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Warum wird so wenig über Arbeitszeitverkürzung gesprochen?

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    Warum wird so wenig über Arbeitszeitverkürzung gesprochen?

    Derzeit sind nach offizieller Statistik 3,5 Millionen Menschen als Arbeitslos gemeldet. Mindestens 1,5 Millionen weitere sind ebenfalls arbeitslos, aber nicht in von der Arbeitslosenstatistik erfasst (Stille Reserve, 58er-Regelung usw.). Aufgrund der Wirtschaftskrise wird die Arbeitslosenzahl in den nächsten Monaten weiter steigen. Ungefähr 5-6 Millionen Menschen befinden sich zudem in prekären Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit, befristeten Beschäftigungsverhältnissen und unfreiwilliger Teilzeitarbeit.
    Rechnet man diese Zahlen zusammen, leben etwa ein Viertel der Arbeitnehmer und potentiellen Arbeitnehmer am Rande der Gesellschaft mit Folgeproblemen wie Armut, Stigmatisierung, sozialer Isolation usw. Berücksichtigt man auch noch die Kinder dieser Menschen, wird die Dimension dieses Problems erst so richtig deutlich.
    Gleichzeitig wird der Druck auf die in regulären Beschäftigungsverhältnissen verbliebenen Beschäftigten massiv erhöht (unbezahlte Überstunden, Bespitzelung, Mobbing usw.).

    Wenn in der Öffentlichkeit versucht wird, Arbeitslosigkeit zu erklären, wird das folgende Erklärungsmuster bemüht: Grundsätzlich gibt es genügend Arbeitsplätze, aber die Arbeitslosen sind halt zu wenig qualifiziert, zu blöd um sich zu bewerben, unflexibel und so weiter. Und manchmal ist auch noch von einem Vermittlungsproblem die Rede, d.h. Anbietern und Nachfragern von Arbeitskraft fällt es schwer, einander zu identifizieren. Die Ansätze zur Verringerung von Arbeitslosigkeit zielen dann dementsprechend auch darauf ab, den Druck auf die Arbeitslosen zu erhöhen und die Bundesanstalt für Arbeit abzuschaffen (FDP).

    Leider wird dabei in der Regel ein sehr wichtiges Problem übersehen: Seit mehreren Jahrzehnten steht eine große Anzahl von Anbietern von Arbeitskraft (Arbeitnehmer) einer relativ kleinen Zahl von Nachfragern (Arbeitgeber) gegenüber. Es gibt also einen Angebotsüberhang. Das ist so offensichtlich, dass es ziemlich verwundert, warum dieses Argument in der öffentlichen Diskussion kaum genannt wird. Das bedeutet letztlich, man kann sich noch sehr sehr anstrengen, weiterbilden und flexibilisieren – die freien Arbeitsplätze sind begrenzt und so bleiben immer ein paar (Millionen) Dumme übrig, die am Ende leer ausgehen.

    Diese Einsicht führt auch zu einem ganz anderen Instrument zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit: die Arbeitszeitverkürzung, zum Beispiel die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden. Wenn 30 Millionen Erwerbstätige ihre Arbeitszeit um 5 Stunden pro Woche (von 40h auf 35h) reduzieren, entsteht theoretisch eine zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskräften in Höhe von etwa 4 Millionen. In der Realität dürften es nicht ganz so viele sein, aber es dürfte deutlich werden, dass man bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit ein beträchtliches Stück weiter wäre.
    Anstatt die Arbeitszeit zu verkürzen, wurde sie in den letzten Jahren sogar noch verlängert z.B. die Wochenarbeitszeit in Teilen des öffentlichen Dienstes, Zunahme unbezahlter Überstunden, Rente mit 67. Ganz schön paradox.

    Das größte Hindernis auf dem Weg zur Durchsetzung einer solchen Arbeitszeitverkürzung dürften die verbliebenen Normalarbeitnehmer sein, weil diese natürlich zunächst Gehaltseinbußen hinnehmen müssten. Tatsächlich aber bedeutet eine Arbeitszeitverkürzung eine Verbesserung der Lebensqualität für alle Menschen:
    - Für die bisher Arbeitslosen bedeutet dies eine deutliche Verbesserung ihrer Lebenssituation und ihres pychischen Wohlbefindens (das Gefühl, wieder gebraucht zu werden).
    - Die bisherigen 40h-Arbeitnehmer hätten einen Gewinn an Freizeit und Arbeitsplatzsicherheit (da es leichter wäre, im Falle eines Jobverlustes eine neue Stelle zu bekommen). Zusätzlich lassen sich höhere Lohn- und Gehaltsforderungen durchsetzen, da bei einer Arbeitszeitverkürzung die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt und damit auch der der Wert von Arbeit. Weiterhin können im Durchschnitt kürzere Arbeitswege realisiert werden, da man dann auch leichter am Wohnort einen Arbeitsplatz finden kann.
    - Auch für die Arbeitnehmer kann eine Arbeitsverkürzung einen Gewinn bedeuten, denn die Arbeitskräfte sind ausgeruhter und haben mehr Zeit, um sich in ihrer Freizeit weiterzubilden. Aus Sicht der Arbeitgeber nachteilig ist allerdings, dass Anreize geschaffen werden müssen, um die Beschäftigten im Betrieb zu halten, denn die Arbeitnehmer befänden sich dann in einer sehr viel stärkeren Position.
    - Für den Staat bedeutet eine Arbeitszeitverkürzung und eine deutliche Verringerung der Arbeitslosigkeit eine Entlastung der Sozialversicherungssysteme und eine Erhöhung der Einnahmen. Die gewonnenen Mittel können dann anderweitig gewinnbringend eingesetzt werden oder in Form von Entlastungen an die Bürger und Arbeiter weitergegeben werden. Zusätzlich würde die Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer überwunden, was der Demokratie sicher gut tun würde.

    Aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht zu einer Verringerung des Lebensstandards für die breite Masse der Bevölkerung führt, wie man vielleicht befürchten könnte. Das ist historisch auch gar nicht belegbar, denn zu Zeiten der 100-Stunden-Woche ging es der Bevölkerung ja auch nicht unbedingt besser als heute, um es vorsichtig auszudrücken. Die 40-Stunden-Woche ist einfach nicht mehr zeitgemäß, genauso wie die 100-Stunden-Woche in den 1960er Jahren nicht mehr zeitgemäß war. Man muss sich nur vergegenwärtigen, welchen Fortschritt es in den letzten 100 Jahren gegeben hat. Mussten früher 80% der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt werden, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, reichen heute 2% aus und Deutschland kann immer noch eine Menge Lebensmittel exportieren. Ähnliches lässt sich auch in anderen Wirtschaftsbereichen beobachten zum Beispiel in der Finanzbuchhaltung, wo Buchungssoftware viele kaufmännische Gehilfen verdrängt hat.

    Was spricht denn überhaupt noch gegen eine Verkürzung der Arbeitszeit?
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    #2
    Das Manko ist ganz einfach das, dass die Vollbeschäftigung überhaupt nicht gewollt wird. Wie du sagst, im Moment haben wir erschreckend viele Arbeitslose, Teilzeitler und Leiharbeiter und sind folglich weit von der Vollbeschäftigung entfernt. Sollten nun irgendwo her 4 Mio. Arbeitplätze kommen (schade, dass sich SPD-Steinmeier dahingehend nicht in der Realität bestätigen muss ), wäre das natürlich toll. Aber in dem Fall würde man eben auf der anderen Seite reagieren: Man würde wieder Massenzuwanderungen zulassen, vielleicht wie einst unter dem Vorwand, die Deutschen wären nicht qualifiziert genug, also müssten "Fachkräfte" ins Land geholt werden. Tatsächlich geht es aber nur darum, dass die Vollbeschäftigung im Grunde gar nicht gewollt wird. Vollbeschäftigung bedeutet, dass die Arbeitnehmer in grandiosen Positionen wären, Gehaltsforderungen und Anderweitiges zu stellen. Das aber wollen die Arbeitgeber nicht. Deshalb braucht es immer mindestens 4 Mio. Arbeitslose (+- 2 Mio.), um die Arbeitnehmer unten zu halten. Sobald wir uns der Vollbeschäftigung nähern würden, würde man reagieren: Zuwanderung - was wiederum bedeutet, dass die Arbeitslosen in ihrer Zahl ungefähr gleich blieben.

    Würde man bestehende Arbeitsverhältnisse an Stunden kürzen, wäre vielleicht über den Zeitraum eines Jahres etlichen Menschen geholfen, doch sobald sich die Arbeitslosenquote gefährlich der NULL nähert, ließe man einfach wieder massenhaft "Fachkräfte" einfliegen, und ein Jahr später wäre die Situation ähnlich schlecht wie zuvor. Was könnte man dann machen? Die Arbeitszeiten noch einmal kürzen und das Spiel wiederholen?

    Zitat von Largo Beitrag anzeigen
    - Für den Staat bedeutet eine Arbeitszeitverkürzung und eine deutliche Verringerung der Arbeitslosigkeit eine Entlastung der Sozialversicherungssysteme und eine Erhöhung der Einnahmen. Die gewonnenen Mittel können dann anderweitig gewinnbringend eingesetzt werden oder in Form von Entlastungen an die Bürger und Arbeiter weitergegeben werden.
    (Hervorhebung durch mich)
    Das ist halt leider nur das halbe Spektrum, wenn überhaupt. Zusätzliche Arbeitskräfte in einem Betrieb bedeutet auch mehr Verwaltungsaufwand, sprich mehr Betriebsausgaben. Um diese zusätzlichen Ausgaben aufzufangen und trotzdem international konkurrenzfähig zu bleiben (sprich die Verkaufspreise nicht unsachgemäß zu erhöhen), müssten die Gewinne gedrosselt werden. Von den Gewinnen werden jedoch die Steuern bezahlt. Weniger Gewinn in den Betrieben bedeutet weniger Steuerpflicht bedeutet weniger Staatseinnahmen.

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      #3
      Ein Ausbau von Teilzeitbeschäftigungen wird öfters mal diskutiert, insbesondere von Frauen und beim Thema Vereinbarung von Beruf und Familie.

      Unter Schröder gab es auch einmal die Idee Teilzeitarbeit nach dem Vorbild der Niederlande auszubauen. Das verlief aber irgendwie im Sand. Als Problem hat sich in der Niederlande hier allerdings die Rentenvorsorge herauskristallisiert.

      Insgesamt ergibt sich jedoch die Bedingung, dass eine Arbeitszeitverkürzung für den Arbeitgeber auch Sinn machen muss. D.h. es muss durch Produktivitätssteigerungen gerechtfertigt werden und/oder müssen Gehaltseinbußen geschluckt werden.

      Es ist aber sicher ein Mittel, das man nicht ausschließen sollte. da in der Vergangenheit die BIP Wachstumsrate immer kleiner war als die Produktivitätssteigerung kam es früher eigentlich immer wieder zu Arbeitszeitverkürzungen, weswegen es auch nicht zu den düster prophezeiten Totalausfällen durch technischen Fortschritt kam.

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        #4
        Es spricht wohl dagegen das wenn weniger Stunden in der Woche gearbeitet wird, wird auch weniger verdient .

        Ich würde Leiharbeiter aber nicht wirklich mit den Arbeitslosen oder geringverdienern Gleichsetzten. Ein Leiharbeiter Verdient im Regelfall 10€+ (bei uns zumindest) und hat mindestens ne 35Stunden Woche. Der hat am Ende mehr Geld als eine Festangestellete Arzthelferin! Deren Lage ist allerding wirklich nicht gut und man sollte vermeiden darein zu kommen. Aber dank des Kündigungsschutzes ist Leiharbeit die einzigste Weg wie Firmen noch die nötige Flexibelität behalten können und so haben Leute mit einer Schlechten Ausbildung/Qualifikation heute kaum eine Chance was anderes zu bekommen.

        Ich stell mir eine z.B 37 oder 35 Stunden Woche in der Industrie recht schwer vor. Wie soll man so ne Anständige 3 Schicht aufbauen können. Immer 7 Stunden Schichten?? Da wirst ja bescheuert bei wenn immer um ne andere Zeit anfangen mußt

        Weniger Arbeiten hört sich toll an. Aber weniger Verdinen hört sich scheiße an und schadet am Ende der eigenen Wirtschaft. Wenn man die Löhne erhöt und das Gehlt gleich bleiben würde so das am Ende alle das Gleiche haben, würden auch die Produkte teuerer werden und am ende ist es wie eine Gehaltssenkung aufgrund der Starken Inflation.

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          #5
          über kurz oder lang muss man darüber nachdenken. Die Arbeitsproduktivität und die Automatisierungsraten sorgen dafür, das die gleiche Arbeit mit immer weniger Arbeitsstunden der Arbeitnehmer erledigt werden kann. Die Produktivität ist z.B. von 1995 bis 2005 um 15% gestiegen. D.h. die Arbeit für die man 1995 40 Stunden benötigt hat wird heute in nur 34 Stunden erledigt. Das wird in den nächsten Jahrzehnten auch so weiter laufen. Über kurz oder lang werden so immer weniger Arbeitskräfte benötigt.
          Eine Senkung der Arbeitszeit auf einen Schlag ist sicher die falsche Methode. Man könnte aber z.B. die Hälfte der Produktivitätssteigerung, das sind dann 3h in 10 Jahren, an die Arbeiter weitergeben. Oder gleich volle Flexibilität, der Arbeiter kann sich aussuchen ob der seine gesteigerte Produktivität auf den Lohn aufschlagen lässt oder ob er entsprechend weniger arbeitet.

          Die Grafik ist dazu ganz interessant, man kann die Linien ja mal in die Zukunft verlängern, dann sieht man wohin die Reise geht.
          "Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht ist zu Recht ein Sklave"
          (Aristoteles 384 v.Chr. - 322 v.Chr.)

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            #6
            Zitat von Sinclair_ Beitrag anzeigen
            Tatsächlich geht es aber nur darum, dass die Vollbeschäftigung im Grunde gar nicht gewollt wird. Vollbeschäftigung bedeutet, dass die Arbeitnehmer in grandiosen Positionen wären, Gehaltsforderungen und Anderweitiges zu stellen. Das aber wollen die Arbeitgeber nicht. Deshalb braucht es immer mindestens 4 Mio. Arbeitslose (+- 2 Mio.), um die Arbeitnehmer unten zu halten.
            Damit hast Du die Pointe bereits vorweggenommen. Vollbeschäftigung ist tatsächlich nicht erwünscht und deshalb wird ein inhaltlich völlig gerechtfertigter Vorschlag wie die der Arbeitszeitverkürzung von der herrschenden Klasse natürlich massiv bekämpft. Obwohl sich eigentlich alle im Klaren darüber sind, dass es auf dem Arbeitsmarkt einen überdeutlichen Angebotsüberhang gibt, wird so getan, als ob die Arbeitslosen selbst schuld seien und man ruft ihnen auch noch zu: "Strengt euch doch gefälligst mehr an". Ein Gesellschaftssystem, wo mit Menschen derart umgegangen wird, muss überwunden werden.

            Zitat von Sinclair_ Beitrag anzeigen
            Zusätzliche Arbeitskräfte in einem Betrieb bedeutet auch mehr Verwaltungsaufwand, sprich mehr Betriebsausgaben. Um diese zusätzlichen Ausgaben aufzufangen und trotzdem international konkurrenzfähig zu bleiben (sprich die Verkaufspreise nicht unsachgemäß zu erhöhen), müssten die Gewinne gedrosselt werden. Von den Gewinnen werden jedoch die Steuern bezahlt. Weniger Gewinn in den Betrieben bedeutet weniger Steuerpflicht bedeutet weniger Staatseinnahmen.
            Wieso sollen die Unternehmen denn weniger Gewinn machen? Eigentlich ist es doch egal, ob die Unternehmen 100 Beschäftigte á 3.000,- Euro haben oder 110 Beschäftigte á 2.700,- Euro. Ich schlage ja ganz bewusst eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich vor.
            Aber selbst wenn die Unternehmen weniger Gewinn machen, rechne ich nicht mit geringeren Staatseinnahmen. Wenn der Unternehmer weniger Geld verdient, wird er ja nicht seinen Lebensstandard reduzieren und sich keinen Mercedes mehr kaufen. Er wird dann wahrscheinlich nur weniger sparen.

            Zitat von Nelsen Beitrag anzeigen
            Es spricht wohl dagegen das wenn weniger Stunden in der Woche gearbeitet wird, wird auch weniger verdient .
            Nicht unbedingt. Durch eine Arbeitszeitverkürzung wird Arbeit knapp und deshalb wird die Wertschätzung von Arbeit steigen. Die Arbeitnehmer befänden sich dann in einer günstigeren Position, um höhere Löhne und Gehälter zu fordern.
            Zweitens führt Vollbeschäftigung zu einer massiven Reduktion der Staatsausgaben für die Folgen von Arbeitslosigkeit. Das bedeutet, der Staat muss weniger Geld für die Arbeitslosen bezahlen, weil es ja dann viel weniger Arbeitslose geben würde. Der Staat könnte die eingesparten Mittel dann z.B. in Form von Steuerentlastungen an die Arbeitnehmer weitergeben.
            Schließlich bedeutet eine Verringerung von Arbeitszeit auch einen Gewinn an Lebensqualität, da man mehr Freizeit hat und nicht mehr so weit zum Arbeitsplatz fahren müsste.

            Zitat von Nelsen Beitrag anzeigen
            Aber dank des Kündigungsschutzes ist Leiharbeit die einzigste Weg wie Firmen noch die nötige Flexibelität behalten können und so haben Leute mit einer Schlechten Ausbildung/Qualifikation heute kaum eine Chance was anderes zu bekommen.
            Der einzige Weg? Hallo? Was ist mit befristeten Arbeitsverträgen, Kurzarbeit oder 400,- Euro-Jobs?

            Zitat von Nelsen Beitrag anzeigen
            Ich stell mir eine z.B 37 oder 35 Stunden Woche in der Industrie recht schwer vor. Wie soll man so ne Anständige 3 Schicht aufbauen können. Immer 7 Stunden Schichten?? Da wirst ja bescheuert bei wenn immer um ne andere Zeit anfangen mußt
            Naja, bei VW gibt es eine 28,8-Stunden-Woche, die in den 90er Jahren Massenentlassungen verhindert hat. In anderen Branchen der Industrie gibt es heute schon eine 35-Stunden-Woche. Ich bin mir daher sicher, dass die Industrie in der Lage sein wird, ihre Arbeitsorganisation einer veränderten Wochenarbeitszeit anzupassen.

            Zitat von Nelsen Beitrag anzeigen
            Wenn man die Löhne erhöt und das Gehlt gleich bleiben würde so das am Ende alle das Gleiche haben, würden auch die Produkte teuerer werden und am ende ist es wie eine Gehaltssenkung aufgrund der Starken Inflation.
            Verstehe ich das richtig, dass Du aus Angst vor Inflation gegen Lohn- und Gehaltserhöhungen bist?
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              #7
              Zitat von Largo Beitrag anzeigen
              Wieso sollen die Unternehmen denn weniger Gewinn machen? Eigentlich ist es doch egal, ob die Unternehmen 100 Beschäftigte á 3.000,- Euro haben oder 110 Beschäftigte á 2.700,- Euro. Ich schlage ja ganz bewusst eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich vor.
              Die Rechnung geht so leider nicht auf. Ein konstant bleibendes Arbeitspensum auf mehr Leute aufzuteilen und die Löhne entsprechend anzugleichen, funktioniert nicht so einfach. Auf jeden einzelnen Mitarbeiter eines Betriebs fällt ein nicht zu verachtender Verwaltungsaufwand, den vorwiegend das Lohnbüro leisten muss. Wechsel der Krankenversicherungen, fortlaufende Datenpflege, Kontoveränderungen, Familienstandveränderungen => angeglichene Sozialabgaben, Vorauszahlunen (Vorschuss), Firmenkredite...
              Das heißt für gleichbleibende Arbeit mehr Mitarbeiter einzustellen, bedeutet NOCH EIN PAAR Mitarbeiter mehr einzustellen, um den Verwaltungsapparat zu bewerkstelligen. Die vorhandenen Lohnzahlungen müssten also ungleich MEHR gekürzt werden, um das vorhandene Betriebsniveau aufrecht zu erhalten.

              Zitat von Largo
              Aber selbst wenn die Unternehmen weniger Gewinn machen, rechne ich nicht mit geringeren Staatseinnahmen. Wenn der Unternehmer weniger Geld verdient, wird er ja nicht seinen Lebensstandard reduzieren und sich keinen Mercedes mehr kaufen. Er wird dann wahrscheinlich nur weniger sparen.
              Das Steueraufkommen errechnet sich aber nunmal vom Jahresgewinn des Unternehmens. Diesen Jahresgewinn verdient keineswegs der Firmenchef, sondern seine Firma. Mit dem Lebensstandard des Unternehmers hat das rein gar nichts zu tun.

              Und warum soll es gut sein, wenn weniger gespart wird? Eine Firma braucht Rücklagen, um kaputte Maschinen sofort ersetzen und technologisch am Ball bleiben zu können, um den Marktanschluss nicht zu verlieren. All das wäre tödlich für eine Firma. Deshalb sind Rücklagen unumgänglich. Wenn für eine neue Maschine erstmal ein Jahr gespart werden müsste, bevor sie zumEinsatz kommt, ist der Zug bereits abgefahren. Ein Firmenchef, der nicht spart bzw. Rücklagen ansammelt, ist entweder ein Trottel oder er hat sowieso vor, seine Firma an die Wand zu fahren.

              Zitat von Largo
              Durch eine Arbeitszeitverkürzung wird Arbeit knapp und deshalb wird die Wertschätzung von Arbeit steigen. Die Arbeitnehmer befänden sich dann in einer günstigeren Position, um höhere Löhne und Gehälter zu fordern.
              Ja, aber dann hieß es wieder, Deutschland brauche "Facharbeiter", und schwupps wären wir wieder bei 4 Mio. Arbeitslosen. Bei der nächsten Flaute wird es dann noch schlimmer. All die Leute ("Facharbeiter"), die beim Wirtschaftsboom Mitte der 90er ins Land geholt wurden, sind in Zeiten wie jetzt wieder überflüssig. Und ich fürchte, dieser Kreislauf wird sich fortsetzen.
              Zitat von Largo
              Zweitens führt Vollbeschäftigung zu einer massiven Reduktion der Staatsausgaben für die Folgen von Arbeitslosigkeit. Das bedeutet, der Staat muss weniger Geld für die Arbeitslosen bezahlen, weil es ja dann viel weniger Arbeitslose geben würde. Der Staat könnte die eingesparten Mittel dann z.B. in Form von Steuerentlastungen an die Arbeitnehmer weitergeben.
              Schließlich bedeutet eine Verringerung von Arbeitszeit auch einen Gewinn an Lebensqualität, da man mehr Freizeit hat und nicht mehr so weit zum Arbeitsplatz fahren müsste.
              Soweit vollste Zustimmung. Aber mit der Umsetzung gibts eben massive Probleme.

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                #8
                Zitat von Largo Beitrag anzeigen
                Verstehe ich das richtig, dass Du aus Angst vor Inflation gegen Lohn- und Gehaltserhöhungen bist?
                Man muss auf jeden Fall darauf achten, dass die Reallöhne und nicht nur die Nominallöhne steigen.

                Wobei jene, die vor Inflationsängste warnen, wenn sie konsequent sind, immerhin auch jene sind, die aus Angst vor Deflation strikt gegen Gehaltskürzungen sind.

                Im Idealfall, ohne Hicks Ausbeutungsrate, entsprächen die Lohnsteigerungen den Produktivitätsteigerungen.

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                  #9
                  Zitat von Sinclair_ Beitrag anzeigen
                  Die Rechnung geht so leider nicht auf. Ein konstant bleibendes Arbeitspensum auf mehr Leute aufzuteilen und die Löhne entsprechend anzugleichen, funktioniert nicht so einfach. Auf jeden einzelnen Mitarbeiter eines Betriebs fällt ein nicht zu verachtender Verwaltungsaufwand, den vorwiegend das Lohnbüro leisten muss. Wechsel der Krankenversicherungen, fortlaufende Datenpflege, Kontoveränderungen, Familienstandveränderungen => angeglichene Sozialabgaben, Vorauszahlunen (Vorschuss), Firmenkredite...
                  Das heißt für gleichbleibende Arbeit mehr Mitarbeiter einzustellen, bedeutet NOCH EIN PAAR Mitarbeiter mehr einzustellen, um den Verwaltungsapparat zu bewerkstelligen. Die vorhandenen Lohnzahlungen müssten also ungleich MEHR gekürzt werden, um das vorhandene Betriebsniveau aufrecht zu erhalten.
                  Wenn man diesen Gedankengang zu Ende denken würde, müsste man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass eine 80-Stunden-Woche ökonomisch sinnvoll wäre. Anstatt 40 Millionen würden dann nur noch 20 Millionen Menschen arbeiten gehen. Dann wäre nur noch die Hälfte des Verwaltungsaufwandes notwendig, die Wirtschaft würde brummen wie Sau und allen würde es gut gehen.
                  Im Ernst: Ich kann mir kaum vorstellen, dass die steigenden Verwaltungskosten wirklich ein ernsthaftes Argument gegen eine Arbeitszeitverkürzung wäre. Wie Du schon weiter oben richtig festgestellt hast, geht es eher darum, dass man verhindern möchte, dass Beschäftigte und Unternehmer einander als gleichberechtigte Partner begegnen.

                  Zitat von Sinclair_ Beitrag anzeigen
                  Das Steueraufkommen errechnet sich aber nunmal vom Jahresgewinn des Unternehmens. Diesen Jahresgewinn verdient keineswegs der Firmenchef, sondern seine Firma. Mit dem Lebensstandard des Unternehmers hat das rein gar nichts zu tun.
                  Naja, ich gehe nicht davon aus, dass der Unternehmer am Monatsende mit einer schwarzen Null nach Hause geht. Dafür gibt es in der Realität nur sehr wenige Beispiele. Tatsächlich haben sich die Unternehmensgewinne in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Gleichtzeitig hat es eine massive Umverteilung von unten nach oben gegeben. Das bedeutet, das relative Vermögen des Großbürgertums hat zugenommen, das der Arbeiter, einfachen Angestellten und Arbeitslosen hat hingegen abgenommen.
                  Diese Entwicklung hat nun nicht dazu geführt, dass Firmen als ganzes davon profitieren. Ganz im Gegenteil: Selbst bei einer positiven Gewinnentwicklung gibt es bestenfalls moderate Lohnerhöhungen oder es werden sogar Mitarbeiter entlassen, so wie es bei der Deutschen Bank der Fall gewesen ist. Die Profiteure sind stattdessen die Eigentümer und die leitenden Mitarbeiter der Unternehmen. Symptomatisch für diese Entwicklung sind sicher die in den letzten Jahren exorbitant gestiegenen Managergehälter. Fette Unternehmensgewinne bedeuten eben nicht bloß mehr Rücklagen für die Firma sondern vor allem einen fetten Lebensstandard für die Wirtschaftselite. Das sind also eben nicht zwei völlig unterschiedliche Dinge, so wie Du es angedeutet hast.

                  Und wenn der Betrieb aufgrund gestiegener Lohnkosten weniger Gewinn machen sollte und der Staat dadurch weniger Gewerbesteuer einnimmt, dann nimmt er dafür eben mehr Einkommenssteuer und mehr Umsatzsteuer ein, weil mehr Menschen arbeiten und ihr Geld verkonsumieren. Der Staat wäre also bei Vollbeschäftigung ganz sicher nicht schlechter gestellt.

                  Zitat von newman Beitrag anzeigen
                  Wobei jene, die vor Inflationsängste warnen, wenn sie konsequent sind, immerhin auch jene sind, die aus Angst vor Deflation strikt gegen Gehaltskürzungen sind.
                  Von welchen Leuten sprichst Du?
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                    #10
                    Zitat von Largo
                    Wie Du schon weiter oben richtig festgestellt hast, geht es eher darum, dass man verhindern möchte, dass Beschäftigte und Unternehmer einander als gleichberechtigte Partner begegnen.
                    Das ist schlicht und ergreifend falsch. Die Wahrheit ist einfach, dass Arbeitnehmer so viel verdienen möchten, wie möglich und daher natürlich auf eine möglichst hohe Arbeitszeit hinwirken. Ich kenne Arbeitgeber, die sehr gerne mehr Leute für weniger einstellen würden. Die Masse der Arbeitnehmer ist aber einfach nicht daran interessiert.
                    können wir nicht?

                    macht nix! wir tun einfach so als ob!

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                      #11
                      Zitat von blueflash Beitrag anzeigen
                      Das ist schlicht und ergreifend falsch. Die Wahrheit ist einfach, dass Arbeitnehmer so viel verdienen möchten, wie möglich und daher natürlich auf eine möglichst hohe Arbeitszeit hinwirken. Ich kenne Arbeitgeber, die sehr gerne mehr Leute für weniger einstellen würden. Die Masse der Arbeitnehmer ist aber einfach nicht daran interessiert.
                      Das ist schlicht und ergreifend schlicht.
                      Mein Profil bei Last-FM:
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                        #12
                        Zitat von blueflash Beitrag anzeigen
                        Das ist schlicht und ergreifend falsch. Die Wahrheit ist einfach, dass Arbeitnehmer so viel verdienen möchten, wie möglich und daher natürlich auf eine möglichst hohe Arbeitszeit hinwirken. Ich kenne Arbeitgeber, die sehr gerne mehr Leute für weniger einstellen würden. Die Masse der Arbeitnehmer ist aber einfach nicht daran interessiert.
                        Dass die breite Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung mehr gerne "möglichst hohe Arbeitszeiten" hätten, halte ich für sehr fragwürdig. Gibt es dazu auch Studien/Umfragen?

                        Übrigens toll, dass auch hier schon wieder quasi-verschwörungstheoretische Anstätze ausgegraben werden, dass die "herrschende Klasse" (Also Wirtschaftsbosse und Politik) keine Absenkung der Arbeitslosigkeit wollen würde. Eine Regierung, die es durch ihre Politik schaffen würde, dass zwei bis drei Millionen mehr Menschen in halbwegs brauchbare Arbeitsverhältnisse kommen, bräuchte wohl keinen Wahlkampf mehr machen - ihre Wiederwahl wäre so gut wie sicher.

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                          #13
                          Zitat von Largo Beitrag anzeigen
                          Von welchen Leuten sprichst Du?
                          Das dürfte die Denkweise von Gelpolitikern Keynsianischer Prägung sein.

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                            #14
                            Zitat von Largo
                            Das ist schlicht und ergreifend schlicht.
                            Klar. Weil es nicht deinem verquasten Weltbild entspricht. Warum sollte noch gleich irgendjemand auf Lohn verzichten? Aus idealistischen Motiven?

                            Zitat von SF-Junky
                            Dass die breite Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung mehr gerne "möglichst hohe Arbeitszeiten" hätten, halte ich für sehr fragwürdig.
                            Ich kenne dein Umfeld nicht, aber frag doch mal arbeitnehmer, ob sie lieber eine 3/4 Stelle oder eine Vollzeitstelle haben wollen.
                            können wir nicht?

                            macht nix! wir tun einfach so als ob!

                            Kommentar


                              #15
                              Zitat von SF-Junky Beitrag anzeigen
                              Übrigens toll, dass auch hier schon wieder quasi-verschwörungstheoretische Anstätze ausgegraben werden, dass die "herrschende Klasse" (Also Wirtschaftsbosse und Politik) keine Absenkung der Arbeitslosigkeit wollen würde. Eine Regierung, die es durch ihre Politik schaffen würde, dass zwei bis drei Millionen mehr Menschen in halbwegs brauchbare Arbeitsverhältnisse kommen, bräuchte wohl keinen Wahlkampf mehr machen - ihre Wiederwahl wäre so gut wie sicher.
                              Man muss überhaupt keine Verschwörungstheorien bemühen, um zu zeigen, dass eine Arbeitszeitverkürzung von den Eliten in Wirtschaft und Politik nicht gewollt wird. Schon allein die Tatsache, dass als Ursache für Arbeitslosigkeit stets die soziale Hängematte sowie fehlende Qualifikation und Flexibilität der Arbeitslosen genannt wird, anstatt auf den Angebotsüberhang hinzuweisen, zeigt doch, dass hier gesellschaftliche Zusammenhänge verschleiert werden. Und es macht auch intuitiv Sinn, dass eine Vollbeschäftigung den Interessen der Wirtschaftselite widerspricht und dass die Wirtschaftselite ihren Einfluss geltend machen wird, um dies zu verhindern – zum Beispiel durch Erhöhung der Arbeitszeit (siehe Erhöhung des Renteneintrittsalters) oder durch Zuwanderung.

                              Zitat von newman Beitrag anzeigen
                              Das dürfte die Denkweise von Gelpolitikern Keynsianischer Prägung sein.
                              Ich habe mich nur gewundert, weil ich diese konsequenten Leute, die Du erwähnt hast, in der öffentlichen Diskussion kaum wahrnehme. Seit ca. 15 Jahren vernehme ich eigentlich nur noch die Forderung, sich mit Lohnerhöhungen zurückzuhalten.

                              Zitat von blueflash Beitrag anzeigen
                              Klar. Weil es nicht deinem verquasten Weltbild entspricht. Warum sollte noch gleich irgendjemand auf Lohn verzichten? Aus idealistischen Motiven?
                              Natürlich wird in einer Welt, in der die 40-Stunden-Woche Standard ist niemand freiwillig 35 Stunden oder weniger arbeiten und dann entsprechende Geldeinbußen hinnehmen wollen. Aus individueller Perspektive ist es nicht rational, weniger Geld als alle anderen verdienen zu wollen. Genauso wie es individuell wenig Sinn macht, mit der Abholzung des Regenwaldes aufzuhören oder den Thunfisch-Fang zu stoppen. Deswegen muss eine Arbeitszeitverkürzung auch gesellschaftlich organisiert werden. Man könnte sich z.B. darauf einigen, die Arbeitszeit schrittweise zu reduzieren – pro Jahr z.B. um eine Wochenstunde. Dafür verzichten die Arbeitnehmer im Gegenzug zunächst auf die Lohnerhöhungen, die ihnen zugestanden hätten. Das wäre dann auch ein Modell, was die Geldbeutel Arbeitnehmer kaum trifft und den Unternehmen Zeit gibt, sich auf die neue Situation einzustellen.

                              Davon abgesehen gehe ich nicht davon aus, dass eine Verringerung der Wochenarbeitszeit mit einem Verlust an Lebensqualität verbunden sein wird, so wie Du es andeutest. Durch eine Arbeitszeitverkürzung wird Arbeit knapp und damit wertvoller, sodass sich perspektivisch höhere Löhne und Gehälter durchsetzen lassen. Und dadurch, dass es weniger Arbeitslose gäbe, wären auch dicke Steuerentlastungen drin. Von dem Mehrwert, den zusätzliche Freizeit und sozialer Frieden in der Gesellschaft bringen, will ich erst gar nicht anfangen zu reden. Das hast Du wahrscheinlich alles überlesen.
                              Empirisch gibt es übrigens gar keine Belege dafür, dass eine Verkürzung der Arbeitszeit die Lebensqualität der Bevölkerung verschlechtert. Du wirst ja sicher nicht abstreiten, dass wir heute viel weiter sind als die Menschen zu Zeiten der Frühindustrialisierung, wo 80 Stunden pro Woche gearbeitet wurde.
                              Mein Profil bei Last-FM:
                              http://www.last.fm/user/LARG0/

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