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  • Konservativ

    Oh Mist.

    Ich hatte es ja immer befürchtet und so lange nicht wahr haben wollen, aber wer seine Ansichten in diesem Artikel wieder findet, der kann es nicht mehr leugnen:

    NOVO, Sept./Okt. 2007

    Der Konservative trägt heute Rot

    Weshalb es heute richtig ist, Bewahrer zu sein
    Von Peter Köpf

    „Wo sind die Konservativen?“, fragte Michael Stürmer vor mehr als einem Jahr und stellte fest, es gebe sie nicht mehr, sie seien nur noch ein „Schreckgespenst, mit dem sich Grüne und Rote Identität und Kampfeszorn verschaffen“. Paul Nolte dagegen will den Konservatismus „völlig neu zusammensetzen“, Daniel Dettling suchte kürzlich in der Financial Times Deutschland nach einer „neokonservativen Renaissance“, und Andreas Zielcke fragte in der Süddeutschen Zeitung: „Was heißt konservativ?“. Doch sie alle suchen die Konservativen am falschen Ort.

    „Konservativ“ ist ein unbesetztes Wort. In diesem Haus wollen nicht einmal mehr die Mitglieder der Union wohnen. Die Menschen des dritten Jahrtausends sind der Zukunft zugewandt, sie folgen dem Fortschritt oder haben selbst zukunftsweisende, innovative Ideen. Während die Welt sich so bewegt, bleiben gerade diejenigen zurück, die sich einst für fortschrittlich hielten. Die wenigen beharrlichen Linken, die sich zu bekennen noch wagen, fragen sich – meist im Stillen – sorgenvoll: Marschiert der Fortschritt in die richtige Richtung? Wie konnte es geschehen, dass die Deutschen heute den Begriff Gerechtigkeit eher bei den alten Konservativen ansiedeln, bei der CSU, der letzten sozialdemokratischen Partei des Landes?

    Die Ideale der einstigen Linken sind heute von gestern. Wer sich noch zu den Ideen der Sozialdemokratie der Brandt-Ära bekennt oder sich gar Sozialist nennt, erntet nur ein mitleidiges Lächeln. Wer nach Ethik fragt und nach verbindlichen internationalen Absprachen, statt die normative Kraft des weltweiten Wettbewerbs als unveränderbar hinzunehmen, der gilt in dieser durchökonomisierten Welt als Gestriger.

    Doch es gibt eine Menge gute Gründe, gegen das alle Disziplinen lähmende Betriebswirte-Mantra anzugehen, der Egoismus der Unternehmer und der Markt regelten das Miteinander der Menschen am besten. Das genaue Gegenteil ist nämlich der Fall: Die kompromisslose Ökonomisierung aller Lebensbereiche, das Effizienzdenken hebt mitnichten das Lebensniveau aller Menschen, wie die Säulenheiligen des radikalen Wirtschaftsliberalismus predig(t)en; eine Menge Nussschalen saufen ab. Das ist offensichtlich, und doch bleibt die Religion des Neoliberalismus in der Wahrnehmung des Publikums unangefochten.

    Warum stellt niemand mehr die grundlegenden Fragen? Ist Ökonomie alles? Weshalb sollen wir dem Gewinnstreben alles Leben unterordnen? Was meinen Politiker, die fordern, man müsse den Menschen „Eigenverantwortung zurückgeben“, und warum plappern diejenigen, die sich selbst gern als Kontrolleure der Macht verstehen, als „vierte Gewalt“, diesen Euphemismus so eilfertig wie unkritisch nach?

    Die Menschen, die in den vergangenen Jahren das Geschenk von mehr Eigenverantwortung erhielten, bleiben ohnehin schon zurück. Während deutsche Spitzenverdiener ihre Einkünfte zwischen 1994 und 2004 inflationsbereinigt um jährlich 1,5 Prozent steigern konnten und auch mittlere Einkommen einen höheren Reallohn erzielten, nahm die Zahl der Armen zu: Mittlerweile 17,3 Prozent der Deutschen, in Ostdeutschland sogar 21,3 Prozent, haben weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens zur Verfügung.

    Am beschämendsten offenbart sich die Ökonomisierung aller Lebensbereiche beim entwürdigenden Geschacher um höhere Prämien fürs Kinderkriegen. Sogar die FDP, die ansonsten an allen Fronten für mehr Eigenverantwortung plädiert, mischt beim Elternbeglücken mit, vielleicht, weil ihre Klientel potenziell am meisten profitieren könnte: gut verdienende junge Eltern. Weshalb nicht gleiches Geld für alle, die den „Pflichten gegenüber Familie, Vaterland und Zukunftssicherung“ (Andrea und Roland Tichy) nachkommen, weshalb nicht gleiches Geld für jedes Kind?

    Weil es um die Rettung der Nation geht, wie der Spiegel titelte, weil die Oberdenker sich wieder um die „kollektive Intelligenz“ (Donata Elschenbroich) sorgen. Da helfen dann natürlich nicht mehr die Kinder von Sozialhilfeempfängern, da müssen schon die Gene von Kapazitäten reproduziert werden. Ist das Kind dann da, nimmt dieser Staat es auch schon in die Pflicht: Kindheit ist Vorbereitung aufs Berufsleben, die „Ressource“ Kind muss zum wirtschaftlichen Wohl aller genutzt werden, der Diamant geschliffen werden. Schon fordern Unternehmerverbände mehr Wirtschaftsunterricht und die Privatisierung des Schulwesens. Die Gehirnwäsche hat auch die Mittelstandseltern infiziert, deren Blick sich sorgenvoll in die Zukunft richtet. Welche Ausbildung kaufe ich meinem Kind, damit es mit einem Wettbewerbsvorteil ins Rennen um die besten Karrieren geht?

    Das also ist der Fortschritt dieses Jahrhunderts, das Maß aller Dinge ist ihr Wert in Euro. Könnte es sein, dass der Fortschritt an einer Kreuzung den Weg verpasst hat? Marschiert er in die falsche Richtung? Man wird ja noch fragen dürfen. Hat noch jemand ein Ziel vor Augen, außer dem, möglichst ohne Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen? Träume? Utopien gar? Wo ist der Aufschrei der jungen Leute?

    Die Kinder der Eltern mit 68er-Prägung haben viel mehr Freiheiten als Oma und Opa, die Welt wollen sie jedoch nicht mehr verändern. Das haben ihre Eltern schon erledigt. Sie richten sich darin ein. Die junge Generation sorgt sich allenfalls um ihr (privates) Erbe, das gefälligst nicht durch (staatliche) Schulden entwertet werden möge.

    Vielleicht fehlen ja nur Vorbilder aus der eigenen Generation – die es sein könnten, taugen leider nicht viel: Als sich die 27-jährige Viva-Moderatorin Charlotte Roche anschickte, zum Sender Arte zu wechseln, stellte ihr Oliver Fuchs für die Süddeutsche Zeitung Fragen. Ob sie nicht befürchte, in ihrem neuen Job bloß der lustige Farbtupfer zu sein. Ihre Antwort: „Sie meinen, dass Arte mich instrumentalisiert? Aber das war bei Viva doch nicht anders. Dort gab es eine schwarze Moderatorin und eine asiatische, eine kluge und eine dumme, eine mit großen und eine mit kleinen Brüsten und eine Verrückte, das war halt ich. Instrumentalisiert wird man doch überall.“

    Nicht zu allen Zeiten haben junge Leute sich instrumentalisieren lassen. Heute dagegen verkauft man alles, auch sich selbst. Damit die Härte des radikalen Marktliberalismus sie nicht selbst treffe, beten sie wieder zu Gott und feiern dessen Stellvertreter auf Erden. Ihre Vorbeter sind die Stars des Pop, die früher eher den Highway to Hell besangen als den Highway to Heaven: „Allee der Kosmonauten“ fragt nun, ob es nicht tatsächlich wahr sein könnte, dass Gott vor zweitausend Jahren auf die Welt gekommen sei, Yvonne Catterfeld weiß: „Du bist nicht allein“, und Xavier Naidoo singt: „Der Herr führt sein Heer / und eure schlecht gebauten Straßen / machen es dem Thronwagen schwer.“

    Mag sein, dass die neue Gläubigkeit die Alternative zum Esoterik-Humbug eines Teils ihrer Elterngeneration ist. Aber wohin soll es führen, wenn man betet und konservativ wählt, bevor man anfängt, richtig zu leben?

    Die Älteren brauchen nicht zu glauben, sie seien ihren Kindern ein gutes Vorbild. Gerade unter ehemaligen Linken zeigt sich eine erschreckende Anpassung des Denkens und Handelns, nachdem die Lebensverhältnisse sich verändert haben. Das Sein bestimmt eben auch bei ihnen das Bewusstsein.
    Wer für Multikulti und gleiche Bildungschancen eingetreten ist, verliert seine Glaubwürdigkeit, wenn er vor der Einschulung in ein bürgerliches Viertel umzieht oder seine Kinder nicht auf die benachbarte staatliche Schule mit hohem Ausländeranteil, sondern auf eine Privatschule schickt.

    Wer, anders als die Marketingexperten und Werbeprofis der jungen Generation, noch weiß, dass nicht die Unternehmer den Mehrwert schaffen, sondern die Arbeiter und Angestellten, dessen Lebensziel kann heute nicht sein, seine Fähigkeiten dazu zu nutzen, möglichst viel Geld anzuhäufen, sondern das Geld, das alle gemeinsam erwirtschaften, möglichst fair zu verteilen. Wer für die Freiheitliche Demokratische Grundordnung (FDGO) eintrat, kann der Angst vor Terroranschlägen nicht prophylaktisch die Bürgerrechte opfern, sondern muss erkennen, dass weitere Sicherheitsgesetze das Leben auch in diesem Land nicht sicherer machen.
    Wer an die Chance von „one world“ glaubt, darf die Globalisierung nicht verdammen, sondern muss sie mitgestalten. Konservativ sein heißt: Überzeugungen treu zu bleiben, statt Interessen zu wahren, auch wenn es persönlich etwas kostet.

    Sie nennen es flexibel. Das Leitbild der Zeit ist der Wendehals, der Pragmatiker. Es herrscht nicht das Gesetz der Moral, der Werte, der Fairness, der Anständigkeit, sondern das Gesetz der Wölfe. Egoismus scheint heute kein menschlicher Makel mehr zu sein, Ausbeutung anderer ein probates Mittel, Gier ein akzeptabler Charakterzug,
    Empathie für die Gestrandeten ein Zeichen für Schwäche oder Sozialkitsch und hohe Steuerzahlungen ein Indiz für Senilität.

    Sprechen wir roten Konservativen es also aus: Dieser Fortschritt ist nicht unser Fortschritt, es ist überhaupt keiner. Wo Fortschritt den einen nutzt und anderen schadet, müssen Regeln her, die nicht von denjenigen gemacht werden, die anschließend davon profitieren.

    Die über unsere Zukunft entscheiden, sind jung oder alt, Erben oder Waisen, Eltern oder kinderlos, hatten das Glück einer guten Ausbildung oder mussten mühsam nachholen, was ihnen die Jugend nicht gewährt hatte, sind Frauen oder Männer, Hausbesitzer oder Mieter, Selbstständige oder Angestellte, Millionäre oder ehemalige Hartz-IV-Empfänger. Alle haben sie eigene Interessen. Säßen diejenigen, die über die Zukunft all dieser Menschen entscheiden, hinter John Rawls’ „Schleier des Nichtwissens“ und wüssten sie nicht, welche Rolle der Zufall ihnen zuteilen wird, würden sie für Regeln stimmen, die Gerechtigkeit und ein menschenwürdiges Leben für alle versprechen.

    Auch wenn ein Sozialist das staubige Wort nie mochte: Es ist Zeit, zu überzeugenden Werten zu stehen. Die heute den Abbau des „Wohlfahrtsstaats“ fordern und fördern, die umverteilen im Namen eines pervertierten Leistungsgedankens, die vergessen, dass selbst Erhard sagte, nicht „Dogmen oder Gruppenstandpunkte“ seien für die Beurteilung von Wirtschaftspolitik entscheidend, sondern „der Mensch, der Verbraucher, das Volk. Eine Wirtschaftspolitik ist nur dann und nur so lange für gut zu erachten, als sie den Menschen schlechthin zum Nutzen und Segen gereicht.“

    Wenn der Teil des Volks wächst, der ohne oder gar mit Arbeit verarmt, erweisen sich die neoliberalen Dogmatiker als reaktionär und noch kurzsichtiger als Bismarck,
    der Marx’ Zukunftsszenario vereitelte, indem er die Massen am Wohlstand teilhaben ließ, statt sie auszuschließen.

    Das Unbehagen am ökonomischen Vulgärliberalismus wird bald wiederkehren. Das könnte die Stunde der roten Konservativen sein. Wessen Herz links schlägt, der ist heute zwar konservativ, doch eben kein Reaktionär. Die Linken haben lange genug ihre Wunden geleckt und geschwiegen. Es wird Zeit, dass sie sich wieder schamlos in politische Debatten einschalten, und sei es mit ihren alten, scheinbar gestrigen Idealen. Besetzen wir also mutig einen Begriff, den keiner mehr bewohnt. Seien wir standhaft und beharrend. Bekennen wir uns mutig zum Konservativ-Sein.
    Ich befürchte, ich bin tatsächlich konservativ geworden.
    Wer noch?


  • #2
    tl;dr.
    Kurzzusammenfassung?

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    • #3
      Zitat von Logan5 Beitrag anzeigen
      Ich befürchte, ich bin tatsächlich konservativ geworden.
      Wer noch?
      Ich nicht. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber irgendwann habe ich herausgefunden, daß ich liberal bin. Erschwerend für diese Selbsterkenntnis ist, daß der Liberalismus in der deutschen Politik nirgendwo abgebildet ist. Stattdessen betreibt eine "FDP" mit dem Wort Etikettenschwindel.

      Wenn sonst noch jemand unsicher ist: Wenn Du regelmäßig von Rechten als Linker und von Linken als Rechter bezeichnet wirst, dann könntest Du eventuell liberal sein.

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      • #4
        Das Problem an der Sache ist, dass die formals Konservativen und heute "der Zukunft Zugewandten" doch Etikettenschwindel betreiben. Die Neoliberalen, die Neokonservativen, die Bürgerlichen oder wie man sie auch nennen will, sie wollen doch keine Politik etablieren, wie es sie vorher noch nicht gab. Sie wollen zu Systemstrukturen zurück, die es vor der Demokratisierung gab. Sie wollen wieder zurück in den Feudalismus, komplett mit den Grundherren und den Leibeigenen. Natürlich nicht offen, vielleicht wollen sie es sich sogar selbst nicht eingestehen, aber in letzter Konsequenz läuft die gängige Denke doch genau darauf hinaus.

        Und wenn man mit "konservativ" schlicht die Absicht, bestimmte Werte zu bewahren verbindet, dann kann man ebenfalls Union, FDP und diverse andere Personengruppen in Politik und Medien dazuzählen, da sie die neoliberale Ideologie noch in der Krise, als sie von einigen Journalisten schon längst für tot erklärt wurde, verteidigten und letztendlich bewahrten.

        Ich verstehe mich jedenfalls nicht als "Konservativer". Ich will in letzter Konsequenz auch nichts bewahren. Ich wünsche mir und engagiere mich für eine Staatsform, die es tatsächlich so noch nicht gab: Den wirklich demokratischen Sozialismus. Ganz nach dem Motto: "Wahre Demokratie ohne Sozialismus ist unmöglich, und wahrer Sozialismus ohne Demokratie ist unmöglich."
        Zuletzt geändert von Kai "the spy"; 02.03.2010, 03:21.
        Waldorf: "Say, this Thread ain't half bad."
        Stalter: "Nope, it's all bad."

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        • #5
          Zitat von Kai "the spy" Beitrag anzeigen
          Ich verstehe mich jedenfalls nicht als "Konservativer". Ich will in letzter Konsequenz auch nichts bewahren. Ich wünsche mir und engagiere mich für eine Staatsform, die es tatsächlich so noch nicht gab: Den wirklich demokratischen Sozialismus. Ganz nach dem Motto: "Wahre Demokratie ohne Sozialismus ist unmöglich, und wahrer Sozialismus ohne Demokratie ist unmöglich."
          Im Sinne der zitierten Polemik bist du damit aber bereits ein ganzes Stück konservativ, weil dir Werte wichtig sind, die heutzutage offenbar nicht mehr ins Gewicht fallen. Ich meine, guck dir doch die Partei an, die sich den demokratischen Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hat. Gerade denen haben wir doch die Agenda 2010 zu verdanken und wenn das kein Gesamtpaket zum Abbau unseres Sozialstaates war - was denn dann?

          Wenn im "modernen Denken" nur noch Leistungsdruck und Gewinnmaximierung über alles gehen und es als veraltet gilt, sich gegen soziale Missstände zu erheben, muss alles, was sich dieser Modernität nicht unterordnet zwangsläufig "konservativ" sein. Für Werte irgendeiner Art einzutreten ist einfach nicht mehr "in".

          Natürlich ist das eine polemische Betrachtung und damit überspitzt formuliert. Für konservativ im herkömmlichen Sinne halte ich dann auch eher jene, die sich für so unglaublich fortschrittlich halten. Allerdings muss ich schon sagen, dass ich mich in vielen Punkten des geposteten Artikels wiederfinde.

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          • #6
            @Logan5

            Interessanter Artikel wie ich finde. Bei einigen Punkten stimme ich jedenfalls teilweise bis ganz zu, jedoch kann ich mich nur schwer bei einer der drei großen Richtungen Sozialismus, Konservatismus und Liberalismus einordnen, da bereits wie angesprochen die "großen" Volksparteien diese Ausdrücke verfälschen da sie sich brüsten sie wären der Inbegriff eines dieser drei Gruppierungen und in Wahrheit stehen sie nicht für ihre Ideale ein. da sie eher denn Modernismus der Maximierung von Kapital geht ohne Rücksicht auf Verluste. Ja Wertekonservatismus sucht man wohl in unserer Regierung vergebens, da ist wohl eher Strukturkonservatismus der richtige Ausdruck dafür, immerhin sind ja viele Herren und Damen nicht gerade für ihre Kritikfähigkeit bekannt . Da werden auch schon manchmal zweifelhafte Ansichten mit dem Messer verteidigt.

            Jedoch muss ich Kai "the spy" recht geben Demokratie kommt nicht ohne eine sozial(istische) Regierung aus. da sie sich auch an die Bedürfnisse von der breiten Masse widmet und für ein gutes Gleichgewicht und einer heterogen Verteilung von Volksvertretern appliert, ( irgenwie ist es ja schon erschreckend, das die meisten Spitztenpolitker eigentlich Rechtanwälte sind ).

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            • #7
              Zitat von Stormking Beitrag anzeigen
              Ich nicht. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber irgendwann habe ich herausgefunden, daß ich liberal bin. Erschwerend für diese Selbsterkenntnis ist, daß der Liberalismus in der deutschen Politik nirgendwo abgebildet ist. Stattdessen betreibt eine "FDP" mit dem Wort Etikettenschwindel.

              Wenn sonst noch jemand unsicher ist: Wenn Du regelmäßig von Rechten als Linker und von Linken als Rechter bezeichnet wirst, dann könntest Du eventuell liberal sein.


              Trotzdem ist "liberal" kein Gegenpol zu konservativ noch eine Position, die "konservativ" ausschließt. Das Problem ist dabei die deutsche Sprache und die Entwicklung derselben. Auch Liberale wollen ab und an mal bestimmte Zustände "erhalten" - vor allem, wenn sie 20 Jahre vorher hart für das Erreichen eines solchen Zustandes kämpfen mußten Die Ettikettierung vor allem politischer Begriffe sorgt da für gewaltig Raum für Fehlinterpretationen. Und wenn Betriebswirte seit Jahren im Namen des Wirtschaftsliberalismus die Predigt "vom Egoismus der Unternehmer und dem Markt" herunterleiern, dann ist das in der Grundbedeutung des Wortes "konservativ"

              Ein Grund, warum es so wenig "konservative" gibt, könnte auch sein: Die korrupten Regierungen aller politischen Farben haben mit ihrer schleichenden Einführung der Lobbykratie Deutschland so weit runtergewirtschaftet, daß es für die Masse der Bevölkerung nicht mehr erstrebenswert ist, diese Mißstände zu erhalten
              Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

              "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

              Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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              • #8
                Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
                Trotzdem ist "liberal" kein Gegenpol zu konservativ noch eine Position, die "konservativ" ausschließt. Das Problem ist dabei die deutsche Sprache und die Entwicklung derselben.
                Das siehst Du falsch. Mit Sprache hat das kaum etwas zu tun, sondern hauptsächlich mit dem eindimensionalen Links-Rechts-Schema, welches weder eine Unterscheidung zwischen linksautoritär und linksliberal noch zwischen rechtsautoritär und rechtsliberal (ja, das gibt's auch) zuläßt.

                Berücksichtigt man diese zusätzliche Dimension, dann merkt man schnell, daß die liberalen und autoritären "Geschmacksrichtungen" von links und rechts mitunter ebensoweit auseinanderliegen können wie links und rechts an sich.

                Kommentar


                • #9
                  Zitat von Stormking Beitrag anzeigen
                  Das siehst Du falsch. Mit Sprache hat das kaum etwas zu tun, sondern hauptsächlich mit dem eindimensionalen Links-Rechts-Schema, welches weder eine Unterscheidung zwischen linksautoritär und linksliberal noch zwischen rechtsautoritär und rechtsliberal (ja, das gibt's auch) zuläßt.

                  Berücksichtigt man diese zusätzliche Dimension, dann merkt man schnell, daß die liberalen und autoritären "Geschmacksrichtungen" von links und rechts mitunter ebensoweit auseinanderliegen können wie links und rechts an sich.
                  Und dieses Schema hat sich gar nicht erst über Sprache und ihre Entwicklung aufgebaut ? Das Rechts-Links-Schema kommt von der ursprünglichen Sitzordnung - aus "die sitzen links" "die sitzen rechts" "die sitzen noch weiter rechts" wurden vereinfacht links, rechts und rechtsextrem. Die Vereinfachung in der Sprache führt dann dazu, daß spätere Generationen den Begriff nur noch wie das Ettikett benutzen, zu dem der Begriff im lauf der Zeit "verkommen" ist. Das beste Beispiel dafür ist die politische Ettikettierung "nationalsozialistisch". Man findet heute immer noch nationalistische Programmpunkte in Parteiprogrammen (trotz oder wegen der EU sei mal dahingestellt), man findet sozialistische Parteien (im Ausland mit mehr Einfluß als in Deutschland, wo das gemäßigtere "sozial-demokratisch" sich durchgesetzt hat), aber niemand würde eine Partei, die hauptsächlich nationalistische und sozialistische Programmpunkte hat heute als "nationalsozialistisch" bezeichnen - weil diese Ettikettierung einhergeht mit der Vorstellung von Vernichtungslagern, in denen politische Gegner sowie religiöse als auch ethnische Minderheiten interniert werden. Historisch im Sprachgebrauch gewachsen, ergibt sich diese Konnotation überhaupt nicht aus nationalistischen oder sozialistischen Programmpunkten, sondern aus dem, was eine einzelne nationalsozialistische Partei angerichtet hat.

                  Sprachgebrauch und -entwicklung füllen Begriffe über die Zeit mit unterschiedlichen Inhalten. In unserer Zeit hat die immer oberflächlichere Berichterstattung der Massenmedien an der Entwicklung einen nicht unerheblichen Anteil. Die Möglichkeiten, Begriffe zu prägen, werden exzessiv genutzt (zB "Killerspiele"). "Links" wird dabei zu einem mehrere Parteien übergreifenden Gesamtettikett (die alle in der Oposition sind) und wenn sich die Regierung dabei als Lager der "bürgerlichen" (noch so ein Begriff ) Mitte präsentiert, müßte ja "rechts" davon noch jemand sitzen, oder ?

                  Du hast dich selbst über den Ettikettenschwindel der FDP aufgeregt - der ist halt nur möglich, weil seit Gründung der BRD die einzige "liberale" Partei, die auch zeitweise Einfluß auf die Geschicke der BRD hatte (und gerade mal wieder hat) eben die FDP ist. In den Köpfen der Masse der Bürger wird die FDP damit liberal (egal, was für einen Mist die unter diesem Label verzapfen) und "liberal" damit zu den Ansichten der FDP.

                  Wer sprachliche Begriffe und deren Inhalte verändern kann, wer unangenehme, komplexe Inhalte in einfache, nette Worte kleiden kann, hat eine gefährliche Waffe in der Hand. Und das wissen sehr viele Menschen seit "1984" ("Entsorgungsdeponie" kling ja auch angenehmer als "Müllhalde")
                  Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

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                  • #10
                    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
                    Und dieses Schema hat sich gar nicht erst über Sprache und ihre Entwicklung aufgebaut ? Das Rechts-Links-Schema kommt von der ursprünglichen Sitzordnung
                    Ach nein, wirklich?

                    Im Ernst, ich hatte auch mal Geschichtsunterricht.

                    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
                    aus "die sitzen links" "die sitzen rechts" "die sitzen noch weiter rechts" wurden vereinfacht links, rechts und rechtsextrem.
                    Bevor ich überhaupt weiterlese mal eine Zwischenfrage: Ist es Absicht, daß es bei Dir keine Linksextremen gibt?

                    Kommentar


                    • #11
                      Zitat von Stormking Beitrag anzeigen
                      Ach nein, wirklich?

                      Im Ernst, ich hatte auch mal Geschichtsunterricht.


                      Bevor ich überhaupt weiterlese mal eine Zwischenfrage: Ist es Absicht, daß es bei Dir keine Linksextremen gibt?
                      Nein, ist es nicht. Ich habe bei dem Beispiel die Mitte/das Zentrum ja auch weggelassen. Du hast jetzt aber nicht wirklich 19 Stunden Pause beim Lesen gemacht, um diese Antwort abzuwarten, oder ?
                      Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

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                      • #12
                        Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
                        Du hast jetzt aber nicht wirklich 19 Stunden Pause beim Lesen gemacht, um diese Antwort abzuwarten, oder ?
                        Nein, ich hatte gestern abend einfach keine Lust mehr und heute dachte ich mir, ich warte erstmal Deine Antwort ab.

                        Natürlich hat der Sprachgebrauch einen gewissen Einfluß und wenn man über x Jahrzehnte vom Liberalismus immer nur im Zusammenhang mit der FDP hört, dann besteht natürlich die Gefahr, daß man diese Partei tatsächlich für liberal hält bzw. sich unter "Liberalismus" die peinliche Klientelpolitik der FDP vorstellt.

                        Ich halte die Allgegenwärtigkeit des Links-Rechts-Schemas dennoch für den stärkeren Einfluß. Alle mir bekannten etwas komplexeren Systeme zur Einordnung von politischen Positionen kennen zumindest mal zwei Dimensionen. Auf einer Achse wird meist das Spannungsfeld Kollektiv <---> Individuum abgebildet, auf der anderen geht es um Freiheit vs. Ordnung/Sicherheit.

                        Und genau die letztere Dimension fällt beim Links-Rechts-Schema einfach weg. In Deutschland hält man "links" für freiheitlich und "rechts" für autoritär, weil die linken Parteien in der Tat ein kleines bißchen liberaler sind als die rechten. Aber erst im "politischen Kompaß" und ähnlichen mehrdimensionalen Systemen fällt auf, wie winzig dieser Unterschied ist und daß er sich meist nur auf vereinzelte gesellschaftliche Fragen bezieht. Dafür ist dann linke Wirtschaftspolitik wieder autoritär bis zum geht-nicht-mehr.

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                        • #13
                          Es fehlen für Modelle wie den politischen Kompass aber auch im Sprachgebrauch die vereinfachten Wörter für die jeweiligen Positionen. Auch darum bleibt das "Links-Rechts"-Modell einfach so allgegenwärtig - es ist einfacher und griffiger, egal wie falsch manche Ableitungen daraus dann sein mögen (Ich weiß, daß genau eine solche Verschlagwortung das Ende der Sinnhaftigkeit bei diesen fortschrittlicheren Modellen wäre, aber Otto-Normal-Wähler hat im Moment leider keinen Drall zu "differenzierter" Betrachtug ).

                          Aber wo wir bei den fortschrittlicheren Modellen und der differenzierten Sichtweise sind: Siehst du in deinem grundsätzlich liberal ausgerichteten, eigenen politischen Kompass nicht eine einzige Position, die man als konservativ (also status-quo-erhaltend) betrachten müßte? (Das war ja mal der ursprüngliche Aufhänger, vor dem Exkurs in differenzierte Sichtweise und Darstellung in Modellen und Sprache )
                          Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

                          "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

                          Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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                          • #14
                            Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
                            Aber wo wir bei den fortschrittlicheren Modellen und der differenzierten Sichtweise sind: Siehst du in deinem grundsätzlich liberal ausgerichteten, eigenen politischen Kompass nicht eine einzige Position, die man als konservativ (also status-quo-erhaltend) betrachten müßte?
                            Reden wir von Sachthemen oder Prinzipien? Denn in letzterem Fall will ich selbstverständlich jene liberalen Prinzipien erhalten, die sogar in Deutschland hoffähig (wenn auch durchaus noch ausbaufähig) sind.

                            Kommentar


                            • #15
                              Zitat von Stormking Beitrag anzeigen
                              Reden wir von Sachthemen oder Prinzipien? Denn in letzterem Fall will ich selbstverständlich jene liberalen Prinzipien erhalten, die sogar in Deutschland hoffähig (wenn auch durchaus noch ausbaufähig) sind.
                              Das reicht in der Grundbedeutung des Wortes, dich zum "Konservativen" zu machen Wahrscheinlich würde Dir bei genauem Nachdenken auch ein Sachthema einfallen, bei dem Du gegen Änderungen bist - und sei es nur, weil jede Änderung vielleicht nur eine Verschlimmbesserung wäre.

                              Der Punkt ist, das bei genauem Nachdenken nahezu jeder irgendeinen status quo erhalten will (meistens, weil er davon profitiert), was eine große Menge Menschen zu "Konservativen" macht. Nur hat sich die Sichtweise von "Konservativ" so weit ins Negative bewegt, das man es nicht zugibt/zugeben will

                              Abgesehen davon ist die im Artikel geforderte Einstellung in der Grundbedeutung des Wortes überhaupt nicht konservativ: Die Abkehr von allen im Moment eingeschlagenen Wegen und das Ändern der allgemeinen Haltung ist nicht konservativ, es erhält den status quo nicht. Die geschilderten Forderungen wären in aller Konsequenz gemessen am jetzigen Stand von Gesellschaft, Politik und Medienlandschaft revolutionär
                              Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

                              "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

                              Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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