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Harry Potter zehn Jahre danach

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    Harry Potter zehn Jahre danach

    Ich habe kurz überlegt, ob ich nicht lieber in den Thread https://www.scifi-forum.de/forum/fil...uf-lange-sicht posten soll, aber da es dort ja mehr um eine Einschätzung geht, wie Harry Potter sich langfristig im kollektiven Gedächtnis halten wird, wohingegen ich lieber meine persönliche Einstellung zu HP darlegen möchte, erlaube ich mir, einen eigenen Thread zu eröffnen. Ist ja nicht, dass hier eine Inflation an neuen Themen herrscht.

    Nun denn, es ist mehr als 20 Jahre her, dass der erste Band von Harry Potter erschienen ist und mehr als zehn Jahre seit dem letzten. Auch die Filme liegen schon wieder ein ganzes Weilchen hinter uns. Ich habe in den letzten Monaten alle sieben Bände von Harry Potter gelesen – zum ersten Mal seit erschienen des letzten Bandes und zum ersten Mal auf Englisch. Die Filme hatte ich zwischenzeitlich natürlich öfters mal gesehen. Im Zuge dessen habe ich mich wieder an den riesigen Hype damals zurück erinnert, der spätestens nach dem dritten Band losging: Massen an Fans, die teils in Verkleidung vor Buchhandlungen campieren, um diese zu Mitternacht zu stürmen. Meines Wissens nach hat die Welt das vorher nicht erlebt und seit dem auch nie wieder. Die Kinofilme waren für uns natürlich ebenfalls alle Pflichtprogramm. Seit 2007 bzw. 2011 ist dann ja weitgehend aus die Maus, die Ableger haben jedenfalls nach meiner Beobachtung nicht ansatzweise die damalige Aufmerksamkeit bekommen.

    Aber gut, hier soll es ja um meine persönliche Einstellung gehen. Ich habe jedenfalls die Bücher im Großen und Ganzen wieder weitgehend so wahrgenommen wie damals, wenngleich viele Details natürlich nicht mehr so im Gedächtnis waren. Auch das eine oder andere Wortspiel kommt im Original natürlicherweise besser rüber als in der deutschen Übersetzung. Zwar hat Frau Rowling ja zumindest im Nachhinein, soweit ich weiß, versucht den Eindruck zu erwecken als sei die Story von Harry Potter von vornherein total durchdacht gewesen – u.a. sei der Epilog schon geschrieben gewesen eher der erste Band in den Bücherregalen gelandet war. Zumindest die ersten beiden Bücher erwecken an keiner Stelle diesen Eindruck. Es sind für mich waschechte Kinderbücher voller Klischees über Zauberer, leicht verdaulich und mit abgeschlossener Geschichte. Zwar fügt sich vieles hinterher in die Gesamtstory ein (z.B. Tom Riddles Tagebuch aus Teil 2, das dann als Horcrux identifiziert wird), aber man muss keinen der beiden wirklich gelesen zu haben, um spätere Teile verstehen zu können.

    Ab dem dritten Band wird es deutlich düsterer und auch komplexer. Wenn man die Bücher hintereinander liest fällt sofort der Stilbruch auf. Der Gefangene von Askaban fühlt sich vom ersten Kapitel an deutlich erwachsener und ernsthafter an als die beiden Vorgänger und das Ende ist dann ja auch – zumindest teilweise – offen. Auch fängt die Autorin hier erstmals an, wenigstens ansatzweise aus den sehr starren gut/böse-Schemata auszubrechen. So wird z.B. Azkaban als extrem grausamer Ort dargestellt. Es gibt ja diesen Spruch „wenn du wissen willst wie zivilisiert eine Gesellschaft ist, dann schau dir ihre Gefängnisse an“ (sinngemäß!) – wenn man den als Maßstab nimmt, bekommt man hier einen ersten Vorgeschmack darauf, dass in der Welt der Zauberer so einiges im Argen liegt. Der Trend setzt sich dann auch fort, wobei der fünfte Band denn auch offenbart, dass sich das Zaubereiministerium auch vor der Machtübernahme durch Ihn, Der Nicht Genannt Werden Darf, als waschechter Nazimethoden bedienen kann. Leider verliert sich das Buch dabei in zu vielen Nebensächlichkeiten. Wie schon damals bei Ersterscheinung gefiel mir der Orden des Phoenix am wenigsten und ich hatte doch öfter mal das Bedürfnis, das Buch am Ende eines Kapitels auch wieder wegzulegen. Zwar mögen die ersten beiden Bücher am „schlechtesten“ sein in dem Sinne, dass sie einfach größtenteils harmlose (um nicht zu sagen: niedliche) Kinderbücher sind – doch diesem Anspruch werden sie vollkommen gerecht. Der fünfte Band mäandert aber zu viel herum und wäre auch mit 200 Seiten weniger ausgekommen.

    Teile sechs und sieben konzentrieren sich dann wieder etwas mehr auf das Wesentliche. Würde ich einen Favoriten wählen müssen, wäre es wohl Band sechs, weil man hier endlich mehr über den Dunklen Lord erfährt, der zwar eine verstörende, aber mE sehr faszinierende Hintergrundgeschichte hat. Der Halbblutprinz bereitet denn auch nahtlos den Weg für das große Finale. Sehr missfallen hat mir jedoch, dass es hierin am Ende darauf hinausläuft, dass Harry und seine Freunde den großen, genialen Masterplan von Albus Dumbledore ausführen – was hanebüchener Weise auch noch mehr oder weniger reibungslos funktioniert. Die Sache mit den Horcruxen, den gespaltenen Seelen, der Verbindung zwischen Harry und Tom (auch über ihre Zauberstäbe) fand ich auf jeden Fall spannend zu lesen. Auch die Heiligtümer des Todes haben mir nicht per se missfallen, wenngleich ziemlich klar war, dass J.K. Rowling sich das erst ausgedacht hat als mindestens der vierte Band schon geschrieben war. Dass aber Dumbledores vorhersehen kann, dass Ron Weasley seine Mitstreiter mal verlassen und dann den Deluminator brauchen würde, um wieder zurückzukommen und sein ganzer Plan letztlich darauf fußt, dass Harry irgendwann erkennt, dass er sich von Voldemort mit dem Todesfluch belegen lassen muss und dazu den im Snitch versteckten Auferstehungsstein brauchen würde, ist mir einfach zu sehr an den Haaren herbei gezogen. Ich konnte keinen rationalen Grund erkennen, dass Dumbledore Harry nicht noch zu Lebzeiten in all seine Erkenntnisse bezüglich des Dunklen Lords und seiner Geheimnisse einweiht. Diese Geheimniskrämerei ist angesichts der Umstände totaler Humbug. Gut getan hat es der Figur Albus Dumbledore gleichwohl, dass sie durch das Aufdecken biografischer Details von einem klischeehaften weisen und etwas schrulligen alten Zauberer zu einer nüchterneren Figur mit menschlichen Schwächen geworden ist. Eine weitere Schwäche des letzten Buches ist zudem, dass der Campingausflug im Mittelteil sich manchmal etwas träge liest und der endgültige Showdown zwischen Harry und seinem Nemesis ist dann doch etwas… bieder. Man läuft ein wenig im Kreis und fertig. Das kam im Film dann doch etwas aufregender rüber – bis auf den eigentlich Tod von Tom Riddle, der wiederum im Buch besser war. Im Film läuft es ja darauf hinaus, dass Harry und Tom mal wieder ihre Zaubersprüche ineinander verkeilen und Tom dann einfach der Saft ausgeht, nachdem Neville Nagini getötet hat. Der Clou, dass der vermeintlich mächtigste Zauberstab einem nichts bringt, wenn er einem nicht gehorcht, gefällt mir viel besser – vor allem, weil es ein schöner Rückgriff auf ein kleines Detail aus dem ersten Band ist: Der Zauberstab wählt den Zauberer, nicht umgekehrt! Der mächtigste Bösewicht aller Zeiten stirbt letztlich aufgrund der recht profanen Wissenslücke, dass Draco Malfoy seinem Schulleiter den Elderstab abgenommen hat, ehe dieser von Severus Snape umgebracht worden ist. Die Wahrnehmung des Epilogs schwankt bei mir zwischen kitischig und überflüssig. Da hätte ich lieber etwas mehr gelesen, was unmittelbar nach dem Kampf um Hogwarts passiert ist. Na gut, so eine große Geschichte zum Abschluss zu bringen, ist auch nicht einfach.

    Insgesamt hat Harry Potter mich auch als Erwachsenen immer noch genauso in seinen Bann gezogen wie als Jugendlichen. Der Drang, nicht mehr mit dem Lesen aufhören zu wollen, wenn man einmal angefangen hat, war auch diesmal von der ersten Minute an da – von unbedeutenden Unterbrechungen abgesehen. Ich bin ziemlich sicher, dass ich die Bücher im Laufe meines Lebens – ich kalkuliere mit der üblichen Lebenserwartung eines gesunden, kräftigen, zeugungsfähigen Deutschen – noch öfter mal wieder aus dem Regal holen werde.

    Was nun die Filme angeht: Ich habe auch sie in den letzten Tage alle nochmal durchgesehen. Ursprünglich hatte ich vor, dass ich hier mal penibel auf die Unterschiede zu den Büchern achte, was ich nun aber doch nicht getan habe. Zum einen sind mir gerade aus den ersten Bänden etliche Details dann doch schon wieder entfallen, zum anderen muss ich nun auch nicht so eine Wissenschaft draus machen. Im Großen und Ganzen sind die Filme mE anständige Umsetzungen der Bücher und zeichnen auch die Entwicklung von der heiteren Kinderstory zum düsteren Widerstandskampf gegen den Faschismus und Rassismus nach. Insbesondere die ersten drei Filme sind sehr nah an der Buchvorlage. Hier ist nach wie vor der dritte Teil mein Favorit. Der vierte Film gefällt mir immer noch nicht, da er mMn an vielen Stellen zu albern ist. Insgesamt merkt man der Filmreihe an, dass es ab dem vierten Teil aufgrund des gewachsenen Umfangs deutlich schwieriger wird, einen Roman in einen zweieinhalbstündigen Film zu quetschen. Die Entscheidung, den letzten Band auf zwei Filme zu verteilen, finde ich hier – anders als bei manch anderem Franchise – absolut gerechtfertigt. Man hätte es evtl. schon früher tun sollen, anfangs war ja sogar beim vierten Teil schon erstmals die Rede davon, dass Buch in zwei Filmen zu machen. Na ja, bei einer Story wie Harry Potter ist das Kino vielleicht auch nicht das richtige Format. HBO, anyone?

    Um den Bogen zum Beginn des Posts zurück zu spannen: Ob Harry Potter gesellschaftlich einen ähnlichen Impact hinterlassen wird wie z.B. Star Wars, also etwas sein wird, was auch in vierzig Jahren noch jedes Kind kennt, vermag ich nicht zu sagen und darum soll es hier auch, wie gesagt nicht gehen: dafür gibt’s ja schon garakvsneelixs Thread. Meine Generation und mich persönlich hat Harry Potter aber auf jeden Fall geprägt. Es war ein – bis heute – einmaliges Phänomen, an das ich – im Gegensatz zu vielem anderen meiner Jugend – nicht nur sehr gerne zurückdenke, sondern es auch ins weitere Leben mitnehme.
    "The only thing we have to fear is fear itself!"

    #2
    Die Bücher habe ich schon etiche Jahre nicht mehr gelesen (nach der Arbeit bin ich meist zu müde um zu lesen, so dass ich mich lieber vom Fernseher berieseln lasse), aber die Filme erst kurz vor "Grindelwalds Verbrechen" in einem Rerun geschaut.

    Potter selbst hat IMO über die Jahre wenig von seiner Faszination verloren. Egal wie vorausgeplant oder nicht, Rowlings Welt gehört sicherlich zu den durchdachtesten Fantasy-Werken überhaupt. Leider können die beiden "Phantastisiche Kreaturen"-Filme dem in keinster Weise gerecht werden, auch wen Rowling hier selbst das Drehbuch geschrieben hat. Diese wirken eher wenig durchdacht (McGonnagal kann ich ja noch verzeihen, aber ein dritter Dumbledore-Bruder geht einfach gar nicht) und etwas lieblos (woher weiß Grindelwald auf einmal von Credence' Herkunft, Queenies Wandel, allgemein erscheint die Story etwas wirr).

    Von dem her schätze ich, es wird wohl wie bei Star Wars bei der OT und der PT sein. Potter ist und bleibt (auch nach 10 Jahren) klasse. Das Weitere (auch "Cursed Child") ist Beiwerk und erreicht nicht den Status, den das "Original" inne hat.

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