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Die Bücher von Yuval Noah Harari

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    Die Bücher von Yuval Noah Harari

    Ich bin mir nicht sicher, ob es hier ins Bücherforum gehört, weil es sich um Bücher dreht, oder ins Wissenschafts- oder Politik-/Geschichtsforum, weil vieles vom Inhalt der Bücher eher in diese Kategorie fällt. Hab mich für das allgemeinere Forum entschieden, es kann bei Bedarf aber auch gerne verschoben werden.



    Ich habe in den letzten Monaten drei Bücher „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ und „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ des israelischen Autors Yuval Noah Harari gelesen und muss sagen, dass vor allem die ersten beiden Werke mich so tief beeindruckt haben wie kein Sachbuch zuvor.


    Die drei Bücher beschäftigen sich grob gesagt mit der Vergangenheit (Eine kurze Geschichte der Menschheit), der Gegenwart (21 Lektionen) und der Zukunft (Homo Deus) der Menschheit:

    Für diejenigen, die die Schmöker nicht gelesen haben, versuche ich, die zentralen Gedanken Hararis so kurz und verständlich wie möglich zusammenzufassen:



    In seinem Geschichtswerk geht Harari nicht chronologisch, sondern er betrachtet die Entwicklung der gesamten Menschheit strukturell: Wie hat sich eine Rasse von Affen zur unbestreitbar einzigen dominanten Spezies entwickelt. Er geht dabei von vier Revolutionen aus, die diese Entwicklung geprägt haben:
    1. Die kognitive Revolution hat für das gesorgt, wovon sich der Mensch von den anderen Tieren unterscheidet: Es ist nicht die Seele, der Verstand oder ähnliches, was wissenschaftlich nicht beleg- und greifbar ist, sondern die Tatsache, dass der Mensch als einziges Wesen auf der Erde dazu in der Lage ist, mit einer extrem hohen Anzahl von ihm fremden Artgenossen kooperativ zusammenzuarbeiten, ohne dass er jedes einzelne Individuum kennt. Dafür benötigt er Religionen, also fiktive Geschichte, an die alle Mitglieder einer Gesellschaft glauben und die erst dadurch zur Realität wird. Damit muss nicht unbedingt ein Glauben an eine Gottheit gemeint sein, auch Länder, Firmen oder Ideologien sind keine Dinge, die es von Natur aus gibt, sondern die erst durch den Glauben von Menschen an sie Realität werden. Diese Religionen haben unzählige Fremde zu größeren Gemeinschaften zusammengeschlossen, die zusammen mehr erreichen konnten als jeder einzelne allein.
    2. Die Agrarrevolution entstand als Folge daraus: Wo viele Menschen auf einem Platz lebten, konnten sie sich durch Jagen und Sammeln alleine nicht mehr ernähren. So entwickelten die Menschen den Ackerbau, der den Vorteil hatte, mehr Menschen ernähren zu können, was zu einer Bevölkerungsexplosion führte, aber auch zu einer ungesünderen Ernährung und harter Arbeit, für die der menschliche Körper nicht geschaffen war. Übrig gebliebene Ernten konnten gelagert werden, die Menschen sammelten erstmals Besitz an. Daraus entwickelten sich hierarchische Klassen von Arm und Reich, Herrschern und Beherrschten. Die Herrscher entwickelten Ideologien, die ihre Herrschaft legitimierten. Schrift und Geld wurden entwickelt, um Verwaltung und Wirtschaft zu vereinfachen bzw. erst praktikabel zu machen.
    3. Die Vereinigung der Menschheit: Harari sieht die Menschheit trotz ihrer Unterschiede in z.B. Religion und Staatsform als eine Kultur. Vor Jahrhunderten unterschieden sich die Herrschafts-, Wirtschafts- und Wissenschaftsformen verschiedener Kulturen radikal voneinander. Heute gibt es im Grunde nur eine akzeptierte Auffasung Wissenschaft (z.B. Medizin, das Atommodell), Wirtschaft (z.B. Geldwirtschaft) und Herrschaft (selbst autokratische Regime haben zumindest den Anschein von Parlamenten, Wahlen etc.). Dies ist das Ergebnis eines jahrtausendelangen Anpassungsprozess der Kulturen.
    4. Die wissenschaftliche Revolution: Die vor rund 500 Jahren begonnene wissenschaftliche Revolution, getrieben von Imperialismus und Kapitalismus, führte zur Zurückdrängung der Gottreligionen zugunsten des Liberalismus, der dem Individuum Bedeutung gab, da er die Menschen als Arbeits- und Kampfmasse benötigte. Positive Folgen sind der fast vollständige Sieg über Hunger, Krankheit und Krieg, negative Folgen die Zerstörung der Umwelt und des Familienverbundes.



    Diese Überlegungen sind der Ausgangspunkt seiner Zukunftsprognosen in „Homo Deus“:

    Mit Hunger, Krankheit und Krieg als quasi gelösten Problemen der Menschheit und dem zunehmenden technischen und medizinischen Fortschritt ist es für Harari nur noch eine Frage der Zeit, bis die wissenschaftlichen und moralischen Grenzen fallen, die die Menschheit von Genmanipulation zur „Verbesserung“ des Menschen und letztlich von der Unsterblichkeit trennen. Zumindest für den Teil der Bevölkerung, der sich diese neuen Technologien leisten kann. Und in diesem Moment hätten wir die Situation, dass die führenden Eliten nicht nur denken, dass sie etwas Besseres sind als der Rest, sondern dass sie es tatsächlich SIND!

    Zudem sieht er den Liberalismus, der auf dem einzigartigen Wert jedes Individuums basiert und daraus die Grund-, Menschenrechte sowie damit die Demokratie legitimiert, in Zukunft gefährdet. Der Liberalismus basiert auf der Idee, dass jedes Individuum ein inneres Ich hat, das nur die Person selbst kennt und dass jede Person einen freien Willen hat. Durch neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse ist ein freier Willen aber nicht belegbar: Viel mehr sind die Entscheidungen, die uns frei erscheinen, das Ergebnis von Vorgängen im Gehirn als Reaktion auf äußere Reize. Diese Vorgänge können wir nicht willentlich beeinflussen. Dementsprechend wird es möglich sein, den technischen Stand und eine entsprechende Datenmenge vorausgesetzt, dass Programme unsere Entscheidungen berechnen und voraussehen können. Viel besser, als wir das selbst können. Und wenn sich erst herausstellt, dass die Entscheidungen der Programme für unser Leben häufiger besser sind als unsere „freien“ Entscheidungen, werden wir immer bereitwilliger auch die wichtigsten Entscheidungen unseres Lebens (z.B. Berufs- und Partnerwahl) an solche Programme abgeben. Ähnlich wie wir es heute schon Navigationsgeräten überlassen, welchen Weg wir fahren, weil sie es besser und schneller können als wir.

    In diesem Moment sind dem Liberalismus aber sämtliche Grundlagen entzogen: Es gibt keinen freien Willen und faktisch kennen Programme mich besser als ich mich selbst. Woraus sollen wir noch ableiten, dass das Individuum etwas Besonderes ist und ihm Wert beimessen? Der Mensch wird zu einer reinen Datenlieferungsmaschine. Durch den technologischen Fortschritt wird auch seine Arbeits- und Kampfkraft nicht oder nur noch sehr viel weniger benötigt werden. Der Mensch wird einerseits seines individuellen Wertes beraubt, andererseits bildet sich eine Kaste von genetisch verbesserten, (quasi) unsterblichen Übermenschen.



    Das klingt alles in seiner Gesamtheit nach dystopischer Science-Fiction, aber Harari verweist selbst darauf, dass seine Prognosen nicht zutreffen müssen und es wohl auch nicht werden, weil alleine die Tatsache, dass sie veröffentlicht sind und diskutiert werden, das unwahrscheinlicher machen. Aber seine Beobachtungen zur Geschichte sind so treffsicher und seine Schlussfolgerungen für die Zukunft aus Wissenschaft und Philosophie zum allergrößten Teil einzeln so schlüssig, dass mich die Bücher begeistert und verstört zurückgelassen haben. Begeistert wegen der Genialität und Klarheit der Gedanken und Denkstruktur bei gleichzeitiger guter Verständlichkeit und Lesbarkeit; verstört wegen der negativen Zukunftsprognose der Menschheit, die Harari selbst aber lieber als Denkanstoß und Warnung verstanden haben will als als tatsächliche Prognose.




    Das war jetzt viel Text, aber es sind auch drei dicke Bücher. Ich habe auch vieles auslassen müssen, aber ich würde mich freuen, wenn wir hier über seine Bücher und seine Ideen diskutieren könnten und dabei kommt vielleicht manches Zusätzliche auf den Tisch.




    Habt ihr seine Bücher gelesen? Wie fandet ihr sie und ihre Gedanken?
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