Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Authentizität ... Gibt es so etwas? Ist es ein positiver Wert?

Einklappen
X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

    Authentizität ... Gibt es so etwas? Ist es ein positiver Wert?

    Innerhalb des öffentlichen Diskurses ist der Begriff der "Authentizität" sehr positiv konnotiert. Wir finden es beispielsweise gut, wenn jemand authentisch ist, weil wir glauben, dass die Person, sagt, was sie denkt, und sich nicht verstellt oder gar schwindelt. Ich beobachte oft, dass auch im privaten Umfeld häufig Tipps gegeben werden wie z.B. "Sei Du selbst" oder "Sei doch einfach authentisch". Häufig reden so auch gebildete Menschen und selbst Menschen, die professionelle Ratgeber sind (z.B. Psychotherapeuten, Unternehmensberater).

    Ich kann solche Aussagen nicht einfach so hinnehmen. Ich möchte dieser Sichtweise argumentativ etwas entgegensetzen.

    In unseren Köpfen spuken in jeder Minute tausende Gedankenfetzen durch den Kopf. Im Rahmen von Kommunikation ist es erforderlich, dass diese Gedanken sortiert, gefiltert und geformt werden. Die Sätze, die ich hier schreibe, sind in meinen Gedanken nicht bereits vorhanden, sondern entwickeln sich durch Denkprozesse. Kommunikation funktioniert eben nicht so, dass man alles heraussprudeln lässt, was einem gerade in den Sinn kommt. Beziehungsweise würden wir uns alle gegenseitig überfordern, wenn wir so miteinander kommunizieren würden. Allein deshalb ist die These, wonach jemand sagt, was er denkt, bereits widerlegt.

    Nahezu alle Menschen sind domestiziert, das heißt, an ein Leben in Gesellschaften angepasst. Normen und Gesetze schränken unser Handeln ein. Unsere kulturellen Vorlieben werden im Rahmen von Sozialisationsprozessen entwickelt. Durch Werbung werden Bedürfnisse geweckt, die wir vorher nicht hatten. Ohne die gesellschaftliche Prägung würden wir uns ganz anders verhalten (vermutlich deutlich gewalttätiger). Von unserem Selbst bleibt aufgrund der Domestizierung nicht mehr viel übrig. Das meiste, was uns definiert, ist uns nicht angeboren, sondern haben wir erlernt. Kann man Lebewesen, die so weit weg von ihrer natürlichen Programmierung sind, als authentisch bezeichnen?

    Für das Gelingen des Zusammenlebens in unserer modernen Gesellschaft ist das Gegenteil von Authentizität ausschlaggebend. Wir schlüpfen in vorgegebene Rollen (z.B. die des Arztes oder des Patienten) und inszenieren damit soziale Interaktionen. Wenn es diese Rollen nicht gäbe, müssten wir in jeder Situation neu verhandeln, welches Verhalten vom jeweils anderen erwartet wird. Der Arzt verhält sich gegenüber dem Patienten nicht authentisch, sondern stellt durch eine bestimmte Form der Inszenierung (z.B. weißer Kittel, emotionale Distanz) sicher, dass das Verhalten des Patienten in eine bestimmte Richtung kanalisiert wird.

    Authentisches Verhalten wird gesellschaftlich sanktioniert. Wenn ein Bewerber in Trainingshose zum Vorstellungsgespräch erscheint, wird er vermutlich eine Absage erhalten. Ein Mann, der vorm Traualtar zu seiner Frau sagt "Schauen wir mal, wie lange es hält. Die Scheidungsraten in der BRD sind ja sehr hoch.", muss mit Empörung rechnen. Ein Politiker, der mit dem Slogan "Bleiben wir realistisch. Erfahrungsgemäß kann man als Abgeordneter nicht viel bewegen" antritt, wird nicht gewählt werden, auch wenn der die Wahrheit sagt. Menschen richten ihre Handeln daher aus eigenem Interesse am sozial Erwünschten aus.

    Es gibt keine Authentizität, sondern nur eine Inszenierung von Authentizität. D.h. Menschen inszenieren sich trotz der genannten Argumente als natürlich, nahbar oder ehrlich, um Nachteilen zu entgehen oder sich Vorteile zu verschaffen. Den meisten Menschen ist aber gar nicht bewusst, was Authentizität bedeutet. Wenn man Authentizität als positive Eigenschaft einem Menschen zuschreibt, meint man wohl eher so etwas wie Bodenständigkeit, Bescheidenheit oder Jovialität. In seiner beabsichtigten Bedeutung (sagen, was man denkt – tun, was man sagt) könnte Authentizität aber auch z.B. mit unzivilisiertem Verhalten oder Gewalt einhergehen.

    Fazit: In den meisten Fällen, wo von Authentizität die Rede ist, sollte man wohl besser mit den Augen rollen. Aus meiner Sicht gibt es in Bezug auf menschliches Verhalten keine wirkliche Authentizität und selbst wenn es so etwas innerhalb sehr enger Spielräume geben könnte, muss es nicht zwangsläufig etwas gutes bedeuten.

    Wie seht ihr das? Habe ich Argumente, die meine Thesen untermauern oder widerlegen, übersehen?
    Mein Profil bei Last-FM:
    http://www.last.fm/user/LARG0/

    #2
    Ich stimme dir zu man kann und sollte auch nicht in jeder sozialen Situation 100 % authentisch sein d.h. ungefiltert seine Gedanken äußern. Gerade im beruflichen Kontext. Ich persönlich habe eher ein Problem im privaten Bereich. Wenn jemand von sich ein Bild vermitteln will das nicht der Realität entspricht, prahlt mit Leistungen und Eigenschaften, die er nicht hat und ständig versucht, jemand Besonderes zu sein. Solche Menschen finde ich schwierig.

    Kommentar


      #3
      In der Tat eine sehr interessante Frage.

      Wie du schon dargestellt hast, scheint es zweifellos richtig, dass eine vollkommene Authentizität im Zusammenleben der Menschen nicht möglich und gesellschaftlich nicht gewünscht ist. Daraus folgt die interessante Frage, was dann aber genau damit gemeint ist, wenn man sagt, jemand solle "ganz er/sie selbst sein" und "authentisch bleiben".
      Das, was Garak23 anspricht, empfinden wohl viele als nicht authentisch, aber ist das nicht auch etwas, was wir jeden Tag machen? Jeder ist doch bemüht, der Außenwelt ein möglichst positives Bild von sich zu zeichnen, gemocht und angesehen zu werden: Arbeit (man denke nur daran, was in Bewerbungsgesprächen von allen Seiten gelogen oder ausgeschmückt wird) oder erste Dates z. B.; Schauspieler, Comedians und viele andere Personen in der Öffentlichkeit verdienen ihr Geld damit, eine Rolle nicht nur zu spielen, sondern fast schon zu leben. Es gibt also viele Situationen, wo es nicht nur nicht gewünscht ist, authentisch zu sein, sondern eine gewisse Nichtauthentizität quasi gefordert wird.
      Ein "authentisch sein" meint also, ein Ausleben der individuellen Eigenarten des eigenen Wesens innerhalb der sozial erwarteten Parameter, die in ganz unterschiedlichen Kontexten auch ganz unterschiedlich sein können. Und die allermeisten Menschen wissen das auch unbewusst, denn die meisten verhalten sich in einem Vorstellungsgespräch auch anders als mit Freunden, dem Partner oder alleine und unbeobachtet. Und in dieser Unbewusstheit liegt meiner Meinung nach auch der Grund, warum trotz dieser Tatsache immer Authentizität gefordert und geraten wird: Wir wollen uns frei entfalten oder es zumindest denken, eine explizite und formulierte Einschränkung, egal wie sinnvoll, erscheint als Beschränkung der individuellen Freiheit.

      Unabhängig von all diesen Überlegungen, muss man sich aber, wenn man einen Schritt zurückgeht und sich das ganze Bild anschaut, auch fragen, ob es ein "Ich" überhaupt gibt. Wie Largo schon erwähnt hat, kann niemand seine Persönlichkeit komplett frei entwickeln. Millionen Eindrücke und Einflüsse prasseln jeden Tag auf uns ein: Eltern, Freunde, Umwelt, Normen und Gesetze, Religionen, gesellschaftliche Erwartungen, Werbung, Gruppenzwang, Traditionen...im Grunde genommen alles, was wir wahrnehmen. Alles, was wir tun, kann als Reiz-Reaktions-Prozess auf all diese Faktoren gesehen werden. Es gibt nicht wenige Wissenschaftler, die behaupten, dass sie, genug Informationen vorausgesetzt (wie realistisch das auch sein mag), das Verhalten von einzelnen Menschen in Entscheidungssituationen voraussagen können. Solche Algorithmen sind programmierbar und wären vermutlich in der Lage, von der Wahl des Abendessens bis zu Lebensentscheidungen wie Partner- und Berufswahl besser für uns auszuwählen als wir es selbst könnten. Und ich bin der Überzeugung, dass wir das auch machen würden, wenn sich zeigt, dass es genauer zu uns passt und besser als unsere eigenen Entscheidungen sind. Schon heute vertrauen viele den Navis, die besser und schneller Routen berechnen als wir, schon so blind, dass sie teils über nicht mehr vorhandene Brücken fahren (sprich: ins Wasser) als doch nochmal selbst in den Straßenatlas zu schauen.
      Solche Überlegungen fordern unseren Glauben an das Individuum, die eigene Persönlichkeit, die ich frei entfalte und die niemand besser kennt als ich selbst, im eigentlichen Kern heraus. Dann würde es eine Authentizität, eine eigene und unverfälschte Persönlichkeit, überhaupt nicht geben, selbst wenn man ohne irgendwelche gesellschaftlichen Einflüsse aufwächst. Ich kann keine eigene Entscheidungen treffen und damit auch keine eigene Persönlichkeit entwickeln, weil ich keine unbeeinflusste Entscheidung treffen kann. Ich kann mich heute beispielsweise dafür entscheiden, Spanisch zu lernen. Aber dieser Wunsch kommt nicht von mir heraus, sondern ist die Reaktion auf Reize und Einflüsse, auf die ich in meinem Leben getroffen bin: Ich mag vielleicht Spanien, die Leute, das Essen, die Städte; ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich gut Sprachen lernen kann und Leute das beeindruckend finden; ich habe mich in eine Spanierin verliebt und möchte sie beeindrucken; ich möchte mir selbst eine Herausforderung stellen, weil mein Job mich unterfordert...All das kommt nicht aus mir heraus, sondern kommt von außen zu mir und löst Reiz-Reaktions-Prozesse in mir aus, die vorhersagbar sind und mich zu meiner als frei empfundenen Entscheidung bringen, Spanisch zu lernen.

      Wie gesagt, eine sehr interessante Frage, die ich mir schon oft gestellt habe, und die zumindest mich in ein rabbit hole führt, in das man vielleicht gar nicht so gerne reinschauen möchte...

      Kommentar


        #4
        Imteressantes Thema, habe ich mir SO noch gar nie genauer überlegt...


        Da stellt sich für mich auch gleich die Frage, was genau man denn unter "Authentizität" nun versteht, da sind sich im Alltagsgebrauch bestimmt auch nicht alle einig. Mir fallen da als erstes einerseits "echt" und anderseits "verlogen" als Gegenstück ein.

        Wenn "authentisch sein" ungefähr heißt "im Einklang mit meinen Werten" handeln, dann sind "eine Rolle spielen" (zB beruflich) und dabei trotzdem authentisch sein nicht unbedingt ein Widerspruch.

        Und muss man, wenn man authentisch ist, immer frei heraus sagen, was man grade denkt, oder kann es in manchen Situationen nicht auch authentisch sein (= im Einklang mit meinen Werten, zum Beispiel andere nicht mutwillig verletzen zu wollen), den Schnabel zu halten?

        Ist Authentizität binär oder nicht doch eher ein Spektrum? Gibt es zwischen "ich handle total im Einklang mit mir selbst" (was auch immer das heißen mag!) und "mir widerstrebt total, was ich tue" bzw. "ich verstelle mich zu 100%" nicht sehr viele Grautöne?

        Ich persönlich weiß auch oft nicht, was denn nun in spezifischen Situationen wirklich eine authentische Reaktion meinerseits wäre (oft hat man ja auch gegensätzliche Impulse, Vorlieben, Werte) - aber wenn ich NICHT authentisch bin, dann merke ich das für gewöhnlich schnell und deutlich.

        So gesehen ist das ein ständiges Abwägen, oder nicht?


        Generell finde ich es aber schon erfrischend, wenn bei manchen Berufsgruppen (zB Politikern) hin und wieder auch etwas durchblitzt, was man als "authentisch" oder ehrlich identifizieren kann - vorausgesetzt, man hat es mit grundsätzlich kompetenten Individuen zu tun. Nur sagen, was man grade denkt (wäre das überhaupt "authentisch"?), ist zu wenig, um einen Politiker für mich wählbar zu machen. Aber nur aufpolierten Politikersprech kann auch keiner mehr hören,

        Und bei einem Arzt (oder Elektriker, oder Mechaniker) wäre mir wohl zu allererst Professionalität wichtig, ich bezweifle, das da Authentizität einen wichtigen Platz einnimmt.
        John: Work- now - freak - later. Work - now - freak - later.
        Stark: Yes. That's fair.
        John: Good.
        Stark: How much later?

        Kommentar


          #5
          Zitat von AnaDunari Beitrag anzeigen
          So gesehen ist das ein ständiges Abwägen, oder nicht?
          Genau das. Es ist immer ein Abwägen zwischen dem, wie man gern sein würde (oder wie man privat ist), und wie man im Moment besser sein oder handeln sollte, um am Ende das zu bekommen, was man mag. Authentizität dabei ist wohl dann sowas wie der Grad, inwieweit man sich generell immer verbiegen und vom privaten Selbst abweichen muss. Und das kann dann wohl auch nur immer wer einschätzen, der den anderen privat UND beruflich kennt, und somit beide oder alle Seiten einer Person auch vergleichen kann.
          Dabei muss man auch bedenken, das nicht jeder immer authentisch sein kann, kommt immer darauf an, von wem oder was man abhängig ist. Je unabhängiger oder autarker man ist, um so weniger muss man sich anderen anbiedern und anderen gefallen.

          Jede Geschichte hat vier Seiten: Deine Seite, Ihre Seite, die Wahrheit und das, was wirklich geschehen ist.

          Welten brechen auseinander, Formationen nicht.

          Kommentar


            #6
            Wenn es um solche Ratschläge geht, ist damit natürlich nicht gemeint, dass man jeden Gedanken-Furz ungefiltert äußern sollte. Es wird da vor allem darum gehen, dass man (in gewissen Grenzen) seinem eigenen Charakter nach handelt und seine eigene Meinung vertritt, anstatt nur den Ansprüchen anderer entsprechen zu wollen. Dabei wird es in vielen Fällen darum gehen, sich erstmal klar zu machen, wer man eigentlich ist, in welche Rollen man so schlüpft und ob einen das langfristig glücklich macht oder gearde nur bequemer ist, bzw. die eigene Meinung nicht immer zurückzuhalten, nur weil man Angst hat, deshalb abgelehnt zu werden.

            Und natürlich kann Authentizität auch mit negativem Verhalten einhergehen und das kann sogar belohnt werden. Jemand der immer ein wenig aneckt, es aber nie zu weit treibt, kann durchaus im positiven Sinne als autentisch gelten, während das authentische Arschloch natürlich aber weniger gut ankommt.

            Kommentar


              #7
              Zitat von The Martian Beitrag anzeigen
              Es wird da vor allem darum gehen, dass man (in gewissen Grenzen) seinem eigenen Charakter nach handelt und seine eigene Meinung vertritt, anstatt nur den Ansprüchen anderer entsprechen zu wollen.

              Und natürlich kann Authentizität auch mit negativem Verhalten einhergehen und das kann sogar belohnt werden. Jemand der immer ein wenig aneckt, es aber nie zu weit treibt, kann durchaus im positiven Sinne als autentisch gelten, während das authentische Arschloch natürlich aber weniger gut ankommt.
              Du sagst es, "Sei du selbst, solange es anderen gefällt." das ist das beschriebene konstante Abwägen. Das wirklich authentische Arschloch mag den wenigsten gefallen, aber das heisst nicht, das dieser Schlag Mensch weniger erfolgreich ist. Oftmals steigen gerade solche sehr viel schneller sehr viel weiter und höher auf. Und das Arschloch verbiegt sich dabei noch nicht nicht einmal.
              Jede Geschichte hat vier Seiten: Deine Seite, Ihre Seite, die Wahrheit und das, was wirklich geschehen ist.

              Welten brechen auseinander, Formationen nicht.

              Kommentar


                #8
                Sicher, wobei man selbt natürlich aber auch nur begrenzt glücklich wird, wenn man sich immer verstellen muss. Überhaupt würde ich das einfach nicht so sehr am Brechen irgendwelcher Regeln oder Tabus festmachen. Oft wird es eher darum gehen, dass man in irgendeine Rolle gerutscht ist, die einem eigentlich nicht zusagt, aus der man ohne etwas Streit zu riskieren aber nicht wieder herauskommt und es dann einfach dabei belässt oder um eine grundsätzlich legitime, vielleicht aber vermeintlich uncoole Meinung, die man durch einen Mangel an Selbstvertrauen zurückhält und eben nicht weil man dabei eine Regel brechen würde.

                Kommentar


                  #9
                  Mir ist noch ein weiterer Punkt eingefallen, dass das Konzept der Authentizität infrage stellt:

                  Eine wichtige Voraussetzung des Konzepts ist eine Differenz zwischen Innen und Außen, also zwischen Gedanken, Gefühlen, Bedürfnissen, Motiven usw. einerseits und dem (öffentlich sichtbaren) Verhalten/Handeln andererseits. Wenn z.B. jemand innerlich traurig ist und nach außen hin Fröhlichkeit anzeigt, würde man das als nicht authentisch bewerten.
                  Dieses Konzept suggeriert, dass es richtiges und/oder falsches Verhalten gibt, welches auf einen bestimmten inneren Zustand folgt.

                  Und jetzt kommt der Hammer: Wir kennen das Innere von fremden Menschen nicht, d.h. das Bewusstsein eines anderen Menschen ist uns nicht zugänglich. Wie können wir dann als externe Beobachter beurteilen, ob jemand authentisch ist? Wenn wir beispielsweise finden, dass eine Frau nicht froh darüber sein sollte, dass ihr Ehemann gestorben ist, haben wir vielleicht übersehen, dass die Frau in der Ehe gelitten hat (z.B. weil der Mann ein Schläger war).

                  Ich würde sogar so weit gehen, dass selbst unsere eigenen Gedanken nicht so konsistent sind, dass wir jederzeit vollumfänglich darüber informiert sind, was wir denken und fühlen. Das Bewusstsein ist kein kohärentes Ganzes, auf das wir wie eine Festplatte zugreifen können, sondern es befindet sich ständig im Fluss. Demzufolge ist es auch nicht möglich, ein Verhalten zu zeigen, welches 1:1 meinem Bewusstsein entspricht. Wir sind demnach niemals authentisch, weil wir unser Inneres gar nicht genau kennen.

                  Andererseits könnte man genauso gut argumentieren, dass es gar keine Dualität von Bewusstsein und Verhalten geben kann, denn jede Form von Verhalten setzt immer eine Gehirnaktivität voraus. D.h. man kann nicht etwas tun, ohne dass unser Bewusstsein prozessiert. Entweder verfolgen wir eine bestimmte Strategie, um etwas zu erreichen, oder wir tun etwas aus Überzeugung oder folgen unseren Gewohnheiten (z.B. Ritualen) oder Instinkten (z.B. Muttermilch trinken). Selbst beim Schlafwandeln setzt das eigene Bewusstsein unser Verhalten in Gang. Nichts was wir tun, ist von unserem Bewusstsein abgekoppelt. Somit stehen Bewusstsein und Verhalten immer im Einklang. Wir verhalten uns immer authentisch.

                  Daraus folgt für mich: Von welcher Seite man sich dem Thema auch nähert, sehe ich in der Unterscheidung authentisch / nicht authentisch keinen Mehrwert. Der Begriff der Authentizität im Zusammenhang mit menschlichem Verhalten/Handeln, so wie er im Alltag häufig verwendet wird, ist für mich nur eine Worthülse. Wenn jemand z.B. fordert "Sei Du selbst", sollte man das nicht unhinterfragt hinnehmen.


                  Zitat von Darkwing Beitrag anzeigen
                  Jeder ist doch bemüht, der Außenwelt ein möglichst positives Bild von sich zu zeichnen, gemocht und angesehen zu werden: Arbeit (man denke nur daran, was in Bewerbungsgesprächen von allen Seiten gelogen oder ausgeschmückt wird) oder erste Dates z. B.; Schauspieler, Comedians und viele andere Personen in der Öffentlichkeit verdienen ihr Geld damit, eine Rolle nicht nur zu spielen, sondern fast schon zu leben. Es gibt also viele Situationen, wo es nicht nur nicht gewünscht ist, authentisch zu sein, sondern eine gewisse Nichtauthentizität quasi gefordert wird.
                  Ein "authentisch sein" meint also, ein Ausleben der individuellen Eigenarten des eigenen Wesens innerhalb der sozial erwarteten Parameter, die in ganz unterschiedlichen Kontexten auch ganz unterschiedlich sein können. Und die allermeisten Menschen wissen das auch unbewusst, denn die meisten verhalten sich in einem Vorstellungsgespräch auch anders als mit Freunden, dem Partner oder alleine und unbeobachtet.
                  Die Frage wäre für mich: Gibt es gesellschaftliche Bereiche, wo man besonders authentisch sein kann? Die Privatsphäre vielleicht? Aber verhält sich der Arzt in seiner Privatsphäre wirklich authentischer als in seiner öffentlichen Funktion als Arzt? Ich würde sagen, wenn der Arzt mit seiner Ehefrau zugange ist, handelt es sich einfach um eine andere Art der Inszenierung bzw. um ein anderes Drehbuch, als wenn der Arzt mit Patienten im Gespräch ist.
                  Wenn wir daran glauben, dass es so etwas wie Authentizität gibt, dann ist sie tatsächlich vielleicht am ehesten dort zu finden, wo Personen alleine sind und sich unbeobachtet fühlen. Aber das ist so ein kleiner Ausschnitt der Realität, dass man das Konzept der Authentizität kaum noch anwenden könnte. Und vor allem: Wenn jemand unbeobachtet ist, wie können wir dann als externe Beobachter authentisches Verhalten beobachten?


                  Zitat von AnaDunari Beitrag anzeigen
                  Ist Authentizität binär oder nicht doch eher ein Spektrum? Gibt es zwischen "ich handle total im Einklang mit mir selbst" (was auch immer das heißen mag!) und "mir widerstrebt total, was ich tue" bzw. "ich verstelle mich zu 100%" nicht sehr viele Grautöne?
                  Ich würde sagen, das hängt von der Definition des Begriffs der Authentizität ab. Weiter oben hatte ich einige Überlegungen angestellt, die zu dem Ergebnis führen, dass es in unserer Welt entweder ausschließlich authentisches oder ausschließlich nicht authentisches Verhalten geben kann. Nach dieser Sichtweise kann es nicht beides geben. Und es kann auch keine Ausprägungen dazwischen geben.
                  Allerdings könnte man Authentizität auch ganz anders definieren. Beispiel: Aufwand, den man für die Inszenierung betreiben muss. Je geringer der Aufwand für die Inszenierung, desto authentischer ist das Verhalten. Damit gibt es automatisch endlose Grautöne.


                  Zitat von AnaDunari Beitrag anzeigen
                  So gesehen ist das ein ständiges Abwägen, oder nicht?
                  Interessanter Punkt. Man könnte Authentizität tatsächlich auch festmachen anhand der Zeitspanne zwischen innerlichem Prozessieren und gezeigtem Verhalten bzw. wie es oft so eine Verzögerung bei einer Person vorkommt. Wenn jemand oft oder lange zögert, bis er sich für ein bestimmtes Verhalten entscheidet (z.B. um sich eine bestimmte Strategie zurechtzulegen), wäre das etwas, was man nicht als authentisch ansehen würde. So gesehen, wäre die Beobachtung, dass wir ständig abwägen, ein Hinweis darauf, dass es keine Authentizität geben kann.
                  Zuletzt geändert von Largo; 11.06.2020, 10:41.
                  Mein Profil bei Last-FM:
                  http://www.last.fm/user/LARG0/

                  Kommentar


                    #10
                    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du die Authentizität vor allem infrage stellst, weil du sie anders definierst als die Leute, die solche Ratschläge erteilen.

                    Wenn es darum geht, ob man selbst authentisch ist, wird niemand voraussetzen, dass man sich jedem Gedanken entsprechend verhällt, insofern ist es dann auch egal, ob diese Gedanken immer konsistent oder ob wir uns dieser Gedanken jederzeit voll bewusst sind. Die Basis kann nur Selbsterkenntnis sein. Mal muss also erstmal klären, wer man ist, was man will und warum man tut, was man tut. Als nächstes kann man sich dann überlegen, ob bzw. wann man sich dem eigenen Charakter entsprächen verhällt. Und dabei wird einem dann auch niemand irgendeine kleine Abweichung als unauthentisch ankreiden, etwa weil man hier oder da Regeln befolgt oder etwas Rücksicht auf andere nimmt, es dürfte immer um das große Ganze gehen.

                    Und ob man jemand anderen für authentisch hällt, entscheidet man genauso wie man entscheidet, ob man jemand anderen für glaubwürdig hällt. Denn um nichts anderes geht es doch. Verhällt der sich so wie er ist oder spielt er mir etwas vor bzw. fügt sich nur äußeren Ansprüchen. Dass man sich dabei täuschen kann, steht natürlich außer Frage.

                    Kommentar


                      #11
                      Zitat von The Martian Beitrag anzeigen
                      Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du die Authentizität vor allem infrage stellst, weil du sie anders definierst als die Leute, die solche Ratschläge erteilen.
                      Also, nach meiner Wahrnehmung verwenden die meisten Menschen diesen Begriff, ohne vorher etwas definiert oder sich Gedanken gemacht zu haben. Der Begriff wird eher intuitiv verwendet. So etwas ähnliches gibt es z.B. beim Begriff "Selbstbewusstsein", der häufig als Synonym zu Selbstsicherheit / Dominanz / Durchsetzungsvermögen verwendet wird. Man spricht somit (unbeabsichtigt?) anderen Menschen Selbstbewusstsein ab, nur weil sie weniger dominant auftreten. Eigentlich bedeutetet Selbstbewusstsein, sich seiner Selbst bewusst zu sein, d.h. z.B. seine Stärken und Schwächen zu kennen. Das ist etwas völlig anderes.

                      Will sagen: Menschen verwenden Begriffe häufig unreflektiert. In der Regel ist das unkompliziert, weil man sich trotzdem irgendwie versteht. Allen ist z.B. klar, dass man mit Selbstbewusstsein in der Regel dominantes Verhalten meint. Beim Begriff der "Authentizität" ist das etwas anders. Ich sehe nicht, dass dieses Konzept allen geläufig ist. Was bedeutetet es, wenn jemand sagt "Sei Du selbst!" oder "Sei echt!" ? Das überfordert meine Intelligenz.

                      Ich habe hier versucht, mich dem Konzept der "Authentizität" von verschiedenen Seiten aus und mit meinen Möglichkeiten zu nähern und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht zu Erkenntnisgewinn führt. Genau das ist aber der Zweck: Ein Begriff ermöglicht eine Unterscheidung (z.B. authentisch / nicht authentisch) und man kann somit in der Realität etwas beobachten, was vorher nicht da war. Wenn ich nachher aber feststelle, dass je nach Definition jedes Verhalten authentisch oder jedes Verhalten nicht authentisch ist, was bringt mir so eine Unterscheidung dann?

                      Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass mit dem Begriff eine Wertung verbunden ist: authentisch = gut / nicht authentisch = schlecht. So wird dann auch menschliches Verhalten bewertet. Ein nicht-authentischer Mensch gilt – vereinfacht gesprochen – als Arschloch. Wenn so eine Bewertung jedoch anhand diffuser Annahmen bzgl. der Bedeutung des Begriffs erfolgt, sehe ich erheblichen Klärungsbedarf.

                      Ich würde sogar noch weiter gehen: Das Motto "Sei Du selbst" ist Ausdruck einer bestimmten Ideologie, die den Konsumenten antreibt, seine einzigartige Individualität auszuleben, indem er bestimmte Produkte kauft. Und das Geschäftsmodell zahlloser Beraterunternehmen besteht darin, Menschen beizubringen, wie man authentisch ist. Man kann die Sinnhaftigkeit hinterfragen und dem ganzen intellektuell etwas entgegensetzen. Muss man aber nicht. Es ist auch ok, wenn man sich nicht über alles Gedanken macht.

                      Wenn Du mit meinen Vorschlägen nicht einverstanden bist, was wäre denn aus Deiner Sicht ein geeignetes Konzept bzw. eine Definition, um den Begriff der Authentizität fassen zu können?
                      Ich denke nicht, dass die Diskussion mit der Feststellung abgeschlossen sein muss, dass die meisten Menschen schon ungefähr und instinktiv wissen, was authentisch ist.
                      Mein Profil bei Last-FM:
                      http://www.last.fm/user/LARG0/

                      Kommentar


                        #12
                        "Sei Du selbst"
                        ..das ist man eigentlich immer. Auch wenn man nur weiß oder grau lügt, sich öffentlich bewußt positiv darstellt oder sich selber belügt. Denn das gehört dann einfach zur Persönlichkeit desjenigen dazu. Die Sache der Erkennung und der Selbsterkennung/Selbstwahrnehmung ist eine.

                        Kommentar

                        Lädt...
                        X