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TA-Universum: Raumschiff Cawdor

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  • TA-Universum: Raumschiff Cawdor

    Es ist mir eine Freude, hiermit die erste Episode meiner neuen Fortsetzungsreihe RAUMSCHIFF CAWDOR zu präsentieren. Ich hoffe, dass euch die Geschichten um die CAWDOR und deren Mannschaft gefallen.
    Hinweis: Diese Reihe ist Teil des Terran Alliance-Universums und spielt nach den Ereignissen, welche in GOOD HOPE - DER ZWEITE GALAKTISCHE KRIEG geschildert wurden.
    Urheberrechtserklärung: Alle Rechte an RAUMSCHIFF CAWDOR, den darin beschriebenen Geschichten und Charakteren sind geistiges Eigentum des Autors.


    RAUMSCHIFF CAWDOR
    von Kai Brauns

    Episode I: When the Battle's lost and won

    Das Shuttle sprang in den Normalraum zurück. Aufgeregt saß Commander Martin C. Beth in seinem Sitz. Die Sicherheitsgurte verhinderten, dass er in der Schwerelosigkeit durch den Passagierbereich schwebte. Er atmete tief durch. Jede Versetzung brachte etwas Neues, aber es war schon etwas sehr besonderes, auf ein Schiff der neuen EMPIRE-Klasse versetzt zu werden. Und sein neuer Kommandant, Captain Malcolm Donalbain, war in den letzten Jahren zu einem der anerkanntesten Raumschiffkommandanten der ganzen Space Force geworden.
    „Machen Sie sich bereit zum Andocken,“ tönte es aus dem Cockpit.
    Der junge Mann blickte durch das kleine Fenster neben seinem Sitz. Dort sah er sie. Die CAWDOR. Der Akte nach hatte das keilförmige Raumschiff bei der Blockade des Tau Ceti-Systems mitgewirkt, damals noch unter Captain Alexander. Das Schiff hatte eine Länge von 300 Metern, eine Breite von 140 Metern und eine Höhe von 80 Metern. Es war bis an die Zähne bewaffnet und mit zwei Jägerstaffeln mit je 15 Jägern der ROCK-Klasse ausgestattet.
    Das Shuttle bewegte sich auf eine kleine Öffnung auf der Backbordseite der CAWDOR zu und verschwand schließlich darin.

    Das Schott öffnete sich und Beth kletterte hinaus in die Landebucht. Ein junger Mann in der Uniform eines Jäger-Piloten und eine etwa dreißig Jahre alte Frau im Overall einer Ingenieurin warteten auf ihn. Nahe dem Innenschott hielt sich noch ein junger Unteroffizier auf.
    Der Pilot salutierte so gut es in der Schwerelosigkeit ging. Die Ingenieurin begrüßte ihn mit einem Lächeln. „Commander Beth, nehme ich an.“

    Beth versuchte, stramme Haltung anzunehmen. Wie bei Jedem, der dies in der Schwerelosigkeit versuchte, war der Versuch nicht völlig erfolgreich, aber dies hinderte die Offiziere der Space Force nicht daran, an diesen alten Traditionen des irdischen Militärs festzuhalten. „Bitte um die Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen!“
    „Erlaubnis erteilt,“ erwiderte die Frau. „Ich bin Commander Troy, die Chefingenieurin, und dieser junge Mann ist Lieutenant Brandhorst, Anführer unserer Alpha-Staffel. Ich soll Sie sofort auf die Brücke bringen.“ Sie wandte sich dem Unteroffizier zu. „Nelson, sorgen Sie dafür, dass das Gepäck des Commanders in sein Quartier gelangt!“
    „Aye, Commander,“ bestätigte der junge Mann den Befehl.
    An den Wänden befestigte Geländer sorgten für einen gewissen Halt und erleichterten das Vorankommen auf dem Schiff. Troy schwebte voran, gefolgt von Beth und Brandhorst.
    „Ich habe gehört, Sie sind während der Tau-Ceti-Blockade auf der NIPPON gewesen, Commander,“ sagte Brandhorst.
    Beth zögerte kurz, nickte schließlich. „Ja, ich war damals noch Sicherheitsoffizier.“
    „Ist es wahr, was man sich über Captain Mendellson erzählt?“
    Beth überlegte, wie er darauf reagieren sollte, doch zu seinem Glück schritt Commander Troy ein und sagte scharf: „Lieutenant, ich hoffe, Sie werden den Commander nicht über seine Vergangenheit ausfragen wollen!“
    „Nein, Sir!“
    „Gut!“
    Beth verschnaufte.
    Nach einigen Minuten und einem Transport durch einen der Lifte, in dem Beth es als angenehm empfand, sich wieder an einen Sitz schnallen zu können, erreichten sie die Brücke. Sie war etwas größer als jene von Schiffen älteren Typs, der Aufbau und die Architektur waren jedoch beinahe identisch, so dass Beth schnell einen Überblick hatte.
    In der Mitte der Brücke saß Captain Donalbain, der sich mit dem Kommandostuhl umdrehte, um die Ankömmlinge zu sehen. Beth kannte sein Gesicht von zahlreichen Bildern, die vor etwa zwei Jahren durch die Presse gegangen waren. Donalbain war etwa vierunddreißig Jahre alt, hatte braune Haare, welche er in einem Scheitel trug. Er hatte eine ungeheure Ausstrahlung, was sicherlich auch durch seine Medienpräsenz vor zwei Jahren und dem Wissen seiner Taten kam. Er lächelte ein ehrlich wirkendes Begrüßungslächeln und schnallte sich ab. Beth salutierte. „Commander Martin Christopher Beth meldet sich zur Stelle, Sir!“
    Donalbain wirkte fast ein wenig verlegen, als er Beth aus der strammen Haltung mit einem simplen „Rühren!“ befreite. Mit seiner rechten Hand wies er einladend auf eine Tür an der Seite der Brücke und sagte: „Kommen Sie mit in meinen Bereitschaftsraum!“
    Der Captain schwebte voran, Beth folgte ihm ehrfurchtsvoll. Die Tür schob sich automatisch beiseite und sie gelangten in eine Art Büro, ein Schreibtisch in der Mitte des Raumes. Donalbain setzte sich in den Sessel hinter dem Tisch und schnallte sich fest, Beth setzte sich in einen der Gästesessel.
    „Sie scheinen nervös zu sein, Commander,“ meinte Donalbain.
    Beth schluckte. „Nun ja, Sir, es ist eine Ehre auf einem Schiff der EMPIRE-Klasse zu dienen, besonders unter Ihnen.“
    Donalbain hob eine Augenbraue. „Sie spielen sicherlich auf den Attentatsversuch auf Präsident Kumaier an.“
    Beth nickte. „Ja, Captain! Sie sind dadurch zu einem Vorbild geworden.“
    Der Captain musterte den jungen Mann vor sich. „Auf der Akademie als Inspiration zu dienen ist ganz okay, aber Ihre Gefühle sollten Ihre Arbeit auf meinem Schiff nicht zu sehr beeinflussen. Auch ich bin nur ein fehlbarer Mensch, und von meinem ersten Offizier erwarte ich andere Denkweisen, Alternativen. Einen Jasager kann ich nicht brauchen.“
    Beth nickte langsam. „Ich verstehe, Sir, und ich bin sicher, dass Sie aus meiner Akte ersehen können, dass ich Anweisungen meiner Vorgesetzten durchaus auch kritisch gegenüberstehe.“
    „Den Vorfall auf der NIPPON habe ich tatsächlich so interpretiert, weshalb ich Ihrer Versetzung hierher auch zugestimmt habe. Ich wollte nur sichergehen, dass auch stimmt, was in Ihrer Akte steht.“ Der Captain lehnte sich zurück. „Unsere Mission führt uns an den Rand zum Dilli-Raum. Im Leith-System sind drei Frachtschiffe von Piraten angegriffen worden. Wir sollen dort ermitteln, die Piraten finden und – falls möglich – verhaften.“
    Beth blickte den Captain verstehend an. „Diese Angriffe könnten gegenüber der Dilli ein Zeichen von Schwäche sein. Ich nehme an, dass deshalb eines der Flaggschiffe der Space Force gewählt wurde.“
    „Unter anderem, ja,“ bestätigte Donalbain. „Außerdem ist das Leith-System nur einige Stunden entfernt.“

    Sieben Stunden später befand sich die CAWDOR im Orbit von Leith 4. Auf dem felsigen Planeten befand sich eine kleine Minenkolonie, welche Morbidium abbaute. Da Morbidium ein wichtiges Metall zur Herstellung von Plasma-Waffen war, wurde der Abbau von der Space Force beaufsichtigt. Alle drei Tage startete ein Frachter mit Kurs zur Erde, eskortiert von einem Kampfschiff der Space Force. Am vorigen Tag hatte der Angriff der Piraten zur Vernichtung der COLEMAN geführt.
    Donalbain saß in seinem Kommandosessel auf der Brücke der CAWDOR. „Lieutenant Matheson, verbinden Sie mich mit der Leitung von Leith 4!“
    Lieutenant Matheson, der Kommunikationsoffizier bestätigte. „Verbindung steht, Captain!“
    Durch den Telepathen, den Donalbain an seiner rechten Schläfe trug, empfing sein Gehirn das Bild eines älteren Mannes, offenbar nubischer Abstammung. „Benjamin Reiser hier! Ich bin Leiter der Kolonie Leith 4. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
    Donalbain antwortete auf telepathischem Weg: „Hier spricht Captain Donalbain vom Space Force Raumschiff CAWDOR. Wir hörten, dass Sie Probleme mit Piraten haben.“
    Reiser nickte. „Ja, die COLEMAN musste gestern dran glauben, von einigen Schiffsladungen Morbidium mal abgesehen.“
    „Haben Sie bereits mit den Ermittlungen begonnen?“
    „Ja,“ antwortete Reiser. „Wir haben sogar schon jemanden verhaftet.“
    Donalbain hob eine Augenbraue. „In Ordnung, ich schicke Ihnen Commander Beth, meinen ersten Offizier, und ein Team runter.“
    „Meinetwegen,“ meinte Reiser schroff.

    Beth saß neben Brandhorst im Cockpit eines Shuttles auf dem Weg zur Kolonie von Leith 4. Im hinteren Bereich saßen drei Sicherheitsmänner.
    Lange Zeit war es ruhig, doch schließlich räusperte sich Brandhorst. „Commander, ich möchte keinesfalls respektvoll oder aufdringlich sein, aber…“
    „Sie möchten über den Vorfall auf der NIPPON Bescheid wissen,“ vermutete Beth.
    „Nun ja, Sir, die Geschichte ist schon ziemlich interessant. Ich meine, Henry Mendellson war davor ein ziemlich angesehener Offizier, eine Art Kriegsheld. Während der Invasion von Orion 4 hat er angeblich mehr feindliche Zerstörer besiegt, als jeder andere Kommandant der Flotte.“
    Beth nickte. „Acht Schiffe, ja. Aber ich schätze, Menschen können sich ändern.“
    „Sie meinen, es ist wahr?“ hakte Brandhorst nach.
    Beth atmete tief durch. „Ja, Mendellson wollte zu den Dilli überlaufen und die Blockade von Tau-Ceti sabotieren. Ein paar Besatzungsmitglieder waren auf seiner Seite, ihre Telepathen waren bereits verlinkt. Als ich davon erfuhr, habe ich das Flottenkommando informiert und Widerstand gegen Mendellson und seine Leute geleistet. Sie haben ziemlich verbittert gekämpft, sogar bis zum Tod.“
    „Bisher habe ich nur Gerüchte gehört. Offiziell war eine Seuche an Bord ausgebrochen, welche Mendellson und die Anderen tötete.“
    Beth nickte. „Das Flottenkommando hat die Angelegenheit klein gehalten. Die Wahrheit hätte dem Ansehen von Mendellson und der gesamten Space Force geschadet.“
    Brandhorst blickte zu Beth. „Muss schwer gewesen sein. Ein Captain ist eine Person, der man eigentlich blind vertraut.“
    Beth lachte bitter. „Auch ein Captain ist nur ein fehlbarer Mensch.“

    Fairy Boy saß auf einem einfachen Stuhl an einem kleinen Tisch und wartete. Das fahle Licht in dem dunkeln Raum sollte ihn eigentlich mürbe machen, doch er saß ziemlich selbstsicher da.
    Beth stand mit Brandhorst und Ben Reiser in einem Nebenraum und blickten durch ein einseitiges Fenster auf den jungen Mann im Vernehmungszimmer.
    „Ewan McDugall, auch Fairy Boy genannt,“ erzählte Reiser. „Er ist neunzehn Jahre alt, seine Eltern sind bei einem Unfall vor einem Jahr gestorben. Er arbeitet als Aushilfe im „Fairy Place“, der einzigen Kneipe der Kolonie. Manche sagen, er hätte hellseherische Fähigkeiten, aber bisher hat es niemand wirklich ernst genommen.“
    “Und warum haben Sie ihn verhaftet?“
    „Vor zwei Tagen kam er in die Zentrale des Sicherheitspersonals und behauptete, die Elstern würden ein großes Feuer in der Nacht entzünden und den schützenden Baum verbrennen.“ Er blickte Beth eindringlich an. „Sechsundzwanzig Stunden später haben die Piraten die COLEMAN zerstört.“
    „Er hat den Angriff vorausgesehen?!“ fragte Brandhorst verblüfft.
    „Den Angriff?!“ Reiser sah amüsiert zu dem jungen Piloten rüber. „Junger Mann, Angriffe der Piraten waren in der letzten Woche völlig selbstverständlich.“ Er deutete mit dem Zeigefinger auf den Jungen hinter der Scheibe. „Fairy Boy hat die Zerstörung der COLEMAN vorausgesehen. DAS ist das Erstaunliche.“
    „Aber das begründet doch noch lange keinen Verdacht, dass er daran beteiligt war,“ wandte Beth ein.
    „Oh, da haben Sie was missverstanden,“ sagte Reiser. „Wir verdächtigen ihn nicht der Mithilfe. Er befindet sich offiziell in Schutzhaft.“
    „Schutz wovor?!“
    „Der Junge behauptet, ein Hellseher zu sein und hat bereits vor einer Katastrophe gewarnt, bevor sie stattfand.“ Reiser sah Beth und Brandhorst an, als würde er darauf warten, dass den beiden ein Licht aufging.
    „Wenn es Kollaborateure der Piraten in der Kolonie gibt, so wäre er in Gefahr,“ stellte Beth fest.
    „Sie sagen es. Dann gibt es natürlich noch weitere Gründe, ihn hier zu behalten. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber es kann nicht schaden, auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass er tatsächlich eine Art Hellseher ist. Und dann sollte man ihn bei sich haben, falls er wieder was Wichtiges zu sagen hat.“
    “Und warum sitzt er da drinnen im Dunkeln?“
    Reiser seufzte. „Weil er tatsächlich ein Kollaborateur sein könnte.“ Der Leiter von Leith 4 trat einen Schritt näher an die Scheibe heran. „Und falls es so ist, will ich Informationen von ihm.“

    Beth trat durch die Tür in den Vernehmungsraum. Fairy Boy blickte ihn aufmerksam an. „Sie sind also Ewan McDougall,“ begann Beth. „Ich habe ja schon interessante Dinge über Sie gehört.“
    „Und wer sind Sie?“ fragte der Junge.
    Beth hob die Augenbraue. „Ich bin Commander Beth von der Space Force. Mich überrascht, dass Sie dies nicht von alleine wissen.“
    „Nicht alles offenbart sich mir,“ erwiderte Fairy Boy. „Auch ich habe mehr Fragen als Antworten.“
    „Ich hoffe trotzdem, dass Sie mir ein paar Antworten auf meine Fragen geben können.“ Der Offizier setzte sich auf einen Stuhl, der Fairy Boy gegenüberstand. „Zum Beispiel, woher Sie von dem Angriff auf die COLEMAN wussten.“
    „Manchmal sehe ich Bilder. Doch meist sind sie verschwommen, nicht ganz klar. Häufig sind sie sogar nur metaphorisch.“
    „Woher kommen diese Bilder?“
    Der Junge zeigte sich amüsiert von der Frage. „Ich weiß es nicht. Vielleicht werden sie von Feen gebracht.“
    Beth ließ sich nicht beirren. „Wie häufig sehen Sie diese Bilder?“
    “Unregelmäßig! Man könnte meinen, dass sie kommen, wann sie wollen.“
    Beth nickte. „Und das Thema können Sie auch nicht beeinflussen, nehme ich an.“
    Fairy Boy zögerte. „Auch das wechselt. Manchmal bekomme ich Visionen von völlig irrelevanten Dingen. Manchmal aber auch zu Dingen, die mich ständig beschäftigen. Könnte aber auch Zufall sein.“
    „Hatten Sie seit Ihrer Prophezeiung von der Zerstörung der COLEMAN erneut Visionen?“
    „Ständig. Auch ihre Kraft und Form variiert. Manchmal sind es Bilder, manchmal auch allgemeine Randinformationen. Ich weiß zum Beispiel, dass Sie erster Offizier der CAWDOR sind, und dass Sie mit Lieutenant Brandhorst hierher gekommen sind.“
    Diese Information überraschte Beth. „Sie wussten nicht, wer ich bin, als ich eben hereinkam.“
    „Wie gesagt… Randinformationen.“

    Captain Donalbain saß in seinem Bereitschaftsraum an seinen Sessel geschnallt und ließ sich über den Telepathen von Beth Bericht erstatten. Als dieser fertig war, wollte der Captain wissen: „Was ist Ihre Meinung zu diesem McDougall?“
    „Ich weiß nicht, Sir! Die Informationen über mich sind über das Datennetz durchaus herauszufinden, aber woher er wusste, dass Lieutenant Brandhorst beim Landeteam dabei war, kann ich mir nicht erklären.“
    Donalbain dachte kurz nach. „Eventuell hat er einfach vermutet, dass unser ranghöchster Pilot das Shuttle gesteuert hat.“
    „Möglich,“ gab Beth zu. „Aber seine Glaubwürdigkeit hing von seinen Aussagen ab. Wieso sollte er das Risiko eingehen, eine vielleicht falsche Information zu geben?!“
    Donalbain nickte. „Melden Sie sich, sobald sich etwas Neues ergibt, Commander!“
    „Aye, Sir! Beth out!“
    Die Verbindung wurde beendet und der Kommandant der CAWDOR lehnte sich seufzend zurück. Er dachte über den Bericht nach, besonders über den jungen Ewan McDougall. Er glaubte normalerweise nicht an übernatürliche Phänomene, oder er hatte sich bisher einfach nicht sonderlich damit beschäftigt. Die Idee eines Hellsehers fand er denn doch ziemlich absurd, jedoch war die Prophezeiung von der Zerstörung der COLEMAN doch interessant. Allerdings war die Formulierung auch wage und metaphorisch genug, dass es sich einfach um Zufall hätte handeln können.
    Das Piepen des Türsignals holte ihn aus seinen Gedankengängen heraus. „Herein!“
    Die Tür öffnete sich und Commander Troy schwebte herein. „He, Malcolm, willst du nicht langsam Schluss machen?“
    Der Captain blickte die Frau einen Moment an, fragte den Computer telepathisch nach der Uhrzeit und bemerkte, dass seine Schicht bereits beendet war. Er nickte. „Ja, Kathy, richtig! Wenn nichts besonderes mehr passiert, dann war’s das für heute.“ Er schnallte sich ab und erhob sich. „Kommst du noch auf einen Schluck zu mir?“
    Troy lächelte. „Gerne!“

    Das Neonlicht an der Fassade des „Fairy Place“ leuchtete in dunklem Violett. Man merkte, dass diese Bar hauptsächlich von Minenarbeitern besucht wurde, welche ja auch die Hauptbevölkerungsgruppe der Kolonie ausmachten. Commander Beth und Lieutenant Brandhorst standen davor und blickten auf den Schmutz an der Fassade. Viel Sinn für Hygiene schien hier niemand zu haben. Die eher spartanische Beleuchtung passte zum allgemeinen Dekor der Kolonie, welche von der Außenwelt des Planeten abgeschottet war. Draußen herrschten mehr als schlechte Lebensbedingungen, angefangen bei wechselhaften Wetterverhältnissen und Sauerstoffmangel in der Luft.
    Beth trat durch die Tür des Etablissements und blickte sich drinnen um. Ein paar Arbeiter, die gerade keine Schicht hatten, lungerten an kleinen Tischen herum und tranken, mancher aß auch eine Kleinigkeit. Auch an der Theke saßen einige, und Beth ging gezielt auf die junge Barkeeperin hinter der Theke zu, gefolgt von Brandhorst.
    Die Barkeeperin bemerkte Beth schnell und wartete, bis er an der Theke angekommen war. „Was darf’s sein?“
    „Informationen,“ sagte der Commander. „Ich möchte gerne etwas über Ewan McDougall wissen, der hier arbeitet.“
    Die Frau wurde auf einmal sehr ernst. „Sie gehören zu denen, die ihn verhaftet haben?!“
    Beth schnitt eine Grimasse. „Indirekt. Ich ermittle in Bezug auf die Angriffe der Piraten. McDougall hat die Zerstörung der COLEMAN vorhergesagt, weswegen er sich nun in Schutzhaft befindet.“
    „Fairy Boy hat nichts mit den Piraten zu tun, glauben Sie mir! Zu so etwas wäre er gar nicht fähig.“
    Beth nickte. „Was können Sie mir über seine hellseherischen Fähigkeiten sagen?“
    Die Frau zögerte. „Ich weiß nicht, ob es sie tatsächlich gibt. Aber bisher sind die meisten Voraussagen von ihm wahr geworden.“
    „Zum Beispiel?!“ hakte der Offizier nach.
    Einen Augenblick überlegte die Frau. „Vor zwei Monaten hat Fairy Boy vorausgesagt, dass einer der Arbeiter einen Unfall haben würde. Zwei Tage später wurde genau dieser Arbeiter in der Mine verschüttet.“
    „Hat sich jemals Jemand gefragt, wo McDougall diese Informationen her hatte?“
    „Ja, Daniel Guttenberg. Er war neugierig, meinte, er wolle Fairy Boy beobachten und herausfinden, woher er weiß, was er weiß.“
    „Und wo kann ich diesen Guttenberg finden?“ wollte Beth wissen.
    „Draußen,“ antwortete die Barkeeperin. „Im Außenbereich. Aber viel werden Sie nicht von ihm erfahren. Er hat die Kolonie ohne Schutzanzug verlassen, wollte zum zehn Kilometer entfernten Carlton Hill.“

    Fairy Boy saß auf der Brittsche seiner Zelle und starrte an die Wand. Plötzlich kamen sie. Bilder. Wie Kartografien des Leith-Systems. Und ein Punkt war markiert. Er schnellte hoch und rief per Telepathen den Wärter.

    Donalbain trank aus, als Troy sich von ihrem Sessel abschnallte.
    „Ich wünsche eine geruhsame Nacht, Malcolm,“ sagte sie und schwebte zur Tür.
    „Dir auch,“ antwortete Donalbain und lächelte der Frau zu, als sie die Tür öffnete und hinausschwebte. Als sich die Tür wieder geschlossen hatte, hängte Donalbain das Trinkfläschchen zurück in den Replikator und schnallte sich ab. Gerade als er seine Uniform aufknöpfen wollte, hörte er die Stimme von Lieutenant Matheson in seinem Kopf: „Captain, Commander Beth wünscht eine Verbindung.“
    Der Captain seufzte. „Verbinden Sie!“
    Sofort erschien das Bild des jungen Commanders in seinem Kopf. „Captain, McDougall hatte wieder eine Vision. Er sagte, er kenne den Ort und die Zeit der Übergabe des gestohlenen Morbidiums.“

    Drei Stunden später erreichte die CAWDOR Leith 14, den äußersten Planeten des Systems, und auch jener, welcher der Grenze zum Dilli-Raum derzeit am nächsten war. Captain Donalbain blickte durch das große Sichtfenster an der Vorderseite der Brücke.
    „Sensorenstörsystem ist aktiviert, Captain,“ meldete Lieutenant Commander Emanuele, der taktische Offizier. „Unsere Sensoren melden eine Wolke der Dilli auf der anderen Seite der Grenze.“
    Der Captain blickte weiter in den Weltraum hinaus, obwohl er die Dilli mit bloßem Auge sicherlich nicht sehen konnte. „Melden Sie sofort, wenn die Wolke, oder auch nur ein Individualstück, die Grenze verletzen sollte!“
    „Aye, Sir!“
    Einige Minuten verstrichen, in denen sich nichts tat. Plötzlich gaben die Sensoren Alarm. „Captain,“ rief Emanuele. „Ein Piratenschiff startet von der Planetenoberfläche.“
    „Abfangen,“ befahl Donalbain sofort.
    „Aye, Sir,“ bestätigte der Steuermann, Lieutenant Kaneko.
    Die CAWDOR bewegte sich vorwärts leicht backbord und nach unten. Der Planet kam in Sicht und das kleine, flugzeugähnliche Raumschiff der Piraten kam in Sicht. Hinter sich zog das Schiff einen größeren Frachtcontainer.
    „Lieutenant Matheson, übermitteln Sie dem Piratenschiff, dass sie umgehend Halt machen und sich ergeben sollen, andernfalls sind wir gezwungen, das Feuer zu eröffnen.“
    In den darauf folgenden Momenten, in denen Matheson die Nachricht absendete, hielt das Schiff der Piraten auf die Grenze zu. Plötzlich schleuste es mehrere kleine Jäger aus, welche auf die CAWDOR zurasten.
    Donalbain reagierte sofort. „Piloten zu den Jägern, Waffensysteme ausrichten!“
    „Waffen bereit,“ meldete Emanuele.
    „Geben Sie einen Warnschuss ab!“
    Ein Schuss mit den Plasmakanonen flog dicht am Piratenschiff vorbei. Währenddessen eröffneten die Jäger der Piraten das Feuer.
    „Das Mutterschiff der Piraten hält weiter auf die Grenze zu,“ rief der taktische Offizier.
    „Feuer frei, aber sorgen Sie dafür, dass die Fracht nicht beschädigt wird!“
    „Aye, Sir!“
    Nun gaben die Plasmakanonen der CAWDOR alles, und sogleich ging das Schiff der Piraten in einem großen Feuerball auf.
    Die Piratenjäger befanden sich inzwischen in wildem Gefecht mit den Jägern der CAWDOR, und als sich abzeichnete, dass sie so gut wie keine Chance mehr hatten, versuchten einige, auf den Planeten zurückzukehren. Ein Team aus Privates würde später landen und die Bodenstation der Piraten einnehmen. Die Schlacht war vorbei.
    „Sir,“ meldete Emanuele. „Die Wolke der Dilli entfernt sich von der Grenze.“
    Donalbain verstand und nickte. „Schicken Sie die Bodentruppe runter und dann Kurs auf Leith 4!“ Er lehnte sich zurück. „When the hurlyburly’s done, when the battle’s lost and won.”
    “Sir?!”
    Donalbain blickte zu Emanuele, welcher ihn fragend ansah. „Ein Zitat aus einem alten schottischen Stück. Wir wissen, dass die Dilli den Piraten das Morbidium abgekauft haben, und wir haben die Piraten unschädlich gemacht. Doch die Beteiligung der Dilli werden wir vor den Vereinten Planeten nicht beweisen können. Wie haben zwar gewonnen, aber auch verloren.“

    Beth trat in die Zelle, und Fairy Boy stand augenblicklich auf.
    „Sie können gehen, Mr. McDougall,“ sagte der Offizier. „Die Piraten konnten unschädlich gemacht werden. Im Namen der Space Force danke ich Ihnen für Ihre Hilfe.“
    Fairy Boy nickte. Er sah den Commander eindringlich an.
    Beth war sich etwas verunsichert. „Ist etwas?“
    „Ich habe Ihre Zukunft gesehen, Commander.“
    Nun wurde Beth neugierig. „Und?!“
    „Sie werden Captain. Schon sehr bald.“
    Beth gab sich erfreut. „Das sind ja mal gute Nachrichten!“
    „Die Umstände werden Ihnen nicht gefallen,“ fügte Fairy Boy hinzu.
    Das Lächeln auf Beths Gesicht verschwand augenblicklich. „Was wird passieren?“
    „Ich weiß es nicht genau,“ sagte der Junge. „Ich weiß nur, was ich Ihnen sagte. Und, dass ich nicht mehr da sein werde, wenn es passiert.“
    Nun war Beth verwirrt. „Was meinen Sie damit? Werden Sie sterben, oder einfach an einen anderen Ort gehen?“
    „Nicht an einen anderen Ort,“ erwiderte Fairy Boy. Dann schritt er an dem Commander vorbei und verließ die Zelle.
    Beth blickte ihm nach, sein Gesicht ein einziges Fragezeichen. Dann verdrängte er derartige Gedanken. Wahrscheinlich wollte der Junge ihm nur Angst einjagen. Mit dem Telepathen nahm er Verbindung zu Brandhorst auf. „Lieutenant, rufen Sie unsere Leute zusammen! Wir treffen uns in dreißig Minuten beim Shuttle. Es geht zurück auf die CAWDOR.“

    In der zweiten Episode: „A Look into the Seeds of Time“
    Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
    Stalter: "Nope, it's all bad."

  • #2
    RAUMSCHIFF CAWDOR
    von Kai Brauns

    Episode II: A Look into the Seeds of Time

    Philion-Imperium: Kaiserreich der Borten, regiert von Kaiser Mallo. Umfasst Philion Prime und Kolonien auf Philion 2, 6 und 7 und Beren 5. Unter den Einheimischen Golluer von Beren 5 herrscht ein Bürgerkrieg mit Sympathisanten des Kollektivismus der Dilli.
    - Enzyclopedia Galactica, letzte Aktualisierung vom 13. Juli 2170

    Commander Beth schwebte durch die Tür zum Trainigsraum und blickte sich um. Schließlich fand er den Captain an einem Gerät hinten im Raum, wie er schwitzend mit den Unterschenkeln ein paar Gewichte über ein Zugsystem stemmte. Sofort schwebte er auf ihn zu. „Captain,“ machte er sich bemerkbar. „Sie hätten sich einen besseren Zeitpunkt aussuchen können, ihre Trainingseinheiten wahrzunehmen. Sie hätten wenigstens Ihren Telepathen tragen können.“
    Captain Donalbain war in einer Liegeposition an das Gerät geschnallt und blickte zu seinem ersten Offizier. „Commander,“ sagte er außer Atem. „Habe Sie gar nicht reinkommen hören.“ Er atmete etwas durch, setzte dann fort: „Ich hatte meine Quote für heute noch zu erfüllen, und ich trage meinen Telepathen nie beim Muskeltraining. Sie wissen, wie leicht er durch den Schweiß von der Haut abfällt.“ Er ließ die Gewichte runter, schnallte sich ab und griff zuerst nach einem Handtuch, dann nach dem Trinkfläschchen, aus dem er ein paar Züge sog. Er setzte ab und blickte erneut zu Commander Beth. „Was gibt es denn so Dringendes?“
    Beth hob die rechte Augenbraue. „Ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir in einer halben Stunde Proxima 2 erreichen, zehn Minuten später werden wir an GOOD HOPE II andocken. Vielleicht möchten Sie sich noch etwas frisch machen, bevor wir die Botschafterin an Bord nehmen?!“
    Donalbain nickte erschöpft. „Richtig, danke, Commander! Ich mache mich gleich auf in die Dusche.“ Er machte eine auffordernde Geste. „Sie gehen inzwischen auf Ihren Posten zurück! Ich traue Emanuele zwar zu, dass Schiff für ein paar Minuten im Hyperraum zu kommandieren, aber er hat auch noch andere Dinge zu tun.“
    Der junge Offizier schmunzelte. „Aye, Sir!“

    Als Captain Donalbain vom Schweiß gereinigt und in ordentlicher Uniform auf der Brücke erschien, sprang die CAWDOR gerade in den Normalraum zurück. Commander Beth erhob sich aus dem Kommandosessel, um für den Captain Platz zu machen.
    Durch das Sichtfenster war Proxima 2 als gewaltige erdähnliche Kugel zu sehen, und ein relativ dünner metallener Ring führte um den Planeten herum. Es war ein beeindruckender Anblick, die gigantische Raumstation GOOD HOPE II, an deren Realisierung die Welten der Terran Alliance und die verschiedenen Reiche des Orion beteiligt waren.
    „Wir erreichen die Station in sieben Minuten, Captain,“ meldete Lieutenant Kaneko von seinem Steuerterminal in der kleinen Einbuchtung an der Front der Brücke aus. „Andockmanöver wird weitere zwei Minuten in Anspruch nehmen.“
    Donalbain nickte und schnallte sich in seinen Kommandosessel. „In Ordnung, Lieutenant! Weiter nach Plan.“ Wieder blickte der Captain ehrfurchtsvoll auf die gigantische Raumstation. Das größte Bauwerk in der bekannten Geschichte der Milchstraße war Sitz der Vereinten Planeten, und nur wenige militärische Schiffe kamen regelmäßig hierher. Für den Kommandanten der CAWDOR war es erst das zweite Mal, dass er hierher kam.
    Nach wenigen Minuten hatte die CAWDOR die Raumstation erreicht und drehte nun nach Backbord. Aus der Hülle der GOOD HOPE II wurden Andockklammern ausgefahren und verbanden sich mit der Außenhülle des Schiffes. Die Klammern schlossen sich und die CAWDOR hing nun seitlich an der GOOD HOPE II.

    Captain Donalbain und Commander Beth warteten zusammen mit Commander Troy und einem weiteren Mannschaftsmitglied an der Andockschleuse.
    „Botschafterin soll ja eine Art Kriegsheldin sein,“ meinte Commander Beth. „Angeblich war sie schon auf der ersten GOOD HOPE stationiert, und obwohl sie nur knapp von der Station fliehen konnte, bevor die Heeldar sie zerstörten, hat sie noch in der selben Woche ihren Dienst auf einem anderen Schiff angetreten.“
    Donalbain blickte ihn ernüchternd an. „Dieser Krieg hat weit zu viele so genannte Helden hervorgebracht. Bedenken Sie das, Commander. Und außerdem ist ihre Aufgabe inzwischen die Erhaltung von Frieden.“
    Der Commander nickte etwas beschämt, nahm aber sofort Haltung an, als sich die Schleuse öffnete und eine Frau von etwa vierzig Jahren hindurch kam. Ihr schulterlanges braunes Haar war zu einem Zopf zusammengebunden, um sie in der Schwerelosigkeit nicht völlig außer Kontrolle geraten zu lassen. Ansonsten war ihr jedoch anzusehen, dass die Botschafterin die Schwerelosigkeit nicht mehr gewohnt war.
    „Botschafterin Christian, es ist mir eine Ehre, Sie an Bord begrüßen zu dürfen,“ sprach der Captain und salutierte vor der Frau.
    „Ich danke Ihnen, Captain Donalbain,“ erwiderte die Botschafterin mit einem Lächeln. „Es ist auch mir eine Ehre, Sie kennen zu lernen. Ihre Rettung von Präsident Kumaier ist bereits legendär.“
    Trotz seines Kommentars an seinen ersten Offizier schien Donalbain doch etwas wie Heldenverehrung für die Botschafterin zu verspüren, und umso stolzer nahm er ihr Kompliment auf. „Vielen Dank, Botschafterin!“ Nachdem er ihr seine anwesenden Offiziere vorgestellt hatte, beauftragte er Commander Troy damit, die Botschafterin zu einem der Gästequartiere zu bringen. Dann wandte er sich noch einmal zu Botschafterin Christian: „Ich hoffe, Sie haben heute Abend die Zeit, mit meinen Offizieren und mir zu dinieren.“
    Die Botschafterin nickte freundlich. „Es wird mir ein Vergnügen sein, Captain!“ Sie folgte der Chefingenieurin und ließ Captain Donalbain und dessen ersten Offizier zurück, hinter ihr trug das Mannschaftsmitglied ihr überraschend geringes Gepäck.
    „Sie scheinen auch nicht ganz von Heldenverehrung befreit zu sein,“ merkte Beth amüsiert an.
    Der Captain sah ihn überrascht an. „Dass Sie mal spitze Bemerkungen auf meine Kosten machen, hätte ich Ihnen kaum zugetraut.“ Er seufzte. „Ich bewundere eher ihre Arbeit als Botschafterin, nicht so sehr die als Soldatin.“
    „Mir schien, Sie bewundern nicht nur ihre Arbeit, Sir!“
    „Commander,“ wechselte Donalbain in einen ernsteren Tonfall. „Sie sollten lieber wieder Ihrer Arbeit auf der Brücke nachgehen, bevor ich Ihnen noch ein paar zusätzliche Trainingseinheiten verordne. Mit Telepathen!“
    Plötzlich hatte Beth es sehr eilig, sich an die Arbeit zu machen.

    In einem Schiff, das es eigentlich gar nicht gab, saß Nummer Sechs und wartete auf neue Befehle. Schließlich erhielt er ein verschlüsseltes Signal, und er bestätigte seine Identität. Daraufhin erschien eine reiner Text mit erklärenden Bildern in seinem Kopf: Sein Ziel war eine Frau, neununddreißig Jahre alt, mit schulterlangen braunen Haaren. Botschafterin Marina Josephine Christian.

    Der Captain erhob sein Trinkfläschchen. „Auf unseren Gast,“ sprach er. „Möge ihre Mission erfolgreich sein.“
    Die Offiziere hatten ihre Trinkflächchen ebenfalls erhoben und stießen nun an.
    Die Botschafterin lächelte und stieß ebenfalls mit einigen Offizieren an. Nach dem Essen begab man sich in die Offiziersmesse. Beth, Emanuele und Brandhorst saßen gemeinsam nahe dem großen Panoramafenster und blickten hinaus in den Hyperraum. Die Botschafterin, Donalbain und Commander Troy hatten sich in eine hintere Sitzecke begeben.
    „Lieutenant Kaneko sagte, dass wir in drei Tagen den Raum des Philion-Imperiums erreichen werden,“ berichtete Donalbain. „Danach sind es noch etwa zwanzig Stunden bis nach Philion Prime.“
    Die Botschafterin nickte. „Dann habe ich genug Zeit, um mich auf mein Treffen mit dem Kaiser vorzubereiten.“ Sie nippte an ihrem Trinkfläschchen, lehnte sich entspannt zurück und blickte zum Fenster. „Es ist selten geworden, dass ich GOOD HOPE II verlasse. Es ist bestimmt ein Jahr her, dass ich im Hyperraum war.“
    Donalbain blickte sie verwundert an. „Als Diplomatin müssten Sie doch sicherlich häufiger reisen. Sicherlich können nicht alle Verhandlungen auf GOOD HOPE II stattfinden.“
    Christian wurde nachdenklich. „Eigentlich ist das richtig. Allerdings bin ich in manchen Rängen der Alliance nicht mehr gern gesehen.“ Sie blickte die beiden Space Force Offiziere an. „Der kalte Krieg mit den Dilli ist vielen sehr willkommen. Und denen wäre in meiner Position ein politischer Hardliner erheblich lieber gewesen.“
    Donalbain nickte verständnisvoll und nahm noch einen Schluck. „Ich nehme an, Sie haben es Kumaier zu verdanken, dass Sie noch Ihre Position in der Generalversammlung der Vereinten Planeten noch nicht verloren haben.“
    Christian nickte zustimmend. „Er ist ein großer Befürworter der Diplomatie. Nur leider sind seine Anhänger in den mächtigeren Organen der Alliance in der Minderheit. Vielen ist ein klares Feindbild sehr angenehm, und die Waffenindustrie schlägt natürlich sehr viel Gewinn aus dem Wettrüsten.“
    „Profit durch Angst,“ merkte Troy an. „Es könnte mir schlecht werden, wenn ich daran denke, was für Typen es in den höheren Rängen der Space Force gibt.“
    „Immerhin kann ich aber weiterhin noch einiges Gutes bewirken. In den letzten Monaten bin ich in Verhandlungen mit den Hildar getreten, um der Alliance deren Technologie zur künstlichen Gravitation zu verschaffen. Dies hilft Orion 4 wirtschaftlich auf die Beine.“
    Donalbain seufzte leise. „Der militärisch-industrielle Komplex der Alliance scheint ziemlich stark zu sein. Die Geschehnisse um die Tau Ceti-Blockade haben ihm sehr viel Macht gegeben.“
    „Die Blockade,“ seufzte Christian. „Abgesehen vom Krieg waren das die schlimmsten dreizehn Tage meines Lebens.“
    „Ich schätze, es geht den meisten Menschen so,“ fügte Troy hinzu.
    Christian blickte wieder hinaus in den Hyperraum.

    Nummer Sechs lag in einer Koje und ließ Informationen über den Telepathen in sein Gehirn wandern, während das Schiff sich über Autopilot durch den Hyperraum steuerte. Er wusste, wenn er seinen Auftrag ordentlich erledigte, wäre die Organisation ihren Zielen ein deutliches Stück näher.

    Der Sprung in den Normalraum erfolgte eine halbe Flugstunde von Philion Prime entfernt. Zwei imperiale Kampfschiffe nahmen die CAWDOR in Empfang und eskortierten sie in den Planetenorbit.
    „Commander Beth,“ wandte der Captain sich an seinen ersten Offizier. „Sie übernehmen das Kommando! Ich begleite den Landungstrupp.“
    „Sir,“ erwiderte der junge Offizier. „Ich halte es für besser, wenn Sie an Bord bleiben.“
    „Kennen Sie sich mit den Traditionen der Borten aus?“ fragte Donalbain.
    „Nein, Sir,“ gab Beth zu.
    „Wenn Sie es täten, wüssten Sie, dass es für den Captain eines Schiffes, dessen Passagiere eine Audienz beim Kaiser haben, geradezu eine Pflicht ist, dem Kaiser die Ehre zu erweisen. Und wir wollen doch keinen diplomatischen Zwischenfall heraufbeschwören.“
    Mit einem Grinsen ließ der Captain seinen verdutzten ersten Offizier in der Mitte der Brücke zurück und machte sich zum Shuttledeck auf.

    Eine Stunde später standen Captain Donalbain und Botschafterin Christian im Thronsaal von Kaiser Mallo. Die lederne Haut des Borten hatte an einigen Stellen bereits tiefe Falten, was auf sein hohes Alter hinwies. Einige Meter vor Mallo stand ein als Übersetzer fungierender Adjutant, da der Kaiser es ablehnte einen Telepathen zu tragen. Die großen, mandelförmigen Augen und die dreieckige Kopfform, gepaart mit einer Körperform die in Weiten teilen dem einer Gottesanbeterin glich, ließ die Borten auf Menschen oft insektoid erscheinen, doch tatsächlich handelte es sich bei ihnen um Säugetiere. Die Größe der Augen diente nicht nur dem Zweck des guten Sehens, sondern auch des gut Gesehenwerdens, da die Borten über ihre wechselnden Augenfarben kommunizierten. Menschen konnten daher niemals hoffen, sich ohne Schriftzeichen oder Telepathen mit den Borten verständigen zu können, auch weil im Spektrum der Borten weit mehr Farbnuancen erkennbar waren, als es bei Menschen der Fall war. Ihren kleinen Mund verwendeten sie nur zur Nahrungsaufnahme.
    „Wir grüßen Euch, Kaiser Mallo,“ sprach die Botschafterin und hob ihren rechten Arm in einem rechten Winkel vor ihren Körper, der Ellbogen wies ebenfalls eine Krümmung um 90° auf, der Handrücken deutete auf den Kaiser. Dies war eine Geste der Ehrerbietung in der Kultur der Borten.
    Der Kaiser signalisierte seinem Adjutanten mit einigen Farben, dieser wandte sich daraufhin um und sprach über Telepathen: „Wir heißen die Botschafterin und den Führer des Raumschiffes Willkommen und danken, dass sie unserer Einladung gefolgt sind.“
    Donalbain beobachtete das Geschehen interessiert, doch viele der Gesten und Floskeln waren ihm kein Begriff, so gut kannte auch er sich nicht mit den Traditionen der Borten aus. Auch die ständig wechselnden Augenfarben der Einheimischen hatten auf ihn einen eher ermüdenden Eindruck. Er beschränkte sich so gut es ging auf die Rolle des stillen Beobachters.

    Das Schiff folgte einem Frachter durch dessen Sprungtor und gelangte so in unmittelbare Nähe zu Philion Prime. Nummer Sechs befand sich bereits im Cockpit eines Jägers der CLOAK-Klasse und aktivierte die Sensorenstörsignale und sie Kamera/Monitor-Oberfläche der Außenhaut. Dann startete er und flog unentdeckt zum Planeten runter.

    Offenbar wollte Kaiser Mallo, dass die Terran Alliance den Borten Unterstützung im Kampf gegen die kollektivistischen Rebellen auf Beren 5 gab. Er behauptete, dass die Rebellen von den Dilli unterstützt wurden, und dass nach einem Verlust von Beren 5 an den Kollektivismus der Dilli weitere Welten folgen würden. Der Captain sah der Botschafterin an, dass ihr bei diesen Forderungen unwohl war. Sie verblieb mit dem Versprechen, ihren Vorgesetzten zu unterrichten und die Unterstützung des Imperiums unter der Zustimmung der TA-Regierung auch vor der UP-Generalversammlung zu unterstützen. Der Kaiser gab sich vorerst damit zufrieden.
    Während die Botschafterin in einem Nebenraum mittels eines Subraumfunkers Kontakt mit ihren Vorgesetzten aufnahm und diesen die Informationen über die Audienz beim Kaiser unterrichtete, wanderte Donalbain etwas durch den kaiserlichen Palast. Die Ähnlichkeit mit irdischen Palästen des Orients verblüffte ihn. Aus manchen Räumen, an denen er vorbeikam, drang ein starker Schwefelgeruch nach draußen. Der Captain wusste, was es damit auf sich hatte und schmunzelte. Offenbar gab es unter den Mächtigen vieler Kulturen Individuen, welche dem Druck von außen für eine Weile entfliehen wollten.
    Schließlich traf er auf drei ungewöhnlich gekleidete Borten. Während die meisten anderen Bewohner des Palastes reich verzierte Kostüme trugen, hatten diese drei nur etwas um den Körper, was Donalbain spontan mit Ponchos verglich. Es handelte sich um Mönche von Orion 6. Borten waren zwar asexuell, doch mangels eines geschlechtsneutralen Begriffes sprachen die Menschen von ihnen als Mönche. Sie standen zwar außerhalb der Gesellschaft, doch traditionsgemäß konnten sie sich des Schutzes des Kaisers sicher sein. Nur selten waren sie anzutreffen, und es hieß, sie stünden in direktem Kontakt zu Gott. Als er an ihnen vorbeiging spürte er die Aufmerksamkeit der drei Mönche auf sich ruhen, und plötzlich vernahm er über den Telepathen ein deutliches „Stopp!“ Er wandte sich um und die Mönche kamen auf ihn zu.
    „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte der Captain.
    „Sie sind ein Mensch. Malcolm Duncan Donalbain, Führer des Space Force Raumschiffes CAWDOR.“
    Überrascht hob Donalbain die rechte Augenbraue. „Das ist richtig. Woher wissen Sie das?“
    „Wir wissen,“ antwortete einer der Mönche. „Sie sind wegen Beren 5 hier.“
    Donalbain nickte. „Ja, ich habe die Botschafterin hierher gebracht, und sie sprach mit dem Kaiser über den Bürgerkrieg auf Beren 5.“
    Die Mönche umkreisten den Captain. „Wenn Sie Beren 5 aufsuchen, wird Ihr Licht erlischen und ihr Schiff wird in Ihrem Licht verbrennen.“ Sie hielten an und entließen Donalbain aus ihrer Mitte.
    Der Mann war deutlich verwirrt. „Wie soll ich das verstehen? Als Drohung? Als Warnung?“
    Der rechte Mönch ließ seine Augen zwischen rot und gelb hin und her flackern. „Als Tatsache,“ war die Antwort. Daraufhin entfernten sich die Mönche.

    „Meine Regierung wird Ihre Bitte diskutieren, Kaiser,“ berichtete Christian, als sie wieder im Thronsaal stand. „Und die Angelegenheit wird vor die Generalversammlung gebracht werden.“
    Die Augen des Kaisers flackerten grün, weiß und schließlich violett. Der Adjutant übersetzte: „Wir sind Ihnen sehr dankbar, Botschafter, und werden uns in Geduld üben. Sie dürfen nun gehen!“
    Die Botschafterin bewegte ihre Hand vor ihrem Gesicht, eine höfliche Abschiedsgeste, wandte sich zum Captain um und verließ mit ihm den Thronsaal.
    „Glauben Sie, wir werden uns militärisch einmischen?“ fragte der Captain.
    Christian schüttelte den Kopf. „Nein, Kumaier wird dagegen ankämpfen. Er wird sich um eine diplomatische Lösung bemühen.“
    „Das ist gut,“ meinte Donalbain. Er atmete tief durch und zögerte bevor er die nächste Frage stellte: „Sind Sie jemals Mönchen von Philion 6 begegnet?“
    Die Botschafterin blickte ihn überrascht an. Mit einem solchen Themenwechsel hatte sie nicht gerechnet. „Ja, vor etwa neun Jahren. Ich bin damals noch bei der Space Force gewesen und kam gerade von Orion 7 zurück.“
    „Haben sie Ihnen etwas prophezeit?“
    Christian nickte. „Ja, sie sagten mir, dass ich den Weg des Krieges verlassen würde, um den Weg des Friedens zu gehen.“
    „Und Sie sind Diplomatin geworden,“ stellte Donalbain fest.
    „Sind Sie Mönchen begegnet?“ fragte Christian.
    Donalbain blickte sie eindringlich an. „Ja, und was sie mir sagten, gefällt mir absolut nicht.“

    Nummer Sechs landete neben dem Shuttle der CAWDOR und wartete. Schließlich sah er sie! Marina Christian, neununddreißig Jahre alt, schulterlanges braunes Haar. Neben ihr ging ein Captain der Space Force, Nummer Sechs glaubte, sein Gesicht vor Jahren einmal in den Nachrichten gesehen zu haben. Mit den Geschützen seines unsichtbaren Jägers zielte er auf die Diplomatin. Plötzlich erhielt er eine Dringlichkeitsnachricht über Telepathen. Er wusste, wenn ihn eine solche Nachricht erreichte, hatte er alles stehen und liegen zu lassen.
    Die Nachricht lautete: „Mission abbrechen! Ziel lebend wertvoller. Neues Ziel ausgewählt.“
    Nummer Sechs nahm die Hände von den Kontrollen und fragte sich, was Mr. Graves vorhatte.

    Vier Tage später erreichte die CAWDOR das Proxima-System und dockte erneut an die gewaltige Raumstation GOOD HOPE II an. Donalbain begleitete die Botschafterin zur Andockschleuse. „Ich nehme an, Sie werden froh sein, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben,“ meinte er.
    Die Botschafterin nickte lachend. „Ja, sehr! Und ich verspreche Ihnen, dass ich mich bei den Verhandlungen mit Orion 4 um Schnelligkeit bemühen werde, damit Sie möglichst bald auch in den Genuss einer ständigen künstlichen Schwerkraft kommen.“ Sie blickte ihn an, und durch den Frohsinn auf seinem Gesicht erkannte sie Sorgen in seinen Augen. „Ist etwas nicht in Ordnung?“
    Donalbain wurde ernst. „Ich bin mir nicht sicher. Ich muss ständig an die Worte der Mönche denken, und daran, in welche Richtung sich die Galaxis zu entwickeln scheint.“
    „Sie haben Angst vor der Zukunft,“ stellte Christian fest.
    Donalbain nickte. „Es heißt die Samen der Zeit liegen vor uns. Wir müssen sie nur zu deuten wissen.“ Er hielt an, denn sie hatten die Andockschleuse erreicht. Er drehte sich zur Botschafterin um. „Ich wünschte, ich könnte sie deuten.“ Er salutierte. „Botschafterin.“
    Christian nickte. „Auf Wiedersehen, Captain! Ich hoffe, Sie einmal wieder zu sehen.“ Die Schleusentür öffnete sich und sie trat hinaus in die Schwerkraft. Dort wandte sie sich noch einmal um. „Viel Glück, Captain!“
    Donalbain nickte. „Auch Ihnen viel Glück, Botschafterin!“
    Die Schleusentür schloss sich zwischen ihnen. Der Captain verharrte noch einen Augenblick, machte sich dann auf den Weg zur Brücke.

    In der nächsten Episode: „The Instruments of Darkness“
    Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
    Stalter: "Nope, it's all bad."

    Kommentar


    • #3
      RAUMSCHIFF CAWDOR
      von Kai Brauns

      Episode III: The Instruments of Darkness

      Sean Graves blickte aus dem großen, einseitig verspiegelten Panoramafenster seines Büros. Unter ihm lag die Geschäftigkeit Brüssels, der Hauptstadt der Terran Alliance. Der Präsident der Special Terran Intelligence fragte sich, wie es soweit kommen konnte. Nach Ende des Krieges war er ein Held der STI geworden, seine Fähigkeiten auf dem Gebiet der Spionage hatten ihn bis ganz an die Spitze der Organisation geführt. Und irgendwann war der Priester auf ihn zugekommen. Seine Erhabenheit, Howard Phillips, hatte ihn von den wahren Hintergründen des Universums berichtet. Graves war damals skeptisch, doch die Aussicht, seine Führungsposition nicht zu bekommen, hatte ihn gefügig gemacht. Seitdem schien Graves niemals mehr glücklich zu sein. Doch dies fiel beim Führer des außerweltlichen Geheimdienstes der TA auch nicht weiter auf.
      Ein piependes Geräusch lenkte ihn ab. Sein Sekretär unterrichtete ihn über Telepathen von der Ankunft Phillips’. „Lassen Sie ihn herein,“ sagte Graves widerwillig.
      Die Tür öffnete sich und Howard Phillips trat ein. Er trug einen ordentlichen Anzug und ein freundliches Lächeln im Gesicht, welches eher nach einem Politiker aussah, als nach dem Priester eines geheimen Kultes. „Guten Morgen, Mr. Graves,“ begrüßte der ältere Mann den STI-Chef. „Wie geht es Ihnen?!“
      Graves lief ein Schauer über den Rücken, doch er hatte gelernt, solche Dinge nicht sichtbar zu machen. „Gut, danke,“ antwortete er. „Was kann ich für Sie tun, Erhabener?“
      Phillips setzte sich unaufgefordert und sagte: „Ich wollte wissen, wie Sie mit den Vorbereitungen für Projekt Booth-Oswald vorankommen?“
      Bei der Erwähnung dieses Projektes wurde Graves übel, doch auch dies überspielte er leicht. „Alles verläuft nach Plan,“ antwortete er schlicht.
      Phillips nickte zufrieden. „Und was sagen die Observationen des Professors?“
      „Er befindet sich im Ardini-System,“ sagte Graves ungeduldig.
      Phillips hob die rechte Augenbraue. „Danke für die Informationen, Mr. Graves! Ich werde Sie in zwei Tagen erneut aufsuchen.“ Er erhob sich und ging zur Tür. Bevor er hinausging, wandte er sich noch einmal um. „Schöne Grüße an die Familie, Sean,“ sagte er mit einem Lächeln, drehte sich dann wieder zur Tür und ging.
      Graves wandte sich wieder dem Panoramafenster zu. Nun ließ er dem Schauer freien Lauf. Er hatte keine Familie, und Phillips wusste das.

      Die CAWDOR befand sich im Orbit von Ardini 7. Das Ardini-System lag an der Grenze zum Hoheitsgebiet der Dilli, und als der renommierte Xeno-Archäologe Prof. Karl Behrend die Genehmigung für eine Ausgrabung auf Ardini 7 erhalten hatte, war die Begleitung eines Schiffes der Space Force Voraussetzung gewesen.
      Captain Donalbain saß in seinem Bereitschaftsraum und ließ sich telepathisch Bilder von Präsident Kumaiers Besuch auf GOOD HOPE II übertragen. Zum derzeitigen Präsidenten hatte Donalbain eine besondere Beziehung. Am 3. Dezember 2168, knappe vier Monate nach der Blockade im Tau Ceti-System, hatte Donalbain, damals noch Commander, einen Attentäter auf frischer Tat, kurz bevor er den Präsidenten töten konnte. Danach gab es einigen Medienrummel um den jungen Offizier, die Marketingabteilung der Space Force wollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen, einen neuen Helden in ihren Reihen zu kreieren. Für Donalbain war dies jedoch nicht weiter wichtig. Für ihn war es der größte Moment, als er von Jens Frank Kumaier persönlich eingeladen wurde und dieser ihm für seine Rettung gedankt hatte.
      „Captain,“ unterbrach die Stimme von Kommunikationsoffizier Matheson die Übertragung. „Commander Beth meldet sich von der Planetenoberfläche.“
      Donalbain seufzte. Den Rest der Übertragung würde er sich später ansehen. „Stellen Sie ihn durch, Lieutenant,“ sagte er.
      Augenblicklich erschien das Bild eines mit Atemmaske ausgestatteten Commander Beths vor seinem inneren Auge. „Captain, wir sind gerade gelandet. Das Wetter ist ruhig, und nachdem wir die Zelte aufgeschlagen haben, will der Professor so schnell wie möglich mit den Ausgrabungen beginnen.“
      Donalbain nickte. „Sehr gut, Commander! Ich erwarte mindestens alle drei Stunden einen Statusbericht.“
      „Aye, Captain,“ bestätigte der erste Offizier.

      Beth unterbrach die Leitung und wandte sich zu den jungen Studenten um, welche dabei waren, die Zelte aufzubauen. Er blickte sich erfolglos um und wandte sich an einen der Studenten: „Wo ist der Professor?“
      „Der ist schon hinüber zu den Ruinen gegangen,“ antwortete der junge Mann und deutete auf einige heruntergekommene, scheinbar Jahrtausende alte Gebäude, welche sich etwa hundert Meter vom Zeltlager entfernt befanden.
      Beth schnaufte, was das Visier seiner Atemmaske beschlagen ließ. Er drehte sich zum Landeplatz des kleinen Frachters der Archäologen zu neben dem das Shuttle der CAWDOR wartete. Schnell entdeckte er Lieutenant Brandhorst und machte sich auf den Weg zum fünfzig Meter entfernten Landeplatz. „Thomas,“ rief er den Piloten, mit dem er sich in den letzten fünf Monaten sehr angefreundet hatte. „Du kannst jetzt zur CAWDOR zurückkehren.“
      Der Lieutenant blickte sich kurz um. „Bist du sicher, dass du mit diesen Eierköpfen alleine bleiben willst?“
      Der Commander schmunzelte. „Die paar Tage bis zur Ablösung werde ich schon noch aushalten.“
      Brandhorst grinste. „In Ordnung! Wir sehen uns in ein paar Tagen!“ Dann machte ging er die Shuttlerampe hinauf und schloss diese hinter sich.
      Beth ging zum Frachter rüber und dahinter in Deckung vor dem Rückstoß der Manövrierdüsen des startenden Shuttles. Als dieses weit genug entfernt war, damit der Rückstoß nicht mehr allzu wild war, machte der Commander sich zu den Ruinen auf.

      Das Licht fiel durch eine türartige Öffnung in das versteinerte Gebäude. Als Beth durch diese Öffnung trat, versperrte er dem Licht den Weg und warf einen langen Schatten. „Professor Behrend?!“ Er trat vorsichtig ein, trotzdem knickte er auf dem unebenen Boden um und fiel. Mit Stöhnen und Schmerz im ungeknickten rechten Fuß stand er auf, als er ein verspätetes „Seien Sie vorsichtig!“ hörte.
      Der Xeno-Archäologe stand an einer Wand und beleuchtete diese mit einer Taschenlampe. Beth erkannte Einkerbungen, die wohl nicht ausschließlich auf die Spuren der Zeit zurückzuführen waren, aber viel konnte er daraus auch nicht machen.
      „Dies scheinen Überreste von Schriftzeichen zu sein, Commander,“ erzählte der Professor, wobei es ihm wohl egal gewesen war, wer hereingekommen wäre. Er sprach es eher aus, um es für sich selbst festzustellen, und natürlich, weil er seine eigene Stimme liebte. „Sie sind in der Wand eingraviert. Wer immer hier gelebt hat, visuelle Kommunikation war wohl sehr wichtig.“
      „Sie sollten eigentlich nicht allein hier herumgeistern, Professor,“ mahnte Beth. „In dieser Region gibt es einige sehr aggressive Tiere. Und der Boden scheint mir auch nicht ganz ungefährlich zu sein.“
      Der Professor wandte sich ihm teilweise amüsiert, teilweise genervt zu. „Commander, dies ist nicht meine erste Expedition, auch nicht auf einem von Fauna bevölkerten Planeten. Ich habe einen Revolver an meinem Gürtel, und ein Sensorengerät in meiner Tasche verrät mir frühzeitig, wenn sich etwas nähert. Und an unebene Böden bin ich ebenfalls gewöhnt.“ Er wandte sich wieder den Einkerbungen an der Wand zu. „Ein paar dieser Schriftzeichen sind relativ gut erhalten. Offenbar waren die Lebewesen, welche hier gelebt haben, hochtechnisiert.“
      „Die Hieroglyphen der Ägypter haben auch Jahrtausende überstanden. Ebenso einige Schrift- und Kunstarbeiten der Griechen und Römer.“
      „Die sind lediglich ein paar tausend Jahre alt,“ erwiderte Behrend. „Ich habe Grund zu der Annahme, dass diese Gebäude weit älter sind.“
      „Und wie kommen Sie darauf?“ fragte Beth.
      „Das radioaktive Isotop C14 ist in der Atmosphäre des Planeten in ähnlicher Dosis vorhanden, wie auf der Erde,“ merkte der Professor an. „Und dann habe ich ihn hier gefunden.“ Er deutete mit dem Licht der Taschenlampe auf ein tierisches Skelett, welches offenbar durch eine Wand gebrochen war. „Ich habe einen Karbonschnelltest gemacht. Er ist zwar nicht so exakt wie im Labor, aber dieses Tier ist vor über zwanzigtausend Jahren gestorben. Und die Typen, die hier gelebt haben, machten sich wohl kaum die Mühe, die Wand um das Tier herumzubauen.“
      Beth starrte den Wissenschaftler ungläubig an. „Zwanzigtausend Jahre?! Sie meinen, auf diesem Planeten gab es vor so langer Zeit Wesen, welche die Technik hatten, Gravierungen so widerstandsfähig zu machen, dass man sie immer noch erkennen kann?“
      Behrend sah den jungen Offizier an. „Natürlich, Commander! Oder haben Sie geglaubt, dass es vor den heutigen Kulturen keine hoch entwickelten Zivilisationen gab?!“ Er wandte sich wieder ab und ging ein paar Schritte tiefer in das Gebäude hinein. Beth folgte ihm humpelnd.
      „Hier drüben ist etwas, dass ich sehr interessant finde,“ sagte der Professor und deutete auf einen Raum, der Boden schien aus Fließen zu bestehen. In der Mitte des länglichen Raumes war eine etwa zwei Meter lange und einen Meter breite Fließe, welche ein Stück höher war als der Rest. Am unteren Ende war eine weitere Erhebung, die womöglich ein Schild gewesen war. Auch hier fanden sich eingravierte Schriftzeichen. Einige versteinerte Pflanzen lagen darauf. „Haben Sie eine Ahnung, was das ist?“ fragte Behrend und antwortete selbst, noch bevor der Commander etwas sagen konnte. „Commander, mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um eine Grabstätte.“ Seine Begeisterung war kaum zu übersehen.

      Es war 21:00 Standardzeit, auf der Brücke befanden sich nur noch wenige Personen. Lieutenant Kaneko saß an der Steuerkonsole an der Front der Kommandozentrale und langweilte sich. Während sich die CAWDOR im Orbit des Planeten befand, gab es für ihn kaum etwas zu tun. Hinten im Raum befanden sich Lieutenant Matheson und Lieutenant Commander Emanuele, letzterer wies gerade seine Ablöse in den Stand der Dinge ein.
      Die hintere Tür öffnete sich. Commander Troy schwebte herein sah sich um. In die Runde meinte sie: „Der Captain ist in seinem Bereitschaftsraum?!“
      Emanuele bestätigte dies mit einem knappen Nicken.
      Troy schwebte zur seitlichen Tür, betätigte den Türmelder und wartete, bis sie eingelassen wurde. Sie streckte jedoch nur den Kopf herein, sprach ein paar Worte, welche Kaneko nicht verstehen konnte, auf den Captain ein. Als der Captain in der Tür erschien machten sie sich gemeinsam auf, die Brücke zu verlassen.
      Kaneko schüttelte den Kopf als Matheson auf ihn zukam. „Fast jeden Abend das selbe Spiel,“ meinte der Steuermann. „Meinst du, zwischen den beiden läuft was?“
      Matheson grinste. „Ist ja wohl ziemlich offensichtlich. Die hängen ja fast wie Kletten zusammen.“
      Sie wurden durch ein Räuspern unterbrochen und wandten sich zu Emanuele um, welcher die beiden tadelnd ansah. „Lieutenants, zum Einen ist das Privatleben Ihrer Vorgesetzten nicht als Gesprächsstoff für Ihre kleinen Plaudereien geeignet, und zum Anderen weiß ich, dass der Captain und Commander Troy bereits gemeinsam zur Akademie gegangen und seitdem eng befreundet sind.“
      Matheson und Kaneko senkten beschämt ihre Blicke.
      „Außerdem,“ fügte der taktische Offizier hinzu, während er sich von seiner Konsole entfernte, „schien mir der Captain viel mehr an der Botschafterin interessiert zu sein, die wir letzten Monat nach Philion Prime gebracht haben.“ Er verabschiedete sich mit einem Augenzwinkern und schwebte von der Brücke.
      Als er verschwunden war, atmeten Kaneko und Matheson erleichtert aus und fingen sogar an zu kichern. „Ich hab’ schon gedacht, wir würden ’ne Verwarnung kriegen,“ meinte Matheson.
      „Aber Emanuele liegt eindeutig falsch,“ kommentierte Kaneko. „Die Botschafterin war doch gut zehn Jahre älter als der Captain!“
      Matheson schmunzelte. „Naja, jedem das Seine.“

      Der Captain reichte seiner alten Freundin ein Trinkfläschchen aus dem Replikator. Commander Troy und er saßen gemeinsam in seinem Quartier und besprachen die Ereignisse des Tages.
      „Ich habe gehört, es gibt Probleme mit der Subraumkommunikation,“ meinte Troy.
      „Allerdings,“ erwiderte der Captain. „Mitten in der Übertragung von Kumaiers Rede ist jegliche Subraumverbindung abgebrochen.“
      „Warum hast du mich nicht angefordert?“ fragte die Chefingenieurin der CAWDOR. „Ich hätte das Problem sicherlich schon gelöst.“
      „Ich weiß,“ erwiderte der Captain. „Aber für ein paar Stunden kommen wir auch ohne Subraumkommunikation aus, und deine Fähigkeiten werden im Maschinenraum gebraucht, falls wir Probleme mit den Dilli bekommen. Das mit dem Subraum schafft ein einfacher Techniker.“
      „Und dieser Techniker arbeitet, meines Wissens nach, immer noch daran.“
      „Beth hat sich den Fuß verstaucht,“ erzählte Donalbain, um das Thema zu wechseln und trank einen weiteren Schluck aus seinem Trinkfläschchen. „Ensign Lorenson wird ihn früher als erwartet ablösen. Er wird von Brandhorst gerade runter gebracht.“
      „Volkert Lorenson?!“ hakte Troy nach. „Er gehört zu meinen Leuten. Warum schickst du Ingenieure auf eine solche Außenmission?“
      „Von Ingenieur kann ja wohl keine Rede sein, Kathy,“ entgegnete der Captain. „Er ist noch gar keiner Abteilung zugeschrieben, und der Junge kann ruhig ein bisschen Erfahrungen sammeln, bevor er seine endgültige Entscheidung trifft. Und außerdem brauche ich meine Leute auf der Brücke. Wie gesagt, die Dilli sind nicht weit.“

      Brandhorst steuerte das Shuttle in die Landebucht und dockte an. Die Shuttlerampe öffnete sich und Brandhorst schwebte mit Commander Beth nach draußen. „Gib’s zu,“ meinte Brandhorst. „Du hast dich absichtlich verletzt, um dich vor dem Babysitten zu drücken.“
      „Thomas,“ stöhnte der erste Offizier. „Du würdest dir vielleicht den Schädel einschlagen, um einen Tag blauzumachen, aber nicht jeder ist so ein Irrer wie du!“

      Professor Behrend saß in seinem luftdichten und mit irdischer Atemluft gefüllten Zelt. Ihm gegenüber saß Ensign Lorenson, der sich offenbar recht unwohl fühlte. Vor ihnen, auf einem kleinen Tisch, stand eine aus einem mobilen Replikator stammenden Mahlzeit, die jedoch in ihrer breiigen Form ziemlich unappetitlich aussah. Behrend war solche Einschränkungen in Sachen Luxus zwar gewöhnt, doch der junge Mann von der CAWDOR war anscheinend die leistungsfähigeren Replikatoren des Flaggschiffes mitsamt der breiten Auswahl gewöhnt. Behrend aß einen Löffel und versuchte ein bisschen Konversation zu betreiben: „Sagen Sie, Ensign, Sie arbeiten doch auf der CAWDOR als Ingenieur, richtig?!“
      „Das ist richtig, Sir,“ bestätigte Lorenson unsicher. „Ich bin zwar noch nicht auf ein Fachgebiet festgelegt, aber bisher war ich vorwiegend im Maschinenraum tätig.“
      „Vielleicht können Sie mir eine Sache erklären, die ich nie so ganz verstanden habe. Wieso, genau, können wir zwar alles Mögliche teleportieren und replizieren, aber lebende Wesen müssen noch immer mit dem Shuttle überallhin?!“
      „Das wissen Sie nicht?“ fragte der Ensign erstaunt. „Sie sind doch Wissenschaftler!“
      Behrend seufzte. Natürlich wusste er es, aber über irgendwas musste er sich ja mit dem jungen Mann, der scheinbar keinerlei Interesse an fremdartigen Kulturen hatte und somit als Zuhörer ausschied, sprechen. Und so entschied er sich ausnahmsweise dafür, selbst den Zuhörer zu spielen. „Ich bin Xeno-Archäologe, kein Physiker. Dazwischen liegen Welten.“
      Dies schien Lorenson zufrieden zu stellen. „Nun, die Teleportation wurde vor etwa sechzig Jahren zum ersten Mal erfolgreich angewandt,“ begann er, auf einmal deutlich sicherer. „Nach drei Jahren Versuchen und erfolgreicher Anwendung bei Gegenständen, Nahrung und irgendwann sogar Flüssigkeiten, kamen dann erste Tierversuche.“ Er unterbrach sich, um einen Löffel von seinem Nährbrei zu löffeln. Nachdem der angewiderte Ausdruck aus seinem Gesicht verschwunden war, fuhr er fort: „Schnell wurde ein ernstes Problem festgestellt; alle Tiere, die man teleportiert hatte, kamen hirntot am Zielort an.“
      Der Professor hob eine Augenbraue, um Interesse vorzutäuschen. „Wie kam es dazu?“
      „Das liegt daran,“ erzählte der Ensign, „dass die Gehirnströme versiegen.“
      „Aber wir können mithilfe der Telepathen die Gehirnströme übertragen,“ wandte Behrend ein.
      Lorenson schmunzelte amüsiert. „Ein paar Informationen, ja, kein Problem. Aber den kompletten Inhalt eines menschlichen Gehirns zu funken, würde die besten Telepathen bei Weitem überlasten. Ich bin mir nicht sicher, aber ich meine gelesen zu haben, dass es etwa zwanzig Jahre dauern würde, um die komplette Persönlichkeit eines Menschen zu einem einzigen Zeitpunkt …“ In dem Moment erhielt Behrend eine Meldung per Telepathen, und er unterbrach den Ensign. Geduldig wartete junge Mann ab.
      Schließlich stand der Professor auf und sagte: „Tut mir Leid, Ensign, aber ich werde Ihren interessanten Ausführungen im Moment leider nicht mehr zuhören können. Ich wurde eben davon unterrichtet, dass wir jetzt soweit sind, den Grabdeckel zu heben.“

      Donalbain schwebte durch die Tür zur Brücke. Das fast leere Gehirn der CAWDOR vermittelte ihm eine gewisse Ruhe, die er Willkommen hieß.
      „Captain!“ Matheson sah überrascht zu seinem Kommandanten. „Was machen Sie hier um diese Zeit?“
      „Ich bin noch etwas spazieren, Lieutenant,“ antwortete der Captain. „Ich konnte nicht schlafen und dachte, ich schaue mal hier oben vorbei.“
      „Alles ruhig, Sir,“ meldete Matheson, nur um irgendetwas zu sagen.
      Donalbain blickte zum großen Sichtfenster hinaus. „Gut,“ meinte er schließlich. „Vielleicht finde ich dann hier die Ruhe, um schlafen zu können.“
      „Ja, Sir,“ bestätigte Matheson und wandte sich wieder seiner Konsole zu. Er sehnte sein Schichtende herbei, denn auch er wollte bald schlafen. Es blieb bei dem Wunsch. „Captain, der Professor verlangt nach Ihnen.“
      Donalbain seufzte. Das war’s wohl mit der Ruhe. Doch bevor er Matheson den Befehl geben konnte, ihn zu verbinden, ertönte der Sensorenalarm. „Status,“ forderte er von dem jungen Ensign Brockowitz, der an der taktischen Konsole die Sensoren im Blick hatte.
      „Ein Sprungtor öffnet sich, etwa 50.000 Kilometer entfernt,“ meldete dieser.
      Durch das Sichtfenster war das weiß strahlende Sprungtor trotz der Entfernung deutlich zu sehen. Ein fremdartiges Schiff sprang durch das Tor in den Normalraum zurück.
      „Ensign, sagen Sie mir etwas über unseren Gast,“ verlangte Donalbain.
      Dieser zögerte, starrte ungläubig auf die Sensorenanzeige. „Sir, das fremde Schiff scheint organisch zu sein.“
      Donalbain wandte sich zur taktischen Konsole und starrte Brockowitz an. „Sind Sie sicher?“
      „Die Sensorenanzeigen sind eindeutig,“ erwiderte der junge Mann in einem rechtfertigenden Ton. „Es scheint sich tatsächlich um ein Schiff aus organischer Technologie zu handeln.“ Er blickte weiterhin auf die Sensorenanzeige. „Und das Schiff nähert sich mit ziemlicher Geschwindigkeit.“
      „Geben Sie Alarm, alle Mannschaftsmitglieder auf ihre Position,“ bellte Donalbain.
      „Sir, das fremde Schiff richtet eine unbekannte Strahlung auf den Planeten,“ meldete Brockowitz. Mit Entsetzen stellte er fest: „Der Strahl richtet sich auf die Gegend um die Ruine!“
      Donalbain reagierte sofort. „Matheson, stellen Sie mich sofort zu Behrend durch! Ensign, Plasmageschütze und Torpedos auf den Eindringling ausrichten! Piloten zu ihren Jägern!“
      „Sir,“ meldete Matheson. „Ich bekomme keine Verbindung!“
      Donalbains Herz setzte einen Moment aus. Er richtete einen fragenden Blick auf Brockowitz. Dieser schüttelte mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck den Kopf. Der Captain wusste, was dies bedeutete: Für die Forscher auf der Oberfläche war es zu spät.
      Das fremde Raumschiff schwenkte nun um. Es war nun nahe genug, damit die Sensoren ein Bild des Eindringlings telepathisch an die Brückenbesatzung schicken konnte. Es war völlig schwarz, das Heck war breit und abgerundet, der Bug spitz zulaufend. Aus der Front wuchsen mehrere Tentakel heraus, die ständig in einer schwimmenden Bewegung waren.
      „Feuer frei, Ensign,“ befahl der Captain und beobachtete durch das Sichtfenster, wie die leuchtenden Plasmageschosse und Photonentorpedos auf das fremde Schiff zuflogen.
      Nach wenigen Momenten meldete der Ensign: „Sir, wir haben mehrmals voll getroffen, doch das Schiff scheint nicht beschädigt zu sein.“
      Donalbains Herz schien ihm in die Hose zu rutschen. Er sah nur einen Weg, um sein Schiff und seine Mannschaft zu retten und dafür zu sorgen, dass die anderen Zivilisationen ohne Subraumverbindung gewarnt wurden: Rückzug. „Lieutenant Kaneko, sofortiger Notfallsprung!“
      Kaneko folgte der Anweisung sofort. Die Energie der sekundären Systeme setzte aus, und die Energie wurde zur unvorbereiteten Projektion eines Sprungtors weitergeleitet. Zwischen der CAWDOR und dem fremden Schiff öffnete sich das strahlende Sprungtor, und Kaneko steuerte mit vollem Schub darauf zu. Als die CAWDOR im Hyperraum angekommen war und sich das Sprungtor hinter ihr schloss, atmeten alle erleichtert auf.
      Donalbain setzte sich auf und bemerkte erst jetzt, wie verschwitzt er war.

      Einige Stunden später erreichte die CAWDOR die Raumstation PI SAGITARII im gleichnamigen Sternensystem. Eine weitere halbe Stunde später stand Donalbain im Büro von Admiral Perkins, dem Kommandanten der Raumstation. Nachdem er ihm von den Geschehnissen im Ardini-System vorgefallen war, wartete der Captain ab.
      Der Admiral starrte Donalbain besorgt an. „Hört sich so an, als hätten die Dilli eine neue Waffe.“
      „Es erscheint mir etwas fantastisch, Admiral, dass die Dilli uns so weit voraus sein sollen,“ erwiderte Donalbain.
      „Die Dilli sind flüssige Lebewesen, die ein kollektives Bewusstsein haben,“ entgegnete Perkins. „Zuzutrauen wäre ihnen ein organisches Raumschiff sicherlich.“ Er schüttelte den Kopf. „Das Geschehene bleibt unter Verschluss, Captain! Wir stehen dank dem Attentat sowieso schon kurz vor einer Massenpanik, ohne dass wir noch die Nachricht einer Wunderwaffe des Feindes verbreiten.“
      Donalbain sah den Admiral fragend an. „Was für ein Attentat?“
      Für einen Moment ließ der Gesichtsausdruck des Admirals auf Unverständnis schließen, dann wechselte er in Begreifen und schließlich zu Anteilnahme. „Richtig, Sie hatten in den letzten Stunden keine Subraumverbindung.“ Er lehnte sich vor. „Gesternabend wurde der Präsident auf GOOD HOPE II erschossen.“
      Donalbain spürte einen starken Druck auf seinen Brustkasten. Das Atmen fiel ihm schwer. „Kumaier …“
      Der Admiral nickte. „Er war sofort tot, Malcolm. Der Schütze wurde inzwischen gefasst, ein Mann namens Leonard H. Orman. Anscheinend ein Kollektivist. Der STI untersucht inzwischen, ob er allein gehandelt hat. Vizepräsident Jenkins ist bereits vereidigt worden.“ Er machte eine Pause. „Ich weiß, dass Sie Kumaier mal das Leben gerettet haben. Es tut mir Leid!“
      Donalbain nickte nur und starrte ins Leere.

      In der nächsten Episode: „The insane Root“
      Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
      Stalter: "Nope, it's all bad."

      Kommentar


      • #4
        RAUMSCHIFF CAWDOR
        von Kai Brauns

        Episode IV: The insane Root

        Captain Donalbain saß in der Offiziersmesse und starrte hinaus in das Sternenmeer. Präsident Kumaier war tot. Nun regierte der neue Präsident Lawrence B. Jenkins. Und Jenkins war bei weitem nicht so auf Diplomatie bedacht, wie sein Vorgänger.
        Über Telepathen meldete sich Lieutenant Matheson: „Captain, wir bekommen ein verschlüsseltes Rundschreiben für alle Kommandanten der Flotte.“
        Der Captain seufzte. Es war soweit …

        Trotz der Schwerelosigkeit fühlte sich Donalbain unsagbar schwer, als er auf der Brücke ankam. Langsam und geistesabwesend bewegte er sich zu seinem Kommandosessel in der Mitte der Brücke, setzte sich und schnallte sich fest. „Lieutenant Matheson,“ sagte er mit fester Stimme, die in Kontrast mit dem traurigen Ausdruck seiner Augen lag. „Schalten Sie den flotteninternen Nachrichtenkanal auf das ganze Schiff!“
        „Aye, Sir,“ bestätigte der Kommunikationsoffizier.
        Vor den Augen der gesamten Mannschaft erschien das Bild einer Pressekonferenz aus dem Senatshaus in Brüssel. Präsident Jenkins trat an das Pult auf der Bühne. „Meine lieben Mitbürger,“ begann er. „Seit über einem Jahrzehnt wird die Terran Alliance und die gesamte freie Galaxis bedroht durch die Gefahr des Kollektivismus. Und Anhänger dieser unnatürlichen Überzeugung leben unter uns. Einer von ihnen ermordete meinen geehrten Freund und Vorgänger Jens Kumaier.
        Vor wenigen Monaten bat der Kaiser von Philion um die Hilfe der Terran Alliance im Kampf gegen kollektivistische Rebellen auf dem Planeten Beren 5 gebeten. Im Glauben an eine diplomatische Lösung zögerte Kumaier lange Zeit. Dieses Zögern kostete ihn schließlich das Leben. Kollektivisten haben keine eigene individuelle Persönlichkeit. Sie haben nur ein einziges Bewusstsein, und ihr Ziel ist es, die Freiheit und Individualität aller intelligenten Wesen der Galaxis zu assimilieren. Es ist die Pflicht eines jeden freien Individuums, diese Freiheit und Individualität zu verteidigen. Aus diesem Grund habe ich vor wenigen Stunden der Regierung von Philion volle militärische Unterstützung zugesagt.
        Unsere stolzen Truppen von der Space Force und der Mobile Infantry verteidigten unsere Freiheit und die der gesamten Galaxis in zwei galaktischen Kriegen. Ihre Tapferkeit, ihre Entschlossenheit und ihre hervorragenden Fähigkeiten werden uns auch dieses Mal vor jeglicher Bedrohung schützen. All unsere Hoffnungen liegen nun in ihren Händen.“
        Einige Reporter meldeten sich mit Fragen, doch Donalbain gab seinem Kommunikationsoffizier ein Zeichen, er solle die Übertragung abbrechen. Stattdessen ließ er sich selbst mit der Schiffsbesatzung verbinden. Während er sprach blickte er in die verunsicherten Gesichter seiner Crew. „Hier spricht der Captain. Sie haben alle mitbekommen, was geschehen ist. Wir sind im Krieg. Dennoch werden wir unsere Arbeit so gut wie bisher verrichten. Wir werden uns in das Centauri-System begeben, von wo aus wir mit einem Flottenverband nach Beren 5 aufbrechen werden. Wir von der Space Force werden relativ wenig auszurichten haben. Der Bürgerkrieg findet fast ausschließlich auf der Oberfläche statt. Es ist die Infantry, welche den eigentlichen Konflikt austragen wird. Wir begleiten sie lediglich und sorgen dafür, dass die Dilli den Rebellen nicht zu Hilfe kommen.“ Seine Stimme wurde weicher. „Ich weiß, dass die meisten von Ihnen Angst haben. Krieg macht Angst. Aber ich erinnere Sie daran, dass wir genau für solche Fälle hier sind. Wir alle wurden für solche Dinge ausgebildet. Und ich habe vollstes Vertrauen in Sie alle, dass Sie auch unter den neuen Umständen gute Arbeit leisten. Ich werde es auch tun. Donalbain out!“
        Einige Augenblicke war es still auf der Brücke. Alle Blicke ruhten auf Donalbain, der selbst ziellos hinaus in den Weltraum starrte. Schließlich wandte er den Blick an Lieutenant Kaneko. „Lieutenant, bringen Sie uns zum Sammelpunkt!“
        Kaneko nickte, erleichtert, etwas zu tun zu bekommen und nicht mehr groß nachdenken zu müssen. „Aye, Sir!“ Er wandte sich seinem Steuerterminal zu und gab die entsprechenden Daten ein.
        Donalbain seufzte. „Commander Beth, Sie haben die Brücke! Ich bin in meinem Bereitschaftsraum.“ Er löste die Gurte von seinem Körper und schwebte zum Ausgang, ohne Beths Bestätigung abzuwarten.

        Ein piependes Signal ließ Donalbain aus seinem tranceartigen Zustand erwachen. „Herein,“ sagte er, und versuchte, die Gedanken, welche er sich in der vergangenen halben Stunde gemacht hatte, zu ordnen.
        Die Tür öffnete sich und Commander Troy schwebte herein. Sie blickte ihn fast mitleidig an. „Darf ich mich setzen?!“ fragte sie nach kurzem Schweigen.
        Donalbain nickte und deutete auf den Sessel vor seinem Schreibtisch. „Wie geht es der Mannschaft?“
        Troy setzte sich und schnallte sich fest. Sie atmete tief durch. „Die meisten tragen es mit Fassung. Der ein oder andere Unerfahrene freut sich sogar. Hält das alles für ein großes Abenteuer.“
        Donalbain nickte abwesend. „Krieg wird häufig missverstanden.“
        „Wobei es unwahrscheinlich ist, dass wir in diesem Krieg sonderlich hohe Verluste haben werden,“ meinte Troy.
        „Kathy, du solltest Wesen, die ihre Überzeugungen und ihre Heimat verteidigen niemals unterschätzen. Wir mögen ihnen technisch weit voraus sein, aber Technik ist bei Weitem nicht alles. Das hat die Geschichte uns gelehrt. Vietnam, Irak, Alaska, alles Beispiele, in denen eine große Macht sich in einen Konflikt mit einer kleinen Gruppe brachte und schwere Verluste erlitten hat. Oder erinnere dich an den Aszensionskrieg mit den Helder.“
        „Den wir nur mit Hilfe der Hildor besiegten,“ erinnerte die Ingenieurin.
        „Und die Golluer bekommen vielleicht Hilfe von den Dilli,“ entgegnete Donalbain. „Und gnade uns Gott, wenn es soweit kommt, denn wenn es zu einem heißen Krieg mit den Dilli kommt, könnte es das Ende der Alliance bedeuten!“
        Kathy seufzte verständnisvoll. „Das ist es, wovor du Angst hast, nicht wahr?!“
        Der Captain presste die Lippen aufeinander. „Kumaier hat immer alles getan, damit es nicht zu einem Krieg kommt. Noch vor wenigen Monaten sprach ich mit Botschafterin Christian, und sie versicherte mir, dass es unter Kumaier keinen Krieg mit den Rebellen von Beren 5 geben würde. Und kaum ist er tot, schon kann sich die Regierung nicht mehr halten und zieht uns in einen Krieg der uns weder etwas angeht, noch eine sichere Sache ist.“
        Troy nickte. „Es ist tatsächlich auffällig. Allerdings kennen wir längst nicht alle Fakten. Du weißt, wie Regierungen sind, vor allem während einem kalten Krieg. Und ich weiß, wie viel Kumaier dir bedeutet hat. Aber du darfst darüber nicht verzweifeln! Du bist Captain eines Raumschiffes der EMPIRE-Klasse und damit für eine Besatzung von über vierhundert Menschen verantwortlich, von denen die meisten noch unter dreißig Jahren alt sind. Sie brauchen Führung, und sie vertrauen darauf, dass du sie ihnen gibst.“
        Donalbain dachte über das Gesagte nach und nickte schließlich. „Du hast Recht,“ sagte er. „Ich gebe mein Bestes, meine Zweifel nicht nach außen dringen zu lassen.“
        Kathy musterte ihren langjährigen Freund. „Da ist noch etwas, oder?!“
        Donalbain nickte. „Rate mal, wer den Flottenverband kommandieren wird!“

        Nach zehn Stunden im Hyperraum erreichte die CAWDOR den Sammelpunkt in der Nähe von Alpha Centauri 3. Der Flottenverband bestand aus zwei weiteren Zerstörern der EMPIRE-Klasse, einem Zerstörer der kugelförmigen MERCURY-Klasse, sieben Kreuzern der GARDAUS-Klasse, zehn Raumschiffträgern der EXCALIBUR-Klasse und fünfundzwanzig quaderförmigen Truppentransportern, von denen jeder vierhundert Soldaten der Mobile Infantry an Bord hatte.
        „Das ist ein verdammt großer Flottenverband,“ meinte Kaneko. „Sind die sich wirklich so sicher, dass wir es mit einem leichten Gegner zu tun haben?!“
        „Sicher ist sicher,“ kommentierte Beth. „Mich wundert eher, dass noch ein Schiff der MERCURY-Klasse dabei ist. Ich dachte, diese Energieschleuder wurden inzwischen aus dem Verkehr gezogen.“
        „Offensichtlich nicht,“ erwiderte Kaneko.
        Beth atmete tief durch. Per Telepathen nahm er Kontakt zu Donalbain auf: „Captain, wir haben den Flottenverband erreicht.“
        „Verstanden, Commander. Ich komme!“ Nach wenigen Sekunden öffnete sich die Tür des Bereitschaftsraums und Captain Donalbain bewegte sich herein. Sein Blick war auf die Schiffe gerichtet, die durch das große Sichtfenster zu sehen waren. „Keine halben Sachen, was?!“ flüsterte er mehr zu sich selbst als zu anderen. Er wandte sich Lieutenant Matheson zu: „Lieutenant, verbinden Sie mich mit der SHIVA!“
        Beth starrte den Captain verdutzt an. „Sie meinen, dieser MERCURY ist das Schiff, dass die Asteroiden auf Orion 7 geschleudert hat?!“
        Donalbain nickte. „Und sie steht noch immer unter dem Kommando von Admiral Refa, der übrigens auch den Verband anführen wird.“
        Beth schaute hinaus zu dem Kugelschiff. „Admiral Refa führt den Verband an?! Dann werden die Rebellen sicherlich nichts zu lachen haben!“
        Donalbain wusste nicht genau, wie er diesen Kommentar einordnen sollte. Er verschob die Gedanken darüber und schwebte zu seinem Kommandosessel, wo er sich hinsetzte und festschnallte. Von Matheson hörte er noch ein knappes „Verbindung steht, Captain!“, dann sah er das Gesicht des Admirals vor sich, der lebende Geschichte darstellte.
        „Ah, Donalbain,“ begann der ältere Mann, der nicht erst seit der Bombardierung von Orion 7 als Hardliner bekannt war, und ließ Donalbain keine Zeit, um sich ordnungsgemäß zu melden. „Sind Sie also auch noch eingetroffen. Gut, wir brauchen jedes Schiff, um Beren 5 von den Dilli abzuschotten.“
        „Ihnen auch einen guten Tag, Admiral,“ begrüßte der Captain seinen Vorgesetzten mit sarkastischem Ton in der geistigen Stimme. „Wenn ich ehrlich sein soll, der Flottenverband erscheint mir, trotz Ihrer Ausführungen, doch recht groß zu sein.“
        „Man sollte den Feind nicht unterschätzen, Captain,“ entgegnete Refa.
        „Dessen bin ich mir bewusst, aber könnte ein so großer Verband nicht als Provokation angesehen werden?!“
        Der Admiral hob die rechte Augenbraue. „Dies zu bemessen ist nicht unsere Aufgabe, Captain, sondern fällt in den Aufgabenbereich der Politiker und Diplomaten.“
        Donalbain nickte. „Sicher, Sir, das ist natürlich richtig,“ antwortete er. „Meine Überraschung wird mein Urteilsvermögen beeinträchtigt haben.“
        Der Admiral bestätigte mit einem Nicken. „Wir warten noch auf die BRANDT und die TOKYO, laut Plan werden wir in spätestens drei Stunden aufbrechen. Treffen Sie bis dahin alle nötigen Vorbereitungen! Refa, out.“
        Die Verbindung wurde unterbrochen. Donalbain knirschte mit den Zähnen. Er hasste es, seine Ansichten verstecken zu müssen, aber es half nichts. Dann fiel ihm auf, dass mit der BRANDT das vierte und letzte übrige Schiff der EMPIRE-Klasse ebenfalls zu dem Verband stoßen würde.

        „Es ist vielleicht ein bisschen übertrieben, von einem Krieg zu sprechen,“ sagte Außenminister Achmed Said. „Wir unterstützen lediglich unsere Verbündeten, die ein kleines Problem mit ein paar gewalttätigen Unzufriedenen haben. Und natürlich schützen wir uns mit dieser Aktion auch selbst. Ich sage Ihnen, die Sache wird so schnell wieder vorbei sein, dass sich diese Diskussion eigentlich schon fast erübrigt hat.“
        „Das ist doch absoluter Mist,“ entgegnete Torben Emmersen, seines Zeichens politischer Journalist. „Sie ziehen uns in einen inneren Konflikt hinein, bei dem die Gefahr besteht, dass wir in militärischen Konflikt mit den Dilli geraten. Ihre Regierung setzt die Weltbevölkerung der Gefahr eines mit Massebeschleunigern geführten Krieges aus.“
        Donalbain verfolgte die Diskussion gebannt mit. Die Talkrunde bestand aus Said, Emmersen, der gesellschaftskritischen Autorin Melanie Goldmeister und dem als Kollektivismusexperten ausgewiesenen Redakteur Brian Keller. Altpräsident Ryan Cartwright hatte aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig abgesagt. Die Moderatorin Carmen Salau ließ die meisten Aussagen unkommentiert und ging höchstens dazwischen, wenn der Tonfall aus dem Rahmen fiel.
        „Dieser Krieg wird nicht kommen,“ meinte Said mit einem Lächeln. „Mr. Emmersen, mir ist klar, dass die Menschen Angst vor einem solchen Krieg haben, aber die Realität ist, dass die Dilli die schwächere Rüstung haben und einen direkten Angriff nicht wagen würden. Ihre einzige Möglichkeit, uns anzugreifen, wäre durch die Hintertür, wie sie es mit ihrer Propaganda ständig tun.“
        „Das die Dilli andere Völker von ihrer Idee des Kollektivismus überzeugen wollen, ist doch nun wirklich nichts unnormales,“ meldete sich Goldmeister zu Wort. „Wir haben unsere eigenen Vorstellungen, und diese vertreten wir auch in einem fast propagandistischen Stil.“
        „Aber wir zwingen Niemandem unsere Ideen auf,“ meinte Said.
        „Allerdings,“ sagte Keller, „ wissen wir nicht genug über die Geschichte der Dilli, beziehungsweise kaum etwas über ihre Herkunft. Es könnte durchaus sein, dass die Dilli ein natürliches Kollektiv sind. Die meisten intelligenten Spezies bestehen jedoch aus Individuen, und es ist nicht abzusehen, was für Auswirkungen es hätte, wenn diese Individuen sich tatsächlich zu einem Kollektiv vereinigen würden. Es könnte das Ende ganzer Zivilisationen sein.“
        „Darum geht es doch gar nicht,“ warf Emmersen ein. „Tatsache ist, dass die Regierung Kumaier gar nicht schnell genug begraben konnte. Die dominierende Fraktion der Regierung ist nach dem Ende des zweiten galaktischen Krieges der Ansicht, dass die Terran Alliance unbesiegbar sei und in der ganzen Galaxis für Ordnung sorgen müsse. Diese Ansicht ist in schwerem Maße imperialistisch, und wir betreiben doch nur deshalb mit Philion und den Orion-Völkern Handel, um sicher zu gehen, dass sie in diesem Krieg der Ideen nicht auf der anderen Seite stehen.“
        Achmed Said hörte aufmerksam zu, wobei sein freundliches Lächeln niemals von seinem Gesicht verschwand. Schließlich, nachdem der Applaus des Publikums verklungen war, meinte er: „Mr. Emmersen, ich bitte Sie! Natürlich ist es gut, wenn wir Verbündete in der Galaxis haben. Und Orion 4 hat sicherlich viel von seinem wirtschaftlichen Aufschwung uns zu verdanken. Diese Bündnisse würden wir auch eingehen, wenn es keinen mächtigen Gegner gäbe. Und Kumaier ist Opfer eines Kollektivisten geworden, das wollen wir doch nicht vergessen!“
        Donalbain unterbrach die Sendung, ließ den Rest jedoch für einen späteren Abruf speichern. Etwas störte ihn an der ganzen Sache. Sicher, man würde einem Verbündeten zu Hilfe kommen. Und ja, der Gegner war auch nicht sonderlich stark, aber ein bewaffneter Konflikt war eben das Ende der Diplomatie, was eigentlich klar sein müsste.
        Aber noch etwas anderes störte ihn. Es war die schnelle Bereitschaft der Regierung, Kumaiers pazifistischen Kurs über Bord zu werfen. Wie hatte es Emmersen formuliert?! „Tatsache ist, dass die Regierung Kumaier gar nicht schnell genug begraben konnte.“ Irgendetwas in Donalbain wollte an die Oberfläche stoßen.
        Der Kommandant der CAWDOR wandte sich mit einem Seufzen zum großen Panoramafenster in der Offiziersmesse. Draußen sah er den Hyperraum, und im Vordergrund die verschiedenen Raumschiffe des Verbandes, welche durch die physikalischen Gesetze des Hyperraums hin und her zu springen schienen. Der Verband bestand aus insgesamt fünf schweren Zerstörern, sieben Kampfkreuzern, zehn Raumschiffträgern und zehntausend Soldaten der Mobile Infantry allein auf den Truppentransportern. In fünf Tagen würde der Flottenverband Beren 5 erreichen. Den Planeten erwartete ein Blutbad. Donalbain fragte sich nur, wessen Blut es sein würde.

        In der nächsten Episode: „The saucy Doubts and Fears”
        Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
        Stalter: "Nope, it's all bad."

        Kommentar


        • #5
          RAUMSCHIFF CAWDOR
          von Kai Brauns

          Episode V: The saucy Doubts and Fears

          Die CAWDOR befand sich seit einem Monat im Orbit um Beren 5. Seit einem Monat beteiligte sich die Terran Alliance aktiv im Bürgerkrieg auf dem kleinen Planeten. Von den schweren Kämpfen bekam Captain Donalbain bisher nur über Berichte mit. Außerhalb der Atmosphäre fanden bisher keine Konflikte statt, obwohl die Rebellen inzwischen einige kleinere Shuttles und Kampfjäger erbeutet hatten.
          Donalbain hing in seinem Schlafbeutel und versuchte seit zwei Stunden einzuschlafen. Bisher erfolglos. Unruhe hinderte ihn daran, den ersehnten Schlaf und die damit verbundene Erholung zu finden. Im vergangenen Monat hatte Donalbain nicht länger als zwei Stunden pro Nacht geschlafen. Doch das war bei den Ereignissen auch kein Wunder.
          Er schloss die Augen und versuchte, sich zu entspannen, jeden Gedanken beiseite zu schieben. Bis die Weckfunktion seines Telepathen ausgelöst wurde, schlief er nur dreißig Minuten.

          „Guten Morgen, Captain,“ begrüßte Commander Beth seinen Kommandanten, als dieser die Brücke erreichte.
          Donalbain murmelte eine Erwiderung, die zwar den Rhythmus von „Guten Morgen!“ hatte, deren einzelne Silben jedoch nicht auszumachen waren. Müde kletterte der Captain der CAWDOR in seinen Kommandosessel und schnallte sich fest. Aus der Jackentasche zog er sein Trinkfläschchen, welches seit zwei Wochen zum Frühstück nicht mehr mit Tee gefüllt war, sondern mit Kaffee. Er nahm einen Schluck, und der bittere Geschmack, an den er sich nie gewöhnen konnte, machte ihn deutlich munterer, als es das Koffein vermochte. „Statusbericht,“ forderte er, endlich deutlicher sprechend.
          Beth las die Zusammenfassung der vergangenen acht Stunden. „Es gab eine Auseinandersetzung im östlichen Waldgebiet von Komeno. Die Rebellen haben eine Patrouille angegriffen. Fünf Soldaten tot. Einen weiteren Angriff führten Rebellen auf einen Stützpunkt aus, bei dem drei Soldaten starben und sieben ROCK-Jäger entwendet wurden.“
          „Und wie viele Tote gibt es unter den Rebellen und Zivilisten?“
          Beth blickte seinen Kommandanten verwirrt an. Dann sah er in dem Bericht nach. „Fünfzehn Tote auf Seiten der Rebellen, siebenundzwanzig Zivilisten wurden getötet. Weiterhin gab es achtunddreißig verwundete Zivilisten.“
          Donalbain schnaufte. Der Krieg, von dem die Politiker behaupteten, er würde im Handumdrehen beendet, war bereits einen Monat im Gange. Die Opferzahlen stiegen auf beiden Seiten. Und es war noch kein Ende in Sicht. Die zivilen Opfer gingen inzwischen in die Tausende, und die Flottenoberen schien dies ebenso wenig zu kümmern, wie die Regierungen der Alliance und Philion.
          Der Captain schob die Gedanken beiseite. Seine Weltuntergangsstimmung konnte die Dinge auch nicht zum Besseren verändern. Stattdessen widmete er sich, wenn auch nur halbherzig, der Schiffsroutine.

          Admiral Refa war aufgebracht. Er stand im Kriegsraum der SHIVA und betrachtete die auf dem großen Tisch projizierten Karten, auf welchen die Position der einzelnen Stützpunkte angezeigt wurde. „Die Rebellen lassen uns wie verdammte Amateure dastehen,“ sagte er laut. „Wir haben noch keinen größeren Sieg gegen sie erringen können, stattdessen liefern wir ihnen unsere Schiffe. Wenn es so weiter läuft, haben die Rebellen bald genug Schiffe für eine Raumschlacht. Wir müssen ihre Stützpunkte finden.“
          Captain Goswami meldete sich zu Wort: „Admiral, die Gebiete, in denen die Rebellen immer wieder zuschlagen, werden von unseren Truppen ständig durchsucht, bisher keine Spur von ihnen. Es scheint fast, als wären sie nur da, wenn sie es wollten.“
          Refa schnaubte und dachte einen Moment nach. „Könnte es sein, dass die Dilli sie mit irgendeiner Tarntechnologie ähnlich unseren COAT-Jägern ausgestattet haben?“
          Captain Goswami blickte ihren Vorgesetzten mit erhobener Augenbraue an. „Möglich. Wir müssten beim STI anfragen. Allerdings, wenn es so sein sollte, könnte sich der Krieg ganz schnell ausweiten. Dann hätten wir den Heißen Krieg mit den Dilli.“
          Refa nickte. „Ja, richtig. Aber falls es so ist, können wir es uns auch nicht einfach gefallen lassen.“ Er ging um den Tisch herum auf Captain Goswami zu. „Machen Sie die Anfrage! Und wenn das STI nichts darüber weiß, dann soll Graves gefälligst ein paar seiner Agenten darauf ansetzen.“
          Goswami nickte knapp, wandte sich um und ging hinaus.

          Commander Beth saß an seiner Station und blickte auf die Sensoren der taktischen Konsole neben ihm. Alles schien ruhig zu sein, jedenfalls hier im Orbit. Es war später Nachmittag. Bei dem Beginn des Krieges hatte er mit allem Möglichen gerechnet, nur nicht mit Alltagstrott und Langeweile. Er wandte seinen Blick zurück auf seinen Hauptschirm, auf dem sein Wochenbericht an das Flottenkommando stand. Jedenfalls die paar Sätze, die er schon diktiert hatte.
          Der junge Commander lehnte sich seufzend zurück. Natürlich verstand er, dass die Positionierung eines mächtigen Flottenverbandes wichtig war, um die Dilli abzuschrecken, aber gegen Langeweile half auch Verständnis nicht viel. Beth dachte an die Soldaten der Mobile Infantry auf der Oberfläche von Beren 5. Diese würden sich sicherlich nichts sehnlicher wünschen als ein bisschen gepflegte Langeweile.
          Er gab sich einen Schubs und begann, die Arbeit an seinem Bericht wieder aufzunehmen.

          Donalbain saß in seinem Bereitschaftsraum und verfolgte ein Interview mit Präsident Jenkins, welches live aus Brüssel übertragen wurde.
          „Mr. President,“ begann der Journalist Konrad Ellmig, „der Konflikt auf Beren 5 dauert nun schon einen Monat an. Hat sich Außenminister Said geirrt, als er behauptete, die Angelegenheit wäre schnell überstanden?“
          Jenkins lächelte, scheinbar amüsiert. „Nein, Mr. Ellmig, er wurde nur missverstanden. Sehen Sie, am letzten galaktischen Krieg waren wir fünf Jahre lang beteiligt, dagegen erscheint ein Monat nun wirklich nicht wie die Welt.“
          „Allerdings dauert diese Krise bereits doppelt so lang wie die Blockade von Tau Ceti, aber ich möchte lieber etwas anderes ansprechen. Unsere Truppen konnten noch keinen nennenswerten Erfolg auf Beren 5 erzielen. Stattdessen gibt es Meldungen, dass die Rebellen immer wieder Ausrüstungsgegenstände, sogar bewaffnete und raumtaugliche Jäger erbeutet haben.“
          „Das ist kompletter Unsinn! Ich gebe zu, dass die Rebellen etwas widerspenstiger sind, als wir erwartet hatten, aber letztendlich sind es nur ein paar von falschem Idealismus befallene Leute mit minderwertigen Waffen. Und in den bisherigen Gefechten konnten wir dem Gegner immer bei weitem mehr Schaden zufügen, als er es uns gegenüber vermochte.“ Jenkins beugte sich leicht vor. „Außerdem steht es außer Frage, dass wir diesen Konflikt austragen müssen. Wir müssen verhindern, dass sich der Kollektivismus weiter ausbreitet, denn durch den Kollektivismus ist nicht nur unser Staat bedroht, sondern vor allem unsere Menschlichkeit.“
          „Meinen Sie, ihr Vorgänger hätte diesen Feldzug gewollt?“
          Jenkins schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht! Niemand will einen Feldzug, einen Konflikt oder einen Krieg. Aber wenn wir bedroht werden, müssen wir uns verteidigen. Und ich denke, dies wäre auch Kumaier klar geworden, hätten die Kollektivisten ihm die Chance dazu gelassen.“
          „Die Ermordung Kumaiers war aber doch die Tat eines Einzelgängers.“
          „Sie haben offenbar das Konzept des Kollektivismus noch nicht verstanden. Es gibt keine Einzelgänger im Kollektiv, es gibt nur ein Bewusstsein. Kumaier war nicht bloß das Ziel eines Einzelnen, sondern als Gegner des Kollektivismus war er das Ziel aller Kollektivisten.“
          „Schließt dies die Dilli mit ein?“
          „Ich will es nicht ausschließen, aber dafür gibt es keinerlei Hinweise. Im Hinblick auf die Dilli bemühen wir uns immer noch um diplomatische Verhandlungen, um die unterschwellige Feindschaft dem Individuum gegenüber zu verdrängen.“
          Ein Piepen drang in Donalbains Aufmerksamkeitsfeld ein und er unterbrach die Übertragung. Lieutenant Matheson meldete sich: „Captain, Admiral Refa möchte Sie sprechen.“
          Donalbain nickte. „Verbinden Sie mich!“
          Das Bild des Admirals erschien vor Donalbains geistigem Auge. „Captain,“ sagte Refa ernst. „Ein wichtiges Schiff ist hierhin unterwegs, das Frachtschiff CHRYSLER. Ich möchte, dass Sie mit der CAWDOR auf Rendezvouskurs gehen, um die CHRYSLER hierher zu eskortieren.“
          „Warum braucht ein Frachtschiff ein EMPIRE-Schiff als Eskorte, Admiral,“ wollte der Captain wissen. „Ist die Fracht etwa so wichtig, dass Sie einen Angriff erwarten?“
          „Die Fracht, und auch die Sicherheit einiger Passagiere, ist von großer Bedeutung. Wir können nicht riskieren, dass der Frachter von Piraten oder politischen Gegnern angegriffen wird.“ Refa atmete kurz durch. „Es handelt sich um eine kurze Mission, Sie werden höchsten 24 Stunden weg sein. Außerdem würde es Ihrer Crew sicherlich gut tun, nicht immer nur hier im Orbit rumzulungern und Sterne zu zählen.“
          Donalbain presste die Lippen zusammen. Der Besatzung war sicherlich in eine Art Alltagstrott verfallen, dass konnte er nicht bestreiten. Doch irgendetwas schien ihm trotzdem nicht geheuer. Allerdings konnte er es nicht ganz deuten. „In Ordnung. Wo sollen wir uns mit der CHRYSLER treffen?“
          „Im Kelvin-System. Die genauen Koordinaten werden Ihnen noch übermittelt.“ Er machte wieder ein ernsteres Gesicht. „Malcolm, ich muss Ihnen hoffentlich nicht weiter beteuern, wie wichtig die CHRYSLER ist. Fracht und Passagiere dürfen auf keinen Fall zu Schaden kommen. Ist das klar?!“
          Donalbain nickte. „Sie können sich auf mich verlassen, Admiral!“
          „Gut. Refa out!“
          Die Verbindung war unterbrochen. Donalbain löste die Sitzschnallen und bewegte sich zur Tür hin.

          Nach sieben Stunden erreichte die CAWDOR das Kelvin-System. Der nächste Planet war weit entfernt, es war weit und breit nur Sternenmeer zu sehen. Lediglich der rote Riese im Zentrum, welcher etwa 2 Milliarden Kilometer entfernt war, leuchtete deutlich über die anderen Sterne hinaus.
          Eine halbe Stunde später traf die CHRYSLER ein. Donalbain nahm umgehend Kontakt mit deren Kommandanten des Frachters, Captain Lindermann, auf. Die Begrüßung war nur knapp, und Lindermann drängte auf einen raschen Aufbruch.

          Lindermann saß im engen Cockpit der CHRYSLER und achtete darauf, dass der Kontakt zur CAWDOR aufrecht erhalten blieb. Hinter ihm saß Dr. Christos. Dieser ließ sich weder vom Schauspiel des Hyperraumflugs, noch von der geschäftigen Arbeit des Frachterkapitäns irritieren und las den Bericht zur Lage von Beren 5.
          Weiter hinten, im Frachtbereich, zwischen unzähligen Kisten war ein großer Behälter, der tatsächlich als Unterkunft für einige Menschen diente.

          „Wir können inzwischen ausschließen, dass Orman im Auftrag einer Organisation gehandelt hat,“ sagte Regierungssprecher Jacques Nevilles. „Er war Anhänger des Kollektivismus, so viel steht fest. Aber er stand seit zehn Jahren nicht mehr in Kontakt mit den Dilli.“
          „Aber er hatte Kontakt zu den Dilli?!“ fragte ein Reporter.
          „Leonard Orman verbrachte etwa zehn Monate im Raum der Dilli. Es handelte sich damals um eine Forschungsreise. Er kam vor zehn Jahren zurück. Nächste Frage, bitte!“
          Erneut streckten die Reporter ihre Hände in die Höhe, und Nevilles traf eine Auswahl. „Wird dieses Ergebnis der Untersuchungen Auswirkungen auf die Beren 5-Krise haben?“
          „Nein,“ antwortete Nevilles. „Unser Vorgehen dort ist kein Racheakt, sondern wir bemühen uns um den Schutz unserer Verbündeten und somit langfristig um den Schutz unserer selbst.“
          Donalbain schaltete die Übertragung ab. Er hatte ein sehr ungutes Gefühl bei der ganzen Sache.
          Die Golluen, die Ureinwohner von Beren 5, wurden seit Jahrzehnten von den Borten unterdrückt. Es war ihnen immer gepriesen worden, wie machtlos der Einzelne war. Von daher war der Wunsch nach einem Kollektiv durchaus verständlich. Das Problem war nur, dass in einem Kollektiv alle mitmachen mussten. Aber wie weit gingen die Ambitionen der Rebellen? Hatten sie wirklich vor, die Galaxis zum Kollektivismus zu zwingen?! Wohl kaum! Andererseits konnte ein Erfolg andere Völker von der Überlegenheit des Kollektivismus überzeugen. Aber wenn sie sich freiwillig daran wandten, musste man den Kollektivismus dann tatsächlich mit Waffengewalt bekämpfen?
          Doch noch etwas anderes beschäftigte den Captain. Warum mussten sich die Medien an die Regierung wenden, wenn sie Informationen zum Leben von Leonard H. Orman brauchten?! Eine unangenehme Ahnung breitete sich in Donalbain aus, geschaffen aus Zweifeln und Ängsten.

          In der nächsten Episode: „The two Truths“
          Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
          Stalter: "Nope, it's all bad."

          Kommentar


          • #6
            RAUMSCHIFF CAWDOR
            von Kai Brauns

            Episode VI: The two Truths

            Lieutenant Brandhorst steuerte das Shuttle auf das große Kugelraumschiff zu. Neben ihm saß Captain Donalbain und starrte durch das Sichtfenster hinunter auf den Planeten. Der Kommandant der CAWDOR sprach seit Beginn des Fluges, der zugegebenermaßen recht kurz war, kein Wort. Alles was Brandhorst wusste war, dass Donalbain zu Admiral Refa auf der SHIVA gerufen worden war. In dem Fall musste es sich schon um eine ziemlich große Sache handeln. Eigentlich war Thomas Brandhorst von Haus aus neugierig, doch die Ehrfurcht gegenüber dem Captain, gepaart mit der Vermutung, dass dieser auch noch nicht viel mehr wissen dürfte, ließen den Piloten schweigen.
            Die SHIVA kam immer näher und füllte bald das gesamte Sichtfenster aus. Er nahm über seinen Telepathen Kontakt zur Brücke des großen Zerstörers auf: „CAWDOR Shuttle 1 an SHIVA, erbitten Andockerlaubnis.“
            Die Antwort kam prompt: „Andockerlaubnis erteilt, CAWDOR Shuttle 1. Machen Sie sich bereit für den Leitstrahl!“
            Ein magnetischer Leitstrahl zog das kleine Shuttle an und führte es in eine Andockbucht im unbeweglichen Mittelstreifen des ansonsten rotierenden Kugelschiffes.

            Donalbain spürte sofort, dass er in den letzten Wochen eindeutig nicht genug Zeit im Fitnessraum der CAWDOR verbracht hatte, als er zum ersten Mal seit über einem Monat aus der Schwerelosigkeit trat. Ein junger Ensign führte den Captain durch einen Korridor zu einem Lift. Mit diesem fuhren sie zu einem der inneren Decks. Dort befand sich der Konferenzraum, an dessen langen Tisch bereits der Admiral und die restlichen Captains saßen. Neben Refa stand ein Mann in Zivil, offensichtlich mediterraner oder lateinamerikanischer Abstammung. Donalbain setzte sich an einen für ihn reservierten Platz, neben sich Captain Chen von der BENDIS und Captain Nielson von der CARTER. Einige der Raumschiffkommandanten flüsterten miteinander. Zwar ahnte jeder, dass es um die weitere Strategie im Kampf gegen die Rebellen gehen würde, jedoch wusste niemand genaueres.
            Nach ein paar Minuten war mit Captain Reynolds auch der letzte Kommandant des Flottenverbandes um Beren 5 im Konferenzraum eingetroffen. Admiral Refa erhob beschwichtigend die Hände, woraufhin die hohen Offiziere verstummten. Der Admiral senkte seine Hände wieder und blickte in die Runde. „Wir alle wissen,“ begann er ohne Floskeln, „dass unsere Bemühungen nicht so richtig fruchten wollen. Die Rebellen haben zu gute Verstecke. Aus diesem Grund befindet sich bereits ein Team von STI-Agenten auf dem Planeten und sucht in der Bevölkerung nach Hinweisen. Diese Arbeit kann jedoch ein ganzes Weilchen dauern.“ Er machte eine Pause und sah sich in den Gesichtern seiner Gäste nach Reaktionen. Da gab es zustimmendes Nicken, interessierte Blicke und einige dachten sich ihren Teil auch nur.
            Refa fuhr fort: „Da wir aber auch kurzfristige Erfolge brauchen, haben wir von Präsident Jenkins kürzlich den Auftrag bekommen, Kryo-Waffen zu verwenden. Dr. Christos hier“ – er deutete auf den Mann in Zivil – „wird Ihnen nun Genaueres zu den Kryo-Waffen sagen. Doktor?!“
            Dr. Christos trat vor, während Refa sich setzte. „Vielen Dank, Admiral,“ begann der Wissenschaftler, der offensichtlich in der Etikette von Wissenschaftskongressen verhaftet war und mit der disziplinarischen Sprache der Space Force. „Meine Damen und Herren, bei den Waffen, welche Ihnen zur Verfügung stehen, handelt es sich um Bomben des Typs KR-92C1, bestückt mit Kapseln von Helium I. Dieses Helium I wird bei 4,21 Kelvin – das entspricht umgerechnet -268,93°C – in einem flüssigen Zustand gehalten. Beim Detonieren der Bomben entweicht das flüssige Helium und senkt die Temperatur auf einen Punkt, bei dem die meisten uns bekannten Lebewesen, darunter auch die Golluer, auf der Stelle erfrieren.“
            Admiral Refa übernahm wieder: „Für die nächsten zwei Wochen werden wir mit unserem Vorrat etwa 30 Kryo-Bomben pro Erdtag abwerfen können, danach erwarten wir eine weitere Lieferung. Sie können sich denken, dass wir mit dieser Waffe ziemlich schnelle Erfolge erzielen werden. Noch Fragen?!“
            „Wann werden wir mit der Bombardierung beginnen?“ wollte Captain Nielson wissen.
            „Die Bomber werden ab morgen früh um 0600 Standardzeit jederzeit auf Abruf stehen. Sobald Rebellen gesichtet werden, kommen die Bomber zum Einsatz.“
            Donalbain hob die Hand, und als der Admiral ihn aufrief fragte er: „Was für Auswirkungen hat eine solch umfangreiche Bombardierung mit Kryo-Waffen auf die Zivilbevölkerung und das ökologische System des Planeten?“
            Refa bedachte den Captain mit einem berechnenden Blick. „Darum haben wir uns nicht zu kümmern, Captain. Wir haben den Auftrag vom Präsidenten persönlich, eine Genehmigung von Kaiser Mallo liegt ebenfalls vor.“
            Donalbain schien mit dieser Antwort keinesfalls glücklich zu sein, doch er verkniff sich, weiter nachzuhaken. Nachdem die letzten, seiner Meinung nach eher belanglosen, Fragen beantwortet waren, verabschiedete der Admiral seine Gäste und schickte sie zu ihren Shuttles zurück. Während Donalbain aus dem Konferenzraum trat, glaubte er, von Refa beobachtet zu werden.

            Nachdem Lieutenant Brandhorst den Captain auf der CAWDOR abgesetzt hatte, ging es für ihn gleich weiter. Diesmal chauffierte er Commander Beth zum Lager 31 nahe dem Galpora-Dschungels. „Was darfst du denn da unten machen?“ wollte Brandhorst wissen.
            „Ich habe geheime Informationen für den Kommandanten von Lager 31,“ meinte Beth. „Mehr darf ich nicht sagen.“
            Der Pilot ließ es dabei bewenden. Als das Schweigen unangenehm wurde, interessierte Brandhorst ein anderes Thema: „Der Captain ist in letzter Zeit nicht ganz auf der Höhe, scheint es mir.“
            „Der Tod von Präsident Kumaier macht ihm immer noch zu schaffen,“ erklärte Beth. Tatsächlich hatte sich Captain Donalbain weitgehend zurückgezogen. Privat schien er nur noch ab und zu mit Commander Kathy Troy Umgang zu haben. Die beiden kannten sich schon sehr lange und waren eng befreundet. Beth hoffte, dass sie ihm helfen konnte, denn im Moment ging es mit dem Kommandanten immer mehr bergab.

            Kathy Troy bewegte sich auf die Tür zum Bereitschaftsraum ihres Kommandanten und besten Freundes Malcolm Donalbain zu. Schwermütig betätigte sie den Türmelder. Der Zustand Malcolms war schlimm. Er litt unter Depressionen, Schlafmangel, er zog sich immer mehr zurück. Kathy konnte nicht mehr länger untätig zusehen, sie musste ihn mit ihren Beobachtungen konfrontieren.
            Das Signal kam und die Tür öffnete sich. Überrascht stellte die Ingenieurin fest, dass der Captain mit aufmerksamem Blick auf sein Terminal starrte. Nur kurz hob er den Blick vom Bildschirm, um sie hereinzuwinken. „Komm rein, Kathy!“
            Troy schwebte herein und nahm sich festschnallend im Gästesessel Platz. „Was machst du da?!“
            „Ich sehe meinen Verdacht bestätigt,“ antwortete er, sich vergewissernd, dass die Tür geschlossen war. „Es geht um das Kumaier-Attentat.“
            Die Frau stutzte. „Was meinst du? Was ist mit dem Attentat?“
            „Ich bin mir ziemlich sicher, dass Orman kein Einzeltäter war. Da steckt mehr dahinter! Ich habe mir die entsprechenden Daten angesehen, die Einschusswinkel, die Anzahl der Wunden ... um es allein getan haben zu können, hätte Orman schon eine Magische Kugel gebraucht!“
            „Magische Kugeln sind heutzutage nicht schwer zu beschaffen,“ gab Kathy zu bedenken. „Wer eine Waffe auftreiben kann, kommt auch an eine Magische Kugel heran.“
            „Aber man kann keine Magische Kugel mit einer Plasma-Pistole abfeuern!“
            „Eine Plasma-Pistole?! Bist du sicher?“
            Der Captain deutete auf den Bildschirm. „Die Schusswunden deuten klar auf eine Plasmawaffe hin. Projektilwaffen sind auf Raumstationen auch streng untersagt.“
            „Aber wer steckt hinter dem Attentat, wenn es nicht allein auf Orman zurückgeht?“
            „Diejenigen, die am meisten davon profitiert haben: Die Militärs!“
            „Du meinst, die Space Force hätte etwas damit zu tun?“
            „Nicht nur die Space Force, auch die Waffenhersteller, die uns beliefern. Jenkins könnte ebenfalls mit drinstecken.“ Der Captain sah seine Freundin eindringlich an. „Kumaier war Diplomat, ein Pazifist, für den ein Krieg nur die allerletzte Möglichkeit ist. Unserem Einsatz hier hätte er niemals zugestimmt, geschweige denn Kryo-Waffen und ähnliches.“
            „Kryo-Waffen?! Die wollen allen Ernstes Kryo-Waffen einsetzen?“
            „Aber du hast es nicht von mir,“ bestätigte Donalbain. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Verdammt, sie haben uns benutzt! Sie haben die ganze Menschheit instrumentalisiert und für ihre Zwecke ausgenutzt.“
            „Aber du kannst es nicht beweisen,“ mahnte Troy.
            „Wer sonst hätte ein Motiv?“ fragte Donalbain.

            Lager 31 lag auf einer Lichtung eines ansonsten stark bewaldeten Gebietes. Commander Beth stand vor Lagerführer Colonell Raashid’abath und zeigte ihm die Daten, welche zur Nutzung der Kryo-Waffen wichtig waren.
            „Diese Waffen werden uns ziemlich behilflich sein,“ meinte Raashid’abath. „Wird aber auch einige Probleme mit sich bringen. Es ist schon mit konventionellen Waffen nicht sonderlich einfach, unschuldige Zivilisten und Rebellen zu unterscheiden. Die Zahl der unschuldigen Opfer wird dank dieser Waffen noch weiter steigen.“
            „Sie klingen, als wollten Sie die Kryo-Waffen nicht,“ bemerkte Beth.
            „Oh, ich will sie,“ erwiderte der Colonell schnell. „Sie werden den Krieg schnell beenden und mich und meine Leute früher nach Hause bringen. Und auf lange Sicht werden sicherlich mehr Golluer gerettet, besonders wird Beren 5 von diesen Kollektivisten befreit. Aber alles hat seine Schattenseiten, Commander.“
            Beth nickte kurz. Dann hörte er hinter sich eine Explosion. Schnell wandte er sich um. Einer der Wohncontainer war zur Hälfte zerstört, die andere Hälfte stand in Flammen. Instinktiv griff Beth zu seiner Plasma-Pistole. „Was ist passiert?“
            Colonell Raashid’abath hatte sein Multi-Gewehr in der Hand. „Die Rebellen!“
            Beth sah sich um, hörte das Dauerfeuer von Projektilwaffen. Da erblickte er einen. Ein Golluer, etwa 2,50 Meter groß. Auf den ersten Blick erkannte Beth die Verwandtschaft mit den Borten des Philion-Imperiums. Die Golluer waren jedoch größer, ihre lederne Haut dunkler und ihre Augen kleiner. Trotzdem waren die Augen des Golluer groß genug, damit Beth die rote Farbe darin erkannte, ein Anzeichen von Aggression.
            Raashid’abath legte sein Gewehr an, zielte und traf den Golluer mit einem einzigen Schuss. Das mit unglaublicher Geschwindigkeit abgefeuerte, etwa fünf Zentimeter breite Projektil schlug im Bauch des Rebellen ein und explodierte.
            Überall herrschte Chaos, Beth erblickte immer wieder Golluer und Menschen, die einander erbittert bekämpften. Plötzlich hörte er hinter sich ein lautes Geräusch. Eilig wandte er sich um und sah sich einem knapp drei Meter hohen Golluer gegenüber, in der einen Hand ein Gewehr, in der anderen eine Keule. Der Golluer holte mit der Keule aus, doch bevor er zuschlagen konnte, hatte Beth mit einem Schuss aus seiner Plasma-Pistole ein Loch in seine Brust gebrannt. Leblos fiel der Angreifer zu Boden. Beth sah sich erneut um, die Schüsse wurden seltener und schienen sich zu entfernen. Die Rebellen flüchteten, ein paar Soldaten nahmen die Verfolgung auf.
            Raashid’abath legte das Gewehr beiseite, blieb aber in Reichweite. „Verdammt nochmal, das war der dritte Angriff diese Woche.“ Er wandte sich dem Commander zu. „Sind Sie in Ordnung?“
            Beth nickte. „Meine größte Gefahr im Moment ist wohl eine Überdosis Adrenalin.“ Einen Moment ließ er sich, um zu verschnaufen. Die Gefahr war so schnell vorüber, wie sie gekommen war. Der junge Offizier wollte sich nicht ausmalen, was die Soldaten durchmachen mussten, für die derlei Blitzangriffe alltäglich waren. Kurz blickte er zum Leichnam des Golluer, den er getötet hatte. In Notwehr getötet hatte. Es war lange her, dass Beth gezwungen war, zu töten. Das letzte Mal war bei der Blockade des Tau Ceti-Systems gewesen, als er gegen seinen Captain vorgehen musste.

            Auf dem Flug zurück zur CAWDOR herrschte anfangs Stille. Brandhorst war ebenfalls mit dem Schrecken davongekommen, doch dieser saß noch ziemlich tief. Er versuchte sich abzulenken, dachte an den Captain und dessen Probleme. „Was meinst du, was hat es mit dem Attentat auf sich?“
            Beth blickte den Piloten verwirrt an. „Was soll schon damit sein?! Die Rebellen verteidigen ihre Ansichten mit Waffengewalt, das ist alles.“
            „Davon rede ich nicht, ich meine das Attentat auf Kumaier;“ stellte Brandhorst klar. „Du weißt doch, wir hatten vorhin darüber gesprochen, dass sich Captain Donalbain seit dem Attentat immer mehr abkapselt.“
            „Und was soll mit dem Attentat sein?“
            „Meinst du, die Regierung erzählt uns alles?“
            „Natürlich nicht,“ meinte Beth. „Die Sache von wegen Orman sei ein Einzeltäter ist völliger Unsinn.“
            „Aber wer steckt denn dann dahinter?“
            „Die Dilli, natürlich! Kumaier hat sich stets gegen den Kollektivismus ausgesprochen, er hat unter den anderen Völkern viele Anhänger gefunden, welche ansonsten vielleicht dem Kollektivismus in die Hände gefallen wären. Und auf GOOD HOPE II war für sie die perfekte Möglichkeit, immerhin haben ihre Botschafter dort diplomatische Immunität. Sie hätten also ziemlich leicht ihre Pläne durchführen können.“
            „Aber warum rückt die Regierung dann nicht damit heraus?“
            „Weil dies Krieg bedeuten würde. Und davor fürchten sich Jenkins und seine Anhänger noch. Sie wollen erst noch mehr Daten sammeln, mehr Aufrüstung, bevor wir den Dilli ganz offen den Krieg erklären können.“
            Brandhorst nickte. „Ja, klingt einleuchtend.“
            Da erhielt Beth eine Nachricht von Lieutenant Matheson: „Commander, wir haben eine Nachricht für Sie erhalten.“
            „Was gibt es denn, Lieutenant?“
            „Sie wollten umgehend informiert werden, wenn es Neuigkeiten über diesen Ewan McDugall von der Kolonie auf Leith 4 gibt.“
            „Fairy Boy, richtig! Was ist denn mit ihm?“
            Der Kommunikationsoffizier machte eine kleine Pause, bevor er antwortete: „Er ist verschwunden, Commander.“
            Schlagartig kam Beth das letzte Gespräch, welches er damals mit Fairy Boy geführt hatte, ins Gedächtnis
            „Ich habe Ihre Zukunft gesehen, Commander.“
            Nun wurde Beth neugierig. „Und?!“
            „Sie werden Captain. Schon sehr bald.“
            Beth gab sich erfreut. „Das sind ja mal gute Nachrichten!“
            „Die Umstände werden Ihnen nicht gefallen,“ fügte Fairy Boy hinzu.
            Das Lächeln auf Beths Gesicht verschwand augenblicklich. „Was wird passieren?“
            „Ich weiß es nicht genau,“ sagte der Junge. „Ich weiß nur, was ich Ihnen sagte. Und, dass ich nicht mehr da sein werde, wenn es passiert.“
            Nun war Beth verwirrt. „Was meinen Sie damit? Werden Sie sterben, oder einfach an einen anderen Ort gehen?“
            „Nicht an einen anderen Ort,“ erwiderte Fairy Boy. Dann schritt er an dem Commander vorbei und verließ die Zelle.


            In der nächsten Episode: „The Eye of Childhood“
            Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
            Stalter: "Nope, it's all bad."

            Kommentar


            • #7
              [QUOTE=Kai "the spy";1600676]
              RAUMSCHIFF CAWDOR
              von Kai Brauns

              Episode VII: The Eye of Childhood

              Lieutenant Commander Laurent Emanuele saß in der Kantine und saugte an an seinem Trinkfläschchen. Kurz blickte er auf, als sich Commander Beth auf den Sessel gegenübersetzte und festschnallte. „Guten Morgen, Commander,“ begrüßte er seinen Vorgesetzten.
              „Guten Morgen,“ erwiderte Beth. „Gut geschlafen?!“
              „Mehr oder weniger,“ antwortete der taktische Offizier. „Darf ich offen sprechen, Sir?“
              Beth, der gerade dabei war, ein Tablett mit Trinkfläschchen und einer Tube Nahrungscreme aus dem Replikator in der Wand zu ziehen, blickte den anderen Mann überrascht an. „Ich ziehe ein offenes Wort einem betretenen Schweigen vor, Commander,“ sagte er schließlich. „Sprechen Sie!“
              „Ich mache mir Sorgen um den Captain, Sir!“ Emanuele stellte sein Trinkfläschchen auf die Magnetfläche seines Tabletts und atmete tief durch. „Er leidet offensichtlich an Depressionen.“
              „Sie befürchten, dass sein Urteilsvermögen beeinträchtigt sein könnte?!“
              „Es geht mir nicht um sein Urteilsvermögen, Sir,“ stellte er klar. „Ich diene Captain Donalbain jetzt seit zwei Jahren als taktischer Offizier, und ich habe selten einen so aufrechten und ehrenvollen Mann erlebt. Sein derzeitiger Zustand macht mich betroffen.“
              Beth nickte. „Ich danke Ihnen, Commander, für ihre Aufmerksamkeit. Und ich möchte Ihnen versichern, dass ich mich der Sache annehmen werde.“ Er machte eine kurze Pause. „Vor einigen Monaten hat mir jemand, der angeblich die Zukunft voraussagen konnte, prophezeit, ich würde bald Captain werden, und das mir die Umstände nicht gefallen würden. Vielleicht ist es jetzt soweit.“
              „Commander,“ sagte Emanuele mit ernstem Ton. „Es sollte unser Bemühen sein, dem Captain zu helfen, und nicht ihm zu schaden.“
              „Wie darf ich das verstehen, Commander Emanuele?“
              „Nun, Sie haben einen gewissen Ruf, Sir. Es gibt Gerüchte über ihre Zeit auf der NIPPON während der Tau-Ceti-Blockade.“
              Beth starrte den Offizier tief getroffen an. „Lieutenant Commander Emanuele, was auf der NIPPON geschehen ist, hat keine Relevanz. Und ich rate Ihnen und allen anderen Besatzungsmitgliedern dringend davon ab, derlei Gerüchte weiterzuverfolgen.“ Er schnallte sich los und stieß sich von seinem Sessel ab. „Mir ist der Appetit vergangen!“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ die Kantine.
              Emanuele blickte ihm noch eine Weile hinterher. „Soviel zu offenen Worten,“ murmelte er zu sich selbst.

              Donalbain kam gerade von seiner Trainingseinheit zurück auf die Brücke, als Lieutenant Matheson ihn ansprach: „Captain, wir erhalten gerade einen Funkspruch von der SHIVA, Prioritätsstufe Alpha.“
              Prioritätsstufe Alpha. Höchste Dringlichkeitsstufe und hohe Sicherheitseinstufung. „Ich nehme die Nachricht in meinem Raum entgegen,“ sagte Donalbain knapp und bewegte sich zur Tür. Nachdem diese sich hinter ihm schloss, gab er per Telepathen sein Identifikationssignal und sah vor seinem inneren Auge das Bild von Admiral Refa auftauchen. „Ah, Captain! Ich habe einen wichtigen Auftrag für Sie,“ sagte der Admiral ohne Begrüßungsfloskel. „Wir haben von einigen Agenten die Nachricht erhalten, dass sich in der Stadt Kalarp auf dem südlichen Herma-Kontinent ein größerer Stützpunkt der Rebellen befindet.“ Einen Moment ließ er diese Worte wirken.
              Donalbain überdachte diese Information kurz. Kalarp war die Hauptstadt des Herma-Mohn-Bezirks, irgendwas zwischen zwei und drei Millionen Einwohnern. Bisher war die Stadt von Auseinandersetzungen zwischen den Rebellen und den Truppen von Philion und Space Force ziemlich unbetroffen gewesen, wie der Herma-Mohn-Bezirk überhaupt. „Die Rebellen haben sich einen Stützpunkt weit von irgendwelchen Brennpunkten entfernt ausgesucht.“
              „Eine interessante Taktik,“ kommentierte der Admiral. „Wenn das STI unsere Aufklärung nicht unterstützt hätte, würden wir wohl noch Jahre danach suchen.“ Er beugte sich vor. „Wir haben kein Lager, Donalbain, dass nahe genug wäre. Auch kein Schiff, dass sich in Gefechtsreichweite des Herma-Mohn-Bezirks liegt.“
              „Außer uns,“ bemerkte Donalbain. „Außer der CAWDOR. Aber wir haben kaum Soldaten an Bord, und unsere Jäger sind für Atmosphärenflug nicht ausgerüstet.“
              „Sie sollen auch nicht mit Bodentruppen oder ROCKS angreifen, Captain,“ erwiderte Refa. „Wir haben vor wenigen Minuten die Genehmigung des kaiserlichen Palastes bekommen, Kalarp mit Ihren Bordgeschützen anzugreifen.“
              Donalbain wollte seinen Ohren nicht trauen. „Admiral, mit unseren Waffen, unserer Zielvorrichtung können wir niemals verhindern, dass die Zivilbevölkerung zu erheblichen Schäden kommt. Meiner Einschätzung nach würde bereits ein Schuss mit unseren Plasmawaffen die gesamte Innenstadt von Kalarp vernichten.“
              „Und genau das werden Sie tun, Captain!“
              „In Kalarp leben fast drei Millionen Zivilisten, Admiral! Ein Angriff würde mindestens die Hälfte von ihnen töten.“
              Der Admiral nickte. „Wir sind im Krieg, Captain! Und ein Krieg fordert Opfer.“
              Donalbain starrte einen Moment vor sich hin. Hatte er eben tatsächlich den Befehl bekommen, Millionen von Unschuldigen zu opfern, um ein paar Hundert Rebellen zu töten? War die Space Force wirklich soweit gekommen? „Es tut mir Leid, Admiral,“ sagte er schließlich, „aber ich muss diesen Befehl verweigern. Das Opfern von Millionen unschuldiger Zivilisten kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.“
              Refa blickte ihn eindringlich an. Donalbain kam es nicht vor, als wäre die Überraschung des Admirals nur geheuchelt. „Sind Sie sich über die Folgen Ihrer Befehlsverweigerung bewusst? Eine Befehlsverweigerung zu Kriegszeiten bringt Sie direkt vor’s Kriegsgericht!“
              Donalbain schluckte. „Ich bin mir über die Konsequenzen im Klaren, Admiral, aber Ihr Befehl lässt mir keine andere Wahl.“
              Refa zögerte einen Moment. Ihm wurde klar, dass sich der Captain durch Einschüchterung nicht zum Einlenken bewegen lassen würde. „Dann muss ich Sie hiermit von Ihrem Kommando entheben, Captain. Ich werde umgehend Ihren Stellvertreter instruieren und Sie vom Sicherheitsdienst zum Arrest in Ihr Quartier bringen lassen.“
              Donalbain nickte. „Ich verstehe, Sir!“
              „SHIVA, Ende,“ sagte der Admiral und unterbrach die Verbindung.
              Donalbain starrte eine Weile vor sich hin. Dann informierte er Matheson, dass er eine Verbindung zum Regierungskonsul von Kalarp wünschte.

              Commander Beth saß in seinem Quartier und versuchte zu entspannen. Über Telepathen hörte er eine Blues-Melodie und schloss die Augen. Seit seinem Gespräch mit Lieutenant Commander Emanuele am Morgen beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Nun versuchte er, in der langsamen Saxophon-Musik Entspannung und Zerstreuung zu finden. Dieser Versuch wurde jäh unterbrochen, als er ein Prioritätssignal über Telepathen erhielt. Beth seufzte genervt und gab widerwillig sein Identifikationssignal. Augenblicklich erschien das Bild von Admiral Refa in seinem Kopf.
              „Commander, dies ist ein dringender Notfall,“ begann Refa. „Captain Donalbain hat gerade eben einen Befehl der Priorität Alpha verweigert. Ich habe ihn daraufhin mit sofortiger Wirkung seines Kommandos enthoben. Sie, Commander, werden ab sofort das Kommando über die CAWDOR führen. Eine entsprechende Beförderung zum Captain folgt in wenigen Stunden. Vorher möchte ich jedoch, dass Sie gemeinsam mit dem Sicherheitsdienst Captain Donalbain in sein Quartier bringen, wo er unter Arrest bleibt, bis ein Abtransport möglich ist.“
              Beth starrte in die Leere, in der er das Gesicht des Admirals sah. Ein mulmiges Déjà-vu-Gefühl setzte ein. Schnell fing er sich jedoch wieder, nahm innerlich Haltung an und antwortete: „Verstanden, Admiral! Ich werde mich umgehend darum kümmern.“

              „Captain, ich darf leider keine Befehle mehr von Ihnen entgegennehmen,“ sagte Lieutenant Matheson bedauernd.
              Donalbain atmete tief durch. „Lieutenant, ich weiß, dass mir das Kommando entzogen wurde, aber wenn ich nicht umgehend Kontakt mit Kalarp aufnehmen kann, werden Millionen unschuldiger Zivilisten sterben.“
              Matheson schwieg, offenbar schockiert. Nach einigen Augenblicken meldete er schließlich: „Verbindung zum Konsul von Kalarp steht, Sir!“
              Erleichtert atmete Donalbain auf. In seinem Kopf erschien das Bild eines massigen Golluer, der in einer Art Poncho gekleidet war. Sein Signal wies ihn als Stadtführer Mopar aus. Seine Augenfarbe wechselte mehrmals, und der Telepath übersetzte diese Kommunikationsform für Donalbain: „Was kann ich für Sie tun, Captain?!“
              „Stadtführer, Sie müssen Kalarp umgehend evakuieren lassen! Ich musste eben den Befehl verweigern, das Feuer auf Ihre Stadt zu eröffnen, um ein paar hundert Rebellen zu töten.“
              Der Stadtführer war offensichtlich entsetzt. „Vielen Dank für die Warnung, Captain! Ich werde sofort alles in die Wege leiten, um die Golluer aus der Stadt zu bringen.“
              Die Verbindung wurde unterbrochen. Donalbain fuhr mit der Hand über sein Gesicht. Was nun?! Sollte er seinen Arrest einfach hinnehmen? Das zu erwartende Kriegsgericht? Wenn rauskam, dass er nicht nur seinen Befehl verweigert, sondern auch Informationen von hoher Sicherheitseinstufung nach außen gegeben hatte, würde es garantiert nicht mit einer unehrenhaften Entlassung getan sein. Da konnte er auch nicht mehr auf seinen Helden-Bonus setzen. Außerdem würde der Krieg weitergehen. Und wenn die Dinge sich weiterhin so entwickelten, wie bisher würden noch viele unschuldige Zivilisten geopfert werden. Dagegen musste er etwas tun. Kurz darauf kontaktierte er die Person an Bord, der er am meisten vertraute.

              Commander Beth traf im Korridor vor der Brücke auf Lieutenant Commander Emanuele und drei weitere bewaffnete Sicherheitsleute. Die Ensigns Grayson, Dupuis und Koch sahen den ersten Offizier ebenso nervös an, wie der taktische Offizier. Wie es Routine war, trugen alle vier Magnetstiefel, um im Fall der Fälle besser kämpfen zu können. „Was geht hier vor, Commander?“ verlangte Emanuele zu erfahren.
              „Es ist passiert, was wir befürchtet haben,“ erwiderte Beth. „Der Captain hat eine Alpha-Order verweigert. Admiral Refa hat ihm das Kommando entzogen. Wir sollen Donalbain zum Arrest in sein Quartier bringen.“
              Emanuele schwieg, doch sein Blick zeigte sein Misstrauen.
              Die Ensigns zeigten vor allem Unsicherheit. Beth wusste, wie ihnen zumute war. Vor wenigen Jahren hatte er eine ähnliche Situation meistern müssen.
              Die Tür zu Brücke schob sich zur Seite und Beth führte den Sicherheitstrupp hindurch. Die Brückenbesatzung war erwartungsgemäß völlig überrascht, nur Matheson hatte wissend wirkende Sorgenfalten auf der Stirn. Unbeirrt steuerte Beth die Tür zu Donalbains Bereitschaftsraum an. Hinter ihm murmelten die Besatzungsmitglieder aufgeregt durcheinander.
              Donalbain saß in seinem Sessel hinter dem Schreibtisch. Er hatte Beth und den Trupp offensichtlich schon erwartet. Seine Hände lagen mit den Innenflächen nach unten auf dem Tisch. Seine Augen fixierten sich sofort auf den ersten Offizier.
              „Captain Donalbain,“ begann Beth in sachlichem, bestimmtem Ton. „Wegen Verweigerung eines Befehls von Alpha-Priorität stelle ich Sie hiermit unter Arrest. Wir begleiten Sie zu Ihrem Quartier, wo sie bleiben werden, bis Ihr Abtransport möglich …“
              „Wissen Sie,“ unterbrach Donalbain den jüngeren Mann mit ruhiger Stimme, „was die Alpha-Order verlangte?“
              Beth seufzte ungehalten. „Der Inhalt der Alpha-Order ist irrelevant. Wir sind im Kriegszustand und müssen Befehle ausführen, auch wenn sich uns der Sinn dahinter nicht erschließt.“
              „Drei Millionen Zivilisten zu töten, weil sich ein paar hundert Rebellen darunter befinden? Das ist irrelevant? Commander, ich habe sehr gut verstanden, was für ein Sinn sich hinter dieser Order verbirgt.“ Donalbain schnallte sich los und stieß sich sachte von seinem Sessel ab. „Wir haben uns in einen Bürgerkrieg eingemischt, der uns nichts anging. Wir haben uns hoffnungslos selbst überschätzt und greifen deshalb zu Mitteln, die massiv gegen die Richtlinien der Vereinten Planeten verstoßen. Und, Commander, mein Gewissen verbietet es mir, unschuldige Zivilisten zu opfern, nur um ein paar Aufständische zu erwischen.“
              Beth schluckte. Einerseits konnte er Donalbains Standpunkt verstehen. Doch andererseits … „Wir sind im Krieg, Captain! Und wer sich nicht darüber im Klaren ist, dass ein Krieg Opfer verlangt, der hat weder in einer Kommandostellung noch in der Space Force etwas verloren.“
              Plötzlich spürte er, wie sich der Lauf einer Plasma-Pistole gegen seine rechte Schläfe drückte. Emanuele! Beth blickte auf den taktischen Offizier, der seine Waffe auf den neuen Kommandanten der CAWDOR richtete.
              „Emanuele, ich hoffe, Sie haben eine gute Erklärung für dieses Verhalten,“ sagte Beth gereizt.
              „Die habe ich, Sir,“ erwiderte Emanuele. „Der Captain hat eine richtige Entscheidung getroffen, und ich werde nicht zulassen, dass er für das Beschützen von unschuldigen Zivilisten bestraft wird.“
              „Lieutenant Commander Emanuele, Ihre Loyalität gegenüber dem Captain ist in diesem Falle höchst deplatziert! Weder Sie noch der Captain können die Gefahr, die von den Rebellen ausgeht, richtig einschätzen. Dies können nur jene, die alle Informationen vorliegen haben, und dies sind unsere Vorgesetzten. Als der Captain den Befehl verweigert hat, hat er den Kriegsverlauf zu unserem Schaden geändert, was höchst fahrlässig war. Deshalb muss er unter Arrest und vor ein Kriegsgericht gestellt werden.“
              „Das ist doch alles nur Gerede,“ entgegnete Emanuele. „Fakt ist, der Captain hat mit seiner Befehlsverweigerung die Opferung von Millionen von Zivilisten verhindert, und sagen Sie nicht, das sei nicht gerechtfertigt. Es wird genauso gehandelt, wie einst bei der Schlacht von Orion 7. Ein schneller Sieg mit wenigen Verlusten von Soldatenleben wird mit der Opferung von unzähligen Zivilisten erkauft. Und das ist nicht zu rechtfertigen.“
              „Schluss damit,“ warf Donalbain ein. „Unsere Standpunkte sind klar, die Gegensätze offensichtlich unüberbrückbar.“ Der Captain sah auf die drei Ensigns, die bisher ziemlich unsicher im Hintergrund standen. „Entscheidend ist, welchen Standpunkt Sie wählen.“
              Betroffenes Schweigen herrschte, bis sich Ensign Grayson schließlich räusperte. „Ich habe immer daran geglaubt, dass ein guter Soldat nicht dazu da ist, um so viele Feinde wie möglich zu töten, sondern um so viele Leben wie möglich zu retten.“ Er sah zu seinen Kameraden. „Wenn ihr mich fragt, hat der Captain nichts Unrechtes getan.“
              „Und wie viele Leben werden verloren, wenn die Rebellen den Krieg gewinnen?“ entgegnete Ensign Koch.
              „Das ist reine Spekulation, Koch,“ warf Dupuis ein. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Rebellen den Krieg tatsächlich gewinnen, ist minimal.“
              „Das können wir nicht entscheiden,“ entgegnete Koch.
              „Aber die Vereinten Planeten, und die haben festgelegt, dass die Zahl ziviler Opfer auch im Krieg so minimal wie möglich zu halten sind.“
              „Was genau haben Sie eigentlich vor?“ fragte Beth. „Sie mögen ja anderer Meinung sein, als Ihre Vorgesetzten, aber was für Konsequenzen ziehen Sie daraus?“
              Koch nickte. „Er hat Recht, Dupuis. Ihr würdet alle wegen Befehlsverweigerung angeklagt werden, möglicherweise noch als Komplizen des Captains und Emanuele.“
              „Ich mache euch einen Vorschlag.“ Beth blickte Dupuis und Grayson eindringlich an. „Bisher habt ihr noch nichts Gravierendes verbrochen. Wenn ihr euren Widerstand jetzt aufgebt, dann vergesse ich die ganze Angelegenheit und keiner von euch kommt vor’s Kriegsgericht.“ Er blickte zu Emanuele, welcher immer noch mit seiner Waffe auf ihn zielte. „Dieses Angebot gilt auch für Sie, Lieutenant Commander. Sie können entweder wegen bewaffneten Angriff auf einen Vorgesetzten lebenslang eingesperrt werden, oder sie lassen die Waffe sinken und helfen mir, den Captain in Gewahrsam zu nehmen.“
              „Ich habe noch einen weiteren Vorschlag,“ warf Donalbain ein. „Sie kommen mit mir auf den Planeten runter und versuchen, Kontakt mit der Öffentlichkeit aufzunehmen.“
              Beth starrte den Captain ungläubig an. „Sie können nicht so einfach auf den Planeten runter. Sie hätten ja schon Probleme, von diesem Deck runterzukommen.“
              Donalbain lächelte wissend. „Ich habe vorgesorgt, Commander. Ein Shuttle steht mir zur Verfügung, wir müssten nur zum Hangar runter.“
              Das saß! Einen Moment herrschte Schweigen, diese neue Information musste Beth erstmal verarbeiten. Emanuele hatte sich als Verräter herausgestellt, zwei der drei Ensigns schienen sich ebenfalls auf die Seite von Donalbain ziehen zu lassen, und wenn Donalbain tatsächlich bereits für Unterstützung außerhalb dieses Raumes gesorgt hatte, so schien die Gefahr eines verlustreichen, andererseits jedoch Fluchtversuchs recht groß. Bevor Beth irgendetwas zu Gunsten seines Standpunkts sagen konnte, ergriff Grayson das Wort: „Ich komme mit, Captain!“ Der Ensign blickte seinen Kameraden Dupuis an. Dieser nickte zustimmend.
              Donalbain zeigte mit einem eigenen Kopfnicken in die Richtung der beiden Ensigns, dass er sich ihrer Position bewusst war, wandte sich danach zu Emanuele und sagte: „Lieutenant, ich denke, wir wären soweit.“
              Dupuis und Grayson richteten ihre Waffen auf Koch, Emanuele zielte weiterhin auf Beth. Donalbain bewegte sich um den Schreibtisch herum und gemeinsam mit Emanuele, Dupuis und Grayson bewegten sie sich auf die Tür zu. Diese öffnete sich und ließ die vier Männer hinaus auf die Brücke. Nachdem die Tür sich geschlossen hatte zielte Emanuele auf die Schalttafel daneben und sorgte mit einem schwachen Schuss dafür, dass Beth ihnen nicht so bald in die Quere kommen konnte. Donalbain wandte sich an die inzwischen völlig verwirrte Brückenbesatzung. „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Admiral Refa mich meines Kommandos enthoben hat, nachdem ich seinen Befehl, eine Millionenstadt aus dem Weltraum aus zu beschießen und somit Millionen von Opfern in Kauf zu nehmen, verweigert habe. Ich gedenke jedoch nicht, mich deswegen vor ein Kriegsgericht stellen zu lassen, welches sich momentan wohl lediglich aus Hardlinern am Rande des Fanatismus zusammenstellen würde. Lieutenant Commander Emanuele und die Ensigns Dupuis und Grayson haben sich mir angeschlossen, gemeinsam werden wir auf den Planeten fliehen. Wer sich uns anschließen möchte, ist willkommen. Wer uns aufhalten will, wird mit Gegenwehr rechnen müssen.“ Erwartungsvoll blickte er in die Gesichter der Besatzungsmitglieder.
              Lieutenant Matheson schnallte sich als erster von seinem Sessel. „Ich komme mit Ihnen, Captain!“ Er gesellte sich zu der Gruppe hinzu, wandte sich dann erwartungsvoll an Lieutenant Kaneko. „Was ist mit dir, Shinji?“
              Der Steuermann der CAWDOR atmete tief durch, wandte schließlich seinen Blick ab. „Ich kann nicht.“
              Donalbain nickte. Er wandte sich an seine Leute: „Gehen wir!“ Gemeinsam machten sich die Befehlsverweigerer von der Brücke.

              Beth blickte Koch an. „Welche Ihrer Kameraden beurteilen Sie als unbedenklich?“
              Der junge Sicherheitsmann dachte einen Moment nach. „Marsh, McCormick,“ begann er aufzuzählen, während er gedanklich noch nach weiteren Kandidaten suchte. „Broflovski, Stotch, Williams ...“
              „In Ordnung, kontaktieren Sie sie und geben Sie ihnen Anweisung, Donalbain und die anderen aufzuhalten.“
              „Aye, Sir,“ bestätigte Koch. Doch als er den Telepathen benutzen wollte, wurde er herb enttäuscht. „Mein Telepath scheint nicht zu funktionieren, Sir.“
              Beth versuchte es mit seinem, doch auch sein Telepath reagierte nicht. „Verdammt!“

              „In Ordnung, Beth wird sicher bald das ganze Sicherheitsteam auf uns angesetzt haben,“ meinte Emanuele, als sich die Gruppe auf den Lift zu bewegte.
              „Nein, Sir, dass kann er nicht,“ entgegnete Matheson. „Ich habe die Telepathen von Commander Beth und Ensign Koch, sowie die Kommunikationswege der Brücke deaktiviert.“
              „Und da wir schon bis zum Treffen mit Beth nicht wussten, dass Sie Ihres Postens enthoben wurden,“ bemerkte Dupuis, „wird wohl der Rest des Schiffes keine Ahnung haben.“
              „Großartig,“ sagte Donalbain. „Dann wird es wenigstens keine Konfrontation mehr geben.“

              Koch brachte die Sprengladung in der Mitte der Tür an. „In Deckung, Sir!“
              Kurz darauf wurde die Tür aufgesprengt, der Weg zur Brücke war frei. Beth stürmte hinaus. „Haben Sie Kontakt zum Rest des Schiffes?“ fragte er in die Runde.
              „Nein, Sir,“ meldete Kaneko. „Matheson hat sich dem Captain angeschlossen und offenbar den Nachrichtenverkehr behindert.“
              Beth schnaufte frustriert. „Sie wollen mit einem Shuttle zum Planeten runter. Koch, suchen Sie jemanden, dessen Telepath funktioniert, und sorgen Sie dafür, dass sich Lieutenant Brandhorst und seine Leute bereit machen!“
              „Aye, Sir,“ bestätigte Koch und machte sich auf den Weg.

              Nach fünfzehn Minuten hatten Donalbain und seine Leute das Hangar erreicht. Commander Kathy Troy und einige ihrer Leute warteten bereits. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Kathy,“ sagte Donalbain anstelle einer Begrüßung.
              „Immer,“ erwiderte die Chefingenieurin. „Ich hoffe, der Befehl war wirklich so haarsträubend, sonst kannst du was erleben.“ Ihr Blick fiel auf Emanuele, Matheson und die beiden Ensigns. „Du hast dir tatsächlich noch Verstärkung geholt.“
              „Ich habe eben gute Leute in meiner Crew.“
              „Ich auch! Die Jungs und Mädels hier wollen uns ebenfalls begleiten.“
              „Solange im Shuttle genug Platz ist, ist mir jeder willkommen.“ Er hob seine Stimme: „Und jetzt alle Mann an Bord! Wir wollen so schnell wie möglich auf dem Planeten sein.“

              Das Shuttle war nur wenige hundert Kilometer weit gekommen, als die Jäger starteten. „In Ordnung, wir wollen die Leute möglichst lebend an Bord holen,“ sagte Brandhorst an seine Untergebenen. „Zielt also möglichst auf den Antrieb und die Waffensysteme, aber nicht auf die Energieversorgung!“ Er wusste, das war viel verlangt, denn die Energiebatterien des Shuttles lagen ziemlich nah am Antrieb.

              „Wir bekommen Gesellschaft,“ bemerkte Emanuele, welcher auf dem Co-Pilotensitz saß. „Die Alpha-Staffel, Brandhorsts Leute.“
              „Verdammt, wir wollen keinen Kampf,“ meinte Donalbain. „Matheson, können Sie Kontakt mit den Jägern herstellen?“
              „Aye, Sir! Meine Vertretung wird sowieso nicht in der Lage sein, das Signal zu stören, die werden immer noch den Schaden, den ich verursacht habe, beheben müssen.“ Der Kommunkationsexperte drückte einige Knöpfe. „Verbindung steht, Captain!“

              Brandhorst behielt die Sensoren im Auge. „In Ordnung, wir sind in wenigen Sekunden in Schu...“ Weiter kam er nicht, denn ein Telepathenruf unterbrach ihn.
              „Hier spricht Malcolm Donalbain, ehemaliger Kommandant der CAWDOR. Ich wurde meines Postens enthoben, weil ich einen Befehl verweigerte. Dieser Befehl sah vor, dass die CAWDOR eine Stadt mit knapp 3 Millionen Zivilisten vom Weltraum aus angreifen sollte, um einige hundert Rebellen unschädlich zu machen. Wenn Sie der Ansicht sind, dass dieser Befehl rechtens war, so setzen Sie Ihre Verfolgung unseres Shuttles fort. Sind Sie anderer Meinung, so wägen Sie gut ab, was Sie nun tun. Helfer sind uns willkommen, aber Sie sollten sich der Folgen Ihres Handelns bewusst sein.“
              Brandhorst stockte der Atem. War das wahr? Er konnte es kaum glauben. Andererseits war der Captain in letzter Zeit stets in depressiver Stimmung. Wenn Martin Beth ihm die Wahrheit erzählt hatte, litt der Captain geradezu unter Paranoia. Er fasste den Entschluss, sich an seine Befehle zu halten. Er vertraute Martin. Und für den Fall, dass Donalbain doch recht haben sollte, so war es wenigstens nicht sein Fehler. „An alle Jäger, hört nicht auf Donalbain! Wir fahren fort wie befohlen.“
              „Negativ, Sir,“ antwortete einer der Piloten. Alpha-8, Klaus Thorstein. „Donalbain ist seinem Gewissen gefolgt, ich hätte an seiner Stelle ebenso gehandelt.“
              „Sie haben Ihre Befehle, Thorstein!“
              „Dann werde ich eben jetzt so handeln, wie Donalbain; ich verweigere die Befehle!“
              „Ich ebenso,“ meldete sich ein weiterer Pilot, kurz darauf ein weiterer. Alpha-4, -12.
              Bald musste Brandhorst feststellen, dass gut ein Drittel seiner Piloten die Seiten gewechselt hatten, drei weitere Piloten hatten angekündigt, passiv zu bleiben. „Es reicht,“ schrie er regelrecht über Telepathen. „Feuer frei!“
              Nun entbrannte der Kampf.

              „Was zum Teufel ist da los?“ Commander Beth starrte durch die Sensorenanzeige. Die Alpha-Staffel beschoss sich gegenseitig.
              „Sir,“ meldete Ensign Robertson. „Telepathenfunk wieder voll einsatzbereit!“ Der kurzfristig zum neuen Kommunikationsoffizier beförderte Ensign überreichte Beth einen neuen Telepathen.
              „Verbinden Sie mich mit Brandhorst!“ Kurz darauf hörte Beth Brandhorsts Stimme in seinem Kopf, der Pilot schien ziemlich beschäftigt zu sein. „Thomas, verdammt, was ist da draußen los?“
              „Donalbain hat eine kleine Rede gehalten,“ erwiderte Brandhorst. „Daraufhin ist ein gutes Drittel meiner Staffel auf seine Seite gewechselt.“
              „Thomas, er darf uns nicht entkommen!“
              „Wir tun, was wir können, aber das Shuttle entfernt sich immer weiter. Und das kann auch noch schießen!“
              Beth verkrampfte seine Finger im Geländer der Brücke. Ensign Huang, welche die taktische Konsole bediente, fragte er: „Können wir von hieraus irgendwas tun?“
              Die Chinesin schüttelte den Kopf. „Negativ, Sir! Die Jäger sind zu klein, und das Shuttle ist zu weit entfernt für unsere leichten Geschütze.“
              Der neue Kommandant schloss die Augen. Über Telepath suchte er erneut Kontakt zu Brandhorst: „Thomas, wie ist der Stand?“
              Keine Antwort.
              Beth blickte auf die Sensorenanzeige. Alpha-1 wurde nicht mehr angezeigt. Er blickte zu Huang hinüber. Ihr Blick bestätigte seine Befürchtung.
              „Sir, Alpha-1 wurde durch einen Treffer des Shuttles zerstört.“
              Beth drehte sich zum großen Sichtfenster und starrte in die Leere. Thomas. Er war nicht mehr da draußen. „Machen Sie die großen Geschütze feuerbereit!“
              „Sir,“ stieß die junge Frau an der taktischen Konsole entsetzt aus. „Ein Treffer würde das Shuttle vernichten.“
              „Er darf nicht entkommen,“ sagte Beth gepresst.
              Huang zögerte, um nach wenigen Augenblicken die taktische Konsole zu verlassen. „Nein, Sir!“
              Beth starrte sie an, sein wutentbranntes Gesicht jagte ihr einen Schauer über den Rücken. „Nein?! Sie verweigern einen direkten Befehl?“
              „Das auf dem Shuttle ist immer noch der Captain,“ versuchte Huang sich zu rechtfertigen.
              „IST ER NICHT!“ schrie Beth sie an. „Donalbain hat eine Alpha-Order missachtet, die Space-Force verraten, mehrere Offiziere zur offenen Meuterei angestiftet und gerade eben einen seiner eigenen Offiziere getötet! Das ist nicht mehr Ihr Captain! Das ist ein Verräter! Ein Mörder! Und wenn Sie sich nicht in fünf Minuten auf dem Weg zum Kriegsgericht befinden wollen, dann kehren Sie auf Ihren Posten zurück und feuern auf dieses verdammte Shuttle!“
              Die Ensign schluckte, zwang sich an die Konsole zurück und warf einen Blick auf die Sensoren. „Das Shuttle ist in die Atmospäre eingetreten. Eine klare Anzeige ist nicht mehr möglich, Sir!“ Sie hob den Blick und sah zu Beth. Mit geradezu ängstlicher Stimme sagte sie: „Tut mir Leid. Wir können sie nicht mehr erwischen.“
              Beth wandte sich wieder dem Sichtfenster zu und starrte zum nahen Planeten hinunter.
              Doch damit war es noch nicht vorbei. Donalbain hatte nicht nur eine Alpha-Order verweigert, sondern Mitglieder der Besatzung in Gefahr gebracht. Das Leben der Leute, die er hatte verführen können war besiegelt. Mehrere Piloten waren tot. Und Thomas Brandhorst. Der junge Lieutenant, der zu Beths bestem Freund an Bord geworden war. Der junge Hitzkopf, der nur dem Wohl der Galaxis dienen wollte, die er so häufig nicht verstand.
              Nein, damit war es noch nicht vorbei. Beth wusste, er würde Beth jagen. Er würde ihn kriegen. Und er würde ihn zur Verantwortung ziehen.

              In der nächsten Episode: „The air-drawn Dagger“
              Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
              Stalter: "Nope, it's all bad."

              Kommentar


              • #8
                RAUMSCHIFF CAWDOR
                von Kai Brauns

                Episode VIII: The air-drawn Dagger

                Seit drei Monaten saßen sie mit ihrer Raumfähre nun versteckt im Dschungel. Malcolm Donalbain und Kathy Troy saßen unter einem Baum in der Nähe der Fähre und sahen stumm in den Nachthimmel hinauf. Unzählige Sterne waren in dieser klaren Nacht zu sehen. Einer davon bewegte sich. Ein Raumschiff. Da man es von der Planetenoberfläche aus sehen konnte wohl relativ groß, mit größter Wahrscheinlichkeit ein Schiff der Space Force. Donalbain fragte sich, ob es die CAWDOR sein könnte.
                „Was meinst du,“ unterbrach Troy die Stille, „wie lange es dauert, bis sie uns finden?“
                Donalbain atmete tief ein und dachte über die Frage nach. „Ich weiss nicht. Da wir die Hauptenergie der Fähre nicht nutzen, müssen sie das Gebiet auf die langwierige Art durchsuchen. Dann ist da noch dieser Krieg, der die Leute ziemlich auf Trab hält. Wir dürften noch einige Monate in Sicherheit sein. Wenn wir kein Pech haben.“
                „Und wenn sie Emanuele nicht erwischen,“ merkte die Ingenieurin an.
                Donalbain nickte. „Ja, aber dieses Risiko müssen wir eingehen. Hier auf Beren 5 können wir nicht viel ausrichten. Selbst, wenn wir Sympathisanten finden und uns den Rebellen anschließen würden, würde es nicht wirklich etwas ändern.“ Der Mann stand auf und streckte sich. „Wir müssen es irgendwie an die Öffentlichkeit bringen. Wir müssen irgendwelche Journalisten kontaktieren, damit die Menschheit erfährt, wie weit man wegen einem kleinen Sieg geht. Und diese Journalisten werden wir hier nicht finden.“
                „Weil die Space Force die Journalisten im Kriegsgebiet sorgsam auswählt.“
                „Genau,“ bestätigte Donalbain. „Wir müssen jemand Unabhängigen erwischen. Und dazu müssen wir in den Raum der Alliance zurück.“

                Captain Martin C. Beth starrte durch das Sichtfenster auf den Planeten hinunter. Der grüne Kontinent über dem die CAWDOR verharrte war die Region des Planeten, wo die meisten Kampfhandlungen stattfanden. Die Wälder boten den Guerilla-Kriegern der Rebellen gute Chancen. Und irgendwo dort unten war die Fähre von Donalbain zuletzt geortet worden. Das war drei Monate her. Seitdem hatten sie keine Spur von den Verrätern.
                Seit drei Monaten war Thomas tot. Getötet von dem Mann, dem er bis kurz zuvor gedient hatte. Beth krallte seine Finger noch immer um die Armlehnen seines Sessels wenn er daran dachte. Inzwischen hatte sich Donalbain wohl mit den Rebellen verbündet. Mit seinem Wissen konnten die Kollektivisten großen Schaden anrichten. Der neue Kommandant der CAWDOR schloss die Augen und versuchte, die Anspannung loszuwerden.

                Matheson saß im Cockpit der Raumfähre und stellte den Funk ein. Es war Zeit für Emanueles täglichen Bericht. Der Kommunikationsfachmann legte einen letzten Schalter um und konzentrierte sich dann auf seinen Telepathen. „Matheson an Emanuele, was gibt’s heute?“
                Im Kopf vernahm er die Stimme des Franzosen: „Hier Emanuele! Hol den Captain, ich habe eine wichtige Nachricht.“
                Matheson kontaktierte Donalbain mit einem seperaten Telepathensignal und schaltete dann auf Konferenzfunk.
                „Ich habe gestern abend Kontakt zu einer Gruppe von Rebellen bekommen,“ erzählte Emanuele. „Außerdem scheint es ein paar Sympathisanten im Lager 29 zu geben, die uns helfen wollen. Sie bleiben aber erstmal auf ihrem Posten, es dürfte hilfreich sein, Insider auf unserer Seite zu haben.“
                „Sehr gut, Laurent,“ lobte Donalbain erfreut. „Das sind gute Nachrichten.“
                „Sir,“ fügte Emanuele hinzu. „Da ist noch etwas. Der Anführer der Rebellen ... er hat etwas über Kalarp gesagt.“

                „Wir sollten nochmal versuchen, Kontakt zu Beth aufzunehmen,“ meinte Kathy. „Er ist ein guter Mann, er weiß nur nicht, was wir wissen.“
                „Er weiß es,“ entgegnete Donalbain. „Kathy, ich habe ihm von dem Befehl erzählt und er war immer noch auf der Seite von Refa und den Führern der Space Force.“
                „Er hat andere Erfahrungen gemacht als wir. Dafür kannst du ihn nicht verurteilen. Wir müssen ihm die Augen öffnen.“
                Donalbain setzte sich mit finsterer Miene neben seine Freundin an den Baum. „Selbst wenn er auf uns hören würde, es wäre ein viel zu großes Risiko. Priorität hat, unser Wissen an die Öffentlichkeit zu bringen.“
                „Beth könnte uns vielleicht dabei helfen.“
                Donalbain seufzte. „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Du hast von Brandhorst gehört. Er und Beth waren enge Freunde, und wenn Beth uns für den Tod von Brandhorst verantwortlich macht, wird er unseren Argumenten gegenüber taub sein.“
                „Du unterschätzt ihn,“ meinte Kathy.
                Malcolm legte den Kopf in den Nacken und erblickte den sich bewegenden Stern am Nachthimmel. „In vier Tagen landet die MACDUFF im Lager 29. Die Rebellen und unsere Freunde dort haben zugestimmt, uns bei der Kaperung behilflich zu sein.“
                „Die MACDUFF ist alt,“ bemerkte die Frau. „Aber sie müsste einen funktionstüchtigen Sprungtorprojektor haben.“

                Laurent Emanuele blickte durch das Nachtsichtgerät in Richtung Lager 29. Es war später Abend, es waren etwa zehn Wachen auf Patrouille, zwei weitere befanden sich im Wachzentrum und behielten die Bilder der Sicherheitskameras im Auge. Sechs der Patrouillengänger waren Verbündete, die sich extra heute abend hatten einteilen lassen. Von den Zweien im Wachzentrum war einer ein Verbündeter, der den anderen mit einem Schlafmittel im Getränk außer Gefecht setzen sollte. Über Telepathen erfragte Emanuele die Uhrzeit. 23.34 Uhr TA-Standardzeit. In einer Minute würde es soweit sein. Er wandte sich um und sah zu dem Golluer hinüber. Über Telepathen sandte er ihm das Zeichen. Der Golluer bestätigte, und mit ihm die gesamte Rebelleneinheit. Einer der Vorteile des Kollektivismus lag in der sehr gut koordinierten Ausführung der Pläne. 23.35 Uhr. Plötzlich kamen aus allen Himmelsrichtungen Golluer auf das Lager heran gestürmt. Dabei waren sie derart leise, dass auch die vier Wachen, die nicht mit im selben Boot saßen, keinen Alarm schlugen. Mit unglaublichem Geschick wurden die vier feindlichen Wachen aus dem Verkehr gezogen. Noch war alles vollkommen still.
                Nun trat einer der verbündeten Wachmänner, Private Maggin, an die Einstiegsluke der MACDUFF heran. Über Telepathen bekam Emanuele alle Eindrücke Maggins mit, und er gab ihm genaue Anweisungen, wie er die Luke öffnen konnte, ohne die Besatzung zu wecken.
                Als die Luke offen war gingen die Golluer zu erst an Bord, da sie kaum Geräusche machten und die Besatzung somit überraschen konnten.
                Schließlich kam auch Emanuele ins Lager. Noch immer war alles vollkommen still. Gemeinsam mit Maggin und den anderen Menschen besetzte er die wichtigsten Arbeitsstationen an Bord der MACDUFF, die Golluer verließen das Schiff. Emanuele startete das Triebwerk.
                Jetzt war im Lager die Hölle los. Die Soldaten stürmten aus ihren Wohncontainern und wurden von den Rebellen empfangen.
                Emanuele beeilte sich, so schnell wie möglich zu starten. Endlich hob die MACDUFF ab und machte sich mit hoher Geschwindigkeit davon.
                Etwa zwei Kilometer über der Planetenoberfläche kam es zum Rendezvous mit der Raumfähre, in welcher Donalbain und die anderen saßen.

                „Captain,“ rief Lieutenant Reynolds, die neue Kommunikationsoffizierin. „Wir bekommen eine Meldung von Lager 29. Es wurde angegriffen, der dort stationierte Frachter MACDUFF wurde gekapert.“
                Beth horchte sofort auf. „Wo befindet sich die MACDUFF nun?“
                „Koordinaten 623-221-935, Höhe stetig steigend,“ meldete Lieutenant Commander Lang. „Sie wollen offenbar den Planeten verlassen.“
                „Es sind keine gewöhnlichen Rebellen an Bord,“ folgerte Beth. „Wenn sie den Planeten verlassen, in einem Frachter ohne großartige Kampfausrüstung, dann wollen sie in den Hyperraum eintreten.“ Sofort war dem Captain klar, wer sich an Bord der MACDUFF befand. „Bringen Sie uns auf Rendezvous-Kurs, Kaneko! Lang, machen Sie die Gefechtsstationen einsatzbereit!“

                Donalbain saß festgeschnallt am Steuerpult auf der Brücke der MACDUFF als der Frachter die Exosphäre hinter sich ließ. „Kathy, wie lange brauchst du bis der Sprungtorprojektor soweit ist?“
                „Noch etwa fünf Minuten, Mal,“ erwiderte die Ingenieurin.
                „Die werden wir vielleicht nicht haben,“ meldete Emanuele von der taktischen Station aus. „Die CAWDOR ist auf Abfangkurs.“
                „Ausgerechnet,“ stieß Donalbain aus.
                „Mit unserer Bewaffnung sind wir hoffnungslos unterlegen,“ sprach Kathy das Offensichtliche aus.
                „Aber wir kennen die CAWDOR. Und wir kennen ihre Schwachstellen.“
                „Der Captain hat recht,“ stimmte Emanuele zu. „Wir werden keinen siegreichen Kampf führen können, aber wir können sie sicherlich lange genug hinhalten, um in den Hyperraum zu kommen.“
                „Wir könnten versuchen, mit Beth zu reden,“ warf Kathy ein.
                Donalbain schnaufte widerwillig. „Es kann nicht schaden. Matheson, stellen Sie mir einen Kontakt zur Brücke der CAWDOR her!“

                Captain Beth starrte wie besessen auf den kleinen beweglichen Punkt, als der die MACDUFF sichtbar war. „Ziel erfassen,“ befahl er. „Warnschuss abgeben.“ Er beobachtete, wie ein Plasmafeuer in Richtung der MACDUFF verschwand. „Reaktion?“
                „Sie rufen uns, Sir,“ meldete Reynolds.
                Beth atmete tief durch. „Geben Sie sie mir direkt!“

                „Kontakt ist hergestellt, Captain,“ meldete Matheson.
                „Beth,“ sandte Donalbain das Signal. „Hier ist Donalbain. Wir sind auf dem Weg ins Territorium der Terran Alliance.“
                „Das kann und werde ich nicht zulassen,“ kam Beths Antwort. „Wir haben Befehl, Sie aus dem Verkehr zu ziehen. Und in den letzten Stunden sind nur noch mehr Anklagepunkte dazugekommen.“
                „Beth, hören Sie mir zu! Ja, ich habe den Befehl verweigert, Kalarp anzugreifen. Aber genau das war der Plan.“
                „Was meinen Sie?“
                „Wir haben mit den Rebellen gesprochen. Sie hatten nie einen Stützpunkt in Kalarp. Die Daten des STI waren falsch, wenn es sie überhaupt gegeben hat. Verstehen Sie, es war Refa. Er hat schon vorher bemerkt, dass ich kritische Fragen stellte, er hatte mich im Verdacht, mit den Rebellen zu sympathisieren, und deshalb gab er mir einen Befehl von dem er wusste, dass ich ihn nicht ausführen würde.“

                Beth schüttelte den Kopf. „Donalbain, selbst wenn wir annähmen, dass die Rebellen mit denen Sie gesprochen haben die Wahrheit sagten, Ihre Taten in den letzten Monaten zeigen, dass Refa Ihrem Szenario nach vollkommen Recht hatte.“ Er ballte die Hand zu einer Faust. „Sie haben mehrere Besatzungsmitglieder zum Verrat angestiftet. Ihre Flucht hatte die Tode mehrerer Jägerpiloten zu Folge, und in den letzten Stunden haben Sie den Rebellen geholfen Lager 29 anzugreifen und dabei laut letzten Informationen 324 Soldaten zu töten.“

                Donalbain schluckte. „Ich hätte Millionen Zivilisten töten müssen, Beth.“ Er blickte zu Kathy Troy hinüber. Ihr Gesicht zeigte große Sorge. Er hasste es, ihr Gesicht in Sorge zu sehen. „Wir werden uns nicht verhaften lassen.“

                „Wie Sie wünschen,“ sagte Beth mit einem kalten Ton. Er wandte sich Lang zu und gab ihr das Signal zum Feuern.

                Die MACDUFF bebte. „Schadensbericht,“ brüllte Donalbain.
                „Wir haben Deck 7 verloren,“ erwiderte Emanuele. „Nur Frachthallen, keine größeren Schäden.“
                Donalbain wandte sich seiner Freundin zu. „Wie lange braucht das Sprungtor noch?“
                „160 Sekunden,“ erwiderte sie außer Atem.
                Plötzlich wurden sie erneut getroffen. Der Treffer verursachte einen Kurzschluss in der Projektorkontrollstation. Es gab eine Explosion, Donalbain duckte sich weg. Seine Ohren dröhnten, Rauch stieg ihm in die Nase und brachte ihn zum husten. Er öffnete die Augen, anfangs sah er noch verschwommen. Die Hauptbeleuchtung war ausgefallen, Feuer sorgte für ein verwirrendes Spiel aus Licht und Schatten. Malcolm sah hinüber zur Projektorkontrolle. Sie war völlig zerstört. Damit hatten sie keine Chance mehr, ein Sprungtor zu öffnen. Plötzlich wurde Donalbain klar, dass Kathy nicht mehr am Terminal saß. Sie hatte aber dort gesessen als ... Panisch blickte Malcolm Donalbain sich um. Und dann fand er sie. Ihr Körper schwebte mitten im Raum. Die rechte Seite ihres Körpers wies schwere Verbrennungen auf, an ihrer Stirn klaffte eine tiefe Wunde. Donalbains Herz setzte einen Moment aus. Sie war tot. Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Sie hatten keine Chance mehr auf eine erfolgreiche Ausführung ihrer selbst auferlegten Mission. Seine älteste und beste Freundin war tot. Und Beth, der Mann für den Kathy sich eingesetzt hatte, an den sie geglaubt hatte, war es gewesen, der die Salve befohlen hatte. In seinem Kopf setzte sich ein Plan fest. Auf der unteren Seite nahe dem Heck, etwa auf Höhe von Deck 36, befand sich eine Schwachstelle der CAWDOR, eine direkte Verbindung zum Antimaterie-Reaktor. Wenn man diesen Punkt schwer genug treffen würde, wäre das Schiff nicht mehr zu retten. Doch mit der Bewaffnung der MACDUFF wäre kaum der nötige Schaden anzurichten. „Emanuele,“ rief er in die Dunkelheit der Brücke hinein.
                „Hier, Captain,“ hustete der Franzose.
                „Schnappen Sie sich Matheson und wer sonst noch am Leben ist und steigen Sie in die Rettungskapseln!“
                Emanuele zögerte einen Augenblick. Er ahnte, was der Mann, den er noch immer respektvoll „Captain“ nannte, vorhatte. Und er wusste, dass ihre Situation zu aussichtslos war, um ihn auf die Schnelle umzustimmen. „Aye, Captain!“ Er salutierte und löste daraufhin die Gurte seines Sitzes.

                Beth starrte auf die nun deutlich nähere MACDUFF, die regungslos im All schwebte. „Bericht,“ forderte er.
                „Wir haben den Sprungtorprojektor getroffen, Sir,“ meldete Lang. „Totalausfall, sie können kein Sprungtor mehr öffnen. Außerdem Schäden auf der Brücke.“
                „Gut,“ meinte Beth. „Dann können sie nicht mehr entkommen. Langsam nähern, Kaneko!“
                „Aye, Sir,“ gab der Japaner zurück.
                Nach einigen Minuten begannen kleinere Teile des Frachters, sich zu lösen. „Rettungskapseln lösen sich, Kurs auf den Planeten,“ meldete Lang.
                „Geben Sie auf der Oberfläche Bescheid, die sollen die Kapseln abfangen,“ befahl Beth kühl.
                Commander Lang war auf einmal verdutzt. „Sir, die MACDUFF nimmt wieder Fahr auf.“
                Beth nickte. „Es ist also noch jemand an Bord. Reynolds, Kontakt wiederherstellen!“

                Malcolm Donalbain steuerte die MACDUFF mit immer höherer Geschwindigkeit auf die CAWDOR zu. Plötzlich bekam er einen Telepathensignal von seinem einstigen Schiff.
                „Donalbain, Sie sind noch da?“ Die Stimme Beths hatte beinahe einen sadistischen Klang. Malcolm antwortete nicht. „Kommen Sie, wir empfangen noch das Identifikationssignal Ihres Telepathen, wir wissen, dass Sie noch da sind und diesen alten Kahn steuern. Sie haben keine Chance mehr, geben Sie auf!“
                Tränen begannen über das Gesicht des einstigen Helden der Space Force zu laufen als er das Schiff unter die CAWDOR manövrierte.
                „Donalbain, Sie können uns nicht entkommen, und es ist allein meine Gutmütigkeit, die mich daran hindert, die Vernichtung Ihres Schiffes zu befehlen.“
                „Gutmütigkeit?!“ Donalbain musste fast lachen, als er über dieses Wort nachdachte. „Sie haben Recht, ich kann Ihnen nicht entkommen, und deshalb wollen Sie es noch hinauszögern. Sie wollen es genießen, um vielleicht etwas Genugtuung zu empfinden, denn ich habe ja ihren Freund getötet.“ Er steuerte auf Deck 36 zu. „Nun, ich bin nicht allein hier an Bord. Bei mir ist... die Leiche von Kathy Troy. Ihre Salve hat sie getötet.“
                „Donalbain, ich ..:“ Beth klang ehrlich geschockt. Doch das konnte nur geheuchelt sein. Er war ein hoher Offizier der Space Force, natürlich wusste er, dass bei einem solchen Kampf Opfer zu beklagen waren. Und seine nächsten Worte klangen auch deutlich weniger mitleidig: „Malcolm, was haben Sie vor?“
                „Ich habe die CAWDOR zwei Jahre lang kommandiert, Martin.“ Die MACDUFF näherte sich der Außenhülle des größeren Schiffes. „Ich kenne Ihre Stärken. Und ich kenne Ihre Schwächen.“
                Mit voller Fahrt rammte die Spitze der MACDUFF in Deck 36 nahe dem Heck des großen Zerstörers hinein. Donalbain sah durch das Sichtfenster Teile der Außenhülle beider Schiffe davonschleudern. Und die Hülle der CAWDOR kam immer näher. In diesem Augenblick fielen ihm die Mönche von Philion ein. Dann kam die Hülle. Dann schwarz.

                In der nächsten Episode: „To gain our Peace“
                Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
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                • #9
                  RAUMSCHIFF CAWDOR
                  von Kai Brauns

                  Episode IX: To gain our Peace

                  Captain Martin Christopher Beth saß in einer Rettungskapsel und starrte an die ihm gegenüberliegende Wand. Zu seiner Rechten ließ ein Sichtfenster erkennen, wie sie sich immer weiter von der CAWDOR entfernten. Plötzlich gab es auf der Unterseite des großen Zerstörers eine Explosion. Kurz darauf eine weitere. Und dann wurde das ganze Schiff von mehreren Explosionen geschüttelt, welche zu einer großen Explosion zusammenwuchsen. Die CAWDOR war zerstört.

                  Refa stand vor einem Sichtfenster, die Aussicht änderte sich wegen der Drehung zur Erzeugung der Zentrifugalkraft ständig.
                  Für Beth war die Stille fast unerträglich. Die ganze Zeit musste er an Donalbains Worte denken.
                  „Ein Spezialtrupp des STI hat die Überlebenden der MACDUFF abgefangen,“ unterbrach der Admiral abrupt die Stille. „Leider lehnten sie es ab sich zu ergeben.“
                  Beth starrte seinen Vorgesetzten ungläubig an. Emanuele wäre es vielleicht noch zuzutrauen gewesen, mit erhobenen Fahnen unterzugehen, aber Matheson und die anderen?!
                  „Es ist natürlich schade, dass wir keine Zeugen haben,“ setzte Refa erneut an. „Sie hätten uns sicherlich etwas Licht in die ganze Sache bringen können. Wir hätten sehen können, welche Fehler wir gemacht haben, und wie wir sie in Zukunft vermeiden könnten.“ Er drehte sich um und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Sein Blick ruhte erwartungsvoll auf dem jungen Captain.
                  „Sir, ich muss Ihnen eine Frage stellen.“ Beth nahm seinen ganzen Mut zusammen. „Donalbain erzählte, er habe Kontakt zu den Rebellen gehabt. Er behauptete, dass es nie einen Rebellenstützpunkt in Kalarp gegeben hätte.“
                  „Offensichtlich ein Versuch der Rebellen, Propaganda gegen uns zu betreiben,“ kommentierte Refa. „Wenn es keineRebellen in Kalarp gegeben hätte, warum hätten wir es dann bombardieren sollen?!“
                  „Donalbain behauptete, es ginge um ihn,“ erzählte Beth. „Sie, Sir, hätten bemerkt, dass er dem Einsatz der Space Force kritisch gegenüberstand, und hätten ihm deshalb diesen Befehl gegeben, damit er ihn verweigern würde.“
                  „Donalbain war offenbar recht egozentrisch,“ meinte Refa. „Natürlich habe ich seine Fragen bemerkt, aber ich erwartete von ihm, seine Pflicht als Offizier der Space Force zu tun.“
                  Beth blickte den Admiral unentschlossen an. Dieser lehnte sich schließlich vor. „Martin, ich kann verstehen, dass Sie durcheinander sind. Sie haben in den letzten Monaten und gerade in den letzten zwölf Stunden sehr viel durchgemacht. Sie haben Ihren Kommandanten absetzen und schließlich bekämpfen müssen, ebenso wie einige Ihrer Kameraden. Und Sie haben Ihr Schiff verloren.“ Refa machte ein mitfühlendes Gesicht, doch irgendwie konnte er Beth nicht überzeugen. „Sie sollten vorerst eine Auszeit vom Dienst nehmen. Erholen Sie sich von den Tragödien der letzten Zeit. Besuchen Sie Ihre Familie und kommen Sie wieder auf die Beine. Wenn Sie zurückkommen, dann werden wir einen neuen Posten für Sie haben.“
                  Beth schluckte, schloss die Augen und nickte.

                  Die Botschafterin setzte eine Tasse heißen Tee vor Beth auf den Tisch. „Das ist Ichyltee von Orion 7,“ erklärte sie. „Ein Geschenk von Kanzler La'Gor. Er soll einen klaren Kopf bescheren.“
                  „Danke, Botschafterin,“ erwiderte Beth und atmete den Duft des Tees ein.
                  „Nennen Sie mich Marina,“ bat die Diplomatin. „Ihr Besuch ist sicherlich nicht dienstlich.“
                  „Nein,“ bestätigte der junge Mann. „Tatsächlich bin ich derzeit außer Dienst. Ich bin hier, um mit Ihnen über Malcolm Donalbain zu sprechen.“
                  „Ich nehme an, hinter seinem Tod steckt mehr, als in der offiziellen Version steht,“ stellte Marina Christian fest.
                  „Wie kommen Sie darauf,“ wollte Beth wissen.
                  Marina lächelte ein trauriges Lächeln. „Es steckt immer mehr dahinter.“
                  „Ihm wurde befohlen, eine Großstadt auf Beren 5 zu bombardieren, um einen Rebellenstützpunkt zu vernichten,“ erzählte der junge Mann. „Er verweigerte den Befehl.“
                  „Das steckt also hinter der plötzlichen Evakuierung von Kalarp,“ bemerkte die Botschafterin und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.
                  Beth nickte anerkennend. „Sie halten sich über den Verlauf des Krieges auf dem Laufenden, wie es scheint.“
                  „Ich bin eine der wichtigsten Diplomatinnen der Alliance,“ erinnerte Christian. „Es ist für meine Arbeit elementar, über solche Dinge Bescheid zu wissen.“
                  Auch Beth nahm nun einen Schluck von seinem Tee. Der Geschmack war bittersüß. „Donalbain gab die Informationen an die Regierung in Kalarp weiter. Und er entschied sich dagegen, sich einem Kriegsgericht zu stellen.“
                  „Verständlich,“ meinte Christian. „Man wird nicht gerne dafür bestraft, das Richtige zu tun.“
                  „War es das,“ murmelte Beth. „Das Richtige?“
                  „Er hat unzählige Unschuldige gerettet,“ erklärte die Frau. „Scheint mir sehr richtig zu sein.“
                  Beth runzelte die Stirn. „Ist es nicht etwas zu simpel?“
                  Christian nahm einen weiteren Schluck und stellte die Tasse ab. „Wenn man in diesem Universum irgendetwas richtig machen will, dann braucht man ein paar Grundsätze die simpel sind.“ Sie sah den jungen Captain mitfühlend an. „Zivilisten zu töten ist Unrecht. Natürlich könnte man überlegen, ob man ein Unrecht begehen sollte, um ein größeres Unrecht zu verhindern, aber wo würde ein solches Denken hinführen?“
                  Die Augen des Captains suchten die Ecken des Raumes nach Antworten auf unformulierte Fragen ab. „Wenn ich so darüber nachdenke ... Ich weiss nicht, ob ich anders gehandelt hätte. Wenn ich erst seinen Standpunkt kennengelernt hätte, bevor ich ihn im Kopf als Befehlsverweigerer verurteilt hatte, hätte ich ihn dennoch festnehmen wollen?“
                  Christian beobachtete Beth aufmerksam. „Ich kann nicht beurteilen, ob Sie ein guter Mensch sind,“ stellte die Botschafterin fest. „Aber Sie sind ein Mensch, der aufrichtig das Richtige tun will.“
                  Beth suchte den Blick der älteren Frau. „Ich habe Donalbain für den Tod meines besten Freundes verantwortlich gemacht. Ich hasste ihn dafür, und ich wollte mich an ihm rächen. Später habe ich eine Salve auf sein Schiff feuern lassen. Diese Salve tötete Kathy Troy. Und dafür hat er mich verantwortlich gemacht.“ Er presste die Lippen aufeinander. „Ich habe das getan, was ich für nötig hielt, und dabei kam jemand anderes ums Leben. Und vorher tat er dasselbe. Ich wollte den Tod von Troy nicht, und wenn ich ehrlich bin ist mir klar, dass auch Donalbain den Tod meines Freundes nicht wollte.“
                  Marina Christian schüttelte nachdenklich den Kopf. „Fragt sich, ob wir immer einen Schaden anrichten, wenn wir versuchen zu tun, was wir für nötig halten.“
                  „Hätte ich ihn ziehen lassen, wäre das so schlimm gewesen?“ Beth blickte nachdenklich ins Leere. „Am Ende wollte Donalbain nur noch, dass die Menschheit davon erfährt, was mit Kalarp gelaufen war. Wäre das nicht ... richtig gewesen?“
                  Einen Moment suchte Christian nach den richtigen Worten. „Einem Soldaten steht es nicht immer zu, das Handeln seiner Vorgesetzten zu beurteilen. Doch das Militär kann nur im Dienste der Bevölkerung handeln. Die Bürger sind die Vorgesetzten der Vorgesetzten. Jene, die die Wächter bewachen. Und dafür brauchen sie die Wahrheit.“
                  „Was ist die Wahrheit,“ fragte sich Beth. „Dass Kumaier von einem Einzeltäter ermordet wurde? Dass ein Komplott der Dilli für seine Ermordung sorgte? Oder war es doch eine Verschwörung innerhalb der Alliance?“

                  Als Martin C. Beth sein Quartier betrat, ging das Licht automatisch an. Müde legte er seine Jacke ab und warf sie über einen Stuhl. Er trat an das Fenster und blickte in den Weltraum hinaus.
                  „Du wirst die Antworten dort draußen nicht finden.“
                  Beth traute seinen Ohren nicht. Er hatte nicht geglaubt diese Stimme jemals wiederzuhören. Langsam drehte er sich um.
                  Der Junge war nicht gealtert, seit Beth ihn zuletzt gesehen hatte, und doch wirkte er reifer, sicherer. Sein Name war Ewan McDugall, doch alle nannten ihn nur Fairy Boy. „Wie kommst du hier herein?“ fragte Beth.
                  „Ich bin da, wo ich sein muss,“ antwortete Fairy Boy und trat einen Schritt auf den Captain zu. „Jetzt muss ich hier sein.“
                  Beth versuchte, sich zu beruhigen. „Deine Prophezeiung ist wahr geworden. Ich wurde Captain, und die Umstände haben mir nicht gefallen.“
                  „So wie es sein sollte,“ erwiderte der Junge.
                  „Es sollte nicht so sein,“ antwortete Beth. „Hunderte Menschen sind deswegen gestorben.“
                  „Es ist so gekommen und deshalb sollte es so sein,“ sagte Fairy Boy, als wäre dies die einzig nötige Erklärung. „Das Universum entwickelt sich, ist immer in Bewegung. Manchmal in eine Richtung, die uns nicht gefällt, aber es ist stets die Richtung, die es sein soll.“
                  Beth atmete tief durch. „Ich fühle mich erdrückt. Es gibt so viele Dinge, von denen ich nichts weiß. Wie kann ich bestimmen, was richtig ist, wenn ich nicht alle Informationen habe?“
                  „Du brauchst nicht alle Informationen,“ meinte Fairy Boy. „Du wirst nie alle Informationen haben, und so ist das Einzige, was du tun kannst, auf dein Gewissen zu hören.“
                  „Aber wie kann ich entscheiden, ob das was ich tue das Richtige ist?“
                  „Nach deinem Gewissen zu handeln bedeutet das Richtige zu tun,“ antwortete Fairy Boy. „Manchmal magst du nach deinem Gewissen handeln und doch Schaden anrichten, doch dein Gewissen ist die einzige Instanz auf welche du persönlich dich verlassen kannst.“
                  „Und wenn ich nicht genug Informationen habe?“
                  „Dann suche nach den Antworten auf deine Fragen. Aber wisse, dass du zu Lebzeiten nie alle Antworten finden wirst.“ Fairy Boy wollte sich umdrehen, hielt jedoch kurz inne. „Ihr hättet Antworten finden können. Wichtige Antworten. Auf Ardini 7. Doch der Krieg hat euch abgelenkt, und nun sind die Antworten von Ardini 7 verloren, bis sie euch wiederbegegnen.“
                  „Ardini 7? Die Ausgrabungsstätte? Weisst du, was wir dort gefunden hätten?“
                  „Ich habe nur die Antworten, die ich haben soll,“ antwortete Fairy Boy. „Und du hast Antworten, die alle haben sollen.“ Damit drehte er sich um und verschwand in einem Schatten.
                  Beth starrte auf die Stelle, wo er eben noch den jüngeren Mann gesehen hatte. Hatte tatsächlich stattgefunden, was er gerade erlebt hatte? Er wusste es nicht, und dennoch schien sein Kopf klar zu sein. Er blickte auf den Datenchip, der auf dem kleinen Tisch neben dem Fenster lag. Er hob ihn auf, setzte ihn in seinen Telepathen ein und begann zu diktieren: „Die CAWDOR – Eine Suche nach der Wahrheit“

                  Ende.
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                  • #10
                    Ich bin geplättet !

                    Schonmal versucht das in einem Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen?

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                    • #11
                      Zitat von Friedebarth Beitrag anzeigen
                      Ich bin geplättet !

                      Schonmal versucht das in einem Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen?
                      Wow, da ist ja ein Feedback, die bislang völlig an mir vorbei gegangen ist. Sorry, für die verspätete Reaktion, aber ich hatte mich so daran gewöhnt, hier im Forum kein Feedback zu bekommen, dass ich schon länger nicht mehr nachgesehen habe und deinen Beitrag jetzt erst durch Zufall entdeckt habe.

                      Vielen Dank für das Feedback. Dass dir die Geschichte gefallen hat, freut mich sehr.
                      Meine vorige Fortsetzungsgeschichte GOOD HOPE erschien regelmäßig im Fanzine XUN, und ich hatte anfangs gehofft, auch CAWDOR dort unter zu bringen. Leider hat mir der Redakteur kurz darauf mitgeteilt, dass es keine weiteren Fortsetzungsgeschichten im Heft geben würde, da der große Abstand zwischen den Ausgaben diesem Format nicht zuträglich sei. Allerdings wird meine jüngst auch hier im Forum veröffentlichte Kurzgeschichte GOOD HOPE II mit größter Wahrscheinlichkeit im XUN erscheinen, und ich hege auch die leise Hoffnung, dass die Redaktion für CAWDOR vielleicht doch noch ein Sonderheft springen lässt.
                      Ansonsten bin ich derzeit in den Vorbereitungen zu einem Roman, welchen ich dann auch diversen professionellen Verlegern anbieten möchte.
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                      • #12
                        Ich habe eben noch einmal die zweite Episode, "A Look into the Seeds of Time" durchgelesen, als mir ein inhaltlicher Fehler auffiel.

                        Zitat von Kai "the spy" Beitrag anzeigen
                        Schließlich traf er auf drei ungewöhnlich gekleidete Borten. Während die meisten anderen Bewohner des Palastes reich verzierte Kostüme trugen, hatten diese drei nur etwas um den Körper, was Donalbain spontan mit Ponchos verglich. Es handelte sich um Mönche von Orion 6.
                        Diese Mönche stammen natürlich nicht von Orion 6, sondern von Philion 6. Immerhin sind sie klar als Borten bezeichnet, also stammen sie natürlich nicht aus dem Orion-System. Ich bitte, diesen Fehler zu entschuldigen, leider kann ich dies in dem damaligen Posting nicht mehr korrigieren.
                        Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
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