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Ein ganz normales Wochenende

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  • Ein ganz normales Wochenende

    Hey, ich schreibe zur Zeit ein kleines Büchlein (20.000 Wörter in etwa, ist also wirklich klein) und würde hier gern mal wenigstens die ersten drei Kapitel hier hereinposten. Wäre sehr erfreut über ein Feedback, vor allem konstruktive Kritik würde mir wirklich erfreuen (will es immer nur besser machen).

    1.

    Der Weltraum, unendliche Weiten.
    Und das ist tatsächlich ein bisschen schade, denn dann kann sich ja kein Mensch mehr darin orientieren. Aber das kann einem auch egal sein. Ob der Weltraum jetzt unendlich ist oder nicht, ist für die Menschen egal PUNKT! Denn bevor das wichtig wird, müssen sie erst einmal den Weltraum erkunden, und zwar so richtig erkunden. Nicht dieser ganze kleine Kram da mit den Mondlandungen und der Erdumlaufbahn, das meine ich nicht. Was ich meine, ist etwas ganz anderes, aber... na ja... Auf jeden Fall befinden wir uns nicht in einer fernen Zukunft und dies sind nicht die blablabla des Raumschiffs Blablabla, das viele blablabla von blablabla um blablabla und blablabla und blablabla.
    Am besten vergessen Sie den ganzen Sci-Fi-Käse, den Sie je im Fernsehen gesehen haben und wenden Sie sich der puren Realität zu. In der weiß die Menschheit noch lange nicht, was das Wort Unendlichkeit jetzt überhaupt bedeutet. Albert Einstein hat schon richtig geraten, als er behauptete, die Menschheit wäre unendlich dumm, da können auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse nichts daran ändern, aber eine Antwort auf die immer und immer gestellte Frage haben wir noch nicht.
    Ich verrate Ihnen mal einen Trick:
    Wenn Sie ein Student von Anfang 20 sind und absolut keine Ahnung haben, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen sollen, können Sie sich ja eine dieser langweiligen Reden des Matheprofessors gehen und sich anhören, was der zum Thema Unendlichkeit zu sagen hat. Aber das ist erstens Selbstmord und zweitens totaler Käse.
    Nein, wenn Sie ein Student sind, gehen Sie in die Disco, baggern Sie das nächstbeste verdammt hübsche Mädchen von nebenan an, verbringen Sie mit ihr die beste Nacht Ihres kurzen, sinnlosen Lebens und schauen Sie sich den Sci-Fi-Käse im Fernsehen an. Am Ende wissen sie genau so viel wie vorher: nichts. Egal, welche der beiden beschriebenen Methoden Sie wählen, Sie haben immer noch keine Ahnung von der Unendlichkeit.
    Sollten Sie nicht männlichen Geschlechts sein, lieber Leser (oder dann halt liebe Leserin): Die vorangegangenen Tricks gelten auch für Sie. Sie müssen lediglich hier und da kleine Änderungen vornehmen. Ein Beispiel: Wenn Sie eine Studentin sind, gehen Sie in die Disco, machen Sie den nächstbesten total vertrottelten Typen von nebenan auf sich aufmerksam, verbringen Sie... blablabla...
    Nein, darum geht es nicht. Es geht darum:
    Die Unendlichkeit ist Ihnen noch immer ein Rätsel. Und wissen Sie was? Dem Schreiber dieses Buches auch.
    Und er hat auch keine Lust, es herauszufinden, denn er hat akzeptiert, dass man das einfach nicht herausfinden kann, so sehr man sich auch bemüht.


    2.

    Auch Harry Nelson hatte keine Ahnung, was dieses blöde Wort mit dem total langweiligen Namen Unendlichkeit bedeutete, er wusste nur, dass die Rede, die Professor Grunnings zu eben diesem Moment führte, ihm noch unsinniger vorkam. Harry Nelson war Student. Er war Anfang 20, braunäugig, trug schwarze Haare und eine Brille. Und was noch viel wichtiger war: Ihm war langweilig.
    Ach, das Leben ist doch eh schon so langweilig und unsinnig. Müssen dann Lehrer eigentlich immer noch ihren Senf dazu geben?, dachte er an solchen Tagen oft.
    Aber halt! Bevor hier noch ein falsches Bild von Harry Nelson erzeugt wird, muss man doch noch hinzufügen: Normalerweise war er ein aufmerksamer, fleißiger Student, der - entgegen der Allgemeinheit - auch mal mitschrieb, was der Lehrer sagte. Nur heute hatte er überhaupt keine Lust, irgendwie zu arbeiten.
    Wie war er überhaupt hier hingekommen? Oh... ach ja... ein Blick schräg nach hinten hatte es ihm wieder gesagt. Vorhin vor dem Vortrag hatte er Maria ansprechen wollen, ob sie heute nicht mit ihm ins Fire Night gehen wollte. Das Fire Night war ein Klub in der Nähe der Universität. Aber Harry hatte nichts aus seinem Mund herausbekommen. Er hatte in dem Moment einfach nur Maria gesehen... ihre grünen Augen gesehen... ihre langen, brauen Haare... ihre kleine Stupsnase... ihre zierliche, aber wunderschöne Gestalt... und dann noch diese Klamotten, die sie immer anhatte... der Wahnsinn! Maria McAdams hieß sie mit vollem Namen.
    „...“ Weiter war er mit seiner Einladung nie gekommen, auch nach einigen weiteren Ansätzen nicht, „....“
    Und dann war da auch noch John Crucker, der sich dann sofort zwischen Harry und Maria gestellt hatte. John war einer dieser blonden, muskelbepackten Möchtegernmachos, die Harry noch nie ausstehen konnte.
    „Hey, Kleiner, was willst du hier?“, hatte John ihn gleich angebrüllt und Maria zur Seite geschoben.
    „Ich... ich... ich...“
    „Dududu? Was willst du? Willst du dich mit mir anlegen? Hä? Willst du? Willst du? Willst du?“
    Zum Glück war in dem Moment Herr Grunnings gekommen. John hatte noch einen drohenden Blick auf Harry geworfen und war dann dem alten Lehrer hinterhergelaufen. Harry hatte noch einen anderen Blick von der Seite gespürt, konnte aber dann nicht mehr nachschauen, von wem er geworfen worden war.
    Eigentlich sollte man Studenten doch für schlauer halten als John Crucker. Und natürlich waren die meisten schlauer! Ja, wirklich. Normalerweise sind Studenten fleißige, emsige Schüler, deren höchstes Ziel ein guter Abschluss ist. Doch leider gehörten zum Leben wohl auch noch andere Dinge als ein guter Abschluss, und da war Harry wirklich eine Null, was das anging.
    Leider ließ er sich manchmal viel zu schnell einschüchtern. Das war sein Problem, und es machte ihm zu schaffen. Wegen seiner eher kleineren Figur konnte er es mit so Typen wie John Crucker einfach nicht aufnehmen. Er wollte es manchmal schon irgendjemandem erzählen, aber irgendetwas hielt ihn davor zurück. Das war schon in der Schule so gewesen. Sie kennen ja diese Zeit namens Pubertät, die jeder von uns einmal durchmachen muss. Die Hormone fangen an, verrückt zu spielen; überall sprießen Ihnen Pickel raus. Das war die Zeit gewesen, in denen sich Harry zum ersten Mal wirklich für das andere Geschlecht interessierte. Doch leider war er schon damals viel zu schüchtern gewesen, um ein Mädchen irgendetwas zu fragen, wenn es um persönliche Sachen ging. Obendrein war er auch schon damals immer kleiner als die anderen Jungs gewesen und wurde deswegen oft geärgert und ausgelacht, wenn er etwas Falsches sagte oder tat.
    Aber Vergangenheit hin oder her, heute sollte man doch erwarten, dass er gelernt hätte, sich dagegen zu wehren. Nun, wie man ja sehen kann, war es leider nicht so.

    Langsam wurde die Unruhe unter den Studenten immer größer, denn der Vortrag neigte sich seinem Ende zu...
    Halt! Da war der Blick wieder. Harry spürte ihn ganz deutlich, aber... er kam wohl eh nicht von Maria... Harry drehte sich nicht um. Er schaute wie gebannt nach vorne, versuchte zu verstehen, was Professor Grunnings sagte, akzeptierte aber einen Moment später, dass er den Faden verloren hatte und nur noch hilflos zusehen konnte, wie die Minuten verstrichen.
    Die Tatsache, dass Professor Grunnings nichts von der Unruhe des Kurses bemerkte, hatte nicht – wie man vermuten könnte – den Grund, dass er total in seinen Vortrag vertieft war, nein, das war doch ein wenig komplizierter. Es war nämlich so: Normalerweise trug Professor Grunnings eine dicke, schwarze Brille. Ohne die Brille sah er mit seinen alten, immer schlechter werdenden Augen die Welt „nur in Dreiecken, Vierecken, Kreisen und weiteren mathematischen Formen“, wie er selbst betonte. Der ganze Kurs fragte sich, warum er das eigentlich nicht mochte, er war ja immerhin Matheprofessor. Den wahren Grund kennt keiner, auch nicht der Schreiber dieses Buches.
    Heute auf jeden Fall hatte er sie vergessen und so konnte der Kurs munter schwatzen. Tatsächlich unterhielt sich fast jeder, und der Rest griff in seine Chipsdose und versuchte in Abständen von circa 20 Minuten, einen Satz von dem kapieren zu wollen, was Herr Grunnings sagte. Die Betonung liegt auf dem Wort versuchte.


    3.

    „Darum, meine Freunde, ist die Zahl Unendlich irrational. Und damit ist eine weitere Rede zu Ende. Wenn es Ihnen gefallen hat, kommen Sie auch das nächste Mal. Wenn es Ihnen nicht gefallen hat, beenden Sie Ihr Studium. Dass Professor Grunnings nun selbst übermäßig witzig fand, brauche ich nun wirklich niemandem erklären.
    Harry packte seine Sachen zusammen, zog sich die Jacke an, verabschiedete sich von Maria mit einem herzlichen „...“, das eigentlich „Bis Montag“ heißen sollte, und lief so schnell es geht aus dem Raum, als er bemerkte, dass John sich Maria näherte. Später im Bus holte er dann seine Zeitung raus, die er am Morgen gekauft hatte, steckte sich den Disc Man ins Ohr und hörte Musik. Eine neue Version von „Like ice in the sunshine“.
    Mann, war die schlecht!
    Etwa 30 Minuten später stieg er aus, lief dann noch 10 Minuten zu Fuß, bog die zweite Gasse ab, kam zu einem Haus, in das er überraschenderweise auch noch hineinging, da er dort im 3. Stock wohnte. Nachdem er sich erfolgreich am Vermieter vorbeigeschlichen hatte, da er ihm noch die Miete für den letzten Monat schuldete, holte er seinen Schlüssel heraus, machte auf, betrat den Flur, zog seine Schuhe und seine Jacke aus, stellte seine Tasche ab, betrat das kleine, aber fein eingerichtete Wohnzimmer und wollte sich auf die Couch hinsetzen, um Fernsehen zu gucken und dabei etwas vor sich hin zu starren.
    Dummerweise tat bereits eine ihm fremde Person genau das auf Harrys Sofa. Und absurd, wie das ganze schon war, fragte die Person auch noch:
    „Kann ich dir einen Tee anbieten, Harry?“
    Wenn Harry richtig überlegte, musste er sich eingestehen, dass nicht nur Lehrer ihren Senf überall dazugeben mussten. Manchmal konnten das auch die wildfremdesten Personen sein.
    Aber irgendwie kam ihm die Person gar nicht so wildfremd vor, eher wie ein alter Bekannter... schwarze Haare, grüne Augen und eine kleine Stupsnase, etwa so groß wie Harry. Doch Harry war sicher, dass er dieser Person noch nie begegnet war.
    „Komm, zieh dich um, wenn du es nicht lassen kannst, aber dann trink deinen Tee“, sagte die Person.
    Oh mein Gott!, dachte Harry bei sich.

    Harrys Wohnung war ein kleines Chaos. Es war auch früher schon so in seinem Zimmer gewesen, als er noch bei seinen Eltern gewohnt hatte. Jedes Mal, wenn sie – also seine Eltern – zu Besuch waren, bekam Harrys Mutter einen Wutanfall und regte sich über die Unordentlichkeit auf, bis sie sich dann zusammenriss und aufräumte.
    Wenn man durch den Flur schritt, kam man direkt in Harrys Wohnzimmer. Die Schränke waren randvoll bepackt. Da gab es Bücher, Comics, Medikament, Gläser, alte Hefte und was Harrys sonst so alles brauchte (oder auch nicht brauchte, denn der Mensch ist ja dafür bekannt, mehr zu kaufen, als er braucht). Durch weitere Türen kam man in die Küche und ins Bad. Da die Wohnung relativ klein war, fungierte das Wohnzimmer gleichzeitig auch als Schlafzimmer, und so stand ein schlichtes Bett bereit. In der anderen Ecke stand auch ein kleiner Fernseher, davor hatte sich Harry eine gemütliche Sitzecke hingestellt, mit einem Sofa und einem kleinen Tisch. Auf diesem Sofa nun saß der fremde Mann.
    Eine fürchterliche Stille trat ein. Es dauerte wohl eine Ewigkeit, bis die fremde Person sie durchbrach.
    „Hey, Harry! Ich habe dich etwas gefragt! Willst du Tee? Ich habe Earl Grey vorbereitet.“
    Da bemerkte Harry die Teekanne und roch deutlich Earl Grey heraus. Hm, wie das duftete! Earl Grey war Harrys Lieblingstee und er trank es immer, wenn ihm etwas nicht ganz geheuer war. Aber... woher wusste diese Person das?
    „Woher wissen Sie, dass...? Wie...? Weshalb? Wer... Wer sind Sie?“ Harry war das wirklich nicht ganz geheuer und man hörte deutlich die Angst aus seiner Stimme. Der Mann auf dem Sofa jedoch redete gelassen weiter.
    „Ich weiß, dass du viele Fragen hast. Die hast du immer. Aber bitte, setz dich erst mal und trink deinen Tee. Ich schütte dir gern etwas nach!“
    Harry glaubte, dass er wohl eh keine andere Wahl hatte und setzte sich hin.
    „Komm, trink deinen Tee“, drängte der Mann Harry, „Er ist nicht vergiftet. Es ist einfach nur Earl Grey, dein Lieblingstee.“
    Aber Harry fragte einfach nur: „Wer sind Sie?“
    „Ich? Mein Name ist Paul.“
    „Und weiter?“
    „Weiter? Nichts weiter! Erst später! Trink deinen Tee. Ich bitte dich.“
    Aber Harry gab nicht so leicht auf: „Hören Sie, wenn Sie mir nicht sofort sagen, wer Sie sind, woher Sie kommen und was Sie wollen, dann...“
    „Wer ich bin? Aber das habe ich doch schon gesagt... Ich bin Paul. Woher ich komme? Von hier. Mehr oder weniger“, fügte er noch hinzu, „Was ich will? Dich sehen. Und jetzt trink deinen Tee!“
    Harry roch noch einmal kräftig an dem Tee. Er roch jetzt nicht wirklich vergiftet, aber natürlich gab es auch geruchlose Giftstoffe. Obwohl... Harry fand diesen Paul eigentlich ganz sympathisch, wenn er recht überlegte. An wen erinnerte dieser Kerl ihn nur? Konnte es sein, dass er ihn doch irgendwie kannte? Aber so vergesslich war er doch eigentlich gar nicht... Er entschied sich jetzt, ganz einfach den Tee zu trinken und abzuwarten, was passierte.
    Natürlich ist das menschliche Gehirn alles andere als perfekt, auch wenn einige sich das immer wieder einreden wollen. Es kann zu Schäden kommen, Erinnerungen können verblassen oder gar ganz verschwinden. Zwar steht die Hirnforschung immer noch irgendwo am Anfang, aber man kann mit Gewissheit eben jenes sagen, was ich auch denke: Das Gehirn ist nicht perfekt. Aber diesmal lag es nicht an am Gehirn, dass Harry sich an keinen Namen erinnern konnte. Der Tee auf jeden Fall war nicht vergiftet, sondern er war sogar recht gut, wenn nicht sogar sehr gut, er war genau nach Harrys Geschmack.
    „Schmeckt er dir?“, fragte Paul höflich, „Wenn er ein wenig kalt ist... ich kann dir gern nachschenken... weißt du, es ist jetzt sehr wichtig, dass du viel Tee trinkst...“
    Harry fragte sofort „Warum?“, aber Paul tat so als hätte er es nicht gehört und versuchte munter weiter, Harry noch ein Tässchen Tee anzubieten.
    So ging es die nächste viertel Stunde. Immer wenn Harry wieder versuchte, Paul zur Antwort zu bewegen, warum er da war, bot dieser ihm immer wieder, wieder und wieder noch eine Tasse an, bis Harry im Alleingang eine 2-Liter-Kanne Tee leergetrunken hatte. Als die Kanne leer war, verstummte Paul und es trat wieder diese schreckliche Stille ein, die Harry so hasste – und Paul offensichtlich auch. Beide versuchten sie, etwas zu sagen, aber beide waren sie unfähig. Und es nervte Paul ebenso wie Harry.
    „...“
    „...“
    „...“
    „...“
    „...“
    „...“
    Harry ergriff das Wort:„Also, ich weiß, ich geh Ihnen mit der Frage schon gehörig an den Senkel, aber jetzt antworten Sie mir genau: Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Und am wichtigsten: Was wollen Sie?“
    Und jetzt, als Paul mit der ganzen Wahrheit herausrückte, wünschte Harry, er hätte nie gefragt.
    „Ich bin dein Sohn Paul Nelson, komme aus der Zukunft und wollte dich mal besuchen, wenn du jung bist, habe dafür auch ein Heidengeld bezahlt.“
    Harry wusste nicht so recht, was er jetzt tun sollte. Die Polizei anrufen? Nein, die würden ihn ja für wahnsinnig erklären. „Es tut mir Leid, Sie stören zu müssen, aber hier im Flur steht ein Mann, der mir verdammt ähnlich aussieht und behauptet, mein Sohn aus der Zukunft zu sein.“ Absurd!
    Einfach aus dem Zimmer rennen? Nein, Flucht würde das Problem ganz gewiss nicht beheben. Von dieser Illusion hatte Harry sich längst befreit. Nein, Flucht auf gar keinen Fall...
    Da geschah etwas Merkwürdiges: Harry wusste auf einmal, was zu tun war, plötzlich und ohne Vorwarnung.
    „Was ist meine Lieblingsfarbe?“, fragte er Paul.
    „Rot.“
    „Lieblingsmarmeladensorte?“
    „Pfirsich.“
    „Erste Liebe?“
    „Deine alte Grundschullehrerin Mrs Brokeman.“
    „Lieblingslied?“
    „American Pie von Don McLean. Am besten in der Achteinhalbminutenfassung. Ist übrigens auch eines meiner Lieblingslieder.“
    „Lieblingsfilm?“
    „Unglücklicherweise einer, der erst in 5 Jahren rauskommt.“
    Hm, ja, okay, das kann natürlich passieren...
    „Lieblingsdrink?“
    Da schaute Paul Harry auf einmal verblüfft an: „Du meinst immer, dir schmeckt alles gleich gut. Hauptsache Alkohol.“
    „Sag mir... bin ich in der Zukunft Alkoholiker?“
    „Nein, natürlich nicht. Habe ich den Test jetzt bestanden oder nicht?“
    Und jetzt wusste Harry auch, wo er diesen Mann schon einmal gesehen hatte, zumindest warum sein Gesicht ihm so bekannt vorgekommen war: Er hatte es im Spiegel gesehen. Nicht exakt das selbe, aber so ähnlich. Und das genügte. Harry wusste alles.
    „Ich brauche noch eine Kanne Tee.“

    „Timescape Industries, sagst du, ja?“
    „Ja.“
    „Riesenfirma für Zeitreisen, sagst du, ja?“
    „Ja.“
    „Und die Reise hierher war teuer, sagst du, ja?“
    „Ja, auch wenn nicht unbezahlbar. Weißt du, je weiter man in die Vergangenheit reisen will, desto teurer wird der Spaß“, erklärte Paul.
    Warum auch immer, aber alles, was Paul ihm erzählte, klang für Harry plausibel, auch wenn er nicht immer folgen konnte. Irgendwie nahm er es diesem Typen wirklich ab, sein Sohn aus der Zukunft zu sein. Irgendwie glaubte er diese Geschichte, wie er zuvor keine andere Geschichte geglaubt hatte. Irgendwie musste er Paul vertrauen. Irgendwie... ach, irgendwie war so ein blödes Wort, irgendwie. Aber irgendwie passte, doch Harry konnte sich nicht erklären, warum das so war.
    Irgendwie ist genau so ein langweiliges Wort wie Unendlichkeit, dachte Harry bei sich, Man kann über beide Wörter diskutieren, so lang und so viel man will, aber am Ende ist man noch nicht mal ein halbes Schrittchen weiter.
    Das ging mindestens dreiviertel Stunde ununterbrochen so weiter. Zwischendurch schauten sie immer ein wenig fern oder aßen und tranken etwas. Harry machte sich Würstchen warm, da er nach einer Weile enorm hungrig war. Paul hatte keinen Hunger, also aß Harry alleine.
    „Und wie weit bist du in die Vergangenheit zurück, hast du gesagt?“, fragte Harry.
    „30 Jahre, 2 Monate, 6 Tage und 2 Stunden, warum?“
    „Das scheint mir nicht sehr weit gewesen zu sein, wenn man bedenkt, wie weit man noch in die Zukunft reisen könnte“, meinte Harry.
    „Ja, das war ja auch nicht das Teure. Teuer wurde es erst, als ich sagte, ich möchte meinen eigenen Vater in dieser Zeit treffen. Dann haben die Jungs nämlich noch mehr zu tun. Und es wurde noch teurer, wegen den ganzen Extras. Die machten die Jungs noch viel irrer. Wo sie doch eh schon so viel zu tun haben, die Jungs“, sprach Paul so dahin, als wäre das selbstverständlich und Harry nur ein kleiner, dummer Junge.
    „Jungs? Welche Jungs?“
    Da musste Paul auflachen. Harry aber meinte ärgerlich: „Komm, ich habe halt nicht so viel Erfahrung mit Zeitreisen wie du.“
    „Ja... eigentlich sollte ich ja nicht lachen, du kannst es ja nicht wissen...“, gab Paul glucksend zu, „Es ist nur so, bei uns weiß mittlerweile jedes Kind, wer die Jungs von Timescape Industries sind. Nein, wer ist falsch formuliert. Ihre Namen oder ihre Identitäten geben sie nicht preis... auf jeden Fall sind das die Typen, die, wenn du aus Versehen mal die Zukunft änderst, also wirklich änderst, nicht nur ein, zwei Wörter, die irgendjemand sagt, nein, ich meine die Zukunft so richtig ändern, so richtig BAMM! Wenn du zum Beispiel einen Krieg auslöst oder deine eigene Geburt verhinderst, dann sind die zur Stelle und biegen alles wieder grade. Wie die das machen, weiß eigentlich keiner, aber sie machen es fast immer richtig.“
    „Fast?“ Das verunsicherte Harry jetzt.
    „Na ja, die eine oder andere Panne passiert schon mal... aber nichts, was nicht mehr aufzuheben wäre... Auf jeden Fall kannst du dir denken, dass es immer schwieriger wird, einen Fehler wieder gutzumachen, je weiter in der Vergangenheit er geschehen ist. Deshalb wird es auch immer teurer, je weiter in die Vergangenheit es geht. Die Jungs übrigens sind es dann auch, die deine Erinnerungen verändern, so dass du dich kaum mehr daran erinnern wirst, dass ich da war. Wenn ich noch etwas draufzahle, wird es dir vorkommen, als hättest du geträumt“, erzählte Paul.
    „Was, die pfuschen in meinem Gedächtnis herum?“, fragte Harry erschrocken.
    „Tun sie andauernd. Aber nicht nur in deinem“, meinte Paul.
    So ging es weiter. Die ganze Zeit. Harry bemerkte gar nicht, wie lange sie sich weiter unterhielten.
    „Und wer hat den Rekord geknackt? Wer ist am weitesten in die Zeit gereist?“, wollte Harry noch aus reiner Neugier wissen.
    „Ja, ich glaube das war in die Zeit direkt vor der Entstehung der Menschheit... war ein Ehepaar, so weit ich weiß.“
    „Ein Ehepaar?“
    „Ja, Adam und Eva Baumgärtner. Jetzt wo du es sagst... war doch so eine Geschichte, die die Jungs von Timescape Industries gründlich vermasselt haben. Dabei ist wohl das schlimmste Unglück aller Zeiten passiert, aber sonst ist das nicht weiter erwähnenswert, finde ich. Seitdem darf halt keiner mehr so weit in die Vergangenheit reisen, aber sonst...“
    Also, eigentlich sollte ich da jetzt schockiert sein, dachte Harry, Warum bin ich das eigentlich nicht? Haben die „Jungs“ von dieser komischen Zeitreise-Firma da etwas in meinem Gehirn herumgepfuscht, oder was? Ich meine, normalerweise würde ich so einen Schwachsinn keinem abnehmen, oder? Na ja, ist egal. Nicht weiter darüber nachdenken, das hat eh keinen Sinn. Das alles hat überhaupt gar keinen Sinn...
    Über die „Jungs“ von Timescape Industries dachte er nicht gerne nach und er wollte es auch jetzt nicht tun. Vielleicht kam er später noch dazu. Aber wann später? Mit einem Blick auf die Uhr bemerkte Harry schockiert, dass es bereits acht Uhr war. Dabei kam es ihm keineswegs so vor. Na ja, vielleicht hatte es ja etwas mit der Zeitreise zu tun, aber das war ihm jetzt egal. Jetzt interessierten ihn andere Sachen, z. B.:
    „Und was ist mit der Reisen in die Zukunft?“
    „Unbezahlbar für normale Leute. Aber jetzt komm! Ich möchte nicht den ganzen Abend hier sitzen.“
    „Aber eine Frage habe ich noch!“
    „Und welche?“, fragte Paul genervt.
    „Ich... ich wollte nur wissen, wie lange du bleibst?“
    „Ach, nur das Wochenende über. Danach muss ich wieder in die Arbeit.“ Während er das sagte, zog Paul sich eine Jacke an.
    „Arbeit? Wo arbeitest du?“
    „Hey, jetzt ist aber mal Schluss mit den Fragen“, sagte Paul, „Lass uns ins Fire Night oder so gehen.“
    „Aber...“
    „Hey! Fragestunde ist vorbei.“ Und damit verschwand Paul aus der Wohnung.
    Was unterscheidet einen Pferdeschwanz von einer Krawatte? - Der Pferdeschwanz verdeckt das Ar***loch ganz.

    Für alle, die Mathe mögen
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