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    #31
    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    Und wo findet für dich eine Neubewertung ethischer Normen statt? (...) Reicht eine Wandlung in den Köpfen der Mehrheit nicht?
    Zitat von xanrof
    ... Ich streite aber ab, dass das, was wir in Sozialen Medien bisher beobachten, für eine Anpassung oder Neubewertung ausreicht.
    Der letzte Satz ist eine recht starke Aussage - eine generelle Ablehnung.
    Nochmal in aller Deutlichkeit: Ich beziehe mich hier nur und ausschließlich auf den vorliegenden Fall und die dabei nicht beachteten ethischen Richtlinien.
    Es geht mir ausschließlich darum, dass sich ein Wissenschafter nicht eigenständig über bestehende und bestätigte ethische Grenzen hinweg setzt.
    In diesem Zusammenhang bekräftige ich tatsächlich meinen (von dir erwähnten) Satz. Mit Anpassung oder Neubewertung meine ich die Richtlinien, die diesen Fall betreffen, insbesondere die Pflicht der Forscher zur Information, zur Einholung der Erlaubnis, zur Vermeindung von Schaden, usw. Nicht von dem, was auf FB passiert und wohl auch von Millionen Menschen akzeptiert oder toleriert wird, rechtfertigt, dass sich ein Forscher(team) eigenständig über ethischen Grundregeln hinwegsetzt.

    Hätte man sich an die Regeln gehalten, so hätte man übrigens auch sicher sein können, dass keine Kinder/Jugendliche betroffen sind:"Facebook erklärte am Montag, die Studie habe möglicherweise Nutzer umfasst, die jünger als 18 Jahre waren."

    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    Ich dreh den Spieß mal um: was müßte passieren, daß du für diesen Teilbereich akzeptierst, daß eine gesellschaftliche Neuausrichtung der Normen schon stattgefunden hat?
    Gar nichts müßte passieren, weil ein gesellschaftlicher Wandel (zB bzgl der Bedeutung von Privatsphäre) ja nicht zu übersehen ist. Das habe ich in meinem letzten Beitrag ja schon breit erklärt.
    Aber auch das rechtfertigt nicht das Vorgehen der Forscher.

    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    So völlig richtig. Die kritische Prüfung auf Aktualität erfolgt aber immer nur aus Anlaß. (...)
    Homosexuellen (...)
    Gleichberechtigung/Diskriminierung (...)
    Intoleranz gegenüber Dicken, (...)
    Die ethischen Richtlinien dienen u.a. dem Schutz von Unbeteiligten.
    Bei den von dir genannten Beispielen von Diskriminierung wehren sich Betroffene oder deren Unterstützer aus eigenen Stücken, um gegen die vorherrschende Diskriminierung und "falschen" ethischen Ansichten anzukämpfen. Insofern passen diese Beispiele nicht.
    Im vorliegenden Fall wußten die Betroffenen (darunter möglicherweise Minderjährige) noch nicht mal, dass sie Teil eines Experimentes waren, bei dem sie manipuliert wurden. Also können sie sich auch nicht dagegen wehren. Dieses Recht wurde ihnen vorenthalten.
    Zu deren Schutz gibt es die ethischen Richtlinien.

    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    Das macht die Gruppe der Kritiker zur neuen Minderheit. (...) Und dann beginnt man, wie vorher andere Minderheiten, darauf aufmerksam zu machen, daß etwa so nicht sein sollte, daß Grundrechte (die einem selbst anscheinend wichtiger sind als der Mehrheit) verletzt werden, usw.
    An der Stelle kämpft man schon zurück und die Neubewertung hat in den Köpfen schon stattgefunden - sie ist halt nur noch nicht von "Autoritätenseite" abgesegnet worden.
    Oder es verläuft genau anders herum.
    Beispiel: Mit der Allmacht von Google hatte man sich auch schon abgefunden. Es gab nur wenig Kritik von einigen Vertretern der "Netzgemeinde" (blödes Wort).
    Nach deiner Argumentation müsste nun auch hier ein Wertewandel eingesetzt haben, der es rechtfertige, ethische Grenzen dahingehend zu verschieben, dass zB die berüchtigten Suchvorschläge in der heutigen Zeit "normal" seien, soll heißen, dass man auf ewig mit "falschen" Suchvorschlägen leben müsse, nachdem der böse Nachbar ein fieses und falsches Gerücht in die Welt setzte. Ausser einigen wenigen (!) Leuten hat sich ja schließlich niemand dagegen gewehrt.
    Und doch hat der EuGH festgestellt, dass es ein "Recht auf Vergessen" gibt. Und plötzlich gibt es so viele, die dieses Recht nutzen, dass Google nicht mit der Abarbeitung hinterherkommt.


    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    solide wissenschaftliche Arbeit war das damit doch in der Summe dann wohl eher nicht
    Ne, "solide" aus fachlich-methodischer Sicht war das scheinbar auch nicht, was ich so lese. Aber zur Methodik in Psychologie und Sozialwissenschaften will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Da kenn ich mich nicht aus.

    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    Zitat von xanrof
    Auch hier wieder (wie oben): Wenn ein überragendes Interesse gäbe, dass die Forschungsergebnisse wahrscheinlich in hohem Maße dem Allgemeinwohl dienen, dann könnte ein solches Experiment gerechtfertigt sein.
    Da fehlt entweder ein "nicht" oder du ruderst zurück. Denn eine Ethik, die das Allgemeinwohl doch über das Leid Einzelner stellt, ist nicht fleckenfrei.
    Da fehlt kein "nicht" und ich widerspreche mich nicht. Ob bei der Bewertung von ethischen Grenzen in der Wissenschaft oder zB bei der Abwägung von verschiedenen Grundrechten durch ein Verfassungsgericht: Es wird immer jemanden geben, der dann im Nachteil ist. Das macht diese Entscheidungen so schwierig.
    Und das ist ein weiterer Grund, warum ein beteiligter Forscher so eine Entscheidung nicht treffen sollte. Das Mindeste ist eine (bzgl der strittigen Forschung) neutrale Gruppe oder Kommission.

    Im o.g. Artikel in der "Welt" steht übrigens auch, dass die Forscher wohl gelogen haben:
    ... Bedenken seien aber verflogen, nachdem die Autoren versichert hätten, die Studie bedürfe keiner vollständigen Überprüfung durch eine entsprechende Kommission der Universität, da sie auf "bereits existierenden" Daten beruhe. (...) "Es machte den Eindruck, als ob Facebook diese Daten bereits vorliegen", sagt Fiske.
    => Facebook hat diese Daten aber erst für diese Studie gesammelt.


    Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
    Darum diskutieren hier ein paar Leute, die keinen Zugiff haben, in der Hoffnung, ein paar von denen, die was ändern könnten, zu überzeugen
    Das ist allerdings wahr.
    Zuletzt geändert von xanrof; 02.07.2014, 01:11.
    .

    Kommentar


      #32
      Zitat von xanrof Beitrag anzeigen
      Nochmal in aller Deutlichkeit: Ich beziehe mich hier nur und ausschließlich auf den vorliegenden Fall und die dabei nicht beachteten ethischen Richtlinien.
      Es geht mir ausschließlich darum, dass sich ein Wissenschafter nicht eigenständig über bestehende und bestätigte ethische Grenzen hinweg setzt.
      In diesem Zusammenhang bekräftige ich tatsächlich meinen (von dir erwähnten) Satz. Mit Anpassung oder Neubewertung meine ich die Richtlinien, die diesen Fall betreffen, insbesondere die Pflicht der Forscher zur Information, zur Einholung der Erlaubnis, zur Vermeindung von Schaden, usw. Nicht von dem, was auf FB passiert und wohl auch von Millionen Menschen akzeptiert oder toleriert wird, rechtfertigt, dass sich ein Forscher(team) eigenständig über ethischen Grundregeln hinwegsetzt.

      Hätte man sich an die Regeln gehalten, so hätte man übrigens auch sicher sein können, dass keine Kinder/Jugendliche betroffen sind:"Facebook erklärte am Montag, die Studie habe möglicherweise Nutzer umfasst, die jünger als 18 Jahre waren."
      Ja, es ist gut das wenigstens von einigen Seiten weiter gebuddelt wird und mehr Informationen über das Ausmaß ans Licht kommen; ändert aber nichts daran, daß du aus diesem Fall für die ethische Bewertung den Umstand facebook ausklammern willst. Stand jetzt war die Situation für die Forscher doch so:

      1. facebook hat ein wissenschaftliches Team um Datenauswertung gebeten
      2. Dieses Team hatte Bedenken
      3. Die Nachfragen wurden jedoch von facebook mit Hinweisen auf die "gängige Praxis" zerstreut
      4. Es wurde ausserdem der Eindruck erweckt, die Daten sein eh schon da (wie du weiter unten anführst)

      Den Anspruch, den von dir genannten ethischen Richtlinien zu folgen, kannst du unter Ausklammerung von facebook nur an das Auswertungsteam haben. Alle bei facebook arbeitenden und mit der Forsche befassten Mitarbeiter sind unter Ausklammerung von facebook raus. In dieser Situation - vor allem unter dem Eindruck, die Daten wären schon existent - hätte das Team doch nur noch einen bezahlten Auftrag ablehnen können, um den von dir verlinkten Ansprüchen gerecht zu werden.

      Klingt man facebook als das, was es ist, jetzt aber wieder ein, kann der Verweis auf die gängige Praxis aber auch so gewertet werden: "Wir machen das öfter, wir dürfen daß, die User haben da zugestimmt" - was zwar explizit für das Experiment (damals vielleicht noch) nicht passte, aber mit Verweis/unter Ausdehnung der Nutzerbedingungen eben doch "irgendwie" von den Nutzern abgesegnet war. Analog dazu würdest du jede Forschung am Menschen als "unethisch" deklarieren, in der die "Freiwilligen" eben gar nicht so freiwillig da sind, sondern die finanzielle Entschädigung dringend brauchen - in der Pharma-Industrie nicht unüblich, da addiert sich dann noch die Gruppe der Schwerkranken hínzu, die das experimentelle Medikament als letzte Hoffnung sehen. Ist das so?

      Gar nichts müßte passieren, weil ein gesellschaftlicher Wandel (zB bzgl der Bedeutung von Privatsphäre) ja nicht zu übersehen ist. Das habe ich in meinem letzten Beitrag ja schon breit erklärt.
      Aber auch das rechtfertigt nicht das Vorgehen der Forscher.
      Weil dieser Wandel und seine Auswirkung auf ethische Normen noch nicht von einer bestimmten Kommission angenommen und schriftlich notiert wurde?

      Die ethischen Richtlinien dienen u.a. dem Schutz von Unbeteiligten.
      Bei den von dir genannten Beispielen von Diskriminierung wehren sich Betroffene oder deren Unterstützer aus eigenen Stücken, um gegen die vorherrschende Diskriminierung und "falschen" ethischen Ansichten anzukämpfen. Insofern passen diese Beispiele nicht.
      Du deutest die Beispiele falsch. Die genannten Gruppen stehen nicht für die betroffenen Facebook-User, die jetzt scheinbar von uns verteidigt werden, weil sie selbst nichts tun. Die Beispiele stehen für die nicht-User von facebook und Social Media, die anhand solcher Vorfälle klarmachen, daß sie diese Richtung unerträglich finden und das dort zurück zu alten ethischen Maßstäben gefunden werden muss. Leute wie du und ich sind diese Minderheit. Und natürlich wir den Vorfall für die 700.000 Betroffenen schlimm, aber wir kämpfen auch für den Erhalt und die Validität unserer ethischen Maßstäbe.

      Im vorliegenden Fall wußten die Betroffenen (darunter möglicherweise Minderjährige) noch nicht mal, dass sie Teil eines Experimentes waren, bei dem sie manipuliert wurden. Also können sie sich auch nicht dagegen wehren. Dieses Recht wurde ihnen vorenthalten.
      Zu deren Schutz gibt es die ethischen Richtlinien.
      Doch, sie hätten sich wehren können: EULA lesen, verstehen, ablehnen und eben nicht Teil der facebook-Herde werden. Vor facebook wird seit Entstehung immer wieder gewarnt, es wird immer wieder darauf hingewiesen, wie User mit der "Teilnahme" "freiwillig" auf Grundrechte verzichten. An sowas wie den vorliegenden Fall haben selbst die meisten Zynikernicht geglaubt, aber Warnungen waren da. Kampagnen, die im Netz klar machen wollen, daß der User bei facebook nicht Kunde, sondern Ware ist, gibt es zahlreiche. Und auch nachdem jetzt klar ist, was alles bei facebook möglich ist, bleibt die Gegenwehr aus. In der Summe deutet das sehr darauf hin, daß die Opfer, die wir sehen, sich eben nicht als Opfer fühlen. Ob man das jetzt auf eine Umorientierung in den ethischen Grundwerten zurükcführen möchte oder die Opfer auf eine Stufe mit Opfern als Abhängige einer Droge gleichsetzt, ist dann Ansichtssache. Von Fall zu Fall gilt mal das eine, mal das Andere

      Oder es verläuft genau anders herum.
      Beispiel: Mit der Allmacht von Google hatte man sich auch schon abgefunden. Es gab nur wenig Kritik von einigen Vertretern der "Netzgemeinde" (blödes Wort).
      Nach deiner Argumentation müsste nun auch hier ein Wertewandel eingesetzt haben, der es rechtfertige, ethische Grenzen dahingehend zu verschieben, dass zB die berüchtigten Suchvorschläge in der heutigen Zeit "normal" seien, soll heißen, dass man auf ewig mit "falschen" Suchvorschlägen leben müsse, nachdem der böse Nachbar ein fieses und falsches Gerücht in die Welt setzte. Ausser einigen wenigen (!) Leuten hat sich ja schließlich niemand dagegen gewehrt.
      Und doch hat der EuGH festgestellt, dass es ein "Recht auf Vergessen" gibt. Und plötzlich gibt es so viele, die dieses Recht nutzen, dass Google nicht mit der Abarbeitung hinterherkommt.
      Und genau dieses Urteil wurde auch sehr zwiespältig diskutiert, den im vorliegenden Fall war es ja eine echte Information und keine Falschbehauptung, die zu dem Problem führt, das man in der Nähe von Zensur ist. Gleichzeitig gab es gestern ein interessantes Urteil zur Verbreitung von Unwahrheiten über das Internet:

      Anonymität im Netz gestärkt | NWZonline

      Solange der beleidigende Strafbestand nicht erfüllt ist, muß die Quelle gar nichts ändern. Das gleiche Problem gibt's auch beim google-Urteil: Hier wurde plötzlich die Instanz in die Pflicht genommen, die für die Inhalte gar nichts kann. Es bleibt der Eindruck, daß der EuGH gegen google stichelt, wo man treffen kann - die Handelsware bleibt mit dem Urteil aber unangetastet, denn die wird über google-analytics auf den besuchten Websites erstellt. Und die Möglichkeit, aus eben den "Löschanträgen" eine schwarze Datenbank zu machen, hast du im Thread über das Urteil selbst erstellt. Und eine Form von Datenbank muß google für diesen Filter ja eh schon anlegen, die Datensammlung ist damit erlaubt; zur Nachvollziehbarkeit im Filter, auf welchen Antrag hin das Filterkriterium hinzugefügt wurde, wird wohl auch eine auf Person oder Antrag zurückzuführende Kennung erlaubt sein.... Für mich steht da eine Mindeheit, die Steine auf eine Panzerkolonne schmeißt, und die höhnisch mitgeteilt bekommen "Der letzte Stein war aber schön geformt, dafür schießen wir jetzt nicht auf eure Dorfkirche" Die Summe der Filterungen steht doch immer noch in einem guten Verhältnis zu den täglichen Suchanfragen und damit zu den gesammelten Userdaten.

      Ne, "solide" aus fachlich-methodischer Sicht war das scheinbar auch nicht, was ich so lese. Aber zur Methodik in Psychologie und Sozialwissenschaften will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Da kenn ich mich nicht aus.
      Kernproblem ist dabei halt, daß von vornerein ein Firmeninteresse und kein Forschungsauftrag im Vordergrund stand.

      Da fehlt kein "nicht" und ich widerspreche mich nicht. Ob bei der Bewertung von ethischen Grenzen in der Wissenschaft oder zB bei der Abwägung von verschiedenen Grundrechten durch ein Verfassungsgericht: Es wird immer jemanden geben, der dann im Nachteil ist. Das macht diese Entscheidungen so schwierig.
      Und das ist ein weiterer Grund, warum ein beteiligter Forscher so eine Entscheidung nicht treffen sollte. Das Mindeste ist eine (bzgl der strittigen Forschung) neutrale Gruppe oder Kommission.
      Die gibt's dich im vorliegenden Szenario nicht. Da klappert facebook mit einer großen Brieftasche einige Auswertungslabore ab und beschwichtigt kritische Rückfragen mit "das machen wir eh so", "das steht in den Nutzungsbedingungen" und anscheinend auch "gesammelt sind die Daten eh schon". Das ist keine Ausschreibung an der Uni Cornell mit dem Wunsch nach Versuchsmodell "Befragung nicht-Eingweihter" gewesen, die Kohle wäre einfach woanders gelandet.

      Im o.g. Artikel in der "Welt" steht übrigens auch, dass die Forscher wohl gelogen haben: => Facebook hat diese Daten aber erst für diese Studie gesammelt.
      Oder die Forscher wurden von facebook bezüglich dessen angelogen und geben das nur so weiter. Schöner Artikel übrigens, er geht gleich am Anfang Richtung wesentliches Problem: Die Beziehung zwischen Wirtschaft/Kapitalförderung und Forschung - und er geht auch darauf ein, das wegen der Verbreitung dieser Praxis der ethische Aufschrei hinterfragt werden muss. Für deine Position heißt das mehr oder weniger: Zwar sind jetzt alle betroffen und denken, einige gängige Praxen müssen überdacht werden, aber das passiert eben auch jetzt im öffentlichen Interesse. Das ähnliche Vorgänge früher eben ohne Betroffenheit so durchgezogen wurden, bringt die Diskussion zu meiner Position: Sind ethische Vorgaben, weil sie niedergeschrieben sind, der geistigen, abweichenden Position der Mehrheit vorrangig? Denn das wird doch beschrieben, wenn man sagt, diese Praxen sind gängig: Eine große Zahl ähnlicher Vorfälle hat stattgefunden, ohne eben diese ethische Diskussion anzustoßen - nach der "Papier ist geduldig"-Mentalität. Interessant auch:

      Zitat von Die Welt
      Die Universität Cornell veröffentlichte eine Stellungnahme auf ihrer Webseite, in der es heißt, die Überprüfungskommission habe die Studie nicht überprüfen müssen, da die Forscher nur Zugang zu den Ergebnissen, nicht aber zu Nutzerdaten hatten.
      Speziell facebook ist es da zuzutrauen, diese bestimmte Form der Datenlieferung gewählt zu haben, um die Prüfungskommission außen vor zu halten und das Forschungsteam eben vom "Ballast" der ethischen Frage zu befreien. Übrigens beantwortet der Artikel seine als Titel gestellte Frage nicht; vielmehr werden Tendenzen und Standpunkte in dieser Frage dokumentiert und in den wenigsten Fällen kommentiert. "Böse" Menschen würden sagen: Wenn selbst "Die Welt" sich nicht traut, mit erhobenem Zeigefinger voran in die facebook-Schelte einzusteigen, besteht wohl tatsächlich eine große Unsicherheit über den momentanen moralischen Kompaß in unserer Gesellschaft.

      Das ist allerdings wahr.
      Zum Glück Aber das Verpuffen der Entrüstung und die einsetztende Erkenntnis, daß im Bereich Forschung wohl schon länger was falsch läuft machen wenig Hoffnung. Sollte das Ergebnis der im Artikel angesprochenen Neubewertung des Verhältnis zwischen Wirtschaft und Forschung ein sehr weicher Kompromiss werden, weiß man wenigstens genauer über den eingeschlagenen Kurs Bescheid.

      Zusammenfassend kann ich nur sagen, daß du dir für deine Diskussionsposition mMn keinen Gefallen tust, wenn du versuchst, facebook auszuklammern. Abgesehen davon, daß facebook eben mit seiner Position innerhalb Social Media eben auch ein Synonym für die veränderte Wertung bezüglich einiger Grundrechte ist, ist es eben auch nur der - zum Glück noch - eh umstrittenen Position von facebook zu verdanken, daß eben der Verfall ethischer Normen in der Forschung - und ich benutze das Wort Verfall, weil ich weiß, daß auch du diese Richtung nicht gut findest - jetzt diskutiert wird. Ein Miniprojekt, bei dem ohne Zustimmung mit Menschen experimentiert würde, die bei der Heilsarmee essen - 10 bekommen ihr Essen garniert und damit "besser" hergerichtet als der Rest, begleitet von netten Worten, 10 bekommen ihr Essen "verpampt" und damit "schlechter" hergerichtet als der Rest, begleitet von "los weiter" oder "beeil dich doch mal" usw, Auswirkung auf Stimmung und Appetit-Verhalten, alle 20 nicht eingeweiht - hätte den Fokus nicht darauf gelenkt. Ebenso spielt der Faktor "Fremdinitiierung" für mich eine wichtige Rolle; ein paar - selbst als Beste des Jahrgangs - Psychologie- oder Soziologiestudenten hätten sich bei einem Modell für die Abschlußprüfung diesen Ansatz nicht getraut; die durchführenden Forscher jedoch saßen auch in einer "ethisch komfortablen" Position, die auch gerne Objekt psychologisher Studien ist: man kann bei der Verantwortung eben den Auftragsgeber mit ins Boot holen, das gern gewählte "Nur Anweisungen befolgt"-Szenario (Ja, eigentlich sollten Forscher aus diesem Fachbgebiet den Effekt besonders bemerken - sind aber auch nur Menschen)
      Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

      "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

      Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

      Kommentar


        #33
        Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
        Stand jetzt war die Situation für die Forscher doch so:
        1. facebook hat ein wissenschaftliches Team um Datenauswertung gebeten
        2. Dieses Team hatte Bedenken
        3. Die Nachfragen wurden jedoch von facebook mit Hinweisen auf die "gängige Praxis" zerstreut
        4. Es wurde ausserdem der Eindruck erweckt, die Daten sein eh schon da (wie du weiter unten anführst)
        Nicht ganz. Stattdessen:

        1. Facebook hat eine Idee für ein wissenschaftliches "Projekt" und sucht um Zusammenarbeit mit einem wissenschaftliches Team zwecks Datenauswertung.
        2. Das Wissenschafter-Team hatte keine Bedenken, oder diese wurden von FB ausgeräumt.
        3. Die Forscher entwerfen das Szenario des Experimentes.
        4. FB führt das Experiment durch, bearbeitet (u.a. anonymisiert) die Rohdaten und gibt sie an die Forscher.
        5. Die Forscher werten aus und (wollen) publizieren.
        6. Eine Redakteurin der Fachzeitschrift hat ethische Bedenken und fragt kurz per Email bei den Forschern nach. Die Forscher behaupten, dass FB das eh schon die ganze Zeit mache und die Daten bereits vor Beginn des Projektes bei FB vorgelegen haben sollen, daher sei keine unabhängige ethische Prüfung notwendig.
        7. Die Redakteurin gibt sich zufrieden, der Artikel wird veröffentlicht.

        Den Anspruch, den von dir genannten ethischen Richtlinien zu folgen, kannst du unter Ausklammerung von facebook nur an das Auswertungsteam haben. Alle bei facebook arbeitenden und mit der Forsche befassten Mitarbeiter sind unter Ausklammerung von facebook raus. In dieser Situation - vor allem unter dem Eindruck, die Daten wären schon existent - hätte das Team doch nur noch einen bezahlten Auftrag ablehnen können, um den von dir verlinkten Ansprüchen gerecht zu werden.
        Ja, ja und ja.

        Klingt man facebook als das, was es ist, jetzt aber wieder ein, kann der Verweis auf die gängige Praxis aber auch so gewertet werden: "Wir machen das öfter, wir dürfen daß, die User haben da zugestimmt" - was zwar explizit für das Experiment (damals vielleicht noch) nicht passte, aber mit Verweis/unter Ausdehnung der Nutzerbedingungen eben doch "irgendwie" von den Nutzern abgesegnet war.
        Das Problem ist doch zunächst mal, dass kein Mensch die Nutzerbedingungen liest (aus welchen Grüunden auch immer, zB schlechte Lesbarkeit). FB hätte da reinschreiben können, was sie wollen.
        Doch da hätten die Forscher das erste Mal bereits zögern müssen. In den Ethischen Richtlinien heißt es eindeutig: "Solche Einwilligungserklärungen basieren stets auf einer Aufklärung über das Forschungsvorhaben, die in verständlicher Form dargeboten wird." (Unterstreichung von mir) Das kann man von den Facebook-Nutzerregeln nun wirklich nicht behaupten. Jedem Forscher, der ausreichend über die mögliche Einhaltung der Ethikregeln nachgedacht hat, hätte das klar sein müssen.
        Kurz: Es gab nicht einen Grund, weswegen die Forscher hätten annehmen können, dass irgendwelche Nutzer über irgendwas informiert seien.

        Analog dazu würdest du jede Forschung am Menschen als "unethisch" deklarieren, in der die "Freiwilligen" eben gar nicht so freiwillig da sind, sondern die finanzielle Entschädigung dringend brauchen - in der Pharma-Industrie nicht unüblich, da addiert sich dann noch die Gruppe der Schwerkranken hínzu, die das experimentelle Medikament als letzte Hoffnung sehen. Ist das so?
        Das läßt sich nicht so einfach beantworten, denn es kommt auf die weiteren Umstände an.
        In den meisten westlichen Ländern gibt es doch irgendeine Form von Notversorgung. Niemand ist idR unmittelbar vom Tode bedroht, daß er jetzt absolut zwingend bei Experimenten mitmachen müßte. Aber ich räume ein: Es ist moralisch zumindest problematisch, wenn jemand aus Geldnot heraus zustimmt, bei Experimenten mitzumachen.
        Ganz anders und eindeutig ist der Fall, wenn es absolut keine Alternativen gibt (fehlende Sozialsysteme) oder die Teilnahme sogar durch staatliche Instanzen erzwungen würde. Ich erinnere an die Medikamententests "westdeutscher" Pharmafirmen an DDR-Häftlingen. Das ist unethisch und dazu kriminell.

        Du deutest die Beispiele falsch. Die genannten Gruppen stehen nicht für die betroffenen Facebook-User, die jetzt scheinbar von uns verteidigt werden, weil sie selbst nichts tun. Die Beispiele stehen für die nicht-User von facebook und Social Media, die anhand solcher Vorfälle klarmachen, daß sie diese Richtung unerträglich finden und das dort zurück zu alten ethischen Maßstäben gefunden werden muss.
        Ah, dann ok.

        An sowas wie den vorliegenden Fall haben selbst die meisten Zynikernicht geglaubt, aber Warnungen waren da. Kampagnen, die im Netz klar machen wollen, daß der User bei facebook nicht Kunde, sondern Ware ist, gibt es zahlreiche. Und auch nachdem jetzt klar ist, was alles bei facebook möglich ist, bleibt die Gegenwehr aus.
        Na, mal sehen.
        Die britische Datenschutzbehörde hat sich in den Fall eingeschaltet (sz.de) und Ermittlungen aufgenommen. Nicht, dass ich da jetzt viel Hoffnung hätte, aber es erzeugt Druck auf FB - und es ist eine weitere Meldung in den Medien, die vielleicht jemanden aufhorchen läßt.

        In der Summe deutet das sehr darauf hin, daß die Opfer, die wir sehen, sich eben nicht als Opfer fühlen.
        Also zunächst mal weiss ein "Opfer" gar nicht, das es betroffen ist, weil es nicht informiert wurde.
        Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, nicht sehr hoch (700000 im Vgl. zu 1.4 Mrd Nutzer weltweit (März 2014), davon sicherlich die meisten englischsprachig).
        Dafür aber erhebt sich schon ein beträchtlicher und merklicher Widerstand und Aufschrei.
        Das finde ich schon bedeutsam.

        Gleichzeitig gab es gestern ein interessantes Urteil zur Verbreitung von Unwahrheiten über das Internet: Anonymität im Netz gestärkt | NWZonline
        Solange der beleidigende Strafbestand nicht erfüllt ist, muß die Quelle gar nichts ändern.
        In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Tenor des Urteils (legale Meinungsäußerung muss anonym gewährleistet sein) bereits vor Jahren (2006) von den Vereinten Nationen so veröffentlich wurde. Dabei ging es zwar um die Impressums-Pflicht bei Webseiten, aber der hervorgehobene Satz ist schon eindeutig:
        Die Vereinigten Nationen haben beschlossen, die Impressumspflicht weltweit aufzuheben. Zur Begründung heißt es, die Meinungsfreiheit sei ein Menschenrecht. (...)
        Die Identifizierungspflicht für Meinungen sei ein Merkmal von Diktaturen, heißt es weiter.
        Schon komisch, dass wir in Deutschland immer noch die Impressumspflicht bei Webseiten haben?
        Ok, aber das gehört nicht wirklich hierher.


        ... wegen der Verbreitung dieser Praxis der ethische Aufschrei hinterfragt werden muss. Für deine Position heißt das mehr oder weniger: Zwar sind jetzt alle betroffen und denken, einige gängige Praxen müssen überdacht werden, aber das passiert eben auch jetzt im öffentlichen Interesse. Das ähnliche Vorgänge früher eben ohne Betroffenheit so durchgezogen wurden, bringt die Diskussion zu meiner Position:
        Sind ethische Vorgaben, weil sie niedergeschrieben sind, der geistigen, abweichenden Position der Mehrheit vorrangig?
        Das kommt auf die Vorgabe an. Auch das Grundgesetz beinhaltet ethische Vorgaben. Du stimmst doch sicher zu, dass das GG gilt, bis es vom Parlament geändert wird?

        Übrigens beantwortet der Artikel seine als Titel gestellte Frage nicht; vielmehr werden Tendenzen und Standpunkte in dieser Frage dokumentiert und in den wenigsten Fällen kommentiert. "Böse" Menschen würden sagen: Wenn selbst "Die Welt" sich nicht traut, mit erhobenem Zeigefinger voran in die facebook-Schelte einzusteigen, besteht wohl tatsächlich eine große Unsicherheit über den momentanen moralischen Kompaß in unserer Gesellschaft.
        Oder die "Welt"-Autoren wissen gut zwischen Artikel und Kommentar zu unterscheiden.

        Zusammenfassend kann ich nur sagen, daß du dir für deine Diskussionsposition mMn keinen Gefallen tust, wenn du versuchst, facebook auszuklammern. Abgesehen davon, daß facebook eben mit seiner Position innerhalb Social Media eben auch ein Synonym für die veränderte Wertung bezüglich einiger Grundrechte ist, ...
        Grundrechte? Welche denn?
        (=>Grundrechte schützen vor Missbrauch durch staatliche Gewalt.)

        Ansonsten klammere ich FB ja nicht generell aus, denn es gehört sicher eindeutig zum vorliegenden Fall dazu. Was ich allerdings mache, ist die starke Position ethischer Richtlinien in der Wissenschaft zu verteidigen. Ich spreche ihnen eine allgemeine Gültigkeit zu, so das stets der Forscher in der Pflicht steht, die Einhaltung zu überprüfen - und zwar unabhängig davon, wie das Forschungsprojekt zustande kam (Finanzierung, etc.).

        ist es eben auch nur der - zum Glück noch - eh umstrittenen Position von facebook zu verdanken, daß eben der Verfall ethischer Normen in der Forschung - und ich benutze das Wort Verfall, weil ich weiß, daß auch du diese Richtung nicht gut findest - jetzt diskutiert wird.
        Ja, da stimme ich zu.
        Mit dem Aufkeimen der öffentlichen Diskussion ist das Mindeste erreicht worden. Ob sich noch mehr tut, werden wir in der nächsten Zeit sehen.
        Zuletzt geändert von xanrof; 02.07.2014, 17:31.
        .

        Kommentar


          #34
          Zitat von xanrof Beitrag anzeigen
          Nicht ganz. Stattdessen:

          1. Facebook hat eine Idee für ein wissenschaftliches "Projekt" und sucht um Zusammenarbeit mit einem wissenschaftliches Team zwecks Datenauswertung.
          2. Das Wissenschafter-Team hatte keine Bedenken, oder diese wurden von FB ausgeräumt.
          3. Die Forscher entwerfen das Szenario des Experimentes.
          4. FB führt das Experiment durch, bearbeitet (u.a. anonymisiert) die Rohdaten und gibt sie an die Forscher.
          5. Die Forscher werten aus und (wollen) publizieren.
          6. Eine Redakteurin der Fachzeitschrift hat ethische Bedenken und fragt kurz per Email bei den Forschern nach. Die Forscher behaupten, dass FB das eh schon die ganze Zeit mache und die Daten bereits vor Beginn des Projektes bei FB vorgelegen haben sollen, daher sei keine unabhängige ethische Prüfung notwendig.
          7. Die Redakteurin gibt sich zufrieden, der Artikel wird veröffentlicht.
          War der Ablauf tatsächlich so?
          Zumindest bei 3) hatte ich den Eindruck, daß facebook da doch wenigstens Mitsprache-Recht, wenn nicht sogar Vorgabe-Einfluß hatte.

          ....Das Problem ist doch zunächst mal, dass kein Mensch die Nutzerbedingungen liest (aus welchen Grüunden auch immer, zB schlechte Lesbarkeit). FB hätte da reinschreiben können, was sie wollen.
          Doch da hätten die Forscher das erste Mal bereits zögern müssen. In den Ethischen Richtlinien heißt es eindeutig: "Solche Einwilligungserklärungen basieren stets auf einer Aufklärung über das Forschungsvorhaben, die in verständlicher Form dargeboten wird." (Unterstreichung von mir) Das kann man von den Facebook-Nutzerregeln nun wirklich nicht behaupten. Jedem Forscher, der ausreichend über die mögliche Einhaltung der Ethikregeln nachgedacht hat, hätte das klar sein müssen.
          Kurz: Es gab nicht einen Grund, weswegen die Forscher hätten annehmen können, dass irgendwelche Nutzer über irgendwas informiert seien.
          Hier weise ich nochmal darauf hin, daß - eventuell bewusst - eine Form gewählt wurde, die nicht von der Prüfungskommission abgesegnet werden mußte. Die Situation, in einer Befehlskette zu stecken, weicht eigene ethische Ansprüche sehr oft auf. Wenn die ausführenden/auswertenden Forscher von der Art sind, die einfach mal "macht" und bei eventuellen ethischen Problemen akzeptiert, von der Kommission zurückgepfiffen zu werden, haben die sozusagen ihr Gewissen schon vor einiger "outgesourcet" Fatal dabei ist, daß es sich eben um eine Forschergruppe handelt, die genau diesen Effekt aus ihrer Forschung (er-)kennen sollte. Die Ethik hinter dem gesamten Versuchsaufbau ist ja innerhalb der Forschung/Wissenschaft-Sektion ja sogar zweimal nicht ausreichend hinterfragt worden - beim Versuchsaufbau bzw der Zustimmung/Akzeptanz desselben und bei der wissenschaftlichen Redaktion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Das läßt sich mMn halt besser mit einer Gewöhnung an den Einfluß der Geldgeber und deren "Recht" zum Override ethischer Normen begründen als mit einer einmaligen, zufällig doppelten Betriebsblindheit. Der "Wahnsinn" hat, wie auch der von dir verlinkte Artikel nahelegt, schon länger Methode.

          ....Die britische Datenschutzbehörde hat sich in den Fall eingeschaltet (sz.de) und Ermittlungen aufgenommen. Nicht, dass ich da jetzt viel Hoffnung hätte, aber es erzeugt Druck auf FB - und es ist eine weitere Meldung in den Medien, die vielleicht jemanden aufhorchen läßt.
          Die Hoffnung stirbt zuletzt. Problem dabei ist aber, daß dabei weder im Heimatland des Unternehmens (USA) noch im europäischen Stammsitz (Irland) ermittelt wird. Eine juristische Belangung bleibt da leider unwahrscheinlich.

          Also zunächst mal weiss ein "Opfer" gar nicht, das es betroffen ist, weil es nicht informiert wurde.
          Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, betroffen zu sein, nicht sehr hoch (700000 im Vgl. zu 1.4 Mrd Nutzer weltweit (März 2014), davon sicherlich die meisten englischsprachig).
          Dafür aber erhebt sich schon ein beträchtlicher und merklicher Widerstand und Aufschrei.
          Das finde ich schon bedeutsam.[/QUOTE]

          Wenn ich mich nicht vertippt hab, ist das ne Chance von 1:2000. Die Elfenbeinküste und Costa Rica hatten vor der WM bessere Chancen, diese zu gewinnen - und Costa Rica ist noch dabei Die Chance auf einen brauchbaren Lotterie-Gewinn dagegen ist deutlich geringer, als in der facebook-Testgruppe gelandet zu sein.

          In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Tenor des Urteils (legale Meinungsäußerung muss anonym gewährleistet sein) bereits vor Jahren (2006) von den Vereinten Nationen so veröffentlich wurde. Dabei ging es zwar um die Impressums-Pflicht bei Webseiten, aber der hervorgehobene Satz ist schon eindeutig:Schon komisch, dass wir in Deutschland immer noch die Impressumspflicht bei Webseiten haben?
          Ok, aber das gehört nicht wirklich hierher.
          Nein, gehört es nicht, aber es ist ein schönes Beispiel für zweifelhafte, aber akzeptierte Ethik


          Das kommt auf die Vorgabe an. Auch das Grundgesetz beinhaltet ethische Vorgaben. Du stimmst doch sicher zu, dass das GG gilt, bis es vom Parlament geändert wird?
          Das es gilt, bedeutet aber nicht, daß - teilweise mit Duldung oder auf Weisung eben dieses Parlaments, so genau weiß das bei Geheimdiensten ja keiner - dagegen unbehellight verstoßen wird. Ob es sich dabei um ungerechtfertigte Überwachung, Aussitzen eines nicht-konformen Wahlrechts oder eben geduldete Formen von Diskriminierung/Verstöße gegen den Gleichheitsgrundsatz handelt, ist dabei egal. Ist die Verschiebung in der Mehrheit der Köpfe erstmal da, wird ein Verstoß gegen alte Werte leider auch auf dieser Ebene erstmal in Kauf genommen - völlig egal, wie schlecht du oder ich das finden. Und dabei sollte das GG doch einen deutlich bindenderen Charakter als Vorgaben einer Ethik-Kommission haben.

          ....Ich spreche ihnen eine allgemeine Gültigkeit zu, so das stets der Forscher in der Pflicht steht, die Einhaltung zu überprüfen - und zwar unabhängig davon, wie das Forschungsprojekt zustande kam (Finanzierung, etc.).
          Und eben da hakt es, und leider schon länger. Besonders Finanzierung versetzt da Berge von ethischen Ansichten - egal, ob man sein Ergebnis in nicht angemessener Form überbewertet oder auf nicht angemessene Form erreicht hat: die Privatisierung von Forschungsfinanzierung zeigt hier ganz deutlich einen negativen mehr-als-Seiten-Effekt. Bestimmte Bereiche sollten - egal wie sehr die "freier Markt!"-Anhängerschaft brüllt - nicht privatisiert werden. Ausser Justiz, Strafvollzug und Wasserversorgung ist das aber in all diesen Bereichen schon geschehen, und die Bevölkerung zahlt jetzt die Zeche (und für die anderen 3 Bereiche gibt's ja immer wieder Vorstöße).

          Ja, da stimme ich zu.
          Mit dem Aufkeimen der öffentlichen Diskussion ist das Mindeste erreicht worden. Ob sich noch mehr tut, werden wir in der nächsten Zeit sehen.
          In der großen Summe Einigkeit, nur willst du dich in diesem Fall der zeitgemäßen Systematik der "lowered standards" nicht anschließen. Eine gute und begrüßenswerte Position. Denn es nützt überhaupt nichts, wenn am Beispiel facebook jetzt durchexerziert wird, daß die bestehenden ethischen Ansprüche so erhalten bleiben müssen, wenn in ähnlichen Situationen bei Finanzierung durch weniger vom Medieninteresse verfolgter Unternehmen der Schlendrian so weiter macht wie jetzt auch: Maßstäbe da, aber "optional" ignorierbar.

          Übrigens: Seit der Ankündigung der Ermittlungen und der immer deutlicher werdenden Rolle, die facebook bei dem Experiment gespielt hat, fallen jetzt auch die Aktienkurse leicht - nicht dramatisch und bleiben deutlicher in der Nähe des Jahreshochs, aber immerhin. Sowohl in Europa als auch in den USA hatte die Aktie gestern mit Gewinn abgeschlossen und das ging in meinen Augen eigentlich mal gar nicht. In Frankfurt schloß die Aktie gegenüber letztem Freitag, vor dem Skandal also, aber immer noch mit Gewinn ab. Bekannte Rating-Agenturen raten bei facebook zum "hold", und facebook selbst macht den "Hai" und schluckt ein Unternehmen in San Francisco aus dem Bereich Video-Werbung. Wie ich schon sagte: da, wo der Einfluß sitzt, wird der "Skandal" um die Studie nicht/kaum beachtet.
          Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

          "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

          Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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            #35
            Zitat von Karl Ranseier Beitrag anzeigen
            Zumindest bei 3) hatte ich den Eindruck, daß facebook da doch wenigstens Mitsprache-Recht, wenn nicht sogar Vorgabe-Einfluß hatte.
            Naja, vielleicht haben sie das auch zusammen gemacht.


            Hier weise ich nochmal darauf hin, daß - eventuell bewusst - eine Form gewählt wurde, die nicht von der Prüfungskommission abgesegnet werden mußte.
            Wer etwas "wählt", handelt sicher bewust. Und wenn Forscher ihre Methoden so wählen, dass eine Kontrollinstanz umgangen wird, dann hat das bereits ein ethisches G'schmäckle.



            Wenn die ausführenden/auswertenden Forscher von der Art sind, die einfach mal "macht" und bei eventuellen ethischen Problemen akzeptiert, von der Kommission zurückgepfiffen zu werden, haben die sozusagen ihr Gewissen schon vor einiger "outgesourcet" (...) Die Ethik hinter dem gesamten Versuchsaufbau ist ja innerhalb der Forschung/Wissenschaft-Sektion ja sogar zweimal nicht ausreichend hinterfragt worden - beim Versuchsaufbau bzw der Zustimmung/Akzeptanz desselben und bei der wissenschaftlichen Redaktion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
            Ja, da stimme ich zu.


            Die Hoffnung stirbt zuletzt. Problem dabei ist aber, daß dabei weder im Heimatland des Unternehmens (USA) noch im europäischen Stammsitz (Irland) ermittelt wird. Eine juristische Belangung bleibt da leider unwahrscheinlich.
            Nicht mehr. Die britische Datenschutzbehörde hat sich an das irische Pendant gewandt, und auch in den USA haben Datenschützer Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde FTC eingelegt.
            => Datenschutz-Aktivisten-gehen-gegen-Facebook-Experiment-vor


            In der großen Summe Einigkeit, nur willst du dich in diesem Fall der zeitgemäßen Systematik der "lowered standards" nicht anschließen. Eine gute und begrüßenswerte Position. Denn es nützt überhaupt nichts, wenn am Beispiel facebook jetzt durchexerziert wird, daß die bestehenden ethischen Ansprüche so erhalten bleiben müssen, wenn in ähnlichen Situationen bei Finanzierung durch weniger vom Medieninteresse verfolgter Unternehmen der Schlendrian so weiter macht wie jetzt auch
            Es war definitiv wichtig, richtig und gut, dass die Diskussion hochgekocht ist. Selbst, wenn es unterm Strich keine konkreten Konsequenzen gibt, so könnte der Vorfall doch Folgen in der Wissenschaft haben.

            Ich denke, die beteiligten Wissenschafter dürften bereits jetzt ein Problem mit ihrem Ruf haben. Und das ist eigentlich das Schlimmste, was passieren kann, denn das wird sich in ihrer "Erfolgsquote", Forschungsgelder einzuwerben, niederschlagen.
            Ich vermute mal, dass die Zusammenarbeit mit FB nur ein weiteres Projekt unter vielen war.
            So gesehen, hoffe ich, dass jetzt jeder Wissenschafter, der in entsprechenden Bereichen arbeitet, einmal mehr nachdenkt, was auf dem Programm steht.
            .

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              #36
              Der heutige XKCD zu dem Thema:

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ID: 4271731

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                #37
                Das Experiment wird doch nicht dadurch legitim, dass vorher auch schon ähnlich gehandelt wurde. Wenn es denn so war. Es geht doch auch darum, dass die Versuchspersonen in diesem Fall ihre Zustimmung zu Experimenten nicht erteilt haben.
                Die meisten Leute haben sich bei Facebook angemeldet, um Teil dieses Sozialen Netzwerks zu sein, nicht um an Experimente teilzunehmen.
                "Unterdrücke nie mit Gewalt Überzeugungen, die du für verderblich hälst, sonst unterdrücken diese Überzeugungen dich. " - B. Russell, 10 Gebote eines Liberalen.

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                  #38
                  Zitat von DragoMuseveni Beitrag anzeigen
                  Das Experiment wird doch nicht dadurch legitim, dass vorher auch schon ähnlich gehandelt wurde. Wenn es denn so war. Es geht doch auch darum, dass die Versuchspersonen in diesem Fall ihre Zustimmung zu Experimenten nicht erteilt haben.
                  Die meisten Leute haben sich bei Facebook angemeldet, um Teil dieses Sozialen Netzwerks zu sein, nicht um an Experimente teilzunehmen.
                  Das ist eine Einstellung, die ich nicht verstehe.
                  Facebook manipuliert ständig, auch in diesem Moment, deinen Newsfeed. Damit hast du offensichtlich kein Problem.
                  Facebook gibt ständig, auch in diesem Moment, deine Daten weiter. Damit hast du auch kein Problem.
                  Du bist jetzt in diesem Moment Datenkuh und Versuchskaninchen. Probleme damit? Nö!

                  Der einzige Unterschied zu dem hier diskutierten Fall und dem ganz normalen Geschäftsbetrieb von Facebook ist, dass die Auswirkugen einer bestimmten Manipulation in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Und dadurch wird es auf einmal ganz schlimm und Facebook ist böse und unethisch? Ich kapier das einfach nicht.

                  Kommentar


                    #39
                    Zitat von Redphone Beitrag anzeigen
                    Das ist eine Einstellung, die ich nicht verstehe.
                    Geht nir bei deiner Antwort in großen Teilen ähnlich, denn:

                    Facebook manipuliert ständig, auch in diesem Moment, deinen Newsfeed. Damit hast du offensichtlich kein Problem.
                    Facebook gibt ständig, auch in diesem Moment, deine Daten weiter. Damit hast du auch kein Problem.
                    Du bist jetzt in diesem Moment Datenkuh und Versuchskaninchen. Probleme damit? Nö!
                    Hier bist du bereits weit im Bereich, in dem du eine reine Vermutung deinerseits zum Fakt erhebst: Die hier Mit-Diskutierenden a) haben einen Facebook-Account und b) sind hauptsächlich darum verärgert, weil es ihnen jetzt ähnlich ergehen könnte. Zu a) bei xanrof weiß ich's nicht; bei Drago bin ich mir zu 99% sicher, daß er keinen facebook-Account hat und ich habe ganz sicher keinen Account, bin seit dem "ersten Tag" facebook-Gegner und habe wiederholt auf verschiedene Mißbrauchs-Szenarien - ja, sowas wie hier passiert ist kam mir allerdings nicht als "möglich" oder "durchführbar" in den Sinn - hingewiesen wie auch auf den Effekt, aus dem deine Vermutung entspringen könnte: facebook wird trotz aller Gegenargumente so "normal", daß der Account weiträumig als "gegeben" vorausgesetzt wird und dann diejenigen, die eben nicht mitmachen, anderen, teilweise erheblichen Nachteilen ausgesetzt sind.

                    Der einzige Unterschied zu dem hier diskutierten Fall und dem ganz normalen Geschäftsbetrieb von Facebook ist, dass die Auswirkugen einer bestimmten Manipulation in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wurden. Und dadurch wird es auf einmal ganz schlimm und Facebook ist böse und unethisch? Ich kapier das einfach nicht.
                    Dem letzten Satz stimme ich zu. Das Geschäftsmodell facebook war für einige hier in der Diskussion aber, wie bereits ausgeführt, von Beginn an "böse und unethisch". Ein großteil der Dikussion ist längst beim sozialen Phänomen, daß diese Form mangelnder Ethik von der Masse der Gesellschaft getragen oder toleriert oder ignoriert wird - und das daraus eben eine ethische Neu-Strukturierung beginnen könnte bzw. begonnen hat. Korrekterweise ist das Geschäftsmodell facebook nach alteingesessenen Maßstäben also "böse und unethisch".

                    Der hier ausführlich diskutierte Fall geht aber - zumindest vom OP so geplant - Richtung der Frage, ob unabhängig von facebook die Maßstäber der beteiligten Wissenschaftler im Bereich "böse und unethisch" anzusiedeln sind und ob - von mir angeregt - man das überhaupt unabhängig von facebook und/oder dem Einfluß von immer mehr "privatisierter"/"kapitalisierter" Forschung sehen kann.

                    @DragoMuseveni:
                    Das Experiment kann aber dadurch legitim werden, daß eine Gewöhnung innerhalb der Gesellschaft an derartige Praktiken erfolgt und eben auf keiner Nennenswerten Ebene Gegenwehr erfolgt. Der Vorstoß der britischen Behörden, auch in Irland Vorgänge anzustoßen ist da sehr begrüssenswert; die Einstufung der Widerstände in der Presse als von "Netz-Aktivisten" ausgehend mal leider ein anderes Bild.
                    Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

                    "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

                    Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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                      #40
                      Ich hab jetzt nicht alles in diesem Thread verfolgt, aber dennoch einige Überlegungen zu dem Thema selbst angestellt. Es geht einem halt im Kopf rum.

                      Was bedeutet das Ergebnis der Untersuchungen denn eigentlich jetzt? Bedeutet es, dass die Nachrichten sich wesentlich schlimmer auf das Sozialverhalten auswirken können, als dies jegliches Ballerspiel tun könnte?

                      Wenn sich nagative Stimmung durch negative Neuigkeiten ausbreitet, dann muss man doch zu genau diesem Schluss kommen...
                      Für meine Königin, die so reich wäre, wenn es sie nicht gäbe ;)
                      endars Katze sagt: “nur geradeaus” Rover Over
                      Klickt für Bananen!
                      Der süßeste Mensch der Welt terra.planeten.ch

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                        #41
                        Ich sehe da gar keinen Erkenntnisgewinn. Nimm zum Beispiel den zweiten Weltkrieg. Warum hat die Nazipropaganda da immer gelogen und getan als sei der Krieg zu gewinnen? Weil jeder wusste, wie verheerend schlechte Nachrichten wirken. Aus selbem Grund hat London ja auch informiert wie es wirklich steht. Fast 60 Jahre später, weiß man also dank Facebook, etwas das man schon immer wusste. Schlechte Nachrichten sind unrefreulich.

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                          #42
                          Zitat von Spocky Beitrag anzeigen
                          Was bedeutet das Ergebnis der Untersuchungen denn eigentlich jetzt? Bedeutet es, dass die Nachrichten sich wesentlich schlimmer auf das Sozialverhalten auswirken können, als dies jegliches Ballerspiel tun könnte?
                          Naja, zunächst ist das nur ein Experiment, das eine bestehende Theorie bekräftigt bzw. bestätigt hat. So gesehen sind Aufwand und Kosten jetzt per se erstmal keine Verschwendung, nur weil keine neuen, bahnbrechenden Erkenntnisse herausgekommen sind.

                          Ganz allgemein sind solche praktischen Bestätigungen theoretischer Überlegungen durchaus notwendig.

                          Aber ungeachtet dessen gibt es wohl einige methodische Mängel, die die Ergebnisse in ihrer Bedeutung abschwächen:

                          (1) Um die Stimmung der unfreiwilligen Probanten zu messen, wurde eine Software benutzt, die die Häufigkeit bestimmter Schlüsselwörter in den FB-Meldungen zählt und verrechnet. Allerdings wurde diese Software ursprünglich für einen anderen Zweck und dafür entwickelt, einen langen Text zu analysieren - und nicht kurze 2-3-Zeiler.

                          (2) Der gemessene Effekt liegt im Promillebereich. Nur durch die sehr grosse Teilnehmerzahl ergibt sich überhaupt eine Signifikanz.
                          Und nun kommt das altbekannte Kausalitätsproblem zum Tragen: Welche Faktoren spielen tatsächlich eine Rolle? Sind es nur (oder überhaupt) die Manipulationen. Oder reflektiert ein Anstieg von zB negativen Status-Updates nur die Meldungen von Leuten, die eh schon ein Stimmungstief oder gar Depressionen hatten?
                          Eine Faktorenanalyse läßt sich jetzt aber nicht mehr durchführen, da weitere Daten von den Teilnehmern (bzw. die Identität der Teilnehmer selbst) nicht bekannt sind.

                          Ich bin nun keine Psychologe oder Sozialwissenschafter, aber aus rein statistischen Gründen habe ich ernsthafte Zweifel an der Interpretation und Verwertbarkeit der Ergebnisse.
                          .

                          Kommentar


                            #43
                            Zitat von xanrof Beitrag anzeigen
                            Naja, zunächst ist das nur ein Experiment, das eine bestehende Theorie bekräftigt bzw. bestätigt hat. So gesehen sind Aufwand und Kosten jetzt per se erstmal keine Verschwendung, nur weil keine neuen, bahnbrechenden Erkenntnisse herausgekommen sind.

                            Ganz allgemein sind solche praktischen Bestätigungen theoretischer Überlegungen durchaus notwendig.

                            Aber ungeachtet dessen gibt es wohl einige methodische Mängel, die die Ergebnisse in ihrer Bedeutung abschwächen:

                            (1) Um die Stimmung der unfreiwilligen Probanten zu messen, wurde eine Software benutzt, die die Häufigkeit bestimmter Schlüsselwörter in den FB-Meldungen zählt und verrechnet. Allerdings wurde diese Software ursprünglich für einen anderen Zweck und dafür entwickelt, einen langen Text zu analysieren - und nicht kurze 2-3-Zeiler.

                            (2) Der gemessene Effekt liegt im Promillebereich. Nur durch die sehr grosse Teilnehmerzahl ergibt sich überhaupt eine Signifikanz.
                            Und nun kommt das altbekannte Kausalitätsproblem zum Tragen: Welche Faktoren spielen tatsächlich eine Rolle? Sind es nur (oder überhaupt) die Manipulationen. Oder reflektiert ein Anstieg von zB negativen Status-Updates nur die Meldungen von Leuten, die eh schon ein Stimmungstief oder gar Depressionen hatten?
                            Eine Faktorenanalyse läßt sich jetzt aber nicht mehr durchführen, da weitere Daten von den Teilnehmern (bzw. die Identität der Teilnehmer selbst) nicht bekannt sind.

                            Ich bin nun keine Psychologe oder Sozialwissenschafter, aber aus rein statistischen Gründen habe ich ernsthafte Zweifel an der Interpretation und Verwertbarkeit der Ergebnisse.
                            Das ist dabei als Kriterium recht unerheblich. Der Punkt ist, daß facebook Geld reingesteckt hat und das Geld wieder rausbekommen möchte. Entweder werden also Werbekunden über's Ohr gehauen und denen wird die Manipulierbarkeit von Usern "wissenschaftlich" nahegelegt, oder facebook hat intern die Ergebnisse der "fremdausgewerteten" Daten wieder mit den personalisierten Daten verknüpft und ggf. weiterge"forscht" - das Ding ist ja schon 2 Jahre alt. Im dritten Fall könnte schon die Anwendbarkeit für die Werbeindustrie geprüft werden: ein unfertiges Produkt wird schon verkauft und gleichzeitig weiter an den Usern geforscht, die ja seit einiger Zeit per Nutzungsbedingungen diesen Forschungen zustimmen.

                            facebook hatte zu keiner Zeit ein ethisches Geschäftsmodell; daher kann man relativ leicht draufkommen, daß die Leitung dort, wenn sie kein Problemd damit hat, die Schein-Kunden abzu"zocken", auch kein Problem damit hat, die echten Kunden abzuzocken. Dabei ist der Effekt eine Art Massnbewegung geworden und die Überschreitung der ethischen Grenzen wird weitestgehend akzeptiert.

                            Damit kann man Spockys Frage provokant beantworten: Nicht die manipulierten Nachrichten, sondern facebook selbst mit der Summe des aus einem unethischen Geschäftsmodell gewonnenen Kapitals und die Art, wie facebook dieses Kapital einsetzt, um sich noch weiter ausserhalb der ethischen Skala bewegen zu können, sind schlimmer als jegliches Ballerspiel.

                            - diese "Ballerspiele" oder selbst die spezielle Untergrzppe der "Killerspiele" machen nicht aus jedem User einen Amokläufer. Die Quote liegt deutlich unterhalb des von xanrof genannten Promilllebereich.
                            - es konnte in noch keinem Fall wirklich eine psychologische Vorerkrankung ausgeschlossen werden.
                            - die ethische Empörung im Fall solcher Amokläufe schlägt direkt hohe Wellen und ruft schon am ersten Tag Vertreter der Politik mit Verbots-Versuchen auf den Plan.

                            In der Summe ist hier also der Vorgang der Bewältigung wie Einschätzung des Ergebnis eines Verstoßes gegen unsere gesellschaftliche Normen intakt. Dazu sind es nicht die Hersteller der Ballerspiele, die gegen unsere Normen verstoßen; wären sie es, müsste auch der Verkauf von Zielscheiben für echte Waffen mit Menschenschattenriss und das Training an solchen Scheiben hochgradig hinterfragt werden; die Ähnlichkeit des Trainingsziels ist zwar unähnlicher als beim Videospiel, jedoch kann man mit dem Trainingsgerät "echte Waffe" direkt und im Affekt ausflippen; ein psychotischer Schub macht dagegen aus der PS3 ode X-Box noch keine halbautomatische Schußwaffe.

                            Faktisch ist das Problem Schußwaffe, Schußwaffenmißbrauch, Verfügbarkeit und der seelische Einfluß auf potentiell vorgschädigte User von Ballerspielen in unserer Gesellschaft angekommen, und schon der erste Amoklauf, der in Verbindung mit Ballerspielen gebracht wurde, hat dieses Bewußtsein erschaffen (und eventuell sogar zu Unrecht). Die Situation wird beobachtet und von der Seite der öffentlichen Organe deutlich kritisch beobachtet; teilweise durch Menschen in Regierungsposition, die als Kind noch "Cowboy und Indianer" gespielt haben

                            Bei facebook sieht das ganze anders aus. Das Unternehmen ist der Verursacher, die User sowie die nicht betroffene Bevölkerung bilden kein Bewusstsein für die Problematik. Das Unternehemen versucht in dieser Zeit der Lücke sehr schnell alles durch Nutzungsbedingungen und Einflußnahme in der Datenschutzgesetzgebung, seine Position in trockene Tücker zu bringen. Nebeneffekte des Massenphänomens machen selbst "Nicht-User" nach und nach zu "Betroffenen" - zB, wenn jemand bei einem (immer häufiger auch IT oder PR fremden) Job nicht berücksichtigt wird.

                            Aktionen, die gegen dieses Vorgehen ausgerichtet sind, werden - wie bei Aktionen gegen Gen-Saatgut, Datenschutzverletzungen im Allgemeinen, ungesetzliche Überwachung durch Geheimdienste, Privatisierung der Wasserversorgung usw. - in den Bereich "Netz-Aktivimus" verschoben, der in vielen klassischen Medien immer mal wieder im Bereich "weltfremd" usw. verschrien wird - die Piraten haben das nur zu gut kennengelernt (und waren dann dumm genug, sich praktisch selbst zu versenken, das kann im anderen Thread weiterdiskutiert werden ).

                            Die Bewegung ist für die Gesellschaft schädlicher. Im Bereich Schußwaffen und den daraus möglichen Mißbräuchen führt eine reiche und mächtige Interessensgruppe mit ihren Mitteln eine Abwehrschlacht, um den Status quo zu erhalten, der aus ethischen Gründen zu Ungunsten der Waffenlobby verschoben werden sollte. Ob Gewalttaten durch Ballerspiele oder Rap-Musik oder Heavy Metal inspiriert sind: es tauchen immer irgendwelche Deppen auf, die die Spiele, Schallplatten, DVDs oder CDs aus dem Handel verbannen wollen - statt der Waffen Die Gesellschaft an sich hat den ethischen Mangel aber am eigentlichen Kernpunkt erkannt und kämpft immer wieder - jetzt gerade im Fall des erschossenen Deutschen Austauschschülers.

                            Firmen wie facebook oder Google führen aber mit ihrem Geld einen Angriffskrieg auf etablierte ethische Güter -aus kapitalistischen Motiven, zur Verbesserung der Marktmöglichkeiten. Wann immer ein Recht irgendwo abgeschwächt wird - auf Anonymität, auf Datenschutz usw. - betrifft das "Internetphänomen" dann aber die ganze Gesellschaft. Gut finden kann das eigentlich nur, wer an den facebook-Aktien profitiert oder aus Überzeugung der Meinung ist, Anonymität und Datenschutz sind eh "nur für Terroristen und so"

                            Übrigens Aktien: Die waren bis Mitte der letzten Woche in Frankfurt mehr im Aufwind, und geben jetzt wieder etwas nach. Im Verlauf des letzten Vierteljahres ist das eher ein Miniknick in einer fast 20% Wertsteigerung und die Aktien stehen immer noch deutlich höher am Jahreshoch als am Jahrestief. So ein minimaler Kursrückgang ist nach dem Zugewinn über die letzten 3 Monate ganz locker mit Markmechanismen begründbar und kein Hinweis auf eine sich anbahnende Krise.

                            In den USA sieht der Verlauf ähnlich aus, und auch dort sind im Moment kleine Einbrüceh zu verzeichnen, wobei auch da in den letzten 3 Monaten ein ähnlicher Zugewinn eingestrichen wurde. Das ist keine "So ein Unternehmen wollen wir nicht"-Reaktion, und die Empfehlungen stehen auf "hold" und "buy".

                            Ich geh jetzt sogar soweit, daß man in der Hochfinanz das Vorgehen facebook in Sachen Einflußnahme und "Angriff" auf ethische Werte gut heißt. Kommen die damit durch, könnte das Signalwirkung haben. Eine, die keine Kultur-Gesellschaft braucht, wohlgemerkt.
                            Karl Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste Foren-Autor aller Zeiten wurde heute von einem Bus auf der Datenautobahn überfahren.

                            "Ich mag meine Familie kochen und meinen Hund" - Sei kein Psycho. Verwende Satzzeichen!

                            Star Wars 7? 8? Spin-Offs? Leute, das Haftmittel für meine Dritten macht bessere Filme!

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