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Jack Reacher-Romane von Lee Child

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    Jack Reacher-Romane von Lee Child

    Einer meiner Lieblingsfilme des Jahres 2013 war „Jack Reacher“, ein Krimi-Thriller rund um einen Ermittler mit sehr eigenem Charakter – dargestellt von Tom Cruise – der eher zufällig in eine Fall verwickelt wird, der für ihn nur am Beginn eindeutig erscheint. Die Geschichte des Films basiert auf Lee Childs 9. Jack-Reacher Roman „Sniper“ (Originaltitel „One Shot“), aber da mir der Film so gut gefallen hat, habe ich beschlossen, zumindest mal den ersten Roman der Reihe (die ab Herbst 2014 schon 19 Bücher umfassen wird) zu lesen – wenngleich Krimis nicht unbedingt mein favorisiertes Genre sind. Und auch „Größenwahn“ hat mich mitunter an diesen Umstand erinnert.

    Rezension: „Größenwahn” – Ein Jack-Reacher-Roman

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    Wer ist Jack Reacher? Nun, das erklärt der Roman schon sehr bald, denn Reacher wird in einer Kleinstadt in Georgia kurz nach seinem Eintreffen verhaftet und ihm wird ein Mord auf einem Lagerhauskomplex innerhalb der Gemeindegrenzen von Margrave vorgeworfen. Obwohl er nachweislich zum Zeitpunkt des Mordes noch gar nicht in der Stadt war, muss er der Polizei Rede und Antwort stehen, wobei der Leser Folgendes über den “Helden” dieser Geschichte erfährt:

    Bis vor 6 Monaten war der inzwischen 36jährige Jack Reacher Militärpolizist bei der U.S. Army, hat fast sein ganzes Leben auf Stützpunkten in aller Welt verbracht und genießt nun erstmals in seinem Leben Freiheit und reist mehr oder weniger ziellos durch die Vereinigten Staaten. Kein fester Wohnsitz, kein Gepäck, nur per Bus quer durchs Land unterwegs und immer spontan bei der Auswahl seiner Zwischenstopps. Den Zwischenstopp in Margrave hätte er sich jedoch gerne erspart, wenn er gewusst hätte, dass er ein Wochenende in U-Haft verbringen muss – zusammen mit einem anderen Tatverdächtigen aus der Gegend, der Reacher aber keineswegs wie ein Mörder vorkommt. Stattdessen – auch zwangsläufig, da sie sich eine Zelle teilen müssen – bekommt Reacher von seinem Co-Insassen einiges zu hören, was er gar nicht hören will. Nämlich dass der Mann – sein Name ist Paul Hubble, der bei einer Bank in Atlanta arbeitet – tatsächlich Dreck am Stecken hat, wenn auch nicht freiwillig. Ohne zu konkret zu werden – was Reacher auch recht ist, denn Reacher will im Grunde nur seine Ruhe – erzählt Hubble, dass er in einer großen Sache verwickelt ist, ein gewaltiger Coup, an dessen Beteiligung er jedoch gezwungen wird, denn seine Familie wird bedroht. Nach diesem Wochenende ist Reacher das alles schon egal und er will schon weiterziehen, doch ehe er die nächste Bushaltestelle ansteuern kann, kommt eine Tatsache ans Licht, mit der Reacher nicht gerechnet hätte. In dieser Kleinstadt namens Margrave, etwas auswärts von Atlanta gelegen, kreuzen sich nach vielen Jahren die Wege von Jack Reacher und seinem Bruder Joe. Denn Jack Reacher ist auf der Durchreise und Joe die Leiche, die bei den Lagerhäusern gefunden wurde. Dem nicht genug verschwindet Paul Hubble nach der Entlassung aus der U-Haft spurlos und der Polizeichef von Margrave und dessen Frau werden bestialisch hingerichtet in ihrem Haus aufgefunden. Ein Fall, der Reacher bis dato überhaupt nicht interessiert hat, wird nun zur Besessenheit des akribischen Ermittlers und ihm fallen spontan weitere Merkwürdigkeiten in dieser Kleinstadt auf, in der der Lagerhausbesitzer alles im festen Griff zu haben scheint und mit dem Geld nur so um sich wirft – wie eigentlich jeder in diesem verschlafenen Nest! Woher stammt dieser sonderbare Wohlstand, über dessen Ursprung niemand etwas verraten will? Und steht er in Zusammenhang mit dem großen Coup, von dem John Hubble gesprochen hat und der laut dessen Behauptung nur noch innerhalb einer Woche aufgedeckt werden kann? Fragen über Fragen und wann immer Reacher eine willige Auskunftsperson gefunden zu haben scheint, taucht diese kurz darauf als Leiche wieder auf.

    Fazit: Vorweg sei gesagt, dass Lee Child den Roman aus Jack Reachers Ich-Perspektive geschrieben hat. (Was nicht auf alle Reacher-Romane zutrifft.) Ich persönlich finde diese Perspektive nicht besonders aufregend, würde auch nie einen Roman aus dieser Sicht schreiben, für einen Krimi ist es aber wahrscheinlich gar nicht schlecht gewählt, da man als Leser auch nie mehr Informationen erhält als der Ermittler. Etwas problematisch – und gleichzeitig interessant – ist, dass der Schreibstil natürlich der beschreibenden Person angepasst ist. Und Jack Reacher ist ein sehr wortkarger Mann, der direkt oftmals nur durch Schweigen und Schulterzucken kommuniziert. Entsprechend angepasst kurz, direkt und schmucklos sind ein Großteil der Sätze in diesem Roman. Wie gesagt passt dies perfekt zum Charakter dieses Ermittlers, ist aber nicht so schön zu lesen. So richtig in einen Lesefluss kommt man nicht, eigentlich bietet Lee Child dem Leser dadurch zu oft die Möglichkeit, aus der Geschichte auszusteigen. Und davon habe ich auch öfters Gebrauch gemacht. Selten, dass ich mal mehr als eine Stunde durchgehend mit diesem Buch verbracht habe, denn so wirklich spannend wird die Geschichte auch erst ab ca. der Mitte. Davor beschränkt sich viel auf rein distanzierte Beobachtung und viele Details, die für sich gesehen zwar nicht relevant sind, in ihrer Anhäufung aber in der zweiten Hälfte wichtig werden.

    Die Ich-Perspektive bei einem nicht gerade auskunftsfreundlichen Charakter wie Jack Reacher hat noch einen weiteren Nachteil: Man erfährt nicht, was andere Leute über ihn denken. Reacher selbst ist das nämlich egal. Dabei ist Reacher selbst auch mit ein Grund, warum mir der Kinofilm so gut gefällt, Reacher ist nämlich schwierig auszumachen. Äußerlich gelassen, fast gleichgültig, präsentiert sich aber hochintelligent und zu Deduktion à la Sherlock Holmes fähig, wenn er erst einmal an einer Sache interessiert ist. Und er scheut auch nicht davor zurück, seine kämpferischen Fähigkeiten, die er beim Militär erlernt hat, einzusetzen. Während Reacher durchaus einen Hang zur Brutalität besitzt, kann er auch durchaus charmant sein. Es gibt einige Gegensätze bei diesem Charakter, die ihn im Film für mich interessant gemacht haben. Im ersten Roman gelingt das eher nicht. Man erfährt halt viele Fakten, bekommt aber nur wenige subjektive Eindrücke.

    Der Fall selbst ist mit Leichen gepflastert und Lee Child scheut auch nicht vor unschönen Details zurück. Die Auflösung – warum diese Leute sterben mussten und welches Geheimnis die Verbrecherorganisation in Margrave verheimlichen wollte – ist dann nicht die ganz große Offenbarung, weil sie nicht ganz originell erscheint. Zugegeben: Bis zur Offenbarung selbst bin ich auch nicht auf die Idee gekommen, aber als ich sie las, kam sie mir schon bekannt vor. Lee Child ist aber hier auch sehr ehrlich und lässt Reacher sogar anmerken, dass der Coup gar nicht originell ist. Ein Pluspunkt ist jedenfalls der Schluss, wenn auch Aktionen gesetzt werden und Reacher selbst in Bedrängnis kommt – und schließlich zum Kollateralschaden reichen Gegenschlag.

    Bewertung: Für mich ist der Roman etwas schwer zu bewerten, da ich wie gesagt ja nicht unbedingt ein Fan des Krimigenres generell bin. Wahrscheinlich werden sich Genrefans schon früher in die Handlung einfühlen können. Mir gelang dies erst ab der spannenderen zweiten Hälfte, während der Beginn doch etwas mühsam zu lesen war. Schade, vor allem im Vergleich zur Geschichte, die die Verfilmung von „Sniper“ bot, war ich von „Größenwahn“ nicht besonders beeindruckt. Daher gebe ich nur 3 von 6 Sterne. Aber die Reihe an sich habe ich deshalb noch nicht abgeschrieben. Ich werde als nächstes jedenfalls eine Reacher-Geschichte lesen, die nicht aus Reachers Ich-Perspektive erzählt wird. Vielleicht hilft das.

    Anmerkung: Wer Krimis/Thriller im Kinoformat mag, dem lege ich den Film „Jack Reacher“ wirklich ans Herz. Er war für mich eine der Kinoüberraschungen des Jahres 2013. Wenngleich Fans der Romane zwar nicht begeistert darüber waren, dass mit Tom Cruise ein Schauspieler die Titelrolle spielte, der den äußerlichen Beschreibungen Reachers in den Romanen überhaupt nicht entspricht, ist „Jack Reacher“ ein sehr spannender Film und Cruise spielt diesen zwiespältigen „Helden“ wirklich hervorragend und interessant. Als ich den Film erstmals sah, hatte ich natürlich noch keinen der Romane gelesen, also bin ich recht unbefangen an den Film herangegangen.

    Hier der Trailer zum Kinofilm (der wie gesagt nicht auf "Größenwahn" basiert, sondern auf dem 9. Roman "Sniper":

    Jack Reacher - Trailer 2 (Deutsch | German) | HD | Tom Cruise - YouTube

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  • SF-Junky
    antwortet
    Ich bin jetzt auch mit dem 9. Roman durch, der ja Vorlage für den 1. Film war und hatte hinterher dieselben Gedanken dazu wie MFB:
    Zitat von MFB Beitrag anzeigen
    Fazit: Vorweg gesagt: Der Film “Jack Reacher” war toll, hat mich absolut begeistert und sei hiermit jedem empfohlen, der den Genres Krimi, Thriller und Actionfilm zugetan ist. Zudem ist der Film recht nahe an der Romanvorlage. Der Handlungsablauf ist mehr oder weniger identisch, Reachers Ermittlungen kommen nach und nach voran und sein trockener Humor ist manchmal sogar wortwörtlich aus dem Roman in den Film übernommen worden. Was den Roman schwer zu bewerten macht, sind allerdings nicht die Gemeinsamkeiten mit dem Buch, sondern jene Stellen, in denen er abweicht. Die meisten Romanleser sind oft enttäuscht, wenn sie ihr Lieblingsbuch verfilmt sehen und feststellen müssen, dass einige Stellen weggelassen wurden. Da ich den Film zuerst gesehen habe, geht es mir mit dem Roman nun umgekehrt: Meiner Meinung nach ist alles, was es nicht in den Film geschafft hat, völlig zurecht rausgeflogen. Allen voran das obligatorische Reacher-Girl. Eine frühere Kollegin von der Army, die im Roman vorkommt, trägt nichts zu Handlung bei, außer dass ein Vorwand geschaffen wird, dass Reacher – wieder einmal – mit einer Frau ins Bett steigt. Wie schon mal bei einer früheren Rezension erwähnt ist das ein Merkmal der Reacher-Romane, auf das ich gut und gerne verzichten könnten. Selten wie kaum wirkt diese Affäre in “Sniper” grundlos hineingequetscht.

    Allerdings ist seine Ex-Kollegin nicht die einzige Romanfigur, die es nicht in die Filmfassung der Geschichte geschafft hat. Im Roman wird Reacher unterstützt von Barrs Schwester, deren Anwältin, einem privaten Detektiv und einer Reporterin. Diese vier Personen dienen alle dem Zweck, Reacher Informationen zukommen zu lassen. Konsequenterweise wird aus vier Personen im Film eine einzige Person, nämlich die Anwältin. Sie übernimmt alle relevanten Funktionen der drei anderen Personen. Ein hervorragend gelungenes Beispiel, wie man eine Handlung schlanker gestalten kann. Diese Änderung hätte auch dem Roman gut gestanden, vor allem wenn es am Schluss zum großen Showdown kommt. Im Roman rückt Reacher da mit mehr Leuten auf seiner Seite an als ihm Gegner gegenüberstehend.
    One Shot (wer zur Hölle denkt sich diese bescheuerten "deutschen" Titel aus? ) war nicht der schlechteste Jack Reacher Band, aber auch nicht der beste. Ich hatte natürlich auch immer den Film im Kopf beim Lesen, der ja mit einer sehr straightforward Story aufwartet. Im Vergleich dazu ist der Roman recht mäandernd stellenweise. Allerdings muss man sagen, dass alle Bücher recht prall sind, Lee Child schreibt sehr ausführlich - jedes Jahr einen 500-Seiten-Roman kriegt auch nicht jeder voll. Nicht dass ich die Bücher langweilig fände (andernfalls würde ich die nicht lesen), aber man könnte bei jedem Band kräftig straffen. Bei One Shot fallen die Längen nur stärker auf, wenn man den Film zum Vergleich hat.

    Nun gut, ich werde die Reihe weiter verfolgen. Buch 10 The Hard Way gefällt mir schon wieder deutlich besser.
    Zuletzt geändert von SF-Junky; 08.10.2017, 14:22.

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  • MFB
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    Wie schon die vor ein paar Tagen rezensierte Star Trek-Novelle dient auch diese Jack Reacher-Story der Überbrückung bis zum Erscheinen des nächsten längeren Buches auf meiner Leseliste. Wie regelmäßige Besucher meines Blogs wissen, habe ich im April 2017 mit "Night School" den 21. und bislang letzten erschienenen Roman von Lee Child rezensiert. Noch übrig sind aber ein paar Kurzgeschichten über den Militärpolizisten Jack Reacher und eine davon, die zeitlich während seiner aktiven Army-Dienstzeit angesiedelt ist, ist "Deep Down".
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    Vorweg: Die als ebook - und manchmal als Anhang der Reacher-Romane - erschienenen Kurzgeschichten sind bedeutend kürzer als beispielsweise die Star Trek ebook-Novellen; nur ungefähr halb so lang. Daher ist die Geschichte von „Deep Down“ auch sehr schnell erzählt: Captain Jack Reacher bekommt den Auftrag, undercover an einer Besprechung im Kapitol teilzunehmen, in der die Kriterien für ein neues Scharfschützengewehr festgelegt werden sollen. Aufgrund auffälliger Fax-Aktivitäten nach vergangenen Sitzungen liegt der Verdacht nahe, dass aus dem Büro der politischen Verbindungsoffiziere geheime Informationen durchsickern - vermutlich an ausländische Waffenhersteller. Reacher soll die vier infrage kommenden Verbindungsoffiziere – vier weibliche Karriereoffiziere höheren Ranges, die man nicht ohne Auffallen zu einem offiziellen Verhör vorladen könnte - ausfragen und Eindrücke sammeln. Eine ungewohnte Aufgabe für Reacher, aber wenigstens haben seine Vorgesetzten bereits eine Hauptverdächtige, weshalb er sich vorrangig auf diese konzentrieren möchte. Doch diese taucht leider bei der Besprechung im Kapitol gar nicht auf und hat einen durchaus plausiblen Abwesenheitsgrund: Nur Stunden vor der Besprechung kam der ehrgeizigen Joggerin ein Auto in die Quere ...

    Fazit: Trotz der Kürze weist "Deep Down" die Qualitäten der besseren Reacher-Romane auf. Allen voran kommt der junge Army-Captain Reacher sehr sympathisch rüber. Der Ausblick auf ein simultanes „Rendezvous“ mit vier Frauen zum Zwecke der Informationsbeschaffung lässt ihn doch ein wenig an seiner Eignung zweifeln. Ein James Bond ist er eben nicht gerade. Da die Vorbereitung auf seine Mission schon gut die Hälfte der Geschichte einnimmt, wird die mehrere Stunden dauernde Besprechung recht knapp abgehandelt, aber ich würde doch behaupten, dass Reachers Wahrnehmung der Vorgänge und seine Einschätzungen für ausreichend Spannung sorgen, aber so richtig animiert mitzuraten, wer die Verräterin ist, wird man als Leser nicht. Dafür kennt Reacher die an der Besprechung beteiligten Personen auch einfach nicht gut genug, muss sich auf Beobachtungen stützen. Die Eigenschaften der Teilnehmer nimmt Reacher also ganz sachlich wahr. Aber es reicht aus, denn wenn Reacher seinem Vorgesetzten telefonisch meldet, wen er verdächtigt, ist seine Begründung sehr schlüssig. Und nach Beendigung des Telefonats darf Reacher auch nochmal in gewohnter Souveränität die Muskeln spielen lassen.

    Bewertung: Ein sehr kurzes, aber absolut vorhandenes Lesevergnügen bietet "Deep Down". Die Geschichte revolutioniert das Krimi-Genre zwar nicht, denn im Grunde nimmt Reacher nur an einem Kapitel einer längeren Geschichte teil, die schon ohne ihn begann und später ohne ihn weitergehen wird. Und doch beendet man als Leser diese Kurzgeschichte doch zufrieden, denn man hat das Relevante in Erfahrung gebracht und am Ende mit einem zustimmenden Nicken quittiert. 4 von 6 Sterne sind allemal drin, denn die Geschichte wird solide erzählt und ist so kurz, dass Lee Child gar keine Zeit blieb, sich in Widersprüche zu verstricken oder langatmig zu werden.

    Anmerkung: https://de.wikipedia.org/wiki/Fax

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  • MFB
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    Mit "Night School" endet nach etwas über drei Jahren vorläufig mein Ausflug in die Welt Jack Reachers. Und ich muss schon sagen, dass ich durchaus froh darüber bin, mit dieser Reihe abzuschließen, die in den letzten paar Romanen ein bisschen Verschleiß erkennen ließ und auch die Charakterisierung der Hauptfigur etwas abwandelte. Ja, Jack Reacher war immer einer, der aneckte. Aber anfangs gelang es dem Autor, Reacher gleichzeitig sympathisch darzustellen. Das ging aber in den vergangenen Romanen zunehmend verloren und damit sank auch das Interesse an diesem Charakter. Wobei der tolle Roman "The Affair", der während Reachers Militärzeit angesiedelt war, vermuten ließ, dass Reachers unsympathisches Auftreten eine Alterserscheinung sein könnte. Insofern hatte ich gehofft, in "Night School" den "sympathischen Major Reacher" wiederzusehen. Doch leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht.
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    Wir schreiben das Jahr 1996, Jack Reacher kommt gerade von einer Geheimmission aus Ex-Jugoslawien zurück, lässt das übliche Prozedere einer Medaillenverleihung über sich ergehen und rechnet mit der Erteilung eines neuen Auftrags - der jedoch so gar nicht seinen Erwartungen entspricht: Er wird zur Schule geschickt! Genauer gesagt zu einem Kurs, der irgendwo abgelegen im Hinterland Virgians stattfindet und der die Zusammenarbeit der Behörden verbessern soll. Blödsinn natürlich. Kaum sitzt Reacher mit einem CIA- und einem FBI-Mann zusammen wird ihnen klar, dass der angebliche Kurs nur Fassade ist. In Wahrheit sollen sie als Vertreter ihrer Behörden die Hintergründe eines

    besorgniserregenden Zwischenfalls ermitteln, von dem jedoch kaum etwas bekannt ist: Ein Informant in Hamburg hat lediglich erfahren, dass sich der Kurier einer neuen afghanischen Terrororganisation in Hamburg mit einem namenlosen Amerikaner getroffen hat, der der Organisation etwas angeboten hat - für schlappe 100 Millionen Dollar!

    Natürlich hat diese Information in Washington einige Leute alarmiert, die u.a. Reacher nun mit Nachforschungen betrauen. Dank freier Hand bei der Auswahl seiner Mitarbeiter lässt sich Reacher Sergeant Frances Neagley aus seiner Militärpolizei-Einheit zur Seite stellen, die gemeinsam mit ihm nach Hamburg fliegt, um sich dort eine Übersicht zu verschaffen. Während ihres Aufenthalts müssen sie aber enorm aufpassen, kein Aufsehen zu erregen, um einerseits ihren Informanten nicht zu gefährden oder den unbekannten Amerikaner - statistisch wahrscheinlich ein Soldat - zu verscheuchen, ehe dieser sich erneut mit dem Kurier treffen kann. Aber Aufsehen zu vermeiden, war noch nie Jack Reachers Stärke ...

    Fazit: Okay, beginnen wir mit dem Positiven. Mir gefiel die Darstellung der Polizeiarbeit in diesem Roman ausgesprochen gut. Die Ermittlungen fand ich sehr schlüssig, das Vorgehen - sowohl von Reacher & Neagley als auch der Hamburger Polizei - sehr professionell und zielgerichtet. Die Ermittlungsarbeit ist die treibende Kraft hinter der Story, abwechselnd mit den Schauplatzwechseln zu den Kurieren und deren Auftraggebern. Autor Lee Child hat es sehr gut verstanden, den Zeitdruck zu vermitteln, unter dem die einzelnen Personen stehen. Abwechselnd bekommt man mit, wie die Ermittler versuchen einen Rückstand aufzuholen während die Gejagten versuchen, der sich - manchmal langsamerer, manchmal schneller - zuziehenden Schlinge zu entkommen. Die Nebenereignisse - wie der Mord an einer Prostituierten, das Auftauchen hervorragender Ausweisfälschungen oder Kontakte eines Polizisten zu einem zwielichtigen deutschen Unternehmer - die nicht für jeden der Charaktere ersichtlich mit dem eigentlichen Fall zu tun haben, werden sehr gut in die Geschichte eingewoben. Das ergibt am Schluss eine schöne, runde Sache, ist wirklich gut geplant gewesen.

    Als neutral erachte ich den Deal, den der Amerikaner vorschlägt. Um was es sich handelt, das er verkaufen will, werde ich in dieser Rezension nicht verraten, aber ich bin mir sicher, dass es vielen Lesern als zu weit hergeholt erscheinen mag, das das U.S. Militär auch nur die Möglichkeit offen lässt, dass so etwas auf den Markt kommt. Auch mir kam der Gedanken, dass Lee Child hier wohl diesen oder jenen Film zu oft gesehen hat. Aber so wirklich in unserer Realität ist "Night School" wohl sowieso nicht angesiedelt.

    Okay, 1996, Hamburg. Zugegeben, ich war nicht dort. Und keine Zeit war jemals perfekt und wird perfekt sein, aber gerade die späten Neunziger habe ich als doch eher "gute" Ära Mitteleuropas in Erinnerung. Wie Hamburg im Jahre 1996 aber von Lee Child in diesem Roman beschrieben wird, erinnert etwas an die Darstellung des heutigen Deutschlands durch einen gewissen Präsidenten am Bosporus. Okay, fassen wir mal zusammen: Statistisch gesehen wohnte in Deutschland 1996 in zumindest jeder 200. Wohnung ein Schwerverbrecher. Nazi-Organisationen planten einen Putsch gegen die Regierung und hatten Spitzel in der Polizei - nicht umgekehrt. Deutsche Großstadtbürger waren es gewohnt, wenn sich alle paar Tage in ihrem Umfeld eine große Explosion ereignete und gerieten nicht in Panik. Auf der Reeperbahn fanden Sodomie-Live-Shows statt - die von außen ersichtlich über Plakate in Schaufenstern beworben wurden.

    Soweit so schlecht. Ich denke, diese Darstellung hat nicht viel mit der Realität zu tun, aber vielleicht irre ich mich ja auch. Allerdings will ich Lee Child hier gar nicht vorwerfen, wirklich "Fehler" gemacht zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Beschreibungen Mitteleuropas bei vielen seiner amerikanischen Leser sehr gut ankommen. Schon interessant: Blicke ich auf Childs vorangegangen Romane zurück, so hat er zwar so einige amerikanische Orte beschrieben, die genauso abgründig sind wie Hamburg in "Night School". Nur interessanterweise waren diese amerikanischen Orte dann meistens fiktiv.

    Aber auch wenn man die Darstellung Hamburgs mal außen vor lässt, findet man doch so manches im Roman, das schlecht recherchiert wirkt bzw. einfach für die Ermittler günstig konstruiert. Was mir spontan einfällt ist die Lektion darüber, wie Menschen beim Entwenden eines Aktenordners aus einem Regal zwangsläufig einen Fingerabdruck auf dem Ordner daneben hinterlassen. Ich als Büroarbeiter frage mich, ob sich Lee Child der Existenz von Aktenordnern mit Griffloch bewusst ist. Ja, es gibt auch welche ohne Griffloch. Aber meiner Erfahrung nach verfügen 90 % der Aktenordner im Handel über dieses praktische Merkmal. Schon interessant wenn man bedenkt, dass Child seine Ermittler sehr gerne aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten auf die richtige Spur bringt. Und auch das Öffnen einer Wohnungstür in einem deutschen Neubau mit einer Kreditkarte erschien mir nicht unbedingt glaubwürdig - aber natürlich fehlt mir in diesem Bereich jedwede praktische Erfahrung.

    Bewertung: Also im Grunde hat mir der Fall und die ganze Ermittlungsarbeit, wie sie im Roman geschildert wurde, sehr gut gefallen. Eie die einzelnen Handlungsstränge zusammengeführt wurden kann sich ebenfalls sehen lassen. Der Spannungsaufbau war sehr gelungen. Aber so nebenbei hatte ich als Leser ständig den Eindruck, als stolpere der Autor in einer Tour ohne es zu bemerken von einem Fettnäpfchen ins nächste wenn er die Umgebung beschreibt, in der sich Reacher bewegt. Ein Reacher, der in diesem Roman recht zwiespältig rüberkommt. Mir gefällt seine Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei. In eine Schlägerei mit Anhängern des rechten Rands verwickelt, kommt es aber nicht so gut an, dass er auf deren Niveau sinkt und dieses nach seinem "Triumph" sogar noch unterbietet. (Wenn Reacher wissen will, wie es sich anfühlt, einen Krieg zu verlieren, hätte er dafür nicht nach Hamburg fliegen und einen Deutschen fragen müssen; ein Army-Veteran hätte ihm das auch sagen können.)

    Ich kann es nicht anders ausdrücken, aber für mich hat der Autor hier einfach zu viele schlechte Entscheidungen beim Ausschmücken getroffen, die von der eigentlich ganz unterhaltsamen Krimi-Story massiv ablenken. Das macht den Roman auch schwer zu bewerten, weil das Wesentliche ja doch ganz gut gelungen ist, das Unwesentliche aber arg aus dem Ruder gelaufen ist. Ich glaube, eine Durchschnittswertung von 3 Sternen kann ich vertreten. Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Roman für manche Deutsche als Kuriosum oder Parallelwelt-Geschichte interessant sein könnte.

    Anmerkung: Neben den bislang erschienenen 21 Romanen hat Lee Child auch noch 4 Kurzgeschichten über Jack Reacher verfasst.

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    Zuletzt geändert von MFB; 05.04.2017, 17:13.

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  • MFB
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    Beinahe ist es geschafft: Demnächst werde ich den 21. und damit letzten bislang erschienen Jack Reacher-Roman lesen. Innerhalb von ziemlich genau drei Jahren werde ich dann die gesamte Reihe (abzüglich ein paar Kurzgeschichten, die ich zwischendurch hin und wieder mal einstreuen werde) gelesen haben. Und nach dem 20. Roman „Make me“ fiebere ich diesem Moment schon sehr entgegen. Es manifestiert sich der Eindruck, dass die Reihe ihre besten Zeiten schon hinter sich hat und die Hauptfigur selbst quält sich in diesem Roman ziemlich ab.

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    Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend, denn wie in vielen der besseren Reacher-Romane befindet sich Reacher auf dem Land. Rein aus Interesse, woher diese kleine Stadt ihren Namen bezog, steigt Reacher irgendwo zwischen Oklahoma City und Chicago aus dem Zug und stellt in „Mother’s Rest“ seine Erkundigungen an. Ganz harmlos, möchte er meinen, doch die misstrauischen Blicke, die ihm gelten, entgehen ihm nicht. Doch auch das ist er gewohnt, ein Mann mit seiner Statur zieht zwangsläufig Aufmerksamkeit auf sich und auch dass man am Land Fremden gegenüber etwas zurückhaltend reagiert, ist nichts Neues. Was Reacher jedoch nicht weiß: Die Einwohner von „Mother’s Rest“ haben guten Grund, misstrauisch zu sein, denn immerhin haben einige ihrer Vorzeigebürger am Abend zuvor gerade erst die Leiche eines Typen verscharrt, der ebenfalls seine Nase in Dinge gesteckt hat, die ihn nichts angehen.

    Auf der Suche nach diesem Mann namens Keever ist Michelle Chang, eine Kollegin von ihm, ebenfalls Privatdetektivin, die Keever zur Unterstützung angefordert hat. Doch bei ihre Ankunft in „Mother’s Rest“ war Keever bereits – im wahrsten Sinne des Wortes – wie vom Erdboden verschluckt. Alles gut und schön, denkt sich Reacher und ist schon kurz davor, wieder in den Zug zu steigen – ohne den Namensursprung der Stadt herausgefunden zu haben – als seine Instinkt Alarm schlagen und er beschließt, Chang zu helfen. (Natürlich darf ich nicht vergessen zu erwähnen, dass Chang sehr attraktiv beschrieben wird und als ehemalige CIA-Agentin genau Reachers Beuteschema entspricht. )

    Dass Chang und er sich der Sache nähern wird deutlich, als sie mit großem Nachdruck aus der Stadt hinausgeekelt werden, doch das passt Reacher ohnehin in den Kram, denn auf der Sucher nach Keevers Auftraggeber muss er ohnehin zuerst nach Chicago, woraufhin ihn weitere Spuren nach Phoenix und Kalifornien führen, eher er zum großen Showdon in Wild-West-Manier nach Mother’s Rest zurückkehr …

    Fazit: Diese Rückkehr ist auch insofern notwendig, damit Reacher – und der Leser – überhaupt herausfinden, welchen üblen Geschäften die angesehenen Bürger von Mother’s Rest nachgehen. (Ohne es direkt zu verraten doch eine Warnung: Was die machen ist ziemlich übel. Der Schluss ist nicht gerade die beste Lektüre, wenn ihr danach eine Nacht frei von Albträumen erleben wollt.) Am Schluss präsentiert uns Reacher retrospektiv ein paar Hinweise, die die Natur der Geschäfte andeuten hätten können. Aber ich gratuliere jedem, der sich aus diesen Brotkrumen die Auflösung zusammenreimen konnte. Ich finde, dieser Krimi ist nicht von jener Art, die es dem Leser ermöglicht, vor dem Ende die Auflösung zu erraten. Anders als in einigen vorherigen Romanen deutet Reacher hier nicht mal an, dass er insgeheim schon weiß, was los ist.

    Das liegt auch daran, dass wir Reacher hier so angeschlagen wie selten erleben. Mit einer sehr schweren Gehirnerschütterung quält er sich eigensinnig durch dieses Abenteuer ohne sich medizinisch behandeln zu lassen. Hier scheint der Autor der Meinung gewesen zu sein, dass Reacher ob seiner Verhaltensweisen ohnehin kein Vorbild sein sollte, also hat er es auch in Sachen medizinischer Vorsorge keine Vorbildwirkung zu erfüllen. Nur die Starken überleben. (Und allen anderen kündigt der Präsident die Krankenversicherung. Wäre Reacher in einem Wählerregister, wüsste ich, für wen er bei den letzten Wahlen gestimmt hätte ) Also auch diesmal wieder ein Roman, in dem Reacher nicht gerade sympathisch rüber kommt. Diese mehren sich je länger die Reihe läuft.

    Wie schon erwähnt, lässt seine Leistung als Ermittler in „Make me“ zu wünschen übrig. Er handelt eigentlich nur nach Instinkt und hängt seine Theorien, dass „irgendetwas nicht stimmt“ an Kleinigkeiten auf. Ein Beispiel: Reacher ist überzeugt, dass ein Gebäude einen bestimmten Zweck nicht erfüllen kann, weil er auf einem Satellitenfoto kein zum Gebäude führendes Rohr erkennt. Okay, er nennt Argumente dafür, warum es nicht unterirdisch verlaufen sollte. Das ein Schlauch, der im Bedarfsfall ausgerollt werden kann und ansonsten in einem Lagerschuppen rumliegt den exakt gleichen Zweck erfüllen kann wie ein fix installiertes Rohr, ist ihm keinen Gedanken wert und auch nicht Chang, die zwar in Sachen Action am Ende durchaus ihren Beitrag leistet, aber im Großen und Ganzen nur ein Betthäschen für Reacher ist und so ziemlich die einzige Motivation, sich mit dem Fall ihres vermissten Kollegen auseinanderzusetzen.

    Bewertung: „Trouble“ bleibt für mich weiterhin klar das Schlusslicht der Reihe, aber „Make me“ ist schon recht knapp dran. Hier ist Reacher zwar auch enorm unsympathisch, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß wie in „Trouble“. Wenngleich es mit „Trouble“ doch angefangen hat, Reacher öfter als Stinkstiefel zu charakterisieren. Das größere Problem hat „Make me“ in der Story. Wie gesagt ist man als Leser weitestgehend Passagier. Reacher und Chang hangeln sich von A nach B nach C nach D. Es ist eine geradlinige, ja beinahe schon erstaunlich simple Story, die Ereignisse einfach aneinanderreiht. Es gibt zwischenzeitlich immer wieder ein paar gute Passagen, in denen die Spannung steigt oder auch mal ein Funke Humor wie eine Oase in der Sahara wirkt. Aber etwas besseres als einen 2-Sterne-Kandidaten machen diese Passagen aus „Make me“ leider nicht.

    Anmerkung: Im 21. und neusten Roman namens „Night School“ wird dann wieder eine Geschichte erzählt werden, die während Reachers Dienstzeit angesiedelt ist. Diese Geschichten („Die Abschussliste“ und „The Affair„) haben mir bislang von allen Reacher-Romanen am besten gefallen. Wenn „Night School“ diesem Trend folgt, dann kristallisiert sich langsam heraus, dass die Zukunft der Reacher-Romane eher in der Vergangenheit liegen könnten.

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  • MFB
    antwortet
    In Lee Childs 19. Jack-Reacher-Abenteuer (das bis jetzt noch nicht auf Deutsch erschienen ist), kommen einige aus vorherigen Romanen bekannte Story-Elemente zusammen. Aber wenngleich es wie in „Sniper“ um einen Scharfschützen geht und es Jack Reacher einmal mehr nach Paris und London verschlägt wie in „Die Abschussliste“ bzw. „Way out“, ist „Personal“ lobenswerterweise kein Versuch, ein „Best-of“ aus einigen guten bis hervorragenden Reacher-Romanen zu zaubern, sondern eine Story, die zumindest in der ersten Hälfte eigene Wege geht.
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ID: 4455533

    Alles beginnt damit, dass Reacher zufällig im Bus eine liegengelassene Ausgabe der Army Times durchblättert und dabei überraschenderweise ein Inserat entdeckt, dass ihn auffordert, sich bei einem alten Bekannten zu melden, der noch immer als Adjutant von General O‘Day, der im Bereich Terrorbekämpfung in führender Position tätig ist, fungiert. Reacher ahnt sofort, dass O’Day hinter dem Inserat steckt und seinen Adjutanten lediglich aus einem Grund vorschiebt: Reacher schuldet diesem noch einen Gefallen. Und das ist auch der Grund, warum Reacher die Aufforderung nicht einfach ignorieren kann, sondern stattdessen vom nächstbesten Telefon aus den Anruf tätigt. Nur wenige Minuten später sitzt Reacher bereits in einem Jet, der ihn zur Joint Base Lewis-McChord fliegt, wo er wie erwartet von General O’Day wie auch Repräsentanten der CIA über einen Vorfall informiert wird: Vor einigen Tagen fand ein Attentat auf den französischen Präsidenten während eines öffentlichen Auftritts statt. Ein Scharfschütze hatte ihn aus einer Entfernung von fast 1,3 Kilometern ins Visier genommen. Glücklicherweise hielt ein neuartiges Sicherheitsglas das Projektil kurz vor seinem Ziel auf.

    Reachers Reaktion: „Was geht uns das an? Das Ziel war ein Franzose.“ Doch wenngleich der Schütze unerkannt entkommen konnte, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich dabei um einen Amerikaner handelte, denn nicht viele Scharfschützen auf der Welt verfügen über die Fähigkeit, ein Ziel selbst mit einem Hochleistungsgewehr aus so großer Distanz zu treffen. Und von noch weniger potenziellen Kandidaten ist der derzeitige Aufenthaltsort unbekannt. Auf der Liste von nur vier potenziellen Attentätern steht auch ein Amerikaner: John Kott, den Reacher einst inhaftierte und der kürzlich seine 15-jährige Haftstrafe abgesessen hat. Zusammen mit einer CIA-Agentin wird Reacher nach Paris gebracht, wo er sich mit anderen internationalen Experten den Tatort besichtigen soll. Dort stellt Reacher nicht nur fest, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es sich nicht nur um einen, sondern um zwei Attentäter gehandelt haben könnte, sondern entgeht auch nur knapp selbst einer Kugel, die auf ihrem 1,4 Kilometer langen Weg lediglich von einem Windhauch abgelenkt wird und Reacher knapp verfehlt …

    Fazit: Der Titel des Romans nimmt es schon vorweg: Es geht hier nicht nur um ein vereiteltes Attentat bzw. die Verhinderung eines zukünftigen Attentats auf den G8-Gipfel in London, sondern auch um eine persönliche Vendetta, die der Scharfschütze gegen Jack Reacher führt. Daher ist Reachers Motivation, sich von der Army und der CIA für diesen Fall verpflichten zu lassen, nachvollziehbar und Reachers Betätigungsfeld diesmal deutlich erweitert. In „Personal“ ist er nicht auf eigene Faust irgendwo in den Vereinigten Staaten unterwegs, sondern im urbanen Europa. Ein wenig eckt Reacher mit so manchen Kommentaren über Europa an. Seine Kritik generell am gesamten Ausland – wo er so viel Zeit während seiner Militärlaufbahn verbracht hat – war schon im zweiten Reacher-Roman „Ausgeliefert“ zumindest sonderbar. In diesem Roman ist sie nicht ganz so geradeheraus, aber unterschwellig kommt hin und wieder doch eine gewisse Abneigung Reachers rüber. Den größten Bock schießt aber die leitende CIA-Agentin im Briefing. Als amerikanische Regierungsangestellte sollte man besser vorsichtig damit sein, darüber zu urteilen, welche und vor allem wie viele/wenige europäische Staaten als finanzwirtschaftlich Erwachsene gelten. Wenigstens kam die Äußerung nicht von Reacher selbst, der zwar selber nicht ganz frei von Vorurteilen bleibt, aber wenigstens – wie so oft in diesen Romanen von Lee Child – meistens einfach „nichts sagt“. (Dies ist ein kleiner Running Gag in den Romanen. Sätze wie „Reacher sagte nichts.“ kommen erstaunlich häufig vor.)

    Der Roman betreibt nicht gerade Fremdenverkehrswerbung für Westeuropa (anderseits tun das die Romane auch nicht so recht für die USA), aber die Szenen in den Zentren von Paris und London sind recht stimmungsvoll und in Paris kommt noch eine sehr melancholische Komponente hinzu, wenn Reacher dort das Grab seiner Mutter besucht und sich an sein letztes Treffen mit ihr erinnert. (Ursprünglich wurde dies im Roman „Die Abschussliste“ geschildert.) Auch in dieser Hinsicht ist der Romantitel anwendbar.

    Bei einer Parabel, die ebenfalls Reacher persönlich betreffen sollte, haut der Titel des Romans jedoch nicht hin. Nämlich wenn Reacher an eine unter seinem Kommando stehende Soldatin denkt, die er einst allein zu einem vermeintlichen Routineeinsatz schickte, diese dort aber auf bestialische Weise getötet wurde. Reacher ertappt sich mehr als einmal dabei, diese Vorkommnisse auf die junge CIA-Agentin umzulegen, die ihn während seiner Europareise begleitet. Aber so richtig haut die Sache nicht hin, vor allem, da sie auch John Kott gar nicht betrifft, Reacher lediglich dadurch an den eineinhalb Jahrzehnte zurückliegenden Zwischenfall erinnert wird, weil Kott eine Kopie von Reachers Dienstakte besitzt, in der der Zwischenfall als einer von Reachers Fehlschlägen dargestellt wird. Diese Rückbesinnungen mischen sich immer wieder mal ablenkend hinein, zumal ich auch keine Parallelen zwischen der damals getöteten Soldatin und der CIA-Agentin sehe. Der Autor verpasst dieser zusätzliche „Schutzbedürftigkeit“, indem er sie heimlich Medikamente nehmen lässt.

    Anzumerken an diesem Roman ist, dass die Story in der ersten Hälfte zügiger voranschreitet. Obwohl es zu keinerlei Handgreiflichkeiten kommt, sind die Darstellung der Ausgangssituation, die ersten Ermittlungsergebnisse, die Reisen von Seattle zur Basis, zu Kotts Haus und weiter nach Paris und die ersten Schlussfolgerungen sehr spannend zu lesen. Aber in der zweiten Hälfte – einhergehend mit der Verlagerung der Handlung fast ausschließlich nach London, wird die Angelegenheit etwas zäh. Der Scharfschütze tritt in den Hintergrund und seine bezahlten Handlanger – zwei rivalisierende Banden, die Kott offenbar beide beauftragt hat, ihm den Rücken frei zu halten – treten in den Vordergrund. Zweifellos um Reacher auch ein wenig Action zu verschaffen und sich quer durch London zu prügeln. Das ganze kommt aber eher eintönig rüber, nicht mit viel Finesse vorgetragen, sondern im Grunde das, was Reacher routinemäßig unabhängig seines Aufenthaltsort immer wieder mal macht.

    Bewertung: Einer starken ersten Hälfte folgt eine deutlich langweiligere zweite Hälfte. Dabei ist auch deren Anteil an der Gesamtstory nicht uninteressant, aber zu wenig zügig erzählt, um das Interesse des Lesers lange zu binden. Ich habe für das Lesen der zweiten Hälfte sicher dreimal so lange gebraucht wie für die erste Hälfte. Bei der Bewertung dieses Romans schwanke ich stark zwischen 3 und 4 Sternen. Da ich die erste Hälfte aber tatsächlich hervorragend fand und meine Hoffnungen für den Abschluss der Story aufgrund dieses Umstands wohl etwas zu hoch angesetzt waren, gebe ich doch knapp 4 Sterne. Wäre der gesamte Roman wie die zweite Hälfte gewesen, wäre er auch kein schlechter Roman, sondern einfach nur sehr, sehr durchschnittlich.

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    Mit „Die Gejagten“ erschien erst vor wenigen Monaten der letzte ins Deutsche übersetzte Jack Reacher-Roman von Lee Child. Gerade rechtzeitig vor dem Kinostart der entsprechenden Verfilmung von „Never go back“. (Es bleibt ein Rätsel, warum der deutsche Herausgeber nicht den deutschen Titel der Verfilmung – „Kein Weg zurück“ – für den Roman übernommen hat.) Am Ende dieser Rezension werde ich auch auf den Film kurz eingehen, aber zuerst soll der Roman im Vordergrund stehen.
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    Seit Jack Reacher im Roman „61 Stunden“ mehrere Telefonate mit seiner Nachfolgerin in der 110. Militärpolizeieinheit geführt hat, war er auf dem Weg nach Virginia, um Major Susan Turner dort persönlich zu treffen. Aus einem geplant angenehmen Besuch seiner alten Dienststelle, wo er noch immer einen legendären Ruf genießt, wird aber schnell ein Alptraum: Nicht nur wurde Turner inzwischen als Leiterin der Einheit abgesetzt und durch den feindseligen sowie nicht gerade kompetent wirkenden Colonel Morgan ersetzt. Reacher muss auch noch erfahren, dass Turner wegen angeblicher Bestechlichkeit inhaftiert wurde (auf einem auf ihren Namen lautenden Konto sind über Nacht enorme Einzahlungen geleistet worden) und zudem laufen auch zwei Verfahren gegen Reacher: Eine Anklage wegen Totschlags und – was Reacher noch mehr überrascht – eine Vaterschaftsklage!

    An beide Fälle hat Reacher keine Erinnerungen und als er auch noch zwangseingezogen wird lautet sein natürlicher Instinkt, sofort abzuhauen und Virginia weit hinter sich zu lassen. Doch so verlockend es auch ist, diesem Instinkt nachzugeben, will Reacher diese Anklagepunkte nicht auf sich sitzen lassen. Zumal irgendjemand großes Interesse daran hat, Reacher aus der Stadt zu vertreiben und zwei Schlägertypen zu Reachers Motel schickt – mit dem schlechteren Ausgang für die beiden Typen. Und auch auf seiner neuen/alten Dienststelle wird es interessant, als in Colonel Morgans Abwesenheit zwei Militärpolizisten der Einheit in Afghanistan vermisst werden und Reacher als ranghöchster anwesender Offizier eine Suchoperation anordnet. Diese Vorgehensweise brockt ihm natürlich Ärger ein und die beiden Vermissten können nur noch tot aufgefunden werden. Dennoch stellt Reacher eine Verbindung her zwischen diesem Vorfall und Susan Turners Verhaftung, mit der zusammen er in weiterer Folge gejagt von Polizei und einem noch größeren Schlägertrupp quer durch die USA flüchten muss. Genauer gesagt nach Los Angeles, wo Reachers angebliche Tochter lebt …

    Fazit: Die Handlung des Romans lässt sich nicht so einfach in wenigen Sätzen zusammenfassen. Auf Jack Reacher prasselt hier am Beginn ganz schön viel ein, das er erstmal verkraften muss und all das ist dann auch noch in einem komplexen Plan miteinander verwoben, der zum Ziel hat, weder Susan Turner noch Reacher zu nahe ran an die Vorfälle in Afghanistan zu lassen. Dabei ist der Plan der Bösen hier sogar etwas überzogen komplex. Wären sie gar nicht gegen Turner und Reacher vorgegangen, wäre die Sache am Ende wohl noch gut für sie ausgegangen. So jedoch entledigen sich die beiden während ihrer Flucht nach und nach ihrer Verfolger – und auch den Anzeigen gegen Reacher. Als Fan der Serie „J.A.G.“ gefiel mir hier, wie Reacher – wenn auch nur telefonisch – mit seinen beiden Anwältinnen gegen die Anklagen vorgeht und aufdeckt, wie diese einzig und allein den Zweck hatten, alte Geschichten wieder aufzuwärmen und Reacher aus der Stadt zu jagen.

    Samantha – Reachers vermeintliche Tochter – hat nur einen relativ kleinen Auftritt, wenngleich Autor Lee Child bei diesem alles andere als subtil vorgeht und Samantha exakt wie Reacher formulieren lässt um die Möglichkeit hervorzustreichen, Reacher könnte hier wirklich seiner unehelichen Tochter begegnen.

    Reachers Interaktion mit Susan Turner war nach all dem Hinarbeiten auf ihre Begegnung über drei Romane hinweg dann doch etwas enttäuschend. Positiv kann ich zwar schon hervorheben, dass sie sehr gut als Team arbeiten und Reacher in diesem Team nicht dermaßen untergeht wie noch in der Vierergruppe im Roman „Trouble„. Auf persönlicher Ebene ist hingegen zwar schon ein gewisses Verständnis füreinander da, aber sie sind im Endeffekt einfach zu unterschiedlich und nicht füreinander geschaffen. Da ist viel Kritik dabei. Ihre intime Interaktion mit Reacher geht emotional nicht über jene hinaus wie man sie bei jedem anderen beliebigen „Reacher-Girl“ gesehen hatte. Turner ist für die Handlung relevanter als für Reachers Charakterentwicklung.

    Bewertung: Mir hat dieser Roman wirklich sehr gut gefallen. Lee Child hat zwar schon bessere Reacher-Abenteuer abgeliefert, aber ich empfand es als sehr positiv, wie er Reachers Umgang mit der Vergangenheit geschildert hat, nämlich sehr dezent und zurückhaltend. Reacher bleibt sehr fokussiert und unberührt – Turner schiebt dies auf eine mögliche „Verwilderung“ Reachers in den letzten Jahren – und lässt sich nie beirren, kämpft wo es nötig ist, flüchtet dorthin wo er hin muss. Es ist eigentlich ständig etwas los und selbst jene Zeit, in der Reacher seine unmittelbaren Verfolger abhängen kann, füllt Child mit Zwischenfällen, die die beiden Gejagten beschäftigt halten. Für diesen sehr unterhaltsamen wenn auch in der Handlung übertrieben komplizierten und in der Auflösung ein wenig zu unspektakulären Roman, gebe ich 5 von 6 Sterne.

    Review zum Film:

    Wie eingangs angekündigt möchte ich auch zumindest kurz auf den Film eingehen, den ich vor rund einem Monat im Kino gesehen habe. Ich muss gestehen, sehr große Erwartungen an den Film gehabt zu haben, da mir die erste Reacher-Verfilmung (vom Roman „Sniper„) hervorragend gefallen hat. Wahrscheinlich habe ich in den vergangenen drei Jahren keinen Film so oft angesehen wie „Jack Reacher“. Leider ist „Never go back“/“Kein Weg zurück“ meiner Meinung nach in so ziemlich jeder Hinsicht anders geartet als der Vorgängerfilm. Das Positive zuerst: Der Charakter Jack Reacher ist absolut wiedererkennbar, Tom Cruise führt die Auslegung des Charakters unmittelbar fort.

    Allerdings: Die Story – die in der ersten Hälfte recht nahe am Roman ist, dann aber gänzlich anders abläuft – sorgt dafür, dass Reacher in seinem typischen Handeln stark eingeschränkt wird. Er agiert nicht mehr unbekümmert, sondern in doppelter Weise belastet durch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Major Turner (Cobie Smulders) und durch den Schutz seiner vermeintlichen Tochter, die im Film schon sehr früh vorgestellt wird und zusammen mit Reacher und Turner auf der Flucht ist – und dabei auch ein wenig nervtötend rüberkommt. Während Reacher im Roman fokussiert und unbeeindruckt bleibt, zeigt der Film einen nachdenklicheren und von den Umständen gehemmten Reacher. Dennoch hätte man auch diese Story besser auf die Leinwand bringen können. Die vielen Wechsel hinter der Kamera waren aber nicht zu übersehen. die Inszenierung war eher gemächlich – was auch zu einigen Längen führt – die Action von einem wirklich faden Soundtrack untermalt, der es bei weitem nicht mit Joe Kramers toller Musik des ersten Films aufnehmen kann.

    Im Vergleich zum ersten Film ist „Kein Weg zurück“ also ein ziemlicher Absturz. Für sich allein stehend ist er wohl noch als Mittelmaß zu bezeichnen. Der Kriminalfall ist relativ früh klar und die Action routiniert und nicht besonders mitreißend dargeboten. Tom Cruise allein – trotz gewisser Einschränkungen, die die Story dem von ihm dargestellten Charakter auferlegt – sorgt dafür, dass der Film noch leicht überdurchschnittlich ist. Daher gehen sich ganz, ganz schwache 4 von 6 Punkte noch aus.

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    Der deutsche Herausgeber der Jack Reacher-Romane hat es vorgezogen, vom 16. Roman der Reihe bislang keine deutsche Übersetzung herauszubringen. Ich vermute, damit wollte man zum einen Reachers Reise nach Washington D.C. – die er im 14. Roman begann – nicht unterbrechen und anderseits möglichst zeitnah zum Kinostart der zweiten Reacher-Verfilmung den dazugehörenden Roman veröffentlichen. Das als Prequel ausgelegte Buch „The Affair“ auszulassen mag in dieser Hinsicht nachvollziehbar sein. Doch hat der deutsche Herausgeber damit vielleicht sogar den bis dato besten Reacher-Roman überhaupt übersprungen! Zumindest mir hat „The Affair“ hervorragend gefallen.
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    Wie schon der 8. Roman „Die Abschussliste“ zeigt uns „The Affair“ Jack Reacher noch im aktiven Dienst als Militärpolizist der U.S. Army. Es ist 1997 und als sich in Carter Crossing, Mississippi, nahe eines Militärstützpunkts ein Mord an einer jungen Frau ereignet, wird Reacher zu seiner eigenen Überraschung von seinem Vorgesetzten nicht zum Stützpunkt geschickt, sondern in zivil in die kleine Stadt, um dort undercover ein Auge auf die Ermittlungen der lokalen Polizei zu haben. Während es die Army natürlich am liebsten sehen würde, wenn ein Zivilist für den Mord verantwortlich war, würde die lokale Polizeistelle womöglich gerne einem Soldaten den Mord anhängen und die Zuständigkeit der Army zuschieben. Reachers Auftrag besteht also im Grunde darin, die Interessen der U.S. Army zu schützen – auch wenn ihn die Umstände zwingen, in zivil aufzutreten und außerhalb eines Stützpunkts zu leben.

    Womit Reacher bei seiner Ankunft nicht rechnen konnte, ist der Sheriff von Carter Crossing, der sich nicht nur als besonders attraktive Frau herausstellt, sondern als ehemalige Militärpolizistin des U.S. Marine Corps, die die Ankunft von jemanden wie Reacher bereits erwartet hatte und ihn sofort durchschaut. Mit seiner Tarnung aufgeflogen bleiben Reacher nur zwei Möglichkeiten: Entweder unverrichteter Dinge zur Basis zurückzukehren, oder mit dem Sheriff zu kooperieren und aktiv zu ermitteln – auch wenn die Ergebnisse der Ermittlungen vielleicht nicht den Wünschen der Army entsprechen. Reacher möchte anfangs wirklich glauben, dass es ein Zivilist war, der den Mord begangen hat. Doch sehr bald wird er mit einigen neuen Erkenntnissen und Mysterien konfrontiert, die ihn daran zweifeln lassen.

    Fazit: Der Kriminalfall in diesem Roman ist wirklich sehr spannend beschrieben, mit Hinweisen auf einen zivilen Täter gleichermaßen wie einen Täter aus Militärkreisen. Zudem gibt es gleich mehrere interessante „Ablenkungsmanöver“, die direkt oder auch nur am Rande mit dem Fall zu tun haben. So ist die Eröffnungssequenz des Romans – eine Vorschau auf spätere Ereignisse – sehr spannend wenngleich man als Leser noch keine Ahnung hat, warum Major Jack Reacher einen Besuch im Pentagon fürchten müsste. Auch gibt es im Umkreis der Militärbasis selbst weitere Angriffe und sogar Morde und selbst der Mord an der jungen Frau ist tatsächlich nicht der erste, der sich in Carter Crossing ereignet, aber der erste, auf den die Militärpolizei reagiert – eventuell weil das dritte Mordopfer weiß war? Und selbst im letzten Drittel des Romans, wenn der Fall glasklar erscheint, gelingt es Autor Lee Child hervorragend Zweifel zu schüren und Situationen so zweideutig zu beschreiben, dass man als Leser die tatsächliche Auflösung gar nicht mehr erwarten kann, die keinesfalls enttäuscht.

    Soweit zum Kriminalfall. Was „The Affair“ jedoch über alle anderen Romane der Reihe hebt, ist der Umstand, dass hier Jack Reacher zu jenem Mann wird, den wir dann im ersten Roman der Reihe gesehen haben. Dieser Roman zeigt uns, wie ein Major der Army-Militärpolizei in eine Situation gebracht wird, die ihn erstmals dazu zwingt, sich mit all seinen in der Army angeeigneten Fähigkeiten dem Zivilleben zu stellen. Sein Undercover-Auftrag zwingt ihn, mit dem Bus zu fahren, per Anhalter voran zu kommen, ohne Ausrüstung zurecht zu kommen, Dinge selbst zu kaufen und an eine vorübergehende Unterkunft zu denken. Und vor allem zwingen ihn die Umstände dazu, nach seinem eigenen Gewissen zu handeln – auch wenn er damit den Interessen seines Arbeitgebers zuwider handelt. Es ist nicht nur ein Werbeslogan: Wenn Reacher sich auf den Weg nach Carter Crossing begibt, beginnt für ihn in diesem Moment der Rest seines Lebens.

    In diesem Roman treten auch manche Charaktere auf, die wir bereits aus früheren Reacher-Romanen kennen. Jacks Bruder Joe wird mehrmals erwähnt und bereits die Ereignisse des ersten Reacher-Romans „Größenwahn“ vorbereitet. (Die Story von „Größenwahn“ gewinnt hier zudem an Glaubwürdigkeit, da in „The Affair“ zumindest angedeutet wird, dass es nicht reiner Zufall ist, dass sich Joe und Jack in der selben Stadt aufhalten.) Mitglieder von Jacks Einheit, die u.a. in „Trouble“aufgetreten sind oder General Garber, mit dessen Tochter Reacher sogar zwei Romane lang zusammen war, haben ebenfalls ihre Auftritte. À propos: Nach einigen Romanen ohne „Reacher-Girl“ darf sich Jack hier auch wieder über weibliche Gesellschaft freuen. Während er sich in der „Gegenwart“ seit dem 14. Roman für Major Susan Turner aufzusparen scheint, wird seine Beziehung zum Sheriff von Carter Crossing sehr intim – und wird von Lee Child auch außerordentlich detailliert beschrieben. Hier hätte er vielleicht mehr der Fantasie des Lesers überlassen sollen. Aber zumindest ist dieses „Reacher-Girl“ in der Story weitaus mehr als nur hübscher Aufputz, Reacher ist mit ihr wirklich auf einer Wellenlänge. Ein sehr gutes Duo.

    Diese Geschichte wird aus Reachers Ich-Perspektive erzählt. Das ist zwar nicht meine bevorzugte Erzählform, aber hier hat sie mich nicht einen Moment lang gestört. Im Gegenteil macht mir die Ich-Perspektive anscheinend bei englischen Texten weniger aus als bei deutschen. Insofern war es gar nicht schlecht, dass es von diesem Roman bislang noch keine deutsche Übersetzung gibt.

    Bewertung: Bereits das erste Prequel „Die Abschussliste“ hat mir ausgezeichnet gefallen und „The Affair“ übertrifft diesen Roman sogar. Es ist die perfekte Vorgeschichte, die Reachers Entwicklung vom Army-Polizisten hin zum Zivilsten zeigt und dabei gleichzeitig einen sehr spannenden Kriminalfall behandelt, der auch mit viel Mississippi-Lokalkolorit aufwartet. 6/6 Sterne!

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    Beim 16. Reacher-Roman, den ich hier in meinem Blog rezensiere, handelt es sich eigentlich um den 17. von Lee Child geschriebenen Roman der Reihe. Das liegt vor allem daran, dass der Verlag Blanvalet den eigentlichen 16. Roman bislang noch nicht übersetzt veröffentlicht hat. Über die Gründe kann man spekulieren: Zum einen hat vielleicht der Gedanke mitgespielt, möglichst bald den 18. Roman zu veröffentlichen, dessen Verfilmung ja noch im Jahr 2016 in die Kinos kommt. Anderseits macht die vorgezogene Veröffentlichung des 17. Romans durchaus Sinn, denn während der 16. Roman offenbar zeitlich in Jack Reachers Militärvergangenheit angesiedelt ist, schließt der 17. Roman unmittelbar an den 15. Roman – „Wespennest“ – an.
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    Seit dem Ende des 14. Romans („61 Stunden„) ist Jack Reacher auf dem Weg nach Virginia, um dort seine Nachfolgerin bei der Militärpolizei persönlich kennen zu lernen. Schon der darauffolgende Roman „Wespennest“ war nur wenige Tage nach Reachers Aufbruch angesiedelt und „Der Anhalter“ setzt sogar noch eines drauf, denn die Handlung setzt nur wenige Stunden nach dem Ende von „Wespennest“ an. Typisch für Jack Reacher hat er in diesen Stunden schon einige Meilen hinter sich gebracht – per Anhalter. Da seine ursprüngliche Mitfahrgelegenheit an einem Verkehrsknotenpunkt falsch abbiegen will, ist Reacher gezwungen das Fahrzeug zu wechseln und streckt an der passenden Autobahnauffahrt den Daumen raus. Als er von einem Trio aufgegabelt wird, das wie er in Richtung Osten unterwegs ist, ahnt er noch nicht, dass er zu Mördern ins Auto steigt, die in paar Kilometer südlich in einer verlassenen Pumpstation während eines mysteriösen Treffens einen CIA-Mitarbeiter ermordet haben. Ohne es zu wissen wird Reacher zum Fluchtgehilfen, während CIA, FBI und lokale Polizei die Mörder finden wollen, die neben Reacher auch noch eine an sich unbeteiligte Geisel in ihrem Auto mit sich führen. Oder ist die Geisel gar nicht so unbeteiligt?

    Es dauert eine Weile, aber spätestens nach der zweiten absolvierten Polizeikontrolle (die Polizei fahndet nur nach einem Auto mit zwei Insassen), dämmert Reacher langsam, in was er da versehentlich hineingeraten ist. Viele kleine Unstimmigkeiten ergeben plötzlich Sinn und ungeahnt gelingt es der Geisel, sich mit Reacher heimlich zu verständigen. All seine daraufhin geschmiedeten Pläne werden jedoch in einem Motel in Iowa über den Haufen geworfen, als eine Pistolenkugel über seinen Kopf hinweg saust …

    Fazit: Die Spannung wird in dieser Geschichte sukzessive aufgebaut. Am Anfang denkt man sich genau wie Reacher nichts Böses, als er zu den drei Insassen ins Auto steigt. Man erfährt seine Wahrnehmungen und an sich harmlose Einschätzungen – und bekommt dann als Leser ihm gegenüber einen zunehmend größer werdenden Informationsvorsprung, wenn Kilometer entfernt die Mordermittlungen voranschreiten. Als Leser weiß man früher als Reacher, wo er da hineingeraten ist, das macht seinen Moment der Erkenntnis aber nicht weniger effektiv. All die Beobachtungen von zuvor beginnt Reacher schlagartig neu einzuschätzen und das Puzzle – auch mithilfe der Geisel – zusammenzusetzen.

    Während die erste Hälfte des Romans von den Mordermittlungen geprägt ist und der Spekulation, ob Reachers Mitfahrer durchschaut haben, dass er sie durchschaut hat, fällt die zweite Hälfte dann etwas ab. Es kommt ein wenig Mystery-Stimmung auf, die verschiedensten Institutionen mischen sich in die Ermittlung und Fahndung ein. Aber am Ende ist es dann – in schon gewohnter Manier – Jack Reacher selbst, der rettend einschreitet und es gleich mit zwei kooperierenden Verbrecherbanden im Alleingang aufnehmen muss. Das Ambiente des „Endkampfes“ ist hierbei interessant, taktisch nachvollziehbar und jederzeit übersichtlich beschrieben – vielleicht mit etwas zu häufiger Wiederholung der simplifizierten Umgebungsbeschreibung. Allerdings erfährt man die Motivation der Bösen diesmal erst ganz zum Schluss. Man hat fast den Eindruck, Lee Child habe den Roman zu Ende geschrieben und plötzlich bemerkt, dass er noch einige Erklärungen schuldig war, die er dann komprimiert auf den letzten zwei, drei Seiten nachgereicht hat. Nicht gerade zufriedenstellend, wie ich festhalten muss. Mysterien, die während der Geschichte auftauchten, verkommen dabei zu reiner Kulisse.

    Bewertung: Auch wenn die Auflösung der Pläne der Verbrecher am Ende zur Nebensächlichkeit degradiert wird, ist der Roman durchaus spannend, vor allem in der ersten Hälfte. Die zweite Hälfte ist dann eher „typisch Ein-Mann-Armee“. Jack Reacher wie man ihn kennt halt. Daher gibt es von mir für „Der Anhalter“ insgesamt 4 von 6 Sterne. Nach dem starken Beginn wäre mehr drinnen gewesen.

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    Zuletzt geändert von MFB; 30.09.2016, 10:04.

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    Rezension: „Wespennest” – Ein Jack-Reacher-Roman


    Es stand für die Leser wohl außer Zweifel, dass Jack Reacher das explosive Finale des vorherigen Romans „61 Stunden“ überleben würde. Dennoch sind die vergangenen Ereignisse körperlich nicht ganz spurlos an Reacher vorübergegangen und „Wespennest“ setzt direkt an den Vorgänger an, zeigt uns einen leicht angeschlagenen Jack Reacher, der South Dakota Richtung Süden verlassen hat und auf dem Weg nach Virginia ist, um dort seine Nachfolgerin auf seinem alten Posten bei der Militärpolizei kennenzulernen, mit der er bislang nur telefoniert hat.

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    Die erste Etappe auf seiner Reise nach Virginia führt Reacher nach Nebraska, einem flächenmäßig großen Staat aber mit wenigen Einwohnern. Mitten im endlos scheinenden flachen Gelände, umgeben von vereinzelt verstreuten Farmhäusern und Äckern und meilenweit entfernt von der nächsten größeren Stadt, macht Reacher an einem leicht absonderlichen Hotel einen Zwischenstopp, nimmt sich ein Zimmer und lehnt sich an den Bartresen, wo sich ein etwas mürrischer Mann mittleren Alters dem Alkoholgenuss hingibt. Dass in dieser Gegend etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, wird Reacher klar, als ein Anruf eingeht und die Dienste des ortsansässigen Arztes angefordert werden. Dass die Leute wissen, dass ihr Arzt seine Freizeit an einem Bartresen verbringt, ist dabei noch nicht sehr verwunderlich. Dass sich der Arzt aber partout dagegen verwehrt einer Frau zu helfen, die den geschilderten Verletzungen nach zu urteilen Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, verwundert umso mehr und Reacher – der die Gerechtigkeit bekanntlich gerne selbst in die Hand nimmt – drängt den Arzt gegen dessen Widerstand dazu, sich um seine Patientin zu kümmern. Vorort angekommen ist die Sache für Reacher eindeutig. Mrs. Duncan – die Frau des Sohnes eines hiesigen Patriarchen, der als Besitzer der einzigen Spedition in der Umgebung die Farmen und Betriebe unter großen Druck setzt – wurde von ihrem Ehemann geschlagen, wenngleich sie behauptet, nur über einen Teppich gestolpert zu sein. Reacher rät ihr, den „Teppich“ auszuwechseln, merkt aber, dass es Mrs. Duncan dazu an Willenskraft mangelt. Also macht sich Reacher umgehend auf die Suche nach ihrem Ehemann, der kurze Zeit später Gesicht voraus in Reachers Faust „stolpert“.

    In diesem Moment ahnt Reacher noch nicht, dass er damit in einem gefährlichen Wespennest herumstochert. Dass die Duncans keinen Spaß verstehen, kapiert Reacher, als diese ihm zwei Muskelprotze schicken – die für Reacher selbst in seinem angeschlagenen Zustand kein großes Problem darstellen. Die 7 weiteren, die die Duncans zu ihrem Schutz unter Vertrag haben, könnten jedoch größere Schwierigkeiten bereiten und als plötzlich auch noch drei Schlägertrupps krimineller Organisationen aus Las Vegas auftauchen, begreift Reacher, dass die sinisteren Duncans irgendwelche dubiosen Geschäfte mit ihrer Spedition am Laufen haben und Reachers Auftauchen ein nicht unbedeutender Störfaktor ist – bzw. die Duncans ihren Geschäftspartnern sein Auftauchen als Vorwand für Lieferverzögerungen verkaufen. Eine durchschaubare Lüge, da in der Lieferkette aber jeder vom anderen abhängig ist, wird die Jagdsaison eröffnet und Reacher ins Visier genommen … der seinerseits bestrebt ist, die Geheimnisse der Duncans – geschäftlich wie privat – aufzudecken.

    Fazit: Erneut ist Reacher in einem ländlichen Gebiet unterwegs und dieses ist so gesetzlos wie kaum ein anderes zuvor, das der ehemalige Militärpolizist auf seiner Odyssee durch die USA durchstreift hat. Keine Polizei meilenweit, eine Handvoll Ortsbewohner die seit Jahrzehnten von der Familie Duncan tyrannisiert wird und wegschaut bei was auch immer für Geschäfte die Duncans mit den Verbrecherbanden aus Las Vegas machen. Im Western-Stil kommt somit Reacher als Fremder in diesen kleinen Ort … und mischt sich bei erstbester Gelegenheit seinem inneren Gerechtigkeitsdrang folgend gleichmal in die ortsüblichen Gegebenheiten ein. Dabei agiert Reacher so lässig wie kaum zuvor, verzichtet häufig darauf, seine verletzten Arme zu verwenden und überrascht die Gegner, die sich ihm in den Weg stellen, damit sogar sehr effektiv. Es macht ziemlich viel Spaß, wie sich Reacher durch die Hierarchie des Feindes noch oben arbeitet. Dabei sind seine Gegner so dargestellt, dass einem als Leser nie unwohl sein muss bei dem, was Reacher ihnen an Schaden zufügt. Lee Child verhüllt in keinem Moment, wer was getan hat um zu verdienen, was auch immer Reacher über sie bringt. Dabei gefällt, dass Reacher hier durchaus abstuft, wer hier nur Befehle und welche Art von Befehle ausführt und wer die eigentlichen Verantwortlichen dahinter sind. Reachers simplifiziertes Gerechtigkeitsempfinden – was auch immer man davon halten will – wird von ihm in diesem Roman nachvollziehbar eingesetzt: Wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück.

    Ebenfalls sehr amüsant zu lesen sind die geschäftlichen Verstrickungen der Partner der Duncans. Was auch immer die Duncans mit ihren Lieferwägen anliefern, geht zuerst an eine italienische Verbrecherorganisation, dann an eine syrische und eine iranische, die die Ware schließlich an den Endkunden im Mittleren Osten weiterverkauft. Eine lange Kette an Beteiligten, die alle nicht glauben, dass die Lieferverzögerung der Duncans wirklich an Reacher liegt, diese Behauptung aber einfach schlucken müssen um zu verhindern, sich gegenseitig umzubringen. Dabei ist das Misstrauen der beteiligten Parteien groß und es ist wirklich witzig, welche Verschwörungstheorien da kursieren und zu welchem Ausgang das führt, weil jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und das auch von den anderen Geschäftspartnern erwartet. Ihre Fehlinterpretationen, die am Ende zu ihrem Untergang führen sollten, sind wirklich sehr unterhaltsam und clever.
    Negative Aspekte gibt es in diesem Roman nur wenige. Vielleicht, dass die Gegend im winterlichen, aber nicht verschneiten Nebraska nicht ganz so stimmungsvoll rüberkommt wie South Dakota in „61 Stunden“. Und natürlich ist die Geschichte von dem tyrannischen Familienclan nicht neu – auch nicht in der Jack-Reacher-Reihe. Aber wie erwähnt, ist die Geschichte wie ein Western aufgezogen und das steht Lee Childs Romanen sehr gut. Weniger gut gefallen tut einem natürlich die Art des Verbrechens, hinter dem die Duncans stehen und man kann hier als Leser nur froh sein, dass Lee Child hier nicht so sehr ins Detail gegangen ist.

    Bewertung: „Wespennest“ ist erneut ein Reacher-Roman, der unter Beweis stellt, dass dieser Charakter am besten funktioniert, wenn er in einer ländlichen, überschaubaren Gegend unterwegs ist, wo Jack Reacher so etwas wie „die einzige Alternative zum Gesetz“ darstellt. Er ist kompromisslos, handelt aber auch clever, wenngleich ihm mancher Zufall hilft – was aber nicht zu gekünstelt wirkt – im Gegenteil ermöglichen diese Zufälle einige amüsante Stellen. Trotz allem, was an Gewalt in „Wespennest“ geschildert wird, ist der Roman einer der humorvollsten Reacher-Romane. Daher bewerte ich den Roman mit 5 Sternen.

    Anmerkung: Auf zumindest einer Internet-Seite wird dieser Roman als 2. Teil der „Susan-Turner-Tetralogie“ beschrieben. Das finde ich doch etwas übertrieben, denn Reachers Nachfolgerin bei der Militärpolizei – die Reacher per Telefon in „61 Stunden“ unterstützte – kommt in „Wespennest“ gar nicht vor, wird lediglich erwähnt, da sich Reacher in diesem Roman auf dem Weg zu ihrer Dienststelle in Virginia befindet.

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  • MFB
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    Rezension: "61 Stunden" - Ein Jack-Reacher-Roman

    Innerhalb von 61 Stunden spielen sich die Geschehnisse in Lee Childs 14. Jack-Reacher-Roman ab, in dem der ehemalige Militärpolizisten auf seiner ständigen Odyssee durch die Vereinigten Staaten in South Dakota regelrecht strandet. Nahe der Stadt Bolton bleibt der Bus, in dem Reacher mitreist, mitten im dichtesten Schneetreiben liegen.
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    Zwanzig, dreißig Grad Celsius unter dem Gefrierpunkt und eine dicke Schneedecke, unter der die Landschaft versinkt. Willkommen in Bolton, dem zumindest klimatisch unfreundlichsten Ort, an den es Reacher seit dem Ende seiner Militärlaufbahn verschlägt.
    Wie es der Zufall ist, erweist sich sein ungeplanter Aufenthalt in dieser Stadt jedoch als pures Glück für die hiesige Polizei, die vor zwei großen Herausforderungen steht: Zum einen ist sie verantwortlich für den Schutz einer Kronzeugin, die gegen das Oberhaupt einer Biker-Bande aussagen soll, die mit Drogen handelt und einen verlassenen Militärstützpunkt knapp außerhalb der Stadt in Besitz genommen hat. Anderseits jedoch hat sich die Stadt auf einen lukrativen, wenn auch für die Kronzeugin außerordentlich gefährlichen Deal eingelassen. Denn die drei Gefängnisse – der größte Wirtschaftsfaktor von Bolton – wurden nur deshalb dort erbaut, weil die Stadt vereinbarte, dass sämtliche Polizisten – ohne Ausnahme – zum Gefängnis auszurücken haben, wenn die Sirene ertönt. Ein Ausbruch oder gar nur ein kleiner Aufstand und die Kronzeugin wäre gänzlich ungeschützt. Und der Verdacht liegt nahe, dass die Biker gezielt einen Zwischenfall im Gefängnis provozieren wollen, um Gelegenheit zu erhalten, die Zeugin zu beseitigen. Ein glücklicher Zufall also, dass die Ein-Mann-Armee namens Jack Reacher gerade in der Stadt ist, die im Ernstfall für die Polizei einspringen kann.
    Die Verurteilung des Biker-Bosses voraussetzend, bereitet sich die Polizei auch schon darauf vor, den vor Jahrzehnten aufgegebenen Militärstützpunkt und das darin vermutete Drogenlabor zu stürmen, doch der Grund für den Bau der Anlage – die nie in Betrieb gegangen ist – ist der Polizei genauso unbekannt wie der Grundriss. Reacher telefoniert ein wenig rum und gerät schließlich an Susan Turner, seine Nachfolgerin als Leiterin der 110ten MP-Einheit. Doch auch mit ihrer Hilfe setzt sich das Puzzle nur nach und nach zusammen. Erst ein Lokalaugenschein ermöglicht Reacher herauszufinden, dass dem alten Militärstützpunkt demnächst wichtiger Besuch bevorsteht …
    Fazit: Wie die meisten Romane, in denen es Reacher in eher abgelegene, ländliche Gegenden verschlägt, kann auch „61 Stunden“ sehr durch das von Lee Child beschriebene Ambiente überzeugen. Die ungemütliche Kälte, das flache, einsame, weite Land, das Bolton umgibt und eine eher vertrauliche, kleinstädtische Atmosphäre, in der jeder mit jedem mehr oder weniger gut bekannt ist, bilden den Rahmen für einen interessanten Krimi, der dem Leser genauso wie Reacher häppchenweise mit neuen Informationen versorgt, bis sich das Bild am Ende zusammensetzt. Jedes Teil scheint zu passen, die eine oder andere kleine Überraschung ist auch dabei (die größte personelle Überraschung ist aber etwas weniger gut versteckt). Reacher muss in diesem Roman gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Einerseits ist er als Detektiv unterwegs, will das Geheimnis des aufgegebenen Militärstützpunkts in Erfahrung bringen. Zum anderen ist er aber auch Beschützer einer Zeugin. – Nein, nicht was manche jetzt vielleicht denken. Die Dame ist doch deutlich älter als Reacher.
    Interessant ist hierzu auch festzuhalten, dass „61 Stunden“ der erste Reacher-Roman ist, in dem es kein „Reacher-Girl“ gibt. Wobei er zu Susan Turner – mit der er jedoch nur telefoniert – eine durchaus sehr interessante persönliche Beziehung aufbaut und soweit ich weiß, wird sie in den folgenden Romanen ebenfalls eine Rolle spielen.
    Das Wissen darum, dass es noch weitere Reacher-Romane gibt, nimmt dem Ende von „61 Stunden“ aber auch etwas die Spannung. Nach einem wahrlich bombastischen Schluss lässt der Roman nämlich offen, ob Reacher aus der Sache noch heil herausgekommen ist. Hat Lee Child mit dem Gedanken gespielt, den 14. Reacher-Roman zum letzten zu machen – und eventuell mit Susan Turner als Hauptcharakter fortzufahren? Zumindest hatte ich diesen Eindruck am Schluss.
    Bewertung: Ein starker Roman! Spannend und interessant, mit ganz eigenartiger Stimmung und verstärktem Schwerpunkt auf Reachers Charakterisierung. Auch dieser Roman ist vielleicht nicht die beste Lektüre für den Strand (siehe hierzu auch meine Rezension zu „Der Janusmann„), aber vielleicht genau das Richtige für kalte Winternächte. So oder so erhält „61 Stunden“ von mir 5 von 6 Sterne.


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  • MFB
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    Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
    Ansonsten hält sich das Niveau relativ gut. Nichts, was mich jetzt total vom Hocker reißen würde, aber man kann ganz gefällig darin lesen. Es fällt schon auf, dass gewisse Elemente sehr repititiv sind, z.B. unfähige bzw. korrupte Polizisten. Außerdem ist der Spannungsaufbau oft doch recht gemächlich. Insgesamt wissen die Stories und die Twists aber zu überzeugen.
    Ja, ich mag die Romane, wenngleich sie natürlich sicher nicht das allerbeste sind, das je geschrieben wurde. Allerdings lese ich ansonsten kaum Geschichten des Krimi/Thriller-Genres, insofern haben für mich die Recher-Romane persönlich ein Alleinstellungsmerkmal, das für andere Leser, die mehr in diesem Genre lesen, natürlich nicht existiert. Gute Unterhaltung sind sie aber meistens doch, aber es stimmt, das vor allem in den letzten paar Romanen die Handlung ein bisschen schneller hätte voranschreiten können. Vom dritten bis neunten Roman an war die Reihe aber wirklich auf sehr konstantem Niveau. Seither schwankt es wieder stärker.

    Mal sehen, ob ich es schaffe, bis zum Kinostart des 2. Reacher-Films im Herbst, der auf dem 18. Roman basiert, die vorherigen 17 Romane zu lesen, so dass ich den 18. gleich nach dem Kinobesuch anschließen kann. Vier fehlen mir noch auf dieses Ziel, also bin ich auf einem guten Weg. Aber es kommt heuer auch viel Star Trek-Literatur raus, von der ich einiges rezensieren möchte.

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  • SF-Junky
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    Ich habe auch damals, nachdem ich vom Film total begeistert gewesen war, angefangen die Roman-Reihe zu lesen. Aber ich ziehe das nicht so stringent durch wie MFB. 2014 habe ich den ersten Teil gelesen, der mir bisher auch am besten gefallen hat. Letztes Jahr waren Bände zwei bis vier dran und vor ein paar Wochen habe ich mir den fünften und sechsten gekauft. Der zweite Teil war bisher der schwächste, das mE alles ein wenig arg dick aufgetragen, ich sehe einfach auf bodenständigere Stories. Ansonsten hält sich das Niveau relativ gut. Nichts, was mich jetzt total vom Hocker reißen würde, aber man kann ganz gefällig darin lesen. Es fällt schon auf, dass gewisse Elemente sehr repititiv sind, z.B. unfähige bzw. korrupte Polizisten. Außerdem ist der Spannungsaufbau oft doch recht gemächlich. Insgesamt wissen die Stories und die Twists aber zu überzeugen.

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  • MFB
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    Rezension: "Underground" - Ein Jack-Reacher-Roman

    Noch nie war der “deutsche” Titel eines Jack Reacher-Romans so treffend wie es “Underground” ist (Originaltitel “Gone Tomorrow”). Der durch die USA herumziehende Ex-Militärpolizist ist wieder einmal in New York unterwegs und an seiner Seite erkundet der Leser nicht nur das U-Bahn-Netz dieser Stadt, sondern erlebt auch, wie eine “halbe” Fehleinschätzung Reachers ihn in einen sich anbahnenden politischen Skandal hineinzieht.

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    Aber alles der Reihe nach. Wie man anhand des Titels erwarten kann, beginnt die Geschichte in der U-Bahn. Eines Nachts fährt Reacher in diesem öffentlichen Verkehrsmittel quer durch New York, der Wagen ist beinahe leer und als sich Reacher die mitfahrenden Fahrgäste so ansieht, verharrt sein Blick auf einer Frau. Jedoch nicht, weil sie so dermaßen attraktiv ist, sondern weil ihr so gut wie jedes feststellbare Anzeichen einer Selbstmordattentäterin anhaftet. Reacher unternimmt den Versuch, ruhig auf sie einzureden – und muss feststellen, dass seine Vermutung nur zur Hälfte korrekt war. Attentäterin nein – Selbstmord ja. Mit einer Kugel aus einem Revolver nimmt sich die sichtlich verzweifelt auf Reachers Annäherung reagierende Frau das Leben.

    Es folgt eine polizeiliche Befragung wie auch eine weitere Befragung durch Bundesbeamte, die Reacher schnell und ehrlich hinter sich bringt. Doch mit dem Verlassen des Polizeireviers hat die Sache noch kein Ende für ihn. Eine weitere Gruppierung, die Reacher nicht zuordnen kann, passt ihn am Ausgang ab und stellt weitere Fragen, die Reacher schließlich auf die Idee bringen, seine eigenen Nachforschungen anzustellen um die Hintergründe für den Selbstmord zu verstehen. Wie sich herausstellt, arbeitete die Tote im Personalarchiv der U.S. Army und hat dort nach etwas gesucht, von dem ein Senator in Washington fürchtet, es könnte ausgerechnet in einem Wahljahr für einen gewaltigen politischen Skandal sorgen. Doch haben der Senator und sein Leibwächter so viel Druck auf die Frau ausgeübt, der sie schließlich in den Selbstmord trieb? Er steckt die andere Seite dahinter, die von der Archivangestellten unbedingt eine bestimmte Information erhalten wollte?

    Fazit: Obwohl der Einstieg in diesen Roman mit Reachers eingehender Analyse der späteren Selbstmörderin sehr intensiv und spannend beschrieben wird, hat sich “Underground” dannach doch ein wenig gezogen. Ziemlich lange ist klar, dass Reacher Lügen aufgetischt werden, aber es dauert eine Weile, ehe sich die Wahrheit Stück für Stück entfaltet. Der große Showdown danach ist dann wiederum sehr gelungen, wenn auch vielleicht eines der größten Heldenstücke von Jack Reacher, der sich die Bezeichnung “Ein-Mann-Armee” in diesem Roman redlich verdient. Und es ist durchaus ein effektiver Twist, wenn sich herausstellt, welche Organisation eine der beiden um die Information ritternden Gruppierungen in Wahrheit vertritt. Ein Manko ist jedoch, dass bis zum Schluss weder Reacher noch der Leser erfahren, warum diese Gruppierung so scharf auf diese Information war, um sich mit gut zwanzig Handlangern in New York zu verschanzen.

    Das Thema “New York” ist natürlich ein sich wiederholendes. “Underground” dürfte nun wohl der vierte Reacher-Roman sein, dessen Handlung hauptsächlich in der Ostküstenmetropole spielt. Jack Reacher kommt viel herum, aber weshalb es ihn dennoch ausgerechnet so häufig nach New York verschlägt, bleibt ein Geheimnis. Mit der sehr ausführlichen Beschreibung der U-Bahnen dürfte Autor Lee Child so ziemlich das letzte Potenzial aus diesem Schauplatz herausgequetscht haben. Mir persönlich ist es lieber, wenn Reacher eher “exotischere” Orte innerhalb der U.S.A. aufsucht. Orte, an denen er weniger anonym agieren kann als in einer Großstadt – wenngleich ich an manchen Stellen in “Underground” doch den Eindruck hatte, als wäre in New York jeder Ort nur Minuten zu Fuß oder eine U-Bahn-Haltestelle entfernt und als konzentriere sich die Handlung wirklich nur auf ein paar wenige benachbarte Häuserblocks.

    Bewertung: “Underground” bietet spannende Momente und zumindest einen wirklich sehr überraschenden Twist. Ebenfalls positiv empfand ich die Darstellung von Reacher, der hier nicht den wilden Berserker spielt – und sich dennoch ganz am Ende trotzdem vorwerfen lassen muss, beim großen Finale emotionaler gehandelt zu haben als für ihn gut war. Vielleicht eine späte Einsicht des Autors, der zumindest einmal (im Roman “Trouble“) seine eigene Schöpfung nicht unter Kontrolle hatte. In “Underground” funktioniert die pragmatischer ausfallende Charakterisierung Reachers dafür wieder sehr gut. Die erzählte Story ist in Ordnung, aber im mittleren Drittel zieht sich die Handlung wie unter U-Bahn-Sitze geklebter Kaugummi. 4 von 6 Sterne für einen soliden wenn auch nicht überragenden Action-Thriller sind aber wohl in Ordnung.

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    Diese und weitere Roman- und Comic-Rezensionen sowie meine eigenen Star Trek-Romane zum kostenlosen Download findet ihr auf meinem Blog:
    http://rumschreiber.wordpress.com/

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  • MFB
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    Doppelpost

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