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IBC - Die Weltregie der FIFA-WM in München

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  • IBC - Die Weltregie der FIFA-WM in München

    Guten Abend liebe Kollegen,

    habe zwar keine WM-Karten, aber ich hatte gestern das außerordentliche Vergnügen eine Führung durch eine wirklich interessante Örtlichkeit der WM wahrzunehmen:


    Das IBC (International Broadcast Center) ist der Knotenpunkt aller WM-Spielberichterstattungen, welche weltweit ausgestrahlt werden.

    Das IBC ist temporär in der Münchener neuen Messe in drei Messehallen auf einer Gesamtfläche von 30.000 qm eingerichtet.
    An dieser Stelle werden alle (!) TV-Signale, die in den WM-Stadien aufgefangen werden, von 120 Broadcastern (Sendern) der Welt weiterverarbeitet und in 210 Länder transportiert.

    Der allgemeine Aufbau:
    Die Produktionsfirma HBS (Host Broadcast Services) wurde von der FIFA mit der Aufgabe betraut, die Live-Übertragungen aller Spiele technisch umzusetzen, den BIF (Basic International Feed, sozusagen der Kanal, der die Live-Bild- und Tonmischung enthält, die im Allgemeinen auf der ganzen Welt gleich aussieht) zur Verfügung zu stellen und alle weiteren Services, wie die Übertragung von Extra-Kamera-Signalen oder Rückbildern aus den Sendern der Welt.

    Das heißt, im Gegensatz zu beispielsweise Bundesliga-Spielen, bei denen Premiere meistens die Aufgabe übernimmt, die Kameras zu stellen und den Basic-Feed vor Ort am Stadium in einem Ü-Wagen (Übertragungswagen, in dem eine Live-Regie installiert ist) zu mischen und dann anderen Sendern zur Verfügung stellt und direkt per Satellit zu den Sendezentralen schickt, wird bei der WM nicht vor Ort live gemischt, sondern immer in München.

    Der erste Transport-Weg:
    Alle (!) TV-Signale aus den Stadien (sowohl die 25 HDTV-Kameras der HBS, wie auch aller Kameras, die die einzelnen Sender extra im Stadium aufgebaut haben: zB die Kamera von Premiere für die Spielauswertung) werden direkt nach München ins IBC über Glasfaser-Leitungen transportiert. Kein Sender der Welt darf ein Bild aus den Stadien direkt über Satellit absetzen. * (*: s. Fußnote)

    Im IBC:
    Die HBS mischt den BIF (s.o.) und alle weiteren Feeds live zusammen und stellt sie allen Sendern zur Verfügung. Jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten:

    - Länder, die vielleicht mit Fußball nichts groß am Hut haben, aber trotzdem einige Spiele zeigen wollen, können einfach den fertigen BIF bestellen, der wird ja sowieso im IBC gemischt. Raus in die "Satellite Farm" (Ein Wald von Sat-Uplink-Spiegel vor der Tür der Hallen) und ab in den Himmel !

    - Die meisten Länder möchten aber ein bischen mehr individuell dazwischenmischen:
    Extra Spielerbeobachtungen, Highlights aus den letzten Minuten, Angela Merkel bitte gerne vier mal pro Spiel und nicht nur ein mal, wie es der Rest der Welt über den BIF sieht.
    Aus diesem Grund bietet die HBS insgesamt 16 Feeds an, unter denen zB Spielerbeobachtung Team A und B, ein Extra Highlight-Feed, der permanent im Loop die Highlights bringt, das originäre Bild von fünf Kameras etc. (s. link)

    Beispiel:
    Das ZDF hat sich, genau so wie 120 weitere Sender eine eigene Regie im IBC eingerichtet und wird eben mit diesen 16 Feeds beliefert. Der Regisseur kann also jederzeit bestimmen, wann er zB. vermehrt Ballack oder Angela einblenden will. Das würde ja alle anderen eher weniger interessieren.
    Jeder Sender ist sogesehen frei in der Wahl der (vorbereiteten) Bilder.
    Die Premiere-Extrakamera aus dem Stadium würde dann Premiere nach diesem Prinzip sozusagen als 17. Feed zugeführt werden.


    Das Herzstück der IBC ist der "Master Control Room", ein sehr NASA-gestylter Raum in dem alle ankommenden und ausgehenden Signale permanent geprüft werden (Bilder s. link).
    Dabei unterscheidet man unter folgende Signaltypen:

    multilateral feeds:
    eben die 16 Feeds, die alle Sender erhalten können. Sie können sie in einer Regie vor Ort mischen oder sich über die "Sat-Farm" direkt nach hause schicken lassen. (Dann aber nicht mehr unkomprimiert)

    unilateral outgoing:
    Die fertigen Signale der Sender (zB ZDF), die ja auch das Haus in Richtung Sendezentrale verlassen müssen. Auch diesen Job übernimmt die HBS.

    unilateral incoming:
    Das mexikanische Fernsehen zB hat sich einen riesigen Studiokubus im IBC bauen lassen, in dem sie auch Talk-shows abhalten. Ein incoming, das dieser Sender braucht, ist das Live-Sendebild ihres Senders in Mexiko und zwar schlicht und einfach um zu wissen, wann sie dran sind
    Rückbilder werden für Live-Übergaben immer gebraucht (s. auch *), dafür gibt es die incoming-Signale.

    Der ganze Komplex ist auf 18 Grad C heruntergekühlt, wegen der Unmenge an Maschinen. Zutritt gibt es nur mit einer FIFA-Akkreditierung, die Kontrolle am Eingang gleicht der eines Flughafens.

    Ich bin immer noch erstaunt über die Kompaktheit dieser Lösung und der gigantischen Ausmaße.
    So ist es möglich, die Stadien vor einem Wald an internationalen Ü-Wägen und Sat-Uplinks vor Ort zu bewahren.
    Nachteilig ist natürlich, dass alle Sender (auch ARD, ZDF, RTL, Premiere) an die Angebote der HBS gebunden sind.


    So, das mal fürs erste, sonst wird der Post noch ellenlang.
    Für wen das Thema interessant ist, kann ja gerne noch nachhaken.


    so long
    amb

    Links:

    www.hostbroadcastservices.com

    www.muenchen.de

    www.zdnet.de


    * Die Übertragung dieser einzelnen Kamera-Signale wird simultan über eine 480 (!) Mbit/s Leitung der T-systems bewerkstelligt. Zur Sicherheit läuft parallel eine weitere dieser Leitungen, die geografisch durch andere Landstriche führt. Satelliten-Uplinks stehen auch bereit, aber nur im äußersten Notfall.

    Die Übertragung über Glasfaser in die Schaltzentrale IBC hat folgende Vorteile:

    - Es können alle HD-Signale simultan und unkomprimiert für bestmögliche Qualität übertragen werden. (Habe ein Spiel auf HD-unkomprimiert in der IBC sehen können. EIN TRAUM !!!)

    - Die Übertragung von einem beliebigen Stadium nach München dauert über Glasfasen ein Sekunden bruchteil, der selbe Weg über Satellit ca. 5 Sekunden. Das ist sehr wichtig für Moderatoren, die im Stadium sitzen und vor sich einen Monitor brauchen, der ja das Sendesignal ihres eigenen Senders brauchen. Würde dieses sog. Rückbild über Satellit ins Stadium kommen und die Feeds über Sat das Stadium verlassen, hätte er ein Bild vor sich, das 10s zu spät wäre.

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    Just sing me the tune. And you'll see.
    I'll keep it here for you. I'll wait for your cue
    - Zero 7 / Throw it all away


  • #2
    Sehr interessant Amblin!

    Habe mich schon immer gefragt wie das genau von statten geht. Auch die Live-Regie ist ja eine schwere Sache. Es muß ja live das "relevante" zurechtgeschnitten werden. Das muß man schnell schalten und handeln.

    Auch der technische Aufwand des IBC scheint enorm zu sein. 480 Mbit Glasfaser!

    Respekt vor den Leuten die sowas managen und koordinieren...

    Kommentar


    • #3
      Zitat von Skymarshall
      (...) Habe mich schon immer gefragt wie das genau von statten geht. Auch die Live-Regie ist ja eine schwere Sache. Es muß ja live das "relevante" zurechtgeschnitten werden. Das muß man schnell schalten und handeln.
      Die Live-Mischung von Events ist schon eine aufwändige Angelegenheit.
      Vor allem, wenn es sich um Fußballspiele mit 25 Kameras handelt.

      Aber auch in diesem Fall hilft der zentralistische Aufbau der IBC.
      Denn für den BIF kann ja, ich sage mal, im Vergleich recht moderat gemischt werden.
      Es werden nicht so viele Zwischenschnitte von Promis, Trainer, bevorzugte Spieler usw. im Live-Betrieb gemacht (Trainer kommen eh meistens aus der Slomo-regie)

      Es werden auch vergleichsweise wenige Umschnitte und Groß-Einstellungen von Spielern gemischt, da das Sehverhalten Fußballspiele betreffend in vielen Ländern doch deutlich verhaltener ist, als bei uns.
      Aus diesem Grund gibt es in den WM-Spielen viel mehr Total-Einstellungen, der Schnitt-Rythmus ist langsamer.
      In der Bundesliga gibt es mehr Umschnitte und großaufnahmen von Gesichtern, die Anzahl der Kameras ist aber auch geringer.

      Durch die Staffelung der Regien wird es leichter: Erst der BIF, dann die ARD, wo noch mehr Beobachtungen reingemischt werden, und zwischen rein die Slomo.
      (Die Slomo: Slowmotion-Regie ist abgetrennt von der Hauptregie und kümmert sich ausschließlich darum, bei einer guten Szenen blitzschnell die entsprechenden Kameraeinstellungen "zu schneiden" und hintereinandergereiht in einem extra-Kanal der Hauptregie zuzuleiten, die müssen dann nur noch auf den "Slomo"-Kanal am Bildmischer drücken und die Bilder laufen.
      Da mittlerweile in jeder Slomo Computer im Spiel sind, ist es auch möglich viele Kameraeinstellungen superschnell zu markieren und mit wenigen Clicks einen Server, der die betreffenden Kameras parallel alle mitschneidet, dazu zu bringen diese hintereinander auszuspielen.)
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