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Gibt es heute noch Klassen?

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  • Gibt es heute noch Klassen?

    Anscheinend ist das Feuilleton in den grossen Tageszeitungen der lesenswerteste Teil. In der SZ waren hier schon immer die besten Artikel zu finden, für die Zeit scheint das gleiche zu gelten. In der aktuellen Ausgabe ist neben einem Artikel, der den Freiheitsbegriff der Neoliberalen hinterfragt, ist in einer Buchbesprechung von Rudolf Walther über Konflikte zu Beginn des 21. Jahrhunderts von Hans-Urlich Wehler folgende Zahl zu finden: 1950 kam die Hälfte der Spitzenleute in der Wirtschaft aus dem Grossbürgertum, 1995 waren es 83%!!!!! Es gibt also eine erstaunliche Kontinuität in dieser Klasse, deren Ausmass sogar zunimmt. Die Mobilität zwischen den Klassen ist also relativ gering. Angesichts dieser Zahl (und der realen Politik der Bundesregierung) ist die Behauptung, dass heute keinen Klassen und keinen Klassenkampf mehr gibt, nur noch zynisch.
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  • #2
    Dem stimme ich zu. Ich habe auch schon öfters gelesen, dass es in dem Sinne keine Klassen mehr in der BRD gäbe, und ne zeitllang mag ich das auch geglaubt haben, aber je älter ich werde, desto mehr fällt mir der Klassenunterschied in der Gesellschaft auf, und ich finde den immer noch ziemlich gravierend.
    "I spent a lot of money on booze, birds and fast cars. The rest I just squandered" -George Best-

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    • #3
      Tja, mit der Klassengesellschaft, das ist so eine Sache:

      In vielen Diskussionen ist mir aufgefallen, dass selbst linke Kräfte die Existenz der Klassen negieren.
      Von vielen Leuten hört man, dass es keine Klassengesellschaft mehr gäbe. Doch das ist genau das, was man glauben soll. Am erhält man nämlich die Klassengesellschaft, indem man sie verneint.

      Man hat durch den Niedergang der Industriearbeiterschaft, und dem gleichzeitigen erstarken der Dienstleistungsangestelltenschaft, jegliches Klassenbewußtsein verloren.

      Natürlich gibt es noch Klassen, doch ignorieren dies die meisten, sei es aus Eitelkeit (der Dienstleistungsangestellte fühlt sich nicht mit einem Arbeiter auf einer Stufe, auch bei gleichem Einkommen), oder sei es, weil es ihnen eingeredet wurde.
      Möp!

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      • #4
        Nun ja, an dieser einen unerläuterten statistischen Zahl das Fortbestehen von Klassen und des marxschen Klassenkampfes an sich zu schlußfolgern, erscheint mir doch ein wenig gewagt. Zumal du hier einfach Großbürgertum als "Klasse" definierst (davon steht in dem Artikel nichts). Damit man mich nicht falsch versteht: Selbstverständlich existiert in diesem Land krasse und spezifische soziale Ungleichheit (vielleicht mehr als je zuvor). Aber das hat nicht direkt etwas mit der Klassendiskussion zu tun - man könnte das z.B. genausogut auch schichtspezifisch, millieuspezifisch etc. nennen.

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        • #5
          Die Frage sollte eigentlich lauten: "Hat es überhaupt je etwas, wie Klassen gegeben ?". Mit Klassenbegriffen haben z.B. Marx oder Weber versucht soziale Tatbestände (z.B. Benachteiligung von Arbeitern) zu erklären. Der Klassenbegriff ist nur ein Modell, ein stark vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit, denn "Mittelklassen" z.B. Wissenschaftler, kleine Handwerker usw. bleiben in dieser Darstellung unberücksichtigt. In der heutigen Zeit kann der Klassenbegriff noch weniger angewandt werden, als zu Zeiten von Marx. Laut dem Klassenmodell wäre beispielsweise ein Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft Angehöriger des Proletariats.
          Die Idee eines Klassenkampfes in der BRD, ist genauso absurd, wie die eines Generationenkampfes oder eines Aufstandes der Arbeitslosen.
          Mein Profil bei Last-FM:
          http://www.last.fm/user/LARG0/

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          • #6
            Ich denke, das Klassenmodell lässt sich in Zeiten des Neoliberalismus um so besser anwenden.

            Natürlich gibt es kein Industrieproletariat mehr, genausowenig gibt es den Stahlbaron noch.
            Aber dafür gibt es neue Klassenbegriffe:

            -der wirtschaftliche Ausbeuter/die Eigentümer und Manager der Großkonzerne

            -der Mittelstand, die kleinen Handwerker, Landwirtschaftsbetriebe, der leitende Verwaltungsapperat

            -die Ausgebeuteten, kleine Angestellte, Arbeiter, "Dienstleistungssklaven"

            Natürlich existieren auch Ausnahmen, ein Wissentschaftler kann in die oberste, aber auch in die unterste Klasse gehören, aber Interlektuelle bildeten schon immer die Ausnahmen.
            Möp!

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            • #7
              Original geschrieben von Largo Paye
              Der Klassenbegriff ist nur ein Modell, ein stark vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit, denn "Mittelklassen" z.B. Wissenschaftler, kleine Handwerker usw. bleiben in dieser Darstellung unberücksichtigt.
              Wie kommst du darauf? Die Mittelschichten können echt schwer definiert werden, da hier die grösste soziale Mobilität (in beide Richtungen) existiert und ein Grossteil des klassischen Kleinbürgertums, insbesondere der Angestellten inzwischen proletarisiert wurde. Aber die Behauptung, dass das Kleinbürgertum in einer Klassenanalyse nicht berücksichtigt würde, zeigt nur, dass gewisse Personen sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben und noch nie eine marxistische Analyse gelesen haben. Es gibt nicht nur die Arbeiterklasse und die Kapitalisten (Grossbürgertum), sondern eben auch das sehr heterogene (im Gegensatz zu den beiden Hauptklassen) Kleinbürgertum. Chu Chulainn hat schon darauf hingewiesen, dass es schwer einzuordnende Gruppen gibt bzw. Gruppen, die zu verschiedenen Klassen gehören (z.B. Wissenschaftler), aber diese sind kein Argument gegen eine Klassenstruktur.
              Original geschrieben von Largo Paye
              Laut dem Klassenmodell wäre beispielsweise ein Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft Angehöriger des Proletariats.
              Wie bitte? Laut einer häufigen bürgerlichen Definition von "Arbeitnehmer" würde ein Vorstandsvorsitzende zu den "Arbeitnehmern" gehören, weil er ein Gehalt bezieht. Laut einer Klassenanalyse gehört der Vorstandsvorsitzende wegen der Kontrolle von Produktionsmittel zu den Kapitalisten.
              Original geschrieben von Jack Crow
              Zumal du hier einfach Großbürgertum als "Klasse" definierst (davon steht in dem Artikel nichts).
              In dem Artikel steht u.a.:
              Gegen die modische Feuilletonsoziologie der "Zweiten Moderne", die vor lauter Pluralisierung und Individualisierung die harten Tatsachen und "Tiefenstrukturen" sozialer Ungleichheit gar nicht mehr wahrnimmt, zeigt Wehler, dass der "Klassencharakter der Gesellschaft" - trotz egalisierender Trends - nach 1945 keineswegs verschwunden ist.
              Ich könnte noch ein paar Zitate aus diesem einen Artikel suchen.

              Was ist für dich der Unterschied zwischen Schichten, Milieus und Klassen? Verwechselst du hier Klassenbewusstsein und Klassen?
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              • #8
                Nicht falsch verstehen, auch ich sehe in Deutschland große sozioökonomische Ungleichheiten. Mir reicht das Klassenmodell allerdings nicht aus, um soziale Ungerechtigkeit zu erklären.
                Der Vorstandsvorsitzende bleibt schwammig, weil er (laut meiner dummen, kleinkarierten bürgerlichen Annahme) nur in bestimmten Grenzen über Produktionsmittel verfügen darf, auch wenn er den teuersten Anzug trägt. Grundsatzentscheidungen werden in der AG von der Hauptversammlung gefällt, in der zugegebenermaßen wiederum böse Kapitalisten sitzen. Das macht den Aktionär (Oma Meier, Bank XY...) und den Vorstandsvorsitzenden aber nicht weniger glitschig für Klassenmodelle.
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                • #9
                  Also, ich weiß auch nicht so richtig, ob man mit dem Klassenbegriff heute noch so viel anfangen kann. Man kann heute einfach nicht mehr die Gesellschaft in eine Hand voll Klassen einteilen, um gesellschaftliche Probleme zu erklären. Ich denke, dass Millieus und Schichten eher passen.
                  Ein anderes Problem ist wohl auch das Klassenbewusstsein. Denn heute gibt es so etwas kaum noch. Kaum jemand würde sich als Mitglied der Arbeiterklasse bezeichnen und sich mit anderen zusammentun.
                  Naja, heute gibt es eher so was wie Dienstleistungsschichten, Mittelstand, Arbeiterschicht(und diese noch mal unterteilt in ungelernte, gelernte, eliten usw.), Machteliten usw.
                  Wobei diese Einteilung auch nicht immer so viel über die soziale Mobilität und den Lebensverhältnissen sagt. Und wenn es um das Bewusstsein geht, dann schätzen sich ja wohl besonders viele Leute als Mitglied des Mittelstandes ein, weshalb die Politik ja auch gerne Politik für die "neue Mitte" macht.
                  Naja, und dann gibt es ja noch solche Faktoren, wie Bildung, soziales Ansehen, lokale Bedingungen, Erwerbstätigkeit, Gehalt usw.

                  Also bei all dem ist es schwierig noch Klasseneinteilungen durchzunehmen. Wenn man dann noch die Millieus dazu nimmt, dann wird es noch komplizierter, denn heutzutage ist es ja nicht mehr so, dass jeder Malocher aus einem Bergwerk das gleiche macht und jeder Angestellte das gleiche wie jeder andere.
                  Millieus sind vielleicht nicht ganz unabhängig von Schichten, doch sind meist Schichtübergreifend und hauptsächlich vom Bewusstsein, Alter und Ansehen in der Gesellschaft abhängig.

                  Das ganze bedeutet ja nicht, dass es keine großen Unterschiede zwischen arm und reich mehr gebe und auch nicht, dass es vollkommene soziale Mobilität gäbe. Ich glaube nur, dass es heute nicht mehr eine "Klassenkampf" geben kann, wie es Marx im 19. Jahrhundert formuliert hat. Selbst die Gewerkschaften glauben wohl nicht mehr so recht daran. Ich hab das Gefühl, dass nur die FDP an den Klassenkampf glaubt, denn das werfen Westerwelle und Co. doch Gewerkschaften und SPD-Linken vor.

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                  • #10
                    Die klassen im sinne von Proletariat und Fabrikbesitzer gibt es nicht mehr. Es gibt aber immer noch Ausbeuter und Ausgebeutete. Die Ausgebeutetenklasse wird heute durch das altbewährte Brot und Spiele kontrolert. Fernsehen und Konsumgüter sind dieses Heute. Die Unterklasse glaubt, dass es keine Klassen mehr gibt. Der Lebesstandart wird gerade so hoch gehalte, dass es keine Revulution gibt. Dieses Kontrollsysten funktioniert sehr gut, insbesondere beim ungebildeten Teil der Bevölkerung, welcher den Großteil den deutschen Bevölkerung ausmacht. Der kleine Teil der Bevölkerung der dieses Bemerkt ist nicht in der Lage eine Revulution durchzuführen, da sie einfach zu wenige sind.

                    So ist es in Deutschland. Global gesehen gesehen gehören die Deutschen zur Ausbeuterklasse. Wir haben auf Kosten der 3. Welt ein einigermaßen gutes Leben.

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                    • #11
                      Original geschrieben von max

                      In dem Artikel steht u.a.:

                      Ich könnte noch ein paar Zitate aus diesem einen Artikel suchen.

                      Was ist für dich der Unterschied zwischen Schichten, Milieus und Klassen? Verwechselst du hier Klassenbewusstsein und Klassen?
                      Tja, worüber sprechen wir hier mit dem Begriff "Klasse"? Meinen wir den marxschen Begriff oder benutzen wir ihn nur, um Strukturen sozialer Ungleicgheit zu beschreiben? Im letzteren Fall ist es natürlich tatsächlich egal, womit wir "die da unten" und "die da oben" titulieren, im soziologischen Sinne geht das aber nicht so einfach. Der entsprechende Artikel würfelt diese Begriffe dabei tatsächlich wild durcheinander, und argumentiert wohl auch im vorhin letztgenannten Sinne. Aber daß die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" nach Schelsky nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluß ist, ist nun auch nicht soo die Sensation.
                      Wenn ich morgen mal Zeit habe gucke ich dazu mal in meinem Geißler (Rainer, nicht Heiner ) (Die Sozialstruktur Deutschlands).

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                      • #12
                        Ja, ich stimme da Spezies8472 und Jack Crow zu.
                        Also, wenn es nur darum geht, dass es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt, dann kann man dies heute noch lokal, regional und global betrachten wie man will und findet genug solcher Ungerechtigkeiten, doch wie Jack Crow sagt, ist die soziologische Struktur heute weitaus komplizierter und da sollte man sich wohl lieber an modernere Soziologen halten, da sich doch im 20. Jahrhundert ganz schön was getan hat.

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                        • #13
                          Original geschrieben von Jack Crow
                          Tja, worüber sprechen wir hier mit dem Begriff "Klasse"? Meinen wir den marxschen Begriff oder benutzen wir ihn nur, um Strukturen sozialer Ungleichheit zu beschreiben?
                          Es kann sein, dass Wehler den Begriff im letzteren Sinn verwendet, ich habe sein Buch nicht gelesen. Ich meine aber den marxistischen Begriff. Es geht nicht um einfache Beschreibung oder Charakterisierung nach Lebensstil, Einkommen, Bildung oder Status, sondern geht um die Rolle im Produktionsprozess. Ich gebe hier einfach mal die Definition von GEM de Ste Croix wieder:
                          Die Klasse ist der kollektive soziale Ausdruck der Ausbeutung, die Art wie Ausbeutung in die Sozialstruktur eingebettet ist. Mit Ausbeutung meine ich die Aneignung eines Teils der Produkte der Arbeit durch andere: in einer Waren-produzierenden Gesellschaft ist dies die Aneignung dessen, was Marx "Mehrwert" genannt hat.

                          Eine Klasse ist eine Gruppe von Personen in einer Gesellschaft, die durch ihre Stellung im ganzen System der sozialen Produktion gekennzeichnet ist und die in erster Linie durch ihre Verhältnis (hauptsächlich im Sinne des Grads an Besitz und Kontrolle) zu den Produktionsbedingungen (also zu den Produktionsmitteln und den Arbeitskräften) und zu anderen Klassen definiert ist.
                          Es ist natürlich möglich die Gesellschaft weiter zu unterteilen - bis zu den Individuen (Thatcher), ihren gespaltenen Persönlichkeiten oder ihren Zellen, Proteinen, Genen (Zell- bzw. Molekularbiologen). Aber man kann auch den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, weil man sich in den Unterschieden zwischen einzelnen Baumarten verzettelt. Die Arbeiterklasse, wie die anderen Klassen, war noch nie vollkommen homogen und es gab schon oft Versuche ihr Ende durch das Feststellen von Unterschieden innerhalb der Klasse zu erklären. So wurde z.B. vor dem Ersten Weltkrieg behauptet, dass die Arbeiterklasse keine revolutionäre Klasse mehr sei, da ein Teil, die "Arbeiteraristrokratie" (die gewerkschaftlich organisierten Industriearbeiter) gekauft sei. Nur war genau diese Gruppe der Kern der revolutionären Arbeiter in den Revolutionen in Deutschland (1918-23), Italien (1919-21) und Russland (1917). Die Unterschiede in der Arbeiterklasse - z.B. Arbeiter vs. Angestellte, Industrie vs. Dienstleistung, verschiedene Religionen, Herkunft - wurden schon immer benutzt um die ArbeiterInnen zu spalten ("teile und herrsche").

                          Ein weiteres Argument sind die tatsächlichen Änderungen in der Struktur der Klassen. So ist heute die Zahl der ArbeiterInnen in der Industrie als im Dienstleistungssektor. Wenn Arbeiterklasse mit Industriearbeitern fälschlicherweise gleichgesetzt würde, wäre also ein Niedergang festzustellen. Tatsächlich ist die Arbeiterklasse grösser geworden, da die Ausweitung des Dienstleistungssektors mit einer Proletarisierung der dort Beschäftigten einher gegangen ist. Es gibt auch Änderungen innerhalb der Bourgeoisie. Heute gibt fast keine der klassischen Fabrikbesitzer mehr. Die grossen Aktiengesellschaften, insbesondere wenn es einen grossen Anteil von Kleinaktionären ("Oma Meier") gibt, stehen unter der Kontrolle des Vorstands und der Vorstände der Grossaktionäre (z.B. von Grossbanken, Versicherungen). Genauso gibt es Änderungen in der Mittelklasse. Das klassische Kleinbürgertum (selbständige Handwerker etc.) hat an Gewicht verloren. Heute ist ein Grossteil der Mittelklasse abhängig beschäftigt. Sie verfügen aber nicht über das Ausmass der Kontrolle der Produktionsmittel, wie die Kapitalisten, und werden auch nichts so ausgebeutet, wie die Arbeiterklasse. Sie erhalten teilweise sogar Löhne, die über den Wert ihrer Arbeit liegen, und sind somit an der Ausbeutung der Arbeiterklasse beteiligt.

                          Nach 1991 war es modern das Ende des Klassenkampfs zu erklären. Warum überhaupt? Weil die staatskapitalistischen Regime zusammengebrochen sind und diese den Kalten Krieg als Klassenkampf verglorifiziert haben? Ist gehört zu den bitteren Ironien der Geschichte, dass das Ende des Klassenkampfs genau zu einem Zeitpunkt verkündet wurde, als der Kompromiss zwischen den Klassen ("Wohlfahrtsstaat") aufgekündigt wurde und es einen Höhepunkt an Streiks gab (1992 war das Jahr mit der höchsten Streikbeteiligung seit Bestehen der BRD). Wir haben global in den letzten Jahren einen verschärften Klassenkampf gesehen. Überall werden die Errungenschaften der Arbeiterbewegung (Sozialstaat etc.) angegriffen und die Regierungen verteilen den Gesellschaftlichen Reichtum zu den Kapitalisten um. Egal ob SPD, CDU, FDP, PDS (z.B. in Berlin) oder Grüne, alle betreiben Klassenkampf - aber für die Bourgeosie!

                          In der BRD gibt es bisher nur relativ wenig Gegenwehr gegen diesen Klassenkampf von oben, was mit dem geringen Klassenbewusstsein, der geringen politischen Erfahrung und dem Zusammenbruch der reformistischen Linken (in den Gewerkschaften, SPD und Grünen) und dem dadurch entstehenden politischen Vakuum auf der Linken erklärbar ist. Aber in den letzten Jahren konnten wir auch die grossen antikapitalistischen Demos (Seattle, Prag, Genua) sehen, die Vereinigung dieser Bewegung mit der Friedensbewegung, einen Anstieg von Streiks von Schülern und Studenten und vermehrt auch Generalstreiks (z.B. in Frankreich, Italien, Portugal, Griechenland, Spanien). Das geht bis zu einer starken Beteiligung der Arbeiterklasse am Sturz diverser Regierungen, z.B. in Argentinien, Serbien, Bolivien, Georgien. Was heute fehlt ist nicht die Arbeiterklasse an sich, sondern eine politische unabhängige Organisation der Arbeiterklasse.

                          Noch ein Literaturtipp:
                          Arbeiter, Angestellte und neue Mittelklasse. Die Arbeiterklasse: Ende oder Wandel?
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                          • #14
                            @max:
                            Naja, man kann sich die Dinge auch so zurechtlegen, wie man will.
                            Als ich in der unsäglichen Reichswehrdiskussion von vor einem Jahr mal auf Forschungsergebnisse Wehlers zurückgriff, wurde er von dir nur als "sozialdemokratische Sichtweise" zurückgewiesen, um weiterhin sämtliche soziologischen wie auch ideologischen/mentalitätsgeschichtlichen Strömungen in der Geschichtebewertung beiseitezudrängen.
                            Wenn er aber in dein statisches Weltbild zu passen scheint, wird er ganz unkritisch übernommen.

                            Selbstverständlich sind Milieus und Schichten ganz unterschiedliche Dinge, wobei mir die nötige Zeit abgeht, das jetzt alles zu beschreiben.
                            When I was a boy we had a dog. One day, we took it to the park. Our dad had warned us how fast that dog was, but... we couldn't resist.So, my brother took off the leash, and in that instant, the dog spotted a cat. Well, he just sat down, bored. Guess cats weren't his thing.

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                            • #15
                              @Endar: ich hatte schon Jack Crow recht gegeben, dass Wehlers Klassenbegriff sich wohl von meinem marxistischen unterscheidet. Dies ändert aber nicht an der Zahl, dass 83% der Spitzenleute der Wirtschaft aus dem Grossbürgertum stammen. Im übringen ging es bei der Reichswehrdiskussion darum, dass du meiner Meinung nach die Handlung der Generäle nicht in den gesellschaftlichen Kontext gestellst hast, insbesondere nicht auf den Rest der herrschenden Klasse (insbesondere die Industriellen) und das Verhalten der Arbeiterparteien eingegangen bist. Das ist halt das Problem von Detailstudien.
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