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Schlafen. Vielleicht auch träumen

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  • Schlafen. Vielleicht auch träumen

    Captain Picard träumte.

    Nein, er war noch nicht ganz eingeschlafen.
    Er hatte noch Kontrolle über den Gedankenfluss,
    über die Traumbilder, die dahinflossen, langsam.
    Langsam, wie ein Fluss, wie damals, als er den Orinoco
    bereiste, vor unendlich langer Zeit.

    Unendlich langer Zeit, ja.

    Der Orinoco wurde zum Atlantik, damals,
    und sie hatten verflixt aufpassen müssen aufpassen,
    daß sie nicht zu weit von der Küste abgetrieben wurden.

    Wie hieß sein Begleiter noch? Ein kräftiger Bursche, Mexikaner,
    (oder Columbianer?), jedenfalls braungebrannt und wettergegerbt,
    mit strahlenden Augen und Zähnen, sprach halb Englisch
    halb Spanisch mit Picard. Wenn er den sprach, was selten war.

    Wie hieß er noch? Er konnte sich nicht erinnern.

    Picard seufzte und wurde ein wenig wacher.
    Wann hatte er den Orinoco das letzte mal wahrgenommen?

    Natürlich, bei seinen eher seltenen Besuchen auf der Erde
    hätte er den großem Fluss sehen können, vom Weltraum aus,
    und er bildete sich jedes mal ein (wenigstens eine Sekunde!),
    daß er den majestätischen Strom tatsächlich sah, ihn beachten würde.
    Nur eine Sekunde.

    Hatte er beim letzen Besuch getan?
    Oder war er wie immer zu beschäftigt gewesen?

    Die Erde. Die Erde bedeutete Raumflottenkommando, bedeutete
    meist persönliches Erscheinen vor der Runde
    der altgedienten Lamettaträgern, die es sich wieder einmal
    nicht nehmen lassen wollten, ihn zu bewundern oder zu
    beneiden, meistens beides.

    Die ihn ihren Neid spüren ließen.
    Hatten sie nicht selbst einmal eines der großen Schiffe
    kommandiert? Hatten sie nicht selbst einmal etwas bewegt?
    Jetzt bewegten sie ganze Schlachtenverbände. Aber nein,
    sie fühlten nichts mehr, denn eigentlich bewegten sie nur
    noch den Schreiber über das Papier, geduldig und endlos.
    Jetzt polierten sie die ledernen Sessel mit ihren...

    Wieder atmete Picard einmal laut, wieder wurde er etwas wacher.

    Denk nicht so! dachte Picard.
    So einfach ist es nicht, (ist es nie!) das weißt Du!

    Er dachte an Admiral Nechayev (warum?) und selbst
    im Halbschlaf mußte er lächeln.

    Ha! Nechayev. Sie war ganz sicher keine von denen!

    Nechayev die Wölfin. So wurde sie genannt, die Wölfin.
    Natürlich nur hinter vorgehaltener Hand.

    Und das passte nur allzu gut. In seiner Vorstellung
    war sie eine dieser schlanken weißen Wölfe mit den strahlend
    blauen Augen, welche die eisige Tundra durchstreiften.
    Stark, sehnig, ausdauernd, geduldig.

    Zuerst hatten sie sich verabscheut. Herrje, was hatten sie
    sich gestritten. Sie war seine Vorgesetzte, aber er war der
    Captain der Enterprise, des Flaggschiffs der Föderation!

    Nicht nur einmal hatte Picard daran gedacht beim Flottenkommando
    um einen neuen Vorgesetzten zu ersuchen. Vermutlich hätten sie
    ihn versetzt, aber das war ihm damals egal.
    Nicht nur einmal hatte er an Befehlsverweigerung gedacht.

    Erst nach unzähligen Revierkämpfen waren sie miteinander
    ausgekommen. Später sogar fast Freunde. Aber nur Fast.

    Alynna Nechayev umgab nicht nur dieser undurchdringlicher
    Panzer aus...Eis. Da war noch etwas anderes. Manchmal glaubte
    er die Gerüchte, daß sie zu Sektion 31 gehören würde, dieser
    geheimsten aller Geheimdienste, die sich das Recht nahmen
    außerhalb des Rechts zu stehen. Der Feind im Inneren.

    Aber nein, das war zu simpel, das wäre der Wölfin nicht würdig gewesen.
    Jedenfalls glaubte, hoffte!, Picard, daß Nechayevs Geheimnis nicht
    Sektion 31 hieß.

    Was immer es war, es war jetzt nicht mehr wichtig.
    Sie hatte sich verdammt noch mal bewährt während der Kriegs mit
    dem Dominion. Hatte taktisch Klug agiert, aber nie feige!

    Als der verrückte Gowron wieder einmal seine gehorsamen Klingonen
    auf Selbstmordmissionen geschickt hatte, waren von 58 klingonischen
    Schlachtschiffen nur 13 zurückgekehrt. 13 von 58.
    Und es wäre keines übriggeblieben, hätte sich die Wölfin nicht über die
    Befehle des Flottenkommandos hinweggesetzt, und die verbliebenen
    13 Klingonenschiffe herausgehauen.
    Dabei hatte sie selbst nur elf Schiffe befehligt,
    elf tapfere Crews die sich freiwillig gemeldet hatten ihr zu folgen.
    Elf Schiffe und die Klingonen gegen 113 Dominionschiffe.
    Am Ende des Tages waren es noch 61 Dominionschiffe gewesen.
    Und 8 Föderationschiffe.

    Danach wäre ihre Karriere eigentlich beendet gewesen.
    Erst als Worf Gowrons Wahnsinn mit dem Schwert beendet hatte
    und Kanzler Martok und Worf persönlich beim Oberkommando insistiert
    hatten, erst dann hatten die Lamettaträger ein einsehen gehabt.
    Statt Suspendierung und unehrenhafte Entlassung war es ein Eintrag
    in die Akte geworden. Eigentlich auch eine Degradierung, aber
    angesichts des stark reduzierten Führungspersonals, (und aller anderen!),
    hatte man auch auf die Degradierung verzichtet.

    Die Dominionkriege....

    Wieder atmete Picard schwer. Denk an was anderes! dachte er.
    Denk nicht an den verdammten Krieg!

    Denn dann würde er keinen Schlaf mehr finden, wenn er anfangen würde
    an den Krieg zu denken. Er kannte alle Zahlen, er kannte alle Fakten
    des verdammten Krieges (Die 7. Flotte zerstört, die 2. Flotte zerstört,
    unzählige Kameraden gefallen, 10 Jahre um die Klingonische Flotte
    wieder aufzubauen, 800 Millionen tote Cardassianer...).

    Er wurde böse und das konnte er sich nicht leisten.
    Morgen mußte er wieder ausgeruht und hellwach sein.
    Schwierige Verhandlungen standen bevor, wieder einmal,
    und wieder einmal mit den Romulanern.
    Nun ja, das war ein Pleonasmus, ein "weißer Schimmel":
    Romulaner waren immer schwierige Verhandlungspartner.

    Picard zwang sich an Wale zu denken. Ah, Wale...seit dem er einmal
    diese riesigen Tiere gesehen hatte, nahe der Walforschungsstation
    in Kanada, waren sie stets sein Inbegriff für Ruhe und Zufriedenheit und
    Tiefe gewesen. Natürlich gab es nur noch die mächtigen Buckelwale.
    Sie waren wieder in einiger Stückzahl vorhanden, nachdem
    Captain Kirk vor 80 Jahren ein Walpärchen aus der Vergangenheit
    mitgebracht hatte. Auch war etwas Bioengineering notwendig
    gewesen, um eine Population zu gründen. Inzwischen war das
    aber nicht mehr nötig.

    Auch dachte Picard an die gigantischen Raumwale, Kreaturen so groß wie
    kleine Monde, die seit Äonen durch das Universum zogen, auf Bahnen
    die nur sie alleine kannten. Von Sonne zu Sonne, Nebel zu Nebel,
    anmutig und still. Sie würden noch ziehen wenn die Föderation
    zu Staub zerfallen war.

    Er hörte die Geräusche der Enterprise. Im Prinzip konnte er
    die Quartierskontrollen so einstellen, daß sämtliche Geräusche
    von außen heraus gefiltert wurden. Aber er hatte schon immer lieber
    mit diesen Geräuschen geschlafen. Er hatte die wohl närrische
    Illusion, daß er erwachen würde, wenn diese Geräusche, das tiefe
    Brummen des Warpantriebs, das entfernte Seufzen der Turboschächte, das
    Murmeln und Lachen auf den Gängen, unerwartet verlöschen würden.
    Er glaubte mit ihnen besser schlafen zu können.

    Doch der Schlaf wollte nicht kommen.

    --

    Do I contradict myself? Very well, then I contradict myself. I am large, I contain multitudes. -- Walt Whitman


    If someone says: That's impossible. You should understand it as:
    According to my very limited experience and narrow understanding of reality, that's very unlikely -- Paul Buchheit

  • #2
    Hamlet. Er hat dann doch nicht den Tod gewählt - obwohl? Ahnte er, dass Polonius versteckt hinter einem Mauervorsprung war? Spielte er seinen Wahnsinn also nur? Und wie schwer musste ihm dann sein, Orphelia zurückzuweisen - auf schändliche Art.

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