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Marx' Überproduktionstheorie

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  • Marx' Überproduktionstheorie

    Derzeit beschäftige ich mich im Rahmen meines Studiums mit Karl Marx und seiner Kritik der politischen Ökonomie. Da bin ich allerdings auf etwas gestoßen, was mir ganz und gar nicht logisch erscheint. So heißt es in "Politische Theorie 2" von Christian Schwaabe:

    Die Steigerung der Produktivität (als Mittel der Produktion) und die Verwertung des Kapitals (als Zweck der Produktion) stehen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise in einem notwendigen Widerspruch zueinander. Gerade die Steigerung der Produktivität führt zu einer relativen Zunahme des konstanten gegenüber dem variablen Kapital. Folge ist das Absinken der Rate des Mehrwerts (der ja an der Arbeit hängt), also Absinken des Profits.
    (S. 86)

    Zur Erklärung:
    Konstantes Kapital = Kapital, das im Unternehmen angelegt und nicht vermehrt wird (der moderne BWLer würde wohl Fixkosten sagen)
    Variables Kapital = Lohnkosten für die Arbeiter

    Ich stelle mir das jetzt folgendermaßen vor: Man hat eine Fabrik, in der 20 Arbeiter an zehn Maschinen etwas produzieren. Das Verhältnis von konstantem zu variablem Kapital ist demnach 1:2.

    Die Produktivitätssteigerung führt nun dazu, dass dieselbe Menge Waren mit 15 statt mit 20 Arbeiter hergestellt werden kann. Das Verhältnis von konstantem zu variablem Kapital beträgt nun nur noch 1:1,5. Soweit erscheint das logisch.

    Aber wieso sinkt jetzt bitte der Profit? Die Produktivitätssteigerung sorgt ja dafür, dass mit dem kleineren Verhältnis immer noch genauso viel produziert werden kann wie mit dem größeren?

    Zuletzt geändert von SF-Junky; 02.01.2011, 17:36.
    Flassbeck Economics | Keynes-Gesellschaft | Steve Keen's Debtwatch

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  • #2
    Erstmal möchte ich dich auf einen Fehler aufmerksam machen, der mich ein bisschen verwirrt hat:

    Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
    Die Produktivitätssteigerung führt nun dazu, dass dieselbe Menge Waren mit 15 statt mit zehn Arbeiter hergestellt werden kann.
    Da müsste halt 20 stehen. Naja.

    Also das relative Zunhehmen des konstanten Kapitals ist klar, da im Verhältnis Fixkosten-Lohnkosten die Fiskosten relativ mehrwerden.
    Der Profit steigt aber logischerweise, da du die Lohnkosten einbehalten kannst. Natürlich müsstest du auch die Kosten für die Produktionszunahme zahlen, das wären unter anderem bessere Maschinen oder spezielle Ausbildung für die Arbeiter.
    Jedenfalls... der Profit kann nicht sinken.

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    • #3
      Wenn eine Firma 20 Arbeiter bezahlt, hat sie mehr Ausgaben als wenn sie nur 10 Arbeiter hat, die dieselbe Arbeit machen wie die 20 Arbeiter. Wenn natürlich mehr produziert wird, kann auch mehr eingenommen werden, müsste dann aber das doppelte sein und dürfte nicht den Laden hüten.

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      • #4
        Zitat von uriel_ventris Beitrag anzeigen
        Jedenfalls... der Profit kann nicht sinken.
        Ja, das denke ich mir auch, deswegen habe die das Thema ja erstellt. Marx behauptet aber nun, dass Produktivitätssteigerungen zu sinkenden Profiten führen. Wie der da drauf?
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        • #5
          Das wird an der Arbeitswerttheorie liegen. Fixkapital ist im Marxschen System "geronnene Arbeit" und nicht wie in der Neoklassik ein Produktionsfaktor, aus dem die Profitrate abgeleitet wird. Sprich, mehr Fixkapital bedeutet mehr Arbeitseinsatz, aber nicht in der jetzigen, sondern in anderen, früheren Zeitperioden. Rechnet man die Verzinsung hinzu, sind bei gleichbleibendem Output die Kosten für Arbeitseinsatz über alle Perioden gerechnet höher, wenn der Fixkapitaleinsatz höher ist.

          Das kann man auch mathematisch hinschreiben, aber das ist mir heut abend zu hoch

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          • #6
            Zitat von Chloe Beitrag anzeigen
            Das wird an der Arbeitswerttheorie liegen. Fixkapital ist im Marxschen System "geronnene Arbeit" und nicht wie in der Neoklassik ein Produktionsfaktor, aus dem die Profitrate abgeleitet wird. Sprich, mehr Fixkapital bedeutet mehr Arbeitseinsatz, aber nicht in der jetzigen, sondern in anderen, früheren Zeitperioden. Rechnet man die Verzinsung hinzu, sind bei gleichbleibendem Output die Kosten für Arbeitseinsatz über alle Perioden gerechnet höher, wenn der Fixkapitaleinsatz höher ist.
            Okay, wir kommen der Sache näher, aber so ganz verstehe ich es immer noch nicht. Wenn das Fixkapital im absoluten Wert gleich bleibt, bleibt doch auf die Verzinsung gleich. Die Zinsen steigen doch nicht, nur weil das Fixkapital relativ zum variablen Kapital steigt?

            Das erscheint mir alles ziemlich verquast zu sein, was der Marx da schreibt.

            Das kann man auch mathematisch hinschreiben, aber das ist mir heut abend zu hoch
            Das liegt aber hoffentlich nicht noch an der Sylvesterparty?
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            • #7
              Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
              Okay, wir kommen der Sache näher, aber so ganz verstehe ich es immer noch nicht. Wenn das Fixkapital im absoluten Wert gleich bleibt, bleibt doch auf die Verzinsung gleich. Die Zinsen steigen doch nicht, nur weil das Fixkapital relativ zum variablen Kapital steigt?
              Nein, ich meine so: Wenn man zwei Produktionsmethoden vergleicht, die eine arbeitet nur mit Arbeit in Periode T und setzt 40 Einheiten Arbeit (AE) ein, und die andere arbeitet mit Arbeit in Periode T und Kapitalgütern, die in Periode T-1, T-2 und T-3 erzeugt wurden zu je 10 Einheiten, dann heißt das: Methode 1 kostet 40 AE, Methode 2 kostet aber 10 AE + 10 AE*(1+i) + 10 AE*(1+i)^2 + 10 AE*(1+i)^3. Also bringt beim gleichen Output Methode 2 weniger Mehrwert, solange der Zinssatz positiv ist.

              Das erscheint mir alles ziemlich verquast zu sein, was der Marx da schreibt.
              Das ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich die Vorlesung marxistische Wirtschaftstheorie gehört habe - er hat Fehler drin, aber das hier war nach meiner Erinnerung keiner.

              Das liegt aber hoffentlich nicht noch an der Sylvesterparty?
              Nein ... ich müsste im Keller noch einen Ordner mit den Unterlagen haben. Aber das muss ich erstmal suchen.

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              • #8
                Zitat von Chloe Beitrag anzeigen
                Nein, ich meine so: Wenn man zwei Produktionsmethoden vergleicht, die eine arbeitet nur mit Arbeit in Periode T und setzt 40 Einheiten Arbeit (AE) ein, und die andere arbeitet mit Arbeit in Periode T und Kapitalgütern, die in Periode T-1, T-2 und T-3 erzeugt wurden zu je 10 Einheiten, dann heißt das: Methode 1 kostet 40 AE, Methode 2 kostet aber 10 AE + 10 AE*(1+i) + 10 AE*(1+i)^2 + 10 AE*(1+i)^3. Also bringt beim gleichen Output Methode 2 weniger Mehrwert, solange der Zinssatz positiv ist.
                Ah ja, jetzt glaube ich habe ich es verstanden. D.h. ich darf mir das Fixkapital nicht wie in meinem Beispiel oben nur so vorstellen, dass da einmalig Maschinen angeschafft werden, sondern dass das Fixkapital in jeder Periode neu beschafft werden muss.

                Nein ... ich müsste im Keller noch einen Ordner mit den Unterlagen haben. Aber das muss ich erstmal suchen.
                Ach, sooo wichtig ist das jetzt auch nicht. Das ist letztlich nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Ich darf da zusammen mit einer Kollegin eine Sitzung Politische Theorie über Marx' Gesellschaftsanalyse leiten und tüftel da im Moment am Handout rum. Deswegen reicht es auch, wenn ich das ganz grob verstanden habe. Im Zweifelsfall frage ich einfach den Dozenten nochmal.
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                • #9
                  Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
                  Ah ja, jetzt glaube ich habe ich es verstanden. D.h. ich darf mir das Fixkapital nicht wie in meinem Beispiel oben nur so vorstellen, dass da einmalig Maschinen angeschafft werden, sondern dass das Fixkapital in jeder Periode neu beschafft werden muss.
                  Nein, du darfst dir das Fixkapital nicht als Fixkapital und vor allem nicht als Produktionsfaktor vorstellen, sondern als geronnene oder "vorgetane" Arbeit. Das Fixkapital verkörpert die in früheren Perioden geleistete Arbeit und es ist das wert, was in früheren Perioden an Arbeit in seine Herstellung hineingesteckt wurde (plus Verzinsung) - deswegen heißt die ganze Angelegenheit Arbeitswerttheorie.

                  Kapitalgüter sind in der marxistischen Theorie kein Produktionsfaktor (Kapitalgüter sind überhaupt nur in der neoklassischen Theorie ein Produktionsfaktor). Der einzige produktive Faktor in der marxistischen Theorie ist die Arbeitskraft. Sämtlicher Wert wird durch Arbeitskraft geschaffen und durch sie erklärt. Eine "Grenzproduktivität des Kapitals", die die Profitrate erklärt (Marxisten würden sagen "rechtfertigt"), gibt es nicht, weil Kapital eben nicht produktiv, kein Produktionsfaktor ist. Profit ist bei Marx tatsächlich Gewinn des Kapitalisten. Du siehst sicher, warum das sofort ideologisch wird.

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                  • #10
                    Zitat von Chloe Beitrag anzeigen
                    Nein, du darfst dir das Fixkapital nicht als Fixkapital und vor allem nicht als Produktionsfaktor vorstellen, sondern als geronnene oder "vorgetane" Arbeit. Das Fixkapital verkörpert die in früheren Perioden geleistete Arbeit und es ist das wert, was in früheren Perioden an Arbeit in seine Herstellung hineingesteckt wurde (plus Verzinsung) - deswegen heißt die ganze Angelegenheit Arbeitswerttheorie.
                    Ich glaube, jetzt habe die Logik dahinter jetzt verstanden, wenngleich es mir immer noch nicht sonderlich "realitätsnah" klingt. Aber das meinst du wohl mit ideologisch.

                    Jedenfalls danke für die Erklärung.
                    Flassbeck Economics | Keynes-Gesellschaft | Steve Keen's Debtwatch

                    "It is better to die for an idea that will live, than to live for an idea that will die." - Steve Biko

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                    • #11
                      Dann spuckt die Maschine nach Marx quasi die Arbeit die in sie bei der Herstellung gesteckt wurde immer wieder aus? Und wenn ich sie aus Langeweile nur halb so lang wie geplant laufen lasse, entspricht sie nur noch dem halben Arbeitswert (ohne Zinseffekte)?

                      k...

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                      • #12
                        Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
                        Ich glaube, jetzt habe die Logik dahinter jetzt verstanden, wenngleich es mir immer noch nicht sonderlich "realitätsnah" klingt. Aber das meinst du wohl mit ideologisch.
                        Inwiefern "nicht realitätsnah"?

                        Wegen ideologisch: Wenn es nur einen Faktor gibt, der produktiv ist, nämlich Arbeit, folgt daraus natürlich sofort, jedes Einkommen, das nicht aus Arbeit stammt, ist "unverdient". Deswegen kriegen diverse Marxisten auch die Krise, wenn es in der ökonomischen Theorie um natürliche Ressourcen als produktiven Faktor geht.

                        Zitat von dasdas Beitrag anzeigen
                        Dann spuckt die Maschine nach Marx quasi die Arbeit die in sie bei der Herstellung gesteckt wurde immer wieder aus? Und wenn ich sie aus Langeweile nur halb so lang wie geplant laufen lasse, entspricht sie nur noch dem halben Arbeitswert (ohne Zinseffekte)?
                        Nein, die Maschine ist natürlich immer noch dasselbe wert. Du redest jetzt von den Produkten, deren Wert natürlich auch durch Arbeitswerte erklärt wird. Wenn nur die Hälfte produziert wird, macht der Kapitalist eben auch nur halb soviel Profit, deswegen wird er nicht aus reiner Langeweile nur die Hälfte produzieren.

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                        • #13
                          Aber wenn ich eine Maschine herstelle, dann doch vorallem um mir Arbeit zu ersparen. Das heißt ich stecke 10 Stunden Arbeit zur Herstellung rein, damit diese Produkte verarbeitet für die ich 100 Stunden arbeiten müsste.
                          Wenn die Produktivität steigt, dann verarbeitet die Maschine vllt im Wert von 150 Stunden. Durch die Produktivitätssteigerung ist das Verhältnis von zugeführter Arbeit zu gewonnener Arbeit doch gestiegen, und damit auch der Profit? Oder wo liegt mein Missverständniss?

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                          • #14
                            Aus herkömmlicher bzw. gegenwärtiger ökonomischer Sicht unterliegst du keinem Missverständnis. Denn du sprichst von "Wert", und meinst damit den Wert im Hinblick auf das, was das Produkt am Markt als Preis erzielt (vermute ich).

                            Ich glaub, ich muss mal etwas weiter ausholen, um das verständlich zu machen. Die Arbeitswerttheorie hat ja nicht Marx erfunden. Die geht zurück bis auf Adam Smith. Eine der zentralen Fragen in der ökonomischen Theorie war von Anfang an, wodurch eigentlich der Wert einer Ware entsteht. Die Arbeitswerttheorie, dass also die für die Herstellung der Ware notwendige Arbeit den Wert dieser Ware bestimmt, war die erste ernstzunehmende Werttheorie.

                            Was neu war bei Marx war die Mehrwerttheorie, d.h. die Argumentation, dass jeder Preis, der den (Arbeits-)Wert der Ware übersteigt, ein Mehrwert und damit der Profit des Kapitalisten ist.

                            Wenn du jetzt argumentierst, dass durch die Maschine Waren im Wert von mehr Arbeitseinheiten produziert werden können, ist dies bereits außerhalb der Arbeitswertlehre argumentiert. Der Wert bestimmt sich aus den investierten Arbeitseinheiten, d.h. es kann nicht etwas produziert werden, was mehr "wert" ist als die Arbeit, die hineingesteckt worden ist. Wovon du redest (nehme ich mal an), ist der erzielbare Preis. Dass der Wert durch den Preis determiniert wird (und nicht umgekehrt), ist aber eine neoklassische Vorstellung, keine der klassischen Politischen Ökonomie.

                            Die Differenz zwischen Preis und Arbeitswert (von der Verzinsung mal abstrahiert) ist der Profit. Wenn der Profit durch die Mechanisierung steigt, kann das nur sein, weil die Ware über ihrem Wert (über dem Arbeitswert) verkauft werden kann. Das ist unter heutigen Verhältnissen auch durchaus vorstellbar. Die Arbeitswerttheorien sind aber im 19. Jahrhundert entstanden, wo es noch keine Marktmacht der Anbieter auf den Gütermärkten gab bzw. die ersten Großanlagen erst im Entstehen waren, und jeder Preisanstieg sofort herunterkonkurriert worden ist. Marx geht in seinem Werk ja auch darauf ein, dass die "Konzentration und Zentralisation des Kapitals" einer der treibenden Faktoren ist, durch den die Profitrate hochgetrieben wird.

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                            • #15
                              Zitat von Chloe Beitrag anzeigen
                              Inwiefern "nicht realitätsnah"?
                              Ich habe bei dem ganzen einfach ständig die Begriffe der fixen und variablen Kosten vor Augen, die ich aus dem BWR-Schulunterricht kenne, obwohl das ja nun, wenn ich es richtig verstanden habe, nicht dasselbe ist. Mir ist diese Denke, dass nur Arbeit ein Produktionsfaktor ist, echt suspekt. Ich habe immer noch so meine Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass da etwas vor dem eigentlichen Produktionszeitraum erstellt worden ist. Für mich geht es bei T los. T minus 3 ist für mich ein Zeitraum vor bestehen des Unternehmens (der Fabrik).

                              Vielleicht bringe ich mal wieder VWL und BWL durcheinander?
                              Flassbeck Economics | Keynes-Gesellschaft | Steve Keen's Debtwatch

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