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Captain Future - Rache und Reue

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  • Captain Future - Rache und Reue

    So ihr Lieben!

    Heute beginne ich hier mit einer Geschichte in Romanlänge. Ich habe diese Story schon einmal unter einem anderen Titel als Fan Fiction in einem anderen Forum veröffentlicht, wo sie sehr sehr kontrovers diskutiert wurde. Wer den Dreiteiler "Das Geheimnis der sieben Weltraumsteine" aus der Animeserie noch im Gedächtnis hat, wird hier sehr schnell den Einstieg finden, denn meine Geschichte schließt unmittelbar daran an. Dr. Kuolun und Nurara sind von der Future-Crew gestellt und gefangen genommen und nach ihrer Festnahme getrennt worden.

    Meine Geschichte führt Nuraras Weg fort. Es ist vorrangig ihre Story und hat sie als Hauptfigur. Mir ist sehr daran gelegen dies in aller Deutlichkeit hervorzuheben. Future und seine Leute sind hier eher Nebendarsteller.

    Die Geschichte hat wie gesagt Romanlänge und da es meine erste komplett zusammenhängende Story in diesem Umfang ist, gibt es hier und da vielleicht einige stilistische Unzulänglichkeiten. Während ich die Story hier reinstelle, werde ich natürlich versuchen, den einen oder anderen Klopper noch auszubügeln.

    Ich wünsche euch dennoch viel Spaß damit!




    Rache und Reue

    Kapitel 1

    Im Orbit über dem Vergnügungsplaneten


    Zischend schloss sich die Luftschleuse des Polizeishuttles, das an der Comet festgemacht hatte. Ein kurzer Ruck, der durch das Deck ging, war das Zeichen dafür, dass das kleine Schiff jetzt von der Comet ablegte.
    Seufzend drehte sich Joan Landor zu Curtis Newton um. „Meinst du, wir sind ihn jetzt endgültig los?“

    Curtis zuckte mit den Schultern. „Das will ich hoffen. Kuolun wird jetzt erst einmal zu einem Außenposten auf Io gebracht, von dort aus schafft man ihn mit einem Hochsicherheitstransport aus dem System.“

    „Wohin genau?“, wollte Joan wissen und sah den großen rothaarigen Mann mit den grauen Augen fragend an.

    „Das hat man mir nicht gesagt. Ist vielleicht auch besser so. Kuolun wird ein ordentliches Gerichtsverfahren und seine gerechte Strafe bekommen. Komm, wir haben noch einen Passagier, um den wir uns kümmern müssen.“

    Curtis legte einen Arm um Joan und drückte sie sanft von der Schleuse fort. Auf dem Weg zur Brücke kam ihnen Otho entgegen. „Wir sind startklar, Captain!“, rief der bleiche Androide gut gelaunt.

    „Gut, dann auf nach Hause! Was macht eigentlich unser Gast?“, fragte Curtis.

    Otho grinste. „Sie schäumt vor Wut und randaliert in ihrer Kabine. Ich möchte ihr jetzt nicht zu nahe kommen.“

    Curtis konnte sich ein Grinsen ebenfalls nicht verkneifen. „Die gute alte Nurara, temperamentvoll wie ich sie kenne und liebe …“ Bei den letzten Worten zogen sich Joans Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.

    „Curt!!! Ich warne dich!“, zeterte sie mit gespielter Wut. „Du hast sie schon einmal auf Händen hier an Bord getragen und sie als deine neue Freundin ausgegeben. Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich auf solche Furien stehst!!! Ich bin schwer enttäuscht von dir!“

    Joan warf den Kopf herum, ließ ihre blonde Mähne fliegen und stapfte erhobenen Hauptes vor sich hin motzend in Richtung Brücke. Otho und Curtis sahen einander an. Otho streckte die Handflächen von sich und sah seinen Captain fragend an. „Was ist mit ihr?“

    Curtis schüttelte nur den Kopf. „Ach Otho, sei froh, dass du kein Mensch bist und dir Gefühle weitestgehend fremd sind. In mancher Hinsicht verstehen Frauen einfach zu wenig Spaß. Grag hat bei Nurara alles im Griff?“

    „Aye, Captain. Wir haben alles Gefährliche und Demontierbare aus der Kabine entfernt, ein paar Staukästen könnten vielleicht Beulen bekommen, aber Nurara wird sich eher selbst weh tun als allzu großen Schaden anzurichten.“

    „Gut. Dann lass uns mal starten, wenn sie sich etwas beruhigt hat, bringt Ihr unserem Gast erst mal was zu essen, wir sind ja schließlich zivilisierte Leute.“

    Der Flug vom Vergnügungsplaneten zur Erde würde nur etwas über zwölf Stunden dauern, dann würde man sie dem Haftrichter vorführen, ihr irgendwann den Prozess machen und sie im schlimmsten Fall für lange Zeit in einem Gefängnis auf irgendeinem Hinterwäldlerplaneten einsperren. Nurara war verzweifelt, erschöpft von der Raserei in dieser kleinen engen Kabine. Ihr Makeup war verschmiert und ihr Haar verschwitzt. Sie trug immer noch das lilafarbene Abendkleid und die langen Lederhandschuhe seit sie und Dr. Kuolun im Casino festgenommen wurden. Als sie jetzt etwas zur Ruhe kam bemerkte sie, dass sie fror. Sie trug keine Strümpfe und nur die leichten offenen Schuhe. Und dieser dämliche Roboter Grag hatte tatsächlich als Vorsichtsmaßnahme die Regelung der Klimaanlage der Kabine demontiert. Sie ging zur Kabinentür und trommelte mit den Fäusten dagegen. „Hallo? Ist jemand da draußen, der hier mal die Heizung anmachen kann? Es ist kalt hier drin! Verdammt nochmal, macht endlich die Heizung an, ihr Penner!“, schrie sie und hämmerte schwer gegen das verschlossene Schott.

    Unvermittelt öffnete sich die Kabinentür und Grag stand im Rahmen. Er trug ein Tablett mit einem abgedeckten Teller, einer Karaffe Wasser und Plastikbesteck. „Der Captain meint, Sie sollten etwas essen. Ich habe etwas für Sie zubereitet.“

    Nuraras Augenbrauen bogen sich nach oben und ihre Stimme wurde höhnisch: „Ach?! Der große Held Newton lässt sich herab, seiner Gefangenen etwas zu essen zu geben? Und du Blechbüchse kannst kochen? Was ist das? Heißes Maschinenöl? Steck dir dein Essen sonst wohin!“

    Grag drückte sich mit sanfter Gewalt an Nurara vorbei und stellte das Tablett auf dem kleinen Tisch gegenüber der Koje ab. „Glauben Sie mir, es wird Ihnen schmecken. Und denken Sie nicht, dass Sie in nächster Zeit wieder so etwas Gutes vorgesetzt bekommen. Essen Sie jetzt. Der Captain schaut gleich vorbei.“ Grag wandte sich wieder zur Tür, hielt aber vor der Temperaturregelung der Klimaanlage inne. Er schaute Nurara kurz an, die ihn immer noch finster anstarrte. Er drehte sich um und zog ein kleines Bedienteil aus seiner Westentasche und steckte es auf die Kontrolltafel, wo es mit einem leisen Klick einrastete. Er stellte eine für Menschen angenehme Temperatur ein. „Machen Sie es nicht kaputt“, sagte er ohne Nurara eines weiteren Blickes zu würdigen und verließ die Kabine.

    Nurara wollte ihm noch eine unflätige Beleidigung nachrufen, aber der Roboter war schon verschwunden. Sie blickte auf das Tablett. Der Duft, der dem abgedeckten Teller entwich war zu verführerisch und sie musste sich zugestehen, dass sie tatsächlich großen Hunger verspürte. Sie hob den Deckel an und erblickte ein großes gebratenes Stück Fleisch, Gemüse und gebackene Kartoffeln. In einem kleinen Kännchen gab es Sauce dazu. Nurara seufzte. Ihre Situation war im Moment aussichtslos, ihre „Zelle“ ermöglichte offensichtlich nicht die geringste Chance zur Flucht. Immerhin hatte die Future-Crew sie seit ihrer Verhaftung gut und zuvorkommend behandelt – bis auf dieses blonde Landor-Flittchen … ihr würde Nurara irgendwann eine Spezialbehandlung zuteilwerden lassen. Sie blickte wieder auf das Tablett und sagte leise zu sich: „Was soll´s…“, zog die Handschuhe aus und legte sie ordentlich gefaltet auf dem Tisch ab. Sie zog den Stuhl zu sich und setzte sich hin, um zu essen. Der Blechkübel hatte nicht zu viel versprochen, das Gericht schmeckte sogar noch besser als es aussah.

    Nurara schob sich gerade den letzten Bissen in den Mund, als sich die Kabinentür erneut öffnete. Curtis Newton trat ein, allein und unbewaffnet. Sie blickte ihn teilnahmslos und kauend an.
    „Ich sehe, Sie haben gegessen. Wie geht es Ihnen?“, fragte er mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.

    Sie schluckte herunter und sprach leise und unheilvoll: „Wie soll es mir schon gehen? Sie haben mich hier eingesperrt, von meinem Geliebten getrennt und meine Zukunft zerstört. Wollen Sie hören, dass es mir ausgezeichnet geht und ich mit Ihnen heute Abend einen Drink in einer exklusiven Bar nehmen möchte?“

    Curtis grinste. „Das mit dem Drink lässt sich unter Umständen einrichten.“ Seine Miene wurde schlagartig ernst, bevor sie etwas erwidern konnte. „Hören Sie Nurara, Ihre Lage ist ernst und die Liste Ihrer Anklagepunkte sehr lang.“ Curtis setzte sich auf den Rand der Koje. „Ich habe mit Marshall Garnie gesprochen. Er führt in Ihrem Fall die Ermittlungen. Er sieht, genauso wie ich, noch etwas Gutes in Ihnen. Er kann etwas für Sie tun, wenn Sie kooperieren.“

    Nurara zog die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen?“, fragte sie heiser.

    „Nun“, Curtis lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er wäre jetzt ein wehrloses Ziel für einen schnellen Messerangriff, aber mit dem stumpfen Plastikmesser konnte sie nichts ausrichten, so verwarf sie ihren Gedanken. Curtis fuhr entspannt fort, als konnte er in ihrem Gesicht lesen. „Kooperieren in Ihrem konkreten Fall hieße, Sie legen ein umfassendes Geständnis ab, bekennen sich in allen Punkten der Anklage schuldig und sagen im Prozess gegen Dr. Kuolun als Kronzeugin aus. Ihre Haftstrafe würde von mehrmals Lebenslänglich auf zehn bis fünfzehn Jahre reduziert, diese sitzen Sie nicht in einem normalen Gefängnis ab sondern nehmen an einem Resozialisierungsprojekt teil. Bei guter Führung könnte man Ihnen nach drei bis fünf Jahren die Reststrafe zur Bewährung aussetzen. Sie sind noch sehr jung, Sie könnten mit Ihrem Leben noch etwas anfangen.“ Er blickte fest in ihre wasserblauen Augen. „Was meinen Sie? Können wir auf Sie zählen?“

    Nuraras Augen öffneten sich weit vor Schreck. „Sind Sie irre? Ich soll mich und mein Leben verraten?“ schrie sie. „Ich hätte Sie erschießen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte!“

    „Nurara, beruhigen Sie sich bitte. Sehen Sie doch ein, dass Sie keine andere Wahl haben …“

    „Ich habe immer eine Wahl!“, unterbrach sie ihn.

    Curtis stand auf und packte Nurara mit einem festen Griff am Handgelenk. „Hören Sie mir jetzt ganz genau zu und ich sage das nur ein einziges Mal“, raunte er und zog sie dicht zu sich heran, „ich hege keinen persönlichen Groll gegen Sie. Sie sind nicht dumm, Sie waren nur viel zu lange in zu schlechter Gesellschaft. Ich will Ihnen helfen, ein geordnetes Leben zu führen. Sie verdienen es.“

    Nurara senkte ihren Blick kurz und sah wieder zu Curtis auf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Er lockerte seinen Griff. Sie wandte sich ab und starrte zur Kabinendecke. „Wie lange habe ich Bedenkzeit?“

    „Ab jetzt 3 Sekunden.“

    „Amnestie für ein Geständnis und eine Aussage?“

    Curtis nickte. „Relative Amnestie. Wie ich es Ihnen gerade erklärt habe.“

    „Bekomme ich eine neue Identität?“

    Er winkte ab. „Das wird nicht nötig sein. Kuolun wird kein Tageslicht mehr zu Gesicht bekommen.“

    „Er wird mich töten, wenn er mich zu fassen bekommt“, antwortete die Marsianerin argwöhnisch.

    „Machen Sie sich keine Sorgen, das wird nicht passieren. Sind wir im Geschäft?“ Er reichte ihr die Hand. Langsam hob Nurara die ihre und schlug ein. „Sehr gut, ich werde gleich mit Marshall Garnie Kontakt aufnehmen, damit alles Notwendige bis zu unserer Ankunft vorbereitet ist. Sie brauchen noch einen guten Anwalt!“ Curtis drehte sich um und ging zur Tür. Er wandte sich noch einmal um und musterte Nurara von oben bis unten. „Wir haben noch etwa neuneinhalb Stunden Flug vor uns. Möchten Sie sich vielleicht frisch machen, Sie sehen etwas ramponiert aus.“

    Nuraras Gesicht hellte sich auf und zeigte erstmals aufrichtige Freude und Dankbarkeit. „Ja, das wäre schön, allerdings habe ich nichts anzuziehen.“

    „Ich werde Joan bitten, Ihnen etwas zu bringen und Ihnen die Waschräume zu zeigen. Sie wird natürlich ein Auge auf Sie werfen müssen. Lassen Sie sich aber eines gesagt sein. Sie können sich nachher unter Bewachung hier frei auf dem Schiff bewegen. Ich will auf Handschellen für Sie verzichten, als Zeichen meines Vertrauens. Sollten Sie sich aber auch nur den kleinsten Fehltritt erlauben, landen Sie wieder hier und Otho wird Sie in Eisen legen. Die Amnestie ist dann auch verspielt. Ist das klar?“

    Nurara nickte. „Vollkommen klar, Captain. Ich werde mich benehmen.“

    Curtis verließ die Kabine. Nurara starrte die verschlossene Tür noch einen Moment an, dann huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht …



    Auf der Brücke bekam Joan einen Wutanfall. „Das kann nicht dein Ernst sein, Curt! Du verlangst allen Ernstes, dass ich ihr meine Zivilkleidung gebe und diese Schlampe auch noch zum Duschen begleite? Soll ich ihr vielleicht noch den Rücken schrubben? Soll Grag das doch machen!“

    Sie verschränkte die Arme und starrte zum Brückenfenster hinaus. Grag drehte sich von der Pilotenkonsole um.
    „Das geht nicht, Feuchtigkeit bekommt mir nicht!“

    „Halt die Klappe, Grag!“, herrschte sie den Roboter an.

    „Bitte Joan“, gab Curtis zurück, „du tust es nicht für sie, sondern für mich.“

    „Ach weißt du was …“, grollte sie und stampfte wutentbrannt von der Brücke in ihre Kabine, wo sie aus einem der Schränke eine Einkaufstasche einer sehr edlen Boutique des Vergnügungsplaneten entnahm. Der Inhalt, eine kurze schwarze Lederjacke, ein ärmelloses figurbetontes T-Shirt und eine elegante dunkle Hose, hatte sie ein kleines Vermögen gekostet. Jetzt sollte sie diese schönen Sachen dieser Verbrecherin überlassen? Das zu verkraften würde eine Weile dauern. Aus dem Schiffsfundus entnahm sie die gröbste und unförmigste Unterwäsche, die sie finden konnte, dazu ein paar klobige Stiefel, die so gar nicht zu den edlen Kleidungsstücken passen wollten. Vor allem waren diese Stiefel neu und eng.
    „Das wird ihr ein paar hübsche Blasen an den Füßen verpassen!“, dachte Joan sich insgeheim. „Eine kleine Demütigung muss einfach sein …“

    Joan trat in die Kabine und fand Nurara im Schneidersitz auf der Koje hockend. „Los, kommen Sie, Waschtag!“, befahl sie barsch. „Schräg gegenüber ist die Dusche!“

    Nurara erhob sich schweigend und ging voran. Joan war versucht, ihr einen Tritt zu verpassen, unterließ es jedoch. In der Dusche warf sie Nurara die Tüte und die Stiefel vor die Füße. „Da, mit besten Wünschen der New Yorker Weltraumpolizeibehörde!“, ätzte Joan.

    Nurara schaute in die Tüte hinein und machte große Augen. „Die sind ja neu! Sie bekommen alles zurück, versprochen!“

    „Geschenkt, wenn Sie die Sachen getragen haben, kann ich sie hinterher sowieso nur noch verbrennen. Behalten Sie alles.“

    Nurara begann sich zu entkleiden. Joan starrte gebannt auf ihren makellosen, durchtrainierten Körper und ihre wohlgeformten Brüste. Nurara entging das nicht. „Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“ Sie grinste frech. „Sie sind aber auch nicht übel, Newton hat einen guten Geschmack – Joan, richtig?“

    Joan nickte. „Stimmt“, gab sie schnippisch zurück, „er hat einen sehr guten Geschmack, aber was Sie angeht und wie er sich für Sie einsetzt, lässt mich an seinem Verstand zweifeln.“ Joan machte eine kreisende Bewegung mit dem Zeigefinger an ihrer Stirn. „Was haben Sie mit ihm angestellt?“

    Nurara zwinkerte ihr zu, betrat die Duschkabine und drehte das Wasser auf. „Wissen Sie Joan“, begann sie, „ich denke, wir werden niemals Freundinnen sein, aber meinen Sie nicht auch, wir könnten uns zumindest wie erwachsene Frauen verhalten?“

    „Ich verhalte mich so, wie Sie es verdienen“, gab Joan säuerlich zurück.“

    „Joan, Sie sind kindisch! Sie leben in Ihrer kleinen naiven Schwarz-Weiß-Welt, in der es nur Gut und Böse gibt und nichts dazwischen. Sie sind der Typ Frau, die eines Tages den angeblichen Traummann heiratet, zwei bis drei Kinder bekommt und in ihrem Häuschen auf dem Land ein stinklangweiliges Leben lebt. Nach ein paar Jahren sind Sie angeödet und frustriert und fragen sich ob das alles war. Ich hingegen …“

    „Sie hingegen“, fiel Joan ihr ins Wort, „ sind eine Verbrecherin, die sich an der Allgemeinheit bereichert, eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt und skrupellos über Leichen geht. Für was halten Sie sich eigentlich? Sie gehören auf lange Zeit in einen Kerker eingesperrt bis Ihr schöner Körper so verschrumpelt ist, dass sich alle Männer vor Ihnen ekeln!“

    Nurara musste lauthals lachen. „Joan, Sie sind lustig. Sollte ich auf Bewährung rauskommen, möchte ich, dass Sie meine Bewährungshelferin werden. Wir könnten wunderbar lange und tiefgreifende Gespräche führen.“ Nurara drehte das Wasser ab und kam heraus. Joan warf ihr ein Handtuch gezielt an den Kopf. „Sehr freundlich, danke!“, gab Nurara darauf charmant als Antwort.

    „Das nächste Mal ist es was schweres, das ich Ihnen an den Kopf werfe. Nurara, ich warne Sie! Wenn Sie versuchen, Curtis irgendwie zu beeinflussen und um den Finger zu wickeln, bekommen Sie gewaltigen Ärger!“, brummte Joan unheilvoll und es war ihr anzusehen, dass sie nicht scherzte.

    Nuraras Züge wurden sanft. „Joan, Liebes“, sagte sie mit ebensolcher Samtstimme, „das brauche ich nicht. Das tut er von ganz allein. Ich habe eine Wirkung auf Männer, von der Sie nur träumen können.“ Dabei führte sie das Handtuch in besonders provokanter Art an ihren Kurven herab. Joan war innerlich am kochen. Dieses Biest war gut. Aber nicht gut genug.

    ‚Du willst Krieg? Du bekommst ihn, Süße‘, dachte sie sich. „Beeilen Sie sich, ich warte draußen!“ sagte sie und ging hinaus auf den Gang. Sie kannte das Gefühl von Eifersucht bisher nur aus Romanen. So musste es sich anfühlen. Diesem grünhaarigen Monster würde sie nicht das Feld kampflos überlassen.

    Einige Minuten später kam Nurara aus dem Waschraum. Joan bekam gleich einen weiteren Niederschlag. Die Kleider, die sie sich für teures Geld noch gestern gekauft hatte, standen Nurara offensichtlich noch viel besser als ihr selbst.
    „Die Stiefel passen nicht.“ Nurara hielt das Paar in die Höhe und lächelte.

    „Dann ziehen Sie gefälligst Ihre eigenen Schuhe an oder laufen Sie barfuß! Was anderes gibt’s nicht!“, antwortete Joan patzig, warf ihre blonde Mähne herum und ging voran.
    Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

    Mission accomplished.

  • #2
    Brücke der Comet, Anflug auf die Erde

    Die letzten Stunden des Fluges zur Erde verliefen ereignislos aber in gedämpfter Stimmung. Joan tauschte wechselweise mit Curtis und Nurara eisige Blicke aus. Otho versuchte von Zeit zu Zeit die Situation mit Witzchen und lockeren Sprüchen aufzulockern, auf die aber lediglich Grag und Simon eingingen. Als die Comet über Nordamerika in die Atmosphäre eindrang, wurde das Schiff von heftigen Sturmböen durchgeschüttelt, die, je näher sie an New York herankamen, zunehmend stärker wurden. Ezella Garnie hatte die Future-Crew bereits vor dem Unwetter über New York gewarnt und so waren sie auf eine ruppige Landung gefasst. Die Wolkendecke über dem Landefeld des Galaktischen Polizeipräsidiums war so dicht, dass erst 300 Meter über dem Boden eine einigermaßen klare Sicht möglich wurde. Grag und Otho setzten die Comet dennoch sanft und sicher auf.

    Curtis erhob sich von seinem Sitz und wandte sich an Nurara. „Nurara, für das Protokoll müssen wir Ihnen jetzt vorübergehend Handschellen anlegen, schließlich sind Sie offiziell immer noch eine Gefangene. Joan, würdest du bitte…“
    Joan ließ sich das nicht zweimal sagen. Schnell zog sie ein paar Schließen aus ihrem Gürtel und legte sie der anderen Frau an. Es schien ihr etwas mehr als nur ein wenig Vergnügen zu bereiten, die Verschlüsse fester zu zuziehen als notwendig. Nurara ertrug den kurzen Schmerz mit stoischer Gelassenheit. Sie war schlimmeres an Schmerzen gewohnt und vor dieser kleinen Polizistin wollte sie sich nicht die Blöße geben. Curtis winkte durch das Sichtfenster dem Empfangskomitee bestehend aus Garnie und zwei schwer bewaffneten Beamten zu.
    „Wir werden schon erwartet, gehen wir! Grag, Otho, ihr beide bleibt hier und bringt die Comet in den Schutzhangar. Es wird wohl länger dauern, wartet nicht auf uns.“

    „Aye Captain!“, rief Otho und salutierte lässig.

    „Simon, kommst du mit uns?“, fragte Curtis seinen Freund und Mentor.

    Dr. Simon Wright, das lebende Gehirn, erhob sich schwebend von seiner Konsole. „Bedaure, ich habe hier noch einige wissenschaftliche Abhandlungen über die Eigenschaften der Weltraumsteine, die ich gerne durcharbeiten möchte.“
    Curtis nickte. „In Ordnung, dann viel Spaß! Meine Damen, wollen wir?“ Er ging zur Einstiegsluke und öffnete sie. Ein scharfer, heulender Wind fuhr durch das Schiff. Curtis stieg hinaus, gefolgt von Nurara und Joan.
    Am Ende der Rampe stand Garnie, die Hände in die Hüften gestemmt und wirkte wie ein alter Fels in der Brandung. So wie Garnie immer wirkte. Er war ein langjähriger Freund des Captains und einer der wenigen, die ihn stets beim Vornamen nannten.

    „Curtis“, brüllte er und hatte Mühe gegen den Wind anzukommen, „willkommen zurück und herzlichen Glückwunsch zu dieser Mission!“ Er reichte seinem Freund die Hand. Future ergriff sie und wäre beinahe von einer Böe davon geweht worden. „Los, beeilen wir uns, der Sturm soll noch heftiger werden!“ Curtis winkte noch einmal zur Comet hoch und Otho schloss die Rampe.

    Garnie führte die drei hinein ins Präsidium, der letzte der beiden Beamten schloss das schwere Schott. Schlagartig wurde es still im Gang.

    „Ich würde sagen“, begann Garnie, „wir gehen sofort in den Besprechungsraum, dort werden wir schon erwartet…“. Der Rest ging im ohrenbetäubenden Triebwerksgebrüll der startenden Comet unter. Nachdem sich der Lärm abgeschwächt und das Schiff entfernt hatte, schüttelte Garnie den Kopf. „Curtis, manchmal habe ich das Gefühl, dein Schiff ist nicht nur das schnellste, sondern auch das lauteste im Sonnensystem. Mein Gott, Junge, du bist doch kein Teenager mehr, der seinen Gleiter frisieren muss!“

    Die beiden Männer sahen sich kurz an und begannen zu lachen. Nurara blickte Joan fragend an. Joan verdrehte die Augen und machte dieses „Typisch-Mann-er-ist-halt ein-Spielkind-lass-ihn-gewähren-und-er-ist-glücklich“-Schulterzucken. Nurara grinste lediglich und zeigte eine Reihe perlweißer Zähne.

    Der „Besprechungsraum“ im 35. Stock unterschied sich völlig in der Ausstattung von der üblichen Nüchternheit des restlichen Polizeipräsidiums. Eingerichtet im Alt-Englischen Stil mit schweren Chesterfieldmöbeln, dunklen Eichenschränken und flauschigen Teppichen, verströmte der Raum eine Behaglichkeit, die im Rest des Gebäudes Ihresgleichen suchte. An einer der Längswände war eine Kaminnachbildung installiert, in der ein täuschend echtes holografisches Feuer knisterte und sogar angenehme Wärme abstrahlte. Die Wände waren gesäumt von Bildern mit historischen Schiffen und Raumschiffen aller Epochen und Portraits verdienter Offiziere von Militär und Polizei. Vor dem großen Panoramafenster, gegen das jetzt heftiger Regen prasselte, stand ein Schreibtisch, der von den Ausmaßen her Tonnen wiegen musste, vervollständigt von einem nicht minder ehrfurcht-gebietendem braunen Ledersessel. Vor dem Schreibtisch standen zwei wuchtige Clubsessel, in denen zwei Männer in Anzügen saßen.

    Als die Gruppe den Besprechungsraum betrat, stellten die beiden Männer ihre –anscheinend hochprozentigen – Drinks ab und erhoben sich. Garnie entließ die beiden Polizisten mit einem Wink und schloss die Tür.

    Garnie ergriff das Wort: „Darf ich vorstellen? Jonathan“, er wies auf den älteren, „und Samuel McCabe von der Kanzlei ‚McCabe, Rockwell & McCabe‘, die besten Strafverteidiger, die Sie im Sonnensystem bekommen können.“
    Samuel McCabe sah wie eine exakte jüngere Kopie seines überaus attraktiven alten Herrn aus. Beide waren groß, schlank und dunkelhaarig, wobei der ältere an den Schläfen und Koteletten bereits ergraute. Auch wenn Nurara und Joan wirklich nichts gemeinsam hatten, so tauschten die beiden Frauen doch gegenseitig ein anerkennendes Nicken aus. Nurara leckte sich, für die anderen unsichtbar, lüstern die Lippen und Joan musste unwillkürlich grinsen. Offensichtlich hatte Nurara Gefallen an dem jungen Anwalt gefunden. Hände wurden geschüttelt. Als McCabe Senior bei Nurara ankam, hielt sie ihm beide Hände hin, da sie immer noch ihre Handschellen trug. McCabe blickte in die Runde.

    „Die wird sie doch nicht brauchen, oder?“ Garnie schüttelte den Kopf und gab Joan einen Wink. Joan öffnete Nurara die Schließen und musste dazu nah an sie herantreten. Als die Handschellen offen waren, formte Nurara eine Hand zur Kralle und gab ein leises Fauchen von sich. Joan schreckte zurück.

    „Ist alles in Ordnung Joan?“ fragte Garnie.

    „Miss Landor hat alles unter Kontrolle, Sir“, gab Nurara mit ihrem charmantesten Lächeln zurück.

    „Gut, dann lassen Sie uns beginnen, wir haben nur 48 Stunden bis zur ersten Anhörung vor dem Haftrichter.“
    Jonathan machte eine Armbewegung, die den Raum erfasste und alle nahmen Platz. Die Anwälte nahmen wieder in ihren Clubsesseln Platz, während Garnie Drinks für alle einschenkte. Curtis und Joan nahmen Nurara in die Mitte und setzten sich den Anwälten gegenüber auf das Sofa. Nachdem Garnie die Drinks verteilt hatte, machte er es sich selbst in dem Sessel hinter dem Schreibtisch bequem.

    Samuel ergriff das Wort. „Nurara, dann erzählen Sie mal. Jedes Detail ist wichtig.“ Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

    Nurara hob ihr Glas und leerte es in einem Zug. Der Scotch brannte ihr in der Kehle, sie hielt es Garnie hin, worauf er sofort aufsprang und nachschenkte. Sie nahm einen weiteren Schluck und begann zu erzählen. „Meine Eltern ... ich weiß nicht, ob sie mich wirklich geliebt haben oder nur so getan haben als ob. Ich war gefühlt immer eine Last, sie liebten nur ihre Optionen, Beteiligungen und Aktienrenditen. Das war dem Umstand geschuldet, dass meine Eltern lieber einen Sohn gehabt hätten, das haben sie mir mehr als einmal zu verstehen gegeben. Die einzige, die mir etwas Liebe und Aufmerksamkeit schenkte, war unsere Haushälterin Khala. Bei ihr fühlte ich mich geborgen. Meine Eltern haben mich nie geschlagen oder gar misshandelt. Manchmal wünschte, sie hätten es wenigstens mal getan, aber da war nichts. Sie haben mich einfach ignoriert …“

    Und so erzählte Nurara von ihrem Leben, ihrer Kindheit. Eigentlich war sie mal ein ganz normaler Teenager , der aber nie echte elterliche Liebe erfuhr, mit Wünschen und Träumen, von denen ihre Eltern nichts wussten – nichts wissen wollten. Und sie erzählte, wie sie eines Tages als Erstsemester an der marsianischen Universität das erste Mal Vul Kuolun über den Weg lief. Es sollte wirklich eine lange Nacht werden.

    Nach etwa zwei Stunden, draußen wurde es bereits dunkel, kam eine adrette dunkelhäutige Polizistin mit ein paar Snacks herein und stellte sie auf einem Beistelltischchen ab.

    „Danke Stella“, rief Garnie und wandte sich an die anderen: „Bitte greifen Sie zu, eine kurze Pause wird uns gut tun.“

    Bis auf Nurara und Samuel erhoben sich alle und machten sich über die Leckereien her. Dem jungen Anwalt entging es nicht, dass seine Mandantin etwas bedrückte. Er stand auf und setzte sich neben sie. „Was ist? Was haben Sie?“, fragte er und machte ein besorgtes Gesicht.

    „Mr. McCabe“, setzte sie an und Samuel legte ihr eine Hand auf den Unterarm.

    „Nennen Sie mich bitte Sam“, sagte er lächelnd und sah Nurara fest mit seinen dunkelgrünen Augen an.

    „Sam, ich habe Angst. Angst vor dem, was mich erwartet. Ich habe Angst davor, ganz alleine zu enden. Doktor Kuolun wird lebenslänglich bekommen, so oder so. Aber er hat noch viele, mir unbekannte, einflussreiche Freunde. Wenn ich ins Gefängnis gehe, habe ich niemanden mehr. Ich habe so Angst vor der Einsamkeit …“ Sie schluchzte.

    „Nurara, wir lassen Sie nicht allein. Seien Sie sich dessen gewiss. Wir werden alles dafür tun, dass der Prozess für uns so verläuft, wie wir es planen. Die Chancen stehen auch sehr gut. Die Staatsanwaltschaft hat nicht viel gegen Sie in der Hand, wohingegen die Beweislast gegen Doktor Kuolun erdrückend ist. Das einzige, worauf mein Vater und ich, worauf wir uns verlassen müssen, ist Ihre Mitarbeit und Ihre Aussage in dem anderen Prozess. Bitte vertrauen Sie uns. Und jetzt gehen Sie auch was essen. Sie können nicht den ganzen Abend von schottischem Whisky leben.“ Er reichte ihr ein Taschentuch und Nurara erhob sich in Richtung Snacks.

    Nachdem alle gegessen und ihre Plätze wieder eingenommen hatten, öffnete Garnie eine Zigarrenkiste und bot sie der Runde an. Future, Joan und Sam lehnten dankend ab, Nurara bat um Zigaretten. Diese zauberte Garnie mit einer eleganten Handbewegung aus einer Schreibtischschublade und legte ein ebenso elegantes aber altmodisches Benzinfeuerzeug dazu. Während Nurara sich eine Zigarette anzündete, ergriff Jonathan zum ersten Mal an diesem Abend das Wort, bisher hatte nur sein Sohn die Befragung geführt, er sich dabei auf das Anfertigen handschriftlicher Notizen beschränkt.

    „Miss Nurara, bitte erzählen Sie uns von der Nacht, in der Sie in das Labor von Professor Kale Cash eindrangen, um den Prototyp des Parallelraumschiffes zu stehlen.“

    Nurara nahm einen tiefen Zug und begann. „Wir landeten etwa gegen 1 Uhr Ortszeit in der Nacht unmittelbar neben dem Labor. Es war nicht bewacht und es schien niemand dort zu sein. Es war ziemlich einfach, ins Labor einzudringen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren nur minimal. Ich fand den Weg in das Büro des Wissenschaftlers auch recht schnell – es war nicht einmal verschlossen. Was ich brauchte, waren die Sicherheitscodes für den Zugang und die Startsequenz des Schiffes. Diese fand ich auf einem Stapel Akten auf seinem Schreibtisch. Ich nahm sie an mich, als plötzlich das Licht anging und mich jemand mit ‚Was machen Sie da?‘ ansprach. Ich drehte mich um und zog dabei meine Waffe. Es war der Doktor, ein alter Mann, der mir körperlich völlig unterlegen war. Zumindest dachte ich das. Er trug eine Eisenstange und schlug sie mehrmals in seine Handfläche. Er drohte mir. Ich sagte ihm, dass ich jetzt sein Raumschiff stehlen werde und er mich gehen lassen soll. Ich richtete die Waffe auf ihn, hatte aber nie die Absicht, ihn zu töten, daher stellte ich die Laserpistole auf Betäuben ein. In diesem Moment sprang er mit einem Satz auf mich zu, was ich ihm nie zugetraut hätte, und schlug mir mit dieser Eisenstange auf mein rechtes Handgelenk. In diesem Moment löste sich ein Schuss und traf ihn in die Schulter. Vor Schmerzen habe ich die Waffe fallen lassen. Ich hatte ja, was ich suchte und ließ den Mann liegen. Er konnte nicht tot sein, höchstens für eine halbe Stunde ohnmächtig.“ Nurara zündete sich eine weitere Zigarette an und ließ sich einen neuen Scotch einschenken.

    „Nun, wir haben ein Obduktionsergebnis hier vorliegen, nachdem Professor Cash nicht an der Schussverletzung starb, sondern etwa drei Stunden später an Herzversagen. Er war schwer herzkrank, in seinem Büro wurden auch entsprechende Medikamente gefunden. Irritierend ist laut Polizeibericht jedoch, dass die Waffe, die am Tatort gefunden wurde, auf Töten eingestellt war.“ Jonathan blickte sie ernst an. „Haben Sie eine Erklärung dafür?“

    Nurara zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hatte ich noch den Daumen an der Sicherung, als er nach mir schlug? Vielleicht hat sich die Waffe verstellt, als sie auf den Boden fiel?“

    Der ältere Anwalt lächelte. „Sie sind gut. Genau das denken wir auch.“

    Sam stand auf und beugte sich zu Nurara herüber. „Zeigen Sie mir Ihre Schießhand“, forderte er sie auf. Nurara hob den rechten Arm. Sam schob den Ärmel ihrer Jacke hoch und begutachtete ihr Handgelenk. Etwas oberhalb davon fand er, was er suchte – ein schon fast verblasstes Hämatom.

    „Bingo!“, rief er freudig, „Marshall Garnie, können Sie hier im Präsidium medizinische Untersuchungen durchführen?“

    „Welcher Art?“, fragte Garnie.

    „Wir benötigen eine Tomographie des Unterarmknochens in diesem Bereich“ Sam vollführte mit zwei Fingern eine kreisende Bewegung auf Nuraras Unterarm, die sie anscheinend als kitzelig empfand. Sie gab einen spitzen Kiekser von sich.

    „Natürlich“, nickte Garnie, „für solche Dinge sind wir selbstverständlich eingerichtet. Die Medi-Station befindet sich zwei Stockwerke tiefer. Joan, würden Sie mit Nurara bitte dorthin gehen? Melden Sie sich bei Sergeant Biggs. Sie hat heute Abend Dienst.“

    „Jawohl, Sir.“ Joan erhob sich laut atmend vom Sofa und war froh, ein paar Schritte gehen zu können. „Kommen Sie, Nurara, lassen wir diesen Männerclub mal unter sich. Ich kann auch etwas frische Luft gebrauchen.“

    Jonathan schaute seinen Sohn über den Rand seiner Lesebrille fragend an. „Was willst du mit dieser Untersuchung bezwecken?“

    Sam stand auf und ging im Raum auf und ab. „Dad, wenn ein Knochen durch einen Schlag, ausgeführt mit einem stumpfen Gegenstand, wie in diesem Falle wie von Nurara behauptet, mit einem Eisenrohr oder einer Stange, getroffen wird, so bilden sich im Trefferbereich feinste Haarrisse und zuweilen auch Verformungen und sie bleiben noch eine Weile, auch wenn die blauen Flecken äußerlich schon lange abgeklungen sind. Wenn wir jetzt solche Haarrisse oder eine Delle in ihrem Speichenknochen finden, dann hat Nurara die Wahrheit gesagt und sie konnte gar keinen gezielten, tödlichen Schuss abgeben. Damit wäre der ganze Anklagepunkt Mord beziehungsweise versuchter Mord hinfällig und müsste fallengelassen werden. Punkt für uns.“

    „Sehr gut mein Junge, sehr gut. Darauf hätte ich auch kommen müssen. Ezella,“, Jonathan wandte sich an Garnie, „gibt es schon Informationendarüber, wer den Vorsitz führt und wer der Staatsanwalt sein wird?“

    Garnie schüttelte den Kopf. „Nichts genaues, John, bei der Staatsanwaltschaft könnte Fox scharf auf den Fall sein, weil man ihn bei der Kuolun-Verhandlung schon ausgelassen hat. Fox ist mit allen Wassern gewaschen, aber die ewige Nummer zwei bei den großen Fällen. Bei den Richtern kämen Callahan und Fuentes in Frage. Die haben gerade nichts vor der Brust.“

    Jonathan nickte nachdenklich. „Mmmh mmmh, Papa Callahan, väterlicher Typ, hat was für junge Leute übrig. Fuentes? Ist das nicht diese ältliche Latina? Diese bekennende Frauenrechtlerin?“

    Garnie nickte zurück. „Die ist schwierig, setzt sich immer da ein, wo möglicherweise die Gleichberechtigung in Gefahr sein könnte, ist aber die erste, die die schwersten Geschütze auffährt, wenn es auch nur um einen Ladendiebstahl geht.“

    Jonathan nahm seine Lesebrille ab und kaute auf dem Bügel herum. „Die wird es uns nicht einfach machen. In einem Strafverfahren wie diesem hilft es uns auch nichts, wenn eine Frau auf der Anklagebank sitzt. Sam, womit machen wir gleich weiter? Nächster Punkt?“

    Sam blätterte durch seine Unterlagen. „Warte … ah, hier! Der Vorwurf der Kindesentführung des Jungen Ken Scott.“ In diesem Moment öffnete sich die Tür und die beiden Frauen traten wieder ein. Joan trug eine große Plastikmappe mit den Ergebnissen von Nuraras Untersuchung. Sam nahm sie ihr ab und fischte einen Bogen Papier heraus.

    „Ha! Wie ich es mir gedacht habe. Nuraras Speichenknochen weist um die Einschlagstelle Haarrisse und eine runde Einwölbung auf. Damit ist der Mordvorwurf widerlegt. Ich sehe mir das Ergebnis später genauer an. Machen wir hier erst einmal weiter. Meine Damen, bitte nehmen Sie wieder Platz. Nurara, ich möchte, dass Sie uns jetzt detailliert die Ereignisse um die Entführung des Jungen Ken Scott erzählen.“ Sam ließ sich in seinen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander.
    Nurara begann zu berichten. Mittlerweile hatte der Sturm draußen noch einmal an Kraft zugelegt und der Regen prasselte in Sturzbächen gegen das Panoramafenster. Sämtlicher Flugverkehr war inzwischen zum Erliegen gekommen. Das Polizeipräsidium lag in unmittelbarer Nähe des New Yorker East-River, dessen Hafenanlagen jetzt nicht mehr zu sehen waren.

    Die anfangs noch angespannte Stimmung wurde zusehends lockerer, es wurde zuweilen auch gelacht, was nicht nur daran lag, dass Nurara und Ezella dem Scotch sehr zusprachen, beide waren bereits bei ihrem siebten Glas angekommen, während Curtis nach dem dritten und Joan schon nach dem zweiten Glas auf Kaffee und andere alkoholfreie Getränke umgestiegen waren. Nur die beiden Anwälte nippten noch an ihrem ersten Whisky herum. Nurara erwies sich als überraschend angenehme Erzählerin, die ihre Erlebnisse sehr genau und pointiert dem Publikum darbot. Sie gab neben den Antworten auf Fragen von Sam und John auch lustige Anekdoten von ihren Reisen mit Vul Kuolun zum Besten. Den größten Heiterkeitsausbruch erlangte sie mit der Geschichte von der Kaperung eines Frachtschiffes, das nach Hinweisen von Informanten mit Computern und elektronischen Bauteilen hätte beladen sein sollen. Nachdem Kuolun und seine Leute die Frachterbesatzung mit einer Rettungskapsel von Bord gejagt hatten, machten sie sich daran, die Ladung zu überprüfen. Was Kuolun nicht wissen konnte, war die Tatsache, dass der Transporteur seinen Auftrag storniert hatte und der Eigner des Frachtschiffes kurzfristig eine neue Ladung annehmen musste. Diese bestand nun zum Leidwesen von Kuolun aus Kinderkleidung, Sport- und Spielgeräten sowie Nahrungsmitteln und Süßwaren. Nachdem Kuoluns Wut verraucht war, fragte Nurara vorsichtig, was sie denn nun mit dem Schiff und seiner Ladung anstellen sollten. Kuoluns Ärger hatte sich in einen Lachanfall verwandelt und unter Lachtränen sagte er ihr: ‚Wir bringen das Schiff irgendwo runter, lassen es ausladen und die Container vor einem Kinderheim oder Krankenhaus abstellen. Du, meine Süße, darfst den Zielort wählen.‘
    Nurara blickte wehmütig zur Zimmerdecke. Im Verlauf des Abends hatten sich ihre vormals harten und gefühlskalten Gesichtszüge zum Gegenteil verändert, Nurara lächelte viel und sprach mit sanfter Stimme.
    „Sie müssen wissen, er ist eigentlich kein eiskalter Verbrecher. Doktor Kuolun hat auch eine gute Seite. Zu mir war er immer liebevoll, warmherzig und aufmerksam. Einmal schickte er mich auf einen einfachen Botengang zu einem Geschäftspartner. Als ich nach zwei Stunden wieder an Bord unseres Schiffes kam, hatte er es in ein kerzengeschmücktes Blumenmeer verwandelt.“ Tränen stiegen wieder in ihre Augen.

    Jonathan richtete sich in seinem Sessel auf und sah ihr streng in die Augen. „Meine Liebe, es ist schön, dass Sie immer noch viel für Ihren Geliebten empfinden. Aber es ist an der Zeit, dass Sie einen Schlussstrich ziehen. Seit Sie diesen Raum betreten haben, ist Ihr altes Leben vorüber. Bitte finden Sie sich damit ab. Tun Sie es nicht, bringen Sie alles in Gefahr. Dann werde ich Ihnen nicht mehr helfen können und wollen. Haben Sie das verstanden?“

    Nurara begrub ihr Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Unter lautem Schluchzen brachte sie ein gepresstes „Ja, habe ich“ zustande.

    Jonathan blickte auf die große Standuhr neben dem Sofa. „Kurz vor Mitternacht. Ich denke, wir sollten für heute Schluss machen. Wir haben viel geschafft und ich denke, unsere Mandantin braucht jetzt etwas Ruhe.“

    Er erhob sich und leerte sein Glas. Sam tat es ihm nach. Bis auf Curtis, der Nurara tröstend im Arm hielt – was Joan zwar deutlich missbilligte, sich aber diskret zurück hielt, standen alle und schüttelten sich zum Abschied die Hände.

    „Dann sehen wir uns morgen gegen neun Uhr wieder hier?“, fragte Sam. „Wo bleibt Nurara heute Nacht?“ und bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. Anscheinend hätte er sie gerne mit nach Hause genommen, er hatte den ganzen Abend immer wieder ihren Augenkontakt gesucht.

    „Wir haben eine Zelle für sie vorbereitet, die etwas mehr Komfort bietet als üblich. Mehr kann ich momentan nicht tun“, antwortete Garnie.

    „Danke, Ezella. Ich wünsche Ihnen allen eine gute Nacht.“ Jonathan klopfte seinem alten Freund auf die Schulter und verließ mit seinem Sohn den Besprechungsraum. Nurara hatte sich wieder etwas beruhigt und war ebenfalls aufgestanden.

    Sie stand dort mit gesenkten Schultern und hängendem Kopf und fühlte sich einfach nur schrecklich müde und ausgelaugt.
    Garnie wandte sich an Joan. „Joan, bringen Sie unseren Gast bitte nach unten.“

    „Jawohl, Sir. Dann mal los, Nurara!“ Joan bedachte die andere Frau mit einem halbherzigen Lächeln. Sie war froh, wenn dieser Tag endlich zu Ende ging und sie ihren Captain wenigstens noch ein paar Minuten für sich alleine haben konnte. Sie war einfach nur gereizt vom Qualm und genervt von den Ereignissen des Tages.
    Der Aufzug brachte die beiden Frauen in den Zellenbereich im Untergeschoss. Ein Beamter zeigte ihnen die zugewiesene Zelle und hielt die Tür auf. Wortlos ging Nurara hinein und zog die Lederjacke aus. Joan blieb noch einen Moment im Türrahmen stehen und musterte sie von oben bis unten.

    „Was ist?“, fragte Nurara mit müder Stimme.

    „Sie haben heute eine ganz andere Seite von sich gezeigt. Waren Sie das wirklich oder sind Sie auch eine gute Schauspielerin?“

    Nurara starrte sie ausdruckslos mit verweinten Augen an. Zu einer anderen Zeit hätte sie eine schlagfertige, ätzende Antwort gegeben. „Alles was ich gesagt habe, ist wahr“, entgegnete sie. „Mir fehlt die Kraft, mich in ein Lügengespinst zu verstricken. Das Leben, das ist geführt habe, liegt hinter mir. Ich will nicht weiter in diese Sackgasse hineinfahren, verstehen Sie?“ Sie bemühte sich um ein Lächeln. „Joan, ich weiß, Sie mögen mich nicht. Ich kann damit leben. Die letzten Stunden haben mir gezeigt, dass alles falsch war, was ich in den letzten Jahren getan habe. Und ja, ich bereue es – ob Sie es glauben oder nicht. Ich will das alles nicht mehr …“ Sie schluckte und die Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.

    Joan verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich würde Ihnen gerne glauben, aber ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das kann. Ich bin zu sehr Polizistin als dass ich jemandem mit einer Karriere wie Sie sie vorweisen können, so schnell vertrauen möchte.“

    Sie ging einen Schritt auf Nurara zu und nahm ihre Hände in die eigenen. „Wenn Sie mein Vertrauen gewinnen wollen, müssen Sie es sich erarbeiten. Und Sie werden viel damit zu tun haben.“ Ihr Lächeln wurde jetzt offener und wärmer. „Gute Nacht, Nurara. Sie haben Freunde da oben. Verscherzen Sie es nicht mit ihnen!“ Sie drehte sich um und ließ Nurara stehen. Der Beamte verriegelte die Zellentür.

    Die Zelle war spartanisch, aber penibel sauber. Es gab ein Waschbecken und einen Spiegel. Man hatte einige Hygieneartikel bereit gelegt sowie Handtücher und Bettzeug. Nurara wusch sich und putzte sich die Zähne. Tabak und Alkohol hatten einen pelzigen Geschmack hinterlassen. Sie richtete die einfache Pritsche für die Nacht her und legte sich hin. Ihre Gedanken kreisten noch eine Weile um das, was Joan eben noch zu ihr gesagt hatte, dann schlief sie ein.
    Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

    Mission accomplished.

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    • #3
      Zelle IIIa-65, am nächsten Morgen

      Nach einer unruhigen Nacht öffnete sich Nuraras Zellentür und grelles Licht vom Flur drang herein. Geräuschvoll wuchtete ein Polizeibeamter einen Schrankkoffer in die Zelle, der fast größer war als er selbst. Nurara wachte auf und blinzelte gegen das Licht.

      „Was gibt das denn?“ fragte sie gereizt. „Ist das schon mein Sarg?“

      Der schweißgebadete Officer grinste. „Keine Sorge, so schwer wie das Ding ist, dürften Sie nicht mehr reinpassen. Der Koffer wurde heute Morgen für Sie abgegeben. Hier hängt auch eine Nachricht dran! In zehn Minuten hole ich Sie ab, dann können Sie duschen gehen.“
      Er ging wieder hinaus und verriegelte die schwere Panzertür. Nurara schlüpfte aus ihrem warmen Bett auf den kalten Stahlboden. Der silberne Schrankkoffer überragte sie um fast einen halben Kopf. Auf der linken Tür klebte ein kleiner weißer Umschlag. Sie nahm ihn ab und öffnete ihn. Heraus zog sie eine Karte aus edlem Papier auf der handschriftlich geschrieben stand:

      Nurara,

      ich weiß, dass Sie alles auf Ihrem Schiff zurücklassen mussten und Sie nur das besitzen, was
      Sie am Leibe tragen. Ich habe mir erlaubt, Ihnen eine kleine Zusammenstellung von Kleidern
      und Schuhen meiner Frau bringen zu lassen. Sie sind allesamt neu und ungetragen, ich
      hoffe, es ist etwas für Sie dabei. Die Größe müsste auf jeden Fall passen. Machen Sie sich
      hübsch und kommen Sie wieder in den Besprechungsraum. Wir erwarten Sie dort.

      Sam



      Ausnahmsweise war die sonst so resolute Nurara wirklich überrascht. Sie durchforschte den Koffer und fand Kleider, Jacken, Hosen aus allen möglichen Materialien und Stoffen edelster Fertigung. Allesamt trugen noch die Etiketten der Shops und Boutiquen, in denen sie gekauft worden waren. Im unteren Bereich befanden sich mehrere Kartons von groß bis klein und enthielten Stiefel und elegante Damenschuhe. Ein Seitenfach war bis oben hin gefüllt mit original verpackter Unterwäsche, die ebenfalls nicht ganz billig gewesen sein konnte.
      „Sam, Sie sind irre“, sagte sie laut zu sich und wählte für diesen Tag eine hellgraue Businesskombination und ein weißes Oberteil, dazu schwarze Schuhe mit hohem Absatz. Sie wollte seriös wirken. Nurara legte die Sachen ordentlich ab und wartete auf den Beamten, der sie zu den Duschräumen bringen sollte. Der Mann ließ auch nicht lange auf sich warten. Zwanzig Minuten später stand Nurara frisch und adrett gekleidet vor der offenen Tür des Besprechungsraumes. Sie lugte hinein.

      „Guten Morgen, Nurara“, schallte es ihr fröhlich entgegen. Helles Sonnenlicht strahlte durch das große Fenster hinein, gegen das am Vorabend noch faustgroße Regentropfen geprasselt hatten. Der Sturm hatte sich verzogen und einem sonnigen Spätsommertag Platz gemacht. Sie trat ein und staunte über die gute Luft in dem Zimmer. Von Nikotingestank war nichts mehr zu riechen. Jonathan und Sam McCabe saßen sich am Schreibtisch gegenüber und studierten Unterlagen.
      „Kommen Sie rein und nehmen Sie sich Frühstück!“, rief John gut gelaunt. „Sie müssen einen Riesenhunger haben. Was macht Ihr Kopf? Nach so viel Scotch müssen Sie einen Schädel groß wie Phobos haben! Ihrer Trinkfestigkeit muss ich wirklich Respekt zollen.“

      „Danke, mir geht es ausgezeichnet“, winkte sie ab. „Wie Captain Future mir schon mal sagte, war ich zu lange in schlechter Gesellschaft. Da lernt man auch, solche Mengen zu vertragen.“

      Sam erhob sich aus dem Clubsessel. „Sie sehen großartig aus. Möchten Sie Kaffee? Milch und Zucker? Bitte setzen Sie sich, ich hole Ihnen welchen. Rührei? Toast?“

      Sie nickte ihm dankend zu. „Schwarzen Kaffee bitte.“

      Sams Bemühungen waren rührend, fand Nurara. Nicht zu aufdringlich aber es war unübersehbar, dass er sich ein wenig in seine hübsche Mandantin verguckt hatte. Aber was würde seine Frau dazu sagen? Nurara wollte auf keinen Fall noch eine Auflage einer eifersüchtigen Joan haben. Bei Sam würde sie sich zurückhalten und ihm höchstwahrscheinlich einen offiziellen Korb geben müssen – wenn er den ersten Schritt machen sollte.

      Sam kam zurück und stellte einen großen Becher dampfenden Kaffees und einen Teller mit einem riesigen Berg Rührei, Speck und Toast vor ihr ab. „Lassen Sie es sich schmecken“, sagte er mit einem liebevollen Lächeln. Seine Augen hatten das gleiche dunkle grün wie ihre Haare.

      „Wo sind Marshall Garnie und Captain Future?“, fragte Nurara mit vollem Mund, sie war kaum zu verstehen.

      „Future ist noch in der Nacht zu seiner Basis auf den Mond zurück geflogen, Ezella hat heute frei, es ist Sonntag“, gab Jonathan zurück, ohne den Blick von seinen Unterlagen abzuwenden. „Das polizeiliche Verhör ist mit dem gestrigen Abend abgeschlossen. Der Staatsanwalt hat die Protokolle bereits erhalten. Das wiederum bedeutet, dass wir morgen kurzfristig eine Anhörung vor dem Haftrichter haben werden.“

      Nurara setzte die Kaffeetasse ab. „Ist das gut?“, wollte sie wissen.

      „Kommt darauf an“, antwortete Sam und nahm ihre Hand. „Wir werden bei dieser Anhörung unsere Anträge für das Kronzeugenprogramm und das Resozialisierungsprojekt abgeben. Der Haftrichter kann die Anträge nur annehmen und dem zuständigen Richter übergeben, ablehnen darf er sie nicht. Die Entscheidung trifft der Richter bei Ihrer Hauptverhandlung. Worüber der Haftrichter aber entscheiden wird, ist Ihr Verbleib bis zum Prozess. Und da gibt es nur zwei Alternativen: Untersuchungshaft im Staatsgefängnis oder Sie bleiben auf Kaution auf freiem Fuß.“
      Nuraras Augen leuchteten auf. Sam schüttelte den Kopf. „Freuen Sie sich bitte nicht zu früh. Wir werden den Antrag stellen, die Chancen gehen aber aufgrund der Anklagepunkte gegen null.“ Er machte eine Kunstpause. „Die Kosten für die Kaution würde ich persönlich aufbringen.“

      „Sam, Sie sind ein verrückter Kerl!“, sagte Nurara und zeigte ihm einen Vogel.

      „Stimmt“, brummte Jonathan hinter einem Aktenordner, „der Bengel hat nur Flausen im Kopf! Reden Sie es ihm aus!“

      Die Anwälte befragten Nurara nochmals zu bereits besprochenen Punkten und schärften ihr ein welche Aussagen sie machen sollte und welche belastenden Details sie besser zu verschweigen hatte. Irgendwann waren alle Themen abgehakt und es wurde noch einmal Nuraras Kindheit und Jugend aufgegriffen, insbesondere das Verhältnis zu ihrem Vater.
      „Mein Vater war ein wirklich tüchtiger und erfolgreicher Geschäftsmann. Er zog niemanden über den Tisch, legte aber eine Härte bei Verhandlungen an den Tag, die Geschäftspartner einfach einschüchterte. So machte er seine Abschlüsse. Meine Mutter tat es ihm nach. Ich hatte nichts für deren Geldgeschäfte übrig. Ich liebte die schönen Dinge wie Kunst, Theater, Musik und Sport. Ich lernte damals Geige zu spielen. Geld bedeutete mir überhaupt nichts. Eines Tages sagte mein Vater zu mir: ‚Nurara, ich bedaure so sehr, dass du kein Junge geworden bist. Es mangelt dir einfach an Mumm und Interesse an den wichtigen Dingen des Lebens. Du wirst es nie zu etwas bringen‘. Er sagte es zu mir voll solcher Abscheu, dass ich mich nur noch vor ihm ekelte. Da war für mich der Punkt erreicht, dass ich meinem Vater die Stirn bieten wollte. Ich war in allen Fächern sehr gut in der Schule. Ich hatte die Möglichkeit, alles zu studieren, was ich wollte. Statt Musik oder Kunst zu studieren, schrieb ich mich in die schwersten Fächer der Universität ein: theoretische und angewandte Physik sowie Raumfahrtkunde und Raumschiffbau. Ich wollte es meinem Vater zeigen … ich wollte so hart werden wie er und ihn schlagen. Mit Wissen.“

      Nurara hatte bereits ihre vierte Tasse Kaffee ausgetrunken und in ihr machte sich ein leichter Druck bemerkbar. Sie erhob sich aus dem Sessel. „Ich müsste mal wohin…“

      Sam stand ebenfalls auf. „Ich begleite Sie, ich könnte auch mal einen Gang machen. Bis gleich Dad!“ Sie verließen das Besprechungszimmer. Auf dem Weg zu den Toiletten sprachen sie kein Wort, lächelten sich aber kurz an, als jeder in den seinen Räumlichkeiten verschwand.

      Als Nurara wieder auf den Flur trat, wartete Sam schon auf sie. Lässig an die gegenüberliegende Wand gelehnt, lächelte er sie strahlend an. Er machte keinen Hehl daraus, dass sie ihm gefiel.

      „Hey!“, rief sie.

      „Hey, ich habe Sie schon vermisst und Sie waren gerade mal 5 Minuten weg.“ Er zwinkerte ihr zu.

      „Ach Sam, glauben Sie mir, ich werde Ihnen schon nicht davon laufen.“ Sie zwinkerte keck zurück. „Sam, wegen der Kleider. Richten Sie bitte Ihrer Frau meinen aufrichtigen Dank aus. Sie hat einen wundervollen Geschmack.“

      Sam’s Miene wurde etwas ernster. „Ja, Helly wusste sich zu kleiden. Sie legte immer Wert auf ein gepflegtes Äußeres.“

      „Wieso sprechen Sie in der Vergangenheit?“ Nurara blinzelte vor Unverständnis.

      „Sie ist tot, Nurara. Vor vier Jahren…“ Sam biss sich in die Unterlippe und versuchte die Fassung zu wahren.

      „Oh Sam, das tut mir so leid! Was ist passiert?“ Sie streichelte seinen Oberarm.

      „Wir waren in Dänemark – Helene war gebürtige Dänin – mit ihren Eltern auf einer Wanderung. Ein Sturm kam auf und wir suchten Schutz in einer kleinen Hütte an einem Waldrand. Ein Blitz schlug in einen nebenstehenden Baum und riss einen schweren Ast ab, der auf den hinteren Teil der Hütte fiel, in dem Helly sich aufhielt. Die Hütte stürzte ein und begrub meine Frau unter sich. Sie war sofort tot, wir konnten nichts mehr tun. Meine Schwiegereltern und ich blieben unverletzt.“ Sam musste sich an der Wand abstützen. „Sie war in der dreizehnten Woche schwanger…“

      Nurara zog ihn dicht zu sich. „Oh, Sam, das ist schrecklich. Ich bin fassungslos!“

      Sam erzählte weiter. „Nach Hellys Tod fiel ich in ein Loch, aus dem ich mich nur mühsam befreien konnte. Wo andere vielleicht das Trinken oder Spielen begonnen hätten, arbeitete ich – bis zu zwanzig Stunden am Tag. Nichts anderes hat mich interessiert. Keine Freunde besucht, keine anderen Frauen habe ich angesehen. Heute bin ich über ihren Tod hinweg. Helly hätte nicht gewollt, dass ich allein bleibe. Sie war ein lebenslustiger Mensch und hatte gerne Menschen um sich, die sie schätzte. Mir geht es nicht anders. Ich brauche auch jemanden, mit dem ich mein Leben teilen kann. Und gestern traten Sie in mein Leben. “

      Er trat einen Schritt näher an sie heran und sah ihr tief in die Augen. Jetzt wurde Nurara klar, warum Sam sich so sehr um sie bemühte. Sie hatte in der Vergangenheit nie Interesse an den Schicksalen ihrer Mitmenschen gehabt. Mitgefühl für andere war ihr bis zu diesem Moment fremd gewesen. Auf einmal war das anders. Vor ihr stand ein gutaussehender, erfolgreicher, wohlhabender aber einsamer Mann, der in seinem Leben alles verloren hatte, was ihm etwas bedeutete. Und sie merkte, dass sie jemandem etwas bedeutete, dass sich jemand wirklich für sie interessierte. Sie war sich nicht einmal mehr sicher, ob Kuolun sie wirklich liebte oder sie einfach nur benutzte. Aber das hier ging ihr doch etwas zu schnell.
      „N-n-nein, Sam! Nicht so eilig!“ Sie schob ihn mit sanfter Gewalt von sich. „Wir sollten unsere Beziehung als rein geschäftlich betrachten. Sie sind ...“, sie packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich herunter. Sie sprach leise und wählte eine persönlichere Ansprache. „Ich bin nicht die Richtige für dich. Du täuschst dich in mir! DU darfst nichts mit mir anfangen! Und jetzt lass uns wieder zurückgehen, bevor dein alter Herr die Polizei holt.“

      Im Besprechungsraum zurück diskutierten die drei noch die letzten Punkte für die Vorverhandlung bis ein Beamter Nurara zurück in ihre Zelle brachte. Sam wandte sich an seinen Vater. „Dad …“

      „Hmmm?“ Jonathan sortierte Unterlagen in seiner Aktentasche.

      „Dad, ich habe mit ihr über Helly gesprochen.“

      „Und ihr einen Antrag gemacht, oder wie?“ Jonathan wurde überraschend grantig. „Sam, lass die Finger von ihr! Du verbrennst sie dir nur. Das ist keine Frau für dich geschweige denn eine Frau fürs Leben! Ja, sie mag sehr schön sein und dir kunstvoll den Kopf verdrehen, aber sie wird dich aussaugen wie ein Vampir!“ Er schüttelte den Kopf. „Sam, du enttäuschst mich. Ich hätte mir gewünscht, du würdest etwas professioneller an diesen Fall heran gehen.“

      „Nein, Dad, so ist es nicht …“

      „Halt den Mund, Junge!“, unterbrach der ältere seinen Sohn brüsk, „Newton bezahlt eine Menge Geld dafür, dass wir diesen Prozess gewinnen, und ich lasse nicht zu, dass mein feiner Herr Sohn, hormongesteuert wie er ist, die Geschichte versaut! Nur weil er eine Frau gefunden hat, die ihm ein wenig schöne Augen macht! Hahaha! Glaubst du, ich bin blind? Denkst du, ich bekomme nicht mit, wie du dich seit gestern hier aufführst? Lass deine Gefühle aus dem Spiel, verdammt nochmal! Nach dem Prozess kannst du mit ihr machen, was du willst, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist sie nur und ausschließlich deine Mandantin!“ Wutentbrannt nahm Jonathan seine Jacke. „Ich hätte dich nie an diesen Fall heran lassen sollen, verdammte Scheiße!“

      „Dad, sie hat mich abblitzen lassen.“

      Jonathan zog eine Augenbraue nach oben. „Das Mädchen ist vernünftiger als ich erwartet hätte. Auf jeden Fall vernünftiger als du.“ Er ging zur Tür und drehte sich noch einmal zu seinem Sohn um. „Kommst du jetzt endlich? Ich habe Hunger!“
      Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

      Mission accomplished.

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      • #4
        Jetzt gibt's mal was lustiges, zugegeben, etwas hanebüchen, aber durchaus unterhaltsam. Joan und Nurara kommen sich etwas näher.

        Viel Spaß!


        Nurara saß auf ihrer einfachen Pritsche und ließ ihre Gedanken um Sam und das am Vormittag gesagte schweifen. Einerseits hatte sie die erzwungene Trennung von Vul Kuolun noch lange nicht verkraftet, seit ihrer Festnahme waren erst zwei Tage vergangen, andererseits war sie sich durchaus im Klaren darüber, dass sie ihren Doktor höchstwahrscheinlich nie wiedersehen würde. Man hatte ihr bereits gesagt, dass sie ihre Aussage per Videokonferenz machen müsste, da man Kuolun isoliert festhielt. Sie musste sich mit dieser neuen Situation früher oder später arrangieren. Früher? Später? Was hieß das denn? Wochen, Monate, Jahre? Ihr selbst drohte im schlimmsten Fall lebenslang Gefängnis, und auch nur dann wenn die Anklagen wegen Mordes und der Kindesentführung aus Mangel an Beweisen fallengelassen werden sollten. Nein, sie liebte ihre Freiheit und wollte alles dafür tun, nicht ins Gefängnis gehen zu müssen. Ein paar Jahre in einer Besserungsanstalt würde sie verkraften und dann wäre sie frei. Wie würde Sam in diese Freiheit passen? Er meinte es ernst, auch wenn er es so offensichtlich noch nicht gesagt hatte, aber sie fühlte es. Eine Frau fühlt so etwas immer. Nurara musste zugeben, dass Sam verdammt gut aussah und obendrein sehr wohlhabend war. Er würde ihr ein sorgenfreies Leben bieten können. Ein sorgenfreies Leben? Womöglich mit Kindern und einem hübschen Haus auf dem Land? Nurara kicherte. Das war doch genau das, was sie Joan kürzlich auf der Comet noch prophezeit hatte. Nein, das wäre wirklich nichts für sie. Dann könnte sie ja mit Joan Kuchen backen und Kochrezepte austauschen, sie könnten gegenseitig den Nachwuchs hüten und an den Wochenenden gemeinsame Grillpartys im Garten veranstalten. Nurara hielt kurz inne und brach in schallendes Gelächter aus. „Welch eine Ironie des Schicksals“, dachte sie. In diesem Moment ging die Zellentür auf. Ezella Garnie betrat den Raum. Er trug eine altmodische dunkelblaue Marinejacke und helle Hosen. Auf dem Kopf trug er eine Kapitänsmütze.

        „Nanu? So vergnügt?“, fragte er grinsend.

        Nurara grinste zurück. „Mir ist gerade etwas sehr ulkiges durch den Kopf gegangen.“

        „Lassen Sie mich daran teilhaben?“

        Nurara schürzte die Lippen und machte eine theatralische Pause. „Hmmmmm, nein! Später vielleicht, aber jetzt wäre es unpassend …“

        Garnie winkte ab. „Ich wollte Sie etwas ganz anderes Fragen, haben Sie heute Nachmittag schon etwas vor?“

        Nurara sah sich in ihrer Zelle um. „Lassen Sie mich kurz überlegen.“ Sie blickte auf eine imaginäre Armbanduhr an ihrem Handgelenk. „Nein, mein Terminkalender ist für den Rest des Tages leer“, gab sie gut gelaunt zurück.

        „Sind Sie schon mal gesegelt?“

        Nurara schüttelte den Kopf und ließ ihre grünen Haare wirbeln. „Gesegelt? Nein. Wie Sie wissen, komme ich vom Mars und da gibt es kein Wasser. Also auch keine Segelboote. Und wer segelt denn heutzutage noch? Ist das nicht seit über hundert Jahren aus der Mode?“

        Garnie hob beschwichtigend die Hand. „Oh nein, Segeln ist noch nie aus der Mode gekommen, und dort wo mein Boot liegt, ist an schönen Tagen wie diesen immer viel auf dem Wasser los. Kommen Sie mit, das wird sicher nett!“

        Garnie bot Nurara seinen Arm an. Nurara schnappte sich Joans Lederjacke und hakte sich bei dem Marshall ein. „Wo liegt denn ihr Boot?“ wollte sie wissen.

        „Oben in Mattituck, am Long Island Sound. Wir werden mit einem Shuttle dort hinfliegen.“

        Als sie auf das Landefeld hinaustraten, musste Nurara wegen des hellen Sonnenlichts die Augen zusammen kneifen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie die Comet und wie Curtis Newton und Joan Landor gerade eben die Rampe hinunter stiegen. Neben der Comet war ein kleines und recht hässliches Shuttle geparkt. Es sah aus wie zwei dicke Zigarrenstummel, die man an einem Mittelsegment zusammengeklebt hatte. An den Außenseiten hatte das Gefährt je einen senkrechten Flügel mit Sonnenkollektoren, die nach oben und unten hin zum Rumpf abgewinkelt waren.
        „Ah, der Rest meiner Crew ist auch schon da. Dann kann es ja losgehen“, freute sich Garnie. Newton und Landor trugen ebenfalls zivile Freizeitkleidung. „Ach, noch eines, Nurara.“ Garnie blickte die junge Frau ernst an. „Ich gehe ein sehr großes Risiko ein, Sie mitzunehmen. Bitte verhalten Sie sich so, wie Sie es in den letzten zwei Tagen getan haben. Ich hätte wirklich nur wenig Lust, Sie doch noch einsperren zu müssen. Wir verstehen uns?“

        Nurara nickte: „Ja, Sir, vollkommen.“

        Garnie lächelte. „Danke, Nurara, kommen Sie und lassen Sie uns einen schönen Tag verbringen.“ Er begrüßte Curtis und Joan per Handschlag und bat alle, im Shuttle Platz zu nehmen.

        Der Flieger war innen geräumiger als er von außen vermuten ließ. Garnie und Curtis nahmen vorne hinter den Kontrollen Platz, Joan und Nurara machten es sich auf der opulenten Rückbank bequem. Die Spannung und Distanz zwischen den beiden Frauen war offensichtlich, hatte Nurara doch eben noch Curtis aufreizend zugezwinkert.
        ‚Dieses Miststück kann es einfach nicht lassen‘, dachte Joan und stach in Gedanken mit langen spitzen Nadeln auf eine Voodoo-Puppe ein, die verblüffende Ähnlichkeit mit Nurara hatte. ‚Ich werfe dich nachher über Bord, dann sind wir alle Sorgen los. ‘
        Joan schenkte Nurara ein spöttisches Grinsen. Die fünfzehn Minuten Flug verbrachten Joan und Nurara mit Schweigen, während Garnie am Steuer ausgelassen einen Monolog über kleine und große Segelboote hielt. Schnell kam die Küste in Sicht und das ruhige blaue Wasser des Long Island Sounds war über und über gefüllt mit weißen Segeln. Sie gingen am Rande der kleinen Ortschaft Mattituck nieder, das Landefeld war gut gefüllt mit Gleitern und Shuttles aller Größen und Preisklassen. Pärchen und Familien flanierten entlang der Promenade, die direkt am Yachthafen vorbeiführte. Möwenkreischen, Kinderlachen und die verschiedensten Düfte diverser Imbissstände vervollständigten das Bild eines kleinen, beschaulichen Ausflugsortes am Meer.

        Ezella atmete tief ein und wieder aus. „Ich liebe es hier. Die gute Luft, das Wasser. Eine willkommene Abwechslung zu den Hochhäusern in Manhattan. Hier kann man nachts wenigstens noch die Sterne sehen.“

        „Wo ist Ihr Boot?“, fragte Joan aufgeregt.

        „Dort drüben“, er zeigte grob in Richtung Mastenwald des Hafens, „liegt die Dulcibella.“

        Dulcibella?“ Curtis zog die Augenbrauen hoch. „Den Namen habe ich schon mal irgendwo gehört.“

        Ezella nickte: „Ja, Curtis, als du noch ein kleiner Junge warst, gab ich dir ein altes Buch zu lesen, ‚Das Rätsel der Sandbank‘, ein Spionageroman, geschrieben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Du erinnerst dich?“

        Curtis schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich, kommt ein Boot dieses Namens darin vor?“

        „Ja, es ist der heimliche Hauptdarsteller der Geschichte. Ein kleines Segelboot, dessen zwei Mann Besatzung es mit einer überlegenen Marine aufnehmen und ihr Heimatland England vor einer deutschen Invasion bewahren. Du solltest es unbedingt noch einmal lesen.“

        Inzwischen waren sie am Ende des langen Bootsteges angekommen und ein dreißig Meter langer, ganz aus Holz gebauter Zweimaster mit Briggtakelung lag vor ihnen. Die Dulcibella hatte ob ihrer verhältnismäßigen geringen Größe Ähnlichkeit mit den Clippern des 19. Jahrhunderts. Sie besaß einen hohen Bug mit einem scharf geschnittenen Steven und ein ausladendes Achterschiff. Die Aufbauten zwischen den beiden leicht schräg angestellten Masten duckten sich flach auf das Deck. Das ganze Schiff machte einen schnittigen und perfekt gepflegten Eindruck.

        Nurara verzog skeptisch das Gesicht. „Ist dieses Holzbötchen überhaupt sicher? Wie alt ist das Ding eigentlich?“

        Ezella lächelte väterlich. „Keine Sorge, die Dulcibella wurde 2085 als einer der letzten komplett aus Holz gebauten Segler gebaut und hat bisher jeder Sicherheitsprüfung Stand gehalten. Sie ist hochseetüchtig und besitzt die modernsten Navigations- und Sicherheitseinrichtungen. Der Rumpf ist unter der Wasserlinie mit Stahlplatten verstärkt. Ihnen kann auf diesem Schiff wirklich nichts passieren, es sei denn Sie gehen ungesichert über Bord.“

        „Au ja!!!“ dachte Joan bei sich und grinste Nurara diabolisch an.

        Ezella fuhr fort. „Auch wenn die alte Lady 115 Jahre auf dem Buckel hat, gehe ich jede Wette ein, meine Liebe, dass Sie auf Raumschiffen durchs All geflogen sind, die in einem deutlich schlechteren Zustand waren, als dieser Segler. Bitte kommt alle an Bord! Die Damen ziehen aber bitte vorher ihre Schuhe aus!“

        Ezella und Curtis gingen über die schmale, schwankende Gangway voran, gefolgt von Nurara und Joan, die das Schlusslicht bildete. Joan hatte das unbändige Verlangen, Nurara ins Wasser zu schubsen oder zumindest einmal so heftig aufzutreten, dass die andere Frau das Gleichgewicht verlor. In diesem Moment fuhr ein Motorboot mit hoher Geschwindigkeit aus dem Hafen und schleppte ein starkes Kielwasser hinter sich her, das die Dulcibella und die Gangway heftig ins Schaukeln geraten ließ. Joan verlor selbst das Gleichgewicht. Nurara, die bereits an Bord war, drehte sich geistesgegenwärtig um und packte Joan in letzter Sekunde am Unterarm. Sie zog Joan mit aller Kraft an Bord und fiel rücklings über einen Stapel aufgeschossener Taue aufs Deck. Joan wurde mitgerissen und landete rittlings auf Nuraras Brustkorb. Da lagen die beiden Frauen und es sah im ersten Moment aus, als hätte Joan die andere Frau in einem Kampf niedergerungen. Schallendes Gelächter der beiden Männer umgab sie, während die beiden Nasenspitze an Nasenspitze sich die in die Augen sahen.
        Joan ergriff zuerst das Wort. „Ich schätze, ich sollte mich bei Ihnen bedanken.“ Sie bemühte sich jetzt um ein ehrliches Lächeln. „Eigentlich wollte ich Sie ins Wasser stoßen …“

        „Nicht der Rede wert“, ächzte Nurara, „aber bitte gehen Sie jetzt von mir runter, Sie sind schwerer als Sie aussehen. Ich bekomme keine Luft!“

        Joan stand auf und reichte Nurara die Hand.

        „Wenn wir noch etwas vom Tag haben wollen, sollten wir uns jetzt beeilen.“, rief Garnie, „für heute Abend ist wieder schlechtes Wetter mit Sturmböen angesagt. Curtis, geh zum Bug und mach die Vorleine los, Nurara die Achterleine. Joan, nehmen Sie den Enterhaken und stoßen uns von der Pier ab.“ Garnie war in seinem Element als Kapitän. Er ging ans Steuerrad, neben dem ein Kontrollpult installiert war. Hier hatte er die Bedienelemente für die Segel und den Hilfsmotor, den er jetzt startete. Grollend und Qualm spuckend lief der alte Dieselmotor an. Joan erschrak förmlich. Verbrennungsmotoren kannte sie nur aus dem Museum.

        „Ist die Maschine genauso alt wie das Schiff?“, fragte sie ungläubig, während sie auf den schwarzen Rauch, der aus dem hochgezogenen Auspuffrohr stieg, starrte.

        „Nein Joan, der Motor ist noch älter. Es ist ein alter Kraftfahrzeugmotor von 2015. Er stammt aus einem Lastkraftwagen, der kurz vor der Umstellung auf Brennstoffzellen noch vom Band lief. Als 2023 Verbrennungsmotoren für Automobile verboten wurden, hat man den Lastwagen einfach in einer Scheune abgestellt und vergessen. Als dieses Schiff gebaut wurde, war der zukünftige Eigner dieses Schiffes auf der Suche nach einem geeigneten Antrieb. Schiffe durften noch lange Zeit mit Verbrennungsmotoren gebaut werden. Irgendwann kamen der Motor und der Eigner zusammen. Der Rest ist in der Historie der Dulcibella belegt.“

        Garnie zuckte mit den Schultern. „Heute ist es leider sehr schwierig, noch an Heizöl oder Dieselkraftstoff zu kommen. Meine Miteigentümer haben noch einen Vorrat für etwa drei oder vier Tankfüllungen, dann müssen wir uns leider nach einer Alternative umsehen, was sehr schade ist. Der alte Motor gehört einfach zu diesem Schiff.“

        Sie hatten mittlerweile die lange Hafenausfahrt passiert und Garnie setzte die beiden Toppsegel und schaltete den Motor wieder ab. Der Lärm erstarb und außer dem Knarren der Planken und dem Kreischen einiger Seevögel war nichts mehr zu hören. Die Dulcibella nahm unter Segeln zügig Fahrt auf und bewegte sich elegant in der langen Dünung. Garnie wählte einen Nordostkurs, der sie dicht unter der Küste Long Islands in Richtung Atlantik brachte. Nach einer guten Stunde erreichten sie eine weitläufige Bucht namens Pettys Bight an der äußersten Nordostspitze der großen Insel.

        „Hier gehen wir vor Anker“, rief er. Nurara hatte es sich am Bug bequem gemacht und döste nur in Unterwäsche bekleidet in der Sonne. Curtis stand gedankenverloren an der Reling und starrte unentwegt in ihre Richtung, als ein unsanfter Tritt gegen seine Wade ihn wieder in die Realität zurückholte.

        „Wo guckst du hin?“, fragte Joan mit gespielter Gereiztheit.

        „Ich schaue mir den Strand an“, antwortete er mit Unschuldsmiene.

        „Ich tippe eher auf einen Meerbusen!“, gab Joan schnippisch zurück. Sie hielt ihm eine Weinflasche und einen Korkenzieher hin. „Los, mach auf“, forderte sie ihn in gespieltem Befehlston auf.

        „Oh, Rotwein, das ist eine gute Idee!“, freute sich Curtis.

        „Der ist bestimmt nicht für dich, mein Lieber!“ Joan verneinte mit erhobenem Zeigefinger. „Diesen Wein werde ich jetzt mit unserer grünhaarigen Grazie vernichten. Ich denke, es ist Zeit für einen Wechsel.“

        Curtis blickte Joan verwirrt an. „Ähem, ich verstehe dich nicht ganz?!“

        „Curtis, ihr setzt euch alle so sehr für Nurara ein und sie hat bis jetzt eigentlich einen sehr guten Eindruck gemacht. Ich glaube, ich habe ihr Unrecht getan und ich möchte ihr auch eine Chance geben.“

        Während Curtis die Flasche öffnete, erzählte sie weiter. „Gestern Abend, als ich Nurara in die Zelle brachte, habe ich ihr gesagt, dass sie sich mein Vertrauen verdienen muss. Sie machte auf mich einen geknickten Eindruck, als würde sie es sehr belasten, das ich sie hasse.“

        Curtis zog die Augenbrauen hoch, während er Joan die offene Weinflasche zurück gab. „Und? Hasst du sie?“

        Joan zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, Curtis, ich weiß es nicht. Ja, sie hat schlimme Dinge getan und sie ist verschlagen, hinterlistig und bösartig. Aber sie sagt, sie hätte damit abgeschlossen. Sie sagt, sie bereut, was sie getan hat.“

        „Glaubst du ihr?“

        Joan hob die Hände. „Ich würde es gerne, Curtis. Noch auf dem Weg hier her beziehungsweise auf der Gangway wollte ich sie am liebsten über Bord werfen oder ihr sonst etwas Böses antun. Zumal sie mich mit ihrem provokanten Auftreten rasend macht. Jedes Mal, wenn sie dich anlächelt oder versucht, mit dir zu flirten, könnte ich ihr die Augen auskratzen. Und DIR auch!“ Joan schmollte einen Moment. „Aber sie scheint auch wirklich eine gute Seite zu haben. Schließlich hätte sie mich vorhin auch einfach ins Wasser fallen lassen und sich köstlich über mein Malheur amüsieren können. Weißt du Curt, was ich aber glaube, ist, dass hinter dieser harten und provokant sexy Fassade eine verletzliche und leicht beeinflussbare Persönlichkeit befindet, die in ihrem Leben nicht den richtigen Halt gefunden und nie die richtige Führung genossen hat. Nurara zeigt phasenweise, dass sie eigentlich ganz nett sein kann. Aber ich glaube, sie fürchtet, ihre Maske zu verlieren und versteckt sich immer wieder dahinter.“

        Curtis legte eine Hand auf Joans Schulter. „An dir ist eine Psychologin verloren gegangen.“

        Joan schwenkte die Weinflasche und lächelte verschmitzt. „Polizeipsychologie, Erweiterungskurs bei Kat. Und jetzt werde ich der Patientin auf den Zahn fühlen. Die passende Medizin dazu habe ich.“ Joan warf kokett ihre blonden Locken herum und begab sich in Richtung Bug.

        Nurara blinzelte kurz, als Joan sich über ihr aufbaute und leise mit Weingläsern klimperte.

        „Sie stehen mir in der Sonne, Landor“, raunte sie, knapp über Flüsterlautstärke. Joan setzte sich auf die Bank neben sie und grinste breit, während sie den Wein in die beiden Gläser einschenkte.

        „Hier, bitte! Montecelli, 95er!“ Seufzend setzte sich Nurara auf, als Joan ihr ein Glas mit der dunkelroten Rebe reichte. Sie blickte die blonde Frau skeptisch an, nahm ihr das Glas aber ab.

        „Was wird das? Ein Friedensangebot?“

        Joan grinste noch breiter. „So in etwa. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es für uns beide bequemer sein kann, wenn wir uns zukünftig nicht mehr angiften. Und ich möchte Ihnen nochmals danken, dass Sie mich vorhin vor dieser Blamage bewahrt haben.“ Sie hob ihr Glas und hielt es ihr hin.

        Nurara stieß mit ihr an. „Geschenkt, Joan, Sie hätten das gleiche für mich getan.“

        Joans Miene wurde sehr ernst. „Bis vor etwas über einer Stunde mit Sicherheit nicht!“ Sie blickte Nurara fest an. Nurara hielt ihrem Blick stand. Zwei Sekunden, drei Sekunden, dann brachen beide Frauen schlagartig in schallendes Gelächter aus. Das Eis war endgültig gebrochen. Während sie tranken, erzählten sie sich delikate und anrührende Geschichten aus ihrer Mädchenzeit, lästerten über Männer im Allgemeinen und im Besonderen. Die Zeit auf dem Boot verging und die beiden waren bereits am Ende der zweiten Flasche angekommen, als Joan bemerkte, dass die Dulcibella deutlich mehr schaukelte als noch vor zwei Stunden. Sie hatte mittlerweile einen deutlichen Schwips und Nurara ging es nicht besser.
        Leicht lallend fragte Joan: „Sollich nocheine holn?“

        „Klar“, gab Nurara zurück. „Ich kommaber m-mit dir. Muss mal …“ Schwankend und ineinander gehakt versuchten sie, die Schiffsbewegungen mehr schlecht als recht auszugleichen. Garnie und Curtis lagen in Sonnenstühlen auf dem Achterdeck und hatten das ausufernde Trinkgelage bisher nicht mitbekommen.

        „Schhhhhh, leise“, mahnte Joan mit dem Zeigefinger vor den Lippen. „Gaaaanz vorsichtich …“ Joan öffnete die Luke zur Kajüte. Wie zwei Einbrecher schlichen die Frauen hinein und verschlossen die Luke so leise wie möglich.
        Die Luke fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss. Garnie und Curtis schraken auf und sahen zum Bug. Die Frauen waren verschwunden. Von unter Deck war jedoch ein lautes Gekicher, Gegacker und Gelächter zu hören, gefolgt von unflätigen Flüchen, die wiederum mit Gekicher beantwortet wurden. Curtis erhob sich.

        „Ich glaube, ich sollte mal nachschauen, was da los ist. Nicht dass die beiden sich noch gegenseitig massakrieren.“

        Garnie warf einen Blick auf den Schiffschronometer. „Wir sollten auch darüber nachdenken, dass wir so langsam aber sicher die Rückfahrt antreten.“ Er blickte zum Horizont. Die Grenze zwischen Meer und Himmel – vor ein paar Stunden noch klar – schien zu verschwimmen. Über ihnen schien jedoch die Sonne noch am strahlend blauen Himmel.
        „Im Osten zieht es sich langsam zu. Wenn wir jetzt aufbrechen, kommen wir noch einigermaßen trocken zurück.“

        Curtis öffnete die Luke. Was er sah, konnte, er nicht so recht glauben. Joan und Nurara saßen in dem kleinen Salon Arm in Arm auf einer Bank, selig grinsend und tranken abwechselnd aus einer Weinflasche.
        „Was ist denn hier los?“, fragte er. „Habt ihr die Schiffsbar einmal komplett rauf und runter durch getrunken?“

        Beide Frauen schüttelten mit Unschuldsmiene die Köpfe. Dann schauten sie sich kurz an und brachen erneut in lautes Gelächter aus. Curtis verschränkte die Arme vor der Brust.
        „Ihr seid ja völlig betrunken! Seht zu, dass ihr wieder nüchtern werdet, wir fahren gleich zurück. Ach ja, die Rückfahrt könnte etwas unruhig werden. Ihr solltet die Trinkerei besser wirklich einstellen und euch Kaffee machen. Nurara, Sie ziehen sich besser auch wieder an.“
        Ein Rasseln und Scharren ging durchs Schiff, Garnie lichtete zwischenzeitlich den Anker. Joan nahm noch einen Schluck aus der Weinflasche und reichte sie an Nurara weiter.
        „Curtis, du bist manchmal eine echte Spaßbremse!“, rief Joan schmollend.

        Nurara leerte die Flasche und echote: „Genau Curtis, du bist eine Spaßbremse. Joan, hatte ich erwähnt, dass ich Wein nicht besonders gut vertrage?“

        Joan schüttelte den Kopf. „Nein, hast du nicht. Geht’s dir nicht gut?“

        „Doch, schon, aber ich bin voll wie eine Horde Kerulaner.“

        Curtis trat den Niedergang hinauf und drehte sich noch einmal herum und sagte energisch: „Ihr trinkt jetzt Kaffee! Alle beide!“

        „Spaßbremse!“ brüllten die Frauen im Chor. Curtis schloss die Luke. Gelächter.

        Garnie stand am Ruder, er hatte bereits Nuraras Kleidung vom Bug mitgebracht und auf dem Dach des Deckshauses abgelegt. Curtis ergriff sie und öffnete die Luke erneut einen Spalt um sie hinein zu werfen. Ein weiteres „Spaßbremse!“ und Gelächter schallte ihm entgegen. Future ließ die Luke ins Schloss fallen und zuckte resigniert mit den Schultern. Wenn das Joans Plan war, eine vertrauliche Beziehung zu Nurara aufzubauen, würde sie innerhalb kürzester Zeit eine Leberzirrhose bekommen.
        Zuletzt geändert von Nurara McCabe; 06.01.2014, 11:54.
        Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

        Mission accomplished.

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        • #5
          Hi Nurara!

          Ich unterhalte mich gerade super!
          Es macht Laune, es nochmal zu lesen, lass die zwei Kratzbürsten voll auffahren was das Zeug hält!

          LG
          earthy
          "Allerdings - wer Geschichten mag, die die Figuren definitiv als "out of character" beschreiben (also extrem abweichend von Edmond Hamiltons Vorlage), möge sich bitte woanders umschauen." - Genau, nämlich hier und was noch nicht ist, kann ja noch werden!

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          • #6
            Sooo, das Ende von Kapitel 1. Es wird nochmal lustig. Viel Spaß!

            Ezella hatte die Dulcibella aus der weitläufigen Bucht von Pettys Bight heraus manövriert und ließ sie unter vollen Segeln fahren. Hier draußen, außerhalb der Bucht, hatte der Wind merklich aufgefrischt und die See wurde kabbeliger. Noch war am Himmel nichts von einem herannahenden Unwetter zu sehen. Ezella hatte einen Nordwestkurs angelegt, der sie an die Küste von Connecticut heranbringen würde. Der Südostwind ermöglichte es, vor dem Wind zu fahren. So würden sie binnen zehn Minuten die imaginäre Grenze zwischen den Staaten New York und Connecticut erreichen. Ab dieser Grenze würden sie kreuzen müssen, das hieße in verschiedenen Zickzack-Kursen auf Mattituck zufahren – der zeitintensivere Teil der Fahrt. Ezella hoffte natürlich, dass der Wind von Südost auf Ost drehen würde, dann könnten sie Zeit sparen und direkt wieder auf die Küste zu fahren. Im Moment sah es nicht danach aus, aber der Wind wurde zusehends stärker und die bisher dünne Wolkendecke dichter. Auch die Schiffsbewegungen nahmen zu. Ezella hatte die Dulcibella hart an den Wind gelegt und so neigte sich das Schiff stark nach Backbord. Die erste Gischt spritzte über den Bug. Curtis hatte vorausahnend die Hinterlassenschaften von Joan und Nurara entfernt, sonst wären spätestens jetzt die Weinflaschen und Gläser über Bord gegangen.
            Zaghaft öffnete sich die Luke des Deckshauses und ein grüner Haarschopf lugte hervor. Nurara hatte sich angezogen und brauchte frische Luft. Ihre sonst schon blasse Gesichtshaut hatte jetzt ein fahles Grau angenommen und man konnte ihr ansehen, dass es ihr im Moment nicht sonderlich gut ging. Vorsichtig suchte sie Halt auf dem nassen Holzdeck. Kurz darauf kam Joan hinterher. Auch sie wirkte recht mitgenommen und blass im Gesicht.
            Ezella bemerkte sie zuerst. „Joan, Nurara! Holen Sie sich Ölzeug unter Deck. Hier wird es gleich ungemütlich!“

            Curtis und Garnie hatten bereits aus einer Deckskiste Ölzeug für sich selbst geholt und angelegt. Nurara und Joan verschwanden wieder unter Deck und kamen auch nicht wieder. Offenbar zogen sie es vor, in der warmen und trockenen Kajüte den Sturm durchzustehen.
            Ezella sah auf die Navigationsgeräte. „Wir haben die Staatsgrenze erreicht. Ab jetzt wird es richtig ruppig. Klar zur Wende!“
            Er legte das Ruder hart nach Backbord. Die Automatik der Segel passte sich sofort dem neuen Kurs an und der Wind ließ die Dulcibella heftig nach Steuerbord krängen. Ezella holte die beiden Rahsegel von Fock- und Großmast ein.
            „Die können wir jetzt nicht mehr brauchen, die würden uns die Fahrt nehmen“, erklärte er.

            Curtis hielt sich an einem dicken Tau der Mastverspannung fest. „Wie lange werden wir noch brauchen, Ezella?“, brüllte er gegen den Wind.

            „Wenn der Wind so bleibt, etwa anderthalb bis zwei Stunden. Wir müssen höchstwahrscheinlich noch zweimal kreuzen!“, brüllte Ezella zurück. Das Heulen des Windes ließ eine normale Unterhaltung mittlerweile nicht mehr zu. Die Wolkendecke hatte sich bereits geschlossen, aber noch blieben die Himmelsschleusen dicht.

            Dulcibella, unter Deck

            Die unerwartete Wende ließ Joan taumeln. Geschirr schepperte in den Schränken. Nurara kauerte zusammengesunken in einer Ecke der Bank und sah bemitleidenswert aus. Nicht nur, dass die Wirkung des Alkohols noch längst nicht nachgelassen hatte, es kam jetzt auch noch der erste Anflug von Seekrankheit hinzu. Das Stampfen der Dulcibella verursachte eine fürchterliche Achterbahn in ihrem Kopf und der Inhalt ihres Magens suchte den Weg nach oben. Sie hielt es nicht mehr aus. Wie von einer Tarantel gestochen, sprang sie in die Höhe und stürzte den Niedergang hinauf. Sie schaffte es, einhändig die schwere Luke zu öffnen und sich noch mit einer Hand festzuhalten. Als sie auf das Deck fiel, krachte ein Brecher gegen den Rumpf des Seglers und ergoss kaltes Meerwasser über die Besatzung. Instinktiv versuchte Nurara einen Weg nach „oben“ zu erklimmen, also das schräg liegende Deck hinauf. Ezella bemerkte sofort, was Nurara vorhatte.

            „Nein, nein!“, brüllte er. „Curtis, hilf ihr!!! Sie soll sich leewärts entleeren!!!“

            Er wies mit dem Kopf auf die der Meeresoberfläche zugewandten Decksseite. Curtis nahm ein Sicherungsseil vom Mastbaum und schnallte sich damit an. Dann ging er vorsichtig Schritt für Schritt die wenigen Meter vom Steuerstand zum Deckshaus, wo Nurara immer noch versuchte, eine höhere Position zu bekommen. Er war nur noch wenige Zentimeter von ihr entfernt, kurz davor sie zu fassen, als Nurara plötzlich den Halt verlor und auf dem Rücken das Deck hinab in Richtung Reling rutschte. Geistesgegenwärtig warf sich Curtis auf sie, und schaffte es, mit einer Hand Nurara am Hosenbund und mit der anderen einen Handlauf am Deckshaus zu packen. Die Panik in Nuraras Augen wechselte zu Erleichterung und Dankbarkeit. In diesem Moment jedoch obsiegte die Seekrankheit …

            Joan ging es derweil unter Deck nicht viel besser. Auf allen vieren kriechend versuchte sie mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte den Fuß des Großmastes zu erreichen, der den Salon dominierte. Die Kajüte war voller Lärm von schepperndem Geschirr und Ausrüstungsgegenständen. In ihrem Kopf dröhnte es, als stecke er in einem Blecheimer, auf den immer und immer wieder mit einem großen Hammer geschlagen wurde. Die Übelkeit hatte sie weitestgehend im Griff, jedoch fehlte es ihr an einem vernünftigen Orientierungssinn. Joan wusste im Moment nicht, wo sich Bug und Heck der Dulcibella befanden, noch hatte sie überhaupt ein Gefühl dafür, ob und in welche Richtung sie sich tatsächlich bewegten. Das Schiff tanzte auf und nieder und lag gefühlt rechtwinklig auf der Seite. Joan befürchtete, sie würden jeden Moment kentern. In diesem Moment öffnete sich die Luke und zwei Hände schoben eine triefend nasse und elend aussehende Nurara herein, die mit den Füßen voran den Niedergang herunter glitt.

            „Joan, bist du da unten irgendwo?“, brüllte Curtis gegen den heulenden Wind.

            „Ich bin hier …“, gab sie kraftlos zurück, während sie sich um den Mast klammerte.

            „Komm her und hilf mir, wir müssen Nurara irgendwo hinlegen!“ Curtis wuchtete die halb bewusstlose Frau in den Salon hinein.

            Joan rappelte sich in Zeitlupe auf und hangelte sich mit weichen Knien in Richtung Ausgang. „Was ist passiert?“, wollte sie wissen.

            „Nurara wollte Neptun Tribut zollen, ist abgerutscht und wäre beinahe über Bord gegangen. Ich habe sie so gerade eben noch davon überzeugen können, hier zu bleiben.“ Nurara gab nur ein schwaches Stöhnen von sich. „Komm, Joan, sie ist völlig durchnässt. Du musst sie ausziehen und abtrocknen. Schaffen wir sie in eine Koje.“ Joan nahm alle verbliebenen Kräfte zusammen, packte Nurara an den Füßen, während Curtis sie unter den Achseln anhob. Es war gar nicht so einfach, eine Person in dieser schwankenden Enge zu transportieren, wenn man sich selbst nicht festhalten konnte. In diesem Moment wurde Joan bewusst, dass Curtis recht unangenehm roch.

            „Hat sie dich …“

            Curtis beendete die Frage. „… vollgekotzt? Ja. Zum Glück ist das Ölzeug dicht.“

            Joan konnte sich trotz ihrer eigenen misslichen Lage ein Kichern nicht verkneifen. „Du Armer. Nuraras Rache hat dich voll erwischt.“

            „Halb so wild“, winkte er ab. „Ich stelle mich gleich an die Reling und warte einen Brecher ab.“ Er schenkte Joan ein schiefes Grinsen.

            Sie hatten es geschafft, Nurara aus dem Salon ins Vorschiff zu bugsieren, wo sich vier Kabinen mit je zwei Kojen befanden. Die Kabinen waren eng, aber komfortabel eingerichtet. Sie hievten Nurara in die unterste Koje der ersten Kabine an Steuerbord. Bei der gegenwärtigen Lage des Schiffes würde sie so erst mal nicht aus dem Bett fallen. Curtis holte aus einem Schrank im Gang einen Eimer und einen Stapel trockener Tücher. Er reichte sie Joan. „Hier, bitte. Sei so gut und zieh sie aus und trockne sie ab. Ich gehe wieder zu Ezella an Deck. Vielleicht braucht er Hilfe.“ Er ließ Joan mit einem Lächeln in der Kabine stehen.

            Joan sah ihm noch eine Weile hinterher, dann hörte sie das leise Stöhnen von Nurara. Sie wandte sich ihr zu und flüsterte: „Hey, du siehst scheiße aus, Kleine!“

            Nurara öffnete die Augen einen Spalt. „Glaubst du, du siehst besser aus, Baby?“ Sie verzog das Gesicht zu einem leidvollen Grinsen. Joan streichelte ihr über die Stirn.

            „Immerhin habe ich nicht das Schiff vollgekotzt, so wie du.“

            Nurara erschrak. „Habe ich das?“

            Joan winkte ab, „Nein, nur Curtis hat was abbekommen. Wird ihn aber nicht umbringen. Zieh dich aus, du bist ja bis auf die Knochen nass! Hier sind Handtücher.“

            Nurara richtete sich vorsichtig auf. Eine Schlingerbewegung der Dulcibella ließ ihren Kopf gegen die Unterkante der oberen Koje schlagen. Sie schrie auf: „Auuuu! Ich will hier runter … ich habe genug vom Segeln …“ Sie rappelte sich auf und schälte sich aus der Koje und begann sich zu entkleiden. Sie fühlte sich leidlich besser als noch fünf Minuten zuvor. „Meinst du, wir bekommen das alles wieder trocken, bis wir zurück sind?“


            An Deck

            „Der Wind dreht! Nach Süd-Ost-zu-Ost!“ Ezella brüllte gegen den immer stärker werdenden Wind. „Wir können mehr Fahrt machen und direkt auf die Küste steuern!“

            Er drückte einige Knöpfe auf dem Steuerpult und sämtliche Rahsegel – es waren zwei pro Mast – wurden gesetzt. Die Dulcibella segelte jetzt unter vollem Zeug hart am Wind. Ezella brachte das Schiff auf einen südlicheren Kurs. Die Krängung reduzierte sich, jedoch zugunsten eines heftigeren Stampfens. Der Segler tauchte in kleine Wellentäler und ritt die Wellenberge ab. „Wir haben jetzt sieben Beauforts!“

            Curtis, der sich neben Ezella an einem Stag festhielt, brüllte zurück: „Kommt mir deutlich stärker vor.“

            Ezella schüttelte den Kopf. „Das liegt daran, dass du keinen festen Boden unter den Füßen hast, Curtis. Der Sturm gestern Abend hatte locker Windstärke zehn bis elf! Das hier ist der reinste Spaziergang! Hahaha!“
            Jetzt setzte auch der Regen ein. Die Sicht vor dem Bug betrug nur noch wenige hundert Meter. Curtis warf einen Blick auf das Radar und den Positionsempfänger. Dort zeichnete sich langsam die Küstenlinie von Long Island ab. Sie befanden sich noch etwas über sieben Seemeilen von ihr entfernt. Laut Angabe des Displays würden sie in knapp einer Stunde Mattituck wieder erreichen.
            „Nicht mehr lange und wir sind bald da. Ich hoffe nur, die Mädels verwüsten mir da unten das Schiff nicht allzu sehr“, sagte Ezella mit grimmigen Blick. „Ich habe keine Zeit, nachher noch aufzuräumen.“

            Curtis setzte sich in Richtung Deckshaus in Bewegung. „Ich werde nochmal nach dem Rechten sehen.“

            In der Kabine, in der Curtis die beiden Frauen zurück gelassen hatte, war es dunkel und ruhig. Lediglich das Atmen in zwei verschiedenen Tonlagen war zu vernehmen. Er schaltete das Licht ein und musste unwillkürlich grinsen. Die beiden Frauen lagen gemeinsam in einer Koje, Nurara auf dem Rücken und Joan auf dem Bauch, einen Arm um Nuraras Hüfte gelegt. Es war ein unerwartetes, friedliches Bild, das die beiden abgaben. „Wie zwei kleine Kätzchen“, dachte Curtis, löschte das Licht und schloss leise die Tür.

            Der Rest der Fahrt verlief zwar immer noch stürmisch aber ohne weitere Vorkommnisse. Die beiden Frauen schliefen ihren Rausch aus und Curtis sah alle zehn Minuten nach, ob sie noch lebten. Die Hafeneinfahrt von Mattituck kam in Sicht, gekennzeichnet vom Blinken roter und grüner Positionsleuchten, die das Schleusentor markierten. Die Schleuse war wegen des immer noch anhaltenden Sturms geschlossen worden, sodass Garnie es mit dem Schiffstransponder, welcher die Identität der Dulcibella an das Schleusensystem übermittelte, öffnen musste. Schiff und Schleuse standen in dauerhafter Kommunikation, während dieser stetig Kurs und Geschwindigkeit übermittelt wurden. Der Computer der Schleuse würde dann zum richtigen Zeitpunkt das Tor so weit öffnen, dass das Schiff gefahrlos passieren konnte. Die Schleuse hob sich als graubraune Wand deutlich vom milchigen Nebel ab. Sie waren noch etwa dreihundert Meter von ihr entfernt. Das Tor machte keine Anzeichen, sich zu öffnen. Zweihundert Meter. Das Tor blieb geschlossen.

            „Was ist da los?“, rief Garnie. „Das Tor müsste längst offen sein.“

            Einhundertfünfzig Meter. Nichts bewegte sich. Das Schleusentor maß achtzig Meter in der Gesamtbreite und erhob sich vom Meeresspiegel dreißig Meter in die Höhe. Zum Grund hin waren es noch einmal gut zwölf Meter. Das Gewicht des Tores betrug mehrere hundert Tonnen und es bedurfte einer gewaltigen Maschinenkraft, die beiden Torhälften zu bewegen.
            Hundert Meter. Sie hatten jetzt noch 25 Sekunden, dann würden sie bei ihrer derzeitigen Geschwindigkeit von etwa 7 Knoten mit dem Tor kollidieren.

            Fünfzig Meter. Das Tor war zum Greifen nah.

            Endlich setzte sich das große Tor laut quietschend und unglaublicher Geschwindigkeit in Bewegung. Es öffnete sich nur soweit, dass Garnie die Dulcibella so eben ohne Schäden hindurch manövrieren konnte. Nachdem sie das Tor hinter sich gelassen hatten, schloss es sich ebenso schnell, wie es sich geöffnet hatte. Schlagartig beruhigte sich der Seegang.

            Garnie sah sich noch einmal um. „Puuh, das war aber knapp.“ Er holte per Knopfdruck alle Segel ein und startete den Motor. Er sah zu Curtis hinüber. Dieser war kreidebleich.

            „Ezella, solche knappen Manöver mache ich nicht einmal mit der Comet.“

            Ezella musste lachen. „Deine Comet dreht auch nicht so schnell auf dem Teller wie diese Lady hier. Wäre das schief gegangen, hätte ich sie aus dem Wind genommen. Wir hätten dann noch mal einen langen Anlauf gebraucht, aber das Schiff wäre in jedem Falle heil geblieben. Curtis, ich bin ein alter Mann, ich segle nicht erst seit gestern.“

            Curtis hob beschwichtigend die Hände. „Ist ja gut, Herr Kapitän. Ich stelle Eure Kompetenz nie wieder in Frage. Leichtmatrose Newton ist unwürdig und bittet um Erlaubnis, sich entfernen zu dürfen um nach den Passagieren zu sehen.“

            Er machte dabei unterwürfige Verbeugungen. Ezella antwortete mit einer würdevoll königlichen Handbewegung. „Er darf sich unter Deck begeben … hinfort!“ Ezella grinste.

            Curtis betrat die Kabine der beiden Frauen und schaltete das Licht ein. Sie schliefen immer noch tief und fest. Allerdings hatte sich Nurara auf die Seite gelegt und beide lagen nunmehr engumschlungen in der Koje.
            Er klatschte in die Hände. „Aufwachen meine Damen! Wir sind wieder im Hafen!“
            Aus der Koje war nur ein undeutliches Murmeln zu hören. Joan und Nurara öffneten gleichzeitig die Augen und waren ein wenig überrascht, als sie sahen, wen sie da im Arm hatten.

            „Haben wir beide die ganze Zeit so geschlafen?“, fragte Nurara mit belegter Stimme. Joan schloss die Augen wieder und gähnte herzhaft.

            „Sieht so aus. Und weißt du was das Schlimme daran ist?“

            „Was?“ wollte Nurara wissen. Joan öffnete die Augen wieder und wies mit dem Kopf in Richtung Curtis. „Der große rothaarige Typ da, dem scheint das auch noch gefallen zu haben.“

            Nurara drehte ihren Kopf in seine Richtung. Sie blickte ihn kurz amüsiert an, schaute an sich herunter – sie war nur mit der dünnen Bettdecke bekleidet und ihre Kurven zeichneten sich deutlich darunter ab – und dann zu Joan. „So einer ist das also. Ergötzt sich an dem Leid armer, wehrloser, betrunkener Frauen.“ Sie schaute Curtis jetzt mit einem gespielt finsteren Blick an und sagte mit einer Gouvernantenstimme: „Captain, ich bin schwer enttäuscht von Ihnen. Schwer enttäuscht!“

            Curtis errötete. Er fing an zu stammeln, was ihm schon lange nicht mehr passiert war. „Ähh … bitte … anziehen, jetzt!“
            Nurara ging darauf ein und streckte ein Bein aus dem Bett. Das Laken rutschte wie von Geisterhand etwas höher. Curtis starrte wie gebannt in die Richtung.

            Joan prustete los. „Nurara hör auf! Du machst ihm Angst!“

            Nurara setzte sich auf und schob das andere Bein nach. „So? Ich befolge nur seine Befehle.“

            Joan krümmte sich vor Lachen, Curtis wurde nervös, bewegte sich aber keinen Millimeter. Nurara ließ das Laken langsam von ihrer Brust herab sinken und schaute Curtis dabei eindringlich an. Sie packte das Kissen hinter sich und warf es in seine Richtung. „Raus hier!“, brüllte sie ihn an. „Das ist hier eine reine Mädchenshow!!!“ Curtis ergriff die Flucht und warf die Tür ins Schloss. Nurara sah Joan an und grinste bösartig. Joan wischte sich Lachtränen aus den Augen.

            „Was bist du doch für ein kleines, fieses Weibsstück!“, meinte Joan, immer noch unter Lachtränen.

            Nurara stand auf, immer noch in das Laken gehüllt, warf sie ihr strubbliges grünes Haar wie eine Diva über die Schulter. „Ich weiß …“, sagte sie nur und begann ebenfalls zu lachen. Es war ein echtes, befreiendes Lachen, wie sie es schon lange nicht mehr am eigenen Leib gespürt hatte.


            Curtis und Garnie hatten die Dulcibella bereits an der Pier festgemacht, als die beiden Frauen aus der Kajüte kamen. Garnie bemerkte sie zuerst. „Ah, da sind Sie ja. Wie geht es ihnen beiden?“, fragte er fürsorglich.

            Nurara antwortete zuerst. „Wieder besser, danke. Aber ich bin froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. So schnell werde ich kein Segelboot mehr betreten.“

            Joan legte lässig einen Arm um Nuraras Schulter. „Also mir geht es ausgezeichnet. Außerdem habe ich Hunger!“

            Garnie lachte. „Dem kann ich abhelfen, an der Hafeneinfahrt gibt es ein hervorragendes Fischrestaurant. Ich lade euch alle zum Abendessen ein!“ Er bot Joan den Arm an.

            Sie hakte sich bei ihm ein und zog ihn mit Nachdruck von Bord. Curtis und Nurara wechselten verstohlene Blicke. Er ließ ihr wortlos mit einer Handbewegung den Vortritt und folgte ihr in gemessenem Abstand. Joan und Garnie verließen strammen Schrittes das Hafengelände, während Curtis etwas vor sich hin trödelte. Nurara blieb stehen, um auf ihn zu warten. Als er auf ihrer Höhe war, nahm sie Schritt mit ihm auf.

            „Newton, ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Sie haben mir das Leben gerettet.“

            Curtis zog die buschigen Augenbrauen zusammen. „Nicht der Rede wert, Sie sind als Kronzeugin zu wertvoll, um Sie den Fischen zu überlassen.“

            Nurara seufzte. „Und ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen.“ Curtis machte jetzt einen überraschten Gesichtsausdruck. Sie fuhr fort: „Es tut mir Leid, dass ich Sie vorhin in Verlegenheit gebracht habe. Ich war der Ansicht, Sie würden die Situation mit etwas mehr Humor nehmen.“

            Curtis‘ Miene wurde finster. Langsam den Kopf schüttelnd sagte er: „Sie haben mich nicht in Verlegenheit gebracht.“ Er machte eine Pause. „Sie haben mich vor Joan aufs allerübelste ins Lächerliche gezogen, bloß gestellt und meine Autorität untergraben!“ Seine Stimme war eisig. Nurara schreckte etwas zurück. Er funkelte sie wütend an und ballte die Faust. Nurara wurde es heiß und kalt, sie musste schlucken. Er trat einen Schritt auf sie zu, in seinen Augen konnte sie so etwas wie Mordlust erahnen. Er tippte ihr mit dem Zeigefinger aufs Schlüsselbein, so fest, dass sie zusammenzuckte. „Das hat noch nie jemand mit mir gemacht. Und Sie werden das auch nicht tun.“ Plötzlich wurden seine Gesichtszüge wieder freundlich. Er lächelte Nurara charmant an und flüsterte: „Das zahle ich Ihnen heim, wenn Sie nicht damit rechnen.“

            Der Rückflug nach dem ausgiebigen Abendessen war umgeben von einer schläfrigen, entspannten Stimmung. Nurara und Joan wirkten sichtlich erschöpft und ihre bis zum Ende des Essens angeregten und teilweise sehr albernen Dialoge verstummten nach und nach. Selbst Curtis musste mehrmals herzhaft gähnen. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und einen kräftigen Regen nach sich gezogen. Garnie steuerte das Shuttle hochkonzentriert durch die Schlechtwetterfront. Als sie auf dem Landeplatz des galaktischen Polizeipräsidiums aufsetzten, wartete bereits eine voll beleuchtete Comet auf sie.
            Curtis schüttelte seinem Freund die Hand. „Danke, Ezella, für diesen tollen Tag. Das sollten wir bei Gelegenheit unbedingt wiederholen!“

            Ezella grinste über beide Ohren. „Jederzeit gerne! Wenn jetzt bald der Herbst kommt, können wir noch ein paar schöne Tage zum Segeln erwarten. Dann zeige ich dir, was die Dulcibella wirklich kann!“

            Nurara schüttelte den Kopf und brummte: „Nur gut, dass ich bald keine Zeit mehr für solche Ausflüge habe.“

            Curtis und Joan gingen an Bord der Comet, während Nurara und Garnie das Polizeipräsidium betraten. Vor ihrer Zelle ergriff Garnie das Wort.

            „Tja, da wären wir wieder. Gehen Sie jetzt schlafen, Nurara. Morgen wird ein harter Tag für Sie. Die Anhörung vor dem Haftrichter beginnt um 9 Uhr. Ich werde Sie mit John und Sam zum Gericht begleiten. Brauchen Sie jetzt noch etwas?“

            Nurara schüttelte den Kopf. Sie wirkte in diesem Moment zerbrechlich, traurig und verloren. „Nein, Sir, ich habe alles.“

            Garnie strich der jungen Frau väterlich über die Schulter. „Dann gute Nacht.“ Garnie wandte sich ab.

            „Sir?“, rief die Marsianerin dem alten Marshall hinterher.

            Er drehte sich noch einmal um. „Ja, Nurara?“

            Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Gute Nacht und … danke für alles.“
            Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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            • #7
              Zitat von Nurara McCabe Beitrag anzeigen
              Ihre sonst schon blasse Gesichtshaut hatte jetzt ein fahles Grau angenommen und man konnte ihr ansehen, dass es ihr im Moment nicht sonderlich gut ging.
              Da kann ich nur aus Erfahrung sprechen! Ein Kater und Seegang verträgt sich überhaupt nicht.

              avatax
              kramt gerade ihren alten Grundsegelschein heraus
              ZUKUNFT -
              das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
              Mein VT: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...ndenz-steigend
              Captain Future Stammtisch: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...´s-cf-spelunke

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              • #8
                Ich lese die Geschichte grad noch mal quer und muss feststellen, dass da ganz schön viel gesoffen wird...

                Kapitel 2

                Schlachtkreuzer Tennessee, im Orbit um den Jupitermond Io

                Mit heulenden Triebwerken setzte die kleine Passagierfähre im Hangar des riesigen Schlachtschiffes auf. Die Tennessee war eigentlich Teil einer vorgeschobenen Aufklärungsflotte am Rande der unbekannten Regionen der Galaxis. Das Oberkommando der Admiralität hatte jedoch das Schiff und einige Eskorten zu einem Spezialauftrag nach Io abberufen. Die Fähre brachte Personal und Spezialausrüstung und hatte noch einen zivilen Passagier an Bord. Dieser Passagier trat jetzt die Rampe herunter und verzog das faltige Gesicht, als er den Geruch von Treibstoff, Hydrauliköl und Schweißgeräten in sich aufnahm. Der Passagier trug einen abgewetzten braunen Anzug und eine ebenso verschlissene schwarze Aktentasche. Sein dünnes gelb-graues Haar war am Hinterkopf zu einem faserigen Pferdeschwanz zusammengebunden, während sein Schädel an der Oberseite kahl im Scheinwerferlicht des Hangars glänzte. Ein Offizier der Raumflotte nahm ihn in Empfang.

                „Willkommen an Bord der Tennessee, Mr. Borksh! Mein Name ist Lieutenant Keller. Ich bringe Sie sofort in den Polizeitrakt.“

                Borksh verzog keine Miene. „Danke Lieutenant“, antwortete er knapp und folgte dem Offizier ins Innere des großen Kriegsschiffes. Sie fuhren mit einem Turbolift einige Decks aufwärts und gingen anscheinend endlose Gänge entlang. Borksh wurde langsam ungeduldig. Bevor er jedoch einen Einwand äußern konnte, kamen sie an einem schweren, rot lackierten Schott mit der Aufschrift „Polizeibereich, Zutritt nur für autorisiertes Personal“ an.

                Keller übergab eine Datenkarte an einen der Wachposten vor dem Schott und wandte sich an Borksh: „So, bitte Sir, ab hier übernehmen die Polizeiagenten. Ich werde Sie später wieder abholen.“

                Borksh zeigte dem Offizier ein Grinsen, bei dem eine Reihe gelber, stiftähnlicher Zähne zum Vorschein kam. Der Posten öffnete das Schott und Borksh trat ein. Als sich das Schott wieder geschlossen hatte, kam aus einem Nebenraum eine groß gewachsene, streng aussehende Frau mit hochgesteckten schwarzen Haaren auf ihn zu. Sie musterte ihn misstrauisch und sagte nur: „Kommen Sie mit!“

                Sie führte ihn in einen großen Raum, der mittig von einer schweren Panzerglasscheibe geteilt wurde. Außer einigen Kunststoffstühlen beiderseits der Scheibe gab es in diesem Raum nichts.

                „Setzen Sie sich!“, wies die Agentin Borksh an.

                „Danke, sehr freundlich“, versuchte er zu scherzen, doch die Agentin ging nicht darauf ein. Sie bezog breitbeinig Stellung an der rückwärtigen Wand und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Borksh fand die Frau äußerst attraktiv, das musste er zugeben. Aber ihre grauen Augen glänzten genauso kalt wie ihre auf Hochglanz polierten schwarzen Stiefel. ‚Dann eben ein anderes Mal’, dachte er und setzte sich seufzend auf einen der Stühle.

                Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis sich jenseits der Panzerscheibe eine Tür öffnete. Zuerst traten vier schwer bewaffnete Männer herein, die sich paarweise neben der Tür postierten. Eine Weile geschah nichts, bis endlich der Mann erschien, dessen Besuch Borksh´s Zweck der Reise war. Der Mann war groß und hager, hatte lila-blaues, schulterlanges Haar und einen unverschämten Gesichtsausdruck. Der Mann war …

                „Doktor Vul Kuolun!“ Borksh´s Gesicht erhellte sich. „Es ist schön, Sie zu sehen! Wie geht es Ihnen? Behandelt man Sie vernünftig hier?“

                Kuolun nahm Platz. „Es geht mir den Umständen entsprechend schlecht. Die Behandlung ist der Situation angemessen. Und Sie sind …?“

                Borksh schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Wie dumm von mir, verzeihen Sie bitte, Doktor Kuolun. Mein Name ist Zistavan Borksh. Ich bin Ihr vom Gericht bestellter Anwalt.“

                Kuolun hob ärgerlich die Hand. „Ich werde mich selbst verteidigen. Ich brauche Sie nicht!“

                „Oh doch Sir, das Gericht lässt keine Eigenverteidigung in Ihrem Falle zu. Ich werde beim Prozess anwesend sein müssen.“

                Kuolun rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Er war sichtlich genervt. „Nun gut, darüber reden wir noch. Wenn Sie schon gezwungenermaßen mein Anwalt sind, können Sie etwas für mich tun.“

                „Was immer in meiner Macht steht“, antwortete Borksh beflissen.

                Kuolun lehnte sich zurück und legte die Hände in den Schoß. „Bei meiner Festnahme hat man mir unter anderem meine Brieftasche mit sehr persönlichen Dingen abgenommen. Schaffen Sie sie her und ich rede mit Ihnen.“
                Borksh drehte sich zu der Agentin um und suchte ihren Blick. Sie nickte nur knapp. Er wandte sich wieder seinem Mandanten zu. „Sehen Sie? So schnell geht das. Sie bekommen Ihre Brieftasche zurück.“ Borksh richtete eine Frage an die Agentin. „Wann kann ich mit meinem Mandanten unter vier Augen sprechen?“

                „Wenn wir auf Airam angekommen sind. Übermorgen.“ Die Antwort der Agentin war kurz angebunden und tonlos.
                Borksh deutete mit dem Daumen über die Schulter zu der Agentin und raunte so leise wie möglich Kuolun zu: „Die ist kalt wie Tiefkühlfisch, was?“

                Kuolun blickte über den Anwalt hinweg zu der dunkelhaarigen Frau und sagte mit lauter Stimme: „Das kann ich nicht sagen. Das Verhör war sehr erquicklich, nicht wahr, Miss Ballard?“ Kuolun gab ein keckerndes Lachen von sich. Ballard reagierte nicht auf die Provokation und starrte stur geradeaus.

                Borksh hob warnend den Zeigefinger: „Doktor, Sie sollten so etwas lassen. Solche Verhaltensweisen werden gerne vor Gericht gegen den Angeklagten verwendet.“

                Kuolun verschränkte die Arme vor der Brust. „Wissen Sie etwas über Nurara?“

                Borksh schüttelte den Kopf: „Nicht viel, sie befindet sich auf der Erde in Polizeigewahrsam. Die Behörden sind momentan sehr sparsam mit Informationen, die sie herausgeben. Ich denke, sie wird auch dieser Tage in Untersuchungshaft gehen. Sobald ich etwas weiß, werden Sie es als erster erfahren.“

                „Das hoffe ich für Sie.“ Kuolun erhob sich. „Sonst noch etwas? Ich würde jetzt gerne in meine Zelle zurückgehen. Ich muss an meiner Prozessstrategie arbeiten.“ Kuolun warf Ballard frech eine Kusshand zu. Sie ignorierte ihn. „Bringen Sie mir meine Brieftasche!“, sagte er nur und verließ Borksh ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Auch Borksh erhob sich und ging auf Agentin Ballard zu.

                „Ein charismatischer Mann, das muss man zugeben!“, sagte er beeindruckt.

                Ballard gab ein spöttisches Geräusch von sich. „Ein arroganter, eingebildeter, von Größenwahn besessener Schnösel, nichts weiter.“ Zum ersten Mal regte sich etwas in Ballards Gesichtszügen. „Ich lasse Ihrem Mandanten seine Brieftasche zukommen. Wenn Sie wieder mit ihm sprechen wollen, melden Sie sich bei mir.“

                Borksh machte eine knappe Verbeugung. „Ich danke Ihnen, Miss Ballard.“ Die Agentin, die er eben noch mit Tiefkühlfisch verglichen hatte, zeigte ein knappes, kaum wahrnehmbares Lächeln.
                ‚Anscheinend ist bei dir doch noch nicht alles verloren, Mädchen’, dachte er bei sich und verließ den Arrestbereich.
                Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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                • #9
                  Zelle IIIa-65, Polizeipräsidium, Erde

                  Nurara schlief in dieser Nacht sehr schlecht. Zum einen hatte sie immer noch mit den drei Flaschen Wein zu kämpfen, zum anderen quälten sie verschiedene Gedanken. Curtis, Sam und Kuolun. Wie sollte sie sich verhalten? Newton war ihr Gönner, dessen war sie sich sicher. Sie wusste von Sam und Jonathan, dass er viel in Bewegung setzte, um sie aus dem Sumpf des Verbrechens zu ziehen. Nurara sah sich selbst als Mitläuferin. Kuolun hatte sie nie gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht wollte. Alles, was sie in der Vergangenheit für oder mit Kuolun getan hatte, war aus freien Stücken geschehen. Sie war in Kuolun verliebt, er hatte jedoch nie und zu keiner Zeit mit nur einem Wort jemals gesagt, dass er sie ebenfalls liebte. Kuolun hatte sie stets in ihren Bedürfnissen befriedigt, ihr Aufmerksamkeit geschenkt und sie auch materiell umsorgt.
                  Aber soweit sich Nurara erinnerte, hatte er niemals seine Liebe zu ihr gestanden.

                  Sam. Nurara konnte sich nicht erklären, warum sie Sam eigentlich mochte. Sie hatte in der Zeit mit Kuolun viele gut aussehende Männer kennen gelernt, die es von der rein optischen Seite mit ihm aufnehmen konnten. Und Männer, die ihr gefielen, hatte sie sich stets genommen und sie benutzt. Aber keiner von ihnen konnte es mit seinem Intellekt oder seiner Fähigkeit, Personen mental in Besitz zu nehmen, aufnehmen. Sam war anders. Er hatte die Herzlichkeit, die Kuolun fehlte. Nurara war nach eigener Ansicht nicht gefühlskalt. Sie hatte sich immer etwas seelische Wärme bewahrt. Oft fühlte sie sich einsam, wenn sie mit Kuolun auf Raubzüge ging. Er hatte nur sein Ziel vor Augen, wofür ihm jedes Mittel recht war. Er hätte sogar zum Erreichen seiner Ziele Nurara geopfert. Bei einem Raumschiffdiebstahl geriet Nurara unter Feuer und konnte sich nur in äußerster Lebensgefahr diesem entziehen. Als sie es zurück zum Schiff schaffte, stand Kuolun in der Schleuse und hatte die Hand bereits auf dem Schließmechanismus. Die einzigen Worte, die Nurara von ihm hörte waren: „Du hast es geschafft. Ich bin zufrieden.“ Und nur eine Stunde nach diesem Vorfall bettelte er wieder wie ein Schlosshund um ihre Gunst.

                  Und sie war ihm gefügig.

                  Sam war anders. Sie kannte ihn bisher nur ein paar Stunden, aber sie fühlte seine Ehrlichkeit. Sam war einfach gestrickt. Ein hochintelligenter Mann, aber eben simpler Natur. Er konnte sich nicht wirklich verstellen. Er verband das, was Nurara bei einem Mann sich immer wünschte. Intelligenz, Aufrichtigkeit, gutes Aussehen und ein gewisses Vermögen. Bei diesen Gedanken musste Nurara unwillkürlich lachen. Sie war selbst nicht arm, verfügte sie doch selbst über ein ansehnliches Bankkonto, das ihre Mutter ihr trotz aller Differenzen für sie eingerichtet hatte; sowie die Geldbeträge, die sie aus den „Geschäften“ unter Vul Kuolun selbst erwirtschaftet hatte. Insofern hielt Nurara sich für eine gute Partie. Immerhin hatten ihre Konten einen zweistelligen Millionenbetrag vorzuweisen. Und – das Geld war sauber. Kein Gericht der Galaxis würde ihr jemals ihr Vermögen wegnehmen können. Wie passte Sam da rein? Nach Nuraras Meinung erst einmal nicht. Obwohl er ihr gefiel. Sie schüttelte den Gedanken ab. Nein, Sam passte nicht in ihr Leben. Punkt.

                  Curtis Newton. Sie hasste und irgendwie mochte sie ihn. Er sah verdammt gut aus, war voller Energie und konnte Menschen führen. Für Nurara war Curtis Newton ein Vorbild - in gewisser Weise. Sicherlich war er auf seine Art ein wenig naiv und in eine Frau verliebt, die nicht wirklich zu ihm passte. Nuraras Meinung zu Joan hatte sich seit dem heutigen Tage geändert. In dieser kleinen und kindlich wirkenden Person steckte ein impulsives Wesen, ein brodelnder Vulkan, der nur auf seinen Ausbruch wartete. Joan war nicht von schlechten Eltern, dass musste Nurara sich eingestehen. Dennoch war sie der Meinung, dass zwischen Curtis und Joan etwas war, dass sie mehr trennte als verband. Sie konnte sich nur noch nicht erklären, was es genau war. Joan wollte zeigen, was in ihr steckte, wurde aber von Curtis immer wieder in die Heimchenecke zurückgewiesen. Das war es. Curtis Newton – ein Chauvinist. War er wirklich einer? Sie wusste, dass seine Eltern von Kuoluns Vater getötet worden waren. War es nicht einfach die Angst vor einem weiteren Verlust eines geliebten Menschen, der Curtis immer wieder Joan ins Abseits stellen ließ? Nur das konnte es sein. Sie konnte beiden nicht einmal einen Vorwurf machen. Joan war auf Abenteuer aus, deswegen war sie bei der Raumpolizei und Newton war einfach nur besorgt um Joan. Es war so einfach. Kein Macho, kein Chauvi, einfach nur ein Mann, der eine Frau liebt. Kuolun hatte sich nie wirklich Sorgen um Nurara gemacht. Das wurde ihr in diesem Moment so richtig bewusst. Nurara fiel in einen unruhigen Schlaf. Gefühlt hatte sie nur eine Stunde fest geschlafen, als in ihrer Zelle das Licht anging und ein Officer ihre Tür öffnete.

                  „Guten Morgen Miss Nurara “, rief der Officer gut gelaunt. „Bitte machen Sie sich fertig. Sie werden im Besprechungsraum erwartet. Sie haben zehn Minuten, dann hole ich Sie ab.“

                  Nurara rieb sich die Augen. „In Ordnung“, brummte sie – ihr Schädel dröhnte und ihr Hals war trocken. „Ich bin gleich soweit.“ Nurara stand auf und tappte unbeholfen zum Waschbecken. Ihr Haar und ihre Haut waren noch klebrig vom Salz des Meeres und vom Schweiß der Nacht. Sie blickte in den kleinen Stahlspiegel, der über dem Waschbecken angebracht war. Sie war bleich, ihre blauen Augen wässrig und rot gerändert. Sie drehte das Wasser auf und warf sich eine eiskalte Ladung ins Gesicht. Das Prickeln wie von tausend feinen Nadeln brachte etwas Belebung in ihren Kreislauf. Sie blickte noch einmal in den Spiegel, zögerte kurz und hielt dann ihren Kopf unter den Hahn. Sie wusch sich ausgiebig das Salz aus den Haaren. Das kalte Wasser rann ihr in dicken Tropfen den nackten Rücken herunter und ließ sie erschauern. Nurara warf einen neuerlichen Blick in den Spiegel. Ihr nasses Haar glänzte jetzt fast schwarz, ihr Gesicht war gerötet und fühlte sich etwas besser an. Da man ihr heute anscheinend keine Gelegenheit für eine ausgiebige Dusche gab, musste diese Katzenwäsche fürs erste reichen. Sie griff nach einem Handtuch, das sie sich zu einem riesigen Turban um den Kopf wickelte und ging zum Schrankkoffer. Heute war also der Haftprüfungstermin. Nurara wollte auf keinen Fall zu auffällig und sexy vor den Richter treten und so wählte sie eine hellgraue Kombination bestehend aus einem knielangen Rock und einem kurzen Jackett, einer weißen Bluse, dazu schwarze, flache Schuhe und dunkle Strümpfe. Schmuck hatte sie außer einem kleinen Medaillon, das sie immer trug, nichts weiter. Auf Make-up hatte sie schon seit Tagen verzichten müssen. Das war das einzige, was ihr heute etwas fehlte. Sie wollte sich schön machen für den Tag, der ihr Leben in neue Bahnen lenken sollte und mit erhobenem Haupt der Entscheidung des Richters entgegen sehen. Die Chance, bis zum Prozess auf Kaution frei zu kommen, war denkbar gering, darüber war Nurara sich im Klaren. Aber sie war da. Sam würde das vielleicht hinbekommen. Sie vertraute diesem gut aussehenden Mann seit dem ersten Moment, in dem sie sich begegnet waren. Sie griff nach der Zahnbürste und putzte was das Zeug hielt. Endlich ging der fade Geschmack im Mund weg.
                  Nurara war gerade dabei, die Schuhe anzuziehen, als ihre Zellentür sich wieder öffnete. Es war der freundliche Officer von vorhin. Hinter ihm sah sie einen blonden Schopf. Nuraras Gesicht erhellte sich.

                  „Joan, schön dich zu sehen!“, rief sie. Die Polizeiagentin lächelte freundlich und wedelte mit einem kleinen schwarzen Ledertäschchen.

                  „Hi Nurara, ich dachte, du könntest das hier gebrauchen!“ Sie war ihr die Tasche in einem eleganten hohen Bogen zu. Nurara fing sie gekonnt auf und öffnete sie.

                  „Kannst du Gedanken lesen?“ Es befand sich eine Auswahl diverser Make-up Artikel darin.

                  Joan lachte und trat in die Zelle. „Nein, nicht gerade Gedanken lesen, aber eins und eins zusammen zählen. Ich habe was, was du nicht hast und du willst es…“ Joan klimperte aufreizend mit den Augen. „Los, beeil dich. John und Sam warten oben. Es gibt Frühstück.“

                  Gekonnt legte Nurara ein dezentes Make-up auf und gab Joan das Täschchen zurück. „Und? Wie sehe ich aus?“
                  Joan kratzte mit den Fingernägeln an Nuraras Revers und machte ein Katzenschnurren nach. „Rrrrrrrrr … Zum anbeißen! Du bist wirklich hübsch!“

                  Joan klang aufrichtig und ehrlich. Noch vor ein paar Tagen hätte Nurara der blonden Frau am liebsten den Hals umgedreht, aber die gestrigen Ereignisse hatten in ihr eine Veränderung bewirkt. Sie betrachtete Joan nicht mehr als Konkurrentin, geschweige denn als Feindin. Ihr war, als entwickelte sie freundschaftliche Gefühle für Joan. Gefühle für andere Menschen, die Nurara seit langen Jahren vermisst hatte.
                  Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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                  • #10
                    Neue Woche, neuer Happen. Die Verhandlung vor dem Haftrichter...


                    Gerichtsgebäude, Saal 423

                    Nach einem kurzen Briefing und einem ausgiebigen Frühstück fanden sich Joan, Nurara und die beiden Anwälte vor dem Gerichtssaal ein, wo sie auf Ezella Garnie und Curtis Newton trafen. Nachdem sich die Gruppe begrüßt hatte – Newton war für Nuraras Geschmack verdächtig überschwänglich – gesellte sich ein kräftiger Mann fortgeschrittenen Alters mit militärisch kurz geschnittenen grauen Haaren und Stiernacken auf sie zu. Er trug einen Talar auf dem Arm. Es war der Mann, den die McCabes befürchtet hatten – Staatsanwalt Edward P. Fox. Er hatte kleine, stechende blau-graue Augen und einen unsteten Blick. Eine Narbe am rechten Mundwinkel verlieh ihm ein spöttisches Grinsen obwohl er als ziemlich humorlos bekannt war. Er reichte Jonathan die Hand. „John, es freut mich Sie zu sehen und mal wieder gegen Sie antreten zu dürfen“, sagte Fox mit rauer Stimme.

                    „Ganz meinerseits, Ed. Wir werden es mit einem interessanten Fall zu tun haben“, antwortete Jonathan freundlich und schüttelte Fox‘ Hand. „Haben Sie unsere Anträge gelesen?“

                    Fox nickte. „Ja, das habe ich. Ein sehr gewagtes Unterfangen“, er wies mit dem Kopf in Richtung Nurara, „finden Sie nicht? Immerhin ist die Angeklagte die Geliebte und Handlangerin des größten Schwerverbrechers der bekannten Galaxis. Sie sind mutig, ein solches Subjekt resozialisieren zu wollen.“

                    Jonathan hakte nach. „Und wie ist Ihre persönliche Meinung zu unserem – wie nannten Sie es – Unterfangen? Können wir ansatzweise auf Ihre Unterstützung beziehungsweise auf Ihren guten Willen zählen? Immerhin liefern wir Ihnen eine Kronzeugin!“

                    Fox zuckte teilnahmslos mit den Schultern. „Ob die Angeklagte als Kronzeugin was taugt, zeigt sich bei ihrer Aussage. Bis dahin wollen wir erst einmal ihren eigenen Fall behandeln, nicht wahr?“

                    Bevor Jonathan darauf etwas antworten konnte, öffneten sich die Türen des Gerichtssaales. Jonathan, Sam und Nurara nahmen am Tisch auf der linken, Fox auf der rechten Seite vor dem Richtertisch Platz. Joan, Future und Garnie setzten sich in die erste Reihe hinter dem Tisch der Verteidigung. Nurara war sichtlich nervös. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Vorsichtig schaute sie zum Platz des Staatsanwaltes. Er erwiderte ihren Blick mit einer kalten Feindseligkeit, die sie einschüchterte und erschrecken ließ. Unwillkürlich starrte sie auf die Tischplatte vor sich. Der Gerichtsdiener trat aus dem Hinterzimmer und rief mit kräftigem Bariton: „Bitte erheben Sie sich für die Vorsitzende, die ehrenwerte Richterin Fuentes!“
                    Die Anwesenden erhoben sich, wobei sich Jonathan und Sam wissend angrinsten. Eine Hürde war genommen. Fuentes würde nicht die Hauptverhandlung führen.
                    Richterin Fuentes trat ein, eine kleine drahtige Frau mittleren Alters mit energischen Bewegungen und ergrauendem schwarzen Haar. Sie sprach mit gutturaler Stimme, während sie auf ihrem Stuhl Platz nahm. „Bitte setzen Sie sich. Wir verhandeln heute die Haftprüfung im Falle Solares System, vertreten durch den Staat New York, gegen Nurara. Ist die Angeklagte anwesend?“ Fuentes blickte mit wachsamen braunen Augen über ihre Lesebrille.

                    Sam gab Nurara einen Stups, damit sie sich erheben sollte. Sie stand auf, ihre Stimme war gefasst. „Ich bin anwesend, Euer Ehren.“

                    Fuentes nickte. „Gut, Sie dürfen sich wieder setzen. Ich bitte um die Anträge, die Anklage zuerst. Und bitte, Ed, machen Sie es kurz. Das ist hier nicht die Hauptverhandlung.“ Dabei schaute sie Fox süffisant an.

                    Fox erhob sich und räusperte sich. „Euer Ehren, in Anbetracht der Anklagepunkte gegen die Verdächtige beantrage ich die sofortige Überstellung in das staatliche Untersuchungsgefängnis bis zur Hauptverhandlung. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erhöhten Fluchtgefahr aus, daher beantrage ich weiterhin, eine Freilassung auf Kaution auszuschließen.“ Fox nahm wieder Platz und stützte sich mit dem Kinn auf seine Handrücken. „Kurz genug, Elmyra?“

                    Fuentes warf ihm einen missbilligenden Blick zu, verzichtete aber darauf, ihn wegen Missachtung des Gerichts zu maßregeln. Offenbar kannten sich die beiden lange genug, um solche Spielchen zu spielen. Fuentes blieb ernst und wandte sich der Verteidigung zu. „Mr. McCabe“, sie blickte den älteren an, „Ihre Anträge?“

                    Jonathan erhob sich von seinem Stuhl und strich sich die schwarze Robe glatt.
                    „Euer Ehren, wir beantragen, unsere Mandantin bis zur Hauptverhandlung auf Kaution auf freien Fuß zu setzen. Unsere Mandantin hat zugestimmt, als Kronzeugin in dem Prozess gegen Doktor Vul Kuolun auszusagen. Sie hat in den Tagen seit ihrer Verhaftung ein vorbildliches Verhalten während des Polizeigewahrsams an den Tag gelegt und möchte zusätzlich an einem Resozialisierungsprogramm im Falle einer Verurteilung teilnehmen. Unsere Mandantin hat ein vollumfängliches Geständnis abgelegt, soweit die Anklagepunkte zu ihrer Person zutreffen, welches sie bei der Hauptverhandlung wiederholen wird. Die Staatsanwaltschaft hat zwischenzeitlich die Konten unserer Mandantin mit einem Gesamtbetrag von rund 18 Millionen Dollar einfrieren lassen. Wir beantragen zusätzlich die Wiederfreigabe der Konten, da unsere Mandantin derzeit mittellos ist und die Herausgabe des sichergestellten Eigentums unserer Mandantin auf dem Schiff, welches auf dem Vergnügungsplaneten immer noch festgehalten wird.“ Jonathan nahm wieder Platz.

                    Curtis und Joan sahen sich überrascht an. Joan blies die Backen auf und flüsterte: „Wow, Achtzehn Millionen … damit könnte sie den Prozess glatt kaufen …“

                    Richterin Fuentes blickte in die Runde. „Wenn das alle Anträge waren, unterbreche ich die Sitzung für zwanzig Minuten.“ Sie schlug mit ihrem Holzhämmerchen auf den Richtertisch und erhob sich um den Gerichtssaal zu verlassen.


                    Joan beugte sich über die Brüstung, die den Zuschauerraum vom Verteidigertisch trennte und raunte Nurara zu: „Hey, Kleine, ich wusste gar nicht, dass du eine so gute Partie bist.“

                    Nurara drehte ihren Kopf und zwinkerte ihr zu. „Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Es ist Jahre her, dass ich den letzten Kontoauszug gesehen habe. Ich habe das Geld meiner Mutter nie angerührt. Und das, was ich verdient habe, ging auch immer gleich auf das Konto. Ich habe ja nie eigenes Geld gebraucht.“ Sie blickte Joan mit engelsgleicher Unschuldsmiene an, die jedoch sofort einem sehr traurigen Gesichtsausdruck wich. „Und wenn ich Pech habe, werde ich das Geld auch in den nächsten Jahren nicht ausgeben können …“ Nurara spürte eine warme und schwere Hand auf der Schulter. Sie drehte sich um und blickte in Sams Augen, die sie liebevoll ansahen.

                    „Machen Sie sich keine Sorgen, Nurara. Sie werden alle Zeit der Welt haben, Ihr Geld so auszugeben, wie Sie es wollen. Ich verspreche Ihnen, bei allem was mir heilig ist, alles daran zu setzen, dass Sie das Gerichtsgebäude nach der Urteilsverkündung als freier Mensch verlassen.“

                    Er nahm ihre Hände in seine und lächelte. Seine Geste machte ihr Mut. Jonathan war derweil zu Staatsanwalt Fox hinübergegangen und diskutierte mit ihm mit gedämpfter Stimme aber ausholenden Handbewegungen. Immer wieder schüttelte Fox den Kopf, dann nickte er oder zuckte mit den Schultern. Von Nuraras Warte aus war nicht genau zu verstehen, um was es exakt ging, es musste sich aber um ihre Haftbedingungen handeln, denn sehr oft waren die Worte „Sicherheit“ und „Kronzeugenreglung“ zu hören. Gegen Ende des Gesprächs lachten beide Männer und gaben sich die Hand. Jonathan kam zu ihrem Tisch zurück.

                    Sofort wandte Sam sich seinem Vater zu. „Und? Was hast du erreicht?“ Jonathan verdrehte die Augen. „Nicht viel. Fox stimmt einer Erleichterung der Haftbedingungen zwar zu, knüpft dies aber an Bedingungen.“

                    Nurara mischte sich ein: „Was für Erleichterungen?“

                    Sam wandte sich ihr zu. „Wir wollen gleich noch beantragen, dass Sie die Untersuchungshaft nicht im Staatsgefängnis verbringen, falls es dazu kommt. Ihre Sicherheit geht vor und Sie sind mittlerweile in der Öffentlichkeit keine Unbekannte mehr. Im Gefängnis kann es gefährlich für Sie werden …“ Sam drehte sich wieder um. „Was für Bedingungen, Dad?“

                    „Fußfessel, Sam. Hausarrest und Fußfessel. So ein Idiot!“ Jonathan schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

                    Nurara tippte Sam auf die Schulter. „Äääh, Sam? Damit kann ich leben! Eine Fußfessel würde mir ganz sicher nichts ausmachen.“

                    Sam schaute sie an. „Das weiß ich, Nurara, ich würde diese Bedingung auch annehmen, wenn ich Sie wäre. Das müssen wir dem Staatsanwalt aber nicht gleich verraten, oder?“ Er zwinkerte ihr zu und grinste schelmisch. In diesem Moment öffnete sich die Tür des Richterzimmers und Elmyra Fuentes trat wieder in den Verhandlungssaal.

                    Noch bevor sich die Anwesenden erheben konnten, sagte sie: „Bitte behalten Sie Platz. Wir bringen das hier schnell zu Ende.“ Sie öffnete eine Mappe und begann die richterliche Entscheidung zu verlesen. „Hiermit erteile ich Haftbefehl gegen die Verdächtige Nurara …“

                    Die Stille im Gerichtssaal war lähmend. Allerdings hatte niemand etwas anderes erwartet.

                    Fuentes fuhr fort. „In Anbetracht der hier vorliegenden Anklagepunkte und unter Würdigung des Geständnisses ist Miss Nurara unverzüglich in das Staatsgefängnis zur Untersuchungshaft zu überführen.“ Nurara wurde bleich und Joan hielt den Atem an. Sie legte eine Hand auf Nuraras Schulter. Nurara griff nach ihr ohne den Blick von der Richterin abzuwenden. Jonathan machte Anstalten sich zu erheben und Protest gegen die Entscheidung zu erheben. Richterin Fuentes hob eine Hand abwehrend und deutete ihm, sich wieder zu setzen. „Ich habe während der Unterbrechung mit dem Gefängnisdirektor sowie mit Präsident Cashew eine Audiokonferenz geführt. Das Staatsgefängnis ist derzeit am Rande seiner Kapazitäten angelangt. Der Direktor kann nicht für die Sicherheit der Angeklagten garantieren. Präsident Cashew hat daraufhin verfügt, dass die Angeklagte bis auf weiteres“, Fuentes legte eine starke Betonung auf die letzten Worte, „in polizeilichem Gewahrsam analog zu einer Untersuchungshaft verbleibt.“ Fuentes nahm ihre Lesebrille ab und sah Nurara direkt in die Augen. „Mädchen, du hast keine Ahnung, was dir damit erspart bleibt.“

                    Nurara senkte bei dieser persönlichen Ansprache demütig den Blick. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Fuentes hob erneut die Stimme und fuhr fort: „Das persönliche Eigentum der Angeklagten ist ihr mit Ausnahme gefährlicher Gegenstände umgehend wieder auszuhändigen. Die Geldkonten bleiben bis zur Klärung der Einkünfte gesperrt. Das Gericht verfügt hiermit eine genaue Prüfung der Herkunft des Vermögens durchzuführen. Die Anträge zur Kronzeugenregelung und zur Teilnahme an einem Resozialisierungsprogramm werden der entsprechenden Kammer zugeleitet. Der Termin zum Prozessbeginn wird den Parteien zeitnah mitgeteilt. Die Verhandlung ist geschlossen.“
                    Fuentes schlug mit dem Hämmerchen auf den Tisch und verließ den Saal.

                    Joan sprang als erstes auf und über die Brüstung. Sie gab einen spitzen Schrei von sich und nahm Nurara in die Arme.
                    „Hey Süße, das ist ja großartig!!!“ Sie konnte ihre Freude kaum verbergen. Auch Sam und Jonathan war die Erleichterung anzusehen. Fuentes´ Entscheidung übertraf ihre Erwartungen bei weitem. Staatsanwalt Fox hatte seine Unterlagen zusammengepackt und kam zu ihnen herüber.

                    „Ich muss zugeben, John, Sie haben anscheinend immer noch eine stark erotisierende Wirkung auf Elmyra. Ein anderer Richter hätte Ihre Mandantin einfahren lassen. Respekt! Wir sollten mal wieder essen gehen.“

                    Jonathan lächelte. „Sicher Ed. Unbedingt.“

                    Fox war bereits im Begriff den Saal zu verlassen als er sich noch einmal umdrehte. „Wissen Sie, John, was ich bis heute an Ihnen nicht kapiere?“

                    Jonathan zog fragend die Augenbrauen hoch.

                    „Wie Sie als solch ein verdammter Idealist ein so verdammt erfolgreicher Anwalt werden konnten. Verraten Sie mir mal bei Gelegenheit Ihr Geheimnis!“ Er drehte sich um und ging hinaus.

                    Ezella ergriff zum ersten Mal an diesem Morgen das Wort: „Nurara, Sie unterstehen ab sofort meiner ausschließlichen Obhut.“ Er holte ein paar Handschellen aus einer Tasche an seiner Uniform. Er legte eine Schelle an Nuraras linkem Handgelenk an. Sie blickte schockiert zu ihm auf.
                    „Was ...“ Ezella zog Joan an seine Seite und kettete sie an Nurara. „Agentin Landor, Sie sind ab jetzt verantwortlich für die Sicherheit der Gefangenen! Verbringen Sie sie umgehend ins Polizeipräsidium. Marsch!“

                    Die beiden Frauen blickten sich kurz an und nickten sich zu. Dann setzten sie sich fröhlich plappernd in Bewegung. Curtis stellte sich dicht neben Garnie. „Ezella, meinst du, das war eine gute Idee?“

                    „Wieso?“

                    Curtis zog zischend Luft zwischen den Zähnen ein. „Ach, ich frage mich gerade nur, wer von den beiden den schlechteren Einfluss auf die andere hat.“
                    Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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                    • #11
                      Ich versuche mir gerade bildhaft vorzustellen, wie sich so eine Fußfessel bei nurara macht, bei den Outfits die sie immer trägt.

                      Oder peppt sie die Dinger womöglich modisch auf?
                      ZUKUNFT -
                      das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
                      Mein VT: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...ndenz-steigend
                      Captain Future Stammtisch: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...´s-cf-spelunke

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                      • #12
                        Und ich glaube, Nurara ist so eine, der gefällt das mit ner Fessel auch noch...
                        Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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                        • #13
                          Hallo!

                          Da sieht man´s wieder!
                          CF ist doch ein guter Frauenversteher, denn er fragt sich zurecht, wer von den zwei Frauen den schlechteren Einfluss auf die andere hat!
                          Übrigens, die äh..."Übergeben-Szene", die fand ich urkomisch, weil so richtig aus dem Leben gegriffen! Nicht unbedingt bei Erwachsenen, aber wenn man mit kleinen Kindern zu tun hat...

                          LG
                          earthy
                          "Allerdings - wer Geschichten mag, die die Figuren definitiv als "out of character" beschreiben (also extrem abweichend von Edmond Hamiltons Vorlage), möge sich bitte woanders umschauen." - Genau, nämlich hier und was noch nicht ist, kann ja noch werden!

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                          • #14
                            Ich halte den Captain auf jeden Fall für einen sehr guten Menschenkenner.

                            - - - Aktualisiert - - -

                            Weiter gehts mit

                            Kapitel 3

                            Ein verlassenes Lagerhaus in den Außenbezirken von New York

                            Der Mann saß in dem staubigen Büro an einem wackeligen Schreibtisch. In gleichmäßigen Bewegungen wippte er mit dem Oberkörper vor und zurück. Vor ihm auf dem Tisch lag ein Holzkästchen aus poliertem Mahagoni. Sein Blick wechselte stetig von dem Kästchen und dem Bild an der schmutzigen Wand mit dem Gesicht, das er so hasste. Minutenlang wippte er weiter bis er mit einem Mal innehielt und den glänzenden Messingverschluss des Kästchens aufschnappen ließ. Vorsichtig und ehrfürchtig öffnete der Mann den Deckel. In dem mit rotem Samt ausgekleideten Behältnis lag ein verchromter antiker Revolver der Marke Smith & Wesson vom Kaliber .44. Die Waffe war mindestens zweihundertfünfzig Jahre alt, aber in allerbestem Zustand. Schwer, grobschlächtig und dennoch genau und absolut tödlich. Zärtlich fuhr der Mann mit einem Finger über den kalten Lauf, die Trommel und den Griff aus Elfenbein. Wieder blickte er auf und sah das Gesicht auf dem Bild vor ihm, das er so abgrundtief hasste. Er öffnete eine Schublade des alten Schreibtisches und holte ein Päckchen mit Patronen hervor. Vorsichtig nahm der Mann den Revolver aus dem Kästchen, ließ die Trommel seitlich herausfallen und begann die Waffe zu laden.
                            Mit jeder Patrone, die er in die Trommel steckte, murmelte er: „Ich töte dich. Ich töte dich. Ich töte dich.“
                            Als er die sechste und letzte Patrone geladen hatte, ließ er mit einer eleganten Handbewegung die Trommel wieder einrasten und erhob sich von seinem Stuhl. Er legte auf das Bild mit dem Gesicht, das er so hasste, an und spannte den langsam den Hahn. Dann drückte er ab. Ein, zwei, drei, vier, fünf, sechsmal peitschten ohrenbetäubende Schüsse durch den Raum. Der beißende Gestank von Schießpulver breitete sich um den Mann aus. Das Gesicht auf dem Bild war nicht mehr zu erkennen. Der Mann öffnete die Trommel und ließ die noch rauchenden Messinghülsen herausfallen. Leise klimpernd landeten sie auf dem dreckigen Fußboden. Er lud den Revolver aufs Neue und legte wieder auf das geschundene Bild an. Er schoss und schoss und schoss, bis von dem Bild nur noch einige Papierfetzen durch die Luft segelten. Er entlud den Revolver und begann, ihn fröhlich pfeifend und summend zu reinigen. Als er seine Arbeit beendet hatte, legte der Mann die Waffe wieder bedächtig in das Kästchen und schloss den Deckel. Dann ging er zur Tür und trat hinaus auf das verlassene und sonnendurchflutete Industriegelände.




                            Zelle IIIa-65, Polizeipräsidium

                            Nurara hatte es sich gerade auf ihrer Pritsche etwas bequem gemacht, als ihre Zellentür aufging und Ezella Garnie eintrat. „Marshall Garnie! Kann ich was für Sie tun?“, fragte sie erstaunt.

                            Garnie blickte sie ernst an. „Bitte packen Sie Ihre Sachen und kommen Sie mit mir. Sie werden verlegt.“ Seine Miene ließ keinen Widerspruch zu.

                            Sämtliche Farbe entwich Nuraras Gesicht. „Komme ich jetzt doch ins Staatsgefängnis?“ Leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Dass sich die Situation so schlagartig verändern würde, hätte sie nicht gedacht. „Was ist mit dem Schrankkoffer?“

                            Garnie schüttelte den Kopf. „Der muss erst einmal hier bleiben. Nehmen Sie das mit, was Sie im Moment am Nötigsten brauchen.“

                            Nurara stand auf. Ihre Knie zitterten. Mit ebenso zittrigen Händen begann sie zuerst ihre Toilettenartikel und dann einige wenige Kleidungsstücke und Wäsche vor ihre Brust zu laden.

                            Garnie sah ihr tief in die Augen. „Haben Sie alles?“, fragte er streng.

                            Nurara nickte stumm, sie hatte einen Kloß im Hals und Tränen drückten in ihre Augen. Garnie ging wieder zur Tür. Draußen hatten sich zwei bewaffnete Beamte postiert.

                            „Gut, dann folgen Sie mir bitte.“ Garnie ging hinaus und den langen Gang zu den Aufzügen hinab. Nurara folgte ihm dichtauf, die Beamten dahinter. Die Türen des Turbolifts öffneten sich und die Gruppe bestieg den Aufzug. Garnie stellte sich so vor die Bedienelemente, dass Nurara nicht sehen konnte, welche Etage er wählte. Der Zellentrakt befand sich im Untergeschoss, der Zugang zum Landefeld nur eine Etage darüber. Die Aufzugtüren schlossen sich und die Kabine setzte sich mit einem leichten Ruck in Bewegung. Normalerweise wären sie nur eine Sekunde später im Erdgeschoss aber die Kabine fuhr weiter nach oben. Nurara blickte auf die Anzeige über ihr. Die Zahlen rauschten durch den Zehner- dann durch den Zwanziger- und Dreißigerbereich. Bei 36 blieb die Kabine abrupt stehen. Sie waren eine Etage über dem Besprechungsraum, als die Türen sich wieder öffneten.

                            Garnie ging voran. „Kommen Sie Nurara! Wir sind da!“, rief der alte Marshall ungeduldig.
                            Nurara trat auf den Flur. Die Wände waren in warmen Farben gestrichen und von Holztüren in großen Abständen gesäumt. Alle Türen bis auf eine im hinteren Bereich des Flures waren geschlossen. Aus der offenen Tür strahlte ein gelbliches Licht. Die beiden Beamten gingen schnellen Schrittes voraus und bezogen Posten beiderseits dieser Tür. Nuraras Schritte wurden langsamer.
                            Garnie sah sie mit durchdringendem Blick an und sprach mit energischer Stimme: „Würden Sie sich bitte etwas beeilen?“
                            Nurara legte einen Schritt zu. Was erwartete sie hinter dieser Tür? Garnie ging hinein. Sie blickte fragend einen der beiden Beamten an. Dieser wies sie lediglich mit einer Kopfbewegung an, dem Marshall zu folgen. Zögerlich betrat sie den Raum und befand sich in einem einfachen, aber geschmackvoll eingerichtetem Wohnzimmer mit angeschlossener offener Küche und zwei noch verschlossenen Türen. Garnie stand in der Mitte des Wohnzimmers und wurde von Joan und Curtis flankiert. Die beiden konnten sich ein breites Grinsen nur schwer verkneifen, während Garnie Nurara unverändert ernst ansah.
                            „Miss Nurara, dies ist bis auf weiteres Ihre Unterkunft. Bitte gehen Sie pfleglich mit der Einrichtung um und reinigen müssen Sie selbst!“
                            Nurara stand da mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Vor Schreck ließ sie ihre Sachen auf die Erde fallen. Sie sah sich um. Zu ihrer rechten stand eine schwarze lederne Sitzgarnitur bestehend aus einer Couch und einem bequem anmutenden Sessel mit passendem Hocker, zu ihrer linken eine kleine, aber zweckmäßig angelegte Küche aus hellem Holz. Das Wohnzimmer hatte zwei große, lichtdurchlässige Fenster mit Blick auf den East-River. Der Fußboden war mit einem hellen, weichen Teppich ausgelegt und vor der Sitzgruppe stand ein kleiner Glastisch mit massivem Chromrahmen. Insgesamt machte die Wohnung einen äußerst gemütlichen Eindruck.
                            Garnie fuhr fort: „Diese Wohnungen hier auf der Etage sind eigentlich dazu gedacht, externen Beamten kurzfristig Unterkunft zu bieten. Da in absehbarer Zeit keiner hier wohnen wird, haben wir uns gedacht, dass wir Ihnen die Zeit bis zum Prozess so angenehm wie möglich machen wollen. Das gilt allerdings nur so lange, bis das Gericht Sie wirklich verlegen lässt. Das können wir leider nicht verhindern. Und es werden vierundzwanzig Stunden am Tag zwei Beamte vor dieser Wohnung postiert. Sie können alle Gemeinschafts- und Freizeiträume hier im Gebäude aufsuchen, allerdings nur in Begleitung von Joan oder einem der Posten an der Tür. Das sind die Regeln. Also? Was sagen Sie?“ Garnie grinste in seinen buschigen Schnurrbart.

                            Nurara hob hilflos die Arme, trat zwei Schritte auf Garnie zu und fiel ihm um den Hals. „Danke Sir! Ich weiß nicht was ich sagen soll!“, rief sie erfreut.

                            Garnie löste sich aus der Umarmung und schob Nurara sanft von sich weg. „Danken Sie nicht mir, sondern Ihrem Gönner …“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Curtis. „Er hat das alles eingestielt. Inklusive meiner kleinen Show von eben.“

                            Nurara blickte an Garnie vorbei und bedachte Curtis mit einem bösen Blick. Dieser verschränkte die Arme vor der Brust und grinste frech. „Na? Angst gehabt?“, fragte er kichernd.

                            Nuraras Miene verfinsterte sich. „Newton?!“

                            „Ja?“, gluckste Curtis, kurz davor, einen Lachanfall zu bekommen.

                            Nurara stemmte die Fäuste in die Hüften und brüllte ihn an: „Sie sind ein Riesenarsch! Hoffentlich sind Sie sich darüber im Klaren!“ Die beiden Beamten standen plötzlich aufgeschreckt durch Nuraras Ausbruch im Türrahmen, mit den Händen an den Waffen. Nurara regte sich weiter auf: „Sie haben mir eine Scheißangst eingejagt! Sie mieser …“
                            Sie hielt inne und erinnerte sich an das, was er ihr am Vortag ins Ohr geflüstert hatte: ‚Das zahle ich Ihnen heim, wenn Sie nicht damit rechnen. ‘ Sie schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Mann, am liebsten würde ich Ihnen eine verpassen!“, rief sie, dann fiel sie auch ihm um den Hals. „Danke, vielen, vielen Dank!“

                            Curtis schüttelte den Kopf. „Nicht der Rede wert, Nurara. Halten Sie sich an unsere Abmachung und wir sind in jeder Hinsicht quitt. Ich will nicht Sie, ich will Kuolun.“
                            Zuletzt geändert von Nurara McCabe; 14.01.2014, 15:05.
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                            • #15
                              Hier kommen zwei meiner Lieblingsszenen aus der Geschichte. Zum einen vertiefe ich einen neuen, dauerhaften Charakter - eine Hammerfrau, wie sich noch zeigen wird und etwas knisternde Erotik. Viel Spaß!


                              Schlachtkreuzer Tennessee, Überlichtgeschwindigkeit, Kurs auf das Airam-System

                              Vul Kuolun saß in seiner engen Arrestzelle über einen Block gebeugt und schrieb. Zeile für Zeile füllte er mit seiner großen, schwungvollen Handschrift, bei der jeder Buchstabe fast wie ein kleines Kunstwerk aussah. Er arbeitete an seinem Plädoyer, in dem er seine Unschuld beteuerte. Seine Ziele waren doch hehrer Natur, wollte er die Gesellschaft vom Makel der missglückten Demokratie befreien. Nach seiner Ansicht konnte sich eine Gesellschaft nur behaupten, wenn sie von einer starken, einzelnen Hand geführt wurde. Und diese starke Hand glaubte Kuolun zu besitzen. Unvermittelt öffnete sich die Zellentüre und zwei bewaffnete Polizisten traten ein, die sich links und rechts neben dem Türrahmen postierten. Sie legten mit ihren Schnellfeuergewehren auf ihn an.

                              Einer der beiden rief: „Aufstehen, Gesicht zur Wand, Hände auf den Rücken!“

                              Kuolun leistete dem Befehl widerstandslos Folge. Auf einen Wink des Postens hin, betrat Agentin Ballard die Zelle. In der Hand hatte sie Kuoluns Brieftasche. „Sie können sich umdrehen, Doktor“, sagte sie und warf die Brieftasche vor ihm auf den kleinen Tisch.

                              Kuolun musterte Ballard frech von unten nach oben. Sie trug ihr schulterlanges, schwarzes Haar dieses Mal zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihre vormals strenge Erscheinung etwas milderte. Mit ihrer figurbetonten dunkelblauen Uniform und den schwarzen Stiefeln strahlte sie dennoch eine unnahbare Härte aus, die Kuolun sehr gefiel. Mit einer demütigen Verbeugung nahm er seine Brieftasche an sich und sah ihr dann direkt ins Gesicht. „Sie sehen heute wieder bezaubernd aus, Miss Ballard! Sie haben mir übrigens noch nicht Ihren Vornamen verraten.“

                              Jetzt musterte Ballard ihr Gegenüber während sie die Arme vor der Brust verschränkte. „Major. Sie dürfen gerne Major Ballard zu mir sagen.“ Ballard lächelte humorlos. „Sie sehen übrigens auch ganz vortrefflich aus, Doktor. Der Overall passt gut zu Ihrer Haarfarbe und macht einen ganz anderen Menschen aus Ihnen!“

                              Kuolun blickte an sich herab. Der leuchtend gelbe Gefangenenoverall war entwürdigend und gab ihm das Gefühl, wie ein Kanarienvogel auszusehen. „Treffer, Miss … verzeihen Sie, Major Ballard, Sie haben es erfasst. Dieser Overall macht aus mir jemanden, der ich nicht bin.“ Er sah Ballard tief in ihre hellgrauen Augen. Sie glänzten kalt wie Kieselsteine in einem klaren Gewässer. Sie hielt seinem Blick völlig emotionslos stand. Ballard war in den frühen Dreißigern, also etwas älter als Kuolun, hatte ein schmales, mandelförmiges Gesicht mit hohen, markanten Wangenknochen und gerader Stirn. Sie war ob ihres unterkühlten Auftretens eine sympathische und außergewöhnlich hübsche Erscheinung. Kuolun fragte sich insgeheim, wie diese Frau wohl ohne Uniform auftreten würde. Ob sie eine gute Liebhaberin wäre? Mit Sicherheit, davon war Kuolun überzeugt. Wahrscheinlich wäre sie fordernd, laut und ausdauernd. Vielleicht auch schmerzhaft bis hin zur Gewalttätigkeit, aber Sex mit dieser Frau würde ihm wohl Spaß machen. Ballards Antwort riss ihn aus seinen lüsternen Gedanken.

                              „Ich weiß, was Sie auf jeden Fall nicht sind“, entgegnete sie scharf.

                              Kuolun zog fragend die Augenbrauen nach oben. „Und das wäre, Major?“

                              „Mein Typ, Doktor Kuolun. Guten Tag!“ Ballard machte auf den Hacken kehrt und ging mit militärischem Schritt hinaus. Die beiden Posten folgten ihr umgehend und die schwere Zellentür schloss sich mit einem scharfen Zischen. Vul Kuolun blickte hinab zu der Brieftasche, die er immer noch in den Händen hielt. Er klappte sie auf und sah hinein. Auf den ersten Blick war alles vorhanden, Papiere, Kreditkarten und das, was ihm besonders am Herzen lag und weswegen er seine Brieftasche wiederbekommen wollte – ein Foto von seiner geliebten Nurara. Es war schon etwas älter und zeigte Nurara in einem hübschen Sommerkleid an einem Baumstamm lehnend. Sie lächelte in die Kamera und die Kamera mochte sie. Nurara war sehr fotogen. Aufgenommen hatte er das Bild am Anfang ihrer Beziehung im botanischen Garten der marsianischen Universität. Kuolun hatte bereits promoviert und eine Dozentenanstellung bekommen, Nurara war im letzten Semester.
                              Er legte sich auf die schmale Koje und betrachtete weiter das Foto. Sie hatte sich in den Jahren kein bisschen verändert. Zärtlich strich Kuolun über das Foto.
                              „Nurara …“, seufzte er, „hoffentlich geht es dir gut. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich dich vermisse.“



                              Nuraras Wohnung, am nächsten Morgen

                              Nurara hatte ausgesprochen gut geschlafen und bestens gelaunt stand sie inmitten von einem Berg aus Kleidung und Schuhen. Am Vorabend hatte man ihr auf Grund des richterlichen Beschlusses ihr Eigentum zurückgegeben. Im Wohnzimmer befanden sich nun fünf große Plastikcontainer, die sie allesamt auf dem Boden ausgeschüttet hatte und begann zu sortieren. Selbst war sie nur mit Shorts und einem knappen Unterhemd bekleidet, der weiche Teppich kitzelte ihr unter den nackten Füßen. Irgendwann summte es an der Tür. Nurara war gerade dabei, die letzten Wäschestücke in den Kleiderschrank im Schlafzimmer zu packen. Sie ließ die Sachen fallen und sprintete zur Tür. Auf dem kleinen Monitor neben der Gegensprechanlage sah sie Sam, der mit den beiden Posten schwatzte. In den Händen hielt er seine Aktentasche und eine unförmige Papiertüte. Einer der Beamten blickte prüfend hinein und nickte. Nurara drückte auf den Türöffner.
                              „Guten Morgen Nurara! Ich habe Frühstück mitgebracht. Kaffee und Donuts!“, rief er, rauschte an ihr vorbei und ließ sie in einer Wolke von würzigem Aftershave stehen. Er drehte sich mehrmals im Kreis und betrachtete anerkennend die Wohnung. Grinsend sagte er: „Respekt, die Jungs von der Polizei haben echt Geschmack! Sie haben es gut getroffen! Wie geht es Ihnen heute? Hatten Sie eine gute Nacht? Sie sehen großartig aus!“

                              Nurara errötete leicht, als sie an sich herunter blickte. In den knappen Sachen, die sie trug, hatte sie geschlafen und entsprechend zerknittert sahen sie aus. Nurara hatte sich nicht einmal gekämmt und ihre grünen Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. „Oh Sam, Sie sind so ein charmanter Lügner! Ich sehe furchtbar aus!“, winkte sie ab.

                              Sam musste laut lachen. „Ich bin Anwalt, lügen ohne rot zu werden ist mein Handwerkszeug! Aber ich meinte das jetzt absolut ehrlich. Ganz im Ernst, Sie strahlen so eine erholte Gelassenheit aus. Ganz anders als noch gestern Morgen. Und so ungeschminkt und zerzaust finde ich Sie übrigens sehr bezaubernd.“

                              Nurara wurde noch roter im Gesicht. Etwas beschämt schlug sie die Hände vor die Augen und murmelte: „Sam, bitte, lassen Sie das!“ Seine Ansage hatte getroffen. Mitten in ihr Herz und ihre Seele. Aber bevor sie Sam etwas darauf entgegnen konnte, drückte er ihr einen Becher mit dampfendem Kaffee in die Hand.

                              „Nurara, ich habe Neuigkeiten vom Gericht für Sie“, er hielt kurz inne, „ äh, waren wir nicht neulich beim ‚du‘?“
                              Nurara wog den Kopf hin und her, schloss die Augen und nickte kurz. Sam setzte noch einmal an: „Fein! Nurara, ich habe Neuigkeiten vom Gericht für dich. Unser Antrag auf Teilnahme an einem Resozialisierungsprojekt wurde angenommen und wird wohlwollend – und jetzt halte dich fest – von Richter Callahan betrachtet! Das heißt, wenn er ein Urteil im Sinne einer Bewährungsstrafe fällen sollte, wird man dich für ein bis zwei Jahre in eine entsprechende Institution stecken und deine Strafe würde zur Bewährung ausgesetzt werden. Ist das nicht toll?“

                              Nurara ließ sich schwer auf das Ledersofa fallen. „Das hört sich so an, als wäre da noch ein Haken dran“, antwortete sie.

                              Sam setzte sich zu ihr und legte lässig einen Arm auf die Lehne. Unter dem Ärmel seines T-Shirts schaute das Ende einer Tätowierung heraus. Er kam so nah wie möglich an Nurara heran. Sam konnte den Duft ihres Haars und ihres Körpers wahrnehmen. So, wie sie im Moment aussah, kam sie direkt aus dem Bett, ohne anschließend geduscht zu haben. Ihr Körpergeruch war einfach verführerisch und erinnerte ihn leicht an exotische Gewürze. Am liebsten hätte Sam Nurara jetzt in den Arm genommen. Nurara schien das zu bemerken. Sie zog ihre langen, schlanken Beine an sich und senkte den Blick. Sam räusperte sich und ging wieder etwas auf Distanz. „Der Haken ist … der Haken ist, dass wir keinen Einfluss darauf haben, in welche Einrichtung du eingewiesen wirst. Das ist allein die Entscheidung des Richters. Im schlimmsten Fall schickt man dich in irgendein Bootcamp auf der Venus.“ Sam zuckte mit den Schultern, als er fortfuhr: „Dad und ich wollen natürlich versuchen, ein wenig Einfluss auf Richter Callahan zu nehmen. Er ist ein netter, verständnisvoller Kerl, aber manchmal auch etwas stur.“

                              „Und dieser Staatsanwalt?“ fragte Nurara, „Ist der nicht die härtere Nuss? So habe ich deinen Vater zumindest verstanden.“

                              Sam winkte ab. „Dad und Ed Fox kannten sich schon, lange bevor ich geboren wurde. Sie dienten bei der Flotte auf dem gleichen Schiff und standen sich bis heute stets in einem sportlich-freundschaftlichen Wettkampf gegenüber. Sie mögen sich, auch wenn es für dritte oft nicht danach aussieht. Die beiden werden sich schon einig, da bin ich mir sicher.“

                              Sam nahm einen großen Schluck Kaffee und griff nach einem Schokoladendonut. Als er herzhaft hineinbiss, sagte Nurara: „Der sieht lecker aus, darf ich mal probieren?“

                              Sam hielt ihr das Gebäckstück hin. Sie umfasste mit beiden Händen seine Hand. Ihre zarte Berührung ließ Sam die Nackenhärchen sträuben und ein eigenartiges, wohlig-warmes Brennen machte sich in seiner Brust breit. Jetzt war Sam sich sicher: er hatte sich ernsthaft in diese schöne Frau mit den grünen Haaren verliebt. Für ihn war der Prozess jetzt nicht mehr ein reines, lukratives Geschäft mehr sondern eine persönliche Mission. Sam wollte Nurara in Freiheit sehen, koste es, was es wolle. Und dann würde sie vielleicht seine Frau werden. Das war sein Wunsch. Kauend sahen sie sich in die Augen. Nurara hatte etwas Schokolade im Mundwinkel. Vorsichtig langte Sam mit einem Finger danach und leckte ihn ab. Jetzt erwartete er lauten Protest oder gar eine Ohrfeige. Beides aber blieb aus. Nurara sah ihn einfach nur belustigt an und griff noch einmal nach seiner Hand und biss in das letzte Stück des Donuts. Nur leicht trafen ihre Zähne auf seinen Daumen. Ein Schauer lief durch seinen Körper. Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Bislang glaubte er nicht an Liebe auf den ersten Blick. Seine verstorbene Frau Helene hatte ein ganzes Jahr gebraucht, bis er überhaupt Notiz von ihr nahm und weitere sechs Monate, bis er ihr ihre Liebe gestand. Nurara hingegen hatte sein Herz im Sturm erobert. Jetzt tobten Gedankenstürme durch seinen Kopf und ein Bienenschwarm in seinem Bauch.
                              Nurara betrachtete ihn minutenlang, ohne ein Wort zu sagen. Sam gefiel ihr ganz eindeutig. Und sie fühlte sich in seiner Gegenwart wohl. Sie ergriff seinen Arm, der immer noch auf der Sofalehne ruhte und fuhr mit der Hand bis zum Ärmel seines T-Shirts hinauf und verpasste ihm damit eine Gänsehaut – sie wollte seine Tätowierung in Augenschein nehmen. Sie entdeckte ein kunstvolles Werk, auf dem ein hammerköpfiges Raumschiff, das von einer zähnebleckenden Katze mit gesträubtem Fell geritten wurde, zu sehen war. Ein Banner zeigte in Frakturschrift den Namen des Raumschiffes „S.S.D.F. CRV Wrangler“. Nurara kannte die Korvette Wrangler aus eigener, schmerzlicher Erfahrung. Die Wrangler hatte sie und Kuolun bei einem Kaperversuch eines Frachtschiffes überrascht und ohne Vorwarnung das Feuer auf sie eröffnet. Ihr eigenes Schiff wurde dabei fast zerstört, nur mit letzter Not gelang ihnen die Flucht. Sie begann laut zu lachen. Sam schaute erst sie, dann seine Tätowierung irritiert an.

                              „Was ist? Warum lachst du? Findest mein Tattoo so witzig?“

                              Nurara schüttelte den Kopf und wischte sich eine Lachträne weg. „Nein, Sam, dein Tattoo ist sehr schön. Nur, wenn vor zwei Jahren der Kommandant dieses Schiffes etwas schneller geschossen hätte, wäre ich jetzt tot.“

                              Sam starrte Nurara entgeistert an. „Wie jetzt?“

                              Sie begann zu berichten. „… unsere Hüllenintegrität stand kurz vor dem Bruch und der Sublichtantrieb fiel aus. Im letzten Moment schaffte ich es, den Überlichtmotivator zu reparieren. Die Wrangler hatte uns ganz schön durchlöchert. Zwei Treffer mehr und wir hätten es nicht überlebt“, sie zuckte mit den Schultern, „aber wir sollten es wohl.“

                              Sam nahm ihre Hände. „Dann hätte ich dich nie kennen gelernt. Aber vor zwei Jahren war ich schon lange nicht mehr auf der Wrangler. Das ist locker zehn Jahre her.“
                              Er machte Anstalten, ihre Hände zu küssen, worauf Nurara sie mit einer eleganten Bewegung aus seinem Griff entwand und sich erhob.

                              „Ich werde mich jetzt mal frisch machen.“ Sam griff nach ihrem Handgelenk und zog sie wieder zu sich.

                              „Nein, bitte bleib“, flüsterte er. Er sah ihr tief in die Augen. „Ich weiß, es ist nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt, aber du solltest eines wissen.“ Er lockerte seinen Griff und streichelte ihren Oberarm. Nurara bekam ihrerseits jetzt eine Gänsehaut. „Nurara, ich empfinde sehr viel für dich und ich möchte …“

                              Sie legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. „Schhhh schhhh … nein Sam. Ich weiß, was du sagen willst. Und du hast völlig Recht. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt“, sagte sie leise, „Ich bin noch nicht so weit. Glaube mir, ich mag dich wirklich sehr und ich vertraue dir und deinen Fähigkeiten als Anwalt. Aber ich kann mir im Moment keine Beziehung mit dir vorstellen. Bitte bedränge mich nicht. Lass mir die Zeit, die ich brauche.“

                              Sam senkte den Blick kurz und sah sie dann fest an. In seinen Augen spiegelte sich ein Hauch von Traurigkeit, aber er lächelte sie warmherzig an. „Alle Zeit die du brauchst, Nurara. Alle Zeit, die du brauchst. Ich werde auf dich warten. Ich liebe dich!“

                              Wortlos stand Nurara auf, ohne Sam eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie ging um die Couch herum zum Badezimmer, öffnete die Tür und ging hinein. Etwas niedergeschlagen schaute Sam ihr nach. Dann streckte sie noch einmal den Kopf heraus und sagte lächelnd: „Ich weiß.“
                              Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

                              Mission accomplished.

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