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Captain Future - Die Piratin

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  • Captain Future - Die Piratin

    Oooooookay! Ich habe mich dazu durchgerungen, euch weiter mit meinem Geschreibsel auf die Nerven zu gehen. Nurara hat ihr Häuschen, John und Kat sind verheiratet, Admiral Taggart kümmert sich wieder um seinem Garten in den Hamptons und Curtis rettet weiter die Galaxis. Tut er das? Hmmm... im Moment sieht es eher danach aus, als müsste er mal wieder seine Freunde retten. Die kommende Geschichte ist noch "Work in Progress", im Moment sind acht Kapitel fertig, ein schlüssiges Ende wird noch entwickelt. Aber es wird - so hoffe ich - wieder mal spannend. Die folgende Story beginnt zwei Wochen nach dem Ende von Meuterei und es wird für alle Beteiligten mal wieder heiß her gehen, inklusive interessanter Familienbande. Mit Leichen wird auch nicht gespart, versprochen.


    Ich wünsche euch viel Spaß mit


    Die Piratin


    Prolog

    An Bord der Digitus Impudicus herrschte schlechte Stimmung. Seit Tagen war der Besatzung kein einziges wertvolles Schiff vor die Geschütze gekommen, und das, obwohl sie sich in einem Raumsektor befanden, der eigentlich voll von Fracht- und Passagierschiffen sein sollte. Siobhan ging genervt auf dem schmalen Gang der Kommandobrücke auf und ab. Die nageldünnen Absätze ihrer schenkelhohen Stiefel klackten bedrohlich auf dem Metall des Decks. Jeder auf der Brücke wusste, dass, wenn Siobhan auf diese Weise auf der Brücke hin und her ging, er gut daran tat, sie weder anzusehen, geschweige denn anzusprechen. Siobhan tötete nur allzu leichtfertig. Der letzte der diesen Fehler machte, war ein der Crew neu hinzugekommener Schiffsjunge von siebzehn Jahren; er starb erst zwei Tage zuvor durch die Hand seiner Kommandantin, weil er Siobhan ungefragt angesprochen hatte.

    Siobhan hatte genug und gab den Befehl zum Rückflug. Sie würde sich auf der Heimreise eine gute Ausrede für ihren Vater ausdenken und ihm erklären müssen, warum der Raubzug so dürftig ausgefallen war. Aber sie machte sich keine Sorgen. So grausam und brutal, wie Siobhan sein konnte, so konnte sie ebenso charmant und freundlich sein, ganz wie es die Situation erforderte. Und wegen ihres Vaters machte sich Siobhan nur wenig Sorgen, ihn konnte sie als liebes Töchterchen spielend um den Finger wickeln. Ganz unvermittelt gab es einen kleinen akustischen Alarm vom Platz des Navigators. Siobhan bemerkte ihn und ging zu Cooder, dem Navigator hinüber. „Was ist da, Cooder?“ fragte sie leise und legte eine Hand auf die Schulter des Mannes. Siobhan trug lange Handschuhe aus blutrotem Leder, die ihr bis zu den Oberarmen reichten und in deren Fingerspitzen scharfe, metallene Krallen eingearbeitet waren. Ein Griff von ihr im Falle eines Fehlers und Cooder hätte eine schmerzhafte und blutige Verletzung an seiner Schulter gehabt.

    „Ein Kontakt in fünfzehntausend Kilometern Entfernung“, antwortete Cooder. „Passagierliner. Der Name ist Mercury Gold. Ich rufe mal die Schiffsdaten auf.“ Auf einem Bildschirm tauchten die grafische Darstellung des Schiffes und dessen wichtigste Informationen auf. „Zweihundertachtzig Meter lang, vierzig Meter breit, elf Decks. Siebenhundert Besatzungsmitglieder und etwa neunhundert Passagiere." Cooder sah fragend zu seiner Kommandantin auf. „Angriff?“

    Siobhan nickte schweigend und lächelte geheimnisvoll. „Unbedingt, Cooder. Die Passagiere auf Schiffen der Mercury Cruise Lines sind dafür bekannt, sehr solvent zu sein. Da werden wir einiges abgreifen können, und ich meine nicht nur Geld und Wertsachen, mein Lieber! Schick den Notruf raus!“

    Die Passagiere der Mercury Gold saßen beim letzten Abendessen auf ihrer Reise. Zum Frühstück sollte das Schiff planmäßig wieder im Sonnensystem sein. Die Stimmung war ausgelassen und die Crew hatte noch einmal alles gegeben, um ihren Gästen die allerhöchsten lukullischen Genüsse zu servieren. Ein junges, gutaussehendes Paar auf Hochzeitsreise saß an einem der Fenstertische. Die junge Frau mit den hochgesteckten, schwarzen Haaren sah hinaus und beobachtete, wie eines der Beiboote die Mercury Gold verließ. In diesem Moment kam eine Durchsage der Schiffsführung über die Bordlautsprecher: „Sehr verehrte Gäste, hier spricht Ihr Kapitän. Wir haben vor wenigen Minuten einen Notruf aufgenommen und gehen diesem momentan nach. Aus diesem Grunde haben wir gestoppt und eine Fähre zu dem Havaristen entsandt. Wir hoffen, dass wir schnell Hilfe leisten können und die Verzögerung nicht allzu lange andauert. Bitte machen Sie sich keine Sorgen über eine größere Unterbrechung der Reise. Wir liegen gut im Zeitplan und können eine Verspätung leicht wieder aufholen. Ich bedanke mich für Ihr Verständnis.“

    Ein leichtes Raunen ging durch den luxuriösen Speisesaal. Die junge Frau sah skeptisch aus dem großen Fenster hinaus, während eine Kellnerin dem Paar das Essen servierte. Die Fähre war längst in der Schwärze des Alls verschwunden. Von dem Havaristen war nichts zu sehen. Ihr war nicht ganz wohl, bei dem was der Kapitän eben seinen Fluggästen mitgeteilt hatte. Unterschwellig hatte sie das Gefühl, dass in den nächsten Stunden etwas passieren würde, an das sie alle noch lange denken sollten. „Hey, Southern Belle“, flüsterte ihr Mann. „Was ist los? Dein Essen wird kalt!“ Er hatte zärtlich seine Hand auf ihren Unterarm gelegt.

    Sie warf ihre Gedanken beiseite und lächelte ihren Mann an. „Nichts, Cowboy. Alles gut!“

    Keine zehn Minuten später kamen die Fähre und ein hässliches, graubraunes und heruntergekommen wirkendes Frachtschiff zurück. Das Frachtschiff ging in einem Kilometer Abstand zur Mercury Gold längsseits. Weitere Fähren verließen die Mercury Gold, dockten an dem Frachter an und kehrten mit hoher Geschwindigkeit wieder zurück.
    Die junge Frau sah erneut aus dem Fenster. „Was ist da los?“, flüsterte sie. Plötzlich gab es einen lauten Tumult außerhalb des Speisesaales und das markante Fauchen von Schüssen aus Protonenwaffen war zu hören. Die große doppelflügelige Tür sprang krachend auf und eine Horde von wild und gefährlich aussehenden Männern und Frauen stürmte hinein. Sie legten auf die Menschen in ihren feinen Abendgarderoben an.

    Ein grobschlächtig aussehender Mann mittleren Alters rief laut und vernehmlich: „Alle bleiben ruhig und brav an ihren Plätzen sitzen! Wenn Sie unseren Anweisungen folgen, wird Ihnen kein Haar gekrümmt!“ Um seiner Ansage Nachdruck zu verleihen, ließ der Mann die Mündung seines Gewehrs durch den Raum wandern. Stöhnend wurde eine ältere Frau ohnmächtig und fiel von ihrem Stuhl. Ihr Begleiter, wahrscheinlich ihr Ehemann, sprang auf und wollte ihr helfen, wurde aber von einem Mädchen mit blau-grünen Haaren rüde wieder auf seinen Stuhl gedrückt.

    Die junge Frau am Fenster beobachtete gebannt die Szene und verfluchte den Umstand, dass sie und ihr Mann in diesem Moment unbewaffnet waren. Die Gäste im Speisesaal waren vor Schreck so gelähmt, dass niemand wagte, auch nur den kleinsten Widerspruch zu erheben. Eine weitere Person betrat den Speisesaal. Es war eine gertenschlanke, hochgewachsene Frau von Anfang Dreißig. Sie hatte ein außerordentlich hübsches Gesicht, aber die kahlrasierten Seiten ihres Schädels und die wilden, verfilzten Dreadlocks ihres dunkelbraunen Haupthaars standen im krassen Gegensatz zu ihrem ansprechenden Antlitz. Bekleidet war die Frau mit schenkelhohen schwarzen Stiefeln, einem mit Nieten und klimpernden Ketten versehenen ledernen Korsett und einem schwarzen, wallenden Umhang. Mit einem spöttischen Lächelnd sah sie sich um. Sie gab ihren Leuten per Handzeichen Anweisungen, den Gästen im Speisesaal die Wertsachen abzunehmen. Ein Mann im gleichen Alter hatte sich zu ihr gesellt und flüsterte ihr leise etwas ins Ohr. Die Frau nickte und ließ ihren Blick erneut schweifen, der bald auf dem jungen Paar am Fenster hängen blieb. Sie gab dem Mann neben ihr einen Stups und ging auf das Paar zu. Am Tisch nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich rittlings mit der Lehne nach vorne darauf. Sie betrachtete die beiden einen Moment und sprach dann die schwarzhaarige Frau in dem eleganten Abendkleid an. „Du bist verdammt hübsch. Wie heißt du?“, fragte sie freundlich, aber in ihrem Tonfall lag etwas, das weder Lüge noch Widerspruch duldete.

    „Katherine“, antwortete die Frau wahrheitsgemäß.

    „Freut mich, Kate“, erwiderte die große Frau.

    Katherine schüttelte den Kopf. „Nein, Katherine! Ich mag es nicht, Kate genannt zu werden“, sagte sie bestimmt, woraufhin die andere Frau mit der Faust donnernd auf den Tisch schlug. Anschließend fuhr sie mit den krallenbewehrten Fingern ihres Handschuhs über das blütenweiße Tischtuch und riss es in glatte Streifen.

    „Wenn ich das nicht mit deinem süßen Gesicht machen soll, hältst du besser den Mund, Kate!“, zischte sie unheilvoll.

    Katherine hob entschuldigend die Hände. „Okay, okay, Kate ist in Ordnung. Meinetwegen können Sie mich auch Bauerntrampel nennen.“

    Die Frau lachte hell auf. „Ich finde dich niedlich, Kate. Ganz ehrlich! Ich bin Siobhan. Wer ist denn der wahnsinnig aufregend aussehende Kerl hier? Dein Freund?“

    „Ich bin ihr Ehemann!“, warf dieser energisch ein. „Was soll das ganze hier? Nehmen Sie sich, was Sie wollen und verschwinden Sie hier!“

    Siobhan strich ihm zärtlich mit den Fingerrücken über Wange und Mund und ließ dabei die Metallkrallen gefährlich klimpern. „Und wie heißt du, schöner Mann?“

    „John“, antwortete er atemlos.

    Siobhan rückte näher zu John. „Freut ich dich kennenzulernen, John“, flüsterte sie ihm ins Ohr und leckte ihm mit der Zungenspitze zart die Ohrmuschel. „Du gefällst mir, John, weißt du das?“, gurrte sie katzenhaft. Aus dem Augenwinkel konnte Siobhan beobachten, wie Wut und Eifersucht in Katherine aufstiegen. „John, mein Schöner. Ich werde mir alles nehmen, was ich will und dann verschwinde ich wieder. Ganz richtig. Und dich nehme ich mit.“ Sie fuhr mit ihren Krallen Johns Wange herab und kratzte ihn gerade genug, dass ein kleiner Blutstropfen aus der winzigen Wunde austrat. Siobhan nahm den Tropfen mit einer Kralle auf und leckte ihn lasziv und aufreizend ab. „Cooder!“, rief sie unvermittelt. „Schaff John hier in meine Kabine. Er ist mein Gast!“ Dann sah sie Katherine an und packte sie rüde am Oberarm. Instinktiv spannte Katherine die Muskeln an. „Oha, Kate!“, rief Siobhan begeistert aus. „Du bist stark! Cooder, Kate nehmen wir auch mit. Ich möchte sie in der Arena sehen!“

    Zuletzt geändert von Nurara McCabe; 19.10.2014, 16:07.
    Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

    Mission accomplished.

  • #2
    Juhuuuu ich freu mich
    Siobhan rulez. Ich habe nur eine einzge Frage: WIE spricht man ihren Namen eigentlich richtig aus?
    Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination

    Ein Holodeck ist klasse! Man kann überall hin, obwohl man gar nicht weg muss :)

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    • #3
      Nach der Beschreibung wohl ein weiblicher Captain Harlock, oder?

      Bin gespannt wie es weitergeht.
      ZUKUNFT -
      das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
      Mein VT: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...ndenz-steigend
      Captain Future Stammtisch: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...´s-cf-spelunke

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      • #4
        Zitat von Twister-Sister Beitrag anzeigen
        Juhuuuu ich freu mich
        Siobhan rulez. Ich habe nur eine einzge Frage: WIE spricht man ihren Namen eigentlich richtig aus?

        [ˈʃɪwaːn̪ˠ] oder [ʃəˈvˠaːn̪ˠ], englische Aussprache [ʃəˈvɔːn)]

        Versuchs mal... klingt wie Showan...
        Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

        Mission accomplished.

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        • #5
          Das hört sich ja fast indianisch an
          Und wie Avatax auch schon schrieb - ich musste nach der Kleiderbeschreibung auch irgendwie an Harlock denken.
          Bekanntermaßen machen Kleider nun mal Leute. Krallenbewehrte Handschuhe? Na klar! Ein wichtiges Accessoir für den modernen Piraten... ähm die modebewußte Piratin von heute. Cape geht natürlich auch immer.
          Männer tragen in dieser Berufsgruppe übrigens Kopftuch. Ja, nicht nur auf hoher See wegen der Sonne - AUCH im Weltraum.

          Hier die Beweise:


          Ein MItarbeiter von Harlock (denke ich mal), warum er mit dem "gstreiften Gwand" herumläuft? Keine Ahnung. Aber was das betrifft, ist er bekanntlich nicht der Einzige.




          Er mag sein Kopftuch so sehr, dass er es auch nachts im Bett anhat... naja... vielleicht als Schlafmütze?

          Es kommt übrigens IMMER gut, irgendwo 'noch 'nen Totenkopf unterzubringen. Ob als Knöpfe, Haarspangen, Gürtelschnalle oder sonstiges Beiwerk.

          Merke: Wer Schiffe moppst, überfällt, entert - was auch immer - sollte auf die passende Kleidung achten.
          Aus der Rolle fällt nur diese Dame:



          Also wirklich. Moppst ein Schiff (Ihr glaubt doch nicht, dass sie das Ding käuflich erworben hat?) und läuft immer noch wie im Weltraumzirkus herum! SO geht's ja nun auch wieder nicht!
          Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination

          Ein Holodeck ist klasse! Man kann überall hin, obwohl man gar nicht weg muss :)

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          • #6
            Kopftuch ist doch praktisch!

            Da kann man JEDEN badhair-day drunter verstecken.

            Freue mich schon auf einen völlig neuen Charakter!
            Sie wird schon noch erkennen, daß es ein Fehler war ausgerechnet Kat die Hochzeitsreise zu versauen.
            ZUKUNFT -
            das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
            Mein VT: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...ndenz-steigend
            Captain Future Stammtisch: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...´s-cf-spelunke

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            • #7
              Zitat von Twister-Sister Beitrag anzeigen
              Das hört sich ja fast indianisch an
              Siobhan ist irisch.


              Okay, Leute. Los geht's!



              Kapitel 1

              Joan gähnte noch einmal herzhaft, bevor sie das Vorzimmer von Marshall Garnie betrat. Sie sah auf die Uhr, es war vor kurz vor sechs am Abend. Sie hatte einen langen Tag hinter sich und war müde. Joan freute sich auf den Abend mit Curtis, denn sie wollten in Joans Wohnung endlich mal wieder gemeinsam kochen. Curtis war heute Morgen von einer archäologischen Studienreise zurückgekehrt und hatte den Tag über Reisenachbereitungen und Wartungen an der Comet durchgeführt. In wenigen Minuten wollte er mit dem Cosmoliner zur Erde kommen und Joan abholen, damit die beiden zu ihr nach Hause fahren konnten. Dass Garnie Joan noch einmal kurz vor Dienstschluss zu sich befohlen hatte, behagte Joan überhaupt nicht. Meistens hieß das für die Agenten der Weltraumpolizei Überstunden oder sogar einen ungeplanten Einsatz.

              Joan drückte auf den Türöffner und trat ein. Melissa, Garnies Vorzimmerdame, war gerade im Begriff, ihre Tasche zu packen und selbst Feierabend zu machen. Als sie Joan sah, lächelte sie, was Melissa selten tat. Melissa war streng, hatte das Auftreten und Erscheinungsbild einer Gouvernante, aber sie war durchaus verlässlich und loyal. Vor allem schaffte sie es mit sehr großem Erfolg, Garnies Arbeitsbereich vor allzu großem Besucherandrang zu schützen. „Guten Abend, Captain!“, rief Melissa ungewöhnlich fröhlich. „Der Marshall erwartet Sie, gehen Sie nur rein!“

              „Hallo Melissa“, raunte Joan. „Haben Sie eine Ahnung, was er will?“

              Melissa schüttelte ihr schwarz-grau meliertes Haupt. „Tut mir leid, ich habe diesmal absolut keine Ahnung. Beim Marshall sitzen noch ein Mann und eine Frau, sehr gut gekleidet und anscheinend ziemlich wichtig.“

              Joan nickte und antwortete: „Danke, Melissa. Schönen Feierabend!“ Sie klopfte an die dick gepolsterte Bürotür und trat ohne Zögern ein. Garnie saß mit seinen beiden Besuchern bequem auf der Sitzgruppe neben dem Eingang und nicht an dessen voluminösen Schreibtisch. Der männliche Besucher und der Marshall erhoben sich. „Captain Landor, gut dass Sie noch da sind. Darf ich vorstellen? Elydia Quirren und Dr. Maxwell Graw, von der Mercury Cruise Reederei. Mrs. Quirren ist die Vorstandsvorsitzende, Mr. Graw der Firmenanwalt.“ Elydia Quirren war eine atemberaubend schöne Frau von Anfang vierzig, mit langem, lockigen, kastanienbraunen Haar und leuchtenden grünen Augen, bekleidet mit einem dunkelblauen Businesskostüm. Maxwell Graw wirkte dagegen eher unscheinbar, alles an ihm schien grau zu sein, sein Haar, seine Haut und sein Anzug. In beiden Gesichtern las Joan Anspannung und große Sorge.

              Joan bemühte sich um ein Lächeln. „Freut mich Sie kennen zu lernen. Was kann ich tun?“, fragte sie und setzte sich unaufgefordert in den Sessel neben ihrem Chef.

              Maxwell Graw räusperte sich kurz. „Captain, wir sind heute zu Ihnen gekommen, weil wir den Kontakt zu einem unserer Schiffe verloren haben. Es ist seit heute Morgen überfällig. Wir haben Grund zu der Annahme, dass es von Piraten angegriffen worden ist. Wir haben seit gestern Abend keinen Kontakt mehr zur Schiffsführung und dem Tracker.“
              „Was ist ein Tracker?“, wollte Joan wissen. „Kann es nicht einfach sein, dass das Schiff einen technischen Defekt hat?“
              Graw schüttelte den Kopf. „Das ist ausgeschlossen, Captain Landor. Der Tracker ist ein kleiner, versteckter Computer, der halbstündlich ein kurzes Signal an unser Reedereibüro sendet und Informationen über Status, Geschwindigkeit und Kurs meldet. Man müsste ihn mit roher Gewalt zerstören, damit er die Sendung einstellt.“

              Joan stutzte einen Moment. „Mercury Cruise sagten Sie, Sir?“, fragte sie vorsichtig und hatte eine dunkle Vorahnung. „Um welches Schiff handelt es sich?“

              „Es ist die Mercury Gold“, antwortete Elydia Quirren mit einer samtweichen, dunklen Stimme. „Es ist das neueste Schiff unserer Flotte, nicht einmal zwei Monate alt. Einen technischen Defekt können wir völlig ausschließen, zur Qualitätssicherung sind sogar noch Mitarbeiter der Bauwerft an Bord. Nein, das ist unmöglich.“

              Als der Name des Schiffes fiel, wurde Joan blass und Garnie klappte vor Schreck der Unterkiefer herunter. „Kat …“, stieß Joan hervor und sie begann am ganzen Körper zu zittern.

              „Schei…“, entfuhr es dem Marshall und an seine Besucher gewandt sagte er: „Es sind zwei Offiziere von uns an Bord, die ihre gemeinsame Hochzeitsreise dort verbringen.“ Er sah seine langjährige blonde Agentin mitfühlend an und meinte leise: „Wir müssen einen Piratenüberfall in Betracht ziehen, so unangenehm der Gedanke auch sein mag, Joan.“ Garnie stand auf und ging zu seinem Schreibtisch, von wo er einen großen Holobildschirm an der Wand einschaltete. Er rief ein dreidimensionales Bild der Milchstraße auf und fragte: „Wo war der letzte Kontakt zur Mercury Gold?“

              „Im Caudron-Nebel“, antwortete Graw. In diesem Moment trat Curtis Newton ein. Er sah sich verstört um und Joan fragend an, dann nickte er Ezella Garnie und seinen Gästen zum Gruß zu.

              „Curtis“, rief Garnie erfreut. „Schön dich zu sehen. Ich glaube, wir haben einen Fall für dich.“

              „Um was geht es?“, fragte Curtis erwartungsvoll.

              „Kat und John sind wahrscheinlich in der Hand von Piraten, Curt“, antwortete Joan wütend und kämpfte um ihre Beherrschung.

              Curtis‘ Augen wurden groß. „Wann, wo?“, fragte er atemlos.

              Garnie hob den Weltraumsektor um den Caudron-Nebel hervor. „Hier. Ich rufe jetzt alle bewohnten und bewohnbaren Sonnensysteme um den Caudron-Nebel auf.“ Sechs Systeme wurden sichtbar, darunter das Sonnensystem, aber alle waren zu weit weg für schnelle Angriffe aus dem Hinterhalt, bis auf eines. Garnie deutete mit einem Laserpointer darauf. „Das Labogde-System. Mit Überlichtgeschwindigkeit nur drei Stunden entfernt. Allerdings gibt es dort nichts. Krell, der einzige habitable Planet, ist an der Oberfläche radioaktiv verseucht und das seit über tausend Jahren. Die Bevölkerung hat sich durch einen thermonuklearen Krieg selbst vernichtet, als wir hier auf der Erde noch im Frühmittelalter waren und mit Schwertern und Katapulten gekämpft haben.“

              „Warum gerade dieses System, Marshall?“, wollte Elydia wissen. „Wenn es dort nichts gibt, wo man leben kann?“

              „Weil Labogde nah an wichtigen Schiffrouten liegt. Sehen Sie nur!“ Garnie blendete ein gutes Dutzend farbiger Linien rings um das Labogde-System ein. „Piraten brauchen keinen Planeten, sie hausen auf verlassenen Raumstationen oder bauen diese aus entführten Schiffen zusammen. Und das tun sie an Orten, die der normale Raumfahrer entweder meidet oder für ihn kein Bedarf besteht, diese Orte anzufliegen. Das Labogde-System gehört zu diesen Orten.“ Garnie warf den Laserpointer auf seinen Schreibtisch und schaltete die Projektion ab. „Ich denke, hier sollten wir zuerst suchen. Joan, tragen Sie bitte alles zusammen, was sich in den letzten Wochen und Monaten an Berichten von Piratenüberfällen und dem Verschwinden von Raumschiffen angesammelt hat.“

              „Ja Sir!“, rief Joan und sprang auf. Als sie an Curtis vorbei ging, streichelte sie sanft seine Wange und flüsterte: „Tut mir leid, Curt, aber das ist wichtig!“




              Auf dem Weg in Joans Büro trafen Joan und Curtis auf Captain Lloyd Hopkins, Katherines Vertretung während ihrer Abwesenheit. Hopkins war im Gegensatz zu Katherine ein übergenauer Pedant, relativ humorlos und langweilig. Hopkins wirkte wie ein junger Konfirmand mit sauber gescheiteltem blonden Haar und seiner randlosen Nickelbrille. Man hätte sich Hopkins eher als Versicherungsvertreter denn als Polizist vorstellen können, jedoch war Hopkins der Chef der Abteilung für Innere Angelegenheiten, eine Aufgabe, die ein hundertprozentig korrektes Arbeiten und Auftreten erforderte. Die Innere Abteilung ermittelte intern gegen Beamte der Weltraumpolizeibehörde, denen vorgeworfen wurde, sich etwas zu Schulden haben kommen lassen. Eine Tätigkeit, die sich nicht gerade besonderer Beliebtheit erfreute. Hopkins war in jeder Hinsicht der richtige Mann für diesen Job. Dennoch hellte sich Joans Miene etwas auf, als sie Hopkins sah. Sie hätte zwar lieber mit Major Yokomuri oder Captain Baxter zusammengearbeitet, beide standen aber wegen anderer Aufgaben nicht zur Verfügung. So musste Hopkins herhalten. „Captain Hopkins!“, rief Joan erfreut. „Haben Sie Lust auf etwas richtige Polizeiarbeit?“ Curtis schmunzelte, er liebte Joans zuweilen loses Mundwerk.

              Der spröde blonde Jüngling sah Joan etwas verwirrt an. In seiner Position war er freche Sprüche nicht gewohnt. „Captain Landor“, begann er mit einem entsetzten Tonfall. „Ich glaube nicht, dass es Ihre Aufgabe ist, meine Tätigkeit zu bewerten.“

              Joan winkte ab. „Kriegen Sie sich wieder ein, Captain. Ich brauche Ihre Hilfe. John und Kat sind höchst wahrscheinlich in der Hand von Piraten. Der Kontakt zu ihrem Schiff ist seit gestern abgebrochen und zwei Leute der Reederei sitzen beim Marshall im Büro. Ich muss sämtliche Informationen über Piratenüberfälle zusammentragen und könnte Ihre Hilfe brauchen. Also?“ Sie streckte bittend die Hand nach Hopkins aus.

              Hopkins lächelte dünn. „Selbstverständlich helfe ich Ihnen, gar keine Frage. Fangen wir an.“


              Nach zwei Stunden intensiver Recherche hatten Joan, Curtis und Hopkins eine ganze Reihe interessanter Informationen zusammengetragen. Während ihrer Suche nahm Hopkins immer wieder daran Anstoß, dass Curtis als Außenstehender Zugriff auf Polizeidaten hatte, er beklagte sich, dass es gegen die Vorschriften sei, auch einen prominenten, engsten Vertrauten des Marshalls Einsicht in die Datenbanken nehmen zu lassen. Joan und Curtis nahmen nur wenig Notiz von Hopkins‘ Maulen und konzentrierten sich auf ihre Arbeit. Plötzlich rief Curtis: „Ich glaube, ich habe hier was. Zwei vom Muster her identische Vorfälle, bei denen ein Frachter einen Notruf abgesetzt hat und die zu Hilfe leistenden Schiffe an diesem Frachter angedockt haben und überfallen wurden. Die Hilfe leistenden Schiffe waren ebenfalls Frachter und leer unterwegs. Die Piraten haben sie laufen lassen. Ein Kapitän hat sogar eine sehr detaillierte Personenbeschreibung des Anführers abgegeben. Es ist …“ Curtis zog ehrfürchtig eine buschige Augenbraue nach oben. „… eine Frau! Wer hätte das gedacht?!“

              Hopkins erhob sich und legte den Kopfhörer ab. „Ich habe hier einen ähnlich gelagerten Fall, Mr. Newton. Allerdings hatte die Besatzung weniger Glück. Es gibt eine Funkübertragung, in der ein Besatzungsmitglied die Vorfälle beschreibt. Die Übertragung bricht mittendrin ab. Aber der Mann nennt einen Namen.“

              „Und wie lautet der, Hopkins?“, fragte Joan ungeduldig.

              Hopkins lauschte der Tonaufnahme noch einmal. „Irgendetwas mit Scho… Schodahn, Schokan… ich kann es nicht eindeutig identifizieren.“

              „Stellen Sie es auf den Lautsprecher, Hopkins“, wies Curtis den Captain an, woraufhin Hopkins Curtis argwöhnisch ansah.

              „Das sind vertrauliche Polizeidateien, ich kann nicht Ihnen so einfach …“

              „Jetzt machen Sie schon, Mann!“, drängte Curtis den jungen Offizier und wurde etwas ärgerlich. Auch von Joan erntete Hopkins einen strafenden Blick. Seufzend kam Hopkins der Aufforderung nach. Resignierend musste er feststellen, dass er gegen Marshall Garnies Spezialabteilung und dessen Freunde mit Verwaltungsvorschriften und strikter Regelbefolgung nicht weiterkam, als bestenfalls bis zur Türschwelle. Er ließ die Audioaufnahme laufen. Es war ein schlecht ausgesteuertes Tondokument mit erheblichem statischen Rauschen und jeder Menge störender Hintergrundgeräusche.


              „… mein Name ist Rhys, erster Maat der Heroic Vendor. Wir werden gerade von Piraten überfallen. Sie sind schwer bewaffnet und haben den Kapitän getötet. Wir befinden uns im Redal-System.“ Im Hintergrund waren Kampfgeräusche und Schreie zu hören. Kurz danach überlagerte ein lauter Knall die Übertragung, während Rhys weiter sprach. „… sie werden uns alle umbringen. Verdammt, sie haben mich gefunden. Sie haben eine Anführerin, sie nennen sie Siobhan.“ Eine andere, deutlich aggressivere Männerstimme war nun zu hören. „Hier ist noch einer, los, komm raus du Ratte! Siobhan! Siobhan, hier versteckt sich einer!“
              Eine Frauenstimme kam dazu, kalt und schneidend: „Sieh mal einer an, du kleiner Stinker glaubst, du könntest entkommen, was?“ Es folgte ein lauter Knall und die Übertragung brach an dieser Stelle ab.

              Curtis, Hopkins und Joan sahen sich einen Moment betroffen schweigend an. Curtis rief das Phantombild der Piratenanführerin auf und legte es auf den kleinen Holoprojektor an der Wand. „Könnte das unsere Siobhan sein?“ Die Holographie zeigte das hübsche Antlitz einer jungen Frau zwischen fünfundzwanzig und etwa dreißig Jahren. Sie sahen ein längliches Gesicht mit einer geraden, mittelgroßen Nase und hohen Wangenknochen. Sie hatte helle, mandelförmige Augen, vermutlich von grüner oder blauer Farbe und dunkle Haare. Der Beschreibung nach trug sie die Seiten ihres Kopfes kahl rasiert und den Rest ihres Haars zu einem Irokesenkamm hochtoupiert.

              „In den Polizeiberichten taucht sie erst seit einigen Monaten auf“, sagte Hopkins. „Und dieses Phantomfoto ist bisher die einzige Personenbeschreibung, die uns vorliegt. Scheint nicht gerade sehr bekannt zu sein, zu dem Namen Siobhan gibt es in der Vergangenheit nur drei Einträge in unserer Verbrecherkartei. Zwei Damen dieses Namens sind weit über fünfzig und sitzen derzeit im Gefängnis und die dritte im Bunde war auf freiem Fuß und kam letztes Jahr bedauerlicherweise bei einer Schießerei ums Leben. Diese Person hier habe ich bisher noch nie gesehen. Und Sie?“ Hopkins sah Joan und Curtis abwechselnd an. Curtis schob die Unterlippe vor und schüttelte den Kopf.

              Joan hingegen ging ganz dicht an die Holographie heran. „Ich habe dich schon mal gesehen, ich weiß nur noch nicht wo …“, murmelte sie. Dann hatte Joan eine Idee und setzte sich an ihren Computer, wo sie das Phantombild aufrief. Sie hämmerte flüsternd auf ihre Tastatur ein während sie von den beiden Männern mit fragenden Gesichtern beobachtet wurde. Nach einer Minute rief Joan verzückt: „Fertig!“ und wandte sich der Holoprojektion zu. Das Gesicht der jungen Frau veränderte sich etwas, aus dem Irokesenhaarschnitt wurde eine lockige, brünette Damenfrisur mit Scheitel und in dem starren Gesicht zog ein freundliches und sympathisches Lächeln auf. Die Augenfarbe veränderte sich zu einem zarten hellblau.

              „Und wer soll das sein, Joan?“, fragte Curtis ungläubig.

              „Siobhan Kelly“, antwortete Joan triumphierend, dann sah sie Curtis und Hopkins an, die nur fragend glotzten und hielt einen Moment inne. Dann schüttelte sie verständnislos ihre blonde Mähne. „Ihr kennt Siobhan Kelly nicht?“

              Curtis zuckte mit den Schultern und Hopkins antwortete: „Nein, Captain. Nie von ihr gehört. Wer ist das?“

              Joan warf entnervt die Arme in die Höhe. „Typisch Jungs. Habt ihr nie ferngesehen? Siobhan Kelly war bis vor fünfzehn Jahren DER Kinderstar im Holo-TV. Alle Jungs waren hinter ihr her und alle Mädchen wollten so sein wie sie. Sie hatte eine eigene Serie!“

              „Tut mir leid, Captain Landor, aber das ist völlig an mir vorbeigegangen. Ich müsste mich daran erinnern!“, antwortete Hopkins mit einer entschuldigenden Geste.

              Curtis schüttelte nur langsam den Kopf. „Bedaure, Joan, aber mit fünfzehn habe ich mich nicht für so etwas interessiert.“

              „Pah!“, machte Joan. „Ihr Nerds! Siobhan Kelly war das süßeste Mädchen im Fernsehen – fast zehn Jahre lang und ihr wollt mir erzählen, dass ihr nie etwas von ihr gehört habt?“

              Curtis kratzte sich am Kopf. „Viel wichtiger ist jetzt die Frage, was aus Siobhan geworden ist und warum.“

              „Kann ich euch sagen, Jungs“, antwortete Joan mit einer Spur Traurigkeit in der Stimme. „Als Siobhan fünfzehn wurde, war sie für die Produktionsfirma zu alt. Man wollte sie nicht auf dem Weg ins Erwachsenwerden begleiten und feuerte sie über Nacht. Da sie aber Zeit ihres Lebens nur auf die Teenagerrolle beschränkt worden war, blieben spätere Rollen aus. Sie versuchte es dann mit einer Gesangskarriere, was ihr auch kein Glück bescherte. Darauf folgten Drogen und Alkohol und mit Anfang zwanzig war sie von der Bildfläche völlig verschwunden. Man fand sie abgemagert und halbtot auf einem Hafengelände in San Francisco. Die Medien gaben damals ihrem Vater die Schuld, der sie in dieses Elend getrieben haben soll. Sie kam in ein Rehabilitationszentrum und zog sich völlig aus der Öffentlichkeit zurück.“ Joan machte eine Pause und sah die Holographie noch einmal an. „Arme Siobhan, ich habe sie damals so geliebt. Sie war mein Idol als Teenager.“

              Hopkins sah auf die Uhr und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Es war kurz vor einundzwanzig Uhr. „Wir sprechen hier also von einer gescheiterten Schauspielerin mit einer Persönlichkeitsveränderung, die jetzt ihren Lebensunterhalt mit Piraterie bestreitet?“

              Die Tür zu Joans Büro ging auf und Marshall Garnie trat ein. Instinktiv nahm Hopkins Haltung an und salutierte. Garnie verdrehte die Augen. „Hopkins, wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie hier nicht ständig salutieren brauchen? Zum letzten Mal, Hopkins! Einmal am Tag reicht!“ Garnie sah dem verdatterten jungen Captain fest in die Augen. Dann sah er zu Joan und Curtis wie auch zu dem Hologramm der hübschen jungen Frau hinüber. „Was haben Sie? Wer ist das?“


              „… in Ordnung. Vielen Dank“, sagte Garnie, als er das Gespräch mit der Admiralität beendete. Mittlerweile war es kurz vor Mitternacht und allen Anwesenden war deutlich die Müdigkeit anzusehen. Der Marshall sah in die Runde, jeder hielt einen dampfenden Becher Kaffee in der Hand. „Die Admiralität hat Unterstützung zugesagt. Allerdings will man, dass wir im Vorfeld Aufklärung betreiben. Und damit kommst du ins Spiel, Curtis. Ich möchte gerne, dass du inkognito ins Labogde-System reist, dich dort als Händler, Schmuggler oder Freibeuter ausgibst und deine Dienste anpreist. Finde heraus, wo Katherine und John stecken, befreie sie und verschwinde. Zur gleichen Zeit wird eine Task Force der Marine eintreffen und den Piraten ein für alle Mal das Licht ausblasen. Ich entsende ein mobiles Einsatzkommando und versuche, Siobhan festzunehmen.“

              „Und was ist mit mir, Marshall?“, fragte Joan erwartungsvoll. Ihr hatte ihr Chef noch keinen Auftrag zugewiesen.

              Garnie sah Joan fest in die Augen. „Es tut mir leid, aber Sie bleiben ausnahmsweise mal hier, Joan.“ Joan wollte zum Protest ansetzen, aber Garnie brachte sie mit erhobener Hand zum Schweigen, eine Geste, die jeden seiner Mitarbeiter zum Schweigen brachte. „Sie bleiben hier, nicht weil ich es für zu gefährlich erachte, Sie mit Curtis ins Labogde-System zu schicken, sondern weil ich Sie hier brauche. Ich will, dass Sie alles über Siobhan herausfinden, von ihrer Kindheit bis zu ihrem Verschwinden. Versuchen Sie, Verwandte hier auf der Erde ausfindig zu machen, Arbeitskollegen, Ärzte, was auch immer. Versorgen Sie Curtis mit jeder noch so winzigen Kleinigkeit, so unwichtig sie auch erscheinen mag. Hopkins, Sie unterstützen Joan dabei. Und jetzt fahren Sie alle nach Hause und gehen schlafen! Wir sehen uns morgen früh hier wieder. Curtis, dich will ich gleich noch in meinem Büro sprechen.“ Garnie stand auf und ging zur Tür. „Gute Nacht, Herrschaften!“, sagte er im Befehlston und verließ den Raum.

              Joan funkelte Hopkins düster an, worauf dieser nur ein entschuldigendes Lächeln zustande brachte. Curtis war ebenfalls aufgestanden, zog Joan zu sich und nahm sie zärtlich in den Arm. „Ärgere dich nicht, Joan. Alles, was du hier herausfinden kannst, wird mir die Arbeit erleichtern. Wir sind doch ein Team, oder?“ Joan nickte und grinste sardonisch.

              Zuletzt geändert von Nurara McCabe; 22.10.2014, 08:52.
              Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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              • #8
                Vom Kinderstar zur Piratin - also das ist mal was anderes. Vom Tellerwäscher zum Millionär kann ja jeder

                - - - Aktualisiert - - -

                Zitat von Nurara McCabe Beitrag anzeigen
                (...)Und damit kommst du ins Spiel, Curtis. Ich möchte gerne, dass du inkognito ins Labogde-System reist, dich dort als Händler, Schmuggler oder Freibeuter ausgibst und deine Dienste anpreist.
                Äh - ja... bitte nicht das obligatorische Kopftuch vergessen, Mr. Newton. Und denken Sie daran: Piraten verteilen niemals Visitenkarten und sie stehen auch nicht in den gelben Seiten
                Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination

                Ein Holodeck ist klasse! Man kann überall hin, obwohl man gar nicht weg muss :)

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                • #9
                  Wie hieß noch mal dieser Kinderstar mit eigener Serie? Miley Cyrus oder so ähnlich.

                  Und yes...
                  Piraten unterwandern. Vergiss den wandlungsfähigen Otho nicht.
                  ZUKUNFT -
                  das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
                  Mein VT: http://www.scifi-forum.de/forum/inte...ndenz-steigend
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                  • #10
                    Zitat von avatax Beitrag anzeigen
                    Wie hieß noch mal dieser Kinderstar mit eigener Serie? Miley Cyrus oder so ähnlich.
                    An die musste ich auch denken. Cyrus ist so eine kaputte Type, Siobhan könnte durchaus Miley Cyrus in völlig überzeichnet sein.

                    Und weiter geht es. Die Kapitel in dieser Story sind relativ kurz. Den nachfolgenden Teil muss ich aufgrund der FSK-Bestimmungen leider zensieren. Wer den Ausschnitt haben möchte, bitte kurze PM an mich. Es sind nur ein paar Zeilen und auch nicht wirklich extrem pornografisch (jeder Kinofilm ab 12 hat teilw. mehr davon), aber verständlichen Gründen möchte ich sie hier nicht veröffentlichen.


                    Kapitel 2

                    Heißer Schweiß tropfte von Siobhans Kopf auf seinen nackten Bauch.



                    [Abschnitt entfernt]



                    Siobhan stützte sich mit den Händen auf seiner Brust ab und sah ihm mit dem Lächeln einer Tigerin ins Gesicht. „Dich werde ich behalten, John“, flüsterte sie, während sie seine Fesseln öffnete. „Schon lange hat mir kein Mann mehr so viel Spaß und Lust bereitet, wie du.“ Mit dem Handrücken wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. „Ich lasse dich jetzt einen Moment allein.“

                    Sie rutschte von John herunter und ging in einen Nebenraum. Johns Sinne waren wie betäubt, außer dem Klacken ihrer Absätze nahm er nichts wahr, sein Sichtfeld war getrübt und die vergeblichen Versuche, sich zu bewegen, scheiterten. Plötzlich überkam ihn eine schwere Müdigkeit, der er nicht mehr widerstehen konnte – eine Nebenwirkung des Cocktails, den Siobhan John kurz vor dem Liebesspiel heimlich verabreicht hatte.
                    Siobhan sah durch den Türrahmen auf John, während sie sich ankleidete, und lächelte siegesgewiss. In ein paar Stunden, wenn John wieder aufwachte, würde er sich an nichts erinnern. Und sie konnte es jederzeit wieder mit ihm tun. Wann immer sie wollte. Siobhans Kommunikator brummte leise.

                    „Ja, Cooder, was gibt es?“, hauchte sie, noch immer etwas benebelt von dem gewaltigen Höhepunkt, den sie gerade erlebt hatte.

                    „Dein Besuch ist da. Er wartet in der Messe auf dich“, antwortete Cooder knapp.

                    „Danke, Cooder. Sag ihm, dass ich gleich komme.“ Siobhan legte den Kommunikator weg und zog sich die krallenbewehrten Handschuhe an. Sie sah in den Spiegel. Ihre Gesichtshaut war etwas gerötet und ihre Augen blutunterlaufen. Sie grinste. Es machte ihr überhaupt nichts aus, wenn man ihr guten Sex ansehen konnte. Bevor Siobhan ihre Kabine verließ, ging sie noch einmal zu dem schlafenden John herüber. Sanft schob sie eine Hand unter die Tierhaut, mit der sie ihn zugedeckt hatte und fand mit einem geschickten Griff, was sie suchte. Siobhan leckte sich über die Lippen. Dann fuhr ihre Hand hinauf zu seiner muskulösen Brust, die sie zärtlich streichelte. „Wirklich schade für deine Kate“, flüsterte Siobhan. „Was für ein Verlust für sie … Du gehörst jetzt mir. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir das kleine Mittelchen nicht mehr benötigen. Schlaf schön, mein starker Held!“

                    Siobhan ging hinaus auf den schmalen Korridor der Digitus Impudicus und verriegelte ihre Kabinentür. Sie freute sich darauf, ihrem Besuch die Wirksamkeit der Droge, die sie John verabreicht hatte, zu bestätigen. Immerhin hatte sie sehr viel Geld dafür ausgegeben.



                    Katherine ging es in diesem Moment erheblich schlechter. Man hatte sie zusammen mit anderen weiblichen Passagieren, von den Männern getrennt, in ein dunkles, stinkendes Loch tief im Bauch der Digitus Impudicus gesperrt. Die Luft war dick und abgestanden, heiß und feucht. Es roch nach Schweiß und Exkrementen. Um Katherine herum saßen dicht gedrängt weinende, eingeschüchterte Frauen, die flehentlich nach ihren Männern riefen. Katherine hatte den Kopf in ihre Hände gelegt und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was war mit John passiert? Wo war er jetzt? Ging es ihm gut? Außerdem kreiste immer wieder das Wort „Arena“ um sie herum. Was hatte das zu bedeuten? Was um alles in der Welt hatte Siobhan mit ihr vor? Sollte Katherine etwa in einer Arena kämpfen, zur Belustigung dieser durchgedrehten Irren? Und was machte sie überhaupt mit John? Katherine bemerkte, wie das Geräusch der Triebwerke leiser wurde und ein Ruck durch das Schiff ging. Im selben Augenblick kam einer der Piraten und öffnete die Zellentür. Grelles, weißes Licht trat in die düstere Zelle ein und blendete schmerzhaft Katherines Augen. „Du da, Kate! Steh auf und komm mit!“, herrschte der Mann sie an.

                    Langsam erhob sich Katherine und tapste vorsichtig an den herumliegenden Frauen vorbei. Sie ging auf Strümpfen, ihre Schuhe hatte man ihr abgenommen. Der Pirat brachte Katherine zur Zugangsschleuse des Schiffes, die bereits weit geöffnet stand. Vor ihr lag ein langer, mäßig beleuchteter Gang, der – so vermutete Katherine – in das Innere einer Raumstation führte. „Wo bringen Sie mich hin?“, wollte sie wissen.

                    Der Pirat schlug ihr jedoch nur mit der flachen Hand rüde auf den Hinterkopf und grollte: „Halt‘ s Maul, Weib!“ Dann verband er ihr mit einem stinkenden Lappen die Augen und fesselte ihr die Hände. Mit einem harten Stoß ins Kreuz sagte er nur: „Los, setz deinen kleinen Arsch in Bewegung!“

                    „Wo bringen Sie mich hin?“, fragte Katherine noch einmal mit ängstlicher Stimme. Die sonst so resolute Katherine war nunmehr lediglich ein von Panik befallenes Nervenbündel.

                    „Das erfährst du früh genug. Jetzt sei still und geh!“, antwortete der Mann herrisch und stieß Katherine grob vorwärts.



                    Mit energischem Schritt, erhobenen Hauptes und vorgestrecktem Kinn betrat Siobhan die Messe des Raumfrachters. Sie wusste genau, dass sie ihrem Besucher gegenüber selbstbewusst und stark auftreten musste, um von ihm ernst genommen zu werden. Vul Kuolun hasste Schwächlinge, aber für sie war es eine leichte Übung, Männer wie Vul Kuolun mit ihrem Auftreten zu beeindrucken. Kuolun stand, mit einem teuren dunklen Businessanzug bekleidet, lässig an der Bar und hatte ein kleines Glas mit einer hochprozentigen Flüssigkeit in der Hand. Auf einem Hocker saß eine sehr schöne, nichtmenschliche Frau mit rotgoldenen Haaren und einer kaffeebraunen, glänzenden Haut. Auffallend an ihr war der bunt tätowierte Hautlappen, der vom Bauchnabel herab wie ein langer Faltenrock ihre Beine umspielte. Auch sie trug ein elegantes Jackett aus edlem grauem Stoff und eine weiße Bluse dazu. Beide wirkten sehr geschäftsmäßig. Kuolun lächelte breit, als er Siobhan sah und beobachtete aufmerksam, fast lüstern, ihr Näherkommen.
                    „Doktor Kuolun“, rief Siobhan erfreut und begrüßte den Marsianer mit einer freundschaftlichen Umarmung. „Schön, Sie zu sehen, willkommen an Bord der Digitus Impudicus.“

                    Kuolun machte eine galante Verbeugung und gab Siobhan einen Handkuss. „Lady Siobhan, die Freude ist ganz auf meiner Seite. Gestatten Sie mir die Feststellung, dass ich bei der Wahl des Schiffsnamens Ihren feinsinnigen Humor sehr bemerkenswert finde?“

                    Siobhan grinste bösartig. „Vul, Sie sind ein unverbesserlicher Schleimer, wissen Sie das? Aber an mir ist nicht nur mein Humor bemerkenswert!“

                    Kuolun neigte den Kopf und schloss demütig eine Sekunde die Augen. „In der Tat, Lady Siobhan“, antwortete er servil.

                    Siobhan warf einen Blick auf Kuoluns Begleitung. „Ihre neue Partnerin? Sehr hübsch, sehr hübsch. Allerdings vermisse ich Nurara ein wenig. Ich habe ihre bissige und boshafte Gegenwart immer sehr genossen.“

                    Kuolun verzog das Gesicht und sagte abfällig: „Nurara widmet sich anderen Aufgaben. Lassen wir das. Meine neue Partnerin heißt Fesil und stammt von Sameda. Sie ist Biochemikerin und das Mittel, das Sie von mir haben, ist zum größten Teil ihr Verdienst.“

                    Siobhan reichte Fesil eine krallenbewehrte Hand, die die Samedanerin mit einem Grinsen, das ihre scharfen Raubtierzähne zeigte, beantwortete. Beeindruckt zog Siobhan die Augenbrauen in die Höhe. „Alle Achtung. Ich habe noch nie eine Samedanerin gesehen. Sie wirken gefährlich, meine Liebe!“

                    Fesil grinste weiter. „Das bin ich auch, glauben Sie mir“, antwortete sie knapp und schüttelte Siobhans Hand.

                    „Kommen wir zum Geschäft, Doktor Kuolun“, sagte Siobhan ernst zu dem hageren Marsianer. „Die Probe, die Sie mir gegeben haben, ist ausgesprochen wirksam. Ich bin sehr zufrieden.“

                    Kuolun lächelte charmant. „Das freut mich sehr zu hören. Ich lasse gerade einige weitere Chargen herstellen, allerdings arbeitet mein Produzent schon am Rande seiner Kapazitäten. Er muss die Mengen klein halten, um nicht allzu sehr aufzufallen, das Mittel basiert auf Lythopbromphinol, einem noch nicht freigegebenen Psychopharmakon.“

                    „Wissen Sie, Kuolun, das ist mir relativ egal“, gab Siobhan scharf zurück. „Nennen Sie mir Ihren Preis. Ich bin bereit zu zahlen, aber liefern Sie mir die Menge, die ich will. Notfalls müssen Sie die Produktion verlegen.“

                    „Was genau haben Sie eigentlich damit vor, wenn ich fragen darf, Lady Siobhan?“, fragte Kuolun interessiert und nippte an seinem Glas.

                    Siobhan warf einen Blick durch das Panoramafenster, das die Sicht auf den Planeten Krell freigab. Krell war eine graubraune Welt mit giftig-grünen Meeren. Einstmals waren diese Meere ebenso blau und die Kontinente ebenso grün wie auf der Erde. „Wenn es soweit ist, werden Sie es erfahren, Doktor, denn ich werde für mein Projekt auch weiterhin Ihre Hilfe benötigen“, antwortete Siobhan vielsagend, während sie hinaus starrte. Dann drehte sie sich wieder um und zog die Augenbrauen zusammen. „Haben Sie es schon einmal geschafft, einen radioaktiven Gegenstand, der durch Neptunium 236 verstrahlt ist, erfolgreich zu entseuchen?“

                    „Kleinere Gegenstände bis hin zu einem Raumschiff. Ja, sicher. Warum fragen Sie?“ Kuolun war neugierig auf die Antwort.

                    Siobhan grinste boshaft und sah wieder zum Planeten Krell hinaus. Leise stellte sie eine Gegenfrage: „Haben Sie es schon mal mit einem Planeten versucht?“
                    Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

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                    • #11
                      Kuolun hat quasi eine Vergewaltigungsdroge erfunden?

                      Bin gespannt was Siobhan sonst noch so damit vorhat außer zu ihrem privatem Vergnügen.
                      ZUKUNFT -
                      das ist die Zeit, in der du bereust, dass du das, was du heute tun kannst, nicht getan hast.
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                      • #12
                        Zitat von avatax Beitrag anzeigen
                        Kuolun hat quasi eine Vergewaltigungsdroge erfunden?
                        Das Präparat wurde ja schon in Meuterei verwendet, es ist nicht zwingend eine Vergewaltigungsdroge. Aber man kann damit schon recht viel gefährlichen Unfug mit anstellen....


                        So, jetzt kommt ein recht kurzer Abschnitt mit Cowboy.

                        John erwachte ein einem schummerigen Halbdunkel. Er fühlte sich seltsam leicht und beschwingt, aber gut und ausgeschlafen. Jedoch schmerzten seine Handgelenke ein wenig. Das Licht reichte gerade eben aus, um zu erkennen, dass er rote, blutige Streifen an beiden Handgelenken hatte. John wusste sofort, dass er eine Zeit lang gefesselt gewesen sein musste. Nur konnte er sich lediglich bruchstückhaft erinnern, was passiert war. Auch die Gerüche um ihn herum irritierten ihn, es roch intensiv nach Leder und hinzu kam ein würziger Geruch, den er Räucherstäbchen zuordnete. Er sah an sich herunter und bemerkte, dass er völlig nackt unter einer großen, weichen Tierhaut lag. Dann dämmerte es ihm, er hatte Sex mit Siobhan gehabt! Er konnte sich daran zwar nicht erinnern, aber nur das kam in Frage. Sie hatte ihn mit irgendetwas außer Gefecht gesetzt und ihn missbraucht! Für John stand fest: er musste hier raus. Er musste schleunigst verschwinden, Katherine finden und zusehen, dass er dieses Schiff verließ. War er überhaupt noch auf dem Piratenschiff? Wie lange war er schon hier? Und wo sollte er nach Katherine suchen? John sprang aus dem Bett und suchte im Dämmerlicht nach seiner Kleidung. Er erinnerte sich, dass er einen Anzug getragen hatte, etwas Ähnliches fand er auf dem Boden, neben dem Bett liegend, vor. Zumindest der Stoff erinnerte John an etwas, das mal wie ein teurer dunkler Anzug ausgesehen hatte. Das hier, was er nun in seinen Händen hielt, war nichts weiter als ein wertloser Haufen Stoffstreifen. Siobhans Krallenhandschuhe! Sie hatte John anscheinend auf eine sehr animalische Art und Weise seiner Kleidung entledigt. Immerhin fand John seine Unterwäsche intakt vor. John hörte, wie sich jemand draußen an der Tür zu schaffen machte. Schnell sprang er wieder in das Bett, deckte sich zu und stellte sich schlafend. Herein kam das junge Mädchen mit den grün-blauen Haaren. John öffnete ein Auge nur einen winzigen Spalt. Er erkannte sie wieder, sie war zum Zeitpunkt des Überfalls mit im Speisesaal der Mercury Gold gewesen. Sie trug ein Stoffbündel auf den Händen, ging am Bett vorbei und legte es auf der breiten Truhe vor dem Bett ab, dann schaltete sie das Licht ein und sah John an. Er war bereit zum Sprung, um sich auf sie zu stürzen jedoch sprach das Mädchen mit kalter, schneidender Stimme zu ihm: „Ich weiß, dass du wach bist, John. Du brauchst mir nichts vorspielen. Du kannst gerne versuchen, mich auszuschalten, aber ich warne dich! Fass mich ein einziges Mal an und du wirst es bereuen. Ich werde es vielleicht mit dem Leben bezahlen, wenn ich dich töte, aber du wirst mich nicht anrühren, kapiert?“

                        John schlug die Augen auf. „Dein Glück, Kleine, dass du so einen Blick fürs Wesentliche hast. Ich hätte dich umbringen können, ohne dass du überhaupt bemerkt hättest, dass ich hinter dir stehe“, zischte er unheilvoll und hatte nicht einmal gelogen. Katherine hatte ihm, seit sie sich kannten, einige fiese und effiziente Tricks der waffenlosen Kampfkunst beigebracht. „Was geht hier eigentlich vor sich? Was hat Siobhan mit mir und Katherine vor?“, fragte er, bemüht, eine Spur freundlicher zu wirken. Er sah das Mädchen an, es war vielleicht so gerade eben zwanzig Jahre alt und recht hübsch, mit einer Tätowierung am Hals, die sich anscheinend unter ihrer Kleidung fortsetzte. Sie trug eine Armeehose, ein ölfleckiges T-Shirt und eine abgewetzte alte Lederjacke, wie sie Rocker und solche, die sich dafür hielten, seit über zweihundert Jahren benutzten. An ihrer zierlichen Hüfte hing ein Gürtel mit einer großen Protonenpistole und diversen Messern. Auch wenn die junge Frau offensichtlich nicht über allzu große körperliche Kräfte verfügte, war ihr anzusehen, dass eine Auseinandersetzung mit ihr im besten Falle sehr schmerzhaft ausgehen konnte. Das Mädchen seufzte genervt und verschränkte die Arme.

                        „Ist mir doch egal“, gab sie frech zurück. „Ich habe dir da ein paar frische Anziehsachen hingelegt. Keine Sorge, sind Klamotten aus deiner Kabine. Ich war so frei, mir ein paar Sachen von deiner Frau zu nehmen, braucht sie ja nicht mehr, hihihi.“ John sprang jetzt aus der liegenden Position auf und wollte sich doch auf das Mädchen stürzen, aber es war schneller und hatte die Pistole gezogen und auf John gerichtet. „Sagte ich nicht, dass du das lassen sollst?“, fragte sie hämisch und verzog das Gesicht zu einem schmierigen Grinsen, als sie an John herab sah. „Oh“, hauchte sie. „Beeindruckend …“ Sie trat zwei Schritte zurück und deutete mit der Mündung ihrer Pistole in die Richtung, wo sie Johns Kleidung abgelegt hatte. „Los, zieh dich an und mach keine Spielchen, sonst haben wir beide ein Problem“, sagte sie – jetzt wieder im kalten Befehlston.

                        „Wo ist Katherine?“, fragte John, während er sich anzog.

                        „Mach dir keine Sorgen, es geht ihr gut“, antwortete das Mädchen. „… noch.“

                        John wollte sich gerade sein Unterhemd anziehen, als er innehielt. Argwöhnisch zog er die Augenbrauen zusammen. „Was soll das heißen, noch?“, zischte er unheilvoll und trat ein paar Schritte auf das Mädchen zu. „Los, rede schon!“ John überragte die junge Frau mindestens um anderthalb Köpfe. Mit durchdringendem Blick sah er auf sie herab und sie spürte, dass, wenn es um Katherine ging, John anscheinend keinen Spaß verstand. Die Pistole in ihrer Hand begann zu zittern, nur für einen Moment, dann fasste sich die Frau wieder.

                        „Bleib da stehen, oder ich brenne dir ein Loch in den Pelz!“, schrie sie.

                        „Was passiert mit Kat?“, fragte John, noch eine Spur lauter und erboster. „Was? Rede, oder ich prügle es aus dir heraus!“ Er ballte die Fäuste.

                        „Versuch es doch, John! Ich habe die Pistole und ich habe kein Problem damit, dich umzubringen!“, entgegnete sie.

                        „Aber du wirst dann ein Problem mit mir haben, Alina!“, hörte das Mädchen eine herrische Frauenstimme hinter sich. Es war Siobhan, die unvermittelt eintrat. „Los, verschwinde. Geh an die Arbeit!“ Alina steckte die Waffe weg und bedachte John mit einem abfälligen Blick. Sie hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt. Alina drehte sich um und verließ die Kabine ohne Siobhan eines Blickes zu würdigen.
                        „Sie ist niedlich, nicht wahr?“, fragte Siobhan leutselig. „Frech wie Rotz, aber niedlich. Du kannst sie haben, John. Du musst nur ein Wort sagen. Ich sorge dafür, dass sie nett zu dir ist.“

                        John schlüpfte in sein Unterhemd und antwortete: „Danke, ich verzichte. Sag mir lieber, was du mit Katherine gemacht hast. Was du mit mir angestellt hast, darüber brauchen wir gar nicht zu reden.“ In seiner Stimme lag tiefe Abscheu. Siobhan ging auf John zu und versuchte mit einer Krallenhand nach seinem Gesicht zu langen. Blitzschnell packte John Siobhan am Handgelenk und drückte fest zu. „Wo ist Kat? Und was hast du mit ihr gemacht, will ich wissen!“ John war stark und imstande, Siobhan mit nur einer Handbewegung den Unterarm zu brechen.

                        Siobhan leistete nur wenig Widerstand, dafür lächelte sie bösartig. „Es geht ihr gut, John. Du wirst sie gleich wiedersehen. Wenn du deine Kate wiedersehen willst, lass mich los. Es hilft dir nichts, wenn du mir weh tust. Diese Schmerzen würde sie hundertfach zurückbekommen. Also?“

                        „Wo ist sie, verdammt noch mal!“, grollte er und stieß ihren Unterarm von sich.

                        „Sie wird vorbereitet, John. Frag nicht, worauf. Du wirst sie gleich sehen. Zieh dich an und ich bringe dich zu ihr.“
                        Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

                        Mission accomplished.

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                        • #13
                          Jaja... die Frauen in der Zukunft. Irgendwie sehen die Kerle da aber blass daneben aus
                          Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination

                          Ein Holodeck ist klasse! Man kann überall hin, obwohl man gar nicht weg muss :)

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                          • #14
                            Kapitel 3


                            „Nein, nein ,nein! Das muss einen halben Meter weiter nach hinten, du rostiger Blecheimer!“, rief Otho aufgebracht. Der Androide und der Roboter arbeiteten seit Stunden an der Tarnung der Comet. Sie verkleideten den langgestreckten Rumpf mit großen Stahlplatten und schweißten sie zusammen. Wie so oft gerieten die beiden dabei immer wieder in eine lautstarke Diskussion, die irgendwann in Beleidigungen ausartete.

                            „Red keinen Unfug, Gummipuppe. Die Platte gehört genau da hin. Und wenn du jetzt nicht endlich den Mund hältst, nehme ich dich als Dichtungsmasse!“, grollte Grag mit metallisch dröhnender Stimme.

                            Otho ließ das Werkzeug fallen und verschränkte schmollend die Arme. „Bitte, ganz wie du willst, du Schrauben verlierender Schrotthaufen. Wenn uns unterwegs die ganzen Platten abfallen, ist das ganz allein deine Schuld!“

                            Curtis betrat mit Simon Wright, dem lebenden Gehirn, den Hangar. Curtis sah an diesem Morgen anders aus als sonst. Seine roten Haare waren dunkelbraun gefärbt und statt seines üblichen weißen Raumanzuges trug er stark mitgenommene Funktionskleidung, schwere schwarze Raumfahrerstiefel und eine grob gewebte, braune Robe. Außerdem hatte Curtis sich mit voller Absicht nicht rasiert. Simon schwebte nicht aus eigener Kraft in den Hangar, sondern rollte auf einem fassförmigen Unterbau, seinem Torso hinein. Der Torso diente Simon als „Körperersatz“, ausgestattet mit Greifern, Werkzeugen, Messgeräten und vielen anderen technischen Spielereien, die der Wissenschaftler für seine Arbeit brauchte. „Grag, Otho“, rief Curtis gut gelaunt. „Wie weit seid ihr? Die Zeit drängt. Wir müssen bald los!“ Curtis ging mit prüfendem Blick um die Comet herum. Jegliche Eleganz des schneeweißen Raumschiffes war unter rostbraunen und grauen Stahlplatten versteckt. Die Comet hatte sich in einen hässlichen, heruntergekommenen und unbewaffneten Trampfrachter verwandelt: ungepflegt, klotzig, rostig und unscheinbar. Niemand würde vermuten, dass unter der Tarnung ein schnelles und kampfstarkes Forschungsschiff mit militärischen Qualitäten steckte. Curtis hatte Grag und Otho angewiesen, die Rumpfplatten so anzubringen, dass sie per Knopfdruck einfach abgesprengt werden konnten.
                            „Fast fertig, Chef. Wenn nur dieses übelgelaunte Sammelsurium von Ersatzteilen aufhören würde, meine Anweisungen zu missachten, wären wir längst startklar!“, antwortete Otho lautstark und grinste feist dabei.

                            „Pass bloß auf, du aufgeblasener Gummihandschuh“, gab Grag mit geballter Faust zurück. „Noch ein Wort und ich mach dir einen Knoten in deine Zunge!“ Grag packte die letzte Stahlplatte und verschloss das verbliebene Loch an der Backbordseite hinter der Eingangsluke. Mit ein paar kunstvoll angebrachten Schweißnähten beendete der Roboter seine Arbeit und begann, das Werkzeug wegzuräumen. „Das war’s, Chef!“, sagte er im Vorbeigehen zu seinem Captain.

                            Curtis freute sich. Seine beiden Weggefährten waren wie immer schnell und verlässlich. „Prima, Leute. Ihr solltet jetzt damit beginnen, eure eigene Tarnung anzulegen. Otho, du weißt, was du zu tun hast?“

                            Otho nickte, verzog aber sein weißes Gesicht zu einer gequälten Grimasse. „Chef, ich hab wirklich kein Problem damit, Grag golden zu lackieren, aber muss ich wirklich …“

                            Curtis sah den Androiden streng an. „Ja, Otho. Das war abgemacht und du hattest keine Vorbehalte. Du wirst dich wie abgesprochen verwandeln.“

                            „Aber …“, setzte Otho an.

                            „Otho?“, brummte Curtis tadelnd. „Keine Widerrede! Wir machen es so, wie wir es vorhin besprochen haben. Daran wird nichts mehr geändert. Klar? Ende der Diskussion.“

                            Otho schmollte schon wieder. Obwohl er in der Lage war, jede Art von Lebensform in Gestalt anzunehmen, widerstrebte es ihm, in manchen Fällen den Anweisungen von Curtis Folge zu leisten. Heute war es wieder einmal so weit. Von der Werkbank ertönte ein metallisches Lachen, Grag mochte es zwar auch nicht unbedingt, wenn sein Äußeres verändert werden musste, aber eine Goldlackierung war immer noch besser, als das, was Otho bevorstand. Otho senkte resigniert den Kopf und murmelte: „Das ist so demütigend …“ Er wandte sich ab und ging motzend und kopfschüttelnd an Bord, um seine Tarnung anzulegen.

                            Grag kam zu Curtis zurück und sah dem armen Androiden nach. Wenn Grag in der Lage gewesen wäre, seine Mimik zu verändern, hätte er wahrscheinlich feixend gegrinst. „Richtig so, Captain“, brummte der zwei Meter große Roboter. „Otho sollte sich öfter so verkleiden müssen.“

                            Curtis sah Grag prüfend an. „Warum könnt ihr zwei euch eigentlich nicht normal benehmen?“, fragte er mit gespielter Verzweiflung in der Stimme und ließ Grag ohne auf eine Antwort zu warten, stehen. „Komm, Simon. Machen wir die Comet startklar.“



                            Etwa zur gleichen Zeit landeten Joan und Lloyd Hopkins in Los Angeles. Ihr Ziel war die ehemalige Arbeitgeberin von Siobhan Kelly, die High-Reel-Production Company, eine der renommiertesten Film- und Fernsehproduktionsgesellschaften in Hollywood. Es war noch früh am Morgen, als die beiden Polizisten auf dem L.A. Galactic Spaceport ankamen. Beide hatten nur wenig geschlafen und waren kurz vor ihrer Abreise noch einmal von Marshall Garnie ins Präsidium gerufen worden. Joan sah auf die Uhr, es war kurz vor acht, gegen neun hatten sie einen Termin mit der Geschäftsführerin, einer gewissen Tamara MacDonald. Tamara MacDonald war vor fünfzehn Jahren die Produktionsleiterin von „Siobhans Little World“ gewesen und kannte die Hauptdarstellerin sehr gut. Sie hatte noch in der Nacht in New York zurückgerufen und den Termin zugesagt. Mit einem Gleitertaxi fuhren Joan und Lloyd durch den stärker werdenden Berufsverkehr von Los Angeles. Während Lloyd auf seinem kleinen Tabletcomputer Unterlagen studierte, sah Joan aus dem Fenster der Limousine und betrachtete Menschen und Bauwerke dieser Millionenstadt. „Wissen Sie, was ulkig ist, Lloyd?“, fragte sie ihren gleichaltrigen Kollegen.

                            Der schmächtige Psychologe mit dem blonden Schopf sah von seinem Computer auf und rückte seine Nickelbrille zurecht. „Nein, was denn?“

                            Joan kicherte. „Ich bin schon in vielen Ecken der Galaxis gewesen, habe viele bewohnte Planeten gesehen und fremde Lebensformen kennengelernt. Aber Los Angeles besuche ich bewusst zum allerersten Mal im Leben. Das letzte Mal, dass ich hier war, da war ich vier oder fünf. Ich kann mich kaum daran erinnern. Es ist, als würde ich auch hier eine neue Welt betreten.“

                            Lloyd lächelte verständnisvoll und antwortete: „Wissen Sie Joan, da liegen Sie gar nicht mal so falsch. Ich kenne Los Angeles und San Francisco ziemlich gut, ich habe hier in Berkeley studiert. Es ist im Vergleich zur Ostküste tatsächlich eine andere Welt. Die Menschen hier sind offener, lebensfreudiger und weniger verbissen. Es herrscht ein anderes – lassen Sie es mich salopp ausdrücken – Grundrauschen vor. Nicht jeder von der Ostküste kommt damit klar.“

                            Joan verzog das Gesicht zu einem schrägen Grinsen. „So etwas aus Ihrem Munde, Lloyd? Was ist mit Ihnen? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber gerade Sie halte ich für einen Spießer aus dem Bilderbuch. Ein Wunder, dass Sie hier studiert haben.“

                            Auch Lloyd kam nicht umhin zu grinsen. „Das sagen ausgerechnet Sie, Joan? Major Ballard hat mir bei meiner Einarbeitung erzählt, dass Sie beide beste Freundinnen sind und dass das nicht immer so war. Sie war Ihre Ausbilderin, richtig? Und Sie haben Ihre Ausbilderin, als Sie sich kennenlernten geradezu gehasst, stimmt’s? Und Sie beide sind erst aus einer lebensbedrohenden Situation heraus Freundinnen geworden.“ Lloyd packte seinen Computer in die Reisetasche. „Sie haben einen völlig falschen Eindruck von mir, Joan. Auf Sie mag ich wie ein Spießer wirken, das ist vielleicht auch meiner Tätigkeit als Innenrevisor geschuldet, aber glauben Sie mir, ich bin auch jemand, mit dem man wirklich Spaß haben kann.“ Lloyd sah sinnierend am Fahrer vorbei durch die Windschutzscheibe des Taxis. „Wir beide kennen uns erst knapp zwei Wochen. Wie lange hat es bei Ihnen und Major Ballard gedauert?“ Lloyd blickte Joan eindringlich mit seinen dunkelblauen Augen an.

                            „Zwei Jahre“, gestand Joan.

                            Lloyd grinste triumphierend. „Sehen Sie? Und Sie haben mich nach weniger als einer Woche dazu gebracht, Sie mit Vornamen anzusprechen, was ich auf kollegialer Ebene eigentlich niemals tue. Wer ist nun hier der Spießer?“

                            Joan ließ sich in den Sitz zurückfallen und rammte absichtlich mit ihrem Hinterkopf die Kopfstütze der Rückbank. „Ja, Sie haben gewonnen, Lloyd“, seufzte sie. „Aus mir wird niemals ein richtiger Psychologe.“ Das Taxi bog auf ein großes Filmgelände ein. „Wir sind da.“

                            Tamara MacDonalds Büro war ein Konglomerat von Filmplakaten, Auszeichnungen sowie Bildern bekannter und weniger bekannter Darsteller. Die Geschäftsführerin selbst war eine schlanke, hochgewachsene Frau in den besten Vierzigern mit rotblonden, langen Haaren, lebendigen grünen Augen und einem charmanten Lächeln, das durch lustige Grübchen sehr zu ihrer sympathischen Ausstrahlung beitrug. Nichtsdestotrotz war Tamara MacDonald in der Filmbranche als knallharte und unnachgiebige Geschäftsfrau bekannt. Gut gelaunt, mit einem Becher Kaffee in der Hand, begrüßte sie die beiden Polizisten. Sie trug einen weit schwingenden, geblümten Rock, Stiefel und eine modische, kurze Jacke aus braunem Leder. „Einen schönen guten Morgen“, rief sie. „Bitte, setzen Sie sich doch. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Tee, Kaffee oder etwas anderes?“

                            Joan und Lloyd lehnten dankend ab. Sie hatten zwar noch nicht gefrühstückt, wollten aber wegen ihres enggesteckten Terminplanes nicht allzu lange bei Tamara MacDonald verweilen. Es sei denn, die Filmproduzentin konnte ihnen etwas sagen, was ihre Ermittlungen nachhaltig beeinflussen würde. „Ich bin Captain Dr. Lloyd Hopkins, das ist meine Kollegin, Captain Joan Landor. Vielen Dank, dass Sie uns empfangen, Mrs. MacDonald“, begann Lloyd und nahm nach Joan in einem der bequemen Sessel vor Tamaras Schreibtisch Platz.

                            „Oh, bitte, sagen Sie doch Tammy zu mir. Mein Name ist so furchtbar sperrig“, antwortete Tamara vergnügt. „Marshall Garnie sagte, Sie kämen wegen Siobhan zu mir? Was wollen Sie wissen?“

                            „Nun … Tammy“, begann Joan. „Sie waren bis vor fünfzehn Jahren die Produktionsleiterin von ‚Siobhans Kleine Welt‘. Können Sie uns sagen, warum Siobhan so sang- und klanglos von einem Tag auf den anderen entlassen wurde?“

                            Tamara lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Wurde sie nicht“, antwortete sie knapp, nachdem sie einen Schluck Kaffee genommen hatte.

                            „Wie bitte?“, fragte Lloyd entgeistert. „Aber es hieß doch, dass sie mit fünfzehn Jahren zu alt für dieses Format gewesen sei und dass Ihre Firma keinen weiteren Vertrag mit ihr eingehen wollte.“

                            Tamara stellte ihren Becher auf dem Schreibtisch ab ehe sie antwortete: „Captain, das ist die offizielle Version. Wir wollten nach Siobhans Weggang verhindern, dass sie in schlechtem Licht dasteht. Das Publikum hat sie über alles geliebt, aber niemand kannte die Zustände hinter den Kulissen.“ Tamara war schlagartig ernst geworden und es sah aus, als würden ihr die Ereignisse von damals immer noch nahe gehen.

                            „Erleuchten Sie uns, Tammy?“, fragte Joan mit einem freundlichen Lächeln.

                            „Liebend gern, Captain Landor“, antwortete Tamara mit unbewegter Miene. „Wir hatten eine Vertragsverlängerung mit Siobhan geplant. Ihr ehrgeiziger Vater hatte uns dazu genötigt. Ja, es ist richtig, dass wir mit der Vollendung ihres fünfzehnten Lebensjahrs die Sendung absetzen wollten. Nach neun Jahren Dauer hatte sich das Format totgelaufen und die Einschaltquoten brachen von Monat zu Monat mehr ein. Geoffrey Kelly, Siobhans Vater, kreuzte hier täglich auf und machte uns die Hölle heiß. Wir haben uns dann auf die Schnelle etwas Neues für Siobhan ausgedacht und eine Vetragsverlängerung bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag in Aussicht gestellt. Ihr Vater war mit den Bedingungen nach langen Verhandlungen um die Gage endlich einverstanden. Am Tag der Unterzeichnung kam Siobhan weinend in das Büro des damaligen Geschäftsführers und sagte ihm, dass sie nicht weiter für uns arbeiten wolle.“

                            „Waren Sie dabei?“, fragte Lloyd.

                            Tamara schüttelte ihre rotblonden Haare. „Nein, nicht in diesem Moment. Man rief mich erst später dazu, ich sollte Siobhan beruhigen und sie nach ihren Beweggründen fragen. Ich war damals eine enge Vertraute für sie, fast wie eine große Schwester.“

                            „Hat Siobhan Ihnen die Gründe für ihre Entscheidung genannt? Immerhin hatte sie ja bei Ihnen gutes Geld verdient“, stellte Joan fest.

                            Tamara schüttelte traurig den Kopf. „Tut mir leid, aber Siobhan hat mich nie über ihre Beweggründe aufgeklärt, ich kann nur vermuten …“

                            „Und was bitte ist Ihre Vermutung, Mrs. MacDonald?“, bohrte Lloyd weiter. „Wenn Ihre Hauptdarstellerin ganz unvermittelt ihr Engagement hinwirft, muss es doch einen eindeutigen Grund geben, oder nicht?“

                            „Captain, ich glaube, sie war damals ungewollt schwanger. Sie hat es nie zugegeben, aber das war das Naheliegendste.“ Tamara zuckte etwas hilflos mit den Schultern.

                            „Haben Sie auch eine Vermutung, von wem? Könnte es jemand vom Set oder der Crew gewesen sein?“ Lloyd ließ nicht locker.

                            Tamara stand von ihrem Sessel auf und ging ein paar Schritte zum Fenster. „Siobhan hat sich damals nicht allzu viel aus Jungs gemacht. Das weiß ich und das hat sie mir immer wieder beteuert. Allerdings entwickelte sich damals etwas zwischen ihr und dem männlichen Hauptdarsteller. Sein Name war Andrew Riggs. Er war im gleichen Alter wie Siobhan, wirkte aber ungleich reifer. Er hatte sich, als er zum Ensemble kam, gleich in die Kleine verguckt und sie war ihm auch nicht abgeneigt. Eine Teenagerliebe eben, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

                            Lloyd sah Tamara nur an, während Joan verständnisvoll nickte. „Und zwischen den beiden ist tatsächlich etwas gelaufen?“, fragte die blonde Polizistin.

                            „Na ja“, meinte Tamara. „Tagsüber hat man die beiden des Öfteren Händchen halten gesehen. Was abends nach Drehschluss passiert ist, darüber kann ich nur mutmaßen. Siobhan war eigentlich ein sehr stilles und zurückhaltendes, fast schüchternes Mädchen. Ich glaube nicht, dass sie etwas getan hätte, was ihr Vater missbilligen würde.“

                            Lloyd nickte. „Siobhans Vater. Gutes Stichwort. Wie war er? Sie erwähnten, dass er überaus ehrgeizig gewesen sein soll.“

                            Tamara ließ sich wieder in ihrem Sessel nieder. „Ihr Vater?“ Tamara machte ein verächtliches Geräusch. „Der war nur aufs Geld aus. Er hätte seine Tochter sogar an einen Mädchenhändler verschachert, wenn der Preis gestimmt hätte. Wenn wir immer das getan hätten, was er von uns verlangt hat, wären wir nicht nur einmal mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.“

                            „Sind Sie das denn schon mal?“, wollte Lloyd wissen.

                            Tamara seufzte. „Ein einziges Mal gab es eine Anzeige wegen Verstoßes gegen die Arbeitszeiten von Kindern und Jugendlichen. Die Firma wurde zu einer Geldbuße verurteilt, seitdem ist nie wieder etwas vorgefallen, glauben Sie mir. Wir können uns solche Verfehlungen nicht erlauben, sonst würde man uns den Laden dicht machen!“

                            „Wie hat sich Siobhans Vater ihr und der Crew gegenüber verhalten? War er aggressiv?“, wollte Lloyd wissen. Er versuchte, die psychologische Seite auszuloten.

                            „Am Set war Geoffrey Kelly für Siobhan ein treusorgender und liebevoller Vater, gegenüber dem Produktionsteam schlug er gerne mal laute Töne an. Er galt als cholerisch und leicht reizbar. Wenn wir Siobhan bei einer Aufnahme korrigieren mussten, schritt er meistens gleich wutentbrannt ein und meinte, alles besser wissen zu müssen, dabei hatte er vom Filmgeschäft eigentlich so gut wie keine Ahnung. Wie er Siobhan zu Hause behandelt hat, darüber kann ich nur mutmaßen. Es gibt aber Gerüchte, dass er sie gerne mal geschlagen, ja sogar schwer körperlich misshandelt haben soll. Aber beweisen konnten wir das nie.“ Tamara trank den letzten Schluck Kaffee. „Darf ich auch mal eine Frage stellen?“ Sie sah die beiden Polizisten offen an.

                            „Aber sicher“, antwortete Joan lächelnd.

                            Tamara beugte sich vor und faltete die Hände auf der Tischplatte. „Weder Sie noch Marshall Garnie haben mir gesagt, warum Sie mich zu Siobhan Kelly befragen. Was ist mit ihr?“

                            Joan und Lloyd warfen sich einen Blick zu. Ihnen beiden erschien die attraktive Filmproduzentin vertrauenswürdig, so nickten sie sich denn zu. „Tammy“, begann Joan zögerlich. „Siobhan war einmal Ihr Schützling und so, wie Sie über sie gesprochen haben, denke ich, dass Sie verdient haben, zu erfahren, was mit ihr geschehen sein könnte. Ich sage ausdrücklich könnte!“

                            Tamara zog argwöhnisch eine Augenbraue hoch. „Machen Sie es nicht so spannend, ist ihr etwa etwas zugestoßen?“

                            „Wir gehen davon aus, dass Siobhan Kelly sich bester Gesundheit erfreut, aber um auf Ihre Frage einzugehen, ja, wir glauben, dass Siobhan einen ‚beruflichen‘ Wandel durchgemacht und sich zu einer Weltraumpiratin aufgeschwungen hat“, antwortete Lloyd ernst. „Wir sammeln Informationen über Siobhan, um sie dingfest zu machen. Was passierte, nachdem Siobhan Ihnen gesagt hatte, dass sie aussteigt?“

                            Tamara blickte traurig drein. „Wir waren alle sehr geschockt. Ich hatte noch versucht, sie umzustimmen, aber plötzlich lief sie mitten im Gespräch davon und kam nie wieder. Sie hat jegliche Kontaktversuche unsererseits abgelehnt. Ich weiß auch nur aus der Presse, dass ihre Gesangskarriere gescheitert war und sie irgendwann auf Alkohol- und Drogenentzug therapiert wurde.“

                            „Letzte Frage, Tammy“, sagte Joan und machte Anstalten, sich zu erheben. „Wissen Sie, wo wir Andrew Riggs und Geoffrey Kelly finden können?“

                            Tamara schüttelte den Kopf. „Siobhans Vater? Keine Ahnung. Der tauchte nach dem ganzen Schlamassel nie wieder bei uns auf. Nachdem Siobhan aus der Therapie entlassen wurde, ist er genauso wie sie von der Bildfläche verschwunden. Andrew sehe ich ab und zu, wenn ich meine Nichte in Sherman Oaks besuche. Er lebt dort mit seiner Familie. Versuchen Sie es an der Sutton Street, Ecke Kester Avenue. Die Hausnummer weiß ich nicht, aber man kennt ihn dort.“

                            Joan und Lloyd sahen sich schweigend vor dem Gebäude der Produktionsfirma an. „Was halten Sie von ihr, Joan?“, fragte Lloyd seine attraktive Kollegin.

                            Joan zuckte mit den Schultern. „Nett und aufgeschlossen würde ich sagen. Sie hat bereitwillig auf unsere Fragen geantwortet, aber irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Ich glaube, sie hat uns etwas verschwiegen.“

                            Lloyd presste die Lippen aufeinander und nickte. „Gut erkannt. Da ist noch etwas, was von Interesse für uns sein könnte. Wir sollten sie später noch einmal aufsuchen. Wen befragen wir als nächstes? Diesen Riggs oder den Arzt, der Siobhan in der Therapie behandelt hat?“

                            „Ich würde sagen, wir mieten uns einen Gleiter, fahren erst einmal zu Andrew Riggs und nehmen unterwegs Frühstück mit. Ich bekomme langsam Hunger“, antwortete Joan, während sie gequält lächelnd über ihren Bauch strich.

                            Lloyd grinste. „Einverstanden. Frühstück geht auf mich. Gehen wir!“
                            Für mich ist Gleichberechtigung dann erreicht, wenn es genauso viele weibliche wie männliche Idioten gibt.

                            Mission accomplished.

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                            • #15
                              *g*
                              Na mal sehen als was Otho durch die Gegend läuft
                              Bei Grag könnte man meinen, dass er ein C3PO wird - hihi.
                              Unendliche Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination

                              Ein Holodeck ist klasse! Man kann überall hin, obwohl man gar nicht weg muss :)

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