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[Historisch] Smartphones anno 1949

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  • [Historisch] Smartphones anno 1949

    Ich bin in "Heliopolis" von Ernst Jünger über eine verblüffend akkurate Darstellung von Smartphones gestoßen. Der Roman ist 1949 erschienen.

    Das Gerät nennt sich da Phonophor, Sprecher oder Allsprecher, ich zitiere einfach mal:
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    Man sah ja kaum einen Erwachsenen in Heliopolis, der ohne Sprecher ging. Die flachen Hülsen wurden in der linken Brusttasche getragen, aus der sie fingerbreit hervorragten. Am Unterschiede der Metalle erkannte man den Wirkungsgrad, und daraus ergab sich, wie in früheren Zeiten etwa durch die Ordensbänder, eine gewisse Hierarchie, die sich in Fragen des Vortrittes, der Vorfahrt oder als Ausweis gegenüber den Behörden äußerte.
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    Smartphones als Statussymbol, das ist schon visionär, auch wenn es in der Realität noch nicht so ist, dass das iPhone Vorfahrt vor einem Samsung hat.

    Interessant wird es aber, wenn der Protagonist beschreibt, was dieses Gerät alles kann:
    --->
    Erteilt in jedem Augenblicke Orts- und astronomische Zeit, Länge und Breite, Wetterstand und Wettervoraussage. Ersetzt Kennkarte, Pässe, Uhr, Sonnenuhr und Kompaß, nautisches und meterologisches Gerät. Vermittelt automatisch die genaue Position des Trägers an alle Rettungswarten bei Gefahren zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft. Verweist im Peilverfahren an jeden gewünschten Ort. Weist auch den Kontostand des Trägers [...] aus und ersetzt auf diese Weise das Scheckbuch bei jeder Bank und jeder Postanstalt, und in unmittelbarer Verrechung die Fahrkarten auf allen Verkehrsmitteln.[...]

    Vermittelt die Programme aller Sender und Nachrichten-Agenturen, Akademien, Universitäten[...]. Hat Anschluß an alle Radiostationen mit ihren Strömen des Wissens, der Bildung und Unterhaltung[...]. Gibt Einblick in alle Bücher und Manuskripte[...], ist an Theater, Konzerte, Börsen, Lotterien, Versammlungen, Wahlakte und Konferenzen anzuschließen, und kann als Zeitung, als ideales Auskunftsmittel, als Bibliothek und Lexikon verwandt werden.
    Gewährt Verbindung mit jedem anderen Phonopor de Welt[...]. Auch kann eine beliebige Menge von Anschlüssen gleichzeitig belegt werden - das heißt, daß Konferenzen, Vorträge, Wahlakte, Beratungen möglich sind.
    <---

    Ich finde es wirklich krass, wie genau hier der Autor (wie gesagt, der Roman erschien 1949!) heutige Smartphones beschrieben hat. Aber auch die gesellschaftlichen Auswirkungen werden beschrieben. Die Freundin des Protagonisten kommentiert das Gerät folgendermaßen:
    --->
    "Es muß ein niederer Geist sein, der diese Maschine zur Vernichtung der Einsamkeit erfunden hat. Wo finden Sie hier noch eine Note, wie sie Heine in seinem 'Ein Fichtenbaum steht einsam' angeschlagen hat?"
    Lucius konnte nicht umhin, ihr zuzustimmen:
    "Sie haben recht, verehrte Freundin - wer heute vornehm leben will, der muß den Tod erwählen als letzten Anschluß an die absolute Welt. Übrigens ist noch ein anderer Haken bei der Sache, und zwar insofern, als Sie, solange Sie empfangen oder senden, anschneidbar sind. Der Ort, an dem Sie sich befinden, ist immer feststellbar. Das ist unschätzbar für die Polizei."
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    Und eine Seite später erfährt man, dass die Geheimdienste die Phonophore jederzeit abhören können.

    Wie im richtigen Leben!
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