mordmethode! (Ich hoffe inständig, dass der Roman diese übertrieben darstellt, denn sonst bekomme ich wirklich Angst!)

              Weiterer großer Pluspunkt des spannenden Romans ist eine sehr gute Charakterisierung von Jack Reacher. Er redet nicht viel über sich selbst, gibt freiwillig nicht viel von sich preis und es wäre einfach, ihn schlicht als den abgebrühten, kompromisslos handelnden Kämpfer für Gerechtigkeit darzustellen. Aber diese Roman verdreht seine Eigenschaften geschickt. Das, was ihn auszeichnet, wird ihm in mehrfacher Hinsicht zum Verhängnis. Sein Sinn für Gerechtigkeit und sein Hang zur Selbstjustiz bringen nicht nur ihn, sondern auch seine Freundin Jodie in Gefahr. Sein geerbtes Haus bedeutet für ihn nur eine Belastung und um mit Jodie eine echte Beziehung führen zu können, muss er gegen sein Bedürfnis ankämpfen, einfach in den nächsten zufällig ausgesuchten Bus zu steigen und zu sehen, in welcher Stadt dieser Station macht. Und dann ist da auch noch die Versuchung, die andere Frauen darstellen und seine Beziehung gefährden können. Jack Reacher fühlt sich wirklich eingeengt und als Leser leidet man durchaus mit ihm mit. Er und seine bevorzugte Lebensweise werden in verschiedenster Form im Verlauf der Geschichte angegriffen.

              Bewertung: Man muss sich wohl verinnerlichen, dass in einem Jack Reacher-Roman das Recht immer bei Jack Reacher liegt und entsprechend selbst eine Polizeibehörde wie das FBI extrem schlecht wegkommt. Diese äußerst negative Darstellung der Polizei ist das, was mir als Leser am ehesten noch gegen den Strich gegangen ist. Ansonsten habe ich am Roman jedoch so gut wie überhaupt nichts zu bemängeln. Ein enorm spannendes Krimirätsel, mit einigen falschen Fährten und interessanten Wendungen. Im Gegenzug dafür keine ausartenden Action-Einlagen wie noch in den ersten beiden Reacher-Romanen und nicht einmal ein großer Showdown wie im dritten Buch (und dem Kinofilm). Was in “Zeit der Rache” abläuft, ist mehr ein Duell auf mentaler Ebene. Macht der Mörder einen Fehler? Kann Reacher den Fehler als solchen erkennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen und den nächsten scheinbar perfekten Mord verhindern?

              Wie gesagt: Eine spannende Angelegenheit und eine starke Charakterisierung von Reacher. Man muss ihn nicht mögen und ganz gewiss ist er nicht der weiße Ritter in strahlender Rüstung. Aber dieses Buch hilft dabei, ihn zu verstehen, auch wenn man nicht jede seiner Ansichten teilen muss. “Zeit der Rache” verdient sich knapp 6 Sterne.

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              • #8
                Rezension: „In letzter Sekunde” – Ein Jack-Reacher-Roman

                Im 5. Roman der Reihe schickt Lee Child den ehemaligen Militärpolizisten Jack Reacher auf seiner Reise quer durch die USA nach Texas, wo er wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Er ist aber auch selbst schuld an seinem Dilemma. Merke: Wenn du am Abend einen ungehobelten Kerl in einer Bar eine Abreibung verpasst, kann es leicht passieren, dass dieser am nächsten Tag in einer Polizeiuniform vor der Tür deines Motelzimmers steht. Ein Glück, dass Reacher die nahende Gefahr früh erkennt und durch das Fenster abhauen kann. Großes Pech, dass er per Anhalter ins erstbeste Auto steigt, das seinen Weg kreuzt …

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                Auch wenn die attraktive Carmen Greer auf den ersten Blick wie die perfekte Person aussieht, von der man mitgenommen werden könnte, offenbart sie Reacher schnell, dass sie ihn nicht ganz wahllos ausgesucht hat. Schon seit einiger Zeit sei sie auf der Suche nach jemanden, der ein bestimmtes “Problem” für sie lösen könnten. Das Problem hört auf den Namen Sloop Greer und ist Carmens Ehemann, der wegen Steuerhinterziehung zwar im Knast sitzt, aber in ein paar Tagen vorzeitig frei kommen soll. Da Sloop aber nicht gerade der prächtigste Ehemann sein soll und Carmen laut ihrer eigenen Aussage regelmäßig schlägt, sucht sie nach einem “Beschützer” à la Reacher, der sich dieser Angelegenheit annimmt. Möglichst nachhaltig und inklusive Begräbnis. Reacher verwehrt sich natürlich strikt dagegen, als Auftragskiller angeheuert zu werden. Aber da er doch Sympathie für Carmen hegt und ihrer Geschichte Glauben schenkt, lässt er sich dazu überreden, mit auf das Greer-Anwesen zu kommen und sich dort als Arbeiter anstellen zu lassen, um die Situation zu beobachten. Es ist nicht gerade schön, was Reacher dort über die Familie, in die Carmen eingeheiratet hat, herausfindet und ganz allgemein über die Sitten und Einstellungen der Leute in diesem Teil von Texas.

                Natürlich wäre Reacher nicht Reacher, wenn er mit den Leuten und der Situation nicht ordentlich anecken würde und schließlich am Tag von Sloop Greers Entlassung findet sich Reacher gerade auf der Rückbank eines Polizeitautos wieder, als der Funkspruch eingeht, dass Carmen Greer ihren Ehemann im Zuge eines Familienstreits erschossen haben soll …

                Fazit: Nach seinen Erlebnissen in Texas dürfte Reacher wohl endgültig seine ursprüngliche Meinung aus dem 2. Roman revidieren, dass es in den USA zwar auch schlimm zugeht, aber immer noch besser als im Rest der Welt. Das Sittenbild, das Lee Child in diesem Roman von Texas zeichnet ist wirklich erschreckend und wieder einmal fragt man sich als Leser, ob die beschriebene Situation wirklich komplett fiktiv ist oder in wie weit sie in der Realität fußt. Atmosphärisch ist “In letzter Sekunde” wirklich hervorragend gelungen. Und auch die Story kann überzeugen, wenngleich sie ein wenig Zeit benötigt, um so richtig in Gang zu kommen. Die überraschende Wendung in der Mitte des Romans hat es wirklich in sich. Plötzlich wissen sowohl der Protagonist Reacher als auch der Leser nicht mehr, was Wahrheit und was Lüge ist. Plötzlich wird die ganze erste Hälfte des Romans in Frage gestellt und die Geschichte verändert ihre Stimmung schlagartig, was aber auch sehr viel Spannung erzeugt, denn wirklich lange ist unklar, ob Carmens Geschichte, die sie Reacher aufgetischt und die dieser geglaubt hat, wirklich den Tatsachen entspricht.

                In Summe also ein größtenteils sehr unterhaltsamer und spannender Roman. Allerdings ist die Auflösung doch etwas vorhersehbar, denn Lee Child hat den eindeutigsten Hinweis auf die Wahrheit nicht besonders gut versteckt. Natürlich versucht man in einem Krimi der Wahrheit noch vor dem Ermittler auf die Schliche zu kommen. Aber der Roman bietet selbst nicht mehr als zwei mögliche Lösungsvarianten an und daher überrascht es am Ende nicht, wenn wirklich alles so kommt, wie man es so rund 100 Seiten vor Schluss schon gedacht hat.

                Weiters gefiel mir, dass auch Reachers Freundin Jodie, die in den vorangegangenen beiden Romanen eine wichtige Rolle gespielt hat, nicht ganz vergessen wurde und zumindest Erwähnung findet. Schön zu sehen, dass frühere Ereignisse bei Reacher Eindruck hinterlassen, selbst wenn sein persönlicher Status Quo am Ende des 4. Romans eigentlich wieder vollständig hergestellt wurde.

                Bewertung: Eigentlich ein Kandidat für die Höchstnote, aber ein bisschen zu ungeschickt hat sich Child beim Einbau des entscheidenden Hinweises doch angestellt und daher ziehe ich einen Stern ab: 5 von 6 Sterne bleiben übrig.

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                • #9
                  Rezension: „Tödliche Absicht” – Ein Jack-Reacher-Roman

                  Vor fünf Jahren starb Jack Reachers Bruder Joe, während er für das US Finanzministerium Ermittlungen in Bezug auf Falschgeld führte. Und obwohl Joe schon vor so langer Zeit gestorben ist, nimmt er indirekt immer noch Einfluss auf Jack. Denn dem Finanzministerium ist auch eine Organisation unterstellt, die weniger dafür bekannt ist, sich um Geldfälschung zu kümmern, als vielmehr um die Sicherheit der höchsten Volksvertreter der USA: der US Secret Service!

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                  Es ist schon etliche Jahre her, dass Joe gegenüber seiner damaligen Freundin und Mitarbeiterin M.E. Froelich erwähnte, dass sein Bruder Jack der ideale Mann wäre, um die Sicherheitsmaßnahmen des Secret Service unvoreingenommen als externer Berater zu testen. Inzwischen ist M.E. zur Verantwortlichen für die Sicherheit des neuen Vizepräsidenten aufgestiegen und will diesen Vorschlag trotz der Skepsis ihres Vorgesetzten in die Realität umsetzen. Ihr gelingt es, Jack in Atlantic City aufzuspüren und ihn zu überreden, die Personenschutzmaßnahmen des Secret Service einzuschätzen. Da die Aufgabe ihren Reiz hat, macht sich Jack gewohnt akribisch an die Arbeit und präsentiert M.E. wenige Tage später einen ausführlichen und ehrlichen Bericht. Doch da er ahnt bereits, dass sein Sicherheitsaudit nicht nur eine rein theoretische Gefährdung aufdecken soll und tatsächlich wird er kurz darauf offiziell vom Secret Service angestellt, um einen angekündigten Mordversuch am Vizepräsidenten zu verhindern.

                  Fazit: In “Tödliche Absicht” erhält Jack Reacher seinen bislang wohl wichtigsten Auftrag, immerhin geht es darum, den Vizepräsidenten der USA zu beschützen. Politik spielt hierbei jedoch keine vordergründige Rolle, stattdessen wird sehr umfangreich auf die Sicherheitsmaßnahmen eingegangen, die der Secret Service zum Schutz von Präsident und Vizepräsident ergreift. Diese sind wirklich umfangreich und beeindruckend. Wenn der Roman ein annähernd korrektes Bild von der Arbeitsweise des Secret Service zeichnet, dann Respekt! Diese Schilderungen der Schutzmaßnahmen hinterlassen wirklich Eindruck. Die Spannung kommt angesichts dessen aber dennoch nicht zu kurz, da die anonymen Attentäter dem Secret Service dennoch einige Rätsel aufgeben können. Und natürlich ist selbst die beste Organisationsstruktur nicht vor menschlichen Fehlern gefeit.

                  “Tödliche Absicht” erzählt eine durchwegs interessante Geschichte, aber zumindest zwei Punkte kamen für meinen Geschmack zu kurz. Einerseits hätte ich gerne mehr über die Vergangenheit von Jack und Joe erfahren. Joes Empfehlung ist überhaupt der Auslöser für Jacks Beteiligung und M.E. hatte eine intime Beziehung mit ihm. Trotzdem bleibt Joe Reacher sehr abstrakt, obwohl er für die beiden Hauptcharaktere des Romans sehr wichtig war. Es hätte mir gefallen, Jack Reacher über seinen verstorbenen Bruder etwas mehr Background zu geben. Ein wenig mehr über seine Vergangenheit erfährt man durchaus, aber mehr wäre durchaus möglich gewesen, ohne die Haupthandlung zu verschleppen.

                  Auch diese Haupthandlung rund um das angekündigte Attentat hat ein Manko: Die kriminalistischen Ermittlungen sind zwar sehr gut geschildert, man kann ihnen sehr einfach folgen. Aber es bietet sich dem Leser nie die Möglichkeit, die Lösung des Rätsels frühzeitig zu erraten oder zumindest zu erahnen. Ich weiß, es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Krimiautoren bewegen müssen. Einerseits möchte man sicher Anspielungen einbauen, anderseits sollen sie nicht zu aufdringlich wirken und es dem Leser zu einfach machen, sie als relevante Information zur Auflösung des Rätsels zu erkennen. Im Reacher-Roman “In letzter Sekunde” ging das zum Beispiel meiner Meinung nach etwas daneben; dort war der korrekte Lösungsansatz schließlich zu auffällig. In “Tödliche Absicht” verzichtet Lee Child komplett auf diese Möglichkeit.

                  Bewertung: Der sechste Reacher-Roman ist wieder sehr unterhaltsam, die Verbindung zwischen Joe Reacher, Jack Reacher und dem Secret Service war durchaus gelungen. (Die wenigsten wissen vermutlich, dass der Secret Service auch eine Organisation zur Bekämpfung von Finanzverbrechen ist.) Nach einigen vorwiegend “kleineren” Abenteuern, in denen Regionen und ihre gewöhnlichen (bzw. klischeehafte) Menschentypen im Vordergrund standen, betritt Jack Reacher hier die große Bühne Washington D.C., was eine nette Abwechslung ist. Dennoch beinhaltet der Roman auch die erwähnten Schwächen und das Spannungslevel fällt bei der großen Konfrontation am Ende auch ein wenig ab. Und auch wenn “Tödliche Absicht” der bisher “persönlichste” Reacher-Roman ist, wäre auch in dieser Hinsicht deutlich mehr möglich gewesen. Deshalb gebe ich dem Roman gute 4 von 6 Sterne. Die unmittelbar vorangegangenen Romane haben mir doch etwas besser gefallen.


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                  • #10
                    Rezension: „Der Janusmann” – Ein Jack-Reacher-Roman

                    Im achten Roman der Jack-Reacher-Reihe lässt Lee Child seinen Protagonisten in den nordöstlichen Teil der USA reisen. Unerwartet trifft Reacher rein zufällig dort auf einen Mann, den er eigentlich seit 10 Jahren für Tod gehalten hatte und die es seiner Meinung nach auch verdient hatte, zwei Kugeln in den Kopf und eine in die Brust gejagt zu bekommen. Was dieser Mann verbrochen hat? Das wird auch dem Leser erst im Laufe der Geschichte erst so richtig klar. Denn wenn Reacher sich drauf und dran macht, Versäumtes nachzuholen, erinnert er sich an einen Fall aus seiner Zeit bei der Militärpolizei zurück.

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                    Bei dem Mann, den Reacher in Boston für einen kurzen Moment erblickt, handelt es sich um den Hauptverdächtigen in einem Spionagefall. Lieutenant Colonel Francis Quinn soll sich von ausländischen Regierungen für die Weitergabe von geheime Waffenbaupläne fürstlich bezahlen haben lassen. Und auch 10 Jahre später und nach Annahme einer neuen Identität wirkt es auf Reacher, als habe Quinn keine finanziellen Sorgen. Dass er seinen Reichtum nicht legal angehäuft hat, bestätigen ihm zwei Agenten der DEA – Drogenbekämpfungsbehörde der USA – die kurz nach einem Anruf Reachers bei der Army vor der Tür seines Motelzimmers stehen. Sowohl die DEA als auch Reacher haben ihre Motive, an Quinn ranzukommen. Dies ist der Beginn einer Zusammenarbeit, die Reacher auf ungeahnte und außerordentlich spektakuläre Weise noch weiter in den Norden – in den Bundesstaat Maine – führt, wo Reacher im Haus eines von Quinns wichtigsten Geschäftspartnern namens Zachary Beck Unterschlupf findet. Reacher glaubt sich einen Schritt näher an Quinn, doch dieses Haus, die Bewohner und ihre Beziehungen zueinander halten für Reacher einige Tücken und für den Leser so manche Überraschung auf Lager.

                    Fazit: Die Geschichte des vorangegangenen Romans “Tödliche Absicht” hat Reacher als Verbündeten des Secret Service gezeigt und an dessen Seite kreuz und quer durchs Land ziehen lassen, um ein politisches Attentat zu verhindern. “Der Janusmann” ist im Vergleich wesentlich dichter erzählt, es gibt kaum Verschnaufpausen, denn Reacher ist im Grunde rund um die Uhr und fast auf jeder Seite des Roman im Einsatz. Allein von der Situation wird Reacher gefordert: Er ist auf sich gestellte in diesem großen Steinhaus, das auf einer Landzunge errichtet ist, die von einer Mauer vom Festland abgegrenzt wird und deren einziges Tor von einem psychopathischen Hünen kontrolliert wird, der Reacher mit einem einzigen Faustschlag töten könnte. Auf der anderen Seite des Hauses ist nur das ständig tosende Meer unter einem wolkenverhangenen Himmel. Der von Lee Child erdachte Hauptschauplatz der Handlung ist so atmosphärisch und bedrohlich beschrieben wie nur möglich und die Bewohner des Hauses machen diesen Ort auch nicht heimeliger. Man ist verschwiegen und vielleicht mit einer Ausnahme misstrauisch gegenüber Reacher, der den wahren Grund für seine Abwesenheit vor jedem geheim halten muss. Während Reacher seine Ermittlungen führt, offenbaren sich nach und nach die Beziehungen, die die einzelnen Bewohner zueinander unterhalten. Und die sind mitunter wirklich gruselig, genauso wie die Praktiken der Bösewichte dieses Thrillers.

                    Und genau diesem Genre ist der Roman zuzuordnen. Wie jeder Reacher-Roman hat auch “Der Janusmann” Krimi-Elemente und Ermittlungen. Diese dienen jedoch nicht auf klassische Art dazu, den “Täter” zu entlarven, sondern einfach um die unheimliche Situation zu begreifen, mit der Reacher in diesem einsam in der Küste stehenden Haus zurechtkommen muss. Das beschriebene Ambiente erinnert mich stark an ein vergleichbar abgelegenes und gut gesichertes Haus in Robert Harris’ Roman “Ghost” (den ich übrigens ebenfalls sehr empfehlen kann). Wo ich gerade “Ghost” erwähne: Genauso wie “Ghost” ist auch “Der Janusmann” aus der Ich-Perspektive geschrieben. Normalerweise nicht meine bevorzugte Erzählperspektive und in den Reacher-Romanen fand man sie bislang nur im 1. Roman, wo das auch ein Kritikpunkt von mir war. In “Der Janusmann” funktioniert die Perspektive aber besser, weil die Jagd nach Quinn für Reacher eine sehr persönliche Angelegenheit ist, seiner Erinnerungen an die Ermittlungen von vor 10 Jahren und seine Gefühle eine große Rolle spielen. Auch bei den beiden größten gewaltgeprägten Auseinandersetzungen kann man so als Leser aus erster Hand miterleben, wie Reacher diesmal wirklich gefordert wird und an seine Grenzen stößt. Zu oft – auch an anderen Stellen in diesem Roman – hat Reacher völlige Kontrolle über die Situation, ist in einer dominanten Position. In “Der Janusmann” muss er sich jedoch den Gegebenheiten unterordnen. Eine interessante neue Perspektive.

                    Ebenfalls gefielen mir die Erinnerungen an seine Zeit bei der Militärpolizei, die ebenfalls viel über seinen Charakter und seine Motivationen aussagen. Das bedeutet aber nicht, dass man als Leser “richtig” und “falsch” genauso sehen muss, wie der Protagonist oder ihm gar nacheifern sollte. Eigentlich könnte man das nicht einmal, denn wo findet man in der Realität solche Leute schon? Oder besser gesagt: Wo wird man von solchen Leuten gefunden?

                    Bewertung: Lee Child erzählt die Geschichte nicht nur gewohnt solide, sondern setzt mit seiner überaus atmosphärischen Beschreibung des Schauplatzes und unheimlichen Charakteren noch einen drauf. Dachte ich schon, “In letzter Sekunde” würde ein schreckliche Sittenbild zeichnen, so belehrt mich “Der Janusmann” eines Besseren. Der achte Roman der Reacher-Reihe ist abgründig, brutal und nur mit wenigen entlastenden oder gar humorvollen Momenten bestückt. Aber das ist durchaus treffend, denn ohne solche Momente ist die von der Geschichte vermittelte Stimmung durchgängig düster und bedrückend. Das Buch ist wahrscheinlich nicht die beste Lektüre, um im Urlaub am Strand gelesen zu werden, aber an einem stürmischen, regnerischen Herbsttag kann er dem Leser sicher den einen oder anderen Schauer über den Rücken jagen. 5 von 6 Sterne.


                    Anmerkungen:

                    Seltsamerweise wurden vom Übersetzer auch alle Ränge der US Army in ihre deutschen Entsprechungen übersetzt. Ich glaube, das war bislang noch nie der Fall bei einem Reacher-Roman.

                    Im Original lautet der Titel des Romans “Persuader”, was sich auf eine Handfeuerwaffe bezieht, die im Roman eine Rolle spielt. Der deutsche Titel “Der Janusmann” ist weder eine direkte Übersetzung, noch ergibt er im Zusammenhang mit der Geschichte einen Sinn.

                    Die deutschen Titel der Reacher-Roman sorgen bei mir übrigens schon seit dem ersten Roman für Stirnrunzeln und sehe ich mir die Liste der weiteren Titel bei Wikipedia an, dann stelle ich folgendes Fest: Von den 16 Reacher-Romanen, die bisher auf Deutsch erschienen sind, trägt nur ein einziger einen Titel, der eine direkte Übersetzung des englischen Originaltitels darstellt. Die Romane 10 bis 13 tragen dabei kurioserweise auch in der deutschen Fassung einen englischen Titel, der nicht ident ist mit dem Originaltitel.


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                    • #11
                      Rezension: „Die Abschussliste” – Ein Jack-Reacher-Roman

                      Nach sieben Abenteuern, die der in den Frühruhestand geschickte Ex-Militärpolizist Jack Reacher bei seiner ziellosen Reise durch die Vereinigten Staaten erlebt und überlebt hat, weicht der achte Roman vom bisher gewohnten Erzählrahmen am weitesten ab. „Die Abschussliste“ ist nämlich eine Vorgeschichte. Zeitlich noch deutlich vor den Ereignissen des ersten Romans angesiedelt, präsentiert uns „Die Abschussliste“ Jack Reacher als Major im aktiven Dienst und stellt ihn dabei gleich vor mehrere Herausforderungen, die weit über das simple Auflösen von Kriminalfällen hinausgehen.

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                      Wir schreiben Neujahr 1990 und während der Kalte Krieg zu Ende geht, die Sowjetunion zerfällt, die deutsche Wiedervereinigung vorangetrieben wird und in Panama US-Truppen ihren ehemaligen Verbündeten und Diktator Noriega jagen, sitzt Jack Reacher zum Jahreswechsel gelangweilt hinter dem Schreibtisch in seinem Büro auf dem Army-Stützpunkt Fort Bird in North Carolina. Wem er diese Abkommandierung zu verdanken hat, weiß Reacher nicht, denn noch vor wenigen Stunden war er in Panama noch mitten in der Invasion leitender Ermittler bei der Suche nach Noriega. Nun ist er der Stellvertreter des örtlichen Militärpolizeichefs – der jedoch auch ohne weiteren Kommentar irgendwohin abkommandiert wurde – und hofft darauf, von dieser verschlafenen Dienststelle so bald wie möglich wieder wegversetzt zu werden.

                      Doch so verschlafen wie geglaubt ist North Carolina gar nicht, denn kurz nach Mitternacht läutet Reachers Telefon und kurze Zeit später steht er in einem heruntergekommenen Motelzimmer vor der Leiche eines hochrangigen Generals der renommierten Panzertruppe. Reacher und die örtliche Polizei stimmen überein: Tod infolge eines Herzinfarkts während des Geschlechtsverkehrs mit einer getürmten Prostituierten, die wahrscheinlich im „Striplokal“ gegenüber des Motels arbeitete. Abgesehen vom hohen Rang des toten Offiziers aber kein besonderer Fall und vor allem nicht jener von Reacher, da der Tod außerhalb des Stützpunkts stattfand. Doch auch wenn der General an einem natürlichen Tod gestorben ist, sollte sein Ableben nicht das letzte in dieser Geschichte bleiben. Denn nur wenig später muss Reacher schon zum nächsten Tatort außerhalb des Stützpunkts, denn auch die Frau des Generals verstarb in dieser Nacht und diesmal war es eindeutig Mord. Doch auch dieser geschah nicht auf einem Grundstück der Army und so weist ihn der neue – und äußerst unsympathische – Oberkommandant der Militärpolizei persönlich an, sich aus diesen Fällen rauszuhalten – was Reacher natürlich umso mehr dazu ermuntern, sich die Umstände der beiden Todesfälle noch genauer anzusehen. Doch ein weiterer Mord – diesmal auf dem Stützpunkt – und schlechte Neuigkeiten, die Jack von seinem Bruder Joe erhält, lassen Reachers Suche nach der Wahrheit ins Stocken geraten.

                      Fazit: Mehr denn je steht Jack Reacher persönlich hier im Mittelpunkt. Wir wissen ja bereits, dass Jack ein eher wortkarger Geselle ist, daher auch nicht sehr ausführlich über seine Vergangenheit spricht und sich zumindest nach außen hin äußerst souverän gibt. Die in „Die Abschussliste“ erzählte Vorgeschichte erspart es Reacher, dem Leser von sich persönlich zu erzählen, denn wir erleben ihn hier erstmals bei seiner typischen Arbeit für die Army und bei der Interaktion mit seiner Familie – seinem Bruder und seiner sterbenskranken Mutter. Professionell und privat bekommen wir also ganz neue Einblicke in Jack Reachers Charakter, wobei Autor Lee Child dessen Darstellung in den anderen Romanen jedoch sehr treu bleibt, in Form des neuen Vorgesetzten von Jack sogar eine Begründung liefert, warum Jack später wenig Skrupel vor Selbstjustiz zeigt.

                      Der Roman deckt sehr viele verschiedene Themen ab, wobei am ungewöhnlichsten und daher auch am interessantesten der Besuch zusammen mit Reachers Bruder Joe bei deren Mutter in Paris ist. Mitunter sehr einfühlsam geschrieben, nicht überbetont emotional – obwohl der Roman aus Reachers Ich-Perspektive erzählt – aber doch sehr nahegehend. Der bevorstehende Tod ihrer Mutter hindert die Reacher-Brüder aber auch nicht daran, sich über andere Aspekte des Lebens zu unterhalten. Joe bleibt recht verschlossen, aber man bekommt trotzdem ein gutes Gefühl dafür, dass sie einander sehr zugeneigt sein. Etwas, das man in den Romanen, die zeitlich nach Joes Tod angesiedelt sind, nicht so gut vermittelt bekam. Und natürlich verbindet die beiden das Militär, auch wenn Joe nicht mehr dort ist. Er spornt Jack zumindest an, herauszufinden, wer ihn nach Fort Bird beordert hat und warum. Und daraus ergibt sich auch ein weiteres Mysterium des Romans, denn Jack findet heraus, dass er nicht der einzige Militärpolizist ist, der kurzfristig versetzt wurde und auf einem Stützpunkt einen abwesenden Chef vertritt. Dahinter steckt ein System und wenn Reacher es durchschaut, bekommt die Geschichte auch noch eine zusätzliche politische Facette, die im direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Europa Ende der 80er und Anfang der 90er steht.

                      Bewertung: Ein Wort fasst es für mich zusammen: großartig! Dieser ungewöhnliche Jack Reacher-Roman vereint viele Themen, verbindet sie teils stark, teils lose miteinander und resultiert in einem gelungenen Gesamtwerk, das trotz der vielfältigen Handlungsstränge nie überladen oder unübersichtlich wirkt. Dazu trägt auch Reachers Ermittlungsstil bei. Im Gegensatz zu den meisten anderen Reacher-Romanen gibt es in „Die Abschussliste“ so gut wie keine Action-Sequenzen. Wenn Reacher mal die Fäuste sprechen lässt, dann bringt es ihm sogar Ärger ein, daher löst er den Fall mit Köpfchen bzw. auch mit sehr viel Intuition, die sich schließlich als richtig erweist und ihn auf die Spur der nötigen Beweise führt. Nur wenige Kleinigkeiten stören. Denn gerade als ich dachte, dass sich Lee Child das inzwischen obligatorisch scheinende „Reacher-Girl“ verkneifen konnte, lässt er Jack doch noch mit einer Frau ins Bett hüpfen. Ein gewöhnliches Element in einer ansonsten für Reacher-Verhältnisse ungewöhnlichen Geschichte, die ich dennoch mit der Höchstnote bewerte: 6 Sterne!


                      Anmerkungen:

                      Erneut wurden vom Übersetzer wieder alle Army-Ränge mit ihrer deutschen Entsprechung übersetzt. Bei anderen Reacher-Romanen konnte man leichter darüber hinwegsehen, aber da Reacher in diesem Roman mit einem guten Dutzend Unteroffizieren und Offizieren zu tun hat, irritiert die häufige Verwendung deutscher Ränge für amerikanische Militärangehörige etwas.

                      Der Roman trägt im Original den Titel „The Enemy“. Erneut ist der deutsche Titel „Die Abschussliste“ also keine direkte Übersetzung. Diesmal sind ausnahmsweise beide Titel nicht ideal bzw. aussagekräftig gewählt.

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                      • #12
                        Rezension: „Sniper” – Ein Jack-Reacher-Roman

                        Mit dem 9. Roman der Jack Reacher-Reihe schließt sich gewissermaßen ein Kreis. Denn erst der Film “Jack Reacher” aus dem Jahr 2013 machte mich auf die Romane von Lee Child aufmerksam und inzwischen habe ich die ersten neun gelesen und somit auch jenen, auf dem die Handlung des Films basiert: Sniper!

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                        Eigentlich plant Jack Reacher ein paar entspannte Tage in Miami zu verbringen. Sonne, Strand und weibliche Begleitung … was kann sich der im Frühruhestand befindliche Ex-Militärpolizist mehr wünschen? Doch mit der Ruhe ist es vorbei, als er zufällig eine Nachrichtensendung sieht, die von einem Amokschützen in Indiana berichten. Fünf Personen wurden getötet, der Schütze konnte entkommen, wurde aber schnell ausgeforscht: James Barr, ein ehemaliger Army-Scharfschütze, gegen den Reacher bereits einmal in einem ähnlichen Fall ermittelt hatte. Damals ging Barr straffrei aus, doch Reacher schwor ihm damals, dass er zur Stelle sein würde, wenn sich Barr jemals in seinem Leben wieder etwas zuschulden kommen lassen würde. Und so reist Reacher nach Indiana, mit der festen Überzeugung, die Polizei habe den richtigen Täter in Gewahrsam. Und die Sichtung der gesammelten Beweisstücke vom Tatort bekräftigt ihn anfangs in seiner Meinung, doch kommt ihm der sonderbare Gedanke, dass eine Beweiskette auch zu perfekt sein kann. Es wirkt fast, als habe James Barr den am schlechtesten geeigneten Ort für seine Tat ausgesucht. Alles dort deutet auf ihn als Täter: Fasern von seiner Kleidung, Schuhabdrücke im Staub, ein Fingerabdruck auf der Münze in einer Parkuhr, eine in einen Spalt gerutschte Patronenhülse … Es wirkt, als habe es James Barr darauf angelegt, gefasst zu werden. Spätestens als Reacher in eine bewusst provozierte Barschlägerei verwickelt wird, ist er sich sicher, dass mehr hinter Barrs Tat stecken muss.

                        Fazit: Vorweg gesagt: Der Film “Jack Reacher” war toll, hat mich absolut begeistert und sei hiermit jedem empfohlen, der den Genres Krimi, Thriller und Actionfilm zugetan ist. Zudem ist der Film recht nahe an der Romanvorlage. Der Handlungsablauf ist mehr oder weniger identisch, Reachers Ermittlungen kommen nach und nach voran und sein trockener Humor ist manchmal sogar wortwörtlich aus dem Roman in den Film übernommen worden. Was den Roman schwer zu bewerten macht, sind allerdings nicht die Gemeinsamkeiten mit dem Buch, sondern jene Stellen, in denen er abweicht. Die meisten Romanleser sind oft enttäuscht, wenn sie ihr Lieblingsbuch verfilmt sehen und feststellen müssen, dass einige Stellen weggelassen wurden. Da ich den Film zuerst gesehen habe, geht es mir mit dem Roman nun umgekehrt: Meiner Meinung nach ist alles, was es nicht in den Film geschafft hat, völlig zurecht rausgeflogen. Allen voran das obligatorische Reacher-Girl. Eine frühere Kollegin von der Army, die im Roman vorkommt, trägt nichts zu Handlung bei, außer dass ein Vorwand geschaffen wird, dass Reacher – wieder einmal – mit einer Frau ins Bett steigt. Wie schon mal bei einer früheren Rezension erwähnt ist das ein Merkmal der Reacher-Romane, auf das ich gut und gerne verzichten könnten. Selten wie kaum wirkt diese Affäre in “Sniper” grundlos hineingequetscht.

                        Allerdings ist seine Ex-Kollegin nicht die einzige Romanfigur, die es nicht in die Filmfassung der Geschichte geschafft hat. Im Roman wird Reacher unterstützt von Barrs Schwester, deren Anwältin, einem privaten Detektiv und einer Reporterin. Diese vier Personen dienen alle dem Zweck, Reacher Informationen zukommen zu lassen. Konsequenterweise wird aus vier Personen im Film eine einzige Person, nämlich die Anwältin. Sie übernimmt alle relevanten Funktionen der drei anderen Personen. Ein hervorragend gelungenes Beispiel, wie man eine Handlung schlanker gestalten kann. Diese Änderung hätte auch dem Roman gut gestanden, vor allem wenn es am Schluss zum großen Showdown kommt. Im Roman rückt Reacher da mit mehr Leuten auf seiner Seite an als ihm Gegner gegenüberstehend.

                        Bewertung: Der Film ist ganz klar ein Kandidat für die Höchstnote, aber wie bewerte ich den Roman dazu, der im Grunde die gleiche Geschichte erzählt? Das Mehr an Story und Charakteren verbessert die Geschichte nicht, ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass das Drehbuch des Films die Story verbessert hat und besser präsentiert. Daher gebe ich dem Roman nicht die Höchstnote. Aber da der Fall James Barr auch in “Sniper” interessant und spannend dargeboten wurde und Jack Reacher – abgesehen von der Beschreibung seines Äußeren – genauso handelt und spricht wie im Film, gebe ich dem Roman 5 von 6 Sterne.

                        Anmerkungen:

                        Der Haupthandlungsort der Geschichte unterscheidet sich im Film vom Roman. Im Roman feuert der Amokschütze seine Kugeln in einer nicht namentlich genannten Stadt in Indiana ab. Es fällt mit der Zeit auf, wie sehr sich Lee Child davor drückt, den Namen der Stadt zu nennen. Aufgrund der Rolle, die der Stadtverwaltung im Roman zukommt, ist es verständlich, dass Child niemanden verärgern wollte, aber er hätte ja einen Namen erfinden können. Im Film spielt sich der Großteil der Handlung in Pittsburgh ab.

                        Die zweite Jack Reacher-Verfilmung wird auf dem 18. Roman “Never go back” basieren. Der deutsche Kinostart ist für 3. November 2016 vorgesehen.

                        Und hier nochmal der Trailer zum ersten Film:
                        https://www.youtube.com/watch?v=a_y23loTs0g

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                        • #13
                          Rezension: „Way out” – Ein Jack-Reacher-Roman

                          Jack Reacher ist – wie so oft – wieder einmal zur falschen Zeit am falschen Ort. Seine ziellose Wanderung durch die Vereinigten Staaten hat ihn nach New York geführt. In einem Café sitzend wird er eines Abends Zeuge einer an sich gewöhnlichen Szene: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sperrt ein Mann ein Auto auf, steigt ein und fährt davon. Und wäre Reacher nicht am nächsten Tag erneut zur selben Zeit in diesem Café gesessen, ihm wäre so mancher Ärger erspart geblieben – und er hätte selbst anderen viel Leid ersparen können.

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                          Wie sich herausstellen sollte, handelte es sich bei dem Mann, den Reacher am Tag zuvor beobachtet hatte, um einen Geiselnehmer, der Lösegeld – im Auto deponiert – entgegennahm. Da die Geiseln – Ehefrau und Stieftochter des zwielichtigen Geschäftsmanns Edward Lane – auch 24 Stunden später noch nicht freigelassen wurden, suchen Lanes Angestellte – alles Ex-Militärangehörige, denn Lane führt einen „privaten Sicherheitsdienst“ (besser gesagt Söldner) – nach Augenzeugen und stoßen auf Reacher, dessen Vergangenheit als Ex-Militärpolizist ihnen in dieser Situation natürlich hilfreich erscheint. Reacher lässt sich von Lane anheuern und erfährt die ganze Geschichte: Vor Jahren wurde bereits Lanes erste Ehefrau Opfer einer Entführung und obwohl Lane die Polizei rausgehalten und kooperiert hat, wurde sie schließlich tot aufgefunden. Nun fürchtet er, dass sich die Geschichte wiederholen könnte und mit jeder weiteren Lösegeldforderung und längerer Gefangenschaft der beiden Entführten scheint die Wahrscheinlichkeit zu steigen, dass auch diese Geschichte ein schlechtes Ende nehmen könnte.

                          Während sich Reacher auf die Suche nach den Entführern macht, wird er jedoch von der Schwester von Lanes erster Ehefrau kontaktiert und mit einer Theorie konfrontiert, die all seine Annahmen auf den Kopf stellen sollte: Lanes erste Frau wollte sich angeblich von ihm trennen, aus Rache und weil er ein sadistischer Dreckskerl ist, fingierte Lane ihre Entführung und ließ seinen einzigen Komplizen kurze Zeit später bei einem Einsatz in Afrika zum Sterben zurück. Auf der Suche nach der Wahrheit konzentrieren sich Reachers Nachforschungen auf einen Kumpel des Toten, der es lebend aus Afrika raus und zurück in die USA geschafft hat. Vielleicht könnte ja dieser die Theorie von der fingierten Entführung bestätigen – oder hat sich selbst davon inspirieren lassen um nun an Edward Lane Rache zu nehmen. Aus irgendeinem unbestimmbaren Grund zweifelt Reacher nämlich daran, dass auch diese Entführung vorgetäuscht ist und Lane tatsächlich Millionen von Dollar abgeluchst werden sollen. Dass Reacher mit seiner Vermutung richtig liegt und welche Absichten tatsächlich hinter der Entführung liegen, offenbart sich Reacher jedoch viel zu spät.

                          Fazit: Jack Reacher ist ein guter Ermittler, aber auch in der Vergangenheit nicht als perfekt dargestellt worden. Falsche Fährten verfolgt auch er und nicht zum ersten Mal zieht er falsche Schlüsse. In „Way out“ dürfte es aber zum ersten Mal passieren, dass seine falsche Schlussfolgerung die Situation für viele Leute, die eigentlich seines Schutzes bedurft hätten, deutlich verschlimmert. Autor Lee Child macht in diesem Roman eigentlich einen guten Job, die Wahrheit hinter all den Ereignissen zu verschleiern; es ist eine Ansammlung von Kleinigkeiten, die mich dennoch relativ früh erahnen ließen, dass die Entführung ganz anders abgelaufen ist, als Reacher die längste Zeit annimmt. Es waren gar nicht so sehr seine Beobachtungen (die der Autor am Beginn geschickt heruntergespielt hat), sondern mehr die Fragen, die sich Reacher selbst stellt. Wenn der Held in dieser Geschichte ein merkbares Manko aufweist, dann fehlende Vorstellungskraft. Er denkt hier etwas zu konservativ, schiebt unbeantwortete Fragen für später zur Seite anstatt nach dem Sherlock Holmdes-Kredo vorzugehen: Ist das Unmögliche ausgeschlossen bleibt nur noch die Wahrheit, egal wie unwahrscheinlich sie auch erscheinen mag.

                          Allerdings gefiel es mir, wie Reacher dann doch regelrecht über sich selbst schockiert erkennt, welchen Schlamassel er gerade im Begriff ist anzurichten und seinen Kurs nicht mehr rechtzeitig ändern kann, um Schaden von guten Menschen abzuhalten.

                          Aber wenngleich es Reacher gewohnt ist, von einem Ort zum nächste zu ziehen, kann man ihm doch attestieren, nichts unerledigt zurückzulassen und verhindert Schlimmeres. Wobei ich mir von der „Endkampf“-Situation lange Zeit mehr erwartet hätte. Es wirkt, als würde Reacher ausnahmsweise mal einen Ort verteidigen, doch dann dreht sich die Situation schließlich und es wird dann ein relativ typischer Angriffsplan daraus. Positiv ist jedenfalls, dass der Showdown in England stattfindet. Lee Child stammt ja selbst aus Großbritannien und man merkt in letzten Viertel des Romans, dass er sich hier wirklich gut auskennt und lässt viele lokale Eigenheiten einfließen.

                          Warum Reacher am Beginn des Romans ausgerechnet in New York ist, wird übrigens nicht erwähnt. New York war schon Schauplatz von zwei vorangegangenen Reacher-Romanen und es wirkt ungewöhnlich, wenn ein Vagabund wie Jack Reacher mehrmals die gleiche Stadt besucht. Eventuell steht die Schauplatzwahl in Zusammenhang mit dem Thema „private Sicherheitsdienste“, die ja von der US-Regierung vor allem medial bekannt im Irak und in Afghanistan eingesetzt wurden. 9/11 bzw. Ground Zero finden zumindest auch Erwähnung in dem Buch, auch wenn der Zusammenhang nicht direkt ausgesprochen wird.

                          Bewertung: Im Grunde ein guter Roman, vielleicht etwas zu lang geraten und mit etwas verschenktem Potenzial am Ende. Aber Child gelingt es hier sehr gut, nicht nur Reacher überzeugend – und diesmal mit offensichtlichem menschlichen Fehler – darzustellen, sondern auch eine große Anzahl von Protagonisten. Gut 30 Personen spielen für den Handlungsablauf wichtige Rollen und im Gegensatz zum Vorgängerroman „Sniper“ ließen sich diese nicht so leicht zusammenfassen. Einerseits ist es wichtig, dass Lanes Leute zahlreich sind und anderseits jagt Reacher Brotkrumen nach, die ihn quer durch New York City quasi von einer Haustür zur nächsten führen.

                          Eine Warnung möchte ich noch aussprechen: Dieser Roman ist für Zartbesaitete nicht zu empfehlen! Die im Roman erwähnten und beschriebenen Grausamkeiten sind wirklich übel, machen aus „Way out“ vielleicht den härtesten Reacher-Roman. Der Psychoterror ist anders als in „Der Janusmann“ oberflächlicher, aber die ausgeführten und angedrohten Taten in „Way out“ verfehlen ihre Wirkung auch nicht. Der Roman ist alles andere als eine Wohlfühllektüre.

                          Von mir erhält Lee Childs 10. Reacher-Roman solide 4 Sterne. Einige Längen sind nicht wegzuleugnen, wenngleich Ambiente und Storyablauf an sich passen.

                          Anmerkung: Seit dem 9. Reacher-Roman „Sniper“ werden die englischen Originaltitel durch andere aber ebenfalls englische Titel für die ins Deutsche übersetzten Romane ersetzt. Im Falle von „Sniper“ (im Original „One Shot“) fiel das noch nicht auf, da dieser englische Begriff auch im deutschsprachigen Raum geläufig ist. Die englische Originalausgabe von „Way out“ trägt hingegen den Titel „The Hard Way“. Auch die Titel der drei folgenden Reacher-Romane wurden auf diese Weise geändert. Erst ab dem 14. Roman verwendete der Verlag Blanvalet wieder deutsche Titel.

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                          • #14
                            Rezension: „Trouble” – Ein Jack-Reacher-Roman

                            Über den Jahreswechsel stand bei mir wieder einmal ein neues Abenteuer von Jack Reacher auf dem Programm. Der elfte Roman der Reihe erweist sich aber als alles andere als ideal, um auf das Jahr 2016 einzustimmen, in dem eine neue Jack Reacher-Verfilmung (zum 18. Roman) im Kino starten wird. (Deutscher Kinostart von „Never go back“ am 3. November.)

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                            Dabei bietet der Roman „Trouble“ eine durchaus interessante Prämisse, denn Reacher ist diesmal nicht als Einzelkämpfer unterwegs, sondern arbeitet mit Freunden – drei ehemalige Kameraden jener Sondereinheit, die er gegen Ende seiner Militärpolizei-Laufbahn befehligt hatte – an der Aufklärung von Morden, die an den restlichen vier Mitgliedern der Sondereinheit begangen wurden. Über der Wüste nahe Los Angeles wurden diese einfach aus luftiger Höhe aus einem Hubschrauber geworfen. Getreu ihrem Motto „Mit der Sondereinheit legt man sich nicht an“ schwören die vier verbliebenen Mitglieder Rache, doch an wem ist anfangs unklar. Nach dem Ende ihrer Karrieren bei der Army ist jeder seinen Weg gegangen und so müssen die vier Überlebenden zuerst einmal herausfinden, warum sich die anderen vier wieder getroffen haben. Wer hat wen zuerst kontaktiert? Wer hatte ein Problem, das er alleine nicht lösen konnte und Verstärkung angefordert? Und mit welchem mächtigen Gegner haben sie sich angelegt, der fähig war, vier der besten Militärpolizisten mit denen Reacher je zusammengearbeitet hatte, eine Falle zu stellen und zu töten? Fakt ist nur, dass sehr viel Geld im Spiel war.

                            Fazit: Den einen oder anderen vertrauten Namen aus vorangegangenen Reacher-Romanen finden wir in „Trouble“ wieder und über weite Strecken gelingt es Autor Lee Child sehr gut, Reacher zu einem Teamplayer zu machen. In diesem Roman allein erfährt man über die anderen Mitglieder der Sondereinheit mindestens genauso viel wie über Reacher selbst. „Trouble“ ist also ein wirklich gut gelungenes Ensemble-Stück mit vier auf Augenhöhe stehenden Ermittlern. Insofern kann man den Roman wirklich als gelungen bezeichnen, denn die vier Hauptfiguren interagieren sehr überzeugend und man kann sich problemlos vorstellen, wie Reacher einst mit ihnen zusammengearbeitet hat.

                            Allgemein kann ich durchaus festhalten, dass „Trouble“ ein unterhaltsamer Roman ist, solide geschrieben und dank der Teamarbeit grenzt er sich auch von den anderen Reacher-Romanen erfrischend ab. Doch es gibt ein paar sehr gravierende Negativpunkte.

                            Zum einen ist der Roman etwas zu lang. Dass der zwischenzeitliche Ausflug nach Las Vegas nichts bringt, war von Anfang an vorherzusehen. Zu absurd wirkt diese falsche Fährte rund um einen riesigen Betrug. Viele Filme haben uns gezeigt, wie penibel die Casino-Betreiber sind, wenn es um ihr Geld geht. Es scheint völlig unmöglich, dass fast 200 Millionen Dollar über Monate hinweg über manipuliertes Glücksspiel abhandenkommen könnten. Diesen Ausflug – gut ein Siebentel des Buches – hätte sich Lee Child also sparen können. Genauso wie die Verschandelung seines „Helden“.

                            Jack Reacher als Helden zu bezeichnen ist angesichts seiner Vorgehensweisen zwar ohnehin etwas übertrieben, aber auch wenn er sich in einer gesetzlosen Sphäre aufhält, folgt er doch mehr oder weniger einem vorhersehbaren Gerechtigkeitssinn. Wer gut und wer böse ist, steht für ihn meist sehr schnell fest und wird auch dem Leser der Romane nicht lange vorenthalten. Reacher hat es meistens mit wahren Monstern zu tun, aber selbst mit diesen rechnet er meistens schnell und auf direktem Wege ab. Zudem rettet er durch dieses schnelle und direkte Vorgehen auch oft die Leben von Menschen, die sich nicht selbst zur Wehr setzen können, die einfach nicht die Fähigkeiten von Reacher besitzen. Und genau das trifft bei „Trouble“ leider nicht zu.

                            Die Mitglieder der Sondereinheit waren die Besten der Besten, von Reacher handverlesen, alle mit den Fähigkeiten von Reacher selbst, sei es im Umgang mit Waffen, bei der Aufdeckung von Geheimnissen oder im Zweikampf. Diese vier Toten schwören Reacher und die Überlebenden im Laufe des Romans mehr als nur einmal zu rächen und alle möglichen Grausamkeiten anzutun, während er mit andern Monstern, die anderen Leuten weit Schlimmeres angetan haben oder dies beabsichtigten, lediglich kurzen Prozess gemacht hat. Ein gezielter Schuss und die Bestien in Menschengestalt waren erledigt. Der Racheschwur passt einfach so überhaupt nicht zu Reacher, vor allem da die Emotion bei ihm fehlt. Es wirkt, als rechne sich Reacher einfach aus, dass er die vier getöteten Männer eine gewisse Zeit lang gut kannte und jetzt der logische Schluss wäre, sie zu rächen. Mehr steckt nicht dahinter, nichts Persönliches oder die Angst davor der nächste zu sein. Nein, nur eine nicht nachvollziehbare Verpflichtung, bei der man nebenbei auch noch „Beute“ machen könnte. Ganz plötzlich macht Lee Child aus seinem Hauptcharakter auch noch einen von Zahlenspielen Besessenen. Selbst Mister Spock wäre fasziniert von Reachers plötzlichen Rechenkünsten.

                            Trauriger Tiefpunkt der Geschichte ist Reachers Mord am Hubschrauberpiloten. Mir fällt auf Anhieb kein anderer „Gegner“ von Reacher ein, der auf so grausame Weise umgebracht wurde, der keinerlei Widerstand leistet und den Reacher auch noch kurz davor bewusst täuscht, indem er andeutet, er würde ihn verschonen. Die wahren Hintermänner und Ausführenden der vier Morde bekamen verglichen dazu recht gnädige Tode von Reacher spendiert, aber mit dem Pilot, der „nur“ wegen ganz simpler, grundlegender Existenzangst mit den Mördern kooperiert hat, spielt Reacher ein wirklich makabres Spiel.

                            Bewertung: Tja, es hätte mich nicht im Geringsten gestört, wenn Reacher in diesem Roman aus dem Hubschrauber gestürzt wäre. Man sollte meinen, bei einer Romanreihe, die nur von einem Autor verfasst wird, hätte dieser seine Hauptfigur im Griff. Aber in „Trouble“ – übrigens ein sehr passender Titel – beschreibt er wohl jemand anderen. Oder er konzentriert sich hier auf Facetten des Charakters, die ihn einfach nur abstoßend wirken lassen. Obwohl das Team in diesem Roman gut funktioniert, war es vielleicht doch ein Nachteil, den Fokus nicht auf Reacher zu legen, aber ich glaube nicht, dass noch mehr Erläuterung ihn in dieser Geschichte plausibler hätte erscheinen lassen. Also hoffentlich behält Lee Child diese Art der Darstellung von Reacher in den folgenden Romanen nicht bei – oder schreibt ihn in eine Geschichte hinein, die es nicht erfordert, dass er ähnlich handeln könnte wie in „Trouble“. Diesem problematischen Roman gebe ich lediglich 2 Sterne.

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                            • #15
                              Rezension: „Outlaw” – Ein Jack-Reacher-Roman

                              Der elfte Jack Reacher-Roman von Lee Child konfrontierte die Hauptfigur mit einer für sie recht ungewöhnlichen Situation und leider resultierte dies meiner Meinung nach in einen ungewöhnlich schlechten Reacher-Roman. Die 12. Geschichte rund um den unabhängigen Ex-Militärpolizisten Jack Reacher ist wieder etwas “gewöhnlicher” geworden, was nach meiner Enttäuschung über den Vorgängerroman aber absolut positiv zu verstehen ist.
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                              Jack Reacher hat seit seinem Zwangsruhestand jede Menge Zeit und so überrascht es wohl nicht, dass ihm eines Tages während seines Aufenthalts in Calais, Maine – dem letzten größeren Ort im Nordosten der USA – die Idee kommt, auf möglichst geradem Wege nach San Diego – dem letzten größeren Ort um Südwesten – zu reisen. Zu Fuß, per Anhalter, per Bus schlägt er sich bis nach Colorado durch, ehe er eine falsche Entscheidung trifft. Vor die Wahl gestellt, der Straße nach Süden oder der Straße nach Osten zu folgen, entscheidet sich Reacher aufgrund der vor ihm liegenden interessanten Ortsnamen für den Weg nach Osten. Die Stadt “Hope” erscheint ihm noch sehr gastfreundlich, doch in “Despair” angekommen wird ihm schon kurz nach seiner Ankunft bereits beim Besuch eines Cafés von ein paar Jungs ungewöhnlich aggressiv klar gemacht, dass Fremde hier nicht willkommen sind. Kaum liegt der erste mit blutender Nase auf dem Asphalt fährt auch schon der Sheriff vor, der erklärt, bei den Jungs handelte es sich um Deputies und Reacher wird vor den Richter geschleppt. Obwohl Gewaltanwendung gegen einen Deputy kein geringes Vergehen ist, ist Reacher doch überrascht darüber, dass er lediglich wegen Landstreicherei angeklagt wird und zur Strafe einfach aus Despair verbannt wird. Man setzt ihn einfach an der Grenze zu Hope aus und Reachers Interesse, was in Despair vorgeht ist geweckt. Warum will man in dieser Firmenstadt, in der fast alle in der örtlichen, gigantischen Metallrecycling-Anlage arbeiten keine Besucher? Was führt der ultra-religiöse Firmenchef im Schilde, der fast jede Nacht mit einem kleinen Propellerflugzeug abhebt? Warum tauchen in Hope ständig junge Frauen auf, die vermuten, ihre Ehemänner wären in Despair untergtaucht? Warum sehen die Bewohner von Despair alle krank aus? Und warum hat die U.S. Army einen Militärpolizeistützpunkt gleich westlich von Despair errichtet? Fragen über Fragen, zu denen es – wie Reacher herausfindet – weit mehr als nur eine einzige Antwort gibt.

                              Fazit: “Outlaw” vermittelt gleich von Beginn ordentlich Lokalkolorit – und das obwohl die beiden im Mittelpunkt des Geschehens stehenden Städte”Hope” und “Despair” (“Hoffnung” und “Verzweiflung”) rein fiktiv sind. Jack Reacher allein auf sich gestellt in einer nur schwach besiedelten Gegend, der gegen ihm entgegenschlagende Feindseligkeit und unwegsames Terrain ankämpfen muss, ist schon mal eine sehr gelungene Ausgangssituation und es hilft auch, dass Reachers Schwierigkeiten erst so richtig mit der Konfrontation mit den Deputies beginnen, aus der ein witziger Dialog auch in den ersten Reacher-Kinofilm Eingang gefunden hat. Grundsätzlich ist “Outlaw” durchaus mit gelungenem Humor gespickt. Die Passage, in der Reacher zum Richter von Despair fährt, ihm mitteilt, er habe sämtliche Polizikräfte der Stadt – in Notwehr natürlich – krankenhausreif geprügelt und vorschlägt, der Richter solle Reacher als Deputy vereidigen, ist der Hammer!

                              Da es in der Geschichte gleich mehrere mysteriöse Vorkommnisse gibt, denen Reacher auf der Spur ist, ist sie auch alles andere als vorhersehbar. Man ist sich als Leser nie wirklich im Klaren, welche Vorkommnisse und Entdeckungen von Reacher bei dessen Nachforschungen im direkten Zusammenhang stehen. Das Bild setzt sich erst langsam zusammen und so bleibt der Roman durchgehend spannend. Wenn man auf einen Handlungsstrang hätte verzichten können, dann – wie so oft – auf das Reacher-Girl.

                              Reacher selbst kommt in “Outlaw” glücklicherweise wieder bedeutend sympathischer rüber als der sadistische Psychopath, den er in “Trouble” gegeben hat. Und wohl zum allerersten Mal äußerst sich Reacher in einem der Romane ganz direkt und sehr kritisch zur amerikanischen Politik, was man ihm aufgrund seines bereits bekannten beruflichen Backgrounds auch problemlos abnimmt und grundsätzlich spiegelt sich darin auch absolut sein Charakter wider. Er agiert hier wieder wesentlich professioneller, ausgewogener, dosierter. Reacher ist kein Berserker, der alles niederreißen will, sondern nach “Bedrohungslage” agiert. Im vorangegangenen Roman hat Lee Child das vergessen, in “Outlaw” diesen Charakterzug hingegen sogar noch deutlicher betont als je zuvor. Vielleicht als Ausgleich, jedoch am Schluss übertreibt es Reacher vielleicht etwas. Anderseits tut er den Bösen eigentlich nichts anderes an, als dass er einen Telefonanruf tätigt.

                              Bewertung: Der 12. Reacher-Roman hat wieder Spaß beim Lesen gemacht. Viele kritisieren zwar, dass Reacher nicht viel mehr tut, als über verschiedenste Wege zwischen Hope und Despair hin und her zu pendeln, aber jeder Ausflug in die Stadt, aus der Reacher verbannt wurde, bringt neue Erkenntnisse und es gibt jede Menge Mysterien, die zum Miträtseln einladen. Von mir gibt es für einen “klassischen” Reacher-Roman mit einigen für die Reihe originellen Einfällen 5 von 6 Sterne.
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                              Zuletzt geändert von MFB; 29.02.2016, 13:26.

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