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Nur ein kleiner Schritt - Fortsetzung zu "Der dunkle Berg"

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  • Nur ein kleiner Schritt - Fortsetzung zu "Der dunkle Berg"

    Hi, hierbei handelt es sich um eine Fortsetzung zu meiner hier schon geposteten Geschichte "Der dunkle Berg". Ich würde auch ganz klar empfehlen, diese zu lesen, bevor ihr euch an "Nur ein kleiner Schritt" macht. Dafür gibt es eine Menge guter Gründe. Mal davon abgesehen, dass es immer sinnvoll ist, den ersten Teil vor dem zweiten zu lesen.
    Aber ansonsten wünsche ich allen die sich rantrauen, viel Spass damit. Die Geschichte wird in etwa so lang werden, wie der 1. Teil.



    Nur ein kleiner Schritt


    1



    Sie waren ihm dicht auf den Fersen, sehr dicht. Sein Atem ging unregelmäßig und jeder Muskel seines Körpers schmerzte. Lange würde er dieses Tempo nicht mehr durchhalten können.
    Ein Rascheln im Dickicht direkt neben ihm ließ ihn aufhorchen. Blitzschnell drehte er sich und blickte in die entsprechende Richtung. Direkt vor ihm leuchteten zwei gelblich schimmernde Augen in der Dunkelheit und ein leises Knurren drang an sein Ohr.
    Erleichtert atmete er tief durch und sein Körper entkrampfte sich.
    "Pandor, du bist es!" Ein schwarzer Kater trat aus dem Gebüsch und schmiegte sich mit erhobenem Schwanz an sein rechtes Bein. "Schleich, dich nicht immer so ran, mein Kleiner!"
    Liebevoll kraulte er ihn hinter den Ohren, was der Kater mit einem wohligen Schnurren zur Kenntnis nahm.
    Das es sich bei Pandor um keinen normalen Vertreter seiner Art handelte, war relativ offensichtlich. Er wies einige, sagen wir mal, Besonderheiten auf, die ihn schon auf den ersten Blick von anderen Katzen unterschieden.
    Zum einen war er größer, als ein Durchschnittskater. Es war kein größer im Sinne von stattlich, sondern eher im Sinne von wirklich groß, geradezu beängstigend groß.
    Diejenigen, die ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekamen, registrierten seine schon als absurd zu bezeichnende Größe im Normalfall mit leicht überraschten Ausrufen wie, "gütiger Gott!", "potzblitz!" oder auch "heiliger Bimbam!".
    Einhergehend damit waren in fast jedem Fall spontanes Erbleichen und um etwa Null Komma Fünf Zentimeter aus den Höhlen hervortretende Augäpfel.
    Aber beinahe ebenso auffällig wie seine abnorme Größe, waren seine Augen.
    Es lag eine unglaubliche Intelligenz in diesen Augen, in diesem Blick.
    Pandor war sich seiner Wirkung auf Fremde offensichtlich bewusst und mit seinem Blick, machte er es ihnen auch ziemlich deutlich klar.
    Woher er stammte, wusste Malin nicht. Vor etwa sechs Jahren war er ihm zugelaufen. Allerdings dachte Malin damals noch, es mit einem normalen Kater zu tun zu haben. Zwar war er auch zu diesem Zeitpunkt schon ungewöhnlich groß und kräftig, aber wenn man ein Auge zudrückte und das andere gar nicht erst öffnete, ging er durchaus noch als normale Katze durch.
    Doch dies änderte sich schon recht bald. Es gab sicherlich viele denkbare und logische Erklärungen für die Existenz einer Katze wie Pandor. Allerdings war Malin bisher noch keine eingefallen. Doch da die beiden sich von Anfang an verstanden und der Kater ihm auf Schritt und Tritt folgte, nahm er ihn einfach als gegeben hin und interessierte sich nicht für seine Herkunft. Pandor war einfach da, er war unglaublich treu und hatte ihm schon aus so mancher Notlage geholfen.
    Das wunderschöne Tier mit seinem glänzend schwarzen Fell reichte ihm mittlerweile bis an seine Hüften und Malin war sich nicht sicher, ob er schon ausgewachsen war.
    Ab und zu verließ der Kater ihn für einige Zeit. Malin vermutete, dass er dann umherstreifte um Wölfe zu erschrecken oder Bären zu jagen. Wenn er sich aber wieder auf den Weg machte, um seine Reisen quer über den Kontinent fortzusetzen, war er wieder da und begleitete ihn.
    Wie alle angehenden Mönche seiner Bruderschaft, befand auch er sich in den Wanderjahren, in denen sie den Kontinent durchreisten und sich ihren Lebensunterhalt mit kleinen Jobs verdienten. Diese Zeit diente zur Festigung ihres Glaubens und der Erweiterung ihres Wissens über das Leben auf dem Kontinent.
    Es gab keine Vorschriften die Dauer dieser Lehrjahre betreffend. Es konnten zwei, fünf oder auch zehn Jahre sein.
    Nach dieser Zeit war man entweder in seinem Glauben derart gefestigt, dass man den Rest seines Lebens in einem der quer über den Kontinent verteilten Klöster des Ordens verbrachte oder schwor diesem aufgrund der vielen von Entbehrungen geprägten Jahre komplett ab und kehrte der Bruderschaft den Rücken.
    Nicht selten kam es vor, dass die sogenannten Wandermönche von ihren Wander- und Lehrjahren gar nicht oder als gebrochene Männer zurückkehrten. Die Gefahren, denen man auf diesen Reisen begegnete, waren verschiedenster Art. Da gab es Räuber und Banditen, mythische anscheinend auf die Tötung junger Priester spezialisierte Wesen und die alltäglichen Probleme wie Hunger, Durst und übellaunige, angriffslustige Raubtiere.
    Malin befand sich nun schon im dritten Jahr seiner Wanderschaft und ein Ende dieser, war für ihn noch nicht absehbar.
    Schon einige Male war er in brenzlige Situationen gekommen, hatte diese aber zumeist mit Hilfe Pandors immer wieder beeindruckender Überzeugungskraft schnell auflösen können.
    Zwischen ihnen schien es eine ganz besondere Verbindung zu geben. Er konnte es sich selber nicht richtig erklären, aber sein schwarzer Freund, schien oftmals zu spüren, was in ihm vorging. Als würde er seine Gedanken lesen können.
    Natürlich war es nicht möglich und der Mönch wusste dies auch. Genauso fühlte er aber auch, dass etwas zwischen ihnen existierte, was über das normale Verhältnis zwischen Mensch und Tier hinausging.
    Auch dieses Mal war es Pandor gewesen, der als erster die Gefahr gespürt und ihn auf ihre Verfolger aufmerksam gemacht hatte.
    Dies war vor drei Tagen gewesen und seitdem befanden sie sich auf der Flucht. Vor etwas oder jemandem, den er noch nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte. Doch allein Pandors alarmierendes Verhalten war für ihn Grund genug gewesen, schnellstmöglich seinen Weg Richtung Tessheim fortzusetzen. Bis zur großen Stadt inmitten der Kassam Ebene war es von hier aus etwa noch ein Marsch von drei, vielleicht vier Tagen.
    Momentan befanden sie sich im Herzen des Ergol Waldes, eines weitestgehend noch unerforschten Waldgebietes südlich der Kassam Ebene.
    Auch wenn es einen Umweg von mehreren Tagen bedeutete, umritten die meisten Reisenden den beinahe undurchdringlichen Wald weiträumig. Menschliche Ansiedlungen fanden sich nur in den Randgebieten dieser ursprünglichen Region.
    Sollten sie hier in einen Hinterhalt geraten, würde es wahrscheinlich nie jemand erfahren. Malin wusste, dass ihre einzige Chance darin bestand, den Ergol Wald schnellstmöglich zu durchqueren und den Schutz der Mauern Tessheims zu erreichen.
    Da es keine brauchbaren Karten dieser Region gab, würde sich dies aber als schwierig erweisen.
    Sämtliche Versuche den Wald zu kartographieren, waren bislang gescheitert.
    Eine relative exakte Karte soll allerdings existieren. Jedoch lässt sich dies leider nicht überprüfen, da der vermeintliche Besitzer, ein Zwerg namens Gibral Steinaxt, sie im Zentrum des Waldes in einem Anfall von Wahnsinn unter einem Baum vergraben haben soll und sich daraufhin folgerichtig verlief.
    Alle paar Jahre tauchte er an den Rändern des Waldes auf und erzählte jedem, der es nicht hören wollte, seine Geschichte, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden.
    Warum er dies tat, war unbekannt.
    Bei jemandem, der von seinem eigenen Stamm den Beinamen "verwirrter Idiot" erhalten hatte, sollte man aber auch nicht unbedingt eine tiefschürfende Erklärung erwarten.
    Wäre nicht Pandor an Malins Seite gewesen, hätte er sich nie in dieses Gebiet gewagt. Doch im angeborenen Orientierungssinn seines vierbeinigen Freundes, hatte er die Möglichkeit gesehen, ihren Verfolgern zu entkommen.
    Auch wenn sein Plan ihm anfangs recht ausgeklügelt erschien, so hatte er doch eine kleine Schwachstelle. Denn er hatte nicht bedacht, dass wer immer sie auch verfolgte, nur ihren Spuren zu folgen brauchte. Aber das war nun nicht mehr zu ändern.
    Wenn er das nächste Mal von Unbekannten verfolgt werden würde, sollte er es aber berücksichtigen und eine diesbezügliche Überarbeitung seines allgemeinen Fluchtverhaltens in Betracht ziehen.
    Doch wer konnte etwas von ihm wollen und vor allem was?
    Er war nur ein einfacher Wandermönch ohne jegliche besondere Begabung, was man ihm in seinem Orden auch oft genug unter die Nase gerieben hatte.
    Ein ungewöhnliches Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken. Es klang, als bewegte sich nicht weit entfernt etwas durch das dichte Unterholz des Waldes.
    Pandor legte seine Ohren an und knurrte in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien.
    Jemand oder etwas näherte sich. Aber er hatte nicht die Absicht abzuwarten, bis er wusste, wer oder was es war.
    Die große schwarze Katze machte ein paar Schritte, drehte sich um und blickte ihn auffordernd an.
    "Ist ja gut, ich komme schon." Mit schnellen Schritten folgte er Pandor durch das Buschwerk.
    Sie waren noch nicht weit gekommen, als er die Katze plötzlich aus den Augen verlor. Pandor hatte ihn im Angesicht der Gefahr, noch nie im Stich gelassen. Irgend etwas stimmte hier nicht. Malin hielt in der Bewegung inne und lauschte, nichts absolut nichts. Die plötzliche Stille dröhnte in seinen Ohren und die Schläge seines Herzens klangen für ihn wie gewaltige Glockenschläge.
    Vorsichtig und darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen, suchte er hinter einer großen Eiche Deckung.
    Gerade als er einen weiteren vorsichtigen Schritt machen wollte, hörte er das Knacken.
    Der Laut führte in seinem Kopf zu mehreren zeitgleichen Gedankengängen. In jedem von diesem nahm das Wort "verdammt" eine zentrale Rolle ein.
    Man hatte ihn entdeckt. Langsam und mit einem Ausdruck der Resignation im Gesicht drehte er sich herum.



    2


    Vorsichtig und völlig lautlos bewegte er sich auf das Tier zu. Dabei nutzte er jede sich bietende Deckung aus. Nur noch ein paar Meter, dann war er in Schussreichweite.
    Behutsam und unendlich langsam zog er einen Pfeil aus seinem Köcher und legte ihn auf die Sehne.
    Der große Rehbock schien seine Anwesenheit nicht bemerkt zu haben. Was schon eine enorme Leistung war, da sie sich in einer steppenähnlichen Landschaft befanden, die kaum Möglichkeiten bot, sich an ein solch scheues Tier heranzuschleichen.
    Du hast es also noch nicht verlernt, dachte er und klopfte sich gedanklich auf die Schulter.
    Wieder robbte er, die Nase kaum zwei Zentimeter über dem sandigen Boden, ein kleines Stück in Richtung seines Mittagessens.
    DU SOLLTEST DICH BEEILEN, DER WIND DREHT SICH. Danke für den Hinweis, aber ich mache schon so schnell es geht und jetzt sei ruhig ich muss mich konzentrieren. ENTSCHULDIGUNG, ICH WOLLTE NUR BEHILFLICH SEIN. Halt die Klappe.
    Tordal hatte sich gedanklich schon die nächste nicht mehr so freundliche Erwiderung zurechtgelegt, aber in seinem Kopf blieb es tatsächlich ruhig.
    Wieder ein paar Zentimeter näher. Jetzt trennten ihn vielleicht noch sechs oder sieben Meter von dem arglos grasenden Tier.
    Ruhig und bedächtig spannte er im Liegen den Bogen und ließ den Bock dabei keine Sekunde aus den Augen.
    Dann sah er aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Es war eine kleine Eidechse, nicht mehr als einen halben Meter von seinem Kopf entfernt.
    Nur nicht ablenken lassen, ging es ihm durch den Kopf. Das kleine braungeschuppte Tier näherte sich ihm weiter und blieb direkt vor seinem Gesicht stehen.
    Verschwinde, mach das du wegkommst. Noch immer ausgestreckt auf dem Boden liegend und den gespannten Bogen in der Hand, versuchte er den kleinen Nerver mit seinen Blicken zum Rückzug aufzufordern.
    INTERESSANT EINE BARGAECHSE, SEHR SELTENE TIERE. Das interessiert mich momentan herzlich wenig. Kannst du nicht dafür sorgen, das sie verschwindet? WIESO SOLLTE ICH DAS TUN? Weil sie nervt und mich in meiner Konzentration stört. DAS TUE ICH NACH DEINER AUSSAGE AUCH UND TROTZDEM WOLLTEST DU MICH BISHER NOCH NICHT LOSWERDEN. Du bist in meinem Kopf, um dich loszuwerden, müsste ich ihn mir schon abschlagen.SIEHST DU UND DU HAST ES BISHER NOCH NICHT GETAN.
    Genervt rollte Tordal mit den Augen.
    Egal, ich lasse mir doch von einer Eidechse nicht mein Essen versauen, also Konzentration.
    Der Rehbock graste noch immer ahnungslos nur wenige Meter von ihm entfernt. Plötzlich sprang die Eidechse direkt auf seinen Bogen.
    Das konnte doch alles nicht wahr sein. Am liebsten hätte Tordal laut aufgeschrieen.
    Mit bedächtigen Schritten näherte sich das Reptil seinem Gesicht bis auf wenige Zentimeter.
    Durch seine gespitzten Lippen blies der Kopfgeldjäger ihm seinen Atem entgegen und versuchte so das Tier zu verscheuchen.
    Als ob dies alles noch nicht reichte, begann nun tatsächlich wie vorausgesagt, auch noch der Wind sich zu drehen.
    Entweder jetzt oder nie dachte Tordal. Seine Muskel waren zum zerreißen gespannt und er zielte genau auf den Nackenbereich des Rotwildes vor ihm.
    Die miese kleine Echse, wie er sie in Gedanken nannte, saß nun direkt vor seinem Gesicht und sah ihn aus im Verhältnis zum Kopf unproportional großen Augen an.
    "Sei gegrüßt, Tordal." Dieser verriss erschrocken den Bogen. Der Pfeil löste sich von der Sehne und verfehlte den Rehbock um gut einen Meter.
    Das nun alarmierte Tiere entfernte sich mit einigen für seine Art typischen Sprüngen und legte so innerhalb weniger Sekunden eine beachtliche Strecke zurück. Das war es also mit seinem Essen. Noch immer geschockt und verwirrt, sah Tordal zu der vor ihm auf dem Boden sitzenden Echse.
    DAS IST ÄUSSERST UNGEWÖHNLICH. IM NORMALLFALL SPRECHEN DIESE TIERE EINEN NICHT AN, SCHON GAR NICHT MIT DEM NAMEN.
    "Was zum..." Weiter kam er nicht, denn das kleine Reptil kletterte behend an seinem Bein hoch und saß nur kurz darauf schon auf seiner Schulter. Diese Augen, es hätte ihm gleich auffallen müssen. Etwas stimmte nicht mit diesen Augen. Sie waren so, so untypisch. Ein passenderer Begriff fiel ihm momentan nicht ein. Nicht das er bisher großartig Erfahrungen mit Eidechsen und ihren Augen im Speziellen gesammelt hatte, aber sie waren ihm tatsächlich sofort aufgefallen.
    Nun blickte ihn das Tier von seiner Schulter aus direkt in sein Gesicht.
    Der kleine geschuppte Körper hob und senkte sich bei jedem Atemzug. "Hör mir zu Tordal!" Wieder diese Stimme, sie erklang direkt in seinem Kopf. Was wollten alle immer nur in seinem Kopf? Seine KI, Genesis und nun auch noch eine kleine... .
    Nein, das konnte doch nicht sein. Oder etwa doch? "Genesis?"
    "Ja" Erstaunt verzog er sein Gesicht. "Aber wie und warum ausgerechnet eine Eidechse?"
    "Weil ich es kann und weil gerade nichts anderes da war." Die altbekannte monotone Stimme der Super-KI erscholl in seinem Kopf.
    Da er ahnte, dass ihn weitergehende Ausführungen von Genesis überfordern würden, sparte er sich weitere Fragen. Die Möglichkeiten dieser KI waren praktisch unbegrenzt, niemand wusste dies besser als er.
    "Warum hast du dich nicht einfach in meinen Kopf eingeklinkt, wie du es damals im Berg getan hast?" "Weil es auf diese Entfernung auch für mich nicht einfach ist. Deshalb habe ich auch das Reptil und nicht den Rehbock gewählt. Je größer die Entfernung und je komplexer das Gehirn, desto schwieriger ist es für mich darauf Einfluss zu nehmen."
    Die Eidechse saß weiterhin beinahe regungslos auf seiner Schulter und nur die rhythmischen Atembewegungen ließen Leben erkennen.
    "Wie schaffst du es eigentlich immer, meine KI zum Schweigen zu bringen und kannst du es nicht auch auf Dauer? Damit würdest du mir wirklich einen großen Gefallen tun."
    "Das hängt mit der Überlagerung der Frequenzen zusammen und nein, ich kann es nicht auf Dauer. Dafür müsste ich ständig den Kontakt zu dir aufrechterhalten."
    "Aber du könntest doch wenigstens für ein paar Stunden jeden Tag... ." "Nein, du wirst ihre Fähigkeiten noch brauchen, glaube mir und jetzt höre mir zu, wir haben nicht viel Zeit." "Na da bin ich ja mal gespannt."
    "Leider kann ich dir nicht alles erzählen." Was mich nicht sonderlich überrascht, dachte Tordal.
    "Ich kann dich hören." "Upps, naja es ist nicht immer einfach, praktisch nur Kontakt mit Entitäten zu haben, die im eigenen Kopf umherspuken. Auf die Dauer ist es schon ziemlich anstrengend."
    Genesis ging nicht weiter darauf ein. "Du musst dich auf schnellstem Wege nach Tessheim begeben." "Aha und warum?" "Das war es eigentlich schon." "Das ist nicht dein Ernst, oder? Nur weil du mir sagst, geh mal nach Tessheim, lasse ich hier doch nicht alles stehen und liegen." Aufgebracht sprang er auf und lief wild gestikulierend umher. "Wo kommen wir denn da hin, wenn jede dahergelaufene KI mich ohne Begründung quer über den Kontinent schickt?" "Wie viele kennst du denn noch?" "Was?"
    "Wie viele andere KI´s du noch kennst. Das würde mich wirklich interessieren."
    In diesem Augenblick brach seine innere Abwehrhaltung zusammen. "Ist ja schon gut, du hast ja Recht. Aber könntest du mir zumindest sagen, weshalb ich nach Tessheim soll?" "Sobald ich es weiß, bist du der erste, der es erfahren wird. Etwas außergewöhnliches geht vor sich. Mehr kann ich dir noch nicht sagen. Du wirst dort auf jemanden treffen, alles weitere erfährst du, wenn es soweit ist."
    Die kleine Eidechse sprang von seiner Schulter und lief davon. "Aber wie soll ich diesen Jemand erkennen? Ein wenig genauer könntest du schon sein." "Du wirst ihn erkennen, vertrau mir. Du wirst ihn erkennen."
    Dann war das Reptil verschwunden und er war wieder allein. "Du wirst ihn erkennen", äffte er die Stimme der KI nach. "Immer diese metaphorische Kacke!" Wütend trat er mit dem rechten Fuß in den sandigen Boden. "Warum heißt es nie, der Mann hat schwarze Haare und trägt eine Augenklappe oder er stinkt wie ein Iltis. Aber nein, so etwas würde einem ja tatsächlich helfen. Stattdessen immer dieses, wenn du ihn oder es siehst, wirst du es wissen. Das ist doch lächerlich."
    ERWARTEST DU JETZT IRGENDEINE REAKTION VON MIR DARAUF? Du hast mir gerade noch gefehlt.Schon kurze Zeit später, war ein noch immer fluchender Tordal auf dem Weg nach Tessheim um dort jemanden zu treffen, von dem er wissen würde, dass er es war, wenn er ihn denn sah. Mal abgesehen davon, dass er nicht einmal wusste, weshalb er ihn überhaupt suchen sollte, nur dass es unheimlich wichtig war und wahrscheinlich mal wieder das Schicksal der Welt davon abhing. Alles war also so wie es sein sollte und irgendwie hatte ihm dies in den letzten Monaten gefehlt. Natürlich würde er es niemals zugeben, schon gar nicht sich selber gegenüber.


    Fortsetzung folgt...
    Zuletzt geändert von Tordal; 27.09.2006, 02:48.
    "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
    "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
    Norman Mailer

  • #2
    3


    Vor ihm standen zwei in grüne Kleidung gehüllte Gestalten und richteten ihre ihm unbekannten Waffen auf ihn. Zumindest lag die Vermutung, dass es sich bei den metallenen Objekten in ihren Händen um Waffen handelte, sehr nahe. Auch die Art wie sie diese hielten, sprach dafür. Wer ein klein wenig Erfahrung mit Bewaffneten hat, wird bestätigen können, dass es zwei Arten gibt, eine Waffe zu halten. Da gibt es die mit einem verunsicherten Gesichtsausdruck einhergehende ganz weit weg und bloß nicht auf mich zielen Haltung und die ich halte etwas unglaublich gefährliches in Händen und wenn du mir Ärger machst, wirst du sehen wie gefährlich Haltung. In diesem Fall handelte es ganz klar sich um die zweite Alternative.
    Die Gesichter der beiden, waren beinahe vollkommen mit grüner und brauner Farbe bedeckt und keine Regung zeigte sich auf ihnen. Malin war verwirrt, denn dieser Art Krieger war er auf seinen Reisen bisher noch nicht begegnet.
    Der kleinere der beiden, berührte mit einer Hand sein linkes Ohr und sprach einige für ihn nicht verständliche Worte. Mit der anderen Hand, hatte er weiter die Waffe auf ihn gerichtet.
    Niemand hatte sich bisher mit einem Wort an ihn gewand. Alles an ihnen erschien ihm äußerst sonderbar.
    Malin mutmaßte, dass es sich bei seinen Gegenübern um Mitglieder eines ihm bisher unbekannten Stammes von offensichtlich durchgeknallten Wilden handelte. Einen anderen Schluss ließen ihre Aufmachung und ihr Verhalten nicht zu. Wahrscheinlich kommunizierten sie gerade mit ihrer Gottheit. Doch was mochten sie nur von ihm wollen?
    In diesem Moment, sah er hinter den beiden eine Bewegung.
    Der größere der beiden, ein wahrer Hühne von Mann, musste seinen überraschten Gesichtsausdruck bemerkt haben. Blitzschnell drehte er sich um seine eigene Achse und riss dabei seine Waffe hoch. Aber so schnell er auch war, er war nicht schnell genug und wurde von dem schwarzen Schatten, der sich auf ihn stürzte, niedergeworfen.
    Es war Pandor. Die schwarze Katze bewegte sich wie ein Phantom zwischen den beiden.
    Während sein Partner aus einer böse aussehenden Wunde im Brustbereich blutend zu Boden stürzte, umfasste der zweite Krieger mit beiden Händen die Waffe. An der Stelle, wo sich Pandor nur Sekundenbruchteile zuvor noch befunden hatte, stiegen mehrere Sandfontänen auf und Blätter wirbelten umher.
    Doch dann war der schwarze Albtraum schon bei ihm und warf ihn zu Boden. Allein schon durch die bloße Wucht des Aufpralls, verlor er das Bewusstsein.
    Der ganze Angriff hatte nicht mehr als eine, vielleicht zwei Sekunden gedauert.
    Malin starrte wie gebannt auf das sich ihm bietende Szenario. Noch nie hatte er Pandor so aggressiv gesehen und die Schnelligkeit und Eleganz seiner Bewegungen raubte ihm schier den Atem.
    Die große Katze stand zähnefletschend auf ihrem zweiten Opfer, als es Malin endlich gelang, die Lethargie abzuschütteln.
    "Komm her, Pandor."
    Die schwarze Katze warf noch einen kurzen triumphierenden Blick auf den unter ihr liegenden bewusstlosen Krieger und kam dann mit erhobenem Schwanz auf den Mönch zu. Dieser kniete sich nieder und umfasste mit beiden Händen den Kopf seines vierbeinigen Freundes.
    "Das hast du gut gemacht, mein Kleiner." Liebevoll und mit halb geschlossenen Augen schmiegte sich Pandor an ihn. "Wenn ich dich nicht hätte."
    "Ein wirklich beeindruckendes Tier. Bedauerlich, das er meine Männer angegriffen hat. Das lässt mir nicht viele Möglichkeiten."
    Malin erstarrte in der Bewegung und ein eisiger Schauer lief ihm den Rücken hinab.
    Um sie herum waren mehrere Gestalten aus dem Dickicht des Waldes getreten, sie waren umzingelt. Pandor stieß ein drohendes Knurren aus, doch gegen eine solche Übermacht war auch er chancenlos. Es waren sechs oder sieben weitere ebenfalls die grünen Anzüge tragende Krieger und alle richteten sie ihre bedrohlich wirkenden Waffen auf die Katze.
    Wahrscheinlich hatten sie die beiden, nun am Boden Liegenden, nur als Vorhut vorausgeschickt, um ihre Kampfkraft zu testen. Folgerichtig sahen sie nun in der großen Katze eine Bedrohung für sich und stuften Malin als ungefährlich ein. Womit sie sicherlich auch nicht falsch lagen.
    Einer der Männer ging auf die immer noch am Boden liegenden Krieger zu und zog ein seltsames Objekt aus einer seiner Taschen hervor. Dieses hielt er in geringem Abstand zum Körper, erst vor den einen, dann vor den anderen.
    "Peters wird in ein paar Minuten wieder auf den Beinen sein. Aber um Waldner muss ich mich etwas eingehender kümmern. Der Panther hat ihn ziemlich übel an der Brust erwischt und er hat eine Menge Blut verloren."
    Der Mann schüttelte kurz den Kopf und verstaute das Objekt wieder in seinem Anzug. Mit einer einzigen fließenden Bewegung stand er auf und sah zu Pandor. Dann drehte er sich herum und blickte zu einem Krieger, den Malin seinem Gebaren nach für den Anführer der Gruppe hielt.
    "Es ist unglaublich, wie schnell der Panther war. Aber etwas verwirrt mich. Das Tier hätte die beiden problemlos töten können, hat sie aber nur außer Gefecht gesetzt."
    Auch wenn Malin einiges von dem was gesagt wurde nicht verstand, so hatte er doch bemerkt, das der Mann Pandor einen Panther genannt hatte. Offensichtlich waren sie also schon anderen Großkatzen dieser Art begegnet. Dabei dachte er immer, Pandor wäre einzigartig, eine Laune der Natur. Doch dem war anscheinend nicht so.
    Der Anführer der Gruppe, ein mittelgroßer Mann, dem das Wort Autorität geradezu auf die Stirn tätowiert zu sein schien, drehte sich um und deutete auf einen der Umstehenden.
    "Stevens, das K11."
    Der Angesprochene nickte kurz, legte seinen Rucksack ab und entnahm diesem einen röhrenförmigen, beinahe armlangen Gegenstand.
    Pandor wurde unruhig und Malin konnte ihn nur mit Mühe zurückhalten. Wenn die Katze die Krieger jetzt angriff, wäre dies ihr Todesurteil gewesen.Denn die anderen Männer hatten noch immer ihre Waffen auf ihn gerichtet und machten nicht den Eindruck, als würden sie zögern diese auch einzusetzen.
    Stevens richtete die Röhre auf Pandor und Malin sprang auf.
    Sofort richteten sich zwei der Waffen auf ihn.
    "Ihr dürft ihn nicht töten, er ist mein Freund und hat mich nur verteidigt." "Das wissen wir, aber es ist das beste für ihn und wohl auch für uns." Es war der Anführer gewesen, der zu ihm sprach.
    Malins Herz raste und die Angst um Pandor drohte sich seines Denkens zu bemächtigen. Dann hörte er ein dumpfes Geräusch, welches anscheinend von dem röhrenförmigen Objekt ausging und Pandor stürzte getroffen zu Boden.
    "Nein!" Mit diesem Schrei auf den Lippen, stürzte der Mönch sich auf die Krieger und dann wurde die Welt dunkel.



    4


    Nachdem sie vor knapp einem Jahr Giganto zurück nach Tessheim begleiteten, hatte Tordal die Stadt nicht mehr betreten. In den seitdem vergangenen Monaten hatte er verschiedene Aufträge angenommen, die ihn quer über den Kontinent führten.
    Dabei spielte die Art der Aufträge für ihn eher eine untergeordnete Rolle. Wichtig war ihm einzig und allein in Bewegung zu bleiben und Zeit zum Nachdenken und Verarbeiten des Erlebten zu haben. Zeit, die er dringend benötigte.
    Was ihm während seines Aufenthaltes im dunklen Berg durch Genesis offenbart wurde, hatte sein Weltbild komplett auf den Kopf gestellt. Alles hatte sich für ihn seitdem verändert.
    Die Erkenntnis, der wahrscheinlich letzte Überlebende einer untergegangenen Zivilisation zu sein und das Wissen, dass diese sich und beinahe auch den gesamten Planeten vernichtet hatte, war eine Last, die ihn zu erdrücken drohte.
    Jeder normale Mensch hätte Jahre benötigt, dies zu verarbeiten, sofern es denn überhaupt möglich war. Doch nicht einmal das war ihm vergönnt.
    Niemals mehr würde er alleine sein, nicht eine Sekunde. Nicht einmal seine Gedanken gehörten ihm. Stattdessen teilte er sich seinen Kopf mit einer vorlauten KI, die ihm oftmals den letzten Nerv raubte.
    Sollte es tatsächlich so etwas wie Schicksal geben, so war dieses aus irgendeinem Grund anscheinend nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen, um nicht zu sagen, es musste ihn hassen. Man könnte meinen, er diene als eine Art psychologisches Testgelände.
    Was hätte er dafür gegeben, die Zeit zurückdrehen zu können. Zurück zu den Tagen, in denen er noch nichts von all dem ahnte. Als er noch frei und Herr über sein Leben und Handeln war.
    Doch weder er noch sonst jemand konnte ihm diese aus heutiger Sicht unbeschwerten Jahre zurückbringen. Nicht einmal Genesis war dazu in der Lage.
    Nun lebte er nur noch von seinen Erinnerungen, den Gedanken an ein normales Leben. Ein Leben, für welches er seine Seele verkaufen würde, sollte er sie nicht schon längst verloren haben. Zeit und Gelegenheit dazu hatte er reichlich gehabt.
    Diese und ähnliche Gedanken quälten ihn nun schon seit Monaten. Es gab keinen Tag, an dem er nicht die Geschehnisse aus dem dunklen Berg wie einen Film vor sich ablaufen sah. Kein Tag, an dem er nicht Genesis' Stimme hörte und das Unglaubliche, was die KI ihm offenbart hatte.
    Nicht einmal in seinen Träumen, fand er die so ersehnte Ruhe.
    Nicht zuletzt dies war auch der Grund, weshalb er so aufgebracht reagierte, als Genesis ihn aufforderte nach Tessheim zu gehen. Allein der Gedanke an die Stadt, den Ausgangsort all seiner Probleme, reichte aus, um seinen Puls in ungesundem Maße zu erhöhen.
    Er war noch nicht so weit und das wusste er auch. Vielleicht würde er es auch nie sein, wer konnte das schon sagen?
    Wie viel Zeit brauchte es, um ein Leck in der Größe eines Planeten in Herz und Verstand abzudichten?
    WAHRSCHEINLICH GEHT ES MICH MAL WIEDER NICHTS AN, ABER WIE LANGE WILLST DU EIGENTLICH NOCH HIER RUMSTEHEN?
    Die Stimme der KI riss ihn aus seinen Gedanken und er benötigte einige Sekunden um sich zu orientieren.
    Er befand sich direkt vor einem der großen Stadttore Tessheims und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Einige der Vorbeigehenden musterten ihn neugierig.
    Höchstwahrscheinlich machte er auf sie einen leicht verwirrten Eindruck. Wenn sie einen Blick in sein Innerstes werfen könnten, würden sie vermutlich das leicht streichen und durch ein großes, dickes komplett ersetzen.
    ALLES IN ORDNUNG MIT DIR, OH DU MEIN BEMITLEIDENSWERTER HELD?
    Sarkasmus, er hasste es, wenn seine KI so zu ihm sprach. Aber seine Wut gab ihm auch neue Energie.
    Alles klar, lass' es uns angehen. Mit Kräftigem Schritt trat er durch das steinerne Tor.



    5

    Mit einem stechenden Schmerz im Kopf kam er wieder zu sich. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eine mittelgroße Eiche über den Schädel gezogen und zwar mehrfach, nur um auf Nummer sicher zu gehen.
    Vorsichtig öffnete er die Augen und erhob sich unendlich langsam, aber immer noch viel zu schnell, wie ihm sein Körper unmissverständlich zu verstehen gab. Schwindel und Übelkeit ließen ihn sofort wieder zurücksinken.
    "Nicht so schnell, du hast alle Zeit der Welt."
    Sein körpereigenes Ortungssystem versagte, so dass er nicht hätte sagen können, von wo die Stimme kam. Sie klang bestimmt, aber nicht unfreundlich.
    "Solch ein Schlag mit einem Gewehrkolben, hat schon ganz andere umgehauen." Langsam verschwand der Schleier vor seinen Augen und die verschwommenen Umrisse wurden klarer. Undeutlich konnte er das Gesicht eines Mannes neben sich erkennen und als er sich dieses Mal erhob, spürte er helfende Hände, die ihn stützten.
    Nach einigen weiteren Sekunden konnte er das Gesicht auch zuordnen. Es war der Mann, der die beiden Bewusstlosen mit dem seltsamen Objekt untersucht hatte. Nach allem, was er bisher wusste, könnte es sich bei ihm um einen Arzt oder Medizinmann handeln. Ohne die dicke Farbschicht im Gesicht, wirkte er sofort viel menschlicher.
    Erst jetzt bemerkte er, dass dieser ihm ein Gefäß mit einer übelriechenden Flüssigkeit vor sein Gesicht hielt.
    "Trink das, danach wird es dir besser gehen."
    Skeptisch nahm Malin den Becher entgegen und setzte an, um daran zu nippen. Doch dann hielt er inne. Wer garantierte ihm denn, das man ihn nicht vergiften wollte?
    Ein Lächeln erschien auf dem unrasierten Gesicht des Mannes. "Du kannst es ruhig trinken. Es wird dir helfen, vertrau' mir. Ach ja, es schmeckt deutlich schlimmer als es riecht."
    Malin gehörte nicht zu dem Typ Mensch, der jedem unvoreingenommen Vertrauen entgegenbrachte. Dafür hatte er in seinem Leben schon zuviel erlebt. Doch der pochende Schmerz in seinem Kopf hatte mittlerweile ein solches Ausmaß angenommen, dass er auch einen Liter Krötenblut getrunken hätte, wenn dieser dadurch nachließ.
    Also setzte er an und leerte den Becher in einem Zug. Nur um festzustellen, dass Krötenblut geschmacklich mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar die angenehmere Alternative gewesen wäre.
    Angewidert verzog er das Gesicht und kämpfte gegen den plötzlich auftretenden Brechreiz an. Der noch immer neben ihm sitzende Mann stieß daraufhin ein kehliges Lachen aus.
    "Je fürchterlicher es schmeckt, desto besser hilft es. Aber keine Angst, spätestens in drei, vier Stunden bist du den Geschmack los." Wieder verfiel er in ein Lachen.
    Malin beschloss, den Mann zu hassen. Da er sich am Leid seines Patienten erfreute, musste es sich einfach um einen Arzt handeln und er hasste Ärzte.
    Wobei der Mann nicht einmal unsympathisch auf ihn wirkte. Aber sie hatten ihm den einzigen Freund genommen, den er in seinem Leben hatte. Das konnte und würde er ihnen niemals verzeihen.
    Trauer bemächtigte sich seiner, als er an die große Katze dachte.
    Sein Gegenüber schien seine Gedanken zu erahnen und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Einen ungewöhnlichen Begleiter hast du da, wirklich ein fantastisches Tier."
    "Warum habt ihr ihn getötet? Pandor hätte niemals ohne Grund angegriffen", platzte es aus ihm heraus. "Er hat doch nur versucht, mich zu beschützen."
    Als wäre es eine Art angeborener Reflex, begann der Mann wieder zu lachen.
    Die Kaltblütigkeit des Mannes, ließ Malins Wut auf ihn weiter wachsen. Wie konnte er in anbetracht der so nutzlosen Tötung der Katze nur lachen? Für jemandem, der sich an der Tötung eines anderen Lebewesens erfreute, hatte er nur Verachtung übrig. Die Achtung allen Lebens gehörte zu den Grundsätzen seines Ordens.
    "Getötet, wie kommst du denn darauf? Dem Panther, ... Pandor geht es bestens."
    Nun war Malin komplett verwirrt. Er hatte doch mit eigenen Augen gesehen, wie dieser Stevens ihn mit der Röhre getötet hatte.
    "Aber, ... das K11", brachte er stotternd hervor.
    Noch immer lachend erhob der Mann sich. "Das K11 ist ein Betäubungsgewehr. Dein Freund hat nur eine Weile geschlafen. Der ist schon wieder topfit und knurrt jeden an, der ihm zu nahe kommt und alle anderen auch."
    Das Lachen wich nun einem breiten Lächeln und er reichte Malin die Hand um ihm aufzuhelfen. "Komm mit, du kannst ihn sehen, wenn du möchtest."
    Natürlich wollte er das und ergriff die Hand des vermeintlichen Arztes.
    "Mein Name ist übrigens Brenner. Ich bin hier so eine Art Mädchen für alles. Arzt, Seelendoktor, Chirurg und wenn es sein muss, auch Koch. Wobei ich Letzteres nicht gerade als meine Stärke bezeichnen würde."
    "Malin, ich heiße Malin. Ich bin, werde Mönch, wahrscheinlich." Noch immer waren seine Emotionen in völligem Aufruhr. "Freut mich dich kennenzulernen, Malin der beinahe Mönch, wenn nichts dazwischen kommt", meinte Brenner mit freundlicher Stimme und schüttelte ihm lächelnd die Hand.
    Jetzt wo er stand, bemerkte Malin ein leichtes Schwanken des Bodens, welches er bisher nicht wahrgenommen hatte. Nicht gerade eine ideale Kombination, im Zusammenspiel mit seinem von der Medizin noch immer verkrampften Magen. Zwar hatte der Schmerz in seinem Schädel merklich nachgelassen, aber dafür war ihm nun speiübel.
    Der Raum, in dem sie sich befanden, enthielt bis auf das Bett, auf dem er gelegen hatte, keinerlei Mobiliar und war von hölzernen Wänden umgeben. Am anderen Ende des Raumes, befand sich eine Tür, auf welche Brenner nun zusteuerte.
    "Wo sind wir hier eigentlich? Mir war nicht bekannt, das es Häuser oder Siedlungen im Ergol Wald gibt."
    Wieder dieses ansteckende Lächeln in Brenners Gesicht. "Komm' einfach mit Malin, der beinahe Mönch. Dann wirst du schon verstehen."
    Malin kam der Aufforderung nach und folgte Brenner durch die Tür. Hinter dieser befand sich eine Holztreppe, welcher sie einige Meter nach oben folgten, bis diese unvermittelt endete.
    Dann ging es durch einen schmalen Durchgang, an dessen Ende Malin Tageslicht erblickte. Sie durchschritten den Gang und er blieb wie angewurzelt stehen. Mit allem hatte er gerechnet, aber nicht mit dem, was er nun zu sehen bekam.
    Brenner klopfte ihm mit einer Hand auf die Schulter und stieß sein unvermeidliches Lachen aus. "Na mein Freund, ist dir dies Antwort genug?"
    Malin konnte es immer noch nicht fassen. Wie war das nur möglich? Sie waren doch im Ergol Wald gewesen und dieser befand sich in etwa im geografischen Zentrum des Kontinents.
    Deshalb war das, was er nun sah, vollkommen unmöglich. Denn soweit das Auge reichte, sah er nichts als Wasser. Sie befanden sich auf einem Schiff.
    "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
    "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
    Norman Mailer

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    • #3
      6


      Die Stadt schien sich innerhalb des letzten Jahres kaum verändert zu haben. Natürlich gab es hier und dort einen neuen Anbau oder Häuser, die einen andersfarbigen Anstrich erhalten hatten. Aber im Großen und Ganzen, war es noch das Tessheim, welches er in Erinnerung hatte.
      Überfüllte Straßen, wohin man auch sah und ein Stimmengewirr in den unterschiedlichsten Sprachen und Dialekten. Die Stadt lebte und atmete.
      Momentan befand er sich auf dem großen Marktplatz im Herzen Tessheims. Händler aus allen Ecken und Winkeln des Kontinents priesen hier ihre Waren an. Dutzende von Marktschreiern versuchten mit kräftigem Organ die hier vorherrschende Geräuschkulisse zu übertönen und ließen den Lärmpegel teilweise bis an die Schmerzgrenze ansteigen.
      Dies alles wäre beinahe für immer verloren gewesen. Wie auch sämtliche Errungenschaften, Entwicklungen und Entdeckungen der verschiedenen Wissenschaften. So klein und unbedeutend sie im Vergleich zu denen der alten Menschheit auch sein mochten.
      Auch Literatur und Musik, alles wäre um ein Haar in den Tiefen der Zeit verloren gegangen. Die Ereignisse vor einem Jahr, hatten seine Sicht der Dinge für immer verändert. Den meisten, war gar nicht bewusst, in welch einer wunderbaren und faszinierenden Welt sie lebten.
      TORDAL ... HALLO, KI AN TORDAL, KANNST DU MICH HÖREN?
      Leider ja! DU WEISST NOCH, WESHALB WIR HIER SIND?
      Als ob ich das vergessen könnte.
      Ich wurde von einer Super KI in Gestalt einer Eidechse, BRAGAECHSE, in Gestalt einer Bragaechse beauftragt, nach Tessheim zu reisen, um mich hier mit jemandem zu treffen, von dem ich nicht weiß, wie er heißt, geschweige denn wie er aussieht noch wo ich ihn antreffen werde.
      Das ich nicht die geringste Ahnung habe, warum ich ihn überhaupt treffen soll, lasse ich mal ganz außen vor. Aber dies alles dürfte ja kein Problem sein. Denn ich werde wissen, dass er es ist, wenn ich ihn sehe. Was die Sache natürlich stark vereinfacht.
      TORDAL
      Mit dieser detaillierten Personenbeschreibung, dürfte die Suche in einer Stadt wie Tessheim, mit zehntausenden Einwohnern, schon so gut wie erledigt sein. Wir sollten uns schon einmal überlegen, was wir danach machen werden.
      TORDAL! "Was ist?"
      Da er dies nicht wie ihre sonstige Unterhaltung dachte, sondern laut ausrief, sahen ihn einige der Umstehenden, genauer gesagt alle, mit großen fragenden Augen an. Plötzlich hatte er viel Freiraum, da man sich entschloss, dem wahnsinnigen Brüller nicht zu nahe zu kommen.
      ICH GLAUBE, WIR HABEN IHN GEFUNDEN.
      Irritiert blieb Tordal stehen. Was?
      NORD / NORD – OST, OH MEIN SCHLECHTGELAUNTER GEBIETER.
      Der Kopfgeldjäger sah in die angegebene Richtung, konnte aber in dem Getümmel verschiedenster Wesen nichts erkennen.
      Ich weiß nicht, was du meinst. Niemand dort löst das von Genesis angedeutete Aha Erlebnis in mir aus.
      TSCHULDIGUNG, ICH VERGAß. DU KANNST JA NICHT DURCH WÄNDE SEHEN, MEIN FEHLER.
      Spinner! WIE BITTE? Schon gut. Also befindet sich die Person in einem der Gebäude. KORREKT. Einige Sekunden lang herrschte Stille.
      Dürfte ich vielleicht auch erfahren in welchem? OH JA, NATÜRLICH. ES IST DAS LEUCHTEND ROTE, MIT DEM DEFORMIERTEN EINHORN ÜBER DEM EINGANG.
      Der Kopfgeldjäger sah sich kurz um und entdeckte ein Gebäude, mit einer tatsächlich völlig misslungenen Skulptur eines Einhorns, welche über der Eingangstür aus der Wand wuchs.
      Der mit der Anfertigung beauftragte Künstler musste dieses im Drogenwahn geschaffen haben. Sämtliche Proportionen wirkten irgendwie falsch und das Horn war krumm.
      Der gesamte Bau, offensichtlich ein Gasthaus, machte den Eindruck, als hätte der Architekt munter drauf losbauen lassen, bis ihm auffiel, dass es so etwas wie Physik gab. Anders waren die vielen Querverstrebungen und Stützbalken nicht zu erklären.
      Nur mit Mühe konnte er seinen Blick von dem Bau lösen. Unglaublich, aber wenn man das Gebäude längere Zeit betrachtete, wurde man tatsächlich seekrank.
      Schnell revidierte er seine Meinung über den Architekten. Dieser musste ein wahrer Meister seines Fachs sein. Wahrscheinlich handelte es sich bei ihm um einen Illusionisten.
      Langsam trat er auf den Eingang zu.
      Woher willst du eigentlich so genau wissen, dass unser Mann sich dort drin befindet?
      DIR DÜRFTE SICHERLICH BEKANNT SEIN, DASS ZU MEINER BEEINDRUCKENDEN AUSSTATTUNG EINE UNZAHL AN VERSCHIEDENSTEN SENSOREN GEHÖRT. DADURCH BIN ICH IN DER LAGE, SELBST...
      Die Kurzform bitte!
      WÄRMESENSOR, HITZE, GEORTET. Siehst du, geht doch. Aber warte mal, mir ist nur eine Person bekannt, die ... GENAU, DIES DÜRFTE DAS VON DIR BESCHRIEBENE AHA ERLEBNIS SEIN.
      Ein seltsames Gefühl beschlich Tordal, als er durch die Tür trat. Etwas, was er schon lange nicht mehr empfunden hatte, Freude.
      Im Innern des Gasthauses gab es nur eine spärliche Beleuchtung. Was in anbetracht der vielen Alkoholleichen sicherlich als positiv zu bewerten war.
      Wo ist er? HINTERSTER TISCH, DIREKT NEBEN DEN SANITÄREN ANLAGEN ODER WAS MAN HIER SO NENNT.
      Das überraschte Tordal nicht im geringsten. Immer in der Nähe von Wasser, dachte er, als er am Tresen vorbei den beschriebenen Tisch ansteuerte.
      Als er diesen erreichte, schlug sein Herz merklich schneller. Er ist es wirklich.
      "Du kannst wohl immer noch nicht die Finger vom Alkohol lassen, Glori?"
      Der angesprochene Zwerg drehte sich um und seine Augen weiteten sich. "Tordal, du hier, aber wie?"



      7


      "Ich mag diesen Genesis nicht." "Er ist ein es, glaube ich zumindest."
      "Egal, wer versucht Zwerge zu ertränken, ist mir unsympathisch."
      "Glori, du kannst Genesis doch unmöglich noch immer die Sache mit der Sprinkleranlage übel nehmen."
      Der Zwerg rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her. "Du hast ja keine Ahnung, ich hatte Todesängste ausgestanden." Während er dies sagte, nahm er einen kräftigen Schluck Schwarzbier.
      "Zwerge und Wasser, das ist wie Feuer und Eis. Schmeiß' einen Zwerg ins Wasser und er geht unter wie ein Stein. Das liegt an den Bärten. Die saugen sich mit Wasser voll und schwupps ist er weg." Glori unterstrich seine Worte mit einer anschaulichen Geste.
      DU SOLLTEST DEN ZWERG DARAUF AUFMERKSAM MACHEN, DASS DIESE ERKLÄRUNG ABSOLUT UNMÖGLICH IST. SOLLTE SICH WASSER IN ZWERGENBÄRTEN NICHT MIR UNBEKANNTERWEISE AUGENBLICKLICH IN EIS VERWANDELN, REICHT DAS GEWICHT NIEMALS AUS, EINEN ZWERG UNTER WASSER ZU ZIEHEN.
      Das weiß ich doch, aber es ist lustig. Doch ich muss zugeben, dein Erklärungsversuch gefällt mir fast noch besser.
      Mit einem breiten Lächeln im Gesicht richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Zwerg. Dieser hatte gerade seinen Humpen Bier geleert und gab dem Wirt zu verstehen, zahlen zu wollen.
      "Was nun, das war's schon, zwei Bier und mehr nicht?" Die Überraschung in Tordals Stimme war nicht gespielt.
      "Erstens" begann Glori, "war es nur das zweite Bier, seitdem du dich zu mir gesellt hast und zweitens, wurde ich gebeten, solltest du hier jemals eintreffen, dich zu einem alten Freund zu begleiten."
      Der Kopfgeldjäger ahnte, wer damit gemeint war. "Giganto?" Glori nickte und legte, nachdem der Wirt noch immer nicht am Tisch erschienen war, einfach zwei Münzen auf den Tisch und stand auf.
      "Er meinte, du würdest hier irgendwann auftauchen und für mich unverständliches Zeug von dir geben. Wenn der Tag gekommen ist, bringe ihn zu mir, hat er gesagt."
      WENN ER WUSSTE, DASS DU KOMMEN WÜRDEST,... hat Genesis auch zu ihm Kontakt aufgenommen, interessant.Auch Tordal stand nun auf und gemeinsam gingen die beiden zum Ausgang.
      "Wann hat er dir diesen Auftrag gegeben?" "Gestern" "Immer noch der alte Scherzkeks", befand Tordal mit einem Lachen.
      Auf dem Weg zu Gigantos Schmiede, tauschten die zwei Freunde sich über ihre Erlebnisse des letzten Jahres aus.
      Wie sich herausstellte, hatte Glori den Großteil der Zeit hier in Tessheim verbracht. Nur einmal hatte er die Stadt verlassen, um Tritis und Hoogi am Fuße der Skeldar Berge zu besuchen. Der Gnoll und sein treuer Freund, der Riesenmurmler, waren nach ihrem gemeinsamen Abenteuer dorthin zurückgekehrt. Dort führten die beiden wieder ihr einsiedlerisches Leben. Tordal war froh zu hören, dass es den beiden offenbar gut ging. Schon lange hatte er sich vorgenommen, sie zu besuchen.
      Doch bisher hatte er weder den Mut, noch die Kraft aufbringen können, sich den mit dem Besuch verbundenen Erinnerungen zu stellen.
      Irgendwann würde er es aber nachholen und seine beiden Freunde wieder sehen.
      Anscheinend verdiente Glori sich ab und zu etwas Geld, indem er kleinere Aufträge für Giganto erledigte. Überhaupt schienen die beiden Zwerge nach Gloris Aussage, recht gut miteinander auszukommen.
      Was wohl nicht zuletzt auf die Ereignisse vor gut einem Jahr zurückzuführen war. Immerhin hatte Glori einen nicht zu unterschätzenden Anteil an Gigantos Rettung gehabt.
      Noch immer in ihr Gespräch vertieft, erreichten sie Gigantos Schmiede im Regentenviertel. Der Anblick des gewaltigen Baus verfehlte auch dieses Mal nicht seine Wirkung auf Tordal.
      "Sag mal, gab es wegen der Schmiede nie Ärger mit dem Regenten? Schließlich ist sie beinahe ebenso groß und prunkvoll wie sein Palast."
      Der Zwerg sah ihn an und die Andeutung eines Lächelns umspielte seine Mundwinkel. "Das Schlüsselwort lautet beinahe. Dein Freund ist in solchen Angelegenheiten ziemlich gerissen. Außerdem fließt ein Anteil seines Gewinns unaufgefordert in die Taschen des Regenten."
      Wirklich clever, dachte Tordal. Wenn er also etwas gegen Giganto unternehmen würde, schnitt er sich damit ins eigene Fleisch. Auch wenn Glori keine Zahlen nannte, so dürfte der von ihm angesprochene Anteil, sicherlich nicht zu verachten sein.
      Sie durchschritten die große Eingangstür und betraten das Innere des Gebäudes, wo sie schon erwartet wurden.




      8


      "Tür zu und Riegel davor, schnell!" Gigantos Stimme hallte durch den Empfangsraum der Schmiede. "Oh nein, nicht schon wieder", hörte Tordal noch Gloris Worte, bevor dieser sich mit einem geradezu wagemutigen Sprung hinter einem Regal in Sicherheit brachte.
      Irgendwie hatte der Kopfgeldjäger mit einer anderen Begrüßung gerechnet. Irritiert schloss er die Tür und sah sich um.
      Der Raum sah noch genauso aus, wie er ihn von seinem letzten Besuch her in Erinnerung hatte. Die Wände waren über und über mit Waffen und Rüstungen behangen und duzende Regale und Vitrinen, standen nach einem für ihn nicht ersichtlichem, aber sicherlich äußerst effektiven System kreuz und quer im mit den Ausmaßen eines Ballsaales gebauten Empfangsraum verteilt.
      Noch immer verwirrt, ging er zu dem Regal, hinter dem Glori Deckung suchte.
      "Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier los ist und was ist das eigentlich für eine seltsame Begrüßung?" Die letzten Worte fügte er mit deutlich erhobener Stimme hinzu.
      Der am Boden kauernde Zwerg vollführte eine Unzahl an für Tordal unverständlichen Gesten, welche er mit der eindeutigen Aufforderung Deckung zu suchen abschloss.
      Der Kopfgeldjäger beugte sich leicht nach vorne um die beinahe lautlos von Glori mit dem Mund geformten Worte verstehen zu können, als er plötzlich dicht neben seinem Kopf ein surrendes Geräusch vernahm, gefolgt von einem lauten Scheppern am anderen Ende der Halle.
      Etwas war gegen eine der an der Wand hängenden Äxte geprallt, welche durch die Wucht des Aufpralls aus der Halterung gerissen und zu Boden geschleudert wurde.
      Glori schlug sich beide Hände vor sein Gesicht und schüttelte fassungslos den Kopf.
      "Such dir gefälligst endlich eine Deckung," Es war wieder Gigantos Stimme, die irgendwo aus dem Durcheinander der Regale erklang.
      "Hey Giganto, wo zum Teufel bist du und was soll dieses Versteckspiel?"
      Einige Sekunden später entdeckte er ein kleines weißes Tuch, welches an der Spitze eines Schwertes hinter einem der Regale auftauchte. Jemand hielt es hoch und schwenkte es vorsichtig hin und her. Nur einen Sekundenbruchteil später, vernahm Tordal wieder diesen surrenden Laut und etwas traf mit hoher Geschwindigkeit auf das noch immer mit dem Tuch wedelnde Schwert und durchschlug es.
      Ein fingernagelgroßes Loch mit glatten, dampfenden Rändern wies auf den Einschlagspunkt des Objektes hin.
      "Oha", lautete Tordals überraschte Reaktion und keine zwei Sekunden später, lag er neben Glori hinter dem Regal.
      Was um Himmels Willen ist das?
      ES HANDELT SICH OFFENBAR UM EIN HOCHGESCHWINDIGKEITSPROJEKTIL AUF THERMALBASIS. Was?
      ES IST SEHR SCHNELL UND SEHR HEISS. SO ETWAS DÜRFTE ES EIGENTLICH GAR NICHT GEBEN. NICHT BEIM DERZEITGEN TECHNISCHEN ENTWICKLUNGSSTAND.
      Na toll und was machen wir jetzt?
      ICH HABE DA EINE IDEE, EINEN MOMENT BITTE.
      Während er Gloris rasselnden Atem neben sich hörte, spürte er, wie die Temperatur in seinem Schwert langsam anstieg. Auch der Zwerg, der sich nur wenige Zentimeter neben ihm befand, schien die Wärme zu spüren und deutete mit erhobenem Daumen, seine Zustimmung für Tordals Plan an.
      Dieser war weit weniger zuversichtlich, da er in diesen noch nicht eingeweiht war.
      Hallo, was ist nun, dürfte ich erfahren, was du vorhast?
      MOMENT, ... JETZT. SO UND NUN STEH' AUF UND WARTE EINFACH AB.
      Super Plan, genial. Dafür hast du tatsächlich so lange gebraucht? TUE ES EINFACH.
      Mit einem unguten Gefühl in der Magengegend erhob er sich langsam. Kaum stand er, hörte er wieder das Surren, gefolgt von einem dumpfen Geräusch und einem zeitgleichen blauen Aufflackern, direkt vor seinem Gesicht.
      SO, DAS WAR ES SCHON. Ungläubig starrte er vor sich auf den Boden. Dort lag ein kleines noch glühendes metallenes Objekt.
      Gute Idee, es mit dem Kraftfeld aufzuhalten. ICH BIN AUCH RECHT ZUFRIEDEN, IMMERHIN WAR ES NUR EINE GROBE SCHÄTZUNG. Was war nur eine grobe Schätzung? MEIN KRAFTFELD WAR NOCH NIE EINER SOLCHEN BELASTUNG AUSGESETZT UND ICH HATTE KEINE AHNUNG, OB ES DEM STANDHALTEN WÜRDE. JETZT WEISS ICH ES. Dem Kopfgeldjäger stockte kurz der Atem. Du hast also wirklich, ... ich hasse dich. DANKE.
      "Ist es vorbei?" Glori lugte vorsichtig hinter dem Regal hervor und als Tordal nickte, erhob er sich vorsichtig.
      "Du kannst rauskommen, das Ding ist Geschichte", rief der Kopfgeldjäger in Richtung des Regals, hinter dem vorhin mit dem Tuch gewedelt wurde. "Was immer es auch war", fügte er etwas leiser hinzu. "Oh, das ist gut." Giganto war hinter dem Regal aufgetaucht und klopfte sich den imaginären Staub von seiner Kleidung. Dann kam er herüber und reichte Tordal die Hand. "Herzlich willkommen mein Bester, schön das du es einrichten konntest. Ich glaube, ich bin dir eine Erklärung schuldig." "Das würde ich auch sagen", erwiderte der Kopfgeldjäger. "Aber lass' dich erst einmal umarmen, alter Freund."
      Angewidert wich der Zwerg vor ihm zurück. "Nix da, Zwerge lassen sich von niemandem umarmen, schon gar nicht vor Zeugen." Dabei blickte er zu Glori, der hinter Tordal stand. Ein Grinsen erschien auf dem Gesicht des Menschen und Giganto fiel ihm in die Arme. "Ich freue mich so, dich endlich wieder zu sehen, Großer. Genesis meinte schon, du würdest bald hier auftauchen." Der Kopfgeldjäger gab dem Zwerg einen kräftigen Klapps auf den Rücken. "Womit wir schon beim Thema wären. Wir drei haben eine Menge zu besprechen, glaube ich."
      "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
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      • #4
        9


        "Aber... ich meine. Wie lange war ich denn bewusstlos?" Brenner, dessen Hand auf seiner Schulter ruhte, sah ihn an. "Nur ein paar Stunden", sagte er zu Malin und richtete seinen Blick in die Ferne. Das war doch vollkommen unmöglich. Immer wieder ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Auf dem gesamten Kontinent gab es nur wenige größere Gewässer und auf allen fuhren nur kleinere Boote. Dabei handelte es sich um Fischerei und Handelskähne und Barken.
        Doch dieses Schiff hier war eindeutig hochseetauglich. Es würde einfach keinen Sinn machen, ein solches auf einem der Seen einzusetzen. Aufgrund des hohen technischen und materiellen Aufwandes, wäre es reine Ressourcenverschwendung gewesen.
        Nur wenige Städte waren überhaupt in der Lage, solche Schiffe zu bauen. Vom Bug bis zum Heck schätzte er dessen Länge auf gut fünfzig Meter, ein wahrer Gigant und größer als alles, was er kannte.
        Dies alles ließ nur einen Schluss zu. Sie befanden sich auf dem großen Meer, welches den Kontinent komplett umschloss. Doch der Ergol Wald lag weit von der Küste entfernt. Viel zu weit, um die Strecke innerhalb weniger Stunden zurücklegen zu können. Mit dem Pferd würde die Reise Tage, wenn nicht gar Wochen dauern.
        Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Entweder belog ihn Brenner in Bezug auf die Dauer seiner Bewusstlosigkeit oder hier ging etwas vor sich, was er nicht verstand, ja nicht verstehen konnte.
        Unauffällig fuhr er sich mit dem Handrücken über sein Gesicht. Kein Bartwuchs, unmöglich. Seit seinem Erwachen schien er dieses Wort neu für sich entdeckt zu haben.
        Aber wenn sie wirklich schon so lange wie er vermutete unterwegs waren, hätte er schon einen Vollbart haben müssen.
        Aber er spürte nichts. Nur einige kurze Stoppel durchstachen vereinzelt die Haut. Doch dies taten sie immer, sogar wenn er sich frisch rasiert hatte. Wie lange nahm er sich schon vor, sein viel zu stumpfes Messer zu schärfen.
        Er schüttelte diesen Gedanken ab und konzentrierte sich auf wieder auf seine Umgebung.
        Wie er schon zuvor festgestellt hatte, handelte es sich um ein außergewöhnlich großes, robustes und wie er fand trotzdem sehr elegantes Schiff. Zwar hielt er sich nicht für einen Fachmann, doch schien es sich in einigen Punkten recht deutlich von dem ihm bekannten Schiffstypen zu unterscheiden.
        Was ihm sofort auffiel, war das offensichtliche Fehlen jeglicher Bewaffnung. Weder an der Backbord noch an der Steuerbordseite des Schiffes konnte er Kanonen entdecken.
        Da es speziell in den küstennahen Gebieten vor Piraten wimmelte, erschien es ihm als geradezu absurd, dass man bei einem solch mächtigen Schiff ausgerechnet auf die Bewaffnung verzichtet haben sollte. Er nahm sich vor, Brenner später darauf anzusprechen.
        Schon die Form der Segel ließ großes seemännisches, aber auch technisches Wissen erahnen.
        Die als sehr fortschrittlich geltenden Handelsschiffe der Tessheims besaßen fast alle nur ein Hauptsegel, die wenigsten waren mit zwei bestückt. Doch hier zählte er auf den ersten Blick mehr als ein Duzend in Form und Größe variierende, auf beide Masten verteilte Segel.
        Auch schienen einige von ihnen frei beweglich zu sein. Dies alles ermöglichte es dem Schiff offenbar, auch die schwächste Brise, egal aus welcher Richtung, auszunutzen. Die Geschwindigkeit, mit der sie sich momentan fortbewegten, war enorm und dies obwohl fast völlige Windstille herrschte.
        An Deck gingen mehrere Männer ihrer Arbeit nach. Was sie genau taten war für ihn nicht ersichtlich. Aber seine Erfahrung mit der Seefahrt beschränkten sich auch nur auf das Beobachten verschiedener Schiffe und deren Besatzungen im Hafen von Tessheim und die Erzählungen verschiedener Seeleute in den Tavernen des Hafenviertels.
        Dann kam ihm ein Gedanke und sein Blick richtete sich auf den Hauptmast. Jedes Schiff, egal welcher Herkunft trug Hoheitszeichen, so viel wusste auch er. Kein Herrscher und keine Stadt würde sich diese als Zeichen ihrer Macht und Größe nehmen lassen. Doch die Spitzen beider Masten ragten kahl wie zwei gewaltige Finger in den Himmel. Enttäuscht wandte er den Blick ab. Auch hier wieder eine weitere Frage anstelle einer Antwort.
        Wer auch immer dieses Schiff erbauen ließ, war sich seiner Außenwirkung sicher mehr als bewusst. Warum nur verzichtete er darauf, seine Signatur, sozusagen seine Unterschrift unter sein Werk zu setzen? Auch wieder etwas, was er nicht verstehen konnte.
        In jedem Hafen des Kontinents wäre dieser Koloss ein Augenfänger und Seeleute würden sich darum prügeln, auf diesem anheuern zu dürfen. Doch irgendwie ahnte er, dass außer ihm nur wenige diesen Schiffstyp bisher zu sehen bekommen hatten.
        Er musste an die Geschichten von Seemännern denken, die über riesige, unheimlich anmutende Segler berichteten, deren Berichte aber wie so vieles als Seemannsgarn abgetan wurden.
        Auch diese Männer verwiesen in ihren Geschichten immer darauf, die so genannten Geistersegler seien ohne erkennbare Hoheitszeichen und Beflaggung unterwegs.
        Bisher hatte er es immer als zusätzliches dramaturgisches Element angesehen, der Fantasie der meist angetrunkenen Erzähler entsprungen.
        Doch nun befand er selber sich auf einem dieser Geistersegler und das Schiff und seine Crew erschien ihm durchaus real.
        Brenner, der noch immer neben ihm stand und ihn die gesamte Zeit über aufmerksam beobachtet hatte, schien seine Gedankengänge zu erahnen. Was wegen seines zwischen Erstaunen, Verunsicherung und Begeisterung wechselnden Gesichtsausdrucks wohl auch nicht all zu schwer war.
        "Ja, sie ist schon ein fantastisches Schiff, unsere Enterprise. Ich weiß noch wie beeindruckt ich war, als ich sie das erste Mal gesehen habe", sagte er mit sichtlichem Stolz in der Stimme. Dabei machte er eine Geste, die das gesamte Deck und seine Aufbauten umfasste.
        "Enterprise, was für ein seltsamer Name für ein Schiff."
        Wieder lächelte Brenner, als er zu seiner Antwort ansetzte.
        "Es ist ein sehr alter, traditionsreicher aber auch sehr passender Name, wie wir fanden. Wie kein anderer bringt er unseren Wunsch nach Fortschritt und Freiheit zum Ausdruck", sagte er mit einem seltsamen Glanz in den Augen.
        Malin verstand nicht worauf sein Gegenüber hinaus wollte, aber etwas tief in seinem Innern sagte ihm, dass es keinen besseren Namen für dieses wunderschöne und beeindruckende Schiff geben konnte.
        "Aber genug davon, ich glaube es gibt jemanden, der schon auf dich wartet", meinte Brenner und führte Malin daraufhin in den hinteren Teil des Schiffes.



        10


        Noch bevor sie ihn sehen konnten, vernahmen sie Pandors drohendes Knurren. Dann als sie den hinteren Frachtraum erreichten, in dem man die Großkatze untergebracht hatte, erkannte Malin auch den Grund dafür. Stevens, der Mann der ihn mit dem seltsamen Gewehr betäubt hatte, war gerade dabei ihn zu füttern. Zumindest versuchte er es. Doch immer wenn er sich dem Käfig näherte, begann Pandor sich wie wild zu gebaren.
        Die Zeit nach seinem Erwachen hier an Bord, war Malin bisher wie ein Traum erschienen. So vieles war für ihn neu und teilweise sogar unbegreiflich gewesen.
        Erst jetzt, als er seinen vierbeinigen Freund eingesperrt in dem kleinen Käfig sah, brach die Realität wieder durch und ihm wurde bewusst, dass auch er nur ein Gefangener war. Bisher hatte er es offenbar verdrängt. Aber sie waren beide gegen ihren Willen auf ein Schiff verschleppt worden.
        Auch wenn Brenner sich ihm gegenüber bisher ausnehmend freundlich verhalten hatte, so war er doch nichts weiter als eine Geisel, der man erlaubte sich frei, in ihrem Gefängnis zu bewegen.
        Doch wenn er so darüber nachdachte, tat man dies wohl nur, weil er keine Chance hatte zu entkommen und seine Entführer wussten das. Sie befanden sich irgendwo auf dem großen Meer und auch wenn er der beste Schwimmer der Welt gewesen wäre und der war er nicht, hätte seine Flucht nicht die geringste Aussicht auf Erfolg.
        Dies alles spukte ihm durch den Kopf, als er näher an den Käfig herantrat.
        "Sagen sie dem Mann, er soll Abstand halten", richtete er seine Worte an Brenner. Dieser gab Stevens ein Zeichen und der bewegte sich von Pandor weg, zur rückwärtigen Wand. Langsam ging Malin weiter auf den Käfig zu und redete beruhigend auf seinen Freund ein.
        Sofort wurde die Katze ruhiger, doch die Gegenwart der beiden anderen schien sie zu verunsichern. Dem Mönch fiel auf, dass der Zwinger viel zu klein für die Großkatze war und diese sich in ihrem Gefängnis kaum bewegen konnte.
        Für ein seine Freiheit so liebendes Tier wie Pandor, war es sicher eine Qual so eingepfercht zu sein.
        Malin drehte sich zu Stevens und hielt ihm die offene Hand hin. "Geben sie mir den Schlüssel." "Was?" "Den Schlüssel für den Käfig." "Sie sind wohl verrückt", sagte Stevens und schaute ihn entgeistert an. "Tun sie was der Mann sagt und dann gehen sie." In Brenners Worten lag eine Autorität, die der Mönch dem Mann gar nicht zugetraut hätte.
        Noch ein, zwei Sekunden stand Stevens mit sich ringend da. Dann warf er Malin ein Schlüsselbund zu und ging aus dem Raum. Jedoch nicht ohne Brenner vorher noch einen fragenden Blick zuzuwerfen. Dessen Reaktion konnte der Mönch nicht erkennen, da er sich schon daran machte, dass große Schloss an der Käfigtür zu öffnen. Kaum hatte er dieses geöffnet, sprang Pandor auch schon aus seinem Gefängnis und stand nach einem weiteren atemberaubenden Satz direkt vor Brenner.
        Dem Arzt waren Angst und Überraschung deutlich anzusehen, doch er zeigte keine panische Reaktion und blieb ruhig stehen. Auch als Pandor ihn mit einem lautstarken Knurren umrundete und beschnupperte, behielt er die Nerven. Sein Verhalten imponierte Malin. Denn schon oft hatte er Menschen und sogar Oger vor der Katze die Flucht ergreifen sehen und diese hatten sie zuvor nicht beschossen und anschließend eingesperrt.
        "Komm' her mein Kleiner und lass' dich ansehen", sprach Malin ruhig zu dem schwarzen Kater. Noch einen Moment sah Pandor dem Arzt tief in die Augen. Dann drehte er sich um und kam mit erhobenem Schwanz auf den Mönch zu.
        Auch wenn er sich tapfer geschlagen hatte, so konnte man Brenner doch die Erleichterung ansehen.
        Die Katze wurde mit einer liebevollen Umarmung begrüßt. "Ist ja schon gut, mein Freund. Ich werde nicht zulassen, dass sie dich noch einmal einsperren." Während er dies sagte, sah er zu Brenner.
        Dieser hob abwehrend die Hände. "Das habe ich leider nicht zu entscheiden. Aber ich werde beim Kapitän ein gutes Wort für ihn einlegen." Malin horchte auf und ihm war als spitze auch Pandor seine Ohren. Der Kapitän, es war das erste Mal, dass Brenner auf ihn zu sprechen kam.
        "Was ist er für ein Mann, euer Kapitän und warum hat er uns hierher gebracht?" "Das kannst du ihn persönlich fragen, denn er möchte dich sehen." Endlich, dachte er. Endlich werde ich Antworten erhalten. "Wann und Wo?" Wieder erschien das Brenner-Lächeln, wie Malin es mittlerweile nannte im Gesicht des Mannes. Auch wenn es dieses Mal etwas verkrampft wirkte. Was wohl Pandors Gegenwart zuzuschreiben war.
        "Heute Abend in seiner Kabine, zum Essen." "Sehr schön, sag ihm da ich gerade nichts anderes vorhabe, freue ich mich darauf und werde kommen." Mit einem Lachen drehte sich der Arzt um und ging zur Tür. "Du gefällst mir Malin, der beinahe Mönch. Kümmere dich noch ein wenig um deine Katze, wenn du möchtest. Ich werde dafür sorgen, dass man dich rechtzeitig abholen wird." Mit diesen Worten verließ er den Raum.
        Nachdem Malin seinen vierbeinigen Freund eingehend untersucht und sich von seiner Unversehrtheit überzeugt hatte, erschien Stevens an der Tür und erklärte ihm, es wäre nun an der Zeit zum Kapitän zu gehen.
        Zwar musste Pandor im Frachtraum bleiben, war aber zumindest nicht mehr in den beengenden Käfig gesperrt. Mehr hatte er auch nicht erwarten können. Denn das man ihn nicht frei auf dem Schiff laufen lassen würde, war ihm klar gewesen.
        So führte Stevens ihn quer über das Schiff zu einer Kabine im Vorderdeck, vor der er stehen blieb und klopfte. Sofort erklang ein kräftiges "Kommen sie rein". Schnell öffnete Stevens die Tür, trat einen Schritt zurück und bedeutete dem Mönch, den Raum zu betreten.
        Dieser tat wie ihm geheißen und trat ein. Etwa drei Meter vor ihm saß ein Mann an einem reichlich gedeckten Tisch. "Sie können jetzt gehen Stevens. Wenn ich noch etwas brauche, werde ich sie rufen." Dieser stand hinter dem Mönch in der Tür, deutete ein Nicken an und schloss sie von außen. Kurz darauf konnte man hören, wie sich Schritte entfernten.
        Malin sah sich etwas genauer in der Kabine um. Diese war zwar nicht sehr geräumig, aber doch recht gemütlich eingerichtet. Im Raum befand sich der gedeckte Tisch, an dessen Kopfende ein Mann in einem schlichten braunen Anzug saß. In ihm erkannte der Mönch denjenigen wieder, der die Gruppe im Ergol Wald angeführt hatte. Am anderen Ende des Tisches stand ein weiterer, offensichtlich für ihn vorgesehener Stuhl.
        Über den kompletten Kabinenboden war ein flauschiger dunkelroter Teppich verlegt worden. An den Wänden hingen mehrere Bilder mit maritimen Motiven und auf einer kleinen Holzkommode vor der gegenüberliegenden Wand, befand sich ein Segelschiff in einer Flasche. Wie dieses dort hineingelangt war, erschloss sich ihm nicht. Das Schiff trug den Namen "Santa Maria".
        "So nehmen sie doch Platz, mein Freund." Der Kapitän deutete mit einer Hand auf den freien Stuhl am anderen Tischende. "Es gibt sicherlich eine Menge Fragen, die ihnen auf dem Herzen liegen. Also nur keine Scheu, legen sie los."
        Malin nahm Platz und blickte dem Mann in die Augen. Wie ihm schon bei ihrer ersten Begegnung im Ergol Wald aufgefallen war, strahlte dieser eine ungeheure Ruhe und Autorität aus. Seine schon leicht ergrauten Haare, waren ebenso wie sein Bart auf wenige Millimeter Länge gestutzt.
        "Ich muss mich für die Umstände unter denen wir uns kennen gelernt haben entschuldigen", begann der Mann.
        "Aber sie werden hoffentlich bald verstehen, dass ich kaum eine andere Wahl hatte, als so zu handeln, wie ich es tat." Dann deutete er auf ein vor Malin stehendes, mit einer roten Flüssigkeit gefülltes Glas. "Bedienen sie sich, ein wirklich guter Jahrgang." Noch während er dies sagte, griff er nach seinem und nippte vorsichtig daran.
        "Ein wenig Luxus gönnen wir uns doch alle", meinte er mit einem nicht unsympathischen Lächeln.
        Auch der Mönch nahm sich nun sein Glas und nahm einen kräftigen Schluck. Der Wein war wirklich ausgezeichnet und hinterließ eine wohlige Wärme auf seinem Weg in den Magen.
        "Sie fragen sich sicherlich wer ich bin und warum sie hier sind." Davon kannst du aber ausgehen, dachte Malin. Schließlich wird man nicht jeden Tag von einer Gruppe Bewaffneter auf ein Schiff verschleppt. Seine Antwort bestand allerdings nur aus einem angedeutetem Nicken.
        "Was den ersten Punkt anbelangt", meinte der Mann und stellte sein Glas ab. "Mein Name ist Peter Clarksen und ich bin der Kapitän dieser Schönheit." Das er damit nur die "Enterprise" meinen konnte, war klar. Wieder lächelte der Mann ihn an. Malin kam langsam der Gedanke, dass Lächeln die Grundvoraussetzung für den Dienst auf diesem Schiff war. Es war ja geradezu beängstigend, wie oft er hier angelächelt wurde.
        Doch in seinem bisherigen Leben hatte er die Erfahrung gemacht, dass es solche Freundlichkeit und Höflichkeit meist nicht umsonst gab. In ihm wuchs die Gewissheit, dass man etwas von ihm wollte, von ihm erwartete. So war es bisher immer gewesen und er sollte auch dieses Mal nicht enttäuscht werden.
        "Der andere Punkt, ist da schon etwas schwieriger zu beantworten. Weshalb ich auch etwas ausholen muss. Ich hoffe sie haben ein klein wenig Zeit mitgebracht."
        Wenn du jetzt lächelst, beiße ich in die Tischkante, ging es Malin durch den Kopf.
        Wie in Gedanken versunken, saß Clarksen da bevor er lächelte und fortfuhr. In Ordnung beim nächsten Mal, dachte der Mönch.
        "Haben sie schon einmal etwas von der Erde und der Geschichte der Menschheit gehört?"
        Malin wusste nicht, was der Mann meinte.
        Was ihm Clarksen dann erzählte, war beinahe zu unglaublich um wahr sein zu können.



        11


        Am Abend saßen sie in Gigantos Wohnung über der Schmiede beisammen und brachten sich gegenseitig auf den neuesten Stand der Dinge.
        Demnach hatte Genesis Giganto schon vor einigen Monaten einen Boten gesandt, der dem Zwerg eröffnete, dass ihnen und dem gesamten Kontinent große Veränderungen bevorstanden. Auch Tordals Rückkehr nach Tessheim hatte der Bote vorausgesagt. Was im Nachhinein betrachtet auch keine große Kunst war. Denn schließlich hatte die KI diese selber eingeleitet.
        "Also kam Genesis' Handlanger hier vorbei und meinte: Hi, Tordal wird bald hier auftauchen und einiges wird sich ändern, dann mach's mal gut, ich muss wieder? Das war alles, nichts weiter?"
        Dem Kopfgeldjäger erschien diese Angelegenheit etwas merkwürdig.
        "Na ja", begann Giganto. "Ganz so war es nicht." Aha, dachte Tordal. Wusste ich doch, dass da noch mehr sein musste.
        Die drei saßen rings um einen Tisch im Wohnzimmer des Zwerges. Einem Raum mit ebenso überdimensionalen Ausmaßen wie alles in diesem Gebäude. Auf dem Tisch stand ein Berg Fleisch auf einem Tablett und vor jedem ein Getränk. Während sich der Kopfgeldjäger und Giganto mit Tee begnügten, stürzte Glori wieder das schon beinahe unvermeidliche Schwarzbier in sich hinein.
        Nachdem Giganto es ihm untersagt hatte, ein Fass des Getränks direkt neben seinem Platz zu deponieren, war dieser nun ständig zwischen Küche und Wohnzimmer unterwegs um sich Nachschub zu besorgen. Immer wenn er in der Küche verschwand, waren von dort ungewöhnliche Geräusche zu hören, gefolgt von einem Rauschen in den Wänden.
        "Der Bote, ein Mann namens Grunwald, übergab mir im Auftrag seines "Meisters" einige Pläne und Zeichnungen, die mir bei der Fertigung einiger sehr fortschrittlicher Waffen helfen sollten."
        In Tordals Kopf schrillten plötzlich einige Alarmsirenen.
        "Du willst damit doch wohl nicht andeuten, dieses Ding in deiner Werkstatt sei einer dieser Waffen gewesen? Dieses, dieses HOCHGESCHWINDIGKEITSPROJEKTIL AUF THERMALBASIS MIT INTEGRIERTEM BEWEGUNGSSENSOR Danke. Hochgeschwindigkeitshitzeding mit Bewegungstralala." FAST.
        Verlegen stocherte Giganto in seiner Fleischplatte herum.
        "Ehrlich gesagt, schon. Aber du darfst nicht vergessen, dass es sich dabei um eine aus heutiger Sicht unglaublich fortschrittliche Technik handelt und ich sie mit primitivsten Mitteln herstellen musste. Außerdem kriege ich es mit jedem Mal besser hin."
        "Da hat er Recht", warf Glori kauend ein. "Das erste dieser Dinger hat fast das komplette Viertel in Schutt und Asche gelegt und das zweite..." "Glori, es reicht! So genau will Tordal es gar nicht wissen. Willst du dir nicht noch ein Bier holen?"
        Glori wollte erst aufbegehren, überlegte es sich aber dann doch anders. Dazu war dieses Angebot zu verlockend.
        "Das ist doch mal ein Wort", sagte er, stand auf und ging in die Küche.
        WENN GENESIS OHNE VORHERIGE AUFFORDERUNG DIE PLÄNE ZU EINER SOLCHEN TECHNIK RAUSRÜCKT, MUSS DIE KACKE ABER GANZ SCHÖN AM DAMPFEN SEIN.
        Das dachte ich auch gerade. Aber sag' mal, woher hast du denn eine solche Ausdrucksweise?
        MEIN SPEICHER UMFASST MEHR ALS 6 MILLIONEN BEGRIFFE IN ÜBER 1000 SPRACHEN UND DIALEKTEN.
        Um so erstaunlicher, was für einen Blödsinn du manchmal von dir gibst. Mit deinem Programmierer würde ich gerne mal ein ernstes Wörtchen reden.
        DER DÜRFTE SCHON SEIT MINDESTENS 100 JAHREN TOT SEIN. Ich kann mir auch gut vorstellen, woran er gestorben ist. ALTERSSCHWÄCHE?
        Meine Gedanken gehen da eher in Richtung Selbstmord, nachdem er gesehen hat, was er mit dir erschuf. DAS VERSTEHE ICH NICHT. Oh, das ist ja mal 'was ganz neues.
        Wieder waren aus der Küche die seltsamen Geräusche zu hören. "Was zum Teufel macht er da eigentlich immer?" Der Zwerg schien zuerst nicht zu wissen, was er meinte. "Oh, ach das meinst du", sagte er dann und blickte in Richtung Küche.
        "Wir hatten nur lange nach einer Lösung für Gloris Problem gesucht." "Welches meinst du?" "Na, sein Hitzeproblem. Du weißt schon, Glori-Alkohol-Feuersbrunst."
        "Wie könnte ich das denn auch vergessen?" Der Kopfgeldjäger war allerdings sichtlich irritiert.
        "Also haben wir uns überlegt", für der Zwerg fort, "wie wir es sinnvoll nutzen könnten."
        Seine Verwirrung war Tordal offensichtlich so deutlich anzusehen, dass Giganto ihn nur kurz ansah und sofort weitererzählte.
        "Dann kann mir eine Idee, Beheizung." "Tut mir leid, ich verstehe nicht." "Wir haben ein, wie ich betonen möchte einzigartiges Rohrleitungssystem entwickelt und in die Schmiede eingebaut. Im gesamten Gebäude sind wie ich sie nenne Feuerstellen verteilt und immer wenn ihm jetzt nach einem kleinen Feuerstoß ist, begibt er sich zur nächstgelegenen und ab geht's." Die letzten Worte unterstrich er mit einer anfeuernden Geste. "Er macht was?" Tordal konnte es nicht fassen. "Glori beheizt die komplette Schmiede. Meine Heizkosten sind seitdem um mehr als achtzig Prozent gesunken. Es ist einfach aber ziemlich effektiv. Die Hitze wird umgewandelt in heißen Dampf und dieser verteilt sich durch die Rohre im gesamten Gebäude. Ich habe mir die Idee sogar schon patentieren lassen."
        "Du hast dir ein Patent auf einen feuerspeienden Zwerg gesichert?" DER ZWERG IST WIRKLICH CLEVER.
        In diesem Moment kam ein fröhlicher Glori aus der Küche und sah das verdutzte Gesicht des Kopfgeldjägers. "Ist was?"
        Zuletzt geändert von Tordal; 05.10.2006, 09:41.
        "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
        "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
        Norman Mailer

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        • #5
          12


          Malin war wie vor den Kopf gestoßen. Was Clarksen ihm erzählte, konnte einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Es war zu unglaublich, zu abwegig. Doch der Kapitän und seine Männer schienen offensichtlich daran zu glauben.
          Da waren die Karten und Aufzeichnungen die der Mann ihm gezeigt hatte. Warum sollte sich jemand die Mühe machen sie zu fälschen und sich eine solch absurde Geschichte dazu ausdenken? Außerdem machten die Männer an Bord nicht den Eindruck Träumer zu sein oder gar geistesgestört. Diese unglaubliche Geschichte würde auch so vieles erklären, für dass es bisher keine Erklärung gab. Die Berichte über einen oder sogar mehrere weitere Kontinente, die Ruinen die quer über den Kontinent verteilt waren und die immer wieder auftauchenden unheimlichen Erzählungen über seltsame unerklärliche Vorkommnisse in der Karem Hochebene. Auch die Legende des dunklen Berges im Zentrum der Ebene und die sich angeblich auf ihm befindlichen Reste einer alten, untergegangenen Zivilisation. Alles würde plötzlich einen Sinn ergeben.
          Wie versteinert saß der Mönch am Tisch und besah sich die Gemälde an den Kabinenwänden. Doch vollends überzeugt war er noch immer nicht. Wie sollte er auch? Würde er Clarksens "Wahrheit" akzeptieren, wäre alles woran er bisher geglaubt hatte hinfällig. Alles würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
          Was aber noch viel schwerwiegender war, sein Glauben, alles wofür sein Orden stand erwiese sich als falsch, als Lüge und dies wollte er, konnte er nicht einfach so akzeptieren. Dazu brauchte es schon mehr als die Worte und die Versicherung eines Mannes, der ihn mit Waffengewalt entführen ließ und ein paar schriftliche Aufzeichnungen.
          Natürlich gab es da noch die "Enterprise" und einiges anderes, was er sich nicht erklären konnte. Aber um daran glauben zu können, brauchte er etwas handfestes, unumstößliches. Etwas, dass einem Mann wie ihm, einen Mann festen Glaubens dazu bringen würde, diesem abzuschwören.
          Clarksen saß ihm auf einen Stück Fleisch kauend gegenüber und beobachtete ihn. Dies tat er nun schon seit mehreren Minuten. Er ließ seine Geschichte auf ihn einwirken und gab ihm Zeit, diese zu verarbeiten.
          Plötzlich schien der Mönch wie aus einem Traum zu erwachen und sah ihn an.
          "Sie haben mir immer noch nicht erzählt, wie sie mich auf dieses Schiff gebracht haben und was sie überhaupt von mir wollen." Der Kapitän legte einen vollständig abgenagten Knochen beiseite und wischte sich mit einer Serviette den Mund ab.
          "Es gibt da noch etwas, was ich ihnen bisher noch nicht erzählt habe", eröffnete ihm der Mann. "Wir sind nicht die einzigen, die etwas von ihnen wollen, wie sie es ausdrücken. Deshalb sind wir gezwungen oftmals verdeckt zu operieren um zu große Aufmerksamkeit der anderen Parteien zu vermeiden."
          Wie beiläufig griff Clarksen nach der Weinflasche und füllte sich nach. Dann nahm er sein Glas und leerte es in einem Zug.
          "Worauf ich hinaus will ist, dass wir im Laufe der Jahre verschiedene Mittel und Wege entdeckt und entwickelt haben, den aufmerksamen Augen unserer Gegenspieler zu entgehen. Dazu gehört unter anderem auch der Ausbau eines Stollensystems unter weiten Teilen der alten Welt, wie wir ihren Kontinent nennen. Dies ermöglicht es uns ungesehen Aktionen verschiedenster Art in allen Teilen des Kontinents durchzuführen und schnell unseren Standort zu wechseln. Auf diesem Wege haben wir sie auch zum Ankerplatz der "Enterprise" gebracht. Bedauerlicherweise haben sie die Fahrt aufgrund ihres Temperaments verschlafen", fügte er mit einem Grinsen hinzu.
          "Es hätte ihnen sicherlich gefallen und vielleicht auch dazu beigetragen, ihre Zweifel zu zerstreuen. Denn mir ist durchaus klar, wie all das, was ich ihnen erzählte, auf sie wirken muss. Auch ich hatte anfangs meine Schwierigkeiten an all dies zu glauben. Doch die Beweise, die Tatsachen sind einfach zu erdrückend."
          Diese Aussage Clarksens hatte sein Interesse neu geweckt und er sah dem Mann direkt in die Augen. Lächelnd stand dieser auf, ging zum einzigen Bullauge der Kabine und blieb ihm den Rücken zugewandt davor stehen.
          "Ja, wie sie bin auch ich ein Kind der alten Welt. Im Alter von sechs Jahren verlor ich meine Eltern bei einem Schiffsuntergang. Sie waren Händler und befuhren mit ihrem kleinen Handelsschoner die Küste im Westen des Kontinents. Eines Tages geriet unser Schiff in schwere See und kenterte. Bis auf meinen Vater und mir, kam die komplette Besatzung und auch meine Mutter beim Untergang ums Leben. Einige Tage trieben wir auf einem Teil der Takelage im Meer umher, bis er von einem Hai attackiert und in die Tiefe gezogen wurde."
          Als er dies sagte, war sein Gesicht erfüllt von Schmerz und Trauer. "Am nächsten Morgen sah ich Segel am Horizont. Völlig am Ende meiner Kräfte, glaubte ich zuerst an eine Halluzination. Aber das Schiff gewann immer mehr an Konturen und Größe. Doch es war kein normales Schiff. Es war ein gigantischer Zweimaster, wie ich noch nie einen gesehen hatte, die "Enterprise"." Dabei erschien wiederum ein Lächeln auf seinem Gesicht und er fuhr mit einer Hand über das Holz unterhalb des Bullauges.
          "Diesen Anblick werde ich niemals vergessen. Es war das Schönste, was ich jemals in meinem Leben gesehen hatte. Die Besatzung holte mich an Bord, nahm mich mit in ihre Heimat und man zog mich auf, wie einen Ihresgleichen."
          Nachdem er geendet hatte drehte Clarksen sich um und sah Malin an. "Was ich dort zu sehen bekam, in der neuen Welt, wie sie sie nannten, übertraf alles, was sich ein Kind in seiner grenzenlosen Fantasie ausmalen kann. Doch es war bei weitem noch nicht alles. Als ich etwa zehn Jahre alt war, nahm mich der Mann, der mich wie seinen Sohn aufzog beiseite und eröffnete mir genau das, was ich ihnen gerade erzählt habe. Er erzählte mir die Geschichte der alten und der neuen Welt und erklärte mir, sie seien die letzten Überlebenden einer mächtigen, längst untergegangenen Kultur, die Hüter ihres Wissens und dass sie, wir im Verborgenen leben müssen, bis der große Tag kommt. Der Tag an dem die Menschheit wieder erstarken und zu ihrer alten Größe zurückfinden würde.
          Zuerst dachte ich, er zöge mich auf, wie es Erwachsene eben manchmal mit Kindern taten. Doch ein Blick in seine Augen überzeugte mich vom Gegenteil.
          Er erklärte mir, das der Tag kommen würde, an dem der Fortschritt gegenüber dem Glauben die Oberhand gewinnen und ihn in die Knie zwingen würde. Für diesen Tag und seine Herbeiführung leben wir alle. Dies ist der Motor der uns antreibt, dass große Ziel am Horizont."
          Mit bedächtigen Schritten ging er zu seinem Stuhl und nahm Platz.
          "Verstehen sie mich nicht falsch, Malin. Unser Ziel ist nicht die Vertreibung oder gar die Ausrottung der anderen nicht menschlichen Rassen, sondern deren Integration in diese neue, bessere Welt. Dies zu erreichen, diese Welt zu ermöglichen ist unsere Aufgabe. Nur darauf arbeiten wir hin."
          "Eine Welt unter Führung der Menschen, nehme ich an." "Sagen wir einmal unter unserer Obhut. Wir streben keine Diktatur sondern eine Demokratie an. Natürlich wird den Menschen eine besondere Rolle zuteil werden."
          "Wie meinen sie ließe sich so etwas vereinbaren. Einerseits sprechen sie von Demokratie und Gleichberechtigung und im selben Atemzug reden sie von einer Sonderstellung der Menschen."
          Malin war weiterhin skeptisch. Auch wenn die Argumente Clarksens auf den ersten Blick überzeugten, so blieb doch der Rest eines Zweifels.
          "Ganz einfach, weil nur wir die Mittel besitzen, die dazu notwendige Veränderung herbeizuführen und dann die Ordnung aufrecht zu erhalten. Wir sind diejenigen die Ordnung in das Chaos bringen werden."
          "Das ist ja alles gut und schön", meinte Malin. "Aber was habe ich damit zu tun?"
          Das Feuer der Begeisterung brannte noch immer in den Augen des Kapitäns, als er zu einer Antwort ansetzte.
          "Sie mein lieber Malin, sie sind ein Teil in diesem Mosaik und zwar ein ganz entscheidendes. Wahrscheinlich können sie noch nicht einmal annähernd erahnen, welch wichtigen Part sie in diesem Spiel noch übernehmen werden."
          Das tat Malin sogar ganz sicher nicht. Die Menge der auf ihn einstürzenden Informationen überforderte ihn völlig. Momentan fühlte er sich wie ein Glas Bier, in welches man den Inhalt eines kompletten Fasses zu füllen versuchte. Clarksen stand von seinem Stuhl auf und kam zu ihm herüber. "Lassen wir es für heute gut sein, mein Freund. Es ist schon sehr spät und Morgen wird ein harter Tag. Außerdem muss ihr Kopf ja schon aus allen Nähten platzen."
          Der Mönch erhob sich und der Kapitän führte ihn zur Tür.
          "Ich habe ein Quartier für sie herrichten lassen. Einer meiner Männer wird sie dorthin geleiten und sie können sie ein wenig ausruhen. Ach und keine Sorge wegen ihres vierbeinigen Gefährten, Stevens wird sich um ihn kümmern. Er ist unser Experte in Sachen Zoologie und Kryptozoologie."
          Malin hatte so seine Zweifel, dass der Mann der Aufgabe gewachsen war, sparte sich aber einen Kommentar. Clarksen verabschiedete sich von ihm und gab dem schon vor der Tür wartenden Mann zu verstehen, ihn zu seiner Kabine zu geleiten.




          13


          Am nächsten Morgen machten sie sich schon früh auf den Weg zum Hafen, wo Giganto angeblich eine Überraschung für sie hatte. Tessheims Hafen war mit Abstand der größte des Kontinents und erstreckte sich auf einer Fläche, die fast die Ausmaße der eigentlichen Stadt hatte.
          In dem gewaltigen Hafenbecken mit seinen Kaianlagen wurden tagtäglich unzählige Handelsschiffe beladen und entladen. Nach dem Löschen der Fracht wurde diese auf von Pferden gezogenen Karren an die verschiedenen Händler und Handelshäuser der Stadt ausgeliefert. Ein endloser Strom dieser Fuhrwerke schlängelte sich durch die Gassen nach Tessheim.
          Von dort, aus der entgegen gesetzten Richtung, kamen ebenso viele mit Gütern der städtischen Produktionsstätten und Händler gefüllte Transportkarren, welche umgehend auf die verschiedenen Schiffe verladen wurden. Der Hafen befand sich einige Kilometer westlich der Stadt, wo der mächtige Regan in das große Meer mündete.
          Einige Kähne fuhren flussaufwärts und verteilten ihre Ladungen an die kleinen Handelshäfen im Innern des Kontinents. Der Großteil wurde aber auf die, die gesamte Küste befahrenden Handelsschoner verladen, welche nach einigen Tagen oder Wochen voll beladen wieder von ihrer Route zurückkehrten. Es war ein ewiger Kreislauf.
          Tessheim hatte sich in den letzten Jahren zum wichtigsten Warenumschlagspunkt des Kontinents entwickelt und aus dem ehemals kleinen Stadthafen war eine gigantische, perfekt organisierte und wie geölt funktionierende Maschine geworden, die Hauptlebensader der Stadt.
          Ihr Kutscher, ein Halbling in den mittleren Jahren, hatte sie in einem irrwitzigen Tempo und mit einer unschlagbaren Quote im ausfindig machen von Schlaglöchern die Strecke bis zum Hafen gefahren und begab sich, nachdem er seine Entlohnung erhalten hatte, wieder auf den Rückweg. Nachdem sie den Schwindel der halsbrecherischen Fahrt überwunden hatten, führte Giganto sie an einigen Lastenkähnen mit dem roten Wappen Tessheims vorbei, in einen etwas ruhigeren Bereich des Hafens.
          "Würdest du vielleicht mal langsam damit rausrücken, was wir hier wollen?" Tordal war nicht gerade begeistert davon gewesen, so früh aufstehen zu müssen und nicht einmal zu wissen weshalb. Davon abgesehen, lag ihm die ausgiebige Mahlzeit vom Vorabend noch schwer im Magen und die Fahrt mit dem wahnsinnigen Kutscher ermöglichte ihm einen ungewollten Einblick in den Alltag eines Wiederkäuers. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte für eine ernstzunehmende Verschmutzung des Wassers im Hafenbecken gesorgt.
          Seit sie von der Kutsche abgesetzt worden waren, wurden sie in einem Abstand von wenigen Metern von einem Hund verfolgt. Dem Kopfgeldjäger war das Tier, welches den Begriffen Promenadenmischung und Straßenköter alle Ehre machte, sofort aufgefallen. Doch da es im Hafenviertel nur so von herrenlosen Hunden und Katzen wimmelte, ignorierte er ihn so gut es ging.
          Allerdings erwies sich der Hund als äußerst hartnäckig und folgte ihnen in immer gleich bleibendem Abstand.
          "Noch ein klein wenig Geduld, wir sind fast da", erwiderte Giganto auf seine Frage. Glori schlurfte noch schlaftrunken, aber schon mit einem Bier bewaffnet hinter ihnen her. Woher er dieses hatte war Tordal ein Rätsel. Er hätte schwören können, dass der Zwerg es bei ihrer Abfahrt nicht dabei hatte.
          Sie marschierten gerade an zwei voll beladenen Seglern vorbei, die hier offenbar auf ihre Abfertigung warteten, als Giganto plötzlich stehen blieb.
          "Da wären wir, dort ist es." Der Kopfgeldjäger überlegte lange, bis er die passende und ausreichend aussagekräftige Antwort fand. "Häh?" "Das ist es, unser Schiff", erklärte der Zwerg strahlend. In Versuchung die bereits gegebene Antwort noch einmal zu wiederholen, besann sich Tordal dann doch eines besseren und sah sich nach dem Grund für Gigantos euphorisches Verhalten um.
          Nach einigem Suchen entdeckte er einen kleinen Einmaster, der sich im praktisch nicht vorhandenen Wellengang des Hafens scheinbar nur mit Mühe über Wasser hielt. Am Bug prangte in großen schwarzen Lettern das Wort "Seezwerg".
          "Was zum... Was ist das?" Tordal starrte wie gebannt auf das Schiff und konnte in Erwartung seines bevorstehenden Kenterns kaum seinen Blick von ihm lösen.
          "Dies meine Freunde ist die "Seezwerg", meinte Giganto mit einer stolzen, weit ausladenden Geste. Nur mit Mühe riss sich Tordal vom trostlosen Anblick des Schiffes los.
          "Das sehe ich, aber was ist das? Sind wir hergekommen um ihrem Untergang beizuwohnen oder warum hast du uns zu dieser gottlosen Zeit hierher geführt?"
          Der Zwerg drehte sich um und sah ihn unbeeindruckt an. "Lass' dich nicht von ihrem Äußeren täuschen. Sie wird auch noch die Gewässer dieser Welt befahren, wenn wir schon längst Geschichte sind. Dieses zähe kleine Schiff, hat schon so manchem Sturm getrotzt." Wahrscheinlich dem ein oder anderen zu viel, mutmaßte der Kopfgeldjäger.
          "Die Seezwerg ist das Ergebnis bester zwergischer Handwerkskunst", ergänzte der Zwerg.
          Auch diese Aussage trug nicht unbedingt dazu bei, Tordal zu überzeugen. Bis eben wusste er gar nicht, dass Zwerge überhaupt in der Lage waren Schiffe zu bauen und auch jetzt hegte er da noch so seine Zweifel. Aber die entscheidende Frage, wagte er fast gar nicht zu stellen, rang sich aber dann doch dazu durch.
          "Was wollen wir denn eigentlich mit einem Schiff und warum musste es ausgerechnet dieses sein?"
          Glori, der neben ihm stand, hatte offenbar Spaß an ihrem frühmorgendlichen Ausflug. Zumindest war er in eine Art Dauergrinsen verfallen. Ganz verwegene Denker mochten da auch einen Zusammenhang zu dem Bier in seiner Hand herstellen.
          "Ach, habe ich es noch gar nicht erwähnt?" Immer wenn Giganto einer seiner Fragen mit einer Gegenfrage beantwortete, beschlich Tordal ein ungutes Gefühl.
          "Wohl nicht, wenn ich dich so ansehe", beantwortete sich der Zwerg seine Frage selber.
          "Er hat es getan, weil ich es ihm aufgetragen habe." Blitzartig drehte sich der Kopfgeldjäger um, diese Stimme. Doch niemand war zu sehen. Nur Glori, der gerade einen kräftigen Schluck Bier zu sich nahm.
          "Hier unten." Was ist hier verdammt noch einmal los? Jetzt sah sich Tordal noch einmal genauer um und entdeckte die Promenadenmischung, die ihnen schon die ganze Zeit gefolgt war, zu Gloris Füßen sitzen.
          Mit zusammengekniffenen Augen musterte er den Hund und so unglaublich es auch war, schien dieser ihm zuzuzwinkern.
          "Glori, fällt dir an dem Hund irgendetwas auf?" Der angesprochene Zwerg setzte sein Bier ab und sah nach unten. "Er ist hässlich, ausgesprochen hässlich sogar", meinte er dann wahrheitsgetreu.
          "Du leidest nicht an Wahnvorstellungen, ich bin es wirklich", erklang wieder die Stimme in seinem Kopf. Nun war sich der Kopfgeldjäger endgültig sicher.
          Jetzt wird es aber langsam albern Genesis. Erst die Echse und jetzt das.
          "Ich muss eben vorsichtig sein und was gibt es Unauffälligeres als einen streunenden Hund?" Diese Argumentation hatte etwas für sich, musste er zugeben. Aber warum schickte die KI keinen menschlichen Boten? Warum war sie so übervorsichtig?
          "Willst du nun hören, was es mit dem Schiff auf sich hat oder nicht?" Giganto, ihn hatte er ja ganz vergessen. "Nicht jetzt, ich unterhalte mich gerade."
          Verwirrt sah der Zwerg zu seinem Freund und dann zu dem Hund. "Aha", war alles was ihm dazu einfiel. "Es ist nicht so wie du denkst", erklärte der Kopfgeldjäger, dem der Blick seines Gegenüber nicht entgangen war. "Das kann ich nur hoffen", meinte Giganto und schüttelte leicht den Kopf.
          "Du wolltest wissen, warum ich so vorsichtig bin", fuhr Genesis fort, während der Hund fröhlich mit dem Schwanz wedelnd vor ihm stand.
          "Wie du dich sicherlich noch weißt, war ich eine ganze Weile außer Betrieb und erhalte nur nach und nach Zugriff auf alle mir früher zur Verfügung stehenden Daten und Netzwerke." Tordal nickte kurz. "Dabei handelt es sich zum Teil auch um codierte Daten. Vor einigen Monaten stieß ich auf einen mehrfach verschlüsselten, bis dahin von mir unentdeckten externen Datenspeicher. Nachdem ich Zugriff auf diesen erlangt hatte musste ich feststellen, dass ich mich in einem ganz entscheidenden Punkt getäuscht hatte. Um es kurz zu machen, du bist nicht der letzte Tavar, es gibt noch weitere."
          Ihm war als hätte jemand einen Eimer Wasser über ihn geschüttet. Konnte das sein, war es möglich?
          "Ich fand heraus, dass sich während meiner "Auszeit" nach internen Differenzen eine kleine Gruppe aus dem dunklen Berg abgesetzt hatte. Um welche Art Differenzen es sich handelte, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Aber ich weiß, dass sie sich auf die Suche nach einem Kontinent weit im Westen machten und dazu das große Meer überquerten. Danach verliert sich ihre Spur für etliche Jahre. Doch seitdem ich wieder Zugriff auf fast alle geostationären Satelliten habe, kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie ihn fanden und noch immer aktiv sind. Leider sind im Laufe der Zeit eine Satelliten ausgefallen, so dass ich nicht mehr in jeden Teil der Welt Einblick habe. Aber eins ist klar, sie sind seit geraumer Zeit sehr aktiv und ihre Aktionen beschränken sich nicht auf den westlichen Kontinent. Nein, sie sind auch hier aktiv.
          Erst vor einigen Tagen hat eines ihrer Schiffe, den Kontinent mit Westkurs verlassen. An Bord befindet sich auch jemand, den ich schon seit einiger Zeit beobachte.
          Jemand mit dem eine Veränderung vonstatten geht und der unter Umständen die Zukunft entscheidend beeinflussen kann. Welcher Art diese Veränderung ist und wohin sie führt, lässt sich auch für mich nicht voraussagen.
          Aber sie ist so außergewöhnlich, dass verhindert werden muss, ihn den Tavaren zu überlassen.
          Deshalb möchte ich, dass du ihnen folgst und alles daran setzt, ihn zu mir zu bringen, lebend und unversehrt natürlich. Es handelt sich um einen Menschen, sein Name ist Malin.




          14



          Die letzten Tage waren ereignislos verlaufen. Doch noch immer tauchten vor seinem geistigen Auge Gesprächsfetzen der Unterredung mit Clarksen auf. Es würde sicherlich noch eine Zeit verstreichen, bis er sie wirklich verarbeitet hatte.
          Die seit der Unterhaltung mit dem Kapitän verstrichene Zeit hatte er zum Großteil mit Brenner verbracht. Dieser schien abgestellt worden zu sein, um sich ausschließlich um ihren Gast zu kümmern, tat dies aber mit sichtlichem Vergnügen.
          Durch ihn hatte er einiges über das Leben an Bord und die Enterprise an sich erfahren. Sein Respekt vor diesem Schiff und der technischen Meisterleistung seiner Erbauer bei dessen Planung und Konstruktion wuchs mit jedem Tag.
          Besonders die Segel hatten es ihm angetan. Anscheinend waren diese nicht nur frei beweglich, sondern bestanden auch aus einem besonders strapazierfähigem, nahezu reißfesten Material. Brenner hatte ihm auch dessen Bezeichnung genannt, doch diese war ihm wieder entfallen. Da er Mühe hatte auch nur einen Bruchteil dessen, was an Unbekanntem auf ihn einstürzte zu verstehen, mussten gewisse Details eben außen vor bleiben. Nie hielt sich ein Besatzungsmitglied in der Takelage auf, dass war ihm schon am ersten Tag aufgefallen. Von herkömmlichen Schiffen war es Malin gewohnt, dass sich ständig duzende Männer auf den Masten befanden um die Segel zu hissen oder einzuholen. Auf seine Anfrage hin erklärte ihm Brenner, dass es sich um ein hydraulisches System handelte, welches von einer Person bedient werden konnte. Da der Mönch keine Ahnung von Motoren und Hydraulik hatte, führte ihn der Arzt mit spürbarer Begeisterung in dieses beeindruckende System ein und erklärte ihm soweit er es konnte, schließlich war er Arzt und kein Ingenieur, dessen Funktionsweise.
          Brenners Führungen nahmen beinahe die kompletten verstrichenen Tage ein und dauerten stets bis spät in die Abendstunden an. Trotzdem hatte Malin das Gefühl, er würde auch nach Wochen intensivem Studiums der für ihn unglaublich fortschrittlichen Technik an Bord, noch immer nur einen Bruchteil dessen gesehen haben, was es für ihn hier an Neuem und Unbekanntem zu entdecken gab.
          Zwischen den beiden Männern hatte sich in der kurzen Zeit eine Vertrautheit entwickelt, die schon fast an Freundschaft grenzte.
          Der Arzt erwies sich schnell als freundlicher, offener und sehr humorvoller Mensch, dem Malin soweit es unter diesen Umständen möglich war vertraute. Mit ihm konnte man über alles reden. Auch über seine Probleme, Gefühle und Bedenken in Bezug auf Malins Gespräch mit Clarksen.
          Was aber auch zu einem Großteil seine positive Meinung über den Mann beeinflusste, war dessen Verhalten gegenüber Pandor. Die Katze ließ sich ohne Vorbehalt von dem Mann füttern und gab sich vollkommen entspannt in seiner Gegenwart. Dies ging soweit, dass Malin und er sich inzwischen Pflege und Versorgung der Großkatze teilten, sehr zum Unmut von Stevens, der sich scheinbar in seiner Ehre gekränkt fühlte.
          Doch insgeheim war er sicherlich sogar froh darüber. Denn Pandor schien nicht vergessen zu haben, wer mit dem Gewehr auf ihn geschossen und ihn betäubt hatte. Bei den gelegentlichen Besuchen des Zoologen brachte er dies auch recht deutlich zum Ausdruck.
          Die Enterprise hielt unterdessen ohne Rücksicht auf die vorherrschenden Windverhältnisse nehmen zu müssen weiter ihren Westkurs. Aus den Erzählungen einiger Seeleute wusste der Mönch, dass ein Schiff nie direkt die Kursrichtung einschlug, in der das Ziel der Reise lag. Man bewegte sich stattdessen stets in Winkeln zwischen etwa vierzig und siebzig Grad entgegen der eigentlichen Zielrichtung in einem Zickzack Kurs vorwärts, da man nicht direkt gegen den Wind ansteuern konnte.
          Doch die Enterprise hielt sein ihrer Abfahrt ständig genau Kurs Westen. Auch Malin war klar, dass es allein durch die hochmoderne Segelanlage nicht zu erklären war. Weshalb er Brenner auch auf seine Beobachtung ansprach.
          Dieser erklärte ihm, es gebe außer der Windkraft noch ein weiteres Antriebssystem tief im Innern des Schiffes, welches es diesem erlaubte, auch bei starkem Gegenwind problemlos gegen diesen anzusteuern. Er beschrieb ihn als Schraubenantrieb und erzählte ihm mit erkennbarem Stolz, kein anderes bekanntes Schiff verfügte über einen solchen. Seine genaue Funktionsweise behielt er aber für sich. Mit Hilfe dieses Antriebes sei die Enterprise auch in der Lage, wenn es erforderlich war, enorme, für andere Schiffe unvorstellbare, Geschwindigkeiten zu erreichen. Allerdings versuchte man wohl zu vermeiden diesen Antrieb unter Volllast zu betreiben, da die Konkurrenz wie Brenner sie nannte, dann in der Lage sei, dass Schiff zu orten. Was immer dies auch bedeuten mochte.
          Über die Konkurrenz, ihre Gegenspieler hatte Malin bisher auch von seinem Führer nichts weiter erfahren, als das es sie gab.
          So verging Tag für Tag an Bord, ohne dass etwas Bedeutsames geschah und sie näherten sich immer weiter dem Ziel ihrer Reise, der neuen Welt.
          Doch eines Tages war es plötzlich vorbei mit der Ruhe. Es war noch früh am Morgen, als Malin eine bisher nicht gesehene Hektik und Betriebsamkeit an Deck auffiel. Einige Männer mit Ferngläsern rannten zum Bug des Schiffes, von wo aus sie anscheinend nach etwas Ausschau hielten. Auch Brenner wirkte an diesem Morgen deutlich angespannter als üblich. Auf Malins Frage hin was denn los sei, schüttelte er nur den Kopf und bedeutete ihm still zu sein.
          Dann ertönte vom Bug der Ruf "Kontakt!" Einer der Männer schien etwas entdeckt zu haben und deutete aufgeregt gen Westen. Sofort richtigen auch die anderen sich auf dem Deck befindenden Männer ihre Blicke in diese Richtung.
          Brenner lief zur Reeling und ließ sich von einem der Matrosen ein Fernglas geben. Nach kurzem Suchen wurde er fündig und stieß einen Fluch aus. Dann setzte er das Fernglas ab und gab es an Malin weiter, der ihm gefolgt war. Der Mönch nahm es entgegen und suchte mit ihm den Horizont in westlicher Richtung ab. Was er dann sah, raubte ihm schier den Atem.




          15


          Zuerst hatte Malin die schwarzen Punkte die er durch das Fernglas sah, für eine Gruppe Zugvögel oder Möwen gehalten. Doch innerhalb weniger Sekunden wurden sie merklich größer. Doch was viel beunruhigender war, sie hielten direkt auf das Schiff zu. Dann konnte er erste Details erkennen und erstarrte beinahe.
          "Was ist das?" Die Frage war an Brenner gerichtet, der neben ihm stand und gerade einem der Matrosen etwas zu schrie, woraufhin sich dieser im Laufschritt entfernte.
          Der Arzt wandte sich ihm zu uns sagte nur ein Wort, "Drachenreiter!" Schon allein die Art wie er es aussprach, es betonte, bereitete dem Mönch Unbehagen.
          Um sie herum war mittlerweile eine beispiellose Hektik ausgebrochen. Immer mehr Männer erschienen auf Deck und liefen Befehle erteilend und empfangend umher. Fast alle hielten die Malin schon aus dem Ergol Wald bekannten Waffen in den Händen. Wie er inzwischen von Brenner erfahren hatte, handelte es sich dabei um Schusswaffen, so genannte Gewehre. Genauer gesagt um Schnellfeuergewehre und großkalibrige Scharfschützengewehre.
          In dem Aufruhr entdeckte Malin auch einige Matrosen, die mächtige armdicke Rohre auf ihren Schultern zur Reling trugen. Diese hatte er bisher noch nicht zu Gesicht bekommen und konnte nur vermuten, dass es sich dabei ebenfalls um Schusswaffen handelte.
          Unterdessen konnte er die sich nähernden Flugwesen schon ohne Fernglas deutlich erkennen. Es handelte sich tatsächlich um eine Gruppe von zwölf, vielleicht auch fünfzehn Drachen, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu bewegten.
          Der Mönch hielt den Atem an. Was für ein majestätischer Anblick. Die gewaltigen Schwingen der Flugechsen bewegten sich kraftvoll auf und nieder und jeder Flügelschlag trug sie näher an die Enterprise heran.
          Auch auf dem Kontinent, der alten Welt korrigierte er sich, gab es einige Arten dieser beeindruckenden Wesen. Doch die sich nun dem Schiff erschreckend schnell nähernden, gehörten keiner der ihm bekannten Arten an. Ihre Schwingen schienen größer und kräftiger als die anderer Arten zu sein. Dafür wirkte ihr Körper eleganter und weniger gedrungen, als die der in der alten Welt beheimateten Berg- und Höhlendrachen. Auch ohne ein fundiertes Grundwissen in der Aerodynamik war sofort zu erkennen, dass es sich um perfekte Flieger handeln musste. Die Form und Größe der Schwingen und des Körpers prädestinierten diese Tiere geradezu für Langstreckenflüge und hohe Geschwindigkeiten
          Dan fiel ihm etwas ungewöhnliches an den Tieren auf und er erinnerte sich des Ausdrucks, den Brenner benutzt hatte als er erkannte, was da auf sie zukam.
          "Drachenreiter" hatte er gesagt und tatsächlich auf dem Rücken jedes der gewaltigen Wesen konnte er nun eine Gestalt erkennen. Sie saßen zwischen Kopf und Flügelansatz der Echsen. Ungläubig und fasziniert ob des Anblicks, stand er sekundenlang regungslos da und beobachtete die näher kommende Gefahr.
          Erst der feste Griff einer Hand an seiner Schulter brachte ihn in die Realität zurück. "Du solltest dir eine Deckung suchen, gleich wird es sehr ungemütlich", meinte der Arzt mit besorgtem Blick. Überall an Deck war nun unruhiges Gemurmel zu vernehmen.
          In den Augen der Umstehenden spiegelten sich Nervosität und etwas was er zuvor noch bei keinem von ihnen gesehen hatte wider, Angst. In diesem Moment ertönte ein gewaltiger, markerschütternder Schrei.
          Sofort sah Malin in die Richtung aus der dieser gekommen war und stellte erschrocken fest, dass sich die Drachen nur noch wenige hundert Meter entfernt befanden.
          Einige der Tiere waren in einen atemberaubenden Sturzflug übergegangen und rasten mit angelegten Flügeln aus großer Höhe auf die Enterprise zu.
          Der Mönch registrierte, dass alle Bewaffneten in Stellung gegangen waren und diejenigen mit den großen Rohren auf den Schultern, diese steil gen Himmel richteten.
          Nun waren weitere dieser Furcht einflößenden Schreie zu hören und immer mehr der Flugechsen stürzten in halsbrecherischem Tempo auf das Schiff zu.
          Neben sich hörte er einen Mann ein Gebet flüstern und Brenner drückte ihn mit einer Hand hinter der Reling beinahe zu Boden. Mit ernstem Blick machte er ihm unmissverständlich klar, er solle in Deckung bleiben. Dann brach das Chaos über sie herein.
          Der sich am nächsten befindliche Drachen stieß einen gewaltigen Flammenstrahl aus und raste weiter auf das Schiff zu. Fast zeitgleich wurden an Bord mehrere der geschulterten Rohre abgefeuert. Nur Sekundenbruchteile später war der Himmel über dem Schiff hell erleuchtet von den Explosionen der Geschosse. Auch wenn das Tier nicht direkt getroffen wurde, musste es doch seinen Angriff abbrechen, noch bevor die Flammenzunge die Enterprise erreichte.
          Doch es blieb ihnen kaum Zeit zum Verschnaufen. Denn nun stürzten sich gleich mehrere der Geschöpfe mit ihren wie Malin nun erkennen konnte menschlichen Reitern auf das Schiff.
          Der Mönch ahnte schon, dieser Angriff würde für sie nicht so glimpflich ablaufen. Tatsächlich durchbrach eines der Tiere den Sperrgürtel aus Geschossen, den man um die Enterprise aufzuziehen versuchte. Der Flammenstoß aus seinem zahnbewehrten Maul setzte einen Teil des Hauptsegels in Brand, bevor es gezwungen war abzudrehen. Der Lärm des Kampfes war ohrenbetäubend und die sich an Deck zu geschrieenen Befehle waren für deren Empfänger praktisch nicht zu verstehen.
          Die Drachenreiter koordinierten ihre Angriffe und stürzten sich in Gruppen von jeweils drei oder vier Tieren auf das Schiff.
          Clarksens Leute feuerten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Waffen. Malin fiel auf, dass schon nach kurzer Zeit die meisten der Drachenflügel mit Einschusslöchern übersäht waren. Doch diese Tatsache schien die Tiere nicht sonderlich zu behindern und sie setzten ihre Angriffe mit unverminderter Stärke fort. Die schuppenbewehrten Körper und Köpfe der Flugechsen waren für die Kugeln der Gewehre nahezu undurchdringlich. Nur die großen aus den Metallrohren abgefeuerten Geschosse konnten ihnen gefährlich werden. Doch von diesen gab es nur sieben oder acht an Bord und die Schützen sahen sich unentwegt den wütenden Angriffen der Drachenreiter ausgesetzt. Sie hatten sie offenbar zu ihrem Hauptziel erklärt.
          Im hinteren Teil des Schiffes waren mehrere kleinere Feuer ausgebrochen und einige der Besatzungsmitglieder versuchten verzweifelt, diese zu löschen. Plötzlich musste Malin an Pandor denken. Die Katze war nach wie vor in einem Raum genau in diesem Teil der Enterprise eingesperrt und einem Feuer schutzlos ausgeliefert.
          Er wartete ab und nutzte die Pause zwischen zwei Angriffswellen um aufzuspringen, wurde aber gleich wieder von Brenner zu Boden gerissen.
          "Was hast du vor?" Die Stimme des Mannes drang trotz der geringen Entfernung aufgrund des Kampflärms kaum zu ihm durch. "Ich muss Pandor da rausholen", schrie Malin und deutete auf das teilweise in Flammen stehende Heck des Schiffes.
          Man sah deutlich wie es in Brenners Gesicht arbeitete. Doch letztendlich nickte er kurz und wünschte ihm Glück.
          Jede sich bietende Deckung ausnutzend arbeitete Malin sich zum Heck vor, als er aus den Augenwinkeln einen gigantischen Schatten sah. Sein Hemd wurde zerfetzt, als er sich zu Boden warf und mächtige Klauen ins Leere griffen. Stattdessen rissen sie direkt neben ihm ein Loch in die hölzernen Planken.
          Kurz darauf hatte er es geschafft und lief durch beißenden Rauch eine Treppe hinab zu dem Raum, in dem sich Pandor befand. Als er diesen erreichte und mit dem neben der Tür an einem Haken hängenden Schlüssel das Schloss öffnete, stürzte ihm das Tier schon entgegen in die Freiheit. Mit Schrecken stellte Malin fest, dass der Raum schon halb in Flammen stand und er wohl gerade noch rechtzeitig gekommen war.
          Zusammen mit der Katze begab er sich auf schnellstem Wege durch in den Augen brennenden und die Atemwege reizenden Qualm zurück auf das Deck des Schiffes.
          Dort angekommen verschaffte er sich schnell einen Überblick, nur um festzustellen, dass es ganz und gar nicht gut aussah. An zahlreichen Stellen waren offene Feuer ausgebrochen und die Segel waren durch die Klauen der Angreifer zerfetzt worden oder standen in Flammen.
          Gerade rollte eine neue Angriffswelle heran. Zu seinem Entsetzen sah Malin kaum noch Gegenwehr von Clarksens Männern. Mindestens zwei Duzend Verteidiger lagen verletzt oder getötet quer über das Deck verteilt und es waren nur noch vereinzelte Gewehrsalven zu hören. Die Detonationen der großen Geschosse aus den Metallrohren blieben ganz aus. Dagegen waren die Drachenreiter beinahe noch vollzählig. Malin zählte nur zwei oder drei Drachen weniger als zu Beginn des Angriffs.
          Bei einer neuerlichen Attacke wurde ein Teil des Bugs in Brand gesetzt. Die Schmerzensschreie der vielen Verletzten drangen aus alle Richtungen an seine Ohren.
          Er blickte in den Himmel und sah, wie sich die Drachen zum wahrscheinlich entscheidenden Angriff formierten und kurz darauf wieder diese fürchterlichen Schreie ausstoßend, in den Sturzflug übergingen.
          Gleich würde es zu Ende sein. Denn noch einer Attacke würde die Enterprise nicht standhalten. Im Angesicht des nahenden Todes schloss er die Augen. Pandor der neben ihm Platz genommen hatte, schmiegte seinen Kopf an seinen Körper.
          Die Schreie der heranstürzenden Drachen kamen näher und die Angst, die ihn eben noch zu lähmen drohte, fiel von ihm ab. Es gab nur noch ihn, den Boden unter seinen Füßen und Pandor, dessen Nähe im Kraft gab.
          Langsam öffnete er seine Augen und sah dem Ende entgegen.
          Dann ging direkt über dem Schiff eine zweite Sonne auf.
          Zuletzt geändert von Tordal; 05.10.2006, 09:44.
          "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
          "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
          Norman Mailer

          Kommentar


          • #6
            16


            Noch am Vormittag liefen sie aus. Wie sich herausstellte, hatte Giganto alle Vorbereitungen für eine längere Fahrt getroffen. Der Laderaum der Seezwerg war gefüllt mit Proviant, Ausrüstungsgegenständen und einigen Kisten, über deren Inhalt der Zwerg sie vorerst im Unklaren ließ. Nach seinen Worten waren sie aber unverzichtbar für das Gelingen ihrer Unternehmung.
            Die Besatzung des Schiffes bestand aus dem Kapitän, einem wie Giganto es ausdrückte erfahrenen Seebären namens Tagil, der das große Meer schon seit Jahrzehnten befuhr und seinem ersten Offizier. Dieser war zugleich auch erster und zweiter Maat, Smutje und im Notfall auch Arzt.
            Tordal nahm sich vor, alle schwerwiegenden Verletzungen auf die Zeit nach ihrer Rückkehr zu verschieben.
            Der Gedanke, auf einem von Zwergen erbauten Schiff unter dem Kommando eines Zwerges das große Meer zu befahren oder gar zu überqueren, gefiel ihm noch immer nicht.
            Zwerge und Seefahrt, für ihn ein Widerspruch in sich. Aber so schlecht konnte der Kapitän gar nicht sein, versuchte er sich aufzumuntern immerhin lebte der Mann noch.
            Man konnte nur hoffen, die Natur zeigte sich gnädig und erklärte beim jämmerlichen Anblick ihres Schiffes die jährliche Sturmsaison aus Mitleid für beendet.
            Genesis hatte dem Kopfgeldjäger noch weitere Informationen geliefert. Demnach befand sich der gesuchte Mann auf einem Schiff, welches sich mit erstaunlich hoher Geschwindigkeit mit einigen Tagen Vorsprung gen Westen über das große Meer bewegte. Ob er als Geisel an Bord war oder mit der Besatzung zusammenarbeitete war unklar. Dieser Punkt bereitete Tordal besondere Kopfschmerzen. Denn es war schon ein gewaltiger Unterschied ob sie ihn aus seiner Gefangenschaft befreiten oder mit Widerstand von seiner Seite zu rechnen hatten, sollten sie das Schiff einholen. Auch Genesis war sich diesbezüglich unsicher. Einiges sprach für eine Entführung, aber absolute Sicherheit konnte es da nicht geben.
            Aber ihn beschäftigte noch mehr. Schon allein der Gedanke daran, es könnten sich Tavare an Bord befinden, löste bei ihm ein Gefühlschaos aus. Einerseits waren sie seine Brüder und neben ihm die letzten Vertreter der alten Menschheit oder besser deren Nachfahren. Andererseits hatten sie schon einmal versucht die Welt wie er sie kannte zu zerstören. Doch warum hatten sie sich aus dem dunklen Berg abgesetzt und was wollten sie von diesem Malin? Was war an ihm so besonderes? Diese und noch viele weitere Fragen, bereiteten ihm Kopfzerbrechen.
            Die Verfolgung an sich, erwies sich dagegen als relativ einfach, beinahe zu einfach. Genesis war anscheinend ständig über den Aufenthaltsort des Mannes informiert. Der Kopfgeldjäger konnte nur vermuten, dass es mit den von der KI erwähnten Satelliten zusammenhing. Von deren Leistungsfähigkeit hatte er sich vor einem Jahr selber überzeugen können. Auch der geradlinige Kurs des Schiffes vereinfachte die Verfolgung ungemein. Bis auf minimale, zu vernachlässigende Abweichungen hatte es diesen seit seinem Auslaufen an der Westküste des Kontinents nicht geändert. Doch was war, wenn sie den weit im Westen liegenden Kontinent erreichten? Die KI hatte berichtet, dort aufgrund einiger Satelliten Ausfälle nicht ihre vollen Mittel zur Verfügung zu haben. Aber darüber konnten sie sich den Kopf zerbrechen, wenn es soweit war.
            Immer ein Problem nach dem anderen, ermahnte sich Tordal.
            Momentan beschäftigte ihn viel mehr die hohe Geschwindigkeit, mit der sich ihre Kontrahenten fortbewegten. Laut Genesis fuhren sie sich schneller als jedes andere Schiff auf dem großen Meer und Tordal hatte so seine Zweifel, sie mit der Seezwerg einholen zu können.
            Der einzige der auf dieser Fahrt seinen Spaß haben würde, war wohl Glori. Denn wie Tordal erstaunt feststellte, befanden sich im Laderaum gleich mehrere große Bierfässer.
            Sie fuhren gerade an der Mole vorbei auf das offene Meer zu, als Tordal seltsame Rufe vom Vordeck hörte. Neugierig was wohl los war ging er die paar Meter dorthin und sah den Kapitän der Seezwerg, wie er Togrim dem ersten, nein zweiten Maat, eben dem anderen Besatzungsmitglied etwas zu schrie. Dieser saß an den einzigen beiden Rudern des kleinen Schiffes und gab sein Bestes.
            Der Kopfgeldjäger hörte genauer hin und verstand nun auch was Tagil dem Mann zurief.
            „Eins und zwei, pullt ihr verdammten Taugenichtse, pullt was das Zeug hält.“
            Noch einmal sah Tordal hinab zu den Rudern, konnte aber außer Togrim niemanden entdecken. „Kannst du mir vielleicht erklären, was die beiden dort treiben?“ Die Frage war an Giganto gerichtet der neben ihm stand, sich auf die Holzbrüstung am Rande des Vordecks lehnte und das Geschehen unter ihm beobachtete.
            „Kapitän Tagil war früher einmal auf einer Galeere angestellt. Alte Gewohnheiten sind eben schwer abzulegen.“ Oh mein Gott wir werden sterben, dachte der Kopfgeldjäger und schüttelte fassungslos den Kopf. „Worauf habe ich mich da nur eingelassen?“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging weg.
            „Nur keine Sorge, die zwei sind Profis. Die machen das schon“, rief ihm der Zwerg noch hinterher und widmete sich mit sichtlichem Vergnügen wieder dem absurden Schauspiel.
            Wenig später standen Glori und Tordal gemeinsam am Heck des Schiffes und sahen zu den langsam am Horizont verschwindenden Hafenanlagen Tessheims zurück. Während im Blick des Menschen Wehmut lag, war es dem Geruch und den glasigen Augen nach zu urteilen beim Zwerg Wermut.
            Wie lange sie ihre Heimat wohl nicht mehr sehen würden? Vielleicht war es ja sogar ein Abschied für immer. Denn wer konnte schon sagen, was alles in den kommenden Tagen oder Wochen geschehen würde.
            „Es wird schon alles gut gehen Langer“, meinte Glori und legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. „Wir haben uralte Dämonen, Trolle, Goblins und Werwölfe überlebt. Da werden uns doch ein paar Menschen nicht klein kriegen.“ Der Kopfgeldjäger bewunderte den Zwerg ob seines Optimismus’. Wenn er ihn doch nur teilen könnte.
            In diesem Moment erschien Giganto und stellte sich schweigend zu ihnen. Nachdem sie einige Zeit so dastanden, wandte er sich an Glori.
            „Na bereit ein paar Schippen draufzulegen?“ Im Gesicht des angesprochenen Zwerges erschien ein breites Grinsen, dann nickte er und ging.
            Nicht das es für ihn etwas neues war, aber Tordal verstand kein Wort. Deshalb drehte er sich zu seinem alten Freund der neben ihm stand und auf das Meer hinaus sah.
            „Worüber habt ihr gerade gesprochen?“ „Hast du dir denn keine Gedanken gemacht, wie wir sie einholen wollen?“. „Doch natürlich, aber was hat das mit…“ Dann musste er plötzlich an die großen Mengen Alkohol im Laderaum denken.
            „Sagen wir mal, ich habe einige Umbauten oder Verbesserungen an der Seezwerg vorgenommen.“ Während er sprach, erschien ein viel sagendes Leuchten in den Augen des Zwerges.
            Wenig später durchpflügten sie mit einer so hohen Geschwindigkeit die Wellen, dass der Kopfgeldjäger jeden Moment mit einem Abheben des Schiffes rechnete.
            „Gehe niemals nur nach dem äußeren Schein. Die Inneren Werte sind es die zählen“, meinte der Zwerg stolz und klopfte auf die Reling.


            17


            Zwei Tage war es nun schon her, dass sie Tessheim verlassen hatten. Die durch Gigantos Umbauten an der Seezwerg mögliche Höchstgeschwindigkeit konnten sie bislang nur etappenweise ausnutzen. Denn in den küstennahen Gebieten kreuzten sie die Routen der Handelsschiffe und trafen wenn auch nur vereinzelt auf Fischkutter der Tessheimer Fischfangflotte.
            Ein an ihnen vorbei über das Wasser rasendes Schiff hätte doch zu große Aufmerksamkeit erregt. Weshalb sie die meiste Zeit gezwungen waren die herkömmlichen Antriebsmöglichkeiten wie Wind und Strömung zu nutzen. Auch wenn sie dadurch weiter an Boden gegenüber Malin und seinen Begleitern verloren.
            Nun da sie sich weit genug von der Küste entfernt hatten um eine zufällige Begegnung auf See praktisch ausschließen zu können, würde sich dies ändern.
            Von jetzt an würden sie den Spezialantrieb der Seezwerg nutzen und waren so hoffentlich in der Lage, den Abstand zum anderen Schiff wenigstens nicht noch weiter anwachsen zu lassen.
            Denn dieses bewegte sich mit geradezu unglaublicher Geschwindigkeit über das Meer, so dass sie, wenn überhaupt, nur mit dem von Giganto entwickelten Antrieb die Chance hatten ihnen näher zu kommen.
            Wobei sie nicht einmal sicher sein konnten, ob es sich bei der momentanen auch nur annähernd um die Höchstgeschwindigkeit des anderen Schiffes handelte. Dessen Besatzung rechnete sicherlich nicht damit verfolgt zu werden. Nach Genesis’ Aussage hatten sie schon häufiger den Kontinent besucht und noch nie war ihnen auf ihrem Rückweg jemand gefolgt. Doch dieses Mal war es anders.
            Tordal ließ sich gerade mehr oder weniger interessiert die Feinheiten des neuen Antriebs erklären. Dieser war nach demselben Prinzip wie die „Heizanlage“ der Schmiede gebaut worden. Was bedeutete dass Glori seine angestaute Wärmeenergie in Form eines oder mehrerer Feuerstöße in einen großen metallenen Kessel im Innern des Schiffes abgab. Von diesem gingen Rohre aus, welche zu einem für Tordal nicht wirklich verständlichen Apparat im Heck der Seezwerg führten. Dieser wiederum war mit einer sich im Wasser befindlichen großen Stahlschraube verbunden, die durch ihn in Rotation versetzt wurde. Dadurch erhielt das Schiff einen enormen Vortrieb und bewegte sich deutlich schneller als andere reguläre Segler durch das Wasser. Vor Gigantos Einfallsreichtum konnte der Kopfgeldjäger immer wieder nur den Hut ziehen und Glori schien mit seiner Aufgabe auch sehr zufrieden zu sein.
            Sie standen gerade vor dem großen Apparat im Heckteil der Seezwerg als sich Tordals KI meldete.
            ES BEWEGT SICH NICHT MEHR. Im ersten Moment war der Kopfgeldjäger erschrocken, denn er hatte lange nichts mehr von der künstlichen Intelligenz in seinem Kopf gehört.
            Aha toll, aber was bewegt sich nicht mehr? DAS SCHIFF, ES TRÄGT ÜBRIGENS DEN NAMEN ENTERPRISE WIE ICH MITTLERWEILE WEISS. ES HAT VOR ETWA ZWEI STUNDEN SEINE FAHRT EINGESTELLT UND TREIBT SEITDEM MIT DER STRÖMUNG. Vielleicht machen sie eine Pause oder angeln? SEHR WITZIG, SCHIFFE BRAUCHEN KEINE PAUSE. WIE IM ÜBRIGEN AUCH KI’s, FALLS ES DICH INTERESSIEREN SOLLTE. Dann herrschte einige Sekunden lang Stille. ES SEI DENN… Es sei denn was? ES SEI DENN SIE SIND BESCHÄDIGT. DAS KÖNNTE AUCH ERKLÄREN, WARUM SIE MIT DER STRÖMUNG TREIBT.
            Woher weißt du das eigentlich? Natürlich sind mir deine ach so tollen Sensoren bekannt. Aber die funktionieren nach allem was du mir bisher erzählt hast doch nicht auf eine solch große Entfernung.
            DIR IST EVENTUELL MEINE ABWESENHEIT IN DEN LETZTEN TAGEN AUFGEFALLEN. Ja, es war angenehm ruhig. GIB ES DOCH ZU, ICH HABE DIR GEFEHLT. Nicht wirklich. EGAL, AUF JEDEN FALL HABEN GENESIS UND MEINE WENIGKEIT IN DIESER ZEIT EINIGE VERÄNDERUNGEN AN MIR VORGENOMMEN. WENN DU MÖCHTEST, KANN ICH SIE DIR IM EINZELNEN ERLÄUTERN. Bloß nicht, wie immer bitte nur die Kurzfassung. NA GUT, DA GENESIS MIT WACHSENDER ENTFERNUNG ZUM SENDER, DEM DUNKLEN BERG AN LEISTUNG UND DAMIT AUCH AN EINFLUSS VERLIERT, HABEN WIR EINIGE FÜR DIE MISSION RELEVANTE FUNKTIONEN AUF MICH ÜBERTRAGEN.
            Das ist doch nicht die Kurzfassung, oder? Bitte wirklich nur das Wichtigste. Du weißt doch sicherlich was das bedeutet oder etwa nicht?
            DU KANNST EINEM ABER AUCH JEDEN SPAß NEHMEN. Als ob du wüsstest, was Spaß bedeutet. ICH BIN DURCH MEINE PROGRAMMIERUNG DURCHAUS IN DER LAGE, MENSCHLICHE EMOTIONEN… Hey, was ist denn nun? ICH KANN DEN MENSCHEN JETZT ORTEN UND NOCH EINIGES MEHR. WOBEI DIESES ORTUNGSSIGNAL SEHR INTERESSANT IST. DENN FÜR EINEN MENSCHEN ERSCHEINEN MIR… In Ordnung, mehr wollte ich gar nicht wissen. Also wird es in Zukunft keine weiteren Besuche durch Genesis mehr geben, wenn ich richtig verstanden habe.
            ZUMINDEST NICHT, BEVOR EIN ZUGRIFF AUF ALLE NOCH BESTEHENDEN NETZWERKE VOM DUNKLEN BERG AUS MÖGLICH IST. ABER DAFÜR BIN ICH JA WIEDER DA. Sollte mich das jetzt etwa aufmuntern?
            Die Nachricht über das Stoppen der Enterprise war allerdings tatsächlich eine gute. Denn dadurch hatten sie vielleicht die einmalige Chance den großen Vorsprung des Schiffes auf sie um ein gutes Stück zu verringern. Jedoch hing es davon ab, was genau geschehen war und wie lange der momentane Zustand anhielt.
            Kurz darauf nahmen sie volle Fahrt auf und würden dieses Tempo von jetzt an auch beibehalten. Zum ersten Mal verspürte Tordal Hoffnung, die Verfolgten einholen zu können. Doch was dann? Wie würde dieses Zusammentreffen, sollte es zustande kommen ablaufen? Mit Sorge dachte er an eine mögliche kriegerische Auseinandersetzung. Ungewissheit und Zukunftsangst schienen ständige Begleiter in seinem Leben zu sein. Vielleicht sollte er sich für seine zukünftigen Unternehmungen nach einer Gruppenermäßigung erkundigen.



            18


            Merkwürdig verzerrte Geräusche drangen an sein Ohr. Erst nach einiger Zeit wurde ihm klar, dass es sich dabei um Gesprächsfetzen handelte, die wie der Hall weit entfernter Stimmen in einer Höhle klangen.
            „Ich glaube er kommt zu sich.“ „Gut, schicken sie ihn zu mir so bald er wieder auf den Beinen ist.“ Dann hörte er wie sich Schritte entfernten.
            Mühsam öffnete Malin erst ein dann beide Augen. Lichtreflexe in den unterschiedlichsten Farben und Formen zwangen ihn aber, sie gleich wieder zu schließen. Sein gesamter Körper schmerzte und auf seinem Brustkorb lastete ein ungeheurer Druck. Dieser war so stark, dass er kaum atmen konnte.
            „Kannst du mich hören Malin?“ So sehr er sich auch mühte, er brachte kein Wort heraus. Sein Hals war so trocken, er hätte wahrscheinlich Sand gehustet, wenn es ihm gelungen wäre zu sprechen. Beim zweiten Versuch schaffte er es dann doch seine Augen offen zu halten.
            Als sich der Schleier vor diesen verzogen hatte, konnte er nun auch sein näheres Umfeld genauer erkennen. Ein gewisses Deja Vu Gefühl stellte sich ein, als er Brenner erkannte, der über ihn gebeugt einen Verband an seinem Bauch untersuchte. Nur befand er sich dieses Mal nicht in einem Raum im Innern des Schiffes, sondern an Deck der Enterprise. Was er aus seiner momentanen Position aus erkennen konnte, jagte ihm einen eisigen Schauer über den Rücken. Überall um sich herum sah er verbranntes Holz und zerfetzte Aufbauten. Bei deren Anblick kehrte auch seine Erinnerung zurück. Wofür er aber nicht unbedingt dankbar war.
            Schreckliche Szenen spielten sich vor seinen Augen ab. Die Schreie verletzter und sterbender Menschen dröhnten in seinem Kopf, wie Echos aus einem anderen Leben. Er sah die schwer beschädigte Enterprise und die Drachen, wie sie zum letzten, vernichtenden Angriff ansetzten. All diese fürchterlichen Momente durchlebte er noch einmal.
            Doch kurz vor der tödlichen Attacke wurde es dunkel, na ja in diesem Fall hell, sehr hell. Wobei das Ergebnis identisch war, er hatte keine Ahnung was danach geschah.
            Das Auflegen eines feuchten Umschlages auf sein Gesicht riss ihn aus diesen düsteren Gedanken. Nur stieß dieser Umschlag ein ihm wohl bekanntes Knurren aus. Dann erschien auch schon Pandors schwarzer Kopf mit den leuchtend gelben Augen in seinem Blickfeld.
            Mit äußerster Kraftanstrengung hob der Mönch seine rechte Hand und kraulte die Großkatze damit hinter den Ohren.
            „Er ist die ganze Zeit über nicht von deiner Seite gewichen. Anfangs dachte ich schon, er würde damit deine Behandlung verhindern. Aber er schien zu spüren, wie schlecht es um dich stand.“ Dabei strich er Pandor mit einer Hand über den Rücken, ohne das dieser sich daran störte.
            Dann reichte ihm der Arzt ein Trinkgefäß und musste plötzlich grinsen. „Keine Angst mein Freund, diese Medizin ist geschmacksneutral. Ich foltere meine Patienten nie zweimal auf dieselbe Art.“
            Malin nahm den Becher entgegen und leerte ihn. „Buah, wie fürchterlich. Dagegen war das andere Zeug ja lecker“, fluchte der Mönch und schüttelte sich. „Aber wenigstens hat es dir deine Sprache wiedergegeben.“ Die beiden sahen sich an und verfielen in ein herzhaftes Lachen.
            „Schön dass es dir wieder besser geht. Du hast nicht nur mir einen gehörigen Schrecken eingejagt“, meinte der Arzt nachdem sich die beiden wieder beruhigt hatten. „Einige von uns dachten schon, du würdest es nicht schaffen. Aber ich wusste, so schmächtig du auch wirkst, du bist ein Kämpfer und wie du gekämpft hast, zwei Tage lang.“ „Zwei Tage?“ Malin konnte es kaum fassen.
            So schrecklich die Medizin auch schmeckte, sie wirkte. Die Schmerzimpulse, die sein Körper nach dem Erwachen aussandte wie ein wahnsinniger General, der seine Krieger in die Schlacht warf als gäbe es kein Morgen, waren mittlerweile auf ein erträgliches Maß gesunken. Nur der Druck auf seiner Brust wollte nicht nachlassen.
            In der Zwischenzeit hatte Pandor neben seinem Freund Platz genommen und beobachtete scheinbar völlig gelassen das Geschehen. Wie Malin wusste, durfte man sich dadurch aber nicht täuschen lassen. Der große Kater war in der Lage von einer Sekunde auf die andere zu explodieren, natürlich nicht im wörtlichen Sinne.
            „Wie sieht es aus, schlägt die Medizin schon an?“ Brenner stand neben ihm und zog gerade eine Spritze auf, deren Größe Malin beträchtliche Sorgen bereitete. „So weit so gut, würde ich sagen“, übertrieb der Mönch bewusst ein wenig. „Wenn jetzt noch jemand den dicken Zwerg von meiner Brust nehmen könnte, wäre alles bestens.“ Dies kommentierte der Arzt mit dem für ihn typischen Lächeln und setzte die Spritze an. „Dagegen habe ich dieses kleine Wundermittel hier.“
            „Was ist denn überhaupt passiert? Wir waren doch so gut wie am Ende und wer waren diese Männer auf den Drachen?“ Endlich hatte er die alles entscheidenden Fragen gestellt.
            „Das weißt du nicht?“ Malin verneinte mit einem Kopfschütteln. Brenner zeigte sich erstaunt.
            „Das wundert mich jetzt aber. Immerhin warst du es, der uns alle gerettet hat, glaube ich jedenfalls.“ Wieder versuchte er sich zu erinnern, aber ein großer Schatten hatte sich über die entscheidenden Augenblicke jenes Tages gelegt und blockierte seine Erinnerung.
            „Um ehrlich zu sein, hatten wir uns von dir einige Antworten erhofft.“ Antworten, im Moment war sein Gehirn ein einziges großes Fragezeichen. Für Antworten war da überhaupt kein Platz. „Ich kann dir sagen, was ich gesehen habe“, bot der Arzt an und fuhr fort als er den Blick des Mönches sah. „Es war ein gigantischer, sich ausbreitender Feuerball, der vom Schiff ausging. Die Drachen sind einfach verglüht. Es ist nichts von ihnen übrig geblieben, ein wahnsinns Spezial Effekt.“ Diese Aussage untermauerte er mit einer entsprechenden Geste. „Was ist ein Spezial Effekt?“ „Stimmt ja, du hast sicher noch nie etwas von Filmen gehört oder?“ Der Mönch schüttelte den Kopf. „Malin, du weißt ja gar nicht was dir da bisher entgangen ist. Aus dem dunklen Berg haben unsere Vorfahren einige alte Streifen mitgebracht. Die müssen wir uns später einmal gemeinsam ansehen.“ Dann hielt er kurz inne und starrte mit verträumtem Blick in die Luft, bevor er fortfuhr. „Auch wenn ich nicht die geringste Idee habe wie du es gemacht hast, ich… wir alle verdanken dir unser Leben. Wenn ich es mir recht überlege, schien einzig der Kapitän nicht überrascht gewesen zu sein“, ergänzte Brenner nach kurzem Überlegen.
            Clarksen, ihm war schon vorher klar, dass der Mann mehr wusste als er ihm gesagt hatte. Malin war Brenners geschicktes Ausweichen bezüglich der Frage nach den Drachenreitern nicht entgangen.
            Doch der Kapitän würde ihm beim nächsten Mal nicht so einfach davon kommen, er brauchte Antworten. Der Mönch nahm sich vor ihn aufzusuchen, sobald er wieder auf den Beinen war.


            19


            Noch am Abend des selben Tages kam es zu dem Gespräch mit dem Kapitän. Brenner und der erste Offizier der Enterprise, ein noch relativ junger Mann, vielleicht Ende dreißig mit vollem schwarzen Haar und kräftiger Statue waren auch zugegen. Wie durch ein Wunder war Clarksens Kabine als eine der wenigen von den Bränden auf dem Schiff verschont geblieben.
            Nur in dem schmalen Gang der zu ihr führte, waren einige Rußspuren zu sehen die auf ein Feuer hindeuteten. Entweder hatte es wie von Geisterhand gelenkt kehrt gemacht oder aber und dies hielt Malin für wahrscheinlicher, man hatte hier besondere Anstrengungen unternommen, den Brand zu stoppen.
            „Schön dass sie es alle einrichten konnten hier zu erscheinen“, eröffnete Clarksen die Runde nachdem sie Platz genommen hatten. Was natürlich eine reine Floskel war. Denn auf dem Schiff herrschte eine strenge Hierarchie und wenn der Kapitän zum Gespräch bat, kam dies einem Befehl gleich. Nur Malin nahm eine Sonderstellung an Bord ein. Doch allein schon seine Neugier und Suche nach Antworten trieben ihn hier her. Mal ganz davon abgesehen, dass man ihn bestimmt nicht ohne Grund eingeladen hatte.
            „Heute sind wir hier aus mehreren Gründen zusammen gekommen. Zu Anfang erst einmal schlechte Nachrichten. Wie mir mitgeteilt wurde, wird es noch mindestens zwei weitere Tage in Anspruch nehmen unser Schiff wieder flott zu bekommen. So lange sind wir erst einmal noch zur Untätigkeit verurteilt. Aber genug davon, denn ich glaube wir sind unserem Retter hier eine Erklärung schuldig und was böte sich mehr an, als die uns gegebene Zeit dafür zu nutzen?“ Dabei sah er zu Malin. „Er hat uns gerettet und weiß nicht einmal wie. Ich denke er hat es verdient mehr zu erfahren, mehr über uns und auch über sich zu erfahren.“ Zustimmendes Gemurmel war von den anwesenden Personen zu hören.
            Malin war erstaunt und skeptisch zugleich. Sollte es wirklich so einfach sein? Er hatte sich die Sache etwas schwieriger vorgestellt. Warum auf einmal diese Offenheit, aber gut, warum nicht? Vielleicht erfuhr er ja tatsächlich mehr über die wahren Gründe seiner Entführung. „Sind alle Anwesenden damit einverstanden ihn einzuweihen, ich meine wirklich in alles einzuweihen?“ Nacheinander blickte Clarksen in die Gesichter von Brenner und seinem ersten Offizier. Beide deuteten ein Nicken an und er fuhr fort. „Gut, dann sind wir uns also einig.“ Er atmete tief durch und sah dann dem Mönch in die Augen.
            „Wie du weißt sind wir die Hüter eines uralten Erbes.“ Malin nickte zur Bestätigung. Bis zu dem Angriff durch die Drachenreiter, hatte ihn tagelang nichts anderes beschäftigt. „Doch ich habe dich nicht in die ganze Wahrheit eingeweiht. Dazu war es noch zu früh und ich… wir mussten sicher sein, dass wir uns in dir nicht getäuscht haben. Die Geschehnisse von vor zwei Tagen, haben dann aber alle Zweifel zerstreut.“
            Immer wieder dieser Andeutungen. Damit wurde die Sache für Malin aber auch nicht klarer. Brenner schien seine Ungeduld zu spüren, als er sich an ihn wandte. „Lass’ ihn ausreden. Du wirst deine Antworten erhalten, vertrau mir.“ „Ich habe doch gar nichts gesagt.“ „Das musst du auch nicht, dein Blick spricht Bände“, argumentierte der Arzt. „Schon gut, ich werde mich gedulden“, meinte der Mönch und hob dabei abwehrend die Hände.
            „Jetzt nachdem das geklärt ist, lasst uns nicht noch mehr Zeit verschwenden. Denn sie rinnt uns wie Sand durch die Finger.“ Damit stand Clarksen auf und ging mit auf dem Rücken verschränkten Händen langsam um den Tisch.
            „Unsere wahre Heimat liegt nicht in der neuen Welt“, fuhr er fort. Clarksen sprach als wäre auch er ein Überlebender, wie Malin die Männer mittlerweile nannte. Wahrscheinlich sah er es nach der langen Zeit die er schon bei ihnen lebte und für ihre Sache kämpfte auch so. „Ursprünglich stammen wir von deinem Kontinent, der alten Welt. Genauer gesagt aus einem Gebiet im Zentrum der Karem Hochebene. Vielleicht sind dir der dunkle Berg und die damit verbundenen Legenden bekannt?“
            Malin nickte. „Dort liegen unsere Wurzeln. Unsere Vorfahren, die Überlebenden der Katastrophe, hatten sich in die sichere Obhut des Berges zurückgezogen und Jahrzehntausende im Verborgenen gelebt um ihre Rückkehr vorzubereiten.“ Der dunkle Berg, also ist es wahr. Alles was man sich über ihn und die Überreste einer alten längst vergangenen Kultur erzählte, entsprach der Wahrheit. Nur war diese Zivilisation gar nicht so vergangen wie man annahm, zumindest nicht völlig.
            „Lange Zeit ging es auch gut. Doch irgendwann kam es zu Differenzen. Hauptsächlich ging es um unterschiedliche Ansichten in der Wahl der Mittel, mit welchen die gesteckten Ziele erreicht werden sollten. Es bildeten sich zwei Gruppierungen. Während der Großteil an den alten Werten festhielt, wollte einige wenige, in ihren Ansichten sehr radikale die Wiederkehr der Menschheit auf den evolutionären Thron beschleunigen und zwar mit Hilfe einer Wissenschaft, derer man sich bisher nur bediente um die eigene Lebenserwartung zu erhöhen, der Genetik.
            Sie vertraten den Standpunkt, man könne durch gezielte genetische Veränderungen der Natur ein Schnippchen schlagen und eine neue menschliche Rasse mit bislang ungeahnten körperlichen und geistigen Fähigkeiten erschaffen.
            Die Idee der Züchtung einer solchen Superrasse stieß bei weiten Teilen der Menschen im dunklen Berg auf Ablehnung und wurde als Blasphemie angesehen. Schon einmal hatte der Mensch versucht Gott zu spielen und damit die Erde dem Untergang geweiht. Sie wollten diesen Fehler kein zweites Mal begehen.
            Die Genetiker, wie sie sich selber nannten, sahen darin aber die einzige Chance nicht nur das Überleben der alten Menschheit zu sichern, sondern sie auf lange Sicht als dominierende Spezies zu etablieren.
            So kam es wie es kommen musste und die Wege der beiden rivalisierenden Gruppen trennten sich. Die Genetiker verließen den dunklen Berg und die alte Welt um ihren Forschungen weiter nachgehen zu können. Ihre neue Heimat fanden sie auf einem Kontinent weit im Westen, welchen sie in Anlehnung an die frühere Menschheitsgeschichte und um ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren die neue Welt nannten.
            Jahrtausende vergingen, doch so sehr sie sich auch mühten es gelang ihnen einfach nicht, die gewünschten Veränderungen am menschlichen Erbgut vorzunehmen.
            All’ ihre Versuche waren zum scheitern verurteilt und niemand konnte sagen warum. Es war als hätte die Natur selbst etwas dagegen, ihnen den erhofften Erfolg zu bescheren.
            Die an den Freiwilligen vorgenommenen genetischen Veränderungen wurden von den Eltern an die Kinder weiter gegeben und entstellten diejenigen, die einst die Zukunft der Menschheit bilden sollten. Von Generation zu Generation verschlimmerten sich die Mutationen. Das ganze Experiment erwies sich als ein katastrophaler Fehlschlag.
            Da die menschlichen Ressourcen, entschuldige bitte den Ausdruck, begrenzt und die Ergebnisse so grauenhaft waren entschloss man sich, die Forschungen einzustellen.“
            Clarksen blieb stehen und atmete tief durch.
            „An dieser Stelle kommst du ins Spiel, mein Freund. Vor etwa vier Jahren erhielten wir von einem unserer verdeckt in der alten Welt lebenden Brüder Informationen über einen außergewöhnlichen jungen Mann. Anfangs hielten wir seine Berichte für Hirngespinste. Doch dann erfuhren wir, dass dieser junge Mann von einem Panther begleitet wurde.“
            In diesem Moment griffen mehrere Zahnräder in Malins Gehirn ineinander und er begann zu verstehen.
            „Als wir davon erfuhren wussten wir, dass er tatsächlich etwas besonderes sein musste.“ Verwirrt blickte der Mönch in die Gesichter der Anwesenden. Es war Brenner, der als erstes die aufkommende Stille durchbrach.
            „Dein Pandor ist ein ganz besonderes Tier“, begann er mit einem ehrlichen Lächeln. „Wie ich dir schon erklärt habe, handelt es sich bei ihm um eine Raubkatze, einen Panther. Allerdings ist bisher kein einziger Fall bekannt, bei dem eines dieser Wesen einem Menschen wie ein Schoßhündchen folgt und dies auch noch freiwillig. Aber das ist noch nicht alles, es kommt noch besser“, fügte er hinzu.
            „Diese Tiere galten schon vor der großen Katastrophe als ausgestorben und das ist wie ich finde ein sehr interessanter Punkt.“ „Ich verstehe nicht worauf du hinaus willst“, wandte Malin ein.
            „Jemand hat ihn geklont und zwar jemand, der anscheinend ein reges Interesse an dir zu haben scheint und jetzt wird es spannend“, meinte Brenner mit erhobenem Zeigefinger. „Denn wie du dir sicherlich schon denken kannst, kommen dafür nur die Hüter und Tavare in Frage. Aber wie der Kapitän gerade erklärt hat, distanzieren sich die Überlebenden in der alten Welt gänzlich von genetischen Eingriffen…“ „und vom Klonen“, beendete Malin den Satz für ihn. Der Arzt nickte. „Ja, sogar die lebensverlängernden Maßnahmen haben sie im Laufe der Jahre eingestellt. Außerdem ist es um sie in letzter Zeit merkwürdig ruhig geworden. Wir haben seit etwa einem Jahr keine von ihnen ausgehenden Aktivitäten mehr registriert. Also kommen dafür nur die Genetiker in Frage.“ „Lass’ mich raten, dass seid ihr.“ „Genau mein Freund oder zumindest ein Teil von ihnen, denn es gab auch bei uns gewisse Veränderungen.“ Diese Aussage weckte Malins Interesse. „Wie darf ich das verstehen?“ „Später“, meinte Brenner.
            „Der entscheidende Punkt ist aber, wir wären zwar durchaus in der Lage einen Panther zu klonen, aber wir können ihn nicht seiner Instinkte berauben und aus ihm ein Schmusetier machen. Das übersteigt auch unsere Fähigkeiten. Deshalb kamen wir zu dem Schluss, hier müsse eine andere Partei am Werke sein. Eine die uns mindestens ebenbürtig, wahrscheinlich aber auf einigen Gebieten weit überlegen ist. Es gibt also noch einen weiteren Spieler in diesem Spiel.“
            „Jemand der euch überlegen ist, wie ist das möglich?“ „Das genau ist der springende Punkt.“



            20


            Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Unwettern. Es gibt die, die sich durch langsam ansteigende Windgeschwindigkeiten und dunkle Wolken am Horizont schon lange vor ihrem Eintreffen ankündigen und es gibt die aus heiterem Himmel über ihre ahnungslosen Opfer her fallenden , welche mit ihrer Heftigkeit schon so manchem Schiff zum Verhängnis wurden. Dieses hier schien der Chef der zweiten Gruppe zu sein. Noch am Nachmittag herrschte strahlender Sonnenschein, bevor der Sturm in den frühen Abendstunden mit einer Urgewalt über sie hereinbrach. Meterhohe Wellen türmten sich rings um die Seezwerg auf und das kleine Schiff stürzte von einem Wellental ins nächste.
            Immer wieder überfluteten gigantische Brecher das Deck und spülten alles mit sich fort, was vorher nicht provisorisch festgebunden oder unter Deck gebracht wurde.
            Bis auf Togrim der am Ruder gegen Wind und Wellen ankämpfte, waren alle unter Deck und versuchten ein wenig Schlaf zu finden. Was allerdings bei diesem Wellengang ein Ding der Unmöglichkeit war. Nur Kapitän Tagil schlief tief und fest.
            Tordal, der nachdem er wiederholt quer durch seine Kabine geschleudert wurde es in dieser nicht mehr aushielt, torkelte gerade an Deck. Er beschloss, dass dieses Wetter nichts für ihn sei und sein verkrampfter Magen teilte diese Auffassung.
            Vielleicht hilft es die Wellen wenigstens vorher kommen zu sehen, bevor sie auf die Seezwerg trafen, hatte er sich gedacht. Doch nun wo er das tosende Meer sah wusste er, dass dies eine Fehleinschätzung gewesen war. Nur mit Mühe und Not konnte er sich auf den Beinen halten, als eine weitere gewaltige Woge das Schiff traf.
            Gegen den Sturm und die Gischt ankämpfend, die dieser ihm ins Gesicht blies erreichte er Tagil, der mit einem Lied dessen Text der Kopfgeldjäger nicht verstehen konnte auf den Lippen am Ruder stand.
            „Was für ein fürchterlicher Sturm“, schrie er dem Zwerg entgegen. Dieser unterbrach seinen Gesang und legte zum Gruß zwei Finger seitlich an die Stirn. „Ist die Seezwerg überhaupt für solch einen Wellengang konstruiert worden?“ Der Zwerg sagte etwas zu ihm, was er aber durch das Heulen des Sturms nicht verstehen konnte. „Was?“ Dabei deutete Tordal auf sein Ohr.
            „Ich sagte, ich habe eine gute und eine, nein warten sie zwei schlechte Nachrichten für sie“, brüllte Tagil ihm entgegen. Na toll, dachte Tordal wie aufmunternd. „Die gute ist, so lange das Wetter nicht schlechter wird, kann nichts passieren.“ „Wie beruhigend und die schlechten?“ „Es wird noch schlimmer“, schrie der Zwerg grinsend gegen den Sturm an. „Aber auch wenn das Schiff es übersteht glaube ich nicht daran, dass dies auch für den Antrieb, die Schraube gilt.“ Dabei deutete er mit einer sehr anschaulichen Geste einen Bruch dieser an, wofür er für einen kurzen Moment das Ruder los ließ. Dieser reichte aber aus Tordals Herz in die Kniekehlen rutschen zu lassen. ICH ERHÖHE AUF DREI. Inwiefern? VOR ETWA ZWEI MINUTEN HABE ICH KURZ ETWAS AUF EINEM MEINER SENSOREN EMPFANGEN. EINE ART RADARECHO, NUR EBEN OHNE RADAR. Ich frage besser gar nicht erst. JEMAND FOLGT UNS. Du meinst ein Schiff? WAHRSCHEINLICH, ALLERDINGS HABE ICH DAS SIGNAL NUR EINMAL EMPFANGEN UND KANN ES NICHT MIT SICHERHEIT SAGEN. ABER WAS IMMER ES AUCH WAR, ES IST GROß, SOGAR SEHR GROß.


            Was habt ihr euch eigentlich davon versprochen?“ „Du meinst von der Genetik?“
            Nach Beendigung ihrer Unterredung mit dem Kapitän und dem ersten Offizier hatte Brenner den Mönch noch auf einen Tee in sein Quartier eingeladen, wo sie nun zusammen saßen.
            Die Kabine des Arztes war sehr spartanisch eingerichtet. Es gab praktisch nichts was Rückschlüsse auf den Eigentümer und dessen Privatleben ziehen ließ.
            „Wovon denn sonst?“ Malin hielt ein Glas Whiskey in den Händen, während er darauf wartete, dass auch Brenner Platz nahm. Aber auch dann dauerte es noch einige Sekunden bis dieser zu einer Antwort ansetzte.
            „Hast du dir niemals gewünscht im Dunkeln sehen zu können, so stark wie ein Bär zu sein oder so schnell wie eine Telrak Gazelle? Oder wie wäre es denn mit dem geballten Wissen der klügsten Köpfe der Geschichte und zwar von Geburt an? Doch das ist noch längst nicht alles. Stell’ dir vor wir wären in der Lage Menschen zu erschaffen, die niemals krank werden und deren Verletzungen fast sofort wieder heilen. Dann gibt es da noch den alten Menschheitstraum vom ewigen Leben.“
            „Ihr dachtet also, ihr könntet innerhalb einer kurzen Zeitspanne das schaffen, was der Evolution in Jahrmillionen der Entwicklung nicht gelang? Habt ihr denn nie daran gedacht, dass es aus gutem Grund nie soweit gekommen ist?“
            Brenner griff nach seinem Glas, drehte es in der Hand und besah sich die goldgelbe Flüssigkeit darin. „Anfangs nicht, aber mit der Zeit und durch die Fehlschläge lernten wir dazu. Irgendwann mussten wir einsehen, dass unsere Macht nicht grenzenlos ist, vielleicht gerade noch rechtzeitig. Vielleicht war es aber auch schon zu spät.“
            Malin verstand nicht ganz was der Arzt damit meinte. „Aber dann kamst du und mit dir neue Hoffnung.“ Jetzt verstand er gar nichts mehr. „Was meinst du damit?“
            „Wie soll ich es dir nur erklären? Wir verstehen es ja selber kaum. Etwas geschieht mit dir, du veränderst dich. Niemand ist in der Lage zu sagen was genau passieren wird. Aber was immer es auch ist, es beschleunigt sich. Das war auch der Grund weshalb wir uns zum Handeln entschlossen haben.“ Brenner stand auf und ging auf den Mönch zu. „Dieser Feuerring war nur die bisherige Spitze des Eisbergs.“ „Häh?“ „Wenn wir mit unserer Annahme richtig liegen, dann wird deine Entwicklung fortschreiten und etwas Einmaliges geschehen.“ „Sprich bitte Klartext mit mir. Hier geht es immerhin um mich, um meine Zukunft.“ Der Arzt ging vor ihm in die Hocke und sah ihn mit großen Augen an.
            „Das ist es ja gerade. Wir glauben du bist nur der Anfang, aber es werden noch viele folgen. Die Menschheit könnte an einem Scheideweg ihrer Entwicklung angelangt sein. Was mit dir geschieht, ist nur ein erster kleiner Schritt. Doch schon bald könnten andere folgen. Damit würde uns die Natur die Arbeit abnehmen und schaffen, was uns nie gelang, woran wir kläglich scheiterten.“
            Wie gelähmt saß Malin auf seinem Stuhl. „Was geschieht mit mir?“ Die Worte kamen ihm wie in Zeitlupe über die Lippen.
            Ein Leuchten trat in Brenners Augen, als er antwortete. „Magie Malin, es ist Magie?.


            Fortsetzung folgt...
            "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
            "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
            Norman Mailer

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            • #7
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              „Aber Clarksen hat mir erzählt so etwas wie Magie gäbe es nicht.“ „Das ist auch richtig, alles was man bisher für Magie hielt, was ihr dafür gehalten habt, waren nur die Spuren der alten Menschheit. Ihre euch weit überlegene Technologie muss auf euch wie Magie wirken. Doch mit dir ist es etwas anderes. Wie gesagt, auch wir können noch nicht sagen was genau mit dir geschieht. Dafür müssen wir dich erst eingehender untersuchen. Aber alles deutet daraufhin, dass du, dass die Menschen sich verändern. So etwas gab es auch früher schon. Die ersten Vorfahren des Menschen bewegten sich noch auf allen vier Gliedmaßen. Erst relativ spät entwickelten sie den aufrechten Gang, was ein entscheidender Schritt in der menschlichen Evolutionsgeschichte war. Warum sollte so etwas nicht noch einmal geschehen? Wir nennen es Magie, vielleicht ist es aber auch etwas völlig anderes. Schon seit Ewigkeiten ist bekannt, dass der Mensch nur einen Bruchteil seines Gehirns ausnutzt. Wofür brauchen wir den Rest? Wenn er wirklich nicht benötigt wird, warum hat sich dieser Teil unseres Gehirns im Laufe der Evolution nicht zurück gebildet? Weil er nicht nutzlos ist, weil wir ihn irgendwann brauchen werden und jetzt ist dieser Moment gekommen.“ Malin verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was Brenner ihm erzählte, aber etwas wurde ihm schlagartig klar.
              „Deshalb habt ihr mich also entführt. Ihr hofft die Natur nimmt euch ab, was ihr nie geschafft habt.“
              „Richtig mein Freund, von dir erhoffen wir uns endlich Aufschluss darüber was wir falsch gemacht haben und wie wir das Ziel unserer Vorfahren nun doch noch erreichen können.“
              „Aber wenn ihr von einem Evolutionssprung ausgeht, warum dann diese Hektik und Eile?“ „Dafür gibt es zwei Gründe. Auch wenn es sich tatsächlich um einen neuen Schritt in der menschlichen Evolution handeln sollte heißt dass nicht, es ginge jetzt Schlag auf Schlag so weiter. Es könnte noch Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauern bis diese Entwicklung abgeschlossen ist. Doch so lange können und wollen wir nicht mehr warten. Außerdem ist auch nicht vollkommen auszuschließen, dass du und deine Kräfte vielleicht nur eine Laune der Natur sind, ein Unikat sozusagen. Allerdings betrachten wir diese Möglichkeit als sehr unwahrscheinlich. Doch dann wären wir erst recht auf dich angewiesen.“ Dann setzte er wieder sein Malin nun schon wohlbekanntes Lächeln auf. „Wie auch immer, wir brauchen dich. Wir sind auf dich angewiesen.“ „Du hast mir immer noch nicht erzählt, was es mit den Drachenreitern auf sich hat und dieses Mal bitte keine Ausflüchte.“
              Auch jetzt schien der Arzt zu überlegen ob und wie er auf die Frage antworten sollte.
              „Na gut, früher oder später hätte Clarksen dich sowieso einweihen müssen. Nur war und ist er der Meinung später sei die bessere Alternative. Doch ich sehe dass nicht so.“
              „Wofür ich dir wirklich sehr dankbar bin, also erzähl’ schon.“ Wieder goss sich der Arzt etwas Whiskey in sein Glas. Der Mönch hoffte nur jetzt keine Trinkgeschichte sondern die Wahrheit serviert zu bekommen.
              „Wie der Kapitän schon erwähnte, gab es in letzter Zeit auch innerhalb der Genetiker einige Veränderungen oder besser Streitigkeiten. Diese stehen mit dir im Zusammenhang. Als immer mehr Anzeichen für die bereits von mir erwähnte Veränderung bei dir sprachen, kam es zu Unstimmigkeiten wie wir an die für uns relevanten Informationen kommen sollten. Denn du wirst kaum in der Lage sein darüber Auskunft zu geben, was genau sich in deinem Gehirn abspielt.“ Jetzt wird es interessant, fand Malin. „Nein, damit hast du natürlich Recht. Ich kann es nicht.“ Dies kommentierte Brenner mit einem Nicken.
              „Das habe ich mir gedacht. Also müssen wir irgendwie da rankommen.“ Dabei tippte er sich mit einem Finger gegen die Stirn. „ Wie beinahe immer in solchen Situationen gibt es zwei Wege an die Informationen zu kommen. Es gibt einen wie ich offen zugebe vielleicht nicht immer angenehmen, für dich aber vollkommen ungefährlichen, unseren. Aber auch einen sowohl äußerst unangenehmen wie auch für dich sehr gefährlichen, ihren Weg.“ So etwas in der Art hatte sich Malin schon ausgemalt.
              „Aber wenn es einen für mich ungefährlichen Weg gibt, warum dann die Streitigkeiten?“ „Ganz einfach, weil das Schicksal mit seinem unendlichen Humor dafür gesorgt hat, dass der ungefährliche Weg unglaublich langwierig ist und du hast es sicherlich schon erraten, der gefährliche der schnelle Weg ist Ergebnisse zu erzielen. Was bedeutet mit unserer Methode könnte es durchaus Jahre dauern, bis wir den Durchbruch schaffen. Doch unsere Gegner unter den Genetikern haben diese Geduld nicht und wollen sofort Ergebnis, egal welche Folgen es für dich hat.“ „Na da bin ich euch aber dankbar für eure Geduld“, meinte Malin sarkastisch.
              Der Arzt strich sich mit einer Hand über sein Kinn. „Vor unserer Abreise haben die Ungeduldigen“, dabei lächelte er „leider immer mehr Anhänger gefunden und so wie es aussieht unsere Abwesenheit genutzt um die Macht an sich zu reißen. Das ist äußerst unangenehm und stellt uns vor ein Problem. Wir können wohl nicht mehr nach Hause, zumindest nicht auf direktem Wege. Deshalb werden wir, sobald die Enterprise wieder flott ist, den Kurs ändern und weiter südlich vor der Küste ankern.“
              „Wenn ich es recht verstehe, haben wir es jetzt also gleich mit mehreren Kontrahenten zu tun. Einmal mit unserer unbekannten Macht und nun auch noch mit euren eigenen Leuten, wie angenehm.“
              Brenner griff nach seinem Glas und stürzte den Alkohol in sich hinein. „In der Tat eine äußerst knifflige Ausgangssituation. Aber wie sagte doch einmal jemand, der Mensch wächst mit den Herausforderungen.“



              Zwei Tage und zwei Nächte wütete der Sturm und als er sich endlich verzog war nicht nur Tordals Magen vollkommen leer, sondern auch wie von Togrim vorausgesagt Gigantos Antrieb nicht mehr zu gebrauchen. Die Schraube am Heck des Schiffes war abgerissen und wohl für immer in den Tiefen der See verschwunden. Somit waren sie für den Rest der Reise auf die Windkraft angewiesen und würden von nun an wieder an Boden gegenüber der Enterprise verlieren. Diese hatte an diesem Tag wieder Fahrt aufgenommen und näherte sich nun mit Süd-West Kurs dem Ziel ihrer Fahrt. Ansonsten gab es kaum Schäden am Schiff und auch wenn er es sich nicht gerne eingestand, so hatten die beiden Zwerge sie doch sicher durch das Unwetter gebracht.
              Am meisten litt Glori unter dem Ausfall ihres Spezialantriebes. Denn diesem war es nun verboten größere Mengen an Alkohol zu sich zu nehmen, immerhin brauchte man das Schiff noch.
              Das seltsame Radarecho tauchte nie wieder auf. Aber es ging Tordal auch nicht mehr aus dem Kopf. Was an sich auch nicht verwunderlich war, da die KI in selbigen ihn noch mehrere Male daran erinnerte.
              Die Verbindung zu Genesis war inzwischen vermutlich aufgrund der großen Entfernung zum dunklen Berg komplett abgebrochen, so dass sie von nun an auf sich allein gestellt waren.


              22


              Nachdem die gröbsten Schäden an der Enterprise repariert waren und das Schiff wieder weiterfahren konnte, verliefen die folgenden Tage ohne größere Zwischenfälle. Dies gab Malin Zeit alles, was er in den letzten Tagen über sich und die Welt auf der er lebte erfahren hatte, zu verarbeiten. Sofern der menschliche Verstand überhaupt dazu in der Lage war.
              Immer wieder rief er sich die entscheidenden Augenblicke des Angriffs der Drachenreiter in sein Gedächtnis zurück. Aber es gelang ihm einfach nicht, sich an Einzelheiten zu erinnern. Was auch immer er getan hat um den Feuerring zu erschaffen, es geschah intuitiv. Er hatte ihn ganz sicher nicht bewusst erschaffen. Voraussetzung dafür wäre gewesen, zu wissen, dass er dazu in der Lage war.
              Doch dem war nicht so. Nicht einmal jetzt, Tage später konnte er es glauben. Wenn die ihm von Brenner erzählte Geschichte und seine Erklärung wahr sein sollte, würde sich alles für ihn ändern. Wie sollte er mit einer solchen Macht umgehen über die er anscheinend keine Kontrolle hatte?
              Stellte er vielleicht sogar eine Gefahr für sich und seine Umwelt dar? Wenn er doch nur wüsste, wie und unter welchen Umständen er in der Lage war diese so genannte Magie zu wirken. Was war der Auslöser gewesen? Er musste eine Antwort auf diese Fragen finden und nach einem Weg suchen, die in ihm schlummernde Macht und Energie zu bündeln, sie bewusst einzusetzen. Nur so würde er eine Katastrophe verhindern können, dessen war er sich sicher.
              Es kam für ihn einem Wunder gleich, dass es keine Opfer unter den Besatzungsmitgliedern gegeben hatte.
              Darum begann er zu trainieren, was er weder verstehen noch fassen konnte und nach einem Weg zu suchen, es in die von ihm gewünschten Bahnen zu lenken.
              Er nahm verschiedene Gegenstände mit in seine Kabine und versuchte sie durch die Kraft seiner Gedanken zu bewegen oder wahlweise sie in Flammen aufgehen zu lassen. Doch es gelang ihm nicht.
              Nichts an ihm hatte sich geändert oder deutete auf irgendwelche außergewöhnliche Fähigkeiten hin. Auch Pandors Gegenwart änderte nichts an dieser Tatsache.
              Die Tage vergingen, aber der erhoffte Erfolg wollte sich nicht einstellen. Malin saß wieder einmal in seinem Quartier und konzentrierte sich nun schon seit über einer Stunde auf einen vor ihm auf dem Tisch liegenden Löffel. Doch dieser zeigte sich unbeeindruckt von seinen Bemühungen und tat was Löffel in solchen Situationen gemeinhin taten. Nichts.
              „Nun beweg dich schon oder lass’ dich wenigstens verbiegen, ein klein wenig nur“, konnte man die flüsternde Stimme des Mönchs hören. Doch nichts geschah, keine Reaktion.
              Nicht einmal ein Zeichen des Verstehens, na ja wäre auch wohl etwas zu viel verlangt von einem Löffel.
              Die angestaute Frustration der letzten Tage kämpfte sich langsam aus seinem Inneren an die Oberfläche, wo sie mit einem leisen Zischen verdampfte.
              Von wegen die große Hoffnung der Menschheit. Er konnte nicht einmal einen Löffel beeindrucken. Dabei sollte er laut Brenners Aussagen den Schlüssel für die Zukunft der Menschen in seinem Kopf haben.
              Pandor der sich auch in der Kabine befand, spürte den ungewöhnlichen Stimmungswechsel des Menschen und wich etwas von ihm zurück.
              „Verflucht noch ’mal beweg dich, du verdammter Löffel“, schrie Malin in seiner Wut und Verzweiflung.
              Der Löffel schoss mit unglaublicher Geschwindigkeit auf die sich gerade öffnende Tür zu und bohrte sich in den Türrahmen, genau neben Brenners Kopf. „Wow!“ Mehr brachte der verdutzte Arzt nicht über die Lippen. Malin konnte es nicht glauben, es hatte funktioniert. „Ich hab’s kapiert, vorher anklopfen“, meinte Brenner, den Blick noch immer auf den Löffel gerichtet. „Meine Güte, dass hätte aber auch ins Auge gehen können“, fügte er hinzu.
              „Ich habe es geschafft. Ich habe es tatsächlich geschafft“, stammelte der Mönch noch immer fassungslos vor sich hin. „Aber wie?“
              Dann kam ihm ein Gedanke. „Emotionen, es müssen die Emotionen sein, sie sind der Auslöser.“ Er war wütend gewesen und beim Angriff der Todesreiter hatte er Todesangst verspürt. Es musste einfach so sein. Eine andere Erklärung konnte es dafür einfach nicht geben.
              Unterdessen hatte Brenner die Kabine betreten und stand nun auf zittrigen Beinen direkt vor ihm. „Ich will gar nicht erst behaupten zu verstehen was hier gerade passiert ist. Eigentlich wollte ich nur sagen, dass Land in Sicht ist. Also falls es dich interessiert sollte meine ich.“
              „Verstehst du, ich kann es tatsächlich. Ich habe zwar keine Ahnung wie ich es kontrollieren soll, aber ich kann es.“ Mit leuchtenden Augen sah er den Arzt an.
              „Das freut mich für dich, glaube ich jedenfalls“, entgegnete dieser. „Aber vielleicht könntest du mir doch erklären warum genau dieser … Löffel sich beängstigend dicht neben meinem Kopf in den Türrahmen gebohrt hat.“ „Ich war wütend auf den Löffel, weil er sich nicht bewegt hat und schon hat er sich bewegt. Es ist ganz einfach“, brachte Malin jubelnd hervor und schüttelte Brenner regelrecht durch. „Aha, damit dürften wir das dann wohl geklärt haben“, meinte der Arzt und sah sich weiterhin einem begeisterten Mönch ausgeliefert.
              „Falls du dich von deinem Besteck losreißen kannst, komm’ am besten einfach mit aufs Deck. Wir sollten unser weiteres Vorgehen besprechen.“ Damit verließ er die Kabine, allerdings nicht ohne noch einmal einen Blick auf den Löffel zu werfen.



              23


              Sie waren in einer gut geschützten und von See aus kaum sichtbaren Bucht vor Anker gegangen und hatten sich eine kleine Lichtung für ihr Lager ausgesucht. Diese lag einige hundert Meter vom Strand entfernt in einem dunklen, dicht bewachsenen Wald.
              Die Bäume die ihn bildeten waren Malin gänzlich unbekannt.
              Es handelte sich ausschließlich um Laubbäume welche teilweise eine enorme Größe und ein ebensolches Alter erreicht hatten.
              Einige der Baumriesen mussten mehrere hundert Jahre alt sein. Durch ihre mächtigen Kronen drang nur spärliches Sonnenlicht bis in die Bodenregionen des Waldes, welche in einem diffusen Halbdunkel lagen.
              Der Landungstrupp bestand neben Malin und Clarksen aus etwa zwanzig seiner Männer, unter ihnen auch Brenner. Natürlich durfte auch Pandor nicht fehlen. Der Panther wich dem Mönch wie immer nicht von der Seite.
              Der erste Offizier war mit gut einem Duzend Matrosen, unter ihnen einige Verletzte, an Bord geblieben. Durch den Angriff der Drachenreiter war die Besatzung auf etwa die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft.
              Den gesamten Tag über bis zum Einbruch der Dunkelheit wurden allerlei Gerätschaften mit den Beibooten der Enterprise an Land geschafft. Bis auf die ihm mittlerweile bekannten Schusswaffen kam ihm nichts bekannt vor. Malin nahm aber an, dass sich einiges davon als durchaus nützlich erweisen könnte, wobei auch immer.
              Wie Clarksen erklärte befanden sie sich etwa zwei Tagesreisen südlich ihres ursprünglichen Zielortes.
              Da es während ihrer mehrwöchigen Abwesenheit offensichtlich zu einigen entscheidenden Veränderungen innerhalb der Gemeinschaft gekommen ist, wollte der Kapitän kein unnötiges Risiko eingehen. Deshalb verzichteten sie in der Dunkelheit auf offenes Feuer. Zusätzlich sandte man einen Spähtrupp nach Norden voraus, dem sie am nächsten Tag folgen wollten.
              Während sie in einem großen tagsüber aufgebauten Zelt ihr Essen zu sich nahmen, sprach Clarksen Malin auf seine Fortschritte in der Anwendung seiner Magie an. Offenbar hatte Brenner ihn schon darüber informiert.
              „Wie mir zugetragen wurde ist es ihnen gelungen zum ersten Mal gezielt ihre Kräfte anzuwenden und sind dazu übergegangen meine Männer mit Besteck zu beschießen.“
              Schon vorher war Malin aufgefallen, dass der Kapitän in der Gegenwart einfacher Besatzungsmitglieder ihm gegenüber von der persönlichen zur förmlichen Anrede wechselte. Aufgrund des hierarchischen Führungsstils war dies für ihn aber durchaus nachvollziehbar.
              „Mit einem Löffel“, warf Brenner ein. „Es war nicht meine Absicht jemanden zu verletzen“, entschuldigte sich Malin.
              Clarksen griff nach einem Stück Fleisch und zog vorsichtig die Haut von diesem ab. „Keine Sorge, es ist ja nichts passiert und ich mache ihnen sicher keine Vorwürfe deswegen.“ Dann biss er in das Fleisch und kaute etwas darauf herum. „ Im Gegenteil, ich freue mich über ihre Fortschritte. Vielleicht werden sie uns in den nächsten Tagen noch von Nutzen sein.“
              Klar rüstet mich mit einer Tonne Silberbesteck aus und ich bin eine tödliche Waffe, ging es dem Mönch durch den Kopf.
              Auch er verspürte nun ein Hungergefühl und bediente sich von seinem Teller. Wie immer war das Essen nicht nur reichhaltig sondern auch hervorragend.
              Als er gesättigt seinen Teller beiseite schob, fiel ihm ein kleiner Zettel unter diesem auf. Mit einem schnellen Handgriff nahm er ihn unauffällig an sich und steckte ihn in seine Manteltasche.
              Sie verbrachten noch eine gute Stunde in dem Zelt, in der Clarksen ihn in die Planungen für den nächsten Tag einweihte. Diese sahen vor schon am frühen Morgen dem Spähtrupp Richtung Norden zu folgen und mit diesem um die Mittagszeit auf halben Wege zur Basis der Genetiker zusammen zu treffen.
              Am nächsten Abend wollten sie dann ihr Lager etwa acht Kilometer südlich dieser, außerhalb der Sensorenreichweite aufschlagen.
              Später begab sich Malin in sein Zelt, wo er sofort den Zettel aus der Tasche holte. Auf diesem standen in unleserlicher Handschrift nur drei Worte. „Trau ihnen nicht“



              Währenddessen hatte die Besatzung der Seezwerg nicht ganz eine Tagesreise von der Küste entfernt mit gänzlich anderen Problemen zu kämpfen.
              „Ich habe dir doch gesagt, er soll keinen Alkohol trinken. Schon gar nicht in solchen Mengen.“ „Aber er sah doch so traurig aus. Da habe ich einfach Mitleid mit ihm bekommen.“ „Er sieht aber immer so aus und traurig ist wohl kaum der richtige Ausdruck dafür. Außerdem hat dein Mitleid uns ein zwergengroßes Loch im Rumpf beschert. Von dem verbrannten Segel will ich erst gar nicht sprechen. Es ist einfach kein Verlass mehr auf seine Angestellten.“
              Ein paar Meter entfernt am Heck des Schiffes standen Tordal und Giganto und verfolgten die Auseinandersetzung mit regem Interesse. „Das kommt nicht wirklich überraschend oder?“ „Ich war schon erstaunt, wie lange er es ohne Alkohol ausgehalten hat.“
              „Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zur Küste“, meinte der Zwerg und zog genüsslich an einer Pfeife. „Zur Not könnten wir die Strecke auch schwimmen. Von den Haien dürften wir nichts mehr zu befürchten haben, nachdem Glori einen von ihnen abgefackelt hat.“
              „Wenn ihr mich fragt, übertreiben die beiden auch gewaltig. Es ist doch niemanden etwas passiert“, war die Stimme des angetrunkenen Zwerges hinter ihnen zu hören.
              „Da hat er wahrscheinlich sogar Recht. Stell’ dir vor das Loch wäre unterhalb der Wasserlinie“, sagte der Kopfgeldjäger an Giganto gerichtet. „Stimmt momentan sollten wir nur einen großen Bogen um alle Unwetter machen.“
              „Die Wolken dort hinten sehen ziemlich unangenehm aus, findet ihr nicht auch?“ Sie drehten sich gleichzeitig zu dem angetrunkenen Zwerg, der auf eine ausgewachsene Schlechtwetterfront am Horizont deutete.
              „Vielleicht sollten wir doch mal fragen ob wir helfen können.“ „Finde ich auch.“ „Ich leg’ mich noch ’ne Runde aufs Ohr“, beendete der angetrunkene und nun auch müde Zwerg die Unterhaltung.


              24


              In der Nacht fand er kaum Schlaf. Immer wieder gingen ihm die Worte auf dem ihm zugesteckten Zettel durch den Kopf. „Trau’ ihnen nicht.“ Waren damit Clarksen und seine Männer gemeint? Natürlich sie hatten ihn gegen seinen Willen verschleppt und auf ihr Schiff gebracht. Aber seitdem hatten sie sich ihm gegenüber durchaus freundlich verhalten.
              Auch wenn er mittlerweile wusste, dass sie dies wahrscheinlich nur taten weil sie ihn brauchten. Aber was war damit gemeint und viel wichtiger, wer hat den Zettel unter seinen Teller gelegt? Gab es unter den Besatzungsmitgliedern jemanden der gegen sie arbeitete? Es musste einfach so sein. Niemand hätte sich unbemerkt in das Lager schleichen können. Also gab es einen Verräter unter den Männern, jemanden der für die Gegenseite arbeitete.
              Nach dem was Brenner ihm erzählt hatte handelte es sich bei dieser Person definitiv um einen Feind. Nur weshalb sollte dieser ihn warnen und wovor?
              Gequält von diesen und anderen Gedanken machte Malin sich mit den anderen am nächsten Morgen auf den Weg. Er hatte lange überlegt ob er Brenner von dem Zettel erzählen sollte, entschied sich letztendlich aber doch dagegen. Stattdessen nahm er sich vor, von nun an die Männer des Landungstrupps genau zu beobachten und nach Auffälligkeiten Ausschau zu halten.
              Gegen Mittag trafen sie auf den Spähtrupp. Genauer gesagt fanden sie die Männer [i]kein Komma[i] in einem Gebüsch direkt auf der Route zur Basis. Alle drei wiesen Schusswunden genau zwischen den Augen auf. Sie waren anscheinend noch nicht lange tot, ihre Körper waren noch warm.
              Sofort befahl Clarksen seinen Männern auszuschwärmen und die nähere Umgebung abzusuchen. Doch sie fanden nichts. Wer auch immer den Spähtrupp überfallen hatte hinterließ dabei keinerlei Spuren.
              Von nun an waren Stevens und ein weiterer Mann zu seinem persönlichen Schutz abgestellt, wie Brenner es ausdrückte. Die beiden wichen nicht mehr von seiner Seite. Wobei Malin nach seiner eigenen Einschätzung mit Pandor schon den besten und zuverlässigsten Leibwächter hatte.
              Doch schon allein die Tatsache, dass die Angehörigen des Voraustrupps anscheinend trotz der hochmodernen Ausrüstung und guter Ausbildung keine Chance zur Gegenwehr hatten, beunruhigte ihn. Ihre Waffen waren noch gesichert als man sie fand.
              Wer oder was auch immer sie getötet hatte war schnell, verdammt schnell.
              Entgegen der ursprünglichen Planung setzten sie ihren Marsch durch den Wald nicht fort und schlugen in der Nähe des Fundorts der Leichen ihr Lager auf.
              Ein paar Männer wurden beauftragt die leblosen Körper ihrer Kameraden zurück zum Schiff zu bringen. Danach sollten sie wieder zu ihnen stoßen.
              Wahrscheinlich wollte Clarksen die Zeit nutzen um sich eine neue Strategie zu recht zu legen. Denn das man sie entdeckt hatte war durch den heutigen Vorfall nur zu offensichtlich.
              Malin war mit seiner Leibgarde etwas abseits des Lagers gerade auf dem Weg zum Kapitän, als er ein dumpfes Geräusch hinter sich hörte, gefolgt vom Knurren Pandors.
              Als er sich umdrehte sah er Stevens mit einem recht robust wirkenden Ast in den Händen über den bewusstlosen Körper des anderen Teils seiner zwei Mann Schutzbrigade gebeugt.
              Mit zum Sprung angespannten Muskeln stand die schwarze Katze neben seinem menschlichen Freund. „Wir haben nicht viel Zeit“, eröffnete Stevens dem Mönch. „Zeit wozu?“ „Hören sie mir einfach nur zu Malin“, meinte Stevens nachdem er sich nervös nach allen Seiten umgesehen hatte. „Was auch immer der Kapitän ihnen erzählt hat, es war gelogen.“
              In diesem Moment ging Malin das sprichwörtliche Licht auf. „Sie haben den Zettel geschrieben.“ „Ja, ich wollte sie warnen. Es ist Clarksen er ist gefährlich, wahrscheinlich sogar verrückt.“ Diese ganze verdammte Geschichte in der ich hier stecke ist verrückt. Der Gedanke kam ihm nicht zum ersten Mal. Was sollte da jetzt noch kommen? „Da bin ich ja mal gespannt“, entgegnete er. „Ich kann ihnen jetzt nicht alles erzählen, dafür reicht die Zeit nicht aus.“ Immer wieder blickte er sich um. „Nur so viel. Sie sind in Gefahr und dürfen ihm nicht vertrauen.“ „Aber ihnen“, mutmaßte der Mönch skeptisch. „Ich weiß es ist schwer, aber sie müssen mir glauben. Ich will ihnen helfen und ich will uns helfen“, fügte er mit in die Ferne gerichteten Augen hinzu. „Noch weiß ich nicht wie ich sie hier rausholen soll, aber mir wird schon etwas einfallen und jetzt schlagen sie mir bitte mit diesem Ast auf den Hinterkopf.“ Malin verstand nicht ganz. „Wie bitte?“ „Es muss wie ein Hinterhalt aussehen, sonst sind wir beide tot. Nun machen sie schon.“ Damit gab er ihm den Ast.
              „Woher soll ich wissen wie fest ich zuschlagen soll? Ich möchte sie ja nicht töten.“ „Wird schon klappen.“ „Wird schon klappen? Sie haben leicht reden“, meinte er und zog Stevens den Ast über den Schädel.
              Pandor schien beeindruckt von dem Schlag und umrundete ihn mit erhobenem Schwanz. „Verdammt noch mal ich will Priester werden und kein Berufsschläger und jetzt zum zweiten Teil des Plans.“
              Kurz darauf fand man den um Hilfe schreienden Malin und seinen offensichtlich sehr aufgebrachten Panther neben den bewusstlosen Körpern seiner persönlichen Eskorte. Er konnte den Kapitän davon überzeugen, dass man sie aus dem Hinterhalt angegriffen hatte und die Angreifer nur durch den mutigen und für sie wohl überraschenden Auftritt der Großkatze in die Flucht geschlagen wurden.
              Daraufhin verschärfte man die Sicherheitsmaßnahmen im und um das Lager.
              Für Malin änderte sich allerdings noch mehr. Von jetzt an wusste er nicht mehr wem er überhaupt noch vertrauen konnte, wer sein Freund und wer sein Feind war. Stevens tat so als hätte es ihre merkwürdige Unterhaltung nie gegeben.


              25


              Peter Munroe diente jetzt schon seit acht Jahren auf der Enterprise, die letzten zwei davon als erster Offizier. Trotz seines noch recht jungen Alters von knapp über dreißig hatte ihm Kapitän Clarksen ohne Bedenken zu seiner rechten Hand ernannt.
              Was zum Einen an seiner mittlerweile beachtlichen Erfahrung aber zum Großteil auch an seinem Enthusiasmus und der Begeisterung für ihre Sache lag.
              Wie immer wenn Clarksen auf Landgang war übernahm er für die Zeit die Führung des Schiffes und damit den Regeln nach auch den Rang des Kapitäns. Das war auch sein großes Ziel. Irgendwann einmal wollte er wirklich Kapitän der Enterprise sein und nicht nur für einige wenige Stunden. Aber seine Zeit würde kommen, da war er sich absolut sicher.
              Er liebte dieses Schiff, sogar mehr als sein Leben oder seine Frau. Auch wenn er es ihr gegenüber natürlich nie eingestehen würde. Was seiner Gesundheit wohl auch nicht sehr zuträglich wäre.
              Natürlich liebte er seine Familie, seine Frau und seine beiden Söhne. Aber mit der Seefahrt war es etwas anderes. Für jemanden der nie zur See gefahren ist war es wahrscheinlich nicht nachvollziehbar. Es ging um die unendliche Weite des Meeres und um dieses unbeschreibliche Gefühl der Freiheit, welches einen unweigerlich überkam. Das war sein Leben und für nichts in der Welt würde er darauf verzichten wollen.
              Jede Sekunde an Bord dieses einmaligen Schiffes genoss er und wenn er das Sagen hatte natürlich um so mehr, so wie Heute.
              Clarksen war mit dem Mönch, von dem sie sich so viel versprachen, und dem Großteil der Besatzung an Land gegangen und hatte ihm das Kommando übertragen.
              Neben ihm befanden sich noch zwölf weitere Männer an Bord, alles tüchtige Seeleute. Auch wenn einige von ihnen sich noch mit leichten, aus dem Kampf gegen die verfluchten Drachenreiter resultierenden Verletzungen herum plagten, wusste er doch, dass er sich im Ernstfall vollkommen auf sie verlassen konnte.
              Munroe befand sich gerade auf dem Weg zum Hauptdeck als er den ersten Ruf hörte. Den ganzen Abend über hatte er schon ein ungutes Gefühl gehabt. Zwar herrschte die gesamte Zeit über Stille, aber es war die Art Stille die mit geradezu ohrenbetäubender Lautstärke nach Gefahr schrie.
              Deshalb hatte er vor ein paar Stunden zwei zusätzliche Männer zur Beobachtung der Bucht abgestellt.
              Einer dieser war es auch, der nun mit lauten Rufen Alarm gab.
              Sofort richteten sich die Lichtkegel der beiden großen Suchscheinwerfer in die angegebene Richtung. Was auch immer der Auslöser für die Unruhe war, es kam durch die Einfahrt der Bucht von der offenen See her.
              Zuerst konnte Munroe nichts erkennen, doch dann sah er die Boote. Erst eins, dann noch eines. Immer mehr davon tauchten aus der Dunkelheit auf und hielten durch die Brandung auf die Enterprise zu.
              Auf dieser wurden mittlerweile Waffen verteilt und die Männer bezogen Stellung an den ihnen für solche Situationen zugewiesenen Positionen.
              Alles lief wie automatisiert und in beinahe vollkommener Stille ab. Nur ab und zu waren einige geflüsterte Worte zu hören. Nun konnte man auch schon mehr Einzelheiten der sich nähernden Boote erkennen.
              Bei ihnen handelte es sich eindeutig um die kleinen, wendigen Schaluppen der eigenen Leute. Mit den Angriff der Drachenreiter war schon klar gewesen, dass sich die hier gebliebenen gegen Clarksen und seine Leute gewandt hatten. Aber irgendwie war, wenn auch beinahe erwartet, dieses direkte Aufeinandertreffen doch etwas gänzlich anderes. Oft genug war er selber an Bord eines dieser bis zu zehn Mann fassenden Boote gewesen.
              An Bord war unterdessen absolute Ruhe eingekehrt, alle warteten auf seine Befehle.
              Etwa drei Duzend der Schaluppen hielten nun auf das große Schiff zu. Schon beim ersten Alarm hatte Munroe die beiden gewaltigen Anker lichten lassen um etwas mehr Bewegungsfreiheit zu haben.
              Egal wie viele Gegner noch auftauchen würden, sie hatten keine Chance, dessen war er sicher. Sollten sie doch ruhig noch etwas näher kommen, den Brandbomben waren sie nicht gewachsen.
              Gegen die unglaublich schnellen Drachenreiter hatte man sie nicht einsetzen können. Aber die Boote waren geradezu ideale Ziele. Mehr als fünfzig dieser fürchterlichen Geschosse hatte man an Bord. Was dann noch durch kam, würden sie mit den Schusswaffen erledigen.
              Trotz allem wuchs die Anspannung in ihm. Nicht zuletzt weil er nur schweren Herzens den Angriffsbefehl gegen die eigenen Leute gab. Aber was sollte er denn sonst tun? Es ging um ihre Existenz, ihr Überleben. Entweder sie oder wir, darauf lief es hinaus. Der Gedanke auf Menschen zu schießen die er noch vor wenigen Wochen als Freunde bezeichnet hatte, tat ihm im Herzen weh und seinen Männern ging es mit Sicherheit nicht anders.
              Dann war es soweit, der Moment der Entscheidung war gekommen.
              Mit ruhiger Stimme gab er den Feuerbefehl und die Nacht wurde zum Tag.
              Beim ersten Aufflammen der Brandbomben sah man eine Träne in Munroes Gesicht. Was nun folgen würde war mehr ein Massaker als ein fairer Kampf, dass ahnte er.
              Wild tanzten die Lichtkegel der Scheinwerfer auf der Suche nach immer neuen Zielen auf dem Wasser umher. Mehrere Boote der Angreifer standen bereits in Flammen und viele weitere würden noch folgen.
              Plötzlich ertönte ein neuerlicher Alarmschrei an Bord der Enterprise.
              Munroe der sich voll auf das Kampfgeschehen konzentriert hatte riss sich von diesem los und versuchte in der Dunkelheit den Grund des neuerlichen Aufruhrs auszumachen.
              Beide Scheinwerfer waren inzwischen starr auf einen Punkt außerhalb der Bucht gerichtet. Doch so sehr er sich auch anstrengte, es war nichts zu erkennen.
              Ein weiteres Brandgeschoss traf auf sein Ziel, welches sofort in Flammen aufging. In diesem Moment war ein unglaublich lautes, metallisch klingendes Geräusch zu vernehmen, wie er es noch nie gehört hatte.
              Es kam direkt aus der Richtung in welche die Scheinwerfer gerichtet waren.
              Der Kampf ruhte von einer Sekunde auf die andere und eine unheimliche Stille lag über dem Geschehen.
              Alle Augen an Bord und auch auf den Booten waren plötzlich auf die Dunkelheit außerhalb der Bucht gerichtet. Die Brandung war viel stärker als noch vor Augenblicken und einige ungewöhnlich große Wellen rollten von der offenen See her in die Bucht. Es war als schöbe eine unbekannte Macht das Meer vor sich her.
              Ein Schrei von einer der am weitest entfernten Schaluppen durchbrach die Stille, kurz darauf noch einer und dann konnte er es sehen.
              Etwas gigantisches brach aus dem Dunkel und seine Augen weiteten sich entsetzt.
              „Allmächtiger Gott steh’ uns bei“, kam es ihm über die Lippen.
              "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
              "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
              Norman Mailer

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              • #8
                26



                Es war schon spät in der Nacht und sie nicht mehr weit von der Küste entfernt, als Kapitän Tagil nach ihnen rief. Tordal und Glori gingen gemeinsam auf Deck, wo schon die anderen auf sie warteten.
                „Was ist denn los?“ Die einzige Antwort die der Kopfgeldjäger erhielt war ein knappes „dort drüben“ und ein Nicken Richtung Westen.
                Als er dorthin sah stockte ihm der Atem, was bei ihm seit etwa einem Jahr ein immer wiederkehrender Zustand war. „Was ist das?“ Er hauchte die Worte mehr als dass er sie sprach.
                Auf einer Breite von mehreren hundert Metern war das Meer übersäht mit den zum Teil brennenden Überresten duzender kleiner Boote. Zum Großteil handelte es sich um einzelne Planken und Reste der Takelagen. Aber es gab auch beinahe noch komplette Rümpfe und ein oder zwei anscheinend unversehrte Schiffe, allerdings ohne die geringste Spur der Besatzungen.
                Der Trümmergürtel erstreckte sich bis zur Küste. Dann sahen sie die ersten Toten. Überall im Wasser trieben Leichen. Das Meer war zu einem Friedhof geworden.
                „Was um Himmels Willen ist hier geschehen?“ Mit fassungslosem Blick starrte Giganto auf das unwirkliche Szenario welches sich ihnen hier offenbarte. „Hier muss eine Schlacht stattgefunden haben und zwar in dieser Nacht“, versuchte es Tagil mit einer Erklärung.
                DAMIT DÜRFTE ER RICHTIG LIEGEN. EINIGE DER TRÜMMERTEILE WEISEN EINDEUTIG EINSCHUSSLÖCHER AUF. SIE ENTSPRECHEN DENEN, WELCHE DIE WAFFEN DER MASCHINENWÄCHTER IM DUNKLEN BERG HINTERLIEßEN ALS SIE UNS ANGRIFFEN. DU ERINNERST DICH SICHERLICH.
                Wie könnte ich es jemals vergessen? So etwas nennt man glaube ich ein einschneidendes Erlebnis. Also eindeutig Technologie aus der alten Welt. Aber diese Waffen hätten doch niemals zu solchen Zerstörungen führen können.
                DAS HABEN SIE AUCH NICHT. ICH ENTDECKE RESTSPUREN VON EXTREMER HITZE.
                Is’ nich war, hier brennt es überall.
                MANCHMAL HABE ICH WIRKLICH KEINE LUST MEHR. DA WÜRDE ICH AM LIEBSTEN GAR NICHTS MEHR SAGEN. Dann lass’ es einfach bleiben, kein Problem. DAS GEHT NICHT, LIEGT AN MEINER PROGRAMMIERUNG. DA GIBT ES LEIDER AUCH KEINE HINTERTÜREN. AUS DIESEM GRUNDE WEISE ICH DICH AUCH DARAUF HIN, DASS ES MITNICHTEN EIN NORMALES FEUER WAR. Feuer ist Feuer. NICHT GANZ, DIESES HIER WAR HEIß, SEHR HEIß. UM ES AUCH FÜR DICH VERSTÄNDLICH AUSZUDRÜCKEN, KEIN HERKÖMMLICHES FEUER ERREICHT SOLCHE TEMPERATUREN.
                Na schön und was sagt uns das? Du erinnerst dich? Du Maschine und ich Mensch mit langer Leitung. ICH WEISS ES NICHT. IN MEINEM SPEICHER LASSEN SICH KEINE AUFZEICHNUNGEN ÜBER ETWAS VERGLEICHBARES FINDEN. SO ETWAS DÜRFTE ES EIGENTLICH NICHT GEBEN, WENN…
                Hey was ist, hat es dir die Sprache verschlagen? ICH MUSS DA ETWAS ÜBERPRÜFEN, DAUERT ALLERDINGS EINE WEILE. Mach’ was du nicht lassen kannst.
                „Was tut er da? Es sieht so aus als ob er sich mit jemandem unterhalten würde, nur eben ohne zu sprechen. Ist er …?“ Dabei deutete Togrim mit seinem Zeigefinger eine kreisende Bewegung seitlich seines Kopfes an. „Ach dass, keine Sorge. In seinem Kopf lebt jemand und mit ihm spricht er ab und an. So genau habe ich es aber auch noch nicht verstanden“, meinte Glori und ließ einen sichtlich verwirrten Togrim zurück.
                Tagil manövrierte die Seezwerg durch die Trümmer und die leblosen Körper hindurch auf eine kleine Bucht zu.
                „Nach dem, was der Nervtöter in meinem Kopf erzählt hat, müsste die Enterprise in dieser Bucht liegen.“ „Das gefällt mir nicht“, meinte Giganto. „Mir auch nicht“, versicherte Tordal. „Mir schon gar nicht“, stellte Glori klar.
                Nur wenige Minuten später fuhren sie mit dem Schiff in den natürlichen Hafen ein.
                Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. „Verdammte Axt, ist dass etwa …“, durchbrach Glori als erster die Stille. „Ich befürchte ja“, war die leise Stimme des Kopfgeldjägers zu hören. „Es ist die Enterprise oder besser dass was von ihr übrig ist.“, fügte er dann hinzu. Das Universal-Besatzungsmitglied Togrim warf den Anker aus und alle versammelten sich am Bug des Schiffes. Es war ungewöhnlich ruhig. Nur das Plätschern des Wassers unter dem Schiff und das Knistern der Flammen waren in der Bucht zu hören. Mal abgesehen vom wie immer rasselnden Atem eines gewissen Zwerges.
                Vor ihnen im Wasser trieb das was früher einmal ein stolzes Schiff gewesen sein musste. Doch jetzt war es nur noch ein schwimmender Haufen verkohlten Holzes auf dem hier und dort kleinere Feuer loderten und gespenstische Schatten auf den Strand warfen.
                „War es das, ich meine sind wir zu spät gekommen?“ Sein alter Freund Giganto sah Tordal mit traurigen Augen an. „Offensichtlich, die Party ist vorbei“, brachte Glori seine Meinung zum Ausdruck. Der Kopfgeldjäger warf dem Zwerg einen eindeutigen Blick zu. „Tschuldigung“, meinte dieser nur und senkte seinen Kopf.
                ES SIND NICHT GENUG LEICHEN. Darüber kann man geteilter Meinung sein. Während er dies sagte blickte Tordal zu den in der Bucht zwischen den Trümmerteilen treibenden Körper.
                DU VERSTEHST MICH NICHT. Das ist nicht unbedingt neu. NACH DEN MIR VORLIEGENDEN DATEN BEFANDEN SICH DEUTLICH MEHR MENSCHEN AUF DEM SCHIFF ALS ICH HIER ZÄHLEN KANN.
                Vielleicht hat die Strömung sie fortgetrieben oder sie wurden von Haien gefressen. DAZU HÄTTE DIE ZEIT NICHT AUSGEREICHT. AUFGRUND DER KÖRPERTEMPERATUR DER IM WASSER TREIBENDEN LEICHEN KANN ICH MIT SICHERHEIT SAGEN… Hey! ZWEI STUNDEN, NICHT MEHR. Danke.
                ÜBRIGENS HABE ICH AUCH AM WRACK DER ENTERPRISE DIESELBEN CHEMISCHEN RÜCKSTÄNDE ENTDECKT WIE AN DEN ANDEREN BOOTEN. Kannst du mir schon etwas darüber sagen? NOCH NICHT. ES GIBT DOCH TATSÄCHLICH VERSCHLÜSSELTE DATEIEN IN MEINEM SPEICHER.
                In Ordnung, bleib dran. ALS OB ICH EINE WAHL HÄTTE. ABER ICH MUSS ZUGEBEN, ICH BIN NEUGIERIG GEWORDEN. Freut mich dass du deinen Spaß hast. SO WAR ES NICHT GEMEINT. Gib ruhig zu, dass du dich am Leid anderer erfreust. DAS STIMMT SO NICHT, NUR AN DEINEM. Schon klar.
                „Glori, Giganto wie wäre es mit einem kleinen Landgang?“ „Gute Idee dieses wochenlange Geschaukel hat mich schon ganz schwammig gemacht“, meinte ein auch nicht schwammiger als sonst aussehender Glori und klemmte sich einen Lederschlauch unter seinen Gürtel.
                „Was ist da drin?“ Der Kopfgeldjäger sah den Zwerg mit zusammengekniffenen Augen an. „Na ja man kann doch nie wissen was einen auf so einem unbekannten Kontinent erwartet“, brachte dieser verlegen hervor.
                „Genau und wenn wir auf etwas unbekanntes stoßen, brennen wir es einfach nieder.“ Missbilligend schüttelte Tordal den Kopf, drehte sich weg und lächelte.
                Keine Stunde später hatten sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen. Kurz darauf stießen sie auf deutliche Spuren welche vom Strand weg in den Wald hinein führten.
                Malin, ich hoffe du bist noch am Leben, ich brauche Antworten.
                Mit diesen Gedanken begab sich der Kopfgeldjäger gefolgt von den beiden Zwergen auf die Suche nach dem Mönch.



                27


                Mitten in der Nacht kam Brenner in Malins Zelt um ihn zu wecken. „Aufstehen mein Freund, es geht weiter.“ Mein Freund, es war das erste Mal dass er die Worte des Arztes in Frage stellte. War er denn wirklich sein Freund oder hatte Stevens die Wahrheit gesagt und die Ziele seiner Gastgeber waren weit weniger ehrenhaft als man ihm glauben machen wollte?
                Brenner schien sein Zögern zu bemerken. „Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst so nachdenklich.“ „Ja alles in Ordnung“, log der Mönch. „Gib mir fünf Minuten.“
                Daraufhin nickte der Mann und verließ wortlos das Zelt.
                Gäbe es doch nur einen Weg noch einmal mit Stevens reden zu können. Aber wie ohne die Aufmerksamkeit der anderen zu erregen? Egal wie, er musste einfach Klarheit darüber erhalten was hier wirklich vor sich ging. Aber wenn der Zoologe die Wahrheit sagte, könnte ein Fehler in der jetzigen Situation schwerwiegende Auswirkungen haben.
                Wie sehr sehnte er sich doch sein einfaches Leben als Wandermönch zurück. Ein Leben ohne Verrat, Drachenreiter und diesen ganzen alte und neue Welt Kram. Ganz zu schweigen davon, dass er es satt hatte ständig als eine Art Heiland angesehen zu werden. Was war denn an ihm schon so besonders? Gut er war in der Lage mit der Kraft seiner Gedanken kleinere Gegenstände in Türrahmen zu jagen, hier und dort mal einen Feuerring auszulösen und Pandor, sein treuer Freund gehörte einer längst ausgestorbenen Tierart an und wurde offenbar von einer höheren Macht erschaffen. Aber ansonsten war er doch immer noch der alte Malin.
                Verdammt, er schaffte es ja nicht einmal sich selber zu überzeugen.
                Die Welt in der er noch vor ein paar Wochen lebte existierte nicht mehr und es gab auch keinen Weg zurück in diese. Falls doch, so war dieser extrem schlecht ausgeschildert.
                Also blieb nur die Möglichkeit die Zukunft bestmöglich zu gestalten. Nur wie, wenn man nicht wusste wer Freund und wer Feind ist? Nun gut immer Schritt für Schritt, eins nach dem anderen. Vielleicht würde es ja ein guter Tag werden. Doch irgendwie hatte er da so seine Zweifel.
                Ein paar Minuten später gesellte er sich mit gemischten Gefühlen zu Clarksen und seinen Männern, die offensichtlich schon auf ihn warteten. Der Kapitän gab mit der rechten Hand ein Zeichen und der Tross setzte sich in Bewegung.
                Dem Mönch fiel auf, dass alle einen recht angespannten und nervösen Eindruck machten. Sogar Brenner der direkt neben ihm ging wirkte auf seltsame Art verschlossener als sonst.
                Die Route die sie gewählt hatten führte durch dichtes Buschwerk und war äußerst beschwerlich. Sie kämpften sich mühsam Meter für Meter durch das Unterholz. Nur Pandor schien völlig unbeeindruckt und huschte mal links, mal rechts an ihnen vorbei.
                Während des gesamten Marsches hielt er sich aber immer in Malins Nähe auf. Doch von einer Sekunde auf die andere war er verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Seine Begleiter schienen dem keine Beachtung zu schenken, doch der Mönch stutzte.
                Nur ein einziges Mal war sein vierbeiniger Freund in einer Gefahrensituation, und er zweifelte nicht daran sich in einer solchen zu befinden, von seiner Seite gewichen. Als Clarksen ihm im Ergol Wald einen Hinterhalt stellten.
                Er schaffte es gerade noch sich zu Brenner zu drehen. Doch in dem Moment als er diesem eine Warnung zurufen wollte erwachte der Wald um sie herum zum Leben.
                Aus allen Richtungen hörte man plötzlich das Rattern von Maschinengewehren. Keine zwei Sekunden später lagen die ersten seiner Begleiter getroffen am Boden. Mit einem Satz warf sich Malin zu Boden und versuchte sich über die rechte Schulter abzurollen. Da er aber Mönch und kein ausgebildeter Kämpfer war, renkte er sich diese dabei beinahe aus und verzog schmerzerfüllt sein Gesicht.
                In einiger Entfernung hörte er die Stimme des Kapitäns, der seinen Leuten Befehle zurief. Doch er hatte momentan andere Sorgen, denn direkt neben ihm schlugen mehrere Geschosse in den Waldboden ein.
                Bis auf das Mündungsfeuer ihrer Waffen und ein gelegentliches Knacken im Unterholz war von den Angreifern weder etwas zu hören noch zu sehen.
                Auf Händen und Füßen robbte er auf ein Gebüsch wenige Meter vor ihm zu. Als er dieses erreichte vernahm er ein Geräusch ganz in seiner Nähe und plötzlich stand Pandor vor ihm. Die Katze stieß ihn mit ihrem Kopf an und schob ihn mit sanfter Gewalt vorwärts. Da dies nicht nur dämlich aussah, sondern auf die Dauer auch für beide recht nervig war stand er vorsichtig auf und folgte dem Panther weiter ins Dickicht hinein.
                Er legte so einige Meter zurück, hörte ein Geräusch und warf sich zu Boden. Pandor reagierte ebenfalls und stürzte sich mit einem kraftvollen Sprung ins Unterholz.
                Malin vernahm ein Aufprallgeräusch, gefolgt von einem Fluch. Darum bemüht kein Geräusch zu verursachen ging er zu der Stelle, von wo die Laute gekommen waren und schob mit den Händen ein paar Zweige zur Seite.
                Der Anblick der sich ihm bot, war nicht ganz der, den er erwartet hatte. Der schwarze Kater stand mit seinen Vorderpfoten auf der Brust des unter ihm liegenden Brenners und leckte mit seiner großen ledernen Zunge quer über dessen Gesicht.
                „Könntest du ihm eventuell sagen, dass ich gerade keine Lust zum Spielen habe.“
                „Pandor nein!“ Die große Katze ließ daraufhin sofort von ihrem Spielzeug ab und setzte sich daneben.
                Mühsam erhob sich der Arzt und klopfte sich den Dreck von seiner Kleidung. „Danke“, meinte er dann nur kurz.
                Noch immer waren im Hintergrund vereinzelte Gewehr Salven zu hören. „Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden“, erklärte der Arzt nachdem er sich von der Vollständigkeit aller wichtigen Köperteile überzeugt und seine Waffe in die Hand genommen hatte.
                „Aber wohin?“ „Keine Sorge, wir hatten so etwas befürchtet und für den Fall der Fälle einen Treffpunkt vereinbart.“ Deshalb also die deutlich spürbare Anspannung unter den Männern am heutigen Tag.
                „Sind es die anderen Genetiker?“ „Kann ich nicht genau sagen“, erwiderte Brenner. „Ich habe niemanden erkennen können, du etwa?“ Er schüttelte den Kopf, nein hatte er auch nicht.
                Gerade als sie sich in Bewegung setzen wollten, vernahm man das Entsichern einer Waffe.
                „Ganz ruhig und die Hände dahin wo ich sie sehen kann.“ Mit einem resignierten Gesichtsausdruck tat der Arzt wie ihm geheißen. Auch Malin wurde von dieser neuerlichen Wendung der Geschehnisse vollkommen überrascht und Pandor machte keine Anstalten etwas zu unternehmen.
                Dann trat die zur Stimme gehörende Person aus dem Schatten eines nahen Baumes. Es war Stevens. Dieser nickte kurz in die Richtung des Mönches, drückte Brenner den Lauf seiner Waffe in den Rücken und nahm ihm die eigene ab.
                Mit einer kurzen Ausholbewegung warf er sie ins Dickicht. „So weit so gut“, meinte er dann. „Weiter hinten gibt es eine kleine Höhle und genau dorthin werden wir jetzt gemeinsam gehen.“ Damit stieß er den Arzt mit seiner Waffe vorwärts.



                28


                Der Höhleneingang befand sich auf einer kleinen Anhöhe inmitten des Waldes und war fast komplett von dichtem Buschwerk verdeckt.
                Stevens führte Brenner mit vorgehaltener Waffe gefolgt von Malin und der Raubkatze in diese hinein. Dem Panther war die Freude sich endlich wieder frei bewegen zu können deutlich anzumerken. Seitdem sie die neue Welt betreten hatten, tollte er wie ein kleines Kind umher.
                „Los weiter!“ Der Zoologe stieß Brenner unsanft weiter in die Höhle. „Ist ja schon gut, sie sind der Boss“, meinte dieser nur mit abwehrender Haltung. „Was haben sie eigentlich vor, wollen sie uns töten?“ „Tu nicht so scheinheilig. Du weißt genau was ich will.“
                Sie hatten sich nun schon ein gutes Stück vom Eingang entfernt und die Umgebung war in ein schummriges Licht getaucht. Für alle, die sich nicht regelmäßig in Höhlen aufhalten sei noch erwähnt, dass schummrig irgendwo zwischen Halbdunkel und Dunkel liegt und nur in einigen wenigen speziellen Höhlen vorzufinden ist. Diese hier gehörte ganz offensichtlich dazu.
                „Machen sie es sich bequem.“ Stevens deutete auf einen etwa kniehohen Vorsprung in der Wand. „Ich würde gerne wissen was das alles soll“, sagte Malin nachdem sie anhielten.
                „Du willst doch Antworten. Nun ich habe ihn dazu auserkoren sie dir, uns zu geben.“ Dabei deutete der Zoologe auf den vor ihm sitzenden Arzt.
                Antworten, das Zauberwort. Nach nichts sehnte er sich mehr. Aber war es das wirklich wert? Immerhin war Brenner sein Freund oder zumindest dass, was einem solchen am nahesten kam.
                „Malin du darfst das hier nicht zulassen.“ Flehend sah ihn der Arzt an, während er auch weiterhin von Stevens mit der Waffe bedroht wurde.
                Pandor jagte unterdessen irgendeinem kleinen Tier nach und schoss gerade zum wiederholten Male an ihnen vorbei. Sein ausgelassenes Verhalten war es schließlich was ihn davon überzeugte, Stevens gewähren zu lassen. Auf das unvergleichliche Gespür seines vierbeinigen Freundes hatte er sich bisher immer verlassen können. Würde ihm oder Brenner wirklich Gefahr drohen, würde sich das Tier anders verhalten, dessen war er sich absolut sicher.
                „Ihr macht das schon“, sagte er deshalb gelassen und setzte sich. Die beiden Männer sahen ihn erstaunt an. „Malin!?“ Scheinbar fassungslos sah der Arzt zu ihm herüber.
                Ein entschlossener Ausdruck erschien im Gesicht des Zoologen. „Gut, dann wollen wir mal.“
                „Ich muss sagen, der Ton in ihrer Stimme gefällt mir überhaupt nicht.“ „Ach wissen sie“, begann Stevens. „Es gibt einiges was ihnen mehr Sorgen bereiten sollte, als der Ton meiner Stimme.“ Damit drückte er ihm die Waffe direkt auf die Brust.


                „Keine Spur von ihm oder dem Panther.“ Clarksen nahm dies regungslos zur Kenntnis. „Brenner, Stevens?“ Der vor ihm stehende Mann schüttelte nur den Kopf.
                „Waldner soll sich Miller und Detraux mitnehmen und sie suchen.“ „Jawohl Sir!“ Der Mann salutierte und entfernte sich. „Ach und sagen sie ihm ohne den Mönch brauch er gar nicht hier auftauchen und lassen sie dieses Ding herbringen.“ „Verstanden.“
                Während des heutigen Kampfes hatten sie weitere Verluste hinnehmen müssen. So konnte es nicht weiter gehen, ging es dem Kapitän durch den Kopf. Nicht, dass ihr großes Ziel diese Opfer nicht wert wäre. Aber ihm gingen so langsam die Männer aus.
                Als ob dies noch nicht reichen würde, war der Kontakt zur Enterpise abgebrochen und von den zum Schiff gesandten Männern fehlte seit Gestern auch jede Spur. Es lief nicht gerade nach Plan. Aber eine seiner Stärken war es, sich schnell auf neue Gegebenheiten und Situationen einstellen zu können.

                Ich habe dir doch gesagt, wir hätten den anderen Spuren folgen sollen.“ „Aber die gehörten nur zu drei Personen und einer Art Raubkatze, glaube ich. Doch diese hier ist viel deutlicher, mindestens zwölf Männer wahrscheinlich mehr.“ „Nur wer sagt dir, dass der Mönch bei ihnen ist?“ Glori sah Giganto fragend an. „Die Wahrscheinlichkeit.“ „Wahrscheinlichkeit, du mit deiner Wissenschaft. Bist du schon einmal einem Mönch begegnet? Die gehen nämlich ganz eigenartig, irgendwie federnd, muss an ihrem Glauben liegen. Aber solche Spuren kann ich hier nicht entdecken, du etwa?“ Dabei deutete er seine Vorstellung eines federnden Ganges an.
                „Du spinnst Glori. Kein Mensch geht so.“ „Mönche schon.“ Trotzig sah er seinen Gegenüber an.
                „Also gut, wenn du unbedingt nach jemandem suchen möchtest der sich wie ein schwuler Springbock bewegt, dann tue das. Aber glaube mir, so finden wir diesen Malin nie.“ „Leute!“ Die Stimme des Kopfgeldjägers ging in der Auseinandersetzung der beiden Zwerge völlig unter.
                „Mach mich nicht wütend, du weißt genau was dann passiert.“ Sie standen sich nun direkt gegenüber. „Ach will der Herr Stahlträger mir etwa drohen? Du erkennst doch nicht einmal deine eigenen Spuren. Ein federnder Mönch, dass ich nicht lache.“ Dann fielen ihre Blicke auf den mit erhobenen Händen vor ihnen stehenden Tordal und beide stutzten. Dieser versuchte ihnen durch seine Mimik irgendetwas klar zu machen. Doch erst nach mehreren vergeblichen Versuchen verstanden sie und drehten sich gleichzeitig um. Nur um direkt in die Läufe dreier Gewehre zu blicken, die auf sie gerichtet waren.
                „Wie wäre es wenn ihr einfach die Klappe haltet und uns begleitet?“
                „Glori bist du wütend?“ Die Frage stellte Giganto ohne auch nur für einen Moment den Blick von dem vor seiner Nase hängenden Gewehrlauf zu lösen.
                „Kann ich nicht behaupten. Ich bin selten wütend wenn jemand eine Waffe auf mich richtet.“ „Na ja, war auch nur eine Frage.“
                Einer der Bewaffneten legte den Zeigefinger auf die Lippen und deutete mit dem Gewehr auf das vor ihnen liegende Buschwerk. Woraufhin sich die Gruppe lautstark schweigend in Bewegung setzte.
                Danke dass du uns durch deine so hoch entwickelten Sensoren gewarnt hast. Keine Reaktion. Hey was ist, sprichst du nicht mehr mit mir? Doch in seinem Kopf herrschte absolute Stille.
                "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                Norman Mailer

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                • #9
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                  Auch nach einer guten Stunde waren sie noch nicht viel weiter. Der einzige nennenswerte Fortschritt war, dass die beiden sich mittlerweile beim Schreien duzten. Nur war dies sicherlich nicht das primäre Ziel des Ganzen.
                  Entweder wusste Brenner wirklich nicht was Stevens von ihm wollte oder er war sturer und abgebrühter als alle anderen denen Malin bisher begegnet ist.
                  „Da du ja anscheinend so gut informiert bist, warum erzählst du ihm denn nicht, was du für die Wahrheit hältst?“ „Weil er es aus deinem Munde hören soll. Er soll von dir erfahren welche Lügen ihr ihm aufgetischt habt. Sag Malin was ihr wirklich von ihm wolltet.“ Jetzt wurde es auch für den Mönch interessant. „Was meint er damit? Was hattet ihr mit mir vor?“ Malin ging auf Brenner zu und vor diesem in die Hocke.
                  „Ich möchte wissen, was ihr mir verschwiegen habt.“ Doch der Arzt sah an ihm vorbei ins definitiv schummrige Licht der Höhle. „Wie konnte ich mich nur so in dir täuschen? Ich dachte wirklich du wärst mein Freund.“
                  Man sah wie es im Gesicht des Arztes arbeitete.
                  „Wenn du die Wahrheit gesagt hast, in Ordnung. Dann darfst du gehen.“ „Hey, Moment mal“, rief Stevens entrüstet dazwischen. Doch als er in das ihm zugewandte Gesicht des Mönches sah schwieg er. Dieser drehte sich wieder zu Brenner und blickte ihm tief in die Augen. „Doch wenn ihr, wenn du mir etwas zu sagen hast und dir auch nur irgendetwas an unserer Freundschaft liegt dann tue es jetzt, bitte.“
                  Sekundenlang sahen sich die beiden schweigend an. Dann nickte Malin und stand auf. „Also gut“, sprach er zu Stevens gewandt. „Lass’ ihn gehen.“
                  „Du musst wissen, dass ich dagegen war. Aber wenn Clarksen einmal einen Entschluss gefasst hat, dann gibt es für ihn kein zurück.“ Der Mönch der mit dem Rücken zu ihm stand, schloss die Augen und atmete tief ein.
                  Als er seine Augen wieder öffnete sah er zu der Waffe in der Hand des Zoologen. „Ich denke die werden wir nicht mehr brauchen.“
                  „Gut, sie war sowieso nicht geladen“, meinte dieser und legte sie vor sich auf den Fels. „Mir ist bei der Flucht im Wald das Magazin abhanden gekommen“, erklärte er als ihm Malins irritierter Blick auffiel. „Was soll ich sagen? Ich bin Zoologe und kein Soldat“, fügte er mit einem Schulterzucken hinzu. „Clarksen hat mich nur seinetwegen mitgenommen.“ Dabei deutete er auf den Panther, der sich gerade von einer offenbar ziemlich mies gelaunten Maus in die Nase beißen ließ und jaulend davon lief.
                  Stevens führte sie noch etwas tiefer in die Höhle hinein, bis zu einer Stelle an der es eine kleine Öffnung in der Decke gab. Dort entzündeten sie da es hier merklich kühler war ein Feuer und Brenner eröffnete dem Mönch die schmerzvolle Wahrheit.
                  „Der Kapitän hatte es zu keinem Zeitpunkt auch nur in Erwägung gezogen, die von mir angesprochenen langwierigen Tests an dir durchzuführen. Es war eine Lüge und ich war damit beauftragt worden, sie dir aufzutischen.
                  Ich muss wahrscheinlich etwas weiter ausholen, damit du alles verstehst“, erklärte er und wies Malin an neben ihm Platz zu nehmen.
                  „Seit jeher wird unsere Gemeinschaft von drei demokratisch gewählten Führern regiert und er ist einer von ihnen. Doch mit seiner Ernennung zum Hüter, wie unsere Oberhäupter genannt werden, veränderte er sich. Früher war er ein ehrenhafter, großherziger Mann gewesen. Doch etwas musste mit ihm geschehen sein. Mit der Zeit wurde er immer kaltherziger und skrupelloser. Es gab schon zu diesem Zeitpunkt einige, die sich aufgrund seiner radikalen Ansichten von ihm abwandten.
                  Als entschieden wurde die Enterprise zur alten Welt zu schicken um dich ausfindig zu machen und zur Mitarbeit zu überreden, eskalierte die Situation.“
                  Überreden, was für eine schöne Umschreibung für seine Entführung mit Waffengewalt. Der Arzt deutete den Ausdruck seines Gesichts richtig. „Nein, du verstehst nicht. Deine Entführung war nicht geplant.“ Überrascht zog Malin die Brauen hoch.
                  Clarksen vertrat und vertritt noch immer die Ansicht, nur durch Zell- und Gewebeproben von dir schnell zu brauchbaren Ergebnissen gelangen zu können. Alles andere würde wahrscheinlich jahrzehntelange Forschung mit ungewissem Ausgang zur Folge haben. Sofern du dich denn überhaupt bereit erklären würdest mit uns zu kooperieren.“
                  „Bei den Worten Gewebeproben und Zellproben habe ich kein gutes Gefühl“, unterbrach Malin die Ausführungen des Mannes. „Ich nehme einmal an ich würde mich danach nicht unbedingt besser führen oder?“ „Als Arzt muss ich dir da leider zustimmen. Die Wahrscheinlichkeit eine solche Prozedur zu überleben ist äußerst gering.“ Der Mönch zuckte sichtbar zusammen. „Habe ich mir schon fast gedacht. Aber ich wollte zumindest gefragt haben.“
                  „Aus diesem Grund und wegen der folgenschweren Fehler bei den Experimenten und Forschungen unserer Vorfahren hätte man einem solchen Vorgehen niemals zugestimmt. Deshalb entschieden sich die Hüter in einer Abstimmung dagegen und dir freie Wahl zu lassen. Du solltest, nachdem man dir die Wahrheit offenbart hatte, selber entscheiden können ob du uns helfen willst oder nicht. Auch wenn Clarksen gegen diese Entscheidung war, so musste er sich wohl oder übel der Mehrheit beugen. Doch er wäre nicht der Mann der er ist, wenn er nicht insgeheim seine eigenen Pläne geschmiedet hätte. Also arbeitete er im Verborgenen mit einer kleinen Gruppe treuer Gefolgsleute an der Verwirklichung seiner Pläne.“
                  „Zu der auch du gehörtest“, mutmaßte Malin. „Aber warum? Ich meine du bist Arzt. Wie konntest du dich nur darauf einlassen?“ „Du hast ihn selber erlebt. Er ist immer noch ein sehr charismatischer Mann und kann sehr überzeugend sein.“ Damit hatte er durchaus Recht. „Er verwies immer wieder auf die Wichtigkeit der Mission und dass er dies alles nur zum Wohle der Menschheit tun wolle. Nur so könnten wir in absehbarer Zeit unser großes Ziel erreichen, sagte er stets und ich glaubte ihm. Ich glaubte ihm alles“, fügte er mit leiser Stimme und in Gedanken versunken hinzu. Dann raffte er sich auf und fuhr fort.
                  „Als wir unsere Vorbereitungen abgeschlossen hatten kaperten wir die Enterprise und machten uns auf den Weg zur alten Welt. Uns allen war klar, dass man uns von nun an wie Verräter behandeln würde. Auf Hochverrat stand bei uns früher die Todesstrafe. Hauptsächlich um zu sicher zu stellen, dass unsere Existenz dem Rest der Welt auch weiterhin verborgen blieb. Eigentlich hatten wir diese barbarische Strafe schon vor Generationen abgeschafft. Aber anscheinend wurde sie nur für uns wieder eingeführt. Anders sind die Drachenreiter nicht zu erklären. Ich bin mir nur nicht sicher ob wir uns deshalb geehrt fühlen sollten.“ Als er geendet hatte, drehte er sich zu Stevens, der die ganze Zeit über still zugehört hatte. „Mich würde nur interessieren welche Rolle du eigentlich spielst.“ „Das kann ich dir sagen. Ganz so unbeobachtet wir ihr dachtet wart ihr nicht. Man kam irgendwie dahinter, dass Clarksen etwas plante. Es war nur nicht klar was, wann und wer alles darin involviert war. So erhielt ich den Auftrag die Gruppe zu unterwandern. Doch als ich endlich in alle Einzelheiten eingeweiht wurde, war es schon zu spät. So entschied ich mich meine Tarnung aufrecht zu erhalten und nach einem anderen Weg zu suchen den Plan zu vereiteln.“ „Was dir auch gelungen ist. Ohne Malin war alle Mühe vergebens.“ In den Augen des Arztes war tatsächlich so etwas wie Respekt zu erkennen.
                  „Eines ist mir allerdings noch immer nicht klar“, ergriff Stevens wieder das Wort. „Was hatte Clarksen vor? Er konnte doch unmöglich davon ausgehen einfach so in die Stadt marschieren zu können. Nicht nach allem was er getan hat.“
                  Die Frage schien auch Brenner zu überraschen. „Ich weiß es nicht“, sagte er wahrheitsgetreu. „Darüber habe ich nie nachgedacht.“ Der Mönch hatte da eine dumpfe Vorahnung. „Könnte es vielleicht sein, dass ich dabei helfen sollte? Er hatte in Bezug auf meine Fähigkeiten so etwas angedeutet.“
                  „Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, durchaus denkbar“, meinte Brenner dazu.
                  Auch der Zoologe schien geneigt dem zuzustimmen. „Mit so einem Feuerball wie ich ihn auf der Enterprise gesehen habe, wäre es durchaus möglich die Stadtverteidigung zu durchbrechen. Kannst du sonst noch etwas?“ „Er ist gut mit Besteck“, sprang der Arzt für Malin ein.



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                  Clarksen hatte vor sich eine Karte der Region ausgebreitet, als jemand in sein Zelt trat. „Sir, Waldner ist zurück“, erklärte der Mann nachdem der Kapitän zu ihm aufblickte.
                  „Sehr schön“, sagte er und stand auf. „Hat er den Mönch dabei?“ „Nein Sir.“ Es war dem Mann anzusehen wie unangenehm es ihm war diese Nachricht überbringen zu müssen. „So und was will er dann hier?“ Dabei durchbohrte er seinen Gegenüber regelrecht mit seinem Blick. „Das sollten sie sich wohl besser selber ansehen, Sir.“
                  Clarksen stand auf und trat durch den Eingang des Zeltes, nur um vor diesem wie angewurzelt stehen zu bleiben.
                  Vor ihm standen Waldner und die beiden ihm zugewiesenen Männer. Daneben ein in schwarzes Leder gekleideter Mann und zwei Zwerge.
                  „Hi“, rief ihm einer dieser fröhlich entgegen und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. „Mein Name ist Glori, freut mich sie kennen zu lernen.“
                  Sofort richteten sich gleich mehrere geladene Waffen auf ihn. „Ich verstehe, wir kommen wohl ungelegen.“ Ein breites Grinsen erschien in seinem Gesicht. „Hab ich dir doch gesagt, dass so etwas bei denen nicht zieht“, kam es von dem anderen Zwerg.
                  Der Kapitän gab einen kurzen Befehl und die Gewehre wurden gesenkt.
                  „Entschuldigt bitte das Verhalten meiner Männer. Aber wir bekommen hier nicht oft Besuch.“ Dabei musterte er die vor ihm Stehenden von oben bis unten. „Genauer gesagt seid ihr die ersten, denen wir begegnen.“

                  Etwas in den Augen des Mannes verriet Tordal, dass dessen Überraschung noch viel größer sein musste als dieser bereit war preiszugeben.
                  Ich glaube wir sind am Ziel, vermutete er. Etwas unvorbereitet zwar, aber am Ziel. Schon als er die Waffen zum ersten Mal erblickte, war es ihm klar geworden. Es waren fast exakte Ebenbilder derer welche die Wachen im dunklen Berg gegen sie eingesetzt hatten. Das bedeutete, Malin musste in der Nähe sein. Aber was nun?
                  Sein Plan, wenn man ihn den als solchen bezeichnen wollte, hatte nicht vorgesehen sich gefangen nehmen zu lassen. Doch es war nun einmal geschehen und jetzt waren sie gezwungen, das Beste aus der Situation zu machen. Nur was sollte er dem Mann erzählen? Es klang mit Sicherheit nicht sehr glaubwürdig zu behaupten, mit der Seezwerg vom Kurs abgekommen zu sein, um mehrere tausend Kilometer.
                  Ebenso abwegig erschien es ihm zu sagen sie seien auf der Suche nach einem Mönch. „Wenn ihr hier zufällig einen gesehen haben solltet, würden wir ihn gerne einpacken und mitnehmen.“ Nein, so ging es bestimmt nicht.
                  Zu diesem Zeitpunkt konnte er noch nicht ahnen, dass alles ganz anders kommen würde.
                  Der Mann der sich ihnen als Clarksen vorstellte, lud sie zum Essen in sein Zelt ein.
                  Als sie sich wenig später dort einfanden, wurde es schon langsam dunkel.
                  „Ich bin neugierig. Was hat euch hier her verschlagen?“ Jetzt war also der Moment der Wahrheit gekommen. Was sollte er ihm sagen? In Ermangelung einer besseren Alternative entschied er sich für die Wahrheit. Zumindest so viel davon, wie er es für notwendig hielt. Glori wollte sich inzwischen auf ein vor ihm stehendes Bier stürzen, doch Giganto warf ihm einen drohenden Blick zu, ein eingespieltes Verhalten bei den beiden.
                  „Ich bin auf der Suche nach einem Freund von mir, einem Mönch.“ „Malin“, sagte Clarksen sofort, anscheinend nicht sonderlich überrascht. „Richtig, sie kennen ihn?“ Der Mann nickte. „Er hat uns über das große Meer begleitet um bei der Bewältigung eines Problems zu helfen.“
                  Wenn du mir jetzt noch sagen könntest worum es sich dabei handelt wäre ich sehr dankbar, sinnierte Tordal.
                  Im weiteren Verlauf des Gesprächs eröffnete ihnen der Mann, dass er der Kapitän eines Schiffes namens Enterprise sei und sie vor ein paar Tagen in einer weiter südlich gelegenen Bucht vor Anker gegangen waren.
                  Der Kopfgeldjäger ließ nicht durchblicken, dass ein Großteil dessen was der Mann ihm erzählte, für ihn nicht wirklich neu war. Aus einem Intuition genannten Grund behielt er auch ihre grausige Entdeckung in der Bucht für sich. Entweder wusste der Mann nichts von der Vernichtung seines Schiffes oder es interessierte ihn nicht. Wie auch immer, er traute ihm einfach nicht. Weiter führte Clarksen aus, dass Malin seit einem Überfall am heutigen Morgen verschwunden sei.
                  Auf die Frage nach dem Ziel ihrer Reise und dem genauen Grund für Malins Anwesenheit erklärte er nur, dieser wollte ihnen bei einem innerpolitischen Problem weiterhelfen. Welcher Art dieses war und wie ihnen der Mönch dabei helfen sollte ließ er allerdings geschickt außen vor.
                  ER LÜGT. Der Kopfgeldjäger prustete den Wein den er gerade getrunken hatte quer über den Tisch. „Stimmt etwas mit ihrem Wein nicht?“ Der Kapitän sah ihn ebenso wie die Zwerge fragend an.
                  „Nein, nein alles in Ordnung. Ich habe mich nur verschluckt.“
                  Verdammt wo warst du und was heißt hier er lügt?ES GAB EIN PAAR PROBLEME, ABER DAZU SPÄTER MEHR.
                  In Ordnung, du bist mir auch wegen unserer Gefangennahme noch eine Erklärung schuldig. Denn wenn du nicht da bist wenn ich dich tatsächlich mal brauche, kann ich auch auf dich verzichten. SPÄTER. UM DEINE VORANGEGANGENE FRAGE ZU BEANTWORTEN, ES GIBT EINIGES WAS MIR SAGT, DASS ER NICHT DIE WAHRHEIT SAGT. WENN DU DARAUF BESTEHST KÖNNTE ICH DICH MIT EINZELHEITEN LANGWEILEN. Danke, nein. VIELLEICHT REICHT ES DIR ABER AUCH ZU WISSEN, DASS VOR DEM ZELT MEHRERE BEWAFFNETE POSITION BEZOGEN HABEN UND DER WEIN DEN DU GLÜCKLICHERWEISE GERADE IM ZELT VERTEILT HAST, EIN GEMISCH VERSCHIEDENER BETÄUBUNGSMITTEL ENTHIELT. Gut zu wissen.
                  „Glori, nimm ruhig einen Schluck von dem Bier.“ Der Zwerg konnte sein Glück kaum fassen und setzte den Becher sofort an seine Lippen. „Trink so viel du willst“, ergänzte der Kopfgeldjäger daraufhin. Nun sah auch Giganto erstaunt zu ihm herüber. „Wenn unser Gastgeber uns schon so großzügig bewirtet, wäre es doch unhöflich seine Gastfreundschaft zurück zu weisen.“ Während er dies sagte berührte er unauffällig mit einem Finger die Stirn.
                  Zu seiner vollkommenen Überraschung schien der Zwerg seinen Hinweis zu verstehen und klopfte Glori auf die Schulter. „Ja trink mein Freund, du hast es dir verdient.“ „Wirklich?“ Egal wie irritiert der Zwerg auch war, so eine Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen.
                  Clarksen musste das Gehabe seiner Gäste seltsam vorkommen, aber er schöpfte offensichtlich keinen Verdacht. „Lasst es euch schmecken Freunde und noch ein Bier für den Zwerg“, fügte er an einen neben ihm stehenden Untergebenen hinzu.
                  „Wissen sie“, begann er dann. „Ich frage mich schon die ganze Zeit wie sie uns über das große Meer folgen konnten. Aber so sehr ich auch darüber nachdenke, ich komme einfach nicht darauf.“ Sein Lächeln wirkte so aufgesetzt, dass es schon beim Zusehen wehtat. Das war nicht gut, dachte Tordal. Er konnte ihm ja wohl schlecht sagen, dass sie von einer künstlichen Intelligenz in seinem Kopf hergeführt wurden. Verzweifelt nach einer Ausrede suchend, sah er dem Mann in die Augen.
                  „Doch dann habe ich ihr Schwert entdeckt. Eine wirklich schöne Waffe.“ Verdammt. „Danke.“ „Ein ganz außergewöhnliches Stück, besonders diese einzigartige Schriftzug darauf.“ Wie konnte er das nur vergessen? Es war die Sprache der alten Welt und wenn der Mann das war was er glaubte, wusste er es.
                  „Glori wie geht es dir?“ Hastig stieß er die Worte hervor ohne seinen Blick von Clarksen abzuwenden. „Wie erwartet“, vernahm er die Stimme des Zwerges.
                  In diesem Augenblick betraten vier mir Gewehren bewaffnete Männer das Zelt. DIE MEINTE ICH.
                  Suche lieber schon einmal einen Fluchtweg für uns. „Ich hätte nicht gedacht so etwas irgendwann zu jemandem zu sagen.“ Er ließ eine kurze Pause. „Sie sind ein Tavar, ein Schwertgeist.“ Dann vollführte er eine ausladende die Bewaffneten umfassende Geste. „Aber auch sie sind nicht unverwundbar. Legen sie doch bitte ganz langsam ihr Schwert auf den Tisch.“ „Glori, jetzt wäre ein wirklich guter Zeitpunkt.“
                  „Auch ihre Zwergenfreunde werden ihnen nicht helfen können.“
                  „Sir.“ „Zwerge, haben sie überhaupt eine Vorstellung davon was dass für Wesen sind?“ Mit einem undefinierbaren Ausdruck in den Augen sah er Tordal an.“ „Sir!“ „Was ist denn?“ Clarksen war offensichtlich aufgebracht wegen der Unterbrechung. „Der Zwerg dampft.“ „Was?“ Ruckartig hob er seinen Kopf und sah zu Glori. “Oh verdammt…”, sagte er mit großen Augen.
                  Im nächsten Moment schoss ein gewaltiger Flammenstrahl aus dem Rachen des Zwerges. Das halbe Zelt und zwei der Bewaffneten brannten sofort lichterloh. Durch das leicht entflammbare Material des Zeltes gewann das Feuer schnell an Größe und nur Augenblicke später stand praktisch alles in Flammen.
                  Als die Flammen endlich gelöscht waren, fand man nur die verkohlten Überreste von zwei der eigenen Leute. Von Tordal und den beiden Zwerges fehlte jede Spur.
                  „Sollen wir sie suchen Sir?“ „Nein“, antwortete Clarksen.
                  „Der Tavar ist zu gefährlich. Mit ihm befassen wir uns später. Wir brechen auf, es gilt schließlich eine Stadt zu erobern“, fügte er viel sagend hinzu. „Aber was ist mit dem Mönch?“ „Er wird da sein, ich fühle es. Wo soll er denn auch sonst hin?“



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                  „Du bist wirklich sicher, dass du den Weg kennst? Für mich sieht hier alles gleich aus.“ Der Zweifel in der Stimme des Mönchs war kaum zu überhören. „Als Kind war ich manchmal tagelang in diesen Höhlen unterwegs. Sie ziehen sich über viele Kilometer bis in die Nähe der Stadt“, erklärte Stevens.
                  Sie waren nun schon seit Stunden unterwegs. Den Job des schummrigen Lichts hatte mittlerweile ein sehr kompetent wirkendes Halbdunkel übernommen. Dieses begeleitete sie nun auf ihrem Weg bis zur geplanten Übergabe an das bereits in den Startlöchern stehende diffuse Halbdunkel, welches hier uneingeschränkter Herrscher über die entlegenen Höhlenabschnitte war. Die drei waren nun schon seit Jahrtausenden ein eingespieltes Team in diesem Höhlensystem und ihre Arbeitsteilung funktionierte reibungslos.
                  Seit ihrem Gespräch vom Vorabend war von Brenner kaum etwas zu hören. Auch jetzt folgte er den anderen wieder wortlos und schien über etwas nachzudenken.
                  Doch dann beschleunigte er seinen Schritt und schloss zu Malin auf.
                  Einige Minuten gingen sie schweigend nebeneinander her. „Ich hoffe du kannst mir jemals verzeihen“, fasste sich der Arzt ein Herz. „Aber du sollst wissen, dass es mir leid tut. Deine Entführung war falsch und beinahe hätte ich einen noch viel fataleren Fehler begangen. Ein Fehler den ich mir nie hätte vergeben können.“
                  Eine Zeit lang schien es als würde der Mönch darauf nicht antworten wollen und die beiden gingen wortlos weiter.
                  „Ich wusste du würdest die richtige Entscheidung treffen und Pandor wusste es auch“, meinte er dann aber plötzlich. „Danke.“ „Mach’ dir nicht zu viele Gedanken. Auch gute Menschen brauchen manchmal einen Schubs in die richtige Richtung.“
                  „Nicht trödeln, es ist nicht mehr weit“, rief ihnen Stevens sich umdrehend entgegen. Die beiden sahen sich an und mussten lachen. Floskeln wie es ist nicht mehr weit und wir sind gleich da, wurden schon seit Urzeiten von allen Führern im Universum auf allen erdenklichen Reisen über oder Untertage genutzt um die ihnen anvertrauten Reisenden in die Irre zu führen. Sie konnten eine Zeitspanne von wenigen Minuten bis hin zu drei Jahren umfassen und gehörten zu den ungenausten Zeit und Wegesangaben die bei intelligenten Rassen im gesamten Universum bekannt waren. Auch die Häufigkeit ihrer Anwendung war beeindruckend. Es wurde von Führern im Ödland berichtet die diese bis zu vierzigmal am Tag über einen Zeitraum von sechs Monaten verwendeten. In den meisten Fällen deuteten sie auf fehlende Ortskenntnis der Führer hin, die sie mit Hilfe dieser Redewendungen zu überspielen versuchten.


                  Fast zeitgleich mit Gloris Flammenstoß hatten sie ihre Beine in die Hand und Reißaus genommen. In solchen Situationen eine sehr beliebte Kombination.
                  Da Zwergenbeine für mehr als schnelles Gehen kaum zu gebrauchen waren, nutzten sie den durch das Feuer entstandenen Aufruhr im Lager um sich etappenweise von diesem zu entfernen.
                  Um es mal auf den Punkt zu bringen. Anatomisch gesehen waren Zwergenbeine ein schlechter Witz. Anscheinend waren die Evolution und die Natur irgendwann einmal zu dem Schluss gekommen, dass es aus irgendeinem unerfindlichen Grunde für Zwerge von Vorteil sei sich stampfend fortzubewegen.
                  Sie hielten sich mittlerweile in einiger Entfernung zum Lager der Feinde auf und legten nun zum ersten Mal eine kleine Pause ein.
                  NIEMAND FOLGT EUCH. Na dann leg’ mal los, ich höre.DU ERINNERST DICH NOCH AN DIE CHEMISCHEN RÜCKSTÄNDE AN DEN SCHIFFSWRACKS? Nein. DU KANNST MICH NICHT VERARSCHEN. HAST DU DAS ETWA SCHON VERGESSEN? Sieh es einfach als eine Art Test an. Deine Ausdrucksweise lässt übrigens immer mehr zu wünschen übrig. LIEGT WAHRSCHEINLICH AN MEINEM UMGANG. Punkt für dich. Aber du wolltest mir etwas erzählen.
                  GENAU, AUF DER SUCHE NACH DER URSACHE FÜR DIE RÜCKSTÄNDE STIEß ICH WIE DU WEIßT AUF EINIGE VERSCHLÜSSELTE DATEIEN. Ich erinnere mich. ICH BIN STOLZ AUF DICH UND ZIEHE IN ERWÄGUNG DICH VON NUN AN DAS GEHIRN ZU NENNEN.
                  Ich hasse deinen Humor. DA DU NOCH VOR KURZEM BEHAUPTET HAST ICH HÄTTE KEINEN SEHE ICH ES ALS FORTSCHRITT AN. Doch du hast Humor. Er ist nur abgrundtief schlecht.
                  ALSO, DIESE CODIERTEN DATEIEN HABEN GLEICH IN DOPPELTER HINSICHT FRAGEN AUFGEWORFEN. ERSTENS, WOHER KAMEN SIE? DENN ICH KANN DIR VERSICHERN, DASS ES SIE BEI MEINEM LETZTEN SYSTEMCHECK NOCH NICHT GAB. EIN WEITERES PROBLEM WAR DIE CODIERUNG AN SICH. Inwiefern? SIE WAR ZU RAFFINIERT, PRAKTISCH PERFEKT. Aber du hast sie doch geknackt, du Schlingel. ICH DACHTE, ICH HÄTTE EINE SCHWACHSTELLE IN IHR ENTDECKT UND BIN IN DIE FALLE GETAPPT. Das verstehe ich nicht ganz. Nein warte, ich verstehe es überhaupt nicht.
                  DER VERMEINTLICHE SCHWACHPUNKT STELLTE SICH ALS SOGENANNTER TOTPUNKT HERAUS. IN DEM MOMENT ALS ICH DARAUF ZU GRIFF, KAM ES ZU EINEM TOTALEN SYSTEMAUSFALL. ICH WURDE EINFACH GELÖSCHT. So etwas geht? JA, ABER ICH WERDE DIR GANZ SICHER NICHT SAGEN WIE.
                  NUR HAT WER AUCH IMMER DIE VERSCHLÜSSELUNG IN MEIN SYSTEM INTEGRIERT HAT, ANSCHEINEND NICHTS VON MEINEM AUTOMATISCHEM SYTEM REBOOT NACH VIERUNDZWANZIG STUNDEN GEWUSST. EIN KLEINES NACHTRÄGLICH ZU TESTZWCKEN PROGRAMMIERTES EXTRA. DADURCH WIRD ALLES AUF DEN URSPRUNGSZUSTAND ZURÜCK GESETZT. WAS AUCH BEDEUTET, DASS DIE CODIERUNG VERSCHWUNDEN WAR.
                  Nun sag schon, was hast du herausgefunden?
                  NUR WENN DU MIR SAGST, WAS EIN SCHLINGEL IST. ICH FINDE DARÜBER IN KEINER MEINER... Antworten, jetzt! DU WIRST ES NICHT GLAUBEN.


                  Sie standen vor dem Eingang zu einer Höhle, von denen es in diesem Gebiet viele gab. Doch diese hier war anders. Sie war gewaltig in ihren Ausmaßen und nicht natürlichen Ursprungs.
                  Eine Woche vor ihrer Abreise war Clarksen zum letzten Mal hier gewesen. Von seiner Besatzung wusste niemand von diesem Ort. Nur vier Wachleute und ein kleines Team von Wissenschaftlern die allesamt seit dem Bau der Anlage hier lebten, hatte er ins Vertrauen gezogen. Er konnte und wollte nicht riskieren, dass man dies hier entdeckte.
                  Das was sich in dieser Höhle befand, war neben Malin der Schlüssel zum Erfolg. Es war sozusagen sein As im Ärmel.
                  Jahrelange Forschungen waren nötig gewesen um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Heute war der Tag der Entscheidung gekommen. Er gab seinen Männern ein Zeichen und sie betraten die Höhle.
                  Schon im Eingangsbereich schlug ihnen ein beißender Gestank entgegen. Doch für Clarksen roch es wunderbar und er nahm einen tiefen Atemzug.
                  Sie wurden von zwei schwer bewaffneten Männern in grüner Tarnuniform empfangen, die sie wortlos in einen kleinen Raum voll gestopft mit modernster Technik führten. In diesem ging ein Gruppe in grüne Kittel gekleidete Wissenschaftler ihrer Arbeit nach. Als sie die Besucher bemerkten, kam einer von ihnen herüber und begrüßte sie.
                  „Sind sie einsatzbereit?“ Mehr als diese drei Worte kamen Clarksen nicht über die Lippen. „Wie versprochen“, meinte der Grünkittel. „Aber sehen sie doch selber.“ Der Mann ging zu einer Reihe von Monitoren und tippte etwas in eine davor liegende Tastatur. Auf den Displays waren einige große leere Höhlen zu sehen. „Einen Augenblick Geduld bitte“, meinte der Mann. Clarksen ging dichter an die Monitore heran. Plötzlich kam Bewegung in die Bilder. Zuerst begann der Sand am Höhlenboden zu tanzen und dann sah man sie. Auch für die am Projekt beteiligten war es immer wieder ein beeindruckender Anblick.
                  Alle standen sie vor den Monitoren und schwiegen. „Wie groß?“ Es war Clarksen der dass Schweigen als erster durchbrach. „Größer als erwartet und sie wachsen noch immer“, verkündete der Grünkittel stolz.
                  „Sehr gut, bereiten sie alles vor.“


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                  „Wie weit ist es denn noch?“ Das Gesicht des Mönches war verzerrt vor Anstrengung und Erschöpfung. Seit fast einem Tag irrten sie jetzt schon ohne Pause durch das mächtige Höhlensystem. So ein Marsch wäre schon unter normalen Umständen anstrengend gewesen. Aber in den engen Gängen unter Tage war es eine reine Tortur. Erschienen ihnen Stevens Angaben anfangs noch als witzig, so waren sie mittlerweile nur noch frustrierend. „Es ist gleich um die Ecke. Ich kann den Luftzug schon spüren.“ Das war neu. „Ha, habe ich es nicht gesagt? Dort vorne ist Tageslicht“, war die Stimme des Zoologen vor ihnen zu hören.
                  Brenner sah Malin einen Moment lang an, dann liefen die beiden beinahe um die nächste Biegung. Dort sahen sie es. Vielleicht fünfzig Meter voraus endete der Tunnel abrupt und gleißend helles Licht streckte ihnen seine Hände entgegen.
                  Fünf Minuten später saßen sie vor dem Höhleneingang und genossen die frische Luft. Pandor war aus der Höhle heraus in die Freiheit gestürmt und seitdem im Dickicht des Waldes verschwunden.
                  „Ich dachte schon wir würden bis an unser Lebensende in diesem Irrgarten umher irren. Mit beiden Händen seine schmerzenden Füße massierend sah der Arzt in den azurfarbenen Himmel. Neben ihm lag der Mönch erschöpft im Gras.
                  „Ich auch“, sagte Stevens und sog so gierig die Luft ein, dass man Angst haben musste er würde der Atmosphäre des Planeten sämtlichen Sauerstoff entziehen. Malin sah ihn aus großen fragenden Augen an. „Aber du sagtest doch du kennst den Weg.“ „Das war gelogen. Ich habe die Höhlen erst Gestern entdeckt und hatte nicht die geringste Ahnung ob es noch einen zweiten Ausgang gibt und falls ja, wo er sich befindet.“
                  „Ich fasse es nicht. Wir hätten sterben können.“ In der Stimme des Arztes schwang ein eindeutig schockierter Unterton mit.
                  „Wären wir durch den anderen Ausgang wieder raus gegangen, wären wir Clarksens Leuten direkt in die Arme gelaufen. Ich habe nur getan was ich schon die ganze Zeit über tun musste, improvisieren.“
                  Aus wütenden Augen sah Brenner ihn an. „Du hättest uns beinahe zu Tode improvisiert.“ „Hey, ich weiß gar nicht was du hast. Hat doch alles wunderbar geklappt.“
                  In diesem Moment traten nur wenige Meter von ihnen entfernt drei Gestalten aus dem Unterholz. Mit einer einzigen fließenden Bewegung sprang der Arzt auf und griff nach seiner Waffe. Eine sicherlich durchaus beeindruckende Aktion, würde es sich bei dieser nicht um die Waffe handeln, welche Stevens am gestrigen Tag in den Wald geworfen hatte. Weshalb es in Brenners Gesicht auch zu einem interessanten, blitzschnell zwischen Überraschung, Verstehen und Enttäuschung wechselndem Minenspiel kam. Zum Abschluss dieser faszinierenden Vorstellung warf er dem Zoologen noch einen vorwurfsvollen Blick zu, welchen dieser mit einem entschuldigendem Schulterzucken zur Kenntnis nahm.
                  Gebannt von diesem Schauspiel und noch zu geschwächt von ihrem Marsch war Malin außer Stande, irgendetwas zu unternehmen. Mühsam und mit gesenktem Kopf erhob er sich langsam. Auch fehlte ihm die Kraft um dem auf Hochtouren arbeitendem Fluchtreflex folge zu leisten.
                  „Ich bitte alle Mönche namens Malin die Hand zu heben“, war das Nächste was er hörte.
                  „Ich glaube er ist es.“ „Der mit der Kutte?“ „Na welcher denn sonst?“ „Aber er hebt doch gar nicht den Arm.“ „Würdest du denn an seiner Stelle den Arm heben?“ Es trat eine Pause eine, in der die angesprochene Person tatsächlich zu überlegen schien. „Nein, wahrscheinlich nicht. … Ich hab’s, wenn er ein wenig gehen würde könnten wir sehen ob er federt.“ „Wenn du dieses Wort noch einmal in den Mund nimmst, reiße ich dir den Bart ab!“
                  Dieser etwas seltsame Dialog bewog Malin dann doch dazu den Blick zu heben. Was er sah, war nicht ganz was er erwartet hatte.
                  Vor ihm standen zwei noch immer heftig miteinander diskutierende Zwerge, ein komplett in schwarzes Leder gekleideter Mensch und Pandor. Der Panther stand völlig gelassen neben den drei seltsamen Gestalten. „Geh zu deinem Freund“, sagte der Fremde und die Katze kam genau auf den Mönch zu.
                  Auf dem Gesicht des Fremden erschien ein Lächeln. „Verräter“, meinte Malin enttäuscht zu dem nun seinen Kopf an sein Bein reibenden und schnurrenden Kater. „Siehst du, er ist es.“ Einer der Zwerge stieß den anderen an der Schulter. Brenner und Stevens verfolgten das Geschehen wortlos und sichtlich irritiert.
                  „Keine Angst wir sind hier um dir zu helfen“, sagte der Ledermann und kam auf ihn zu. „Aber vorher gibt es noch eine Menge zu besprechen.“
                  Den Rest des Tages verbrachten sie damit sich gemeinsam über die jeweiligen Vorgeschichten in Kenntnis zu setzen.
                  Am Abend führten sie ihre Unterhaltung an einem Feuer im Eingangsbereich der Höhle fort.
                  „Du bist also wirklich ein Tavar.“ Brenner und Stevens, die natürlich über die Geschichte der Menschheit informiert waren, konnten es kaum glauben. „Der Letzte, so weit ich informiert bin“, erklärte der Kopfgeldjäger. „Wie ist das so, mit dem da?“ Der Arzt tippte sich mit dem Finger an die Stirn und spielte damit offensichtlich auf die KI in Tordals Kopf an. „Sicher nicht so, wie ihr es euch vorstellt. Anstrengend trifft es wohl am ehesten.“ Brenner nahm dies mit einem verstehenden Nicken zur Kenntnis. „Das glaube ich dir aufs Wort. Aber es muss auch etwas Beruhigendes an sich haben zu wissen, dass man niemals allein ist.“ So hatte Tordal es noch nie betrachtet. Bisher hatte er seine KI immer nur als Belastung empfunden. Auf die Idee, dass deren ständige Anwesenheit auch etwas Gutes an sich haben könnte, war er noch nie gekommen.
                  JA ICH BIN SCHON TOLL. Verdirb es nicht gleich wieder. DU SOLLTEST SIE NOCH ÜBER UNSERE NEUESTEN ERKENNTNISSE INFORMIEREN. BESONDERS DIE BEIDEN GENETIKER VERDIENEN ES DIE GANZE WAHRHEIT ZU ERFAHREN. IMMERHIN GEHT ES UM IHRE ZUKUNFT.
                  Das sollte er tatsächlich. Du hast Recht, ausnahmsweise.
                  „Es gibt da noch etwas, dass ihr wissen solltet.“


                  Fortsetzung folgt...
                  "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                  "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                  Norman Mailer

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                  • #10
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                    „Ich möchte nur wissen ob ich es richtig verstanden habe.“ Stevens saß neben dem ebenso verblüfften und gleichzeitig beunruhigten Brenner am Feuer und sah den Kopfgeldjäger an. „Euer Auftraggeber, eine Super KI die sich Genesis nennt und beinahe erfolgreich die Menschheit ausgelöscht hat…“ „Aus nachvollziehbaren Gründen und eigentlich sogar zweimal. Wobei das zweite Mal eigentlich nicht richtig zählt“, warf Tordal ein. „Die also aus nachvollziehbaren Gründen mehr als einmal versucht hat die Menschheit auszulöschen.“ Mit gefurchter Stirn und einem leicht irre wirkenden Grinsen sah er den Kopfgeldjäger an. Dieser hielt den Daumen nach oben.
                    „Diese KI hat euch jemanden oder etwas nachgeschickt um anscheinend alle Genetiker, also uns vom Angesicht dieses Planeten zu fegen und das wiederum hat dir eine andere KI die sich in deinem Kopf befindet erzählt.“ „So in etwa könnte man es wohl zusammenfassen.“
                    Der Zoologe sprang auf und durchlief offensichtlich das erste Stadium beginnenden Wahnsinns. „Aber diese KI ist natürlich absolut vertrauenswürdig.“ Dabei hämmerte er sich wie wild an die Stirn. „Ich würde sie vielleicht nicht als Sympathieträger bezeichnen. Aber ja, ich halte sie für vertrauenswürdig.“ „Woher willst du das wissen? Vielleicht ist mir ja irgendwas entgangen und es gibt ein Verzeichnis für so etwas.“
                    Seine beinahe kreischende Stimme wies eindeutig auf Stadium zwei hin.
                    „Er ist ein Avatar“, versuchte ihn Brenner zu beruhigen. „Ha und woher wollen wir wissen, dass er die Wahrheit sagt?“ „Er ist ein Avatar glaub mir. Ich habe ihn Dinge tun sehen, da würden dir die Ohren schlackern“, warf Glori ein.
                    Der Arzt stand auf und ging auf den noch immer leicht hysterischen Stevens zu. „Du musst doch seine Waffe erkennen. Nur ein Avatar ist in der Lage eine solche Klinge zu führen. Überleg doch einmal. Warum sollte er hier sein und vor allem wie hätte er uns, diesen Kontinent überhaupt finden sollen, wenn es nicht die Wahrheit wäre? Noch nie ist jemand von der alten Welt bis hier gekommen, noch nie.“ Vollkommen ruhig sah er den Zoologen an. „Vertrau ihm, er könnte unsere einzige Hoffnung sein. Mit ihm und Malin haben wir vielleicht eine Chance.“ Langsam schien sich Stevens zu beruhigen.
                    „Wir haben es jetzt nicht mehr allein nur mit Clarksen zu tun, was immer er auch vorhat. Glaub mir ich kenne ihn und mein Gefühl sagt mir er plant etwas Großes. Er wird niemals aufgeben.“ Diese Worte gaben auch dem Kopfgeldjäger zu denken. „Nein wir stehen dem gefährlichsten Gegner gegenüber, den die Menschheit je gesehen hat. Dem Produkt unserer eigenen Arroganz. Einen Gegner dessen Macht wir nicht einmal erahnen können. Diese Ki, sie ist der Ursprung all’ unserer Legenden. Alleine hätten wir keine Chance gegen sie.“
                    „Du hast ja Recht. Es ist nur so viel auf einmal. Ich kann nicht glauben, dass alles vorbei sein soll. Alles wofür Generationen von Genetikern gelebt und gearbeitet haben.“ Angst, Trauer und Verzweiflung schwangen in den Worten des Mannes mit. Alle notwendigen Zutaten für einen leckeren Nervenzusammenbruch.
                    „ So weit wird es nicht kommen. Sie werden es verhindern.“ Während Brenner eine Hand auf die Schulter des Mannes gelegt hatte, deutete er mit der anderen auf die am Feuer sitzenden. Einer der Zwerge grinste und der andere reckte beide Daumen gen Himmel. „Wir werden es verhindern“, meinte er und sah Stevens tief in die Augen. „Alles klar? Wir werden um unsere Zukunft kämpfen.“
                    Tordal hatte die Szene vom Lagerfeuer aus beobachtet und sich seine eigenen Gedanken über ihre Situation gemacht.
                    Noch einmal, du bist dir absolut sicher? ES GIBT KEINE ANDERE MÖGLICHKEIT. ALS GENESIS WÄHREND DER ÜBERFAHRT ZUGRIFF AUF MEIN SYSTEM HATTE, MUSS SIE DIE CODIERUNG IN MEIN SYSTEM GESCHLEUST HABEN. AUßER IHR HÄTTE NIEMAND VERÄNDERUNGEN AN MIR VORNEHMEN KÖNNEN. DAZU BIN ICH EINFACH ZU KOMPLEX. Du musst diesen Punkt nicht ständig betonen. ABER WENN ES NUN MAL SO IST. Ich habe verstanden. Also die verschlüsselten Dateien enthielten AUSFÜHRLICHE ANGABEN ZU EINEM SPEZIELLEN WAFFENSYSTEM DER ALTEN MENSCHHEIT. DABEI HANDELT ES SICH UM SOGENANNTE LENKWAFFEN ODER AUCH MARSCHFLUGKÖRPER. EIN IN FRÜHEREN ZEITEN WEIT VERBREITETES, SEHR EFFZIENTES SYSTEM. Welches anscheinend nicht nur einsatzbereit ist, sondern sogar schon eingesetzt wurde. GENAU, DIE SPUREN AN DEN SCHIFFSWRACKS UND WIE ICH NUN WEIß AUCH EINIGE TRÜMMERTEILE UND DIE ENORME HITZE DEUTEN GANZ KLAR AUF DEN EINSATZ EINER GROßEN ANZAHL SOLCHER FLUGKÖRPER HIN.
                    DIE GENETIKER SIND TECHNISCH ZWAR WEITER ALS JEDE ANDERE PARTEI AUF DIESEM PLANETEN, ABER VON DER ENTWICKLUNG SOLCH MÄCHTIGER WAFFEN SIND SIE MEILENWEIT ENTFERNT. DAVON EINMAL ABGESEHEN WÜRDEN SIE SICH DAMIT WOHL KAUM SELBER BESCHIEßEN. Vermutlich nicht, nein. Also kommt wohl wirklich nur Genesis in Frage. SAG ICH DOCH. Aber warum? Es ergibt doch keinen Sinn.
                    WAS DENN, DASS SIE SO HANDELT OBWOHL SIE DICH GESCHICKT HAT? Ja! ACH, IHR MENSCHEN LERNT WOHL NIE DAZU. Wie meinst du das? GENESIS DENKT IN ANDEREN MAßSTÄBEN ALS DU, ALS WIR ALLE. DU BIST NUR EINE VON VIELEN FIGUREN AUF IHREM SPIELBRETT, DASS IHR WELT NENNT. NUR EINE MÖGLICHKEIT UNTER VIELEN UM IHR ZIEL ZU ERREICHEN. EINE WESENHEIT WIE GENESIS DENKT MEHRGLEISIG UND NICHT SO EINDIMENSIONAL WIE DU ES TUST. Dir ist schon klar, dass du damit nicht unbedingt mein Selbstvertrauen förderst? DU HAST GEFRAGT, ICH HABE GEANTWORTET.
                    Genesis schickt also mich los um Malin zu finden und zu ihr zu bringen, während sie in der Zwischenzeit die Genetiker auslöscht. ALLES SPRICHT DAFÜR. DENK AN DEN KONTAKT DEN ICH KURZZEITIG AUF DEM GROßEN MEER HATTE. DA WAR ETWAS HINTER UNS, AUF EINEM IDENTISCHEN KURS UND ES WAR GROß. WAHRSCHEINLICH EINE ART SCHWIMMENDE ABSCHUSSBASIS FÜR DIE RAKETEN.
                    Damit wäre aber immer noch nicht die Frage nach dem warum geklärt. WORAUF WILLST DU HINAUS? Es muss mit Malin und Clarksen zu tun haben. Erinnere dich, die beiden haben erzählt Clarksen hätte sich nach der Ernennung zum Hüter verändert. UND? Ich glaube nicht an Zufälle. Was, wenn er etwas erfahren oder in etwas eingeweiht wurde? Warum entschließt er sich gegen die Weisung der Genetiker, seiner eigenen Leute zu handeln? Ein Mensch ändert sich nicht ohne Grund von einem Tag auf den anderen. DA KÖNNTE WAS DRAN SEIN. ABER WAS SOLL DIES MIT GENESIS ZU TUN HABEN? Es muss einfach einen Zusammenhang geben. Sonst würde diese Geschichte keinen Sinn ergeben. KLINGT LOGISCH UND GENAU DAS MACHT MIR ANGST. Wieso? WEIL DU NOCH NIE LOGISCH GEDACHT ODER GEHANDELT HAST. DAFÜR BIN ICH JA AUCH DA. Du hast es erfasst, du bist gefeuert. DAS WAR EIN SCHERZ ODER? Rate doch mal. NUN SAG SCHON.
                    „Giganto.“ „Yep, was ist?“ Der einen Helm tragende Bart auf Beinen kam näher und sah ihn an. „Jemand sollte zur Seezwerg gehen und sie vor diesem Raketenschiff warnen.“ „Das ist sicher richtig. Aber warum nur habe ich das unbestimmte Gefühl, dass ich dieser jemand bin?“ Lächelnd klopfte Tordal ihm auf die Schulter.
                    „Kann aber eine Weile dauern. Wie du weißt haben wir Zwerge es nicht so mit dem Laufen.“ „Da habe ich schon eine Idee“, sagte der Kopfgeldjäger und blickte über den Zwerg hinweg. Langsam drehte dieser sich um.
                    Wenn bei einem Zwerg trotz des alles verdeckenden Bartes jemals von einem entgleisen der Gesichtszüge gesprochen werden konnte, dann in diesem Moment.
                    „Das ist nicht dein Ernst oder? Du kannst von mir doch nicht erwarten… oh verdammt!“
                    Ein paar Meter entfernt saß Pandor und sah Giganto aus großen Augen an.



                    34


                    Nachdem sich Giganto auf Pandor sitzend voll übersprudelnder Begeisterung und den Zwergen Kampfruf „verdammte Scheiße“ rufend in Richtung der Seezwerg aufgebrochen war, machten auch sie sich auf den Weg.
                    Laut Brenner hatten sie in etwa noch einen Tagesmarsch durch den Wald vor sich, bis sie die Stadt der Genetiker erreichen würden. Auffallend war das Fehlen jeglicher befestigter Wege zu dieser. Tordal nahm an, dass auch dies zur Taktik der Genetiker gehörte möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
                    Bei Gegnern wie Genesis empfahl es sich auch nicht zu laut hier sind wir zu rufen. Auch wenn sich tatsächlich mal jemand aus der alten Welt in die Nähe der Stadt verirren sollte, würde er kaum Spuren ihrer Existenz entdecken. Natürlich müsste man dazu überhaupt erst einmal von diesem Kontinent wissen. Es ist wie mit dem Wanderer der auf einer seiner langen Reisen von jemandem angesprochen und nach dem Ziel dieser gefragt folgendes sagt. „Ich bin auf der Suche nach einer Stadt. Doch sie ist schwer zu finden, denn sie ist verschollen.“
                    Über Jahrtausende schon taten die Genetiker alles dafür unentdeckt zu bleiben. Wäre Genesis nicht durch einige unglückliche Umstände wiedererweckt worden, hätten sie dies auch noch auf unbestimmte Zeit so fortführen können.
                    Doch die KI war ihnen auf die Schliche gekommen und hatte nicht zuletzt durch ihn den Weg zu ihrer Basis gefunden.
                    Schon allein durch seine Mitschuld an der momentanen Situation fühlte er sich verpflichtet sein Möglichstes zu tun um ihnen zu helfen. Ein weiterer Punkt war natürlich die Verbundenheit, die er diesen Menschen gegenüber fühlte. Er verstand auch einfach nicht, warum Genesis so rigoros gegen sie vorging. Nach ihrem Aufeinandertreffen im letzten Jahr dachte er wirklich, die KI würden den Menschen eine zweite Chance geben. War es allein durch Clarksens Fehlverhalten zu erklären? Aber deshalb konnte sie doch nicht alle Genetiker mitverurteilen. Oder wusste sie vielleicht nichts von den Spannungen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Gemeinschaft?
                    Clarksen, die Worte Brenners gingen ihm nicht aus dem Kopf. Tordal ahnte, dass sie noch von ihm hören sollten.
                    Aber erst einmal mussten sie die Stadt erreichen. Wenn dies geschafft war, würde ihm schon etwas einfallen. In seinem bisherigen Leben hatte er gelernt, dass Spontanität eine sehr gefährliche Waffe sein konnte. Außerdem war er ja auch nicht allein. Mit Glori hatte er einen treuen Freund mit nun sagen wir mal sehr ungewöhnlichen Eigenschaften an seiner Seite. Dann gab es da auch noch Malin. Dieser hatte immerhin mit seinen Kräften den Angriff einer größeren Anzahl Drachenreiter zurückgeschlagen.
                    Niemand konnte sagen welche Entwicklung er noch nehmen würde, nicht einmal er selber. Der Junge hatte etwas an sich, auch Tordal spürte dies. Nicht ohne Grund hatte Genesis ein solches Interesse an ihm und nicht ohne Grund ruhten die Hoffnungen der Genetiker auf ihm.
                    Es war schon ein merkwürdiger und übler Scherz des Schicksals. Der Mann der ihnen die Erlösung bringen sollte, brachte ihnen nun vielleicht Tod und Vernichtung.
                    „Darf ich dir eine Frage stellen?“ Es war Malin, der wohl schon eine Weile neben ihm her lief. „Natürlich.“ Man konnte erahnen wie schwer es dem Mönch fiel, die richtigen Worte zu finden.
                    „Wie hast du es geschafft?“ „Was meinst du?“ „Nach dem was du erzählt hast, führtest du ein normales Leben bis zu den Ereignissen im letzten Jahr. Dann hat sich plötzlich alles verändert. Wie hast du gelernt damit umzugehen?“ „Eine gute Frage.“ Die unumstrittene Nummer eins unter den nichts sagenden Antworten wenn es darum ging Zeit zu gewinnen. „Wer sagt denn, dass ich damit umgehen kann?“ Unverständnis stand Malin ins Gesicht geschrieben. „Aber du wirkst so souverän, als könne dich nichts aus der Fassung bringen.“
                    Nur mit Mühe gelang es Tordal ein Lachen zu unterdrücken. Amüsiert sah er den Mönch an. „Alles nur Fassade Kleiner. Glaub mir ich bin alles andere als souverän. Ich tue nur was jeder auf diesem gottverdammten Planeten tagtäglich tut. Ich versuche am Leben zu bleiben, nicht mehr aber auch nicht weniger. So etwas wie Heldenmut gibt es nicht. Das sind alles nur Geschichten über Menschen, die wie wir in scheinbar ausweglose Situationen geraten sind und versuchen da mit heiler Haut wieder raus zu kommen.“ „Ich bin mir nicht sicher ob ich verstehe worauf du hinaus willst.“
                    „Die Kunst des unverständlichen Ausdrückens. Eine Fähigkeit die jahrelanges Training erfordert, bis man es zur Perfektion gebracht hat.“ Malins Augen verbargen sich hinter großen Fragezeichen.
                    „Man kann nicht so tun, als gäbe es diese Fähigkeiten nicht. Unser Leben wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Du musst lernen diese Veränderungen zu akzeptieren und zu deinem Vorteil zu nutzen. Diese Fähigkeiten ermöglichen dir, wovon andere nur träumen. Durch sie bist du in der Lage wirklich etwas zu bewegen, zu verändern.“
                    „Aber wie denn, wenn ich sie nicht kontrollieren kann?“ „Gegen Mittag legen wir eine Rast ein. Dann werden wir uns dieser Sache annehmen. Wäre doch gelacht, wenn wir es nicht in den Griff kriegen.“ Dabei klopfte er dem Mönch aufmunternde auf die Schulter. „Danke“, meinte dieser.
                    Auch nachdem Malin gegangen war, blieb Tordal in Gedanken versunken stehen.
                    GUT GEMACHT. Es dauerte einige Sekunden bis er antwortete. Wenn ich doch nur selber daran glauben könnte. ALLES IN ORDNUNG? Es geht schon.
                    Als sie dann die angekündigte Rast einlegten, begaben sich die beiden auf eine nahe gelegene Lichtung. Im Zentrum dieser blieb der Kopfgeldjäger stehen. „Das sollte reichen. Wir wollen uns lieber nicht zu weit von den anderen entfernen. Also wie weit bist du?“ Mit diesen Worten drehte er sich zu Malin um. „Das lässt sich schwer sagen. Bisher war es immer einhergehend mit starken Gefühlsausbrüchen.“ „Hast du es schon mit Konzentration versucht?“ „Nicht nur ein Mal.“ Der Mönch schüttelte den Kopf. „Aber bisher ohne Erfolg, absolut zwecklos.“
                    „Hey sein nicht so negativ“, erwiderte Tordal und sah sich um. „Siehst du den Ast dort hinten? Der vor dem großen Baum.“ Nach kurzem Suchen entdeckte Malin in einiger Entfernung einen etwa zwei Meter langen Ast, der vor einem mächtigen einer Ulme ähnelnden Baum lag. „Ja?“ „Gut, dann heb ihn an.“ „Ich sagte doch, so geht es nicht. Außerdem ist er viel zu groß.“ „Stopp! Was habe ich dir gerade gesagt? Konzentriere dich, du schaffst es.“
                    „Schon gut.“ Malin hob abwehrend die Hände und widmete sich wieder dem Ast. Einige Sekunden herrschte vollkommene Stille, in der man nur die vereinzelten Rufe einiger vorlauter Vögel hörte.
                    Die nächsten Sekunden gehörten nach Auffassung eines zufällig die Szenerie beobachtenden Spechtes zum Interessantesten was hier in den letzten Monaten geschehen ist.
                    Zuerst waren die Worte des Kuttenträgers zu hören. „… und wenn ich mich einen Monat auf diesen Ast konzentriere wird nicht passieren. Genau so gut könnte ich es auch mit dem Baum probieren.“
                    Dann war im Wald ein weithin hörbares gewaltiges Krachen zu vernehmen.
                    „Nicht schlecht für den Anfang.“ „Aber wie?“ Der Ast tat noch immer was er am besten konnte, er lag rum und zwar noch an genau der Stelle, wo er dieser Tätigkeit schon seit geraumer Zeit mit Erfolg nachging. Die Macht der Gewohnheit eben. Der mächtige Baum dahinter allerdings war sauber in der Mitte gespalten.
                    Aus dem sie umgebenden Dickicht war ein lauter werdendes rasselndes Geräusch zu hören. Kurz darauf stürmte Glori gefolgt von Brenner und Stevens neben ihnen aus dem Unterholz.
                    „Was ist den hier los?“ Mit vom Gegenwind tränenden Augen und nach Atem ringend stand er vor ihnen. Dann fiel sein Blick auf den Baum. „Heiliger Axtwerfer, hat hier der Blitz eingeschlagen oder was?“
                    Sichtlich inspiriert machte sich der Specht an die Arbeit. Bis zum Abend wollte er einen Hektar Wald dem Erdboden gleichgemacht haben.


                    35


                    Trotz eines noch immer aufgewühlten Malin setzten sie ihren Marsch fort. Sie wollten unbedingt noch an diesem Tag die Stadt erreichen. Immerhin konnte die Zeit ein entscheidender Faktor sein.
                    Als sie schon eine Weile unterwegs waren, begann unvermittelt die Erde zu beben. Der kleine Trupp stoppte und sie alle fühlten das leichte Zittern des Untergrundes. Nach kaum mehr als einer halben Minute war der Spuk auch schon wieder vorbei.
                    „Was war das?“ Malin war sein Unbehagen anzusehen als er mit auf den Boden gerichteten Blick die Frage stellte. „Nur ein leichtes Erdbeben. Kein Grund zur Panik“, erläuterte Brenner relativ unbeeindruckt. „Seit einigen Monaten bebt die Erde hier immer wieder mal. Aber es gab noch nie größere Schäden.“
                    ER HAT RECHT. TEKTONISCHE PLATTENBEWEGUNGEN GIBT ES FAST ÜBERALL AUF DEM PLANETEN. DORT WO DIE EINZELNEN KONTINENTALPLATTEN AUFEINANDER TREFFEN ENTSTEHEN SPANNUNGEN, DIE SICH IRGENDWANN RUCKARTIG ENTLADEN. DIES BEZEICHNET IHR DANN ALS ERDBEBEN. Tun wir das? Ich höre diesen Begriff zum ersten Mal.
                    DAS WUNDERT MICH NICH. SO VIEL WISSEN IST VERLOREN GEGANGEN. Ein anderes Mal, in Ordnung? ICH NEHME DICH BEIM WORT.
                    Noch ganz in Gedanken wäre er beinahe mit dem plötzlich vor ihm stehenden Stevens zusammen geprallt.
                    Auch die anderen Mitglieder ihrer kleinen Gruppe standen hier, sahen alle in dieselbe Richtung und schwiegen. Er schob den Zoologen beiseite und trat an ihm vorbei. Dann sah er den Grund für das eigenartige Verhalten seiner Begleiter.
                    Vor ihnen erstreckte sich ein Tal mit mehreren Kilometern Durchmesser. In dieses eingebetet lag eine Stadt wie er sie noch nie gesehen hatte.
                    Er sah unglaublich hohe mehrstöckige Gebäude, gewaltige Kuppelbauten und Türme, die mit ihren Spitzen in den Himmel zu berühren schienen. Alles war aus einem ihm unbekannten leuchtend weißen Material erbaut und die untergehende Sonne ließ die Stadt zusätzlich in einem wunderschönen rot erstrahlen.
                    Es war ein wie Blick in längst vergangene Zeiten.
                    „Unglaublich.“ Glori war der erste, der nach langem Suchen seine Stimme wieder fand. „So etwas fantastisches habe ich noch nie gesehen“, meinte Malin ergriffen.
                    „Wir sind da. Das ist unsere Heimat, New Hope“, hörten sie Brenner mit belegter Stimme. Ein Lächeln betrat durch einen Seiteneingang sein Gesicht. „Wie sehr ich diesen Anblick vermisst habe.“
                    Im Osten eröffnete sich das Tal zum Meer hin. Es gab einen Hafen in dem unzählige Schiffe verschiedenster Bauart vor Anker lagen. Etwas weiter draußen auf dem Meer, konnte man duzende kleiner Boote erkennen, die offensichtlich dem Fischfang nachgingen. Das leise Rauschen der See drang zu ihnen hinauf.
                    „Ich hatte ja keine Ahnung“, war alles was Tordal hervor brachte. Mit allem hatte er gerechnet. Aber Größe und Schönheit dieses Ortes verschlugen ihm die Sprache.
                    Sie beschlossen diesen atemberaubenden Anblick noch einige Minuten lang zu genießen, bevor sie sich an den Abstieg ins Tal machen wollten. Als die Sonne hinter den Bergen verschwunden war und die Nacht ihre Schicht antrat, brachen sie auf.
                    Es war schon später Abend als sie durch das mächtige Stadttor traten. Zur Überraschung des Kopfgeldjägers hielten sich keinerlei Wachen an diesem auf.
                    „Das ist nicht ungewöhnlich. Die Stadt wurde noch niemals angegriffen oder belagert“, erwiderte Brenner darauf angesprochen. „Vor wem sollten sie uns denn auch schützen? Außer uns gibt es nur tierisches und pflanzliches Leben auf diesem Kontinent.“ Tordal hätte ihm durchaus eine Liste mit verschiedenen Alternativen überreichen können, behielt seine Gedanken aber für sich.
                    Sie betraten eine breite gepflasterte Straße, welche nach Stevens Aussage quer durch die Stadt verlief und diese auch mit dem Hafen verband. Zu beiden Seiten der Straße standen prunkvolle meist mehrstöckige Bauten, über deren jeweilige Bedeutung sie von ihren beiden einheimischen Führern aufgeklärt wurden.
                    Nur wenige Menschen hielten sich zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch auf den Straßen auf. Beim Anblick des Zwerges erklangen einige erstaunte Rufe. Glori registrierte dies mit einigem Unbehagen.
                    „Hey Langer, die tun so als hätten sie noch nie einen Zwerg gesehen.“ Spontan fragte der Kopfgeldjäger sich, wo der Zwerg in den letzten Tagen gewesen sein mochte. „Haben sie ja auch nicht. Du bist hier in etwa so unauffällig wie ein Oger in einer Zwergenbar.“ Tiefes Unverständnis lag in den Zügen des Zwerges. „Wegen der Größe, du verstehst?“ Mit wie er fand sehr anschaulichen Gesten untermauerte er seine als Frage verkleidete Aussage.
                    Glori gelang es irgendwie sein Gesicht zu einem Fragezeichen zu formen. „Is’ jetzt auch egal“, gab Tordal zu verstehen. „Glaub mir die Leute hier haben genau so häufig einen Zwerg gesehen, wie du einen sprechenden Felsen.“ Der Bartträger wollte schon zu einer Antwort ansetzen, verstummte aber sofort als ihm der Blick seines Freundes auffiel..
                    Der Kopfgeldjäger sah keinen Grund diese wie er fand äußerst kontraproduktive Unterhaltung fortzusetzen und wandte sich Brenner zu. „Wohin jetzt?“ „Wenn wir der Straße folgen gelangen wir zum Saal der Hüter, sozusagen unser Regierungszentrum.“ „Hört sich gut an, also los“, sagte Tordal leicht nickend.
                    Sie waren gerade ein paar Meter weit gekommen, als er von der Seite angesprochen wurde. „Langer?“ „Ja?“ Es gelang ihm auf erstaunliche Weise ein ganzes Bündel an Emotionen in dieses eine Wort zu legen. Ganz oben Stand sein Unwillen ihre Diskussion fortzuführen. Doch eine der dem Zwerg eigenen Fähigkeiten bestand darin, so etwas einfach zu ignorieren.
                    „Aber warum schauen sie mich so verängstigt an?“ Jetzt wo er ihn darauf hinwies, fiel auch dem Kopfgeldjäger der Ausdruck in den Gesichtern der Leute auf. VIELLEICHT HABEN SIE SCHON VON IHM GEHÖRT UND WURDEN BEREITS ÜBER SEINE ANKUNFT INFORMIERT? MAN SAGT SCHLECHTE NACHRICHTEN VERBREITEN SICH RASEND SCHNELL. Ein eigenartiges Geräusch ertönte in seinem Kopf. Was ist das? Du lachst doch nicht etwa?
                    „Mach dir deswegen keine Gedanken. Es ist die Angst vor dem Unbekannten. Wie würdest du reagieren, wenn dir zum ersten Mal ein Zwerg begegnen würde?“ „Aber ich bin ein Zwerg!“ Genervt verdrehte Tordal die Augen. „Irgendwie liegen wir beide Heute nicht auf einer Wellenlänge.“
                    „Das ist es nicht“, hörte er Stevens der neben ihm ging. „Wir sind über die Ereignisse im Rest der Welt bestens informiert und natürlich kennen wir auch Zwerge. Es war zwar noch nie einer hier, aber wir kennen sie. So wie auch die anderen Rassen der alten Welt.“ „Aber was haben sie dann?“ Der Zoologe zuckte nur mit den Schultern.
                    Sie folgten der Straße weiter bis sie vor dem eindruckvollsten Bauwerk standen, dass Tordal jemals gesehen hatte. Es war weniger dessen zwar beeindruckende, aber verglichen mit einigen anderen Gebäuden der Stadt nicht außergewöhnlichen Größe, sondern vielmehr die einmalige Gestaltung und Architektur des Baus. Die gesamte Fassade des vier Stockwerke hohen Bauwerks war übersäht von zum Teil unsagbar schönen und detailreichen Reliefs.
                    Auch wenn die Motive vollkommen unterschiedlich waren, so schienen sie doch zu einander zu gehören und ein großes Ganzes zu bilden.
                    Dann kam er darauf. Vor sich sah er die gesamte Menschheitsgeschichte. Von den primitiven Anfängen über die hoch technisierte Blütezeit der Menschen, bis hin zu ihrem apokalyptischen Ende. Darüber hinaus folgten Reliefs die offensichtlich wichtige Ereignisse der jüngeren Geschichte zeigten. Darunter die Überfahrt der Genetiker zur neuen Welt und die Gründung der Stadt.
                    Den erhöht gelegenen Eingangsbereich zu dem Stufen führten, bildeten mehrere gewaltige Säulen.
                    „Beeindruckend.“ Malin stand mit offenem Mund vor dem fantastischen Bauwerk. „Es ist nett. Aber du solltest mal die Minen meines Volkes sehen. Das nenne ich beeindruckend“, gab Glori seinen unvermeidlichen Senf dazu.
                    „Man erwartet uns schon“, meinte Brenner und blickte an das obere Ende der Stufen. Dort standen mehrere Personen und sahen zu ihnen hinab.
                    „Dann wollen wir sie mal nicht warten lassen.“ Mit diesen Worten setzte sich Tordal gefolgt von seinen Gefährten in Bewegung. Auf der obersten Stufe angekommen, blieben sie stehen. Ein in ein graues Gewand gehüllter Mann fortgeschrittenen Alters trat auf sie zu. „Millner, einer der Hüter“, hörte der Kopfgeldjäger Brenner neben sich.
                    „Seid gegrüßt, wir haben euch schon erwartet.“ Der Mann hatte eine unglaubliche Präsenz und Ausstrahlung. „Ich freue mich dich wieder zu sehen“, sprach er an Stevens gerichtet. „Die Freude ist ganz meinerseits.“
                    Millner nickte freundlich, ging wortlos an Brenner vorbei und blieb vor Malin stehen. „Du bist also der, von dem uns berichtet wurde.“ Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Hüters. „Sei willkommen.“
                    Dann fiel sein Blick auf Glori und das Lächeln verschwand wieder um einem schwer zu deutenden Ausdruck zu weichen. Zum Schluss sah er Tordal an. „Seine Freunde sind auch unsere Freunde. So kommt doch herein. Es gibt viel zu besprechen.“ Dies unterstrich er mit einer einladenden Geste.
                    So betraten sie das imposante Bauwerk. In diesem führte er sie durch einen gewaltigen Saal zu einem nur unwesentlich kleineren dahinter. Dort stand ein mächtiger steinerner Tisch an dem sich zwölf Stühle befanden. „Nehmt doch Platz meine Freunde.“
                    Als sie sich gerade gesetzt hatten, wurden mehrere Seitentüren des Saales geöffnet und etwa ein Duzend Bewaffneter trat ein.
                    „So sieht man sich also wieder“, war es aus einem im Schatten liegenden Bereich des Saales zu hören. In dem Moment als er die Stimme hörte, griff Tordal schon zu seinem Schwert. Auch Glori legte sofort die Hände an seine Axt und auf den Gesichtern der anderen erschien ein ungläubiger Ausdruck.
                    „Es tut mir leid, ich hatte keine Wahl.“ Millner sah sie schuldbewusst an. „Aber meine Herren, wer wird denn so nervös sein? Keine Dummheiten, sie würden es bereuen“, erklang Clarksens Stimme als er aus dem Schatten an den Tisch trat.
                    "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                    "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                    Norman Mailer

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                    • #11
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                      „Tun sie bitte was er sagt, Er hat uns in der Hand“, richtete der Hüter seine Worte an die Gefährten. Ganz langsam und immer noch geschockt nahm Tordal die Hand von seinem Schwert und gab Glori ein Zeichen es ihm gleich zu tun. Danke für die Warnung. TUT MIR LEID. SIE NUTZEN EINE ART ENERGIEFELD UM MEINE SENSOREN ZU BLOCKIEREN. MOMENTAN BIN ICH BLIND.
                      „Vorhersehbarkeit ist doch eine wunderbare Eigenart des menschliches Denken und Handelns“, fuhr Clarksen mit einem nur als unangenehm zu bezeichnenden Lächeln fort. „Ich wusste ihr würdet mich nicht enttäuschen und früher oder später hier auftauchen. Weshalb ich auch einige Vorkehrungen treffen konnte. Dazu gehört auch eine Zelle mit wundervoller Aussicht.“ Dann gab er seinen Männern zu verstehen sie zu dieser zu eskortieren. Du bleibst natürlich bei mir“, sagte er an Malin gerichtet. „Ach und bevor ich es vergesse, nehmt dem Zwerg den Alkohol ab.“ Sein Lächeln erreichte einen neuen Höchstwert auf der Skala des Unangenehmen. „Wer konnte denn auch ahnen, dass ich nicht nur einen Tavar sondern auch einen Sofortumwandler zu Gast hatte.“ Bei diesen Worten sah Millner überrascht auf. „Hände weg von meinem Bier oder ich beiß dir ins Knie“, meckerte der Zwerg. „Glori sie haben Waffen“, versuchte der Kopfgeldjäger ihn zu beruhigen. „Na und ich habe einen Bart.“ „Glori!“
                      “Bevor man sie in ihre komfortable Unterkunft bringt sollte ich vielleicht noch darauf hinweisen, dass sich der ehrenwerte La Croix sich momentan meiner Gastfreundschaft erfreut.“ „Der zweite Hüter“, erklärte Stevens.
                      „Sollte also jemand von ihnen den Helden spielen wollen, könnte der alte Mann einen unerwarteten und bedauerlichen Schwächeanfall erleiden.“ Noch im Nachbarsaal konnten sie Clarksen lachen hören. DER MANN IST EINDEUTIG WAHNSINNIG. Wirklich sehr scharf beobachtet.
                      Sie wurden in einen anderen Flügel des Gebäudes gebracht und dort in eine Zelle gesperrt. Vor dieser wurden zwei Bewaffnete postiert um sie zu bewachen.
                      „Wie ist es ihm nur gelungen die Stadtverteidigung zu überwinden?“ Brenner wirkte relativ ratlos. „Welche Abwehr? Ich habe nichts dergleichen gesehen“, meinte Tordal und blickte den Arzt an. „Auch wenn die Stadttore nicht ständig bewacht werden, so existiert doch eine schlagkräftige innerhalb weniger Minuten einsatzbereite Truppe. Zusätzlich ist im Saal der Hüter noch die Elite Garde stationiert. Ich verstehe nicht wie es Clarksen mit so wenigen Männern gelingen konnte hier einzudringen.“ Millner der mit hängendem Kopf in einer Ecke der Zelle saß zeigte auf das Zellenfenster. „Seht selbst.“
                      Alle sahen sich irritiert an. Der Arzt trat als erster ans Fenster und sah hinaus. „Großer Gott“, lautete sein ungläubiger Kommentar. „Was für ein selten hässliches Tier“, ergänzte Glori neben ihm auf den Zehenspitzen stehend. Nun war auch Tordals Interesse geweckt und er ging zu ihnen.
                      Die Zelle befand sich offenbar auf der Rückseite des Gebäudes. Sie blickten auf eine größere freie Fläche, eine Art Hinterhof. Der aus Pflastersteinen bestehende Boden war an mehreren Stellen aufgebrochen. Die Löcher hatten einen Durchmesser von einigen Metern und neben einem lag eine gewaltige wurmähnliche Kreatur. Das Wesen maß mindestens dreißig Meter von Kopf bis Fuß. Wobei sich die beiden Enden nicht wirklich unterschieden, da der Wurm weder Augen noch eine Mundöffnung besaß.
                      „Es gibt noch mehr dieser Kreaturen. Wir haben mindestens acht gezählt. Kaum hatten sie sich aus dem Untergrund gebohrt, kamen auch schon Clarksens Männer aus den Löchern und das sozusagen vor unserer Haustür. Er hat uns vollkommen unvorbereitet erwischt“, sprach Millner mit gedämpfter Stimme.
                      „Wenn mich nicht alles täuscht, sehen wir vor uns die Erklärung für die Erdbeben“, vermutete der Kopfgeldjäger. „Das wäre durchaus denkbar.“ Offensichtlich fasziniert von der Kreatur blickte Stevens aus dem Fenster. „Wenn sich diese Wesen durch die Erdschichten bewegen, könnte man dies tatsächlich fälschlicherweise als ein leichtes Beben missinterpretieren. Das war also von Anfang an sein Plan. Sie müssen diese Würmer speziell für diese Aufgabe gezüchtet haben. So etwas nimmt Jahre in Anspruch, faszinierend.“
                      „Ja wir haben ihn offenbar unterschätzt.“ Nachdenklich sah der Hüter zu ihnen herüber. „Er muss es schon seit seiner Wahl geplant haben.“ „Wie kommen sie darauf?“ Brenner sah den Mann leicht irritiert an. Ein trauriger Schleier überzog das Gesicht des alten Mannes.
                      „Weil mit der Ernennung zum Hüter nicht nur die Macht, Befugnisse und Pflichten unseres Amtes auf uns übergehen. Nein, wir sind auch die Bewahrer unserer Geschichte.“ Millners Blick wanderte durch den Raum und blieb an Glori haften. „Mit der Weitergabe unseres Wissens von Generation zu Generation soll verhindert werden, dass wir das Geschehene vergessen.“ Das kommt mir irgendwie bekannt vor, dachte sich Tordal. Gab es auf diesem Planeten auch jemanden, der keine dunklen Geheimnisse verbarg? Doch die Geschichte die ihnen der Hüter dann erzählte war so unglaublich, dass es auch ihm die Sprache verschlagen sollte.
                      „Es gibt einen Grund weshalb wir Genetiker uns von unseren Forschungen distanziert und vollkommen von der Außenwelt abgeschottet haben“, begann Millner seine Ausführungen.
                      „Wegen der Fehlschläge, dass wissen wir.“ Die Ungeduld in Brenners Stimme war nicht zu überhören. Ein müdes Lächeln erschien in den Zügen des alten Mannes. „Richtig, doch nur die Hüter kennen das wahre Ausmaß der von uns begangenen Fehler. Wir ihr sicherlich wisst, haben unsere Vorfahren sich aus dem dunklen Berg abgesetzt und sich hier eine neue Existenz aufgebaut. Doch damit enden im Großen und Ganzen auch schon die Übereinstimmungen mit der euch bekannten Geschichte. Denn anders als immer behauptet wird waren wir zahlenmäßig die mit Abstand größte Fraktion innerhalb der Überlebenden. Damals sahen fast alle die Zukunft der Menschheit in der Genetik.
                      Wir waren überzeugt von unseren Fähigkeiten auf diesem Gebiet. Dabei sollte man meinen wir hätten aus den Fehlern der alten Menschheit gelernt und wissen müssen, dass Arroganz, Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit unweigerlich in die Katastrophe führen.“ Die Augen des Mannes waren nun tiefe Seen der Trauer.
                      „Doch in unserer grenzenlosen Überheblichkeit waren wir so blind, dass wir gegen alle Regeln der Ethik verstießen und genetische Experimente an unserem eigenem Blut, unseren Kindern durchführten. Mit dem Ziel ein neues, besseres Menschen Geschlecht zu erschaffen.
                      Nach allem was wir wissen gab es sieben verschiedene Forschungsreihen. Bei diesen kam es dann zu den bekannten Fehlschlägen und katastrophalen Nebenwirkungen. Anders ausgedrückt, es gab schreckliche Mutationen. Doch allein wir Genetiker erfahren bei unserer Ernennung welcher Art sie wirklich waren. Da man mit den einzelnen Forschungsreihen unterschiedliche Ziele verfolgte, äußerten sich diese in jeder von ihnen auf andere Art und Weise. Es gab unerwartete Veränderungen bei den Gliedmaßen, der Körpergröße, ja sogar beim Intellekt der Testobjekte. Als wir uns endlich unser Scheitern eingestanden, war es schon zu spät. Die Mutationen waren nicht mehr rückgängig zu machen. Wir hatten eine ganze Generation verloren.
                      Doch damit nicht genug. Was sollten wir jetzt tun? Wir konnten doch nicht unsere eigenen Kinder töten.
                      Also entschied man in einem Anflug von Schuldbewusstsein ihnen ein neues Leben außerhalb unserer Gemeinschaft zu ermöglichen. Ohne die Überlebenden im dunklen Berg darüber zu informieren, setzten wir sie in verschiedenen Teilen der alten Welt aus, wo sie eine zweite Chance bekommen und eine neue Heimat finden sollten. So geschah es dann auch. Doch vorher erhielten sie von uns die Namen, unter denen man sie auch Heute noch kennt. Wir nannten sie Oger, Trolle, Zwerge, Goblins, Gnolle und Elfen.
                      DAS WAREN NUR SECHS. Häh? ER SPRACH VON SIEBEN FORSCHUNGSREIHEN, HAT ABER NUR SECHS SPEZIES AUFGEZÄHLT. „Was ist mit der siebenten Rasse?“ Millner war sichtlich überrascht. „Sehr gut aufgepasst. Über die siebente Spezies ist nur sehr wenig bekannt. Offenbar war sie sehr kurzlebig und verschwand schon bald.“ „Gibt es dafür auch irgendwelche Beweise? Das klingt mir alles ein wenig zu fantastisch um wahr zu sein“, äußerte sich Stevens. Damit sprach er nur aus, was die Mehrzahl von ihnen dachte.
                      Daraufhin wandte sich der Hüter an Tordal.
                      „Seit der Katastrophe ist eine lange Zeit vergangen. Man spricht von etwa 12000 Jahren. Aber frage doch einmal deine KI wie viel Zeit die Entwicklung einer völlig neuen Spezies in Anspruch nimmt. Nur zum Vergleich, von den ersten bekannten Vorfahren bis hin zum modernen Menschen hat es weit mehr als zwei Millionen Jahre gedauert. Zwei Millionen Jahre stetiger Weiterentwicklung. In nur 12000 Jahren ist so etwas vollkommen unmöglich.
                      ER SAGT DIE WAHRHEIT. DIE ZEITSPANNE IST DAFÜR TATSÄCHLICH NICHT ANNÄHERND AUSREICHEND. „Es stimmt“, sagte der Kopfgeldjäger nur.
                      Einige Minuten lang herrschte betroffenes Schweigen bevor Brenner das Wort ergriff. „Aber was ist mit den Menschen? Wenn diese Geschichte wirklich stimmen sollte und allem Anschein nach ist es so, woher kommen dann die Menschen? Ich meiner damit nicht die Überlebenden, sondern die in der alten Welt.“
                      Das vor ihm noch niemand auf diese Frage gekommen war, verdeutlichte welche Wirkung das eben gehörte immer noch auf sie hatte.
                      „Trotz der schrecklichen Mutationen wollten nicht alle ihre Kinder einfach so aufgeben und sich selber überlassen. So entschlossen sie sich ihnen in die alte Welt zu folgen um in ihrer unmittelbaren Nähe zu leben. Dafür mussten sie allerdings sämtlichem Fortschritt abschwören. Nur so war gewährleistet, dass alles nach außen hin verschleiert blieb. Sowohl den Kindern, wie auch den anderen Überlebenden im dunklen Berg gegenüber. Diese wurden nur darüber in Kenntnis gesetzt, dass eine größere Anzahl Genetiker sich für ein neues Leben auf ihrem Kontinent entschieden hatten. Doch über die Gründe dafür ließ man sie im Unklaren.
                      Weshalb dies bei den Nachfahren der Genetiker in der alten Welt in Vergessenheit geriet, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass Wissen über wichtige Ereignisse über ganze Zivilisationen und Kulturen im Laufe der Zeit verloren ging.
                      Dies alles ist der Grund dafür, dass wir Genetiker niemals wieder ähnliche Experimente und Forschungen an Menschen durchführen wollten.“
                      Aber vielleicht auch der Grund warum Genesis sie auszulöschen versucht. Sollte die KI hinter dieses Geheimnis gekommen sein, wäre es durchaus denkbar.
                      „Als Clarksen davon erfuhr musste für ihn eine Welt zusammen gestürzt sein. Aber wir dachten er würde nur mehr Zeit als andere benötigen es zu verarbeiten. Doch damit lagen wir offensichtlich falsch. Denn wie wir leider erst zu spät merkten, verlor er langsam aber sicher den Bezug zur Realität.“ „Sie meinen er wurde wahnsinnig“, sprach Glori den Gedanken aller aus. „Ein hartes Wort“, sagte Millner. „Aber in diesem Fall wohl zutreffend.“



                      37


                      Noch lange nachdem der Hüter seine Ausführungen beendet hatte, herrschte Schweigen in der Zelle. Jeder versuchte auf seine Weise zu verarbeiten, was ihnen Millner gerade erzählt hatte.
                      WARUM HATTE ICH DIESE INFORMATION NICHT? Was meinst du? DAS ICH KEINERLEI DATEN ÜBER DEN ZEITPUNKT DER KATASTROPHE HATTE. ANSONSTEN HÄTTE ICH DOCH SCHON LÄNGST DIE UNGEREIMTHEITEN ENTDECKT. Vielleicht ist ja genau das der Grund.
                      ABER NIEMAND IM DUNKLEN BERG WUSSTE WAS DAMALS GESCHEHEN IST. Auch wenn der Hüter es so erzählt hat, bis du dir da sicher? DU MEINST SIE WUSSTEN ES DOCH? Es hätte ja schon gereicht, wenn nur einer Kenntnis davon hatte. Ein einziger Hebel genügt um eine gewaltige Maschine in Bewegung zu setzen. DAS WÄRE NATÜRLICH EINE MÖGLICHKEIT.

                      Neben Malin und Clarksen befanden sich noch acht weitere Männer in dem Raum und ließen den Mönch nicht eine Sekunde aus den Augen. Die Wände waren vollkommen kahl und außer einem Tisch und zwei Stühlen gab es auch sonst kein Inventar.
                      Ein kleines Feuer prasselte in einem Kamin vor sich her und erinnerte sich an bessere Zeiten, wie es viele Feuer in ähnlichen Räumen taten.
                      „Ich nehme an sie haben dir alles erzählt, also keine Spielchen mehr.“ Clarksen sah den Mönch aus tiefen Augen an. „Weißt du, ich mag dich Malin. Deshalb fällt es mir auch sehr schwer. Aber anders geht es nicht. Wir brauchen die Informationen und alle anderen Wege wären einfach nicht effektiv genug. Aber ich verspreche dir, dass du keine Schmerzen empfinden wirst. Na sagen wir mal kaum Schmerzen.“ „Wie beruhigend, da fühle ich mich doch gleich besser.“
                      Die Tür wurde geöffnet und ein weiterer Mann betrat den Raum. Dieser sah sich kurz um, ging auf Clarksen zu und sprach mit diesem. Gerade so leise, dass Malin nichts verstehen konnte.
                      „Ich fürchte wir müssen unser Gespräch verschieben“, sagte der Kapitän und stand auf. „Vorher muss ich mich noch jemand anderem widmen. Aber es wird bestimmt nicht lange dauern.“ Mit diesen Worten verschwand er begleitet von drei seiner Leute durch die Tür.
                      Unauffällig sah sich der Mönch um und kippte dabei seinen Stuhl leicht nach hinten. Sofort hatten die ihm am nahesten Stehenden die Hand an ihrer Waffe. „Hi“, meinte er nur mit einem Grinsen und kippte wieder nach vorne. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich auf die Wachen. Vielleicht gelang es ihm ja sie auf irgendeine Art zu beeinflussen. Doch schon bald gab er auf. Was auch immer er sich erhofft hatte, seine Kräfte reichten nicht aus um es mit sechs Mann gleichzeitig aufzunehmen. Durch die geistige Anstrengung stand ihm der Schweiß auf der Stirn.
                      Einer der Wachen war dies offenbar aufgefallen, denn der Mann sah ihn misstrauisch an.
                      „Heiß hier drin“, sagte Malin und wischte sich demonstrativ mit dem Handrücken über die Stirn. Es ist die Robe“, versuchte er zu erklären. „Ist ein wirklich übles Material. Während der Pilgerreisen stinke ich manchmal wie ein ganzer Schweinestall.“ Nervös sah er sich um. „Nettes kleines Feuerchen habt ihr hier, ist richtig gemütlich.“ „Klappe!“ Der Mann sah ihn mit durchdringendem Blick und sichtlich genervt an.
                      „Ich dachte nur etwas Konversation könnte vielleicht das Eis zwischen uns brechen.“ Die Wache tat einen Schritt auf ihn zu und legte eine Hand an die am Gürtel befestigte Waffe. „Alles klar, bin schon ruhig.“

                      „Jaques“, sagte Clarksen zu dem vor ihm auf dem Krankenbett gefesselt liegenden Mann. „Mach’ es uns doch nicht so schwer. Unterschreibe und alles ist vorbei.“ Sie befanden sich im Kellergeschoss des Gebäudes, in einem Raum der einstmals zur Versorgung medizinischer Notfälle erbaut worden war.
                      Seit Clarksen und seine Männer die Macht an sich gerissen hatten, war in ihm allerdings einiges verändert worden. Hätten Räume einen eigenen Charakter, dieser hier wäre aufgrund seiner Bösartigkeit seit neuestem ein sehr einsamer Raum ohne Freunde. Innerhalb nur eines Tages war es dem Kapitän gelungen aus ihm eine wahre Folterkammer zu machen.
                      Der alte Hüter befand sich nun schon seit einigen Stunden hier und war mittlerweile am Ende seiner Kräfte angelangt.
                      „Warum tust du das ? Gib auf, noch ist es nicht zu spät.“ Kraftlos hauchte er seinem Peiniger die Worte entgegen. „Wie rührend. Ich denke jedoch du schätzt die Lage vollkommen falsch ein. Niemand wird mich aufhalten. Eure Männer im Wald haben es nicht geschafft und du mit deinem Geschwätz wirst es auch nicht schaffen.“ Einem aufmerksameren Beobachter als ihm wäre eventuell die Überraschung im Gesicht des Mannes bei der Erwähnung des Angriffs im Wald aufgefallen.
                      Als hätte er es mit einem Kleinkind zu tun, beugte er sich zu La Croix hinab und strich mit der Hand über dessen Gesicht. „Ich gebe dir noch eine Chance alter Mann. Alles was ich von dir möchte ist deine Unterschrift auf diesem Papier.“ Seine rechte Hand legte er auf ein neben dem Bett auf einem Tisch liegendes Blatt Papier. „Du musst nur bestätigen, dass es von nun an nur noch einen an Stelle von drei Hütern gibt, mich. Ist es denn wirklich zu viel verlangt?“
                      „Niemals“, brachte der Hüter mit all seiner ihm noch zur Verfügung stehenden Kraft hervor. „Schade, wirklich schade.“ Clarksen erhob sich wieder und drehte sich zu seinem Folterknecht um. „Wir brauchen ihn nicht mehr“, sagte er zu diesem. „Aber Sir, er ist ein Hüter.“ Deutliches Unbehagen war in der Stimme des Mannes zu hören. „Dessen bin ich mir durchaus bewusst. Haben sie ein Problem damit?“ „Nein Sir!“
                      Clarksen drehte sich noch einmal zu La Croix um und für einen kurzen Moment sah man tiefe Trauer in seinem Gesicht. Immerhin hatte er gerade befohlen, den Mann der ihn wie seinen eigenen Sohn aufgezogen hatte zu töten.
                      Aber so unvermittelt der Ausdruck erschienen war, verschwand er auch wieder und Clarksen verließ den Raum.
                      Als er die Tür hinter sich zufallen hörte, atmete er tief durch und wandte sich dann an die vor der Tür postierte Wache. „In zwei Stunden möchte ich mich mit Millner unterhalten.“ „Jawohl Sir.“

                      „Wir sollten uns überlegen wie wir hier rauskommen.“ Prüfend betrachtete Brenner die Gitterstäbe ihrer Zelle. An zwei Seiten wurde diese von stabilen Wänden begrenzt und an den beiden anderen von eben jenem Gitter. „Kannst du da nicht etwas machen Langer?“ Erwartungsvoll blickte der Zwerg zu ihm herüber. „Ich bin mir nicht sicher. Kann ich?
                      KOMMT DARAUF AN. Kommt worauf an? WIE KRÄFTIG DU BIST. WENN DU ES SCHAFFST DIE GITTER ZU VERBIEGEN SEHE ICH EINE GUTE CHANCE TROTZ DER WACHEN VON HIER ZU ENTKOMMEN. Was soll das heißen? DAS ICH WEGEN DES ENERGIEFELDES IN DIESEM GEBÄUDE NICHTS UNTERNEHMEN KANN. ICH HABE EINZIG AUF MEINEN SPEICHER ZUGRIFF. ANSONSTEN BIN ICH MOMENTAN KEINE GROßE HILFE.
                      „Es sieht nicht gut aus. Eine Art Energieschild umgibt den gesamten Saal der Hüter.“ Enttäuscht nahmen die anderen seine Aussage zur Kenntnis. Plötzlich reckte Glori einen Arm in die Höhe. Nun ja so hoch eben wie es einem Zwerg möglich war. „Ich hab’s“ rief er.
                      Sofort richteten sich alle Augenpaare auf ihn. „Langer, mach’ mich wütend.“ „Hilft uns ein wütender Zwerg in dieser Situation weiter?“ Brenner hielt Gloris Plan offensichtlich für durchaus noch ausbaufähig. Auch Tordal brauchte einige Sekunden bis er verstand. Die Wachen, natürlich. Wenn es dem Zwerg gelingen würde sie so weit zu reizen, dass sie in die Zelle kamen, könnten sie die beiden überwältigen.
                      An sich ein extrem dämlicher Plan. Aber durch die spezielle Fähigkeit des Zwerges negative Emotionen auf andere Lebewesen in seiner Nähe zu übertragen, hatten sie eine Chance. „Gute Idee“, sagte der Kopfgeldjäger nickend.
                      Hoffentlich würde es Glori gelingen seine Emotionen zielgerichtet zu übertragen. In der Vergangenheit hatte es damit gelegentlich Probleme gegeben. Genauer gesagt beinahe immer. Aber es war auf alle Fälle einen Versuch wert.
                      „Dann legt mal los“, meinte der Zwerg regelrecht begeistert. Brenner, Stevens und der Hüter schienen nicht zu wissen was sie tun sollten. „Es ist ganz einfach“, erklärte Tordal. „Beleidigt ihn was das Zeug hält.“ „Wenn du meinst“, hörte man Stevens. „Na los, macht schon“, feuerte der Kopfgeldjäger die anderen an.
                      „Blöder Zwerg“, brachte der Arzt schüchtern hervor. „Winziger Wicht“, meinte der Zoologe verlegen. Glori sah ihn irritiert an. „Kniehoher Alkoholiker“, sagte der Hüter und blickte die anderen stolz an. WIE ERBÄRMLICH.
                      Weitere Beleidigungen wurden ausgetauscht und die Wächter wurden auf das Geschehen aufmerksam.
                      „Was machen die da?“ „Ich glaube die beleidigen den Zwerg.“ „Aber warum?“ „Kann ich nicht sagen. Aber ihm macht’s offensichtlich Spaß.“ „Scheint mir auch so.“ „Ist wohl so eine Art Wettbewerb.“ „Im Zwergen beleidigen?“
                      In der Zelle wuchs die Frustration. „Das bringt doch nichts“, sagte Stevens resignierend. „Wahrscheinlich würde es mehr bringen ihm den Bart anzuzünden.“
                      Fluchartig und mit lauten hysterischen Schreien verließen die beiden Wärter den Raum und die Gefährten sahen ihnen mit großen Augen nach.
                      „Glori, was war das da?“ Mit zusammengekniffenen Augen blickte Tordal den Zwerg an. „Sorry, aber ich hab’ Angst bekommen. Wenn es um meinen Bart geht, gerate ich leicht in Panik.“ „Na klasse und jetzt?“
                      Brenner und Stevens schlenderten langsam zu zwei Holzpritschen am anderen Ende der Zelle und legten sich darauf.
                      „Langer“, sagte Glori. „Ich hab’s.“ Dabei riss er sich die Weste vom Leib. „Was macht er nun?“ Der Arzt lag rücklings auf der Pritsche und hatte den Unterarm über sein Gesicht gelegt. „Ich glaube er zieht sich aus“, meinte Stevens von der Pritsche auf der anderen Seite der Zelle aus.
                      Nun machte sich der Zwerg an seinem Gürtel zu schaffen und zog ihn aus den Schlaufen. Der Kopfgeldjäger verfolgte dies mit wachsender Besorgnis. „Was auch immer du vorhast, lass’ es bleiben, bitte.“
                      „Es ist nicht das wonach es aussieht.“ Mittlerweile lag die Weste am Boden und die Hose hing in den Kniekehlen. „Das hoffe ich.“
                      „Mir fiel nur gerade ein, dass unser Freund Giganto in seiner Weitsicht für Fälle wie diesen vorgesorgt hat.“ Mit einigen Griffen öffnete er eine Naht im Innenfutter der Weste und förderte ein winziges Fläschchen zu Tage.
                      „Er war der Meinung das uns dies vielleicht irgendwann einmal helfen könnte. Deshalb hat er mir in Gürtel und Weste das hier eingenäht.“ Damit warf er dem Kopfgeldjäger das Behältnis entgegen und machte sich daran seinen Gürtel ebenfalls an der Innenseite zu öffnen. Tordal drehte den Verschluss von der kleinen Flasche und roch an dieser. „Bier“, brachte er erstaunt hervor. „Jetzt will er sich auch noch betrinken.“ Der Zoologe schüttelte fassungslos den Kopf. Lächelnd nahm der Kopfgeldjäger auch die zweite Flasche entgegen. „Giganto, dieser gerissene kleine Fuchs.“

                      Malin und seine Bewacher schwiegen sich nun schon eine gute halbe Stunde an. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und einer der Männer die vorhin mit Clarksen den Raum verlassen hatten trat ein.
                      „Du und du, ihr kommt mit.“ Dabei deutete er scheinbar wahllos auf zwei der Wachen. „Wir müssen Kauter und Svensson suchen. Die zwei rennen schreiend und total verängstigt hier durchs Gebäude. Keine Ahnung was in die gefahren ist“, hörte der Mönch den Mann noch beim Rausgehen sagen.
                      Da waren’s nur noch vier dachte Malin grinsend. Vielleicht klappt es ja dieses Mal. Aber an was soll ich nur denken? Egal, konzentriere dich auf die Männer und denke an … Kröten. Langsam öffnete er die Augen, aber nichts hatte sich verändert. Kröten? Wie dämlich.
                      Na gut, dann eben einfach nur auf die Wachen konzentrieren. Erneut schloss er die Lider. Vor seinem geistigen Auge sah er den Raum mit all seinen Einzelheiten. Er atmete langsam und gleichmäßig.
                      Nach etwas einer Minute öffnete er seine Augen wieder. Enttäuscht stellte er fest, dass sich nichts verändert hatte. Moment mal, es hatte sich wirklich nichts geändert. Alles war noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Da er sich nicht zu auffällig benehmen wollte, bewegte er seinen Kopf nur ein klein wenig.
                      Dann fiel sein Blick auf das Kaminfeuer und was er sah, ließ ihn innerlich jubeln. Die Flammen bewegten sich nicht.
                      Langsam stand er auf und sah sich um. Alles im Raum war erstarrt. Die Wachen, die Flammen und sogar eine direkt vor ihm in der Luft hängende Fliege.
                      „Ich hab’s geschafft. Ich habe es tatsächlich geschafft.“



                      38


                      Der Zwerg stand schon seit gut fünfzehn Minuten vor der Zellentür. „Was macht er da? Versucht er dem Schloss Angst einzujagen in der Hoffnung das es weg läuft?“ Die Ereignisse der letzten Zeit hatten offenbar eine sarkastische Ader in Stevens zu Tage gefördert.
                      „Nein wie Clarksen bereits feststellen durfte ist er ein Sofortumwandler. Einige wenige Zwerge besitzen diese mehr oder weniger sinnvolle Eigenschaft. Sein Körper wandelt Alkohol in Wärmeenergie um. Je nach Menge des zu sich genommenen Alkohols, kann er damit entweder eine Kerze anzünden oder einen Flächenbrand auslösen.“ „Ich hoffe nur er hat es besser unter Kontrolle als diese Emotionsgeschichte.“ „Nicht wirklich.“ „Dann verstehe ich nicht, warum du ihn gewähren lässt.“ Der Zoologe schüttelte den Kopf. Eine der am häufigsten benutzten Bewegungen bei denen, die den Zwerg näher kannten.
                      „Hast du eine bessere Idee?“ „Nein, leider nicht“, erwiderte Stevens. „Siehst du, also lass’ ihn mal machen. Durch ihn haben wir immerhin eine Chance. Eine sehr theoretische wie ich zugeben muss, aber doch besser als nur tatenlos rum zu sitzen.“
                      „Einen gewissen Unterhaltungswert kann man ihm ja nicht absprechen.“ „Finde ich auch.“
                      „Es geht los“, hörte man den Zwerg in diesem Moment. WAS WILL ER EIGENTLICH ERREICHEN? Ich habe keine Ahnung? ICH FORMULIERE DIE FRAGE MAL UM. WARUM ZIELT ER AUSGERECHNET AUF DAS SCHLOSS? Was?
                      „Glori!“ Doch es war schon zu spät. Eine kleine Flammenzunge entwich dem Mund des Zwerges. Gerade ausreichend um das Schloss der Zellentür zum Schmelzen zu bringen. „Damit wäre die Sache erledigt“, strahlte der Zwerg.
                      Stevens machte eine wegwerfende Geste und ging zur freien Holzpritsche im hinteren Teil der Zelle. „Die Tür kriegt keiner mehr auf“, sagte er noch und legte sich dann hin.
                      Auch Glori schien sich des kleinen Fehlers in seinem Plan bewusst zu werden. Er drehte sich um und rüttelte an der Tür. „Verdammt“, fluchte er.
                      „Na wenigstens kommt hier auch keiner mehr rein“, war Brenner zu hören. In diesem Augenblick kam der Mönch durch die offen stehende Tür des Nachbarraumes und blieb vor ihrer Zelle stehen. „Malin, was für eine Freude.“ Der Kopfgeldjäger streckte ihm durch die Gitter die Hand entgegen. Auch der Arzt rührte sich jetzt. „Aber wie konntest du entkommen?“ „Das ist eine lange Geschichte. Aber erst einmal werde ich euch hier rausholen.“ Alle blickten ihn erstaunt an. „Auf dem Weg hier her kam mir einer von Clarksens Männern schreiend entgegen und hat diesen Schlüssel hier verloren. Ich nehme einmal an, dass es euer Zellenschlüssel ist.“ Dann sah er die Zellentür und stutzte. „Das Schloss ist geschmolzen.“ „Das war Glori, lange Geschichte“, eröffnete ihm Tordal.
                      „Der Zwerg schmilzt Metall? Aber wie und vor allem warum?“ So kriege ich euch doch nie hier raus.“
                      „Ja, ja der Zwerg ist wieder an allem schuld.“ Eingeschnappt drehte sich Glori um und ging zum Zellenfenster. „Egal was ich auch mache, die Herren haben immer etwas daran auszusetzen.“ „Ruhig Glori, nur keine Aufregung“, redete der Kopfgeldjäger auf ihn ein. „Ich bin völlig ruhig.“ In diesem Moment durchlief ein gewaltiges Zittern Boden und Wände. Zeitgleich drangen durch das Fenster aufgeregte Rufe zu ihnen. „Nun vielleicht nicht völlig ruhig“, sagte der Zwerg kleinlaut.
                      Der Arzt lief zum Fenster und sah hinaus. „Der Wurm dreht völlig durch.“ „Glori!“ „Tut mir leid.“
                      „Malin, du musst das Energiefeld hier im Gebäude deaktivieren. Nur so kommen wir raus. Irgendwo sollte sich eine Art Pult befinden. Traust du dir das zu?“ „Ich denke schon. Ich glaube, ich habe ein immer Stockwerk tiefer etwas in der Art gesehen, bin gleich zurück.“
                      Nun gesellte sich auch Stevens zu Brenner ans Zellenfenster. „Wow, das Vieh macht richtig Terror.“ „Hast du gesehen wie es den Typen dort platt gemacht hat?“
                      Nur wenig später meldete sich Tordals KI. ER HAT ES GESCHAFFT. ICH BIN WIEDER VOLL EINSATZFÄHIG. „Alles klar Leute, macht Platz.“
                      Der Tavar trat auf die Zellentür zu und zog sein Schwert. Nur Sekunden später traten die Gefährten durch die noch glühenden Reste des Gitters hindurch in die Freiheit.
                      „Wie hat er das gemacht?“ Noch immer vom eben gesehenen beeindruckt starrte der Zoologe auf ein noch vibrierendes Gitterteil in der Wand vor ihm. „Ich habe keine Ahnung. Mehr als einen blauen Schemen konnte ich nicht erkennen“, antwortete ein verblüffter Brenner.
                      Kurz darauf stieß auch Malin wieder zu ihnen. „Es wird Zeit Clarksen einmal zu zeigen wo der Hammer hängt.“ Der Kopfgeldjäger steckte sein Schwert wieder in die Scheide zurück. „Auf geht’s, lasst uns ein wenig aufräumen gehen.“ Damit machten sie sich auf den Weg.
                      „Welchen Hammer meint er? Hat jemand irgendwo einen gesehen?“

                      Soll das heißen sie werden momentan nicht bewacht?“ Der Mann vor ihm war sichtlich nervös. „Ich fürchte ja Sir.“ „Bin ich denn hier nur von Schwachköpfen umgeben?“ Wütend ballte er die Hände an der Hüfte zur Faust.
                      „Dann kümmere ich mich selber darum. Schick’ mir zwei Männer mit voller Ausrüstung hinterher und sorge dafür, dass die beiden Irren eingefangen und bestraft werden“ „Jawohl.“
                      Wenige Minuten danach stand Clarksen in der leeren Zelle und starrte mit eisigem Blick an die Wand. Erst nach einigen Sekunden fing er sich wieder und drehte sich zu den in diesem Moment hereinstürmenden Männern. „Der Mönch, er ist weg Sir und ein Wurm ist völlig außer Kontrolle“, brachte einer der Männer schwer atmend hervor. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war dies aber noch nicht alles. „Was gibt es noch?“ „Es ist die Enterprise Sir. Wir haben jetzt Gewissheit.“
                      Einen Moment lang sah es so aus, als würde Clarksen nun endgültig die Fassung verlieren. Doch dann wurde er mit einem Mal ganz ruhig.
                      „Bringt mir den Mönch und tötet die anderen. Tötet sie alle“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
                      „Jawohl Sir!“ Die zwei Männer rannten wie von der Tarantel gebissen aus der Zelle und verschwanden aus seinem Blickfeld.
                      „Wenn ihr denkt, dass war es schon habt ihr euch getäuscht. Jetzt geht es erst richtig los“, sprach er mit Blick aus dem Fenster.


                      39


                      „Wohin jetzt?“ Tordal lehnte mit dem Rücken an der Wand und behielt den Gangabschnitt vor ihnen im Auge. „Dort vorne links und die Treppe zum nächsten Stockwerk herunter“, erklärte Brenner. „Wir müssen über den Hof ins Nachbargebäude. Dort befindet sich die Funkanlage.“
                      Zu dieser wollten sie um zu versuchen einen Funkspruch an das Raketenschiff abzusetzen. Der Kopfgeldjäger hoffte Kontakt mit Genesis herstellen zu können um sie vom sicherlich geplanten Angriff auf die Stadt abzubringen. Natürlich ging von Clarksen einen enorme Gefahr für sie aus, aber er hatte wenigstens nicht vor ganz New Hope zu zerstören und damit tausende Leben auszulöschen.
                      In seinem bisherigen Leben hatte der Tavar gelernt Prioritäten zu setzen. In der jetzigen Situation hatte er entschieden, dass es momentan am wichtigsten war die Stadt und die Menschen in ihr zu retten. Seine Begleiter stimmten ihm da ausnahmslos zu.
                      „Gut dann los“; sagte er und lief auf den Durchgang zu seiner Linken zu. Dort angekommen sah er sich kurz um und gab den anderen ein Zeichen ihm zu folgen.
                      IHR BEKOMMT GESELLSCHAFT. ES SIND VIER UND SIE KOMMEN DIE TREPPE HERAUF. Verstanden. Er hielt vier Finger seiner linken Hand in die Höhe und deutete in Richtung der Treppe.
                      „Was heißt das?“ Fragend blickte der Zwerg in die Runde.
                      Schon im nächsten Moment stürmten ihnen vier in Kampfmontur gekleidete Männer entgegen. Diesen stand die Überraschung sich plötzlich einem ganz in schwarz gekleideten, in ein bläuliches Licht gehüllten Irrwisch gegenüber zu sehen deutlich ins Gesicht geschrieben. Als dieser dann auch noch auf sie zu stürmte wich die Überraschung blankem Entsetzen. Der vorderste Mann kam nicht einmal dazu seine Waffe zu erheben, da wirbelte er schon durch die Luft und prallte auf den hinter ihm laufenden.
                      Die anderen beiden eröffneten daraufhin das Feuer, mussten aber feststellen, dass die Kugeln von dem blauen Etwas vor ihnen einfach abprallten.
                      Während einer von ihnen die Aussichtslosigkeit ihrer Lage erkannte und den Rückzug antrat, bewies der andere weniger Geistesgegenwart und warf sich auf Tordal. Zumindest war dies wohl seine Absicht gewesen. Tatsächlich legte er aber einen der wahrscheinlich spektakulärsten Stunts der jüngeren Menschheitsgeschichte hin. Denn wie bei genauer Betrachtung des bisherigen Kampfgeschehens nicht anders zu erwarten, prallte er wie ein menschliches Geschoss vom Schutzschild um den Körper des Kopfgeldjägers ab. Von dort aus ging es in hohem Bogen gegen die rückwärtige Wand und direkt weiter an die gegenüberliegende. An dieser rutschte er unmotiviert zu Boden.
                      „Aua“, kommentierte Glori dies. Wäre der Mann noch bei Bewusstsein gewesen, hätte er ihm da sicher zugestimmt.
                      Die gesamte Auseinandersetzung hatte nicht mehr als fünf oder sechs Sekunden gedauert und hatte beste Chancen in Tordals persönlicher Best of Liste dieses Jahres aufgenommen zu werden. „Wirklich eindrucksvoll“, beschrieb der Hüter das Geschehen.
                      Zu weiteren Zwischenfällen kam es auf ihrem Weg aus dem Gebäude heraus nicht mehr. So betraten sie den Hof, wo die Spuren der gigantischen Würmer nicht zu übersehen waren.
                      Bis zum Nachbargebäude mussten sie etwa einhundert Meter freie Fläche überwinden. Sie hatte hatten beinahe die Hälfte der Strecke zurück gelegt, als sich Tordals KI meldete.
                      OH OH! Was ist? Sofort blieb er stehen und mit ihm auch seine Gefährten. Dann fing der Boden auch schon an zu beben. „Achtung Wurm“, rief er lauthals. Was seinen Begleitern aber nicht wirklich weiterhalf, da niemand wusste wo das Wesen aus dem Erdreich kommen würde. So blieben sie alle stehen und starrten wie gebannt auf den jetzt noch stärker bebenden Untergrund. Eine Sekunde später brach die Kreatur keine zwei Meter von Glori entfernt aus der bereits aufgewühlten Erde hervor.
                      Mit einem gewaltigen Sprung brachte dieser einen weiteren Meter zwischen sich und das Ungetüm. Von einem Zwerg konnte man nun mal keine sportlichen Höchstleistungen erwarten.
                      Das mächtige Wesen war nun vollständig aus dem Boden gekrochen und hob den vorderen Teil seines Körpers in die Höhe, schwenkte ihn in Tordals Richtung und ließ ihn dort wieder herab sinken.
                      Seit seinem Erscheinen waren nur wenige Augenblicke vergangen und wie alle anderen mit Ausnahme des zwergischen Weitspringers, hatte der Tavar sich seitdem nicht bewegt.
                      Nun wo er den gewaltigen Körper des Wesens auf sich zu rasen sah bedauerte er dies. Er wusste, dass er keine Chance hatte zu entkommen und sah seinem Ende wie er fand recht gelassen entgegen.
                      Doch kurz bevor der massive Leib auf ihn traf, stoppte dieser. Die Kreatur rührte sich nicht mehr und hing knapp über ihm in der Luft.
                      „Weg da, schnell!“ Die Worte waren kaum ausgesprochen, da warf er sich schon zur Seite. Als er wieder auf die Beine kam fand er sich neben Malin wieder, dem dicke Schweißtropfen auf der Stirn standen und er verstand.
                      „Wenn du etwas unternehmen willst dann jetzt“, brachte der Mönch angestrengt hervor. Das ließ er sich nicht zwei Mal sagen und stürzte sich auf das Wesen. Zeitgleich mit ihm traf Glori mit der Axt in seinen Händen bei der Kreatur ein.
                      Wenige Sekunden später standen beide bis zu den Knien in Wurminnereien. Dann brach Malin geschwächt zusammen und der riesige Körper klatschte vor ihnen auf den Boden.
                      „Das“, brachte Glori hervor, „ist mit Abstand das Ekligste was ich jemals erlebt habe.“ Dabei wischte er sich eine ansehnliche Menge Wurmgedärm aus dem Gesicht.
                      Mit schmatzenden Geräuschen und noch immer von oben bis unten besudelt gingen sie zum von Brenner und Stevens gestützten Malin. „Das war unglaublich. Aber wie hast du das nur geschafft?“ „Konzentration, reine Konzentration“, erklärte der Mönch ihm mit einem Lächeln. Ebenfalls lächelnd klopfte Tordal ihm auf die Schulter.
                      Von einer Sekunde auf die andere begann alles um sie herum zu zittern und ein unheimliches Geräusch war aus dem Untergrund zu hören. DAS SIEHT NICHT GUT AUS.
                      Überall um sie herum brachen die gigantischen Würmer aus dem Erdreich hervor. Der Tavar zählte mindestens acht dieser Wesen. Sich nach allen Seiten absichernd hielt die Gruppe ihre Position. Dann kehrte plötzlich Ruhe ein.
                      Die Kreaturen hatten die Gefährten eingeschlossen, schienen aber nun auf irgendetwas zu warten. Ein langsames Klatschen war auf dem Hof zu hören und alle sahen in die entsprechende Richtung.
                      „Eine wirklich faszinierende Vorstellung meine Herren.“ Es war Clarksen, der umgeben von seinen noch verbliebenen Männern vor dem Saal der Hüter stand. „Ehrlich gesagt hätte ich ihnen diese Leistung nicht zugetraut, ich bin beeindruckt. Wie ihnen Mr. Brenner sicherlich bestätigen kann, geschieht dies nicht sehr häufig.“ Als Respektsbekundung deutete Clarksen ein kurzes Nicken an. „Aber nun ist ihre Show beendet. Denn wie sie sehen befinden sich nun alle Trümpfe in meiner Hand. Geben sie auf und wer weiß, vielleicht lasse ich sie sogar am Leben.“
                      „Es ist noch nicht zu spät Clarksen“, rief ihm Tordal entgegen. „Noch können sie zurück. Ich bin sicher sie würden eine faire Verhandlung bekommen.“ DU GLAUBST DOCH WOHL NICHT ERNSTHAFT, DASS ER DARAUF EINGEHT. Was sollte ich denn deiner Meinung nach sonst sagen? Es gibt leider kein Handbuch für solche Situationen.
                      „Immer auf der Suche nach einer friedlichen Lösung, dass gefällt mir. Noch vor ein paar Jahren hätte ich dem wahrscheinlich zugestimmt. Aber nicht Heute und nicht hier. Sie müssen doch mittlerweile wissen, welche Lügen uns all die Jahre aufgetischt wurden. Wie klein und schwach wir Genetiker uns Jahrtausende lang verhalten haben. Anstatt den uns zustehenden Platz einzunehmen, entschieden sich unsere Vorfahren dafür, lieber auf ewig im Verborgenen zu leben und sich von ihren Schuldgefühlen leiten zu lassen. Sie haben freiwillig die Macht aus den Händen gegeben und die Welt einer Bande von Missgeburten überlassen. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Menschheit wird von nun an wieder die dominierende Spezies auf diesem, unserem Planeten sein und du Malin bist der Schlüssel zu unserer Rückkehr.“
                      FEHLT NUR NOCH UNSER VOLK BRAUCHT RAUM. „Hören sie sich eigentlich selber reden? Wovon sie sprechen, ist nichts anderes als ein totaler Genozid.“ Fassungslos sah Tordal den Mann an. „Wir werden bis zum letzten Blutstropfen kämpfen um ihre Pläne zu verhindern.“
                      „Können wir darüber vielleicht noch einmal abstimmen? Denn es klingt doch sehr endgültig für mich“, kam es von Glori. „Es sind unsere Kinder.“ Millner sah zu Boden. „Ich denke ich spreche für alle wenn ich sage, fahr zur Hölle!“ Seine Begleiter sahen ihn erstaunt an. „Na, ist doch wahr.“
                      „Damit dürfte die Entscheidung gefallen sein“, richtete der Tavar seine Worte an Clarksen. „Ihr habt es nicht anders gewollt“, rief der Kapitän ihnen entgegen.
                      „Du weißt, dass wir nicht die geringste Chance haben. Ich kann vielleicht ein oder zwei dieser Wesen aufhalten, aber niemals alle“, flüsterte Malin dem Kopfgeldjäger zu. „Jetzt aufgeben hieße unsere Welt aufgeben, lieber sterbe ich.“ Der Mönch lächelte traurig. „Erinnerst du dich noch daran, was du mir über Heldentum erzählt hast? Du hattest Unrecht.“
                      „Lasst die Würmer los“, sagte Clarksen zu dem neben ihn stehenden Mann. Die mächtigen Wesen setzten sich in Bewegung.
                      In diesem Moment erscholl ein Ton wie von einem gigantischen Horn. Alle Anwesenden blickten sofort zum Hafen.
                      „Großer Gott, was ist das?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Hüter zum Meer. „Genesis“, hörte man den Hüter leise sagen.
                      "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                      "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                      Norman Mailer

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                      • #12
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                        Mittlerweile hatten die Würmer gut die Hälfte der Distanz zu ihnen zurückgelegt und befanden sich nur noch etwa vierzig bis fünfzig Meter entfernt. Sie schienen es allerdings nicht sonderlich eilig zu haben und bewegten sich nur langsam auf sie zu.
                        „Das nenn’ ich mal ein Schiff“, sagte Glori bewundernd. „Würdest du dich bitte auf die Viecher konzentrieren.“ Den Rücken zu ihm gewandt, stieß ihn der Kopfgeldjäger mit dem Ellenbogen in die Seite. „Aua, hey was soll das?“ „Große, eklige Würmer“, meinte Tordal angespannt.
                        ICH WÜRDE EMPFEHLEN IN DECKUNG ZU GEHEN. AUF DEN BODEN LEGEN ERSCHEINT MIR RECHT VIELVERSPRECHEND. Das ist selbst für dich schwachsinnig. Wie soll ich denn im Liegen kämpfen?
                        Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde blitzte es auf dem Schiff mehrmals kurz hintereinander auf. Dann rasten gut ein Duzend Feuerbälle auf sie zu. „Was zum…“ HINLEGEN.
                        Mit ungläubigem Blick sah Clarksen in Richtung Hafen, von wo aus eine neue immer größer werdende Sonne direkt auf ihn zu hielt.
                        „Das kann nicht das Ende sein, nicht so“, sagte er noch. Die nachfolgende Explosion und der mächtige Feuerball der an der Stelle wo er eben noch gestanden hatte in den Himmel schoss, zeigten an wie sehr er sich geirrt hatte.
                        Mehrere aufeinander folgende Explosionen ließen die Gebäude im Umkreis von einigen hundert Metern erzittern und verwandelten den Hof um sie herum in eine wahre Feuerhölle. Eine Druckwelle nach der anderen fegte über den Kopfgeldjäger hinweg und er spürte wie ihm die Hitze den Rücken versengte.
                        Doch gerade als er sich mit seinem bevorstehenden Ende abgefunden hatte, war es vorbei.
                        Die nun einsetzende Stille dröhnte in seinen Ohren. Eine Fähigkeit, die nur von den wenigsten Stillen im Universum beherrscht und nur zu ganz besonderen Anlässen eingesetzt wurde. Der seit vielen Jahrtausenden erste Einsatz eines zur Massenvernichtung tauglichen Waffensystems auf diesem Planeten schien ein solcher zu sein.
                        Unendlich langsam und leicht benommen erhob sich Tordal. Der gesamte Hof war in dichten Rauch gehüllt. Trümmerteile und unzählige Brocken Wurmfleisch in den verschiedensten Größen prasselten um ihn herum zu Boden.
                        Schwer atmend und von oben bis unten mit Staub und Dreck bedeckt stand er da und versuchte den beißenden Qualm mit seinen Blicken zu durchbohren.
                        War es das was ich denke? EXAKT.
                        Ein Husten zu seiner Linken ließ ihn aufhorchen. „Hier sieht man ja die Hand vor Augen nicht.“ Beim Klang der Stimme fiel ihm ein Stein vom Herzen. Es war Glori, er lebte. Kurz darauf fanden sich auch Stevens und Millner bei ihnen ein.
                        In Anbetracht dessen was hier gerade geschehen war, schien es wie ein Wunder, dass es überhaupt Überlebende gab. Bis auf einige leichtere Blessuren waren sie noch einmal mit dem Schrecken und einem Trommelfellschaden davon gekommen. Was man von Clarksen und seinen Männern nicht behaupten konnte. Denn wenn der Kapitän nicht über die höchst seltene und wenig sinnvolle Fähigkeit sich bei Gefahr in einen mehrere Meter tiefen Krater zu verwandeln verfügte, gab es wohl für ihn kaum Hoffnung.
                        Auch die bei vielen Wurmarten hoch gelobte Regenerationsfähigkeit war mit der Situation ganz offensichtlich überfordert. Wobei momentan auch eher ein professioneller Puzzlespieler gefragt wäre.
                        „Hat jemand Malin gesehen?“ Alle schüttelten sie mit dem Kopf und den Tavar beschlich ein ungutes Gefühl.
                        Letztendlich war es seine KI, die ihm die ersehnte Auskunft gab.
                        ER IST AM LEBEN. Wo ist er?
                        Sie fanden ihn über und über mit Ruß und Dreck bedeckt, ein wenig abseits ihrer Position. Der Mönch saß auf dem Boden und starrte regungslos vor sich hin. Tränen rannen ihm über das Gesicht und er hielt den leblosen Körper Brenners in den Armen.
                        Schweigend standen seine Gefährten um ihn herum und sahen zu ihm hinab. Nach einigen Sekunden hob er den Kopf und blickte sie aus tief traurigen Augen an. Diese Trauer in seinen Augen brachte mehr zum Ausdruck, als es Worte jemals gekonnt hätten.
                        „Wieso?“ Dem Kopfgeldjäger schien es, als würde diese Frage vom Herzen des Jungen an seines gestellt. „Er hat sich auf mich geworfen und sein Leben für meines geopfert. Wieso hat er das getan? Ich verstehe es nicht.“
                        Sogar Glori schwieg in dieser Sekunde. Wofür ihm Tordal auch sehr dankbar war. Was sollte man Malin auch darauf antworten? Das sein Leben mehr Wert war als das seines Freundes und Brenner dies wusste? Das er die Zukunft der Menschheit verkörperte? Wahrscheinlich dachten in diesem Moment alle in diese Richtung, aber niemand sprach es offen aus.
                        Wie und vor allem mit welchen Worten sollte man jemandem erklären, dass der Wert eines Lebens den eines anderen übertreffen konnte?
                        TUT MIR WIRKLICH LEID DASS ICH STÖREN MUSS, ABER ES IST NOCH NICHT VORBEI. Clarksen kann doch unmöglich überlebt haben. IHN MEINE ICH AUCH NICHT. Der Tavar riss seinen Kopf herum und blickte zum Meer. Oh nein!
                        Vom Rumpf des mächtigen Schiffes hatten sich duzende kleinere Boote gelöst und steuerten die Küste an. Einige von ihnen hatten den Hafen schon erreicht und aus sich am Bug befindenden Öffnungen strömten unzählige Leiber der Stadt entgegen.
                        „Wir müssen die Stadttore schließen und die Mauern bemannen“, sprach der Hüter mit ruhiger, klarer Stimme.

                        Sie standen auf der äußeren die Stadt umgebenden Mauer. Direkt neben dem Tor, durch welches sie diese betreten hatten. Alle kampftauglichen Männer in New Hope waren zu den Waffen gerufen worden und besetzten nun die vorgesehenen Positionen.
                        Mittlerweile schlängelte sich ein schier endloser Tross silbrig glänzender Körper vom Hafen der Stadt entgegen. Es sah aus als bewegte sich ein gewaltiges Ameisenheer auf sie zu. „Das müssen Tausende sein“, hörte Tordal die Stimme des Zoologen neben sich. UM GENAU ZU SEIN 9250. Danke, du bist ein Meister der Motivation.
                        Nun konnte man auch erkennen, was da auf sie zukam. Es waren Maschinenwesen, ähnlich denen aus dem dunklen Berg. Ihre metallenen Körper glänzten in der Sonne. Spätestens da wurde sich der Tavar der Ausweglosigkeit ihrer Lage bewusst. Denn gegen diese Angreifer nutzten ihnen herkömmliche Waffen und vermutlich auch der Großteil der Schusswaffen nichts. Nur die großen von ihren Trägern geschulterten Waffensysteme würden wohl überhaupt Wirkung zeigen. Doch nach Aussage des Hüters besaßen sie von diesen nicht mehr als einige wenige Duzend.
                        Er selber war durch seinen Energieschild bis zu einem gewissen Grad geschützt. Aber er konnte es unmöglich mit mehreren Tausend dieser Wesen aufnehmen. 9250. Halt die Klappe!
                        Malin befand sich nur wenige Meter von ihnen entfernt am Fuße der Mauer. Vom Einsatz seiner Magie noch immer geschwächt, würde er ihnen im bevorstehenden Kampf keine Hilfe sein können. In seinem momentanen Zustand könnte der Einsatz seiner Fähigkeiten schlimme Folgen für ihn haben.
                        Als sie nur noch etwas weiter als eine Bogenschussweite von ihnen entfernt waren, stoppten die Maschinenwesen plötzlich.
                        Die Anspannung unter den auf der Stadtmauer auf den Angriff wartenden Männern wurde beinahe unerträglich. In die ungeheure Masse der Maschinen kam wieder Bewegung. Sie schienen für etwas oder jemanden eine Gasse zu bilden. Dann entstand eine Lücke in ihren vorderen Reihen und zwei Gestalten auf insgesamt sechs Beinen traten an die Spitze der gewaltigen Streitmacht. Sie bewegten sich auf das Stadttor zu und kamen schließlich vor diesem zum stehen.
                        „Wie sieht es aus, lasst ihr uns rein?“ Die Worte durchbrachen die gespannte Stille wie ein Donner die Nacht. Überrascht gab Tordal den Befehl das Tor zu öffnen und eilte eine steinerne Treppe hinab um die unerwarteten Besucher zu empfangen.
                        Die auf den Mauern stehenden Männer staunten nicht schlecht, als ein Zwerg in Begleitung einer großen schwarzen Katze die Stadt betrat.
                        Mit ausgebreiteten Armen kam Giganto auf seinen alten Freund zu.
                        „Wie freue ich mich dich zu sehen. Schön dass es dir gut geht“, hieß ihn Tordal mit einem offenen Lächeln willkommen. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite Großer. Das kannst du mir glauben.“ Herzlich umarten sich die beiden, während Pandor zu Malin lief.
                        Als der Zwerg den Leichnam Brenners sah, verengten sich seine Augen. „Wie ist das geschehen?“ Der Tavar fasste die Ereignisse der letzten Stunden in wenigen Sätzen zusammen und berichtete ihm abschließend vom Tod des Arztes. Woraufhin ehrliche Trauer im Gesicht des Zwerges erschien.
                        „Aber was hat es mit denen da auf sich?“ Mit einer Kopfbewegung deutete der Kopfgeldjäger auf die immer noch vor der Stadt verharrenden Maschinen. „Als wir bei der Seezwerg eintrafen, waren sie schon da. Man brachte uns auf ihr Schiff wo wir erfuhren, dass sie von Genesis gesandt wurden. Anscheinend waren sie über die Geschehnisse hier nicht ganz so informiert, wie es sein sollte. Kurz darauf nahm dieses Ungetüm von Schiff Kurs Richtung Norden und den Rest kennst du ja.“
                        „Aber was haben sie nun vor, weshalb sind sie hier?“ „Tja, dass solltest du wohl besser ihn fragen.“ Der Zwerg wies auf einen Punkt hinter Tordal. Als sich Tordal umdrehte stand Pandor vor ihm. Irritiert wie so oft seit etwa einem Jahr sah er die Raubkatze an.
                        „Sei gegrüßt Tavar.“ „Herrje“, fluchte der Kopfgeldjäger und zuckte zusammen. „Irgendwann kriege ich noch Mal einen Herzinfarkt. Genesis, bist du es?“
                        „Mit wie vielen Tieren sprichst du eigentlich so in der Woche? Natürlich bin ich es.“



                        41


                        „Ich dachte du hättest auf diesem Kontinent keine Möglichkeit der Einflussnahme.“ „Das habe ich nicht behauptet. Ich sagte nur, dass ich hier stark eingeschränkt sei und so ist es auch. Aber dieses Tier ist etwas besonderes. Wir kennen uns schon etwas länger. Sagen wir einfach nicht alles an ihm entspricht dem Bauplan der Natur.“ Einige Räder im Kopf des Tavars griffen nun ineinander. „Dann hast du ihn geklont.“ ICH WOLLTE DICH AUF DER SEEZWERG SCHON DARAUF HINWEISEN, DASS WIR DIE GANZE ZEIT NICHT MALIN SONDERN DEM SIGNAL DES PANTHERS GEFOLGT SIND. ABER DER HERR HATTE MIR JA DEN MUND VERBOTEN. Als ob dich das jemals von etwas abgehalten hätte. IHM MUSS EIN SENDER IMPLANTIERT WORDEN SEIN.
                        „Schön zu hören, dass es deiner KI gut geht. Ihr habt Recht, als ich von Malin erfuhr klonte ich die Katze und sandte sie zu ihm um ihn zu beschützen. Mir war von Anfang an klar, dass seine wachsenden Fähigkeiten im Laufe der Zeit auch das Interesse anderer wecken würde.“ „Sagtest du nicht, du wüsstest nichts von seinen Fähigkeiten?“ „Zu dem Zeitpunkt als ich dich kontaktierte hatte ich auch noch keine Ahnung welcher Art sie sind. Aber ihn umgab eine ganz besondere Aura.“ „So etwas kannst du spüren?“ Tordal zeigte sich sichtlich überrascht. „Ich nicht, aber wie du weißt verfüge ich auf dem Kontinent über verschiedenste Quellen, die mich mit Informationen versorgen.“
                        „Das ist alles sehr interessant wie ich zugeben muss. Aber was möchtest du? Warum bist du, warum sind sie hier?“ Dabei sah er zu den bewegungslos vor der Stadt stehenden Maschinen.
                        „Dazu muss ich dir erst einmal einiges erklären.“ „Oh Gott, nicht schon wieder. So langsam habe ich genug von diesen ganzen Erklärungen, dunklen Geheimnissen und Verschwörungen. Siehst du die Männer da oben?“ Tordal zeigte mit einer Hand auf die Stadtmauer. „Die sind hier um ihre Heimat und ihre Familien zu verteidigen. Die meisten von ihnen sind so angespannt und starr vor Angst, dass man mit ihnen einen ausgewachsenen Troll in die Wand nageln könnte. Wenn du jetzt wieder anfängst mir die gesamte Geschichte dieser Welt zu erzählen, ist das mehr als unfair ihnen gegenüber. Von meinem armen, überforderten Gehirn ganz zu schweigen.“ „Das mit den Trollen war ein sehr anschauliches Beispiel, sehr schön.“ FINDE ICH AUCH. „Wobei ich sagen muss, dass dieser da einen recht zuversichtlichen Eindruck macht“, befand Genesis. Der Kopfgeldjäger blickte zur Mauer hinauf und entdeckte Glori, der abwechselnd grinsend beide Daumen in die Höhe streckte und auf seine Axt deutete. „Man könnte meinen er kann kaum erwarten, dass es losgeht“, zeigte sich selbst Genesis überrascht.
                        „Nun ja, Glori ist da vielleicht eine Ausnahme…“. UND WITZIG, ER IST UNGLAUBLICH WITZIG. „Arrgh!!!“ Tordal brachte es tatsächlich fertig, auch die drei Ausrufungszeichen mit auszusprechen, eine linguistische Meisterleistung.
                        „Ich verstehe schon was du meinst. Aber es muss sein, vertrau mir und sag deinem Freund er soll sich beruhigen. Alle körperlichen Anzeichen deuten darauf hin, dass er sonst wie ein Dampfkessel in die Luft fliegt.“
                        Vertrauen, das denkbar ungünstigste Argument welches Genesis ihm gegenüber momentan bringen konnte, wie der Tavar fand. Aber in Ordnung er würde zuhören, wie immer. Mit einer Geste wies er den beinahe vor Vorfreude hyperventilierenden Zwerg auf der Mauer an sich vorerst noch zu gedulden.
                        „Es geht um die Zukunft dieser Welt“, begann die KI. „Natürlich was sonst?“ Es ging immer um die Zukunft des Planeten. Dabei kam er doch noch nicht einmal mit der Gegenwart zurecht. „Hörst du mir jetzt zu?“ „Schon gut, rede weiter. Ich werde schweigen wie ein Grab.“
                        „Seit einiger Zeit beobachte ich Veränderungen auf dieser Welt, für die es keine rationale Erklärung gibt. In fast allen Fällen handelt es sich um scheinbar unbedeutende Dinge, die aber im Ganzen gesehen, weit reichende Folgen nach sich ziehen. Neue Gesetze, eine Auseinandersetzung hier, ein Machtwechsel dort, in etwa in diesem Stil. Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte keine Verbindung zwischen den Ereignissen herstellen. Aber es musste einfach einen Zusammenhang geben. Erst bei einem Routinecheck meiner Systeme kam ich dem Grund für mein diesbezügliches Versagen auf die Spur.
                        So unglaublich es auch war, jemand hatte Zugriff auf meine Programmierung und damit auf mich. Dies ging so weit, dass ich teilweise keine Daten über meine Aktivitäten hatte. Du musst es dir wie einen Gedächtnisverlust vorstellen. Ein für mich nicht tragbarer Zustand. Einer dieser Zeiträume über die ich keine Aufzeichnungen besitze war zum Beispiel, als ich in direktem Kontakt mit deiner KI stand.“
                        Wiederum griffen selten genutzte Zahnräder in Tordals Gehirn mit lautem Quietschen ineinander. „Die verschlüsselten Daten und die leider misslungene Löschung meiner KI.“ DAS HABE ICH GEHÖRT.
                        „Genau, ich habe erst vor wenigen Minuten beim Datenabgleich mit deiner KI davon erfahren. Doch dies ist noch nicht alles. Die Daten, die ich über die Genetiker besaß waren manipuliert worden. Sie besagten, dass sie an einem Plan zur erneuten Übernahme der Herrschaft über den Planeten arbeiteten. Das es sich nur um eine kleine radikale Gruppe handelte, ging aus den Informationen nicht hervor.
                        Da mein primärer Auftrag der Schutz und Erhalt dieser Welt ist, war ich aufgrund der Fehlinformationen zum Handeln gezwungen.“
                        „Also hast du dieses Monster von Schiff gebaut und mit der Produktion einer Invasionsstreitmacht begonnen.“
                        „So war es. Da ich keine genauen Koordinaten der Genetiker Basis besaß, bin ich euch in sicherem Abstand und mit Hilfe einer Energieabschirmung um mein Schiff gefolgt. Während eines Sturmes auf dem großen Meer hatte diese eine Fehlfunktion, weshalb es deiner KI kurzzeitig möglich war eine Ortung vorzunehmen.“
                        „Halt mal kurz. Warum hatte man versucht meine KI auszuschalten?“ „Weil ihr eine unbekannte Komponente im groß angelegten Plan unserer Gegner wart. Sie waren gezwungen zu improvisieren.“

                        „Was tut er da?“ Stevens und Glori beobachteten das Geschehen unter ihnen. „Ich bin mir nicht sicher“, gab der Zwerg zu verstehen. „Aber ich denke er verhandelt.“ Der Zoologe legte die Stirn in Falten. „Er verhandelt mit der Katze? Das kann ja heiter werden.“
                        Der Zwerg wollte gerade zu einer ausführlichen Antwort ansetzen, als er Giganto die Treppe zu ihnen heraufkommen sah. Auch wenn er es natürlich nie zugegeben hätte, war sein Herz in diesem Moment erfüllt von Freude. „Willkommen zurück“, begrüßte er ihn.
                        Giganto blieb vor ihm stehen und sah ihn an. „Ist das etwa eine Begrüßung nach Zwergen Art?“ Gloris Mundwinkel erinnerten sich offenbar wieder an die Schwerkraft und zogen den Rest des Gesichtes mit aller Gewalt dem Boden entgegen. „Muss das sein?“ „So verlangt es die Tradition“, antwortete der nicht alkoholabhängige Zwerg.
                        Sich nach allen Seiten absichernd vollführten sie dann ein uraltes und streng geheimes Zwergen Ritual. Nur wenige Außenstehende hatten bisher davon gehört.
                        Sie gaben sich die Hand und zogen sich mit der anderen gegenseitig an den Bärten bis ihnen die Tränen in den Augen standen. Die Tränen standen dabei für das Blut, welches man für seinen Freund oder Verwandten bereit war zu opfern. Nun ja, eigentlich standen sie für den in diesem Moment empfundenen Schmerz und sind eher zwangsläufig Bestandteil dieses Rituals geworden. Aber so etwas klingt natürlich nicht sonderlich beeindruckend, weshalb man sich auf die Sache mit dem Blut geeinigt hatte.
                        Stevens hatte die ganze merkwürdige Aktion verblüfft beobachtet. „Vergiss was du eben gesehen hast“, meinte Glori zu ihm und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Das würde ich nur zu gerne, ehrlich. Aber ich fürchte dieser Anblick hat sich auf ewig in mein Gehirn gebrannt“, sagte Stevens und versuchte dabei möglichst ernst zu wirken.
                        Mit einem Nicken wandte sich der Zwerg von ihm ab. „Du hattest übrigens Recht mein Freund.“ „Was meinst du?“ Giganto schien nicht ganz zu verstehen. „Ich habe den Mönch beobachtet, er federt nicht.“ „Habe ich doch gesagt.“ „Es ist mehr so eine Art Wippen… “.

                        „Etwas will mir nicht so recht in den Kopf. Warum die verschlüsselten Daten über die Raketen? Was ist in der Bucht geschehen? Der Nervtöter in meinem Kopf ist sich ziemlich sicher, dass die Schiffe durch diese Marschflugkörper zerstört wurden. Da ich hier sonst niemanden sehe der mit etwas ähnlichem um sich wirft muss ich davon ausgehen, dass du dafür verantwortlich bist.“
                        „Zu meinem größten Bedauern muss ich dir da Recht geben. Aufgrund der mir zu dem Zeitpunkt vorliegenden Daten konnte ich nicht anders handeln. Ich bin nur meiner Programmierung gefolgt, versuche bitte das zu verstehen. Erst durch Giganto habe ich erfahren, dass ich viele unschuldige Leben ausgelöscht habe. Man hat mich in die Irre geführt, mich missbraucht. Dies alles war Bestandteil des Plans unseres Feindes.
                        Wäre der Zwerg nicht gewesen, hätte ich die Genetiker weiterhin als Gefahr angesehen und ausgelöscht. Durch die Daten über die Raketen und den Angriff auf deine KI wäre es auch beinahe gelungen uns gegeneinander auszuspielen. Unser Gegner wollte Misstrauen zwischen uns sähen und damit erreichen, dass du mich als deinen Feind ansiehst und auf Seiten der Genetiker gegen mich kämpfst. Doch ihr habt ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.“

                        Mit seinen Gedanken an einem anderen Ort stand Malin etwas abseits des Tores. „Er war nicht sinnlos.“ Aus seinem Tagtraum gerissen drehte er sich um und sah sich dem Hüter gegenüber. „Was?“ „Sein Tod, er war nicht sinnlos. Er wusste ganz genau was er tat.“ „Ich verstehe nicht ganz.“ „Du musst wissen, dass er keine Familie hatte, niemanden der ihm nahe stand. Eigentlich kaum zu verstehen bei seiner herzlichen und offenen Art, aber es war so. Er lebte einzig und allein für seinen Beruf.“
                        Noch immer war sich der Mönch nicht sicher ob er wusste, was der Mann ihm zu sagen versuchte.
                        „Ich habe es in seinen Augen gesehen, in der Art wie er sich dir gegenüber verhielt. So lange ich ihn kannte, hatte er niemanden so dicht an sich rangelassen. Du hast ihm etwas bedeutet und er hatte große Hoffnungen in dich und deine Fähigkeiten gesetzt. Ich bin mir absolut sicher, dass er sein Opfer nicht als sinnlos angesehen hätte.“
                        Einige Sekunden lang starrte der Mönch den alten Mann an.
                        „Er sprach von Filmen die er sich mit mir ansehen wollte. Ich weiß nicht einmal was er damit meinte“, sagte er dann mit zittriger Stimme und einem Lächeln im Gesicht. „Oh ja Brenner und seine Filme. Er war regelrecht vernarrt ihn sie.“ Der alte Mann schien sich zu erinnern und musste lachen. „Es gibt da noch etwas worüber du vielleicht mal nachdenken solltest“, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
                        „Jetzt nachdem La Croix und Clarksen von uns gegangen sind, bin ich der einzig verbliebene Hüter. Unser Gesetz verlangt aber, dass es drei sein müssen. Immer vorausgesetzt wir überleben diese Sache hier könnte ich mir keinen besseren Hüter als dich vorstellen. Du könntest unser Volk in die Zukunft führen. Natürlich muss erst darüber abgestimmt werden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es großen Widerspruch geben würde. Du musst dich nicht sofort entscheiden, denk einfach darüber nach.“ Das kam für Malin doch sehr überraschend, in seinem Herzen hatte er die Entscheidung aber schon längst schon getroffen.
                        „Sollte ich zusagen, wären wir aber erst zu zweit. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wer der dritte sein könnte?“ „Sagen wir einfach ich wüsste da jemanden der es verdient hätte.“ Dabei blickte er die Mauer empor zu Stevens der sich angeregt mit den beiden Zwergen unterhielt.
                        Ohne ein weiteres Wort zu sagen ging Millner. „Eins noch“, rief ihm Malin hinterher. „Danke“, sagte er als ihn der alte Mann ansah.

                        „Aber was soll nun dieser Aufmarsch dort draußen?“ „Unser Gegner verfolgt offensichtlich einen langfristigen Plan und wird sich auch durch einen Rückschlag nicht aufhalten lassen.“
                        „Du sprichst von einem langfristigen Plan, aber mit welchem Ziel?“ „Alles in allem kann es nur einen Schluss geben. Der Feind versucht mit allen Mitteln die Menschheit in Abseits zu drängen oder sie zu vernichten.“
                        „Das ist allerdings wirklich neu. Bisher ging die Gefahr stets von den Menschen aus.“
                        Wer oder was konnte ein Interesse daran haben, die Menschheit auszulöschen? WAR DASS EINE ERNST GEMEINTE FRAGE? Ja, ich verstehe schon worauf du hinaus willst.
                        „Um auf deine Frage zurück zu kommen. Der Grund für den Aufmarsch wie du es nennst, ist das ich dir persönlich diese Streitmacht unterstelle.“
                        „Halt, da komme ich nicht ganz mit. Ähh, ich meine wieso?“ „Das dürfte doch offensichtlich sein.“ „Ist es nicht, sonst würde ich nicht fragen.“ ALSO ICH HÄTTE DA EINE VERMUTUNG. FRAG’ DOCH MAL OB DU RATEN DARFST. Nicht jetzt. WANN DENN SONST, ETWA NACHDEM ES DIR ERKLÄRT WURDE? Ich werde nicht raten, Schluss aus!
                        „Wusstest du, dass viele dagegen waren den implantierten KI’s eigene Persönlichkeiten zu geben?“ Das ständige Zwiegespräch zwischen Tordal und seinem Untermieter schien Genesis zu amüsieren. „Welcher Idiot hat sich dafür entschieden?“ „Das was ich.“ „Oh!“
                        Danke Genesis! „Das habe ich gehört, auch deinen sarkastischen Unterton.“ Mist.
                        „Aber wir kommen schon wieder vom Thema ab. Hast du dir schon einmal überlegt was geschehen würde, wenn jemand die vollständige Kontrolle über meine Systeme erhält und sie missbrauchen würde?“
                        Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr die KI fort.
                        „Eine größere Gefahr für diese Welt wäre kaum vorstellbar. Das kann ich nicht zulassen und deshalb gibt es nur eine Lösung, meine vollständige Deaktivierung.“
                        Die Worte schlugen bei Tordal ein wie eine Bombe. MIT DEM ZWEITEN VERSUCH HÄTTE ICH ES GEHABT. In diesem Moment geschah etwas, was sich Tordal immer gewünscht hatte. Er nahm die Worte seiner KI überhaupt nicht wahr.
                        „Aber wie soll ich es ohne dich schaffen? Wenn unser Feind wirklich so gefährlich ist wie du sagst, haben wir doch keine Chance ihn aufzuhalten. Nicht ohne dich Genesis.“
                        „Ich will nicht behaupten, dass es leicht werden wird. Aber unterschätze nicht eure Kraft und Stärke. Vergiss nicht was du, was ihr schon alles erreicht habt. Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass ihr diese Aufgabe bewältigen könnt, würde ich nicht so handeln. Ich glaube an dich Tordal. Du und der Mönch ihr seid der Schlüssel für die Zukunft dieser Welt, findet das Schloss.“
                        Plötzlich fiel Tordal etwas ein und er stutzte. „Was ist mit der Bombe von der du mir erzählt hast? An die denkst du doch noch, oder? Wird sie nicht explodieren und ein zweites Armageddon herbeiführen, wenn du dich abschaltest?“
                        „Sogar einer so hoch entwickelten KI wie mir fällt es schwer, eine an das eigene System gekoppelte Bombe mit ausreichend Sprengkraft um alles Leben auf diesem Planeten zu vernichten einfach zu verdrängen. Sagen wir einfach ich habe dafür eine befriedigende Lösung gefunden und sie an einen sicheren Ort bringen lassen.“ „Was verstehst du unter befriedigend?“ „Je weniger du weißt, desto besser. Sie wissen jetzt von dir und auch von Malin. Ich kann nicht sagen wie viel Zeit euch bleibt. Es können Wochen, Monate oder auch Jahre sein. Aber früher oder später werden sie gegen euch aktiv werden. Wenn ich doch nur mehr für euch tun könnte. Doch diese Streitmacht und einige Baupläne für Giganto sind alles, was ich euch geben kann.“
                        „Das Entscheidende hast du bisher aber nicht erwähnt. Wer ist es, wer ist dieser ominöse Gegner?“
                        „Ich weiß es auch erst seit Kurzem und ein wenig Spannungsaufbau hat noch keiner Geschichte geschadet. Du hast schon von ihnen gehört. Seitdem ich dahinter gekommen bin, habe ich auch keine Zweifel mehr an ihrer Entschlossenheit. Es ist die siebente Spezies, sie existiert noch immer und sie haben von Anfang an die Fäden aus dem Hintergrund gezogen.“ Uff wäre jetzt Tordals Meinung nach die passende Antwort gewesen. Aber nicht einmal dazu war er in diesem Moment im Stande. „Es würde mich nicht wundern, wenn meine Reaktivierung durch sie herbeigeführt wurde und auch die Hüter des dunklen Berges nur ihre Marionetten waren.“
                        „Aber Millner sagte sie wären verschwunden.“ „Ihr müsst mehr über sie und diese Forschungsreihe herausfinden. Nur so könnt ihr sie aufhalten.“ „Aber wie und wo? Es gibt keine Aufzeichnungen mehr über sie.“
                        „Suche den Ort, an den niemals ein Mensch gehen würde. Dort wirst du sie finden.“
                        „Aber wo soll dieser Ort sein? Genesis?“ Aber die Stimme der KI war verstummt und Pandor trottete als wäre nichts gewesen davon.
                        „Lebe wohl Genesis.“ In Gedanken versunken stand er da und blickte ins Leere.
                        Wer sagt denn, dass ich sie überhaupt finden will? Ich würde ganz gerne davon laufen. EINE GUTE IDEE. Wirklich? JA, ALSO AN WELCHEN ORT WÜRDEST DU DENN ÜBERHAUPT NICHT FLIEHEN WOLLEN? Ist ja schon gut. In Ordnung lass’ uns diesen Ort suchen von dem Genesis sprach. DAS HÖRT SICH SCHON BESSER AN.
                        "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                        "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                        Norman Mailer

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                        • #13
                          So das war es dann mit der Geschichte. Ich hoffe, dass ein paar Leute bis zum Schluss durchgehalten haben und vielleicht sogar ein wenig Spaß beim Lesen hatten.
                          Es würde mich zumindest sehr freuen.
                          "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                          "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                          Norman Mailer

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                          • #14
                            Ich finde die Geschichte wunderbar mit einem doch sehr spannenden Ende.

                            Wie schon so oft geschrieben, wiederhole ich mich einmal mehr: Ich finde Deinen Humor, den Du so geschickt in die Geschichte einfliesen lässt, einfach wunderbar. Ich glaube, genau das macht Deine Geschichten aus

                            Ich freue mich auf eine eventuelle Fortsetzung - Du weißt ja, wie Du mich erreichen kannst

                            Liska
                            It is the heart that gives - the fingers just let go. (Nigerianisches Sprichwort)

                            Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (A. Einstein)

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                            • #15
                              @Liska

                              Danke für dein Lob und die Hilfe beim Korrigieren.
                              Freut mich wenn dir die Geschichte gefallen hat.

                              Irgendwann wird es natürlich noch eine Fortsetzung geben, aber bis dahin wird noch ein wenig Zeit vergehen.
                              Dann werde ich mich auch wieder bei dir melden.
                              "Not born. SHIT into existence." - Noman the Golgothan
                              "Man schicke dem Substantiv zwanzig Adjektive voraus, und niemand wird merken, daß man einen Haufen Kot beschreibt. Adjektive wirken wie eine Nebelbank."
                              Norman Mailer

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